m folgenden Morgen, kurz nach halb sechs, wurde es im Waschsaal der Kleinen lebendig. Immer mehr Zöglinge kamen aus dem Schlafsaal, einige noch recht schläfrig, und begaben sich an ihre Waschtische. Sie sprachen nicht miteinander, aber das Klappern der Becken, das Sprudeln und Plätschern des Wassers, das Geräusch der Bürsten, das scheinbar ordnungslose Hin- und Hergehen von hundert Knaben, — das mußte in jedem fremden Zuschauer den Eindruck eines recht frischen, geschäftigen Treibens hervorrufen.
Als daher Percy dieses Schauspieles ansichtig wurde, blieb er überrascht in der Thüre stehen. Da zogen einige gerade die Jacken aus oder an, oder streiften die Hemdsärmel empor, oder seiften ihre Köpfe ein, daß sie aussahen wie riesige Schneebälle, oder waren mit Kämmen oder Zähneputzen, oder mit Schuhwichsen oder Reinigen ihrer Kleider beschäftigt — und das alles Knaben, Knaben — nichts als Knaben, in allen Zuständen unfertiger Toilette, in jeder Art von Bewegung und Stellung. Es bedurfte einiger Augenblicke, bis Percy sich in diesem neuen, für ihn ungewohnten Anblicke zurechtgefunden hatte, und vielleicht hätte er noch länger dort gestanden, wenn nicht ein paar andere Knaben, die ihm folgten, ihn einfach in den belebten Saal hineingedrängt hätten.
In Toilettesachen war Percy vollständig zu Hause. Er füllte also jetzt sein Waschbecken, und besorgte das wichtige Geschäft des Waschens samt allem, was dazu gehört, mit der Gewandtheit eines Kundigen. Bald war die Krawatte an der Reihe. Da schaute er suchend durch den ganzen Saal und entdeckte auch schnell seinen Freund Tom, der schon fertig dastand, und sich nur noch bemühte, ein wenig beißender Seife aus dem Augenwinkel zu entfernen.
„Guten Morgen, Tom!“ grüßte er mit lauter Stimme, als er bei ihm war. „Aber wie nachlässig und verlaufen Du aussiehst! Du kannst Dich ja nicht einmal ordentlich kämmen. Reich’ mir einmal Deinen Kamm her!“
In der nächsten Umgebung entstand ein freudiges Gekicher, und Tom, der endlich sein Auge von der Seife befreit hatte, reichte ihm lächelnd Kamm und Haarbürste.
„Dein Haar macht sich nicht gut, Tom, wenn Du es so flach kämmst; ich will es etwas aufbauschen. — Still halten, Schlingelchen! — So, jetzt sieh in den Spiegel! Ist das nicht viel schöner? — Aber, Tom, da hast Du ja wieder dieselbe Krawatte, die mir gestern schon gar nicht gefallen hat. Wer trägt denn eine blaue Krawatte zu einer blauen Jacke! Das sticht ja gar nicht ab! — Warte ein Bißchen!“
Percy trat einen Schritt zurück und schaute ihn prüfend an.
„Gewiß! Gelb ist gut! das paßt zum Blau. Tom, ich habe eine prächtige gelbseidene Krawatte; die will ich Dir schenken.“
Da hörte er plötzlich leise seinen Namen rufen, wandte sich um und sah, daß P. Middleton, den Finger auf die Lippen legend, ganz nahe stand und ihn warnend anschaute.
„O, ich bitte um Verzeihung, Pater, daß ich so laut gesprochen. Ich habe mich ganz vergessen. Ich wollte Tom nur ein wenig helfen!“
Er eilte an seinen Waschtisch und kam bald mit der gerühmten Krawatte zurück, die er mit Kennermiene um Toms Hals legte.
„Ich knüpfe sie Dir in einen Schmetterling, das nimmt sich herrlich aus. — Ah“ — flüsterte er dann, mit der Begeisterung eines Künstlers sein Werk betrachtend; „sehr gut! vortrefflich! da sieh in den Spiegel — nicht wahr? — Jetzt binde mir meine Krawatte, aber auch in einen Schmetterling, die andern Knoten erregen stets mein Mißfallen.“
„Percy, das bringe ich nicht zu stande!“ sprach Tom, etwas beschämt, daß er dem guten Percy die Bitte nicht erfüllen könne.
„Was? Du kannst keinen Schmetterlingsknoten machen?“
„Nein, Percy; ich habe ja keine Schwestern, die es mich hätten lehren können.“
„Ah so, das ist wahr. — Ich will zu P. Middleton gehen; ich glaube, er thut es, er ist so freundlich.“
Ehe Tom Einsprache erheben oder sein Staunen ausdrücken konnte, schritt Percy schon eilfertig zu P. Middleton hinüber.
„Wollen Sie nicht so gut sein, Pater, mir meine Krawatte zu binden? Ich kann es nicht selbst; meine Schwester Maria hat es mir immer gethan. Jetzt bat ich Tom, aber er sagte, er könnte es nicht.“
Verwundert über das sonderbare Ansinnen, nahm der Pater die Krawatte und schickte sich an, sie um Percys Hals zu legen und zu binden.
„Aber bitte, Pater, in einen Schmetterling!“
Der Pater gab sich redlich Mühe, Percys Bitte zu erfüllen, allein ein rechter Schmetterling kam doch nicht zustande. Percy entging das keineswegs, aber in seiner feinen, rücksichtsvollen Art that er, als ob alles ganz nach Wunsch geschehen wäre.
„Danke sehr, Pater! Ich werde Ihnen hoffentlich nicht wieder lästig fallen müssen. Ich will heute Tom zeigen, wie man es macht.“
Und mit seinem eleganten Knicks entfernte sich Percy.
Es folgte sogleich die Messe, während welcher Percy durch seine Andacht und ehrfurchtsvolle Haltung alle Nachbarn erbaute. Er hatte ein prächtiges Gebetbuch mit Samteinband und Silberbeschlägen, und an der Art, mit der er es benutzte, sah man, daß der Gebrauch eines Gebetbuches ihm durchaus nicht neu war.
Nach dem Frühstück rief Percy seine Bekannten Tom, Harry, Willy und Joseph zusammen.
„Ich habe etwas für Euch,“ sagte er, geheimnisvoll lächelnd, und bat sie, ihn in den Raum zu begleiten, wo sein Reisekoffer noch stand.
Er entnahm dem Koffer ein wohlduftendes Kästchen, öffnete es und entfaltete vor ihren bewundernden Blicken eine reiche Auswahl Photographien, welche die Merkwürdigkeiten seiner Vaterstadt Baltimore darstellten.
„Da, nehmt!“ sprach er mit strahlendem Gesicht; „jeder, was ihm am besten gefällt!“
Tom lehnte aber entschieden ab.
„Du bist nicht nach Maurach gekommen,“ sprach er, „um von uns ausgeplündert zu werden.“
Percy erschrak anfangs über diese rauhe Weigerung; doch wiederholte er seine Bitte mit so liebenswürdiger Zudringlichkeit, versicherte so ernsthaft, man könne ihm kein größeres Vergnügen machen als durch die Annahme seines Geschenkes, daß ihm alle willfahrten und sich ein Gabe auswählten.