arry! Harry Quip!“ rief eine Stimme, als die Zöglinge nach dem Essen wieder in den Hof eilten.
Harry drängte sich durch die Menge und stand bald vor dem ungestümen Rufer.
„Was ist denn los, Tom?“ fragte er.
„Ich will Dich mit einem Neuen bekannt machen; es ist ein sehr guter Junge.“
Harrys lustiges Gesicht und sein ganzes Wesen nahmen sofort jenen verlegenen und unbeholfenen Ausdruck an, den die Förmlichkeit des Vorgestelltwerdens gewöhnlich bei Knaben hervorruft.
„Hier ist er; er heißt Percy Wynn und ist aus Baltimore.“
Harry bot ihm die Hand dar, recht steif und linkisch; aber seine Verlegenheit machte dem Erstaunen Platz, als Percy mit seiner unbeschreibbaren Verbeugung zart und zierlich Harrys Hand ergriff und dabei mit ausgesuchter Artigkeit sagte: „Harry, ich bin entzückt, Deine Bekanntschaft zu machen.“
„Er giebt sich auch mit Poesie ab!“ flüsterte Tom, „und er braucht Dir Wörter, wie Du sie Dein Lebtag nicht gehört hast.“
Dann fügte er laut bei:
„Bitte, Harry, geh doch und sieh nach, ob an seinem Pulte im Studiersaale nichts fehlt. Ich habe noch etwas mit ihm zu besprechen. Wenn Du fertig bist, bring Joseph Whyte und Willy Hodder mit hinten zu den zwei Bänken.“
Harry, der sich von seinem Erstaunen noch nicht erholt hatte, war froh fortzukommen; und während er die Treppe hinaufstieg, murmelte er noch voll Verwunderung: „Und er giebt sich auch mit Poesie ab!“
„Percy,“ fragte Tom, als sie dem Ende des Spielplatzes zuschritten, „hast Du auch schon Ziellauf gespielt?“
Vielen meiner Leser wird es bekannt sein, daß der Ziellauf (Base Ball) von den Nordamerikanern als ihr Nationalspiel betrachtet und daher ungemein viel gespielt wird.
„Nein,“ sprach Percy, „aber ich habe zuweilen davon gehört und gelesen.“
„Hast Du Handball gespielt?“
„Du meinst, zwei Bälle abwechselnd emporwerfen und schnappen, nicht? O, das hab ich sehr oft mit meinen Schwestern gethan, aber ich konnte es nicht so gut wie Klara.“
Tom meinte das natürlich nicht, doch fuhr er in seinem Verhöre fort.
„Hast Du je ein Gewehr in der Hand gehabt?“
„Ein wirkliches Gewehr?“
„Natürlich! ich meine kein Knallpistölchen oder einen Besenstiel.“
In Amerika ist nämlich die Jagd ein gar nicht ungewöhnliches Vergnügen unter den Kindern höherer Stände, selbst wenn sie noch recht jung sind; das Pensionat Maurach war in der Lage, seinen Zöglingen diese Erholung gestatten zu können.
„Mit wirklichem Pulver und wirklichem Schrot?“ fragte Percy außer sich; „o Tom, was fällt Dir ein?“
„Hast Du je gefischt? mit einer wirklichen Angel?“
„Nein; aber ich thäte es gern, wenn ich nur jemanden hätte, der mir den Wurm an den Haken steckte und nachher den Fisch abnähme.“
„Je eine Kahnfahrt gemacht in einem wirklichen Kahn auf wirklichem Wasser?“
„O nein, Tom. Mama sagt, die Kähne schlügen sehr leicht um. Sie wollte mir nie gestatten, in ein Boot zu gehen.“
„Kannst Du schwimmen?“
„Ich habe es ein paarmal in der Badewanne versucht, aber sie war zu klein. Mama sagt, es sei gefährlich, in tiefes Wasser zu gehen.“
„Die meisten Knaben, Percy, verstehen sich auf all’ diese Künste, wenn sie noch lange nicht so alt sind wie Du.“
„Das ist mir neu, Tom! wirklich!“
„Zeig’ mir doch einmal Deine Hände, Percy. Richtig, das hab’ ich mir gedacht: so zart, so weich, wie Butter. Jetzt thu’ mir doch einen Gefallen. Schließ’ Deine Hand recht fest — so — noch fester! — Jetzt schlag, so stark Du kannst, hier an meinen Arm!“
„Nein, Tom, das werde ich hübsch bleiben lassen. Meinst Du, ich wollte Dir weh thun?“
„Keine Angst! ich kann’s vertragen. Schlag’ nur kräftig zu!“
Percy erhob seine Hand, als ob ein kleines Mädchen werfen wollte; das zarte Fäustlein fuhr hernieder, hielt aber plötzlich inne.
„Ich kann es nicht, Tom! ich bring’ es nicht fertig!“
„Versuch’ es noch einmal! Nimm all Deine Kraft zusammen!“ ermunterte Tom.
Percy schwang also wieder seinen Arm, und weil die Bewegung doch ziemlich rasch war und sich so plötzlich nicht wollte hemmen lassen, so berührte er wirklich Toms kräftigen Arm, wenn auch mehr in der Art einer sanften Liebkosung.
„Pah! Du streichelst mich ja,“ rief Tom mit verstellter Ernsthaftigkeit; „das thut man hier in Maurach nicht. Noch einmal probiert! Von solchen Schlägen stirbt ja nicht einmal eine Fliege.“
Percy preßte die Lippen auf einander, nahm alle Kräfte zusammen, die ihm zu Gebote standen, und um nicht wieder den Mut zu verlieren, schloß er die Augen. Jetzt endlich traf er mit einer Spur von Wucht Toms Arm.
Ein Schmerzensschrei ertönte, aber derselbe kam nicht von Tom.
„O meine Hand, meine Hand! ich habe mir sehr weh gethan!“
Tom sank auf die Bank nieder und lachte, daß ihm die Thränen in den Augen standen.
„Percy, Percy!“ rief er, „einen solchen Jungen habe ich mein Lebtag nicht gesehen! Ha, ha! ich bekomme Leibschmerzen vor Lachen.“
„Wirklich?“ sprach Percy, der nicht recht wußte, was er von sich denken sollte; „es freut mich nur, daß Du so viel Freude daran hast. — Ah — da kommt P. Middleton,“ fuhr er leise fort. „Das ist ein guter Mann; ich habe ihn sehr gern.“
Dann zog er mit anmutiger Bewegung den Hut ab und sagte, indem er seine unnachahmliche Verbeugung machte:
„Guten Tag, P. Middleton! — Wie schön das Wetter heute ist, nicht wahr?“
„Ein sehr angenehmes Wetter,“ erwiderte der Präfekt mit einem freundlichen Lächeln, ohne seine Verwunderung über die feinen, altklugen Manieren des neuen Zöglings kundzugeben. „Du warst gleich weg, Percy, als ich Dir Dein Bett gezeigt hatte; deswegen fand ich keine Gelegenheit, Dich mit einigen alten Zöglingen bekannt zu machen. Aber ich sehe, Du weißt Deinen Weg selbst zu finden, und das ist besser.“
„Knaben habe ich nicht gern, Pater.“
„Nicht? das ist sonderbar. Du bist ja selbst einer.“
„Leider kann ich daran nichts ändern, Pater. Aber Mädchen hab’ ich lieber.“
„Wirklich?“
„O ja! Meine Schwestern waren viel liebenswürdiger als die Knaben hier.“
„Du kennst noch nicht alle, Percy.“
„Das ist wohl wahr. Aber vor dem Essen kamen einige zu mir, die ganz entsetzlich roh waren. Ich weiß nicht, was geschehen wäre, wenn mir Tom nicht geholfen hätte. Tom ist ein guter Junge, er ist gerade wie Pankratius.“
Tom, der sich bei der Ankunft des Präfekten erhoben hatte, wurde bei diesem Lobe purpurrot; kaum gewahrte er den anerkennenden Blick, durch den sein Vorgesetzter ihm ein neues Lob erteilte.
„Du hast also Fabiola gelesen, Percy?“
„O und wie, Pater! Kein Wort ist mir entgangen. Ich habe das Buch fast auswendig gelernt. Wie gern ich die heil. Agnes habe! Und ebenso den Knaben Tarcisius, der lieber sterben als das Allerheiligste den Heiden überlassen wollte. O, das ist so groß, so heldenmütig, so ideal!“
„Ein merkwürdiger Junge!“ sprach der Präfekt bei sich. „So mädchenhaft habe ich wirklich noch keinen gesehen; und anderseits, glaub’ ich, steckt ein herrlicher Charakter in ihm. Allerdings muß er sich noch gut entwickeln. Doch ist dazu die beste Hoffnung vorhanden.“
Mit ein paar muntern Worten verließ er sie.
„Gott sei Dank!“ dachte er. „Er muß manches annehmen, was ihm noch fehlt. Aber ohne Zweifel wird er auch vielen seiner Mitzöglinge etwas geben, was ihnen sehr not thut.“
Indessen erschien Harry mit Joseph Whyte und Willy Hodder. Nachdem beide die peinliche Ceremonie des Vorstellens überstanden und ebenfalls an Percys eleganter Verbeugung sich ergötzt hatten, begann eine Unterhaltung über dies und das, bis endlich Tom den Vorschlag machte, Percy möge eine Geschichte erzählen.
Ohne Zaudern begann dieser die Geschichte ‚Liebet eure Feinde.‘ Er sprach flüssig und lebendig und verwendete Wörter, die einem Durchschnittsjungen die Kinnladen verrenkt haben würden; die Erzählung, der Erzähler, sein lebhaftes Mienenspiel, Ton und Abwechslung der Stimme, die wohlangebrachten Bewegungen der Hände, das alles war den Zuhörern so neu, so ungeahnt, so bezaubernd, daß sie ohne Unterlaß in stummer Verwunderung einander anblickten und ihnen die Zeit im Fluge verstrich. Ehe sie es dachten, erklang die Schelle und rief sie an ihre Studierpulte. Aber in dieser halben Stunde hatte der seltsame Neuling ihre Herzen gewonnen: sie wollten ihm Freunde sein und bleiben.
Am Abend dieses Tages stand P. Middleton im Schlafsaal bei einer Lampe und las; die meisten Zöglinge hatten sich schon zur Ruhe gelegt, nur hie und da regte sich noch ein Säumiger.
Auf einmal unterbrach eine silberhelle Stimme das Schweigen.
„Löschen Sie das Licht nur aus, Pater, ich bin schon im Bett.“
P. Middleton ließ seine Augen durch den Saal gleiten und ging langsam an das andere Ende desselben. Kein Lachen war zu vernehmen, doch ein verstohlenes Kichern vermochte mancher fröhliche Knirps nicht ganz zu unterdrücken.
Percy aber, durch den Klang seiner eigenen Stimme erschreckt, drückte die Augen fest zu und vergrub den Lockenkopf tief in Kissen und Decken. Ihm kam nicht im entferntesten zum Bewußtsein, daß er etwas gethan habe, was gegen die Ordnung sei. Sehr bald war das unschuldige Kind friedlich entschlummert, jene heiligen Namen auf den Lippen, die seine zärtliche, fromme Mutter dem einschlafenden Liebling so oft vorgesprochen und ihn sprechen gelehrt hatte.