7. Kapitel.
Wer nie sein Brot mit Tränen aß.

Dem glänzenden Fest folgten stille, glückliche Tage. Das schöne Obst nahm gar kein Ende. Als die Johannisbeeren nichts Neues mehr waren, begannen die Stachelbeeren dick und süß zu werden. Die weißen Himbeeren trugen übervoll, und an die durfte man; die roten mußten sitzen bleiben, damit Mamsell Saft daraus kochte. Die Herzkirschen, goldgelb mit den rosigsten Bäckchen, lachten einen über die Maßen verlockend an. Aber als eines Tages der Gärtnerbursche Ernst und die beiden Kleinen heranrief und ihnen mit wichtigem Grinsen voranging durch lange Laubengänge und hohe Gebüsche in einen ganz entlegenen Winkel des Gartens, wo sie noch kaum gewesen, da konnten sie sich gar nicht vorstellen, was für Genüsse jetzt noch auf sie warten möchten. Aber bald wurde es klar.

»Dei Eierplumm sünd riep,« sagte Fritz bedeutsam und schüttelte den kleinen, breiten Baum mit kräftigen Stößen. Das reine Schlaraffenland! Ein goldener Regen purzelte über die laut aufjauchzenden Buben herunter. Alles sprang und hopste durcheinander: Arme, Beine, Mützen, Pflaumen, und man stopfte in die Mäulchen, so schnell es nur möglich war. Als es gar nicht mehr ging, wurden Taschen und Mützen gefüllt, und nur ungern folgte man endlich der Glocke zum Abendessen.

Das schöne Butterbrot aber wollte gar nicht so munden wie sonst, und als Kirschsuppe mit Grießpudding gereicht wurde, schob der kleine Moritz seinen Teller der neben ihm sitzenden Tante Ida zu: »Prubier bloß mal, Tante, wie schau–der–haft das Reis schmeckt!« Bei dem allgemeinen Gelächter, das ihm antwortete, steckte er weinerlich seinen Kopf unter die Schürze der Tante, die ihn freundlich beruhigte. »Wenn Moritz betrübt ist, so muß er schon einen Grund haben! Wir wollen die Kleinen nur schnell ins Bett bringen; sie sehen alle drei müde aus. Sind ja auch den ganzen Tag auf den Beinen!« –

Bald aber erfuhr sie mit Schrecken den tieferen Grund seines Kummers: Ein dreistimmiges Ächzen und Stöhnen rief Mutter und Tante zum Beistand ins Schlafzimmer.

Wir wollen die Schrecken dieser Nacht nicht schildern, ihr alle kennt sie genau. Wenn eben das Licht erloschen, tönt aus dem fernsten Bett ein Angstruf – ein lautes Klatschen folgt. Schon ist die Mutter an der Seite des Schwergeprüften, hält seinen Kopf, tröstet, mahnt zur Ruhe. Dann ein Hin- und Herlaufen, Schränkeöffnen, Klappern, Wäscheholen, Stöhnen. Endlich ist das arme Lager wieder in Ordnung. Ruhe! –

Neues lautes Aufschreien von der anderen Seite. »Au – au – au! Bitte, Mutti!«

»Kind, so schlaf doch endlich; es wird bald besser!«

»Au – au! Ich kann’s nicht mehr aushalten!« Neues Klatschen, Jammern, Stöhnen! – Wieder Rennen hin und her – immer neue Anstöße – wie Erdbeben. –

Endlich schläft die arme Mutter ein wenig. – Leises Zupfen und Wimmern weckt sie. »Es tut zu weh! Bitte, laß mich in dein Bett. Allein halt ich’s nicht mehr aus!« Geduldig macht sie Platz, streicht und reibt das arme Bäuchlein nach Kräften. Die Schmerzen scheinen endlich nachzulassen. Als der graue Morgen über dem Schlachtfeld hereinbricht, erwacht sie mit ganz zerschlagenen Gliedern auf einer Kante ihres Lagers; der kleine Eindringling hat breit von der Mitte Besitz genommen! Sie trägt ihn in sein eigenes Bett zurück, wickelt ihn warm ein, schließt die Fenster und zieht die Vorhänge zu. – Vielleicht kann man noch ein wenig Ruhe nachholen!

Als drei bleiche, übernächtige Gesichter spät am Frühstückstisch erscheinen und betrübt den Kamillentee in ihren Bechern riechen, einen kleinen Zwieback daneben statt des schönen Honigbrotes, das es sonst gibt, da deklamiert der Hausherr:

»Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!«