9. Kapitel.
Das Wetter muß weggetanzt werden.

Jeder folgende Tag lief schneller als sein Vorgänger. Freitag sollte die letzte Zusammenkunft im Walde sein, denn für Sonnabend war die Abreise unwiderruflich festgesetzt. Aber als wenn der Himmel über den allgemeinen Trennungsschmerz mitweinen müßte, so bezog er sich am Donnerstagabend dick und grau, nachdem er vier Wochen unablässig gestrahlt und allen Kindern die Meinung beigebracht hatte, in Schönfelde sei immer Sonnenschein.

Am Freitagmorgen strömte ein trostloser Landregen unaufhaltsam nieder. Die Hühner, die beim Gewitterregen die Flucht ergreifen, merkten wohl, daß es heute kein Aufhören gab. Mit greulich struppigem Gefieder gingen sie ihrer Nahrung nach, nur ab und an das Übermaß der Nässe ärgerlich abschüttelnd.

Die Erntewagen, die sonst so lustig knatternd vom Hofe rollten, standen langweilig und triefend in langer Reihe da. Einzelne Knechte schlenderten nachlässig von einem Gebäude zum anderen; was man heute schaffen konnte, wurde auch ohne Übereilung fertig.

Gegen Mittag hellten sich verschiedene Gesichter etwas auf, der Himmel aber durchaus nicht. Es gab ein Getuschel und Kichern zwischen den Knechten, die zum Essen kamen, und den Mädchen, die die schweren Zinnschüsseln und Bierkrüge in die Leutestube trugen. Dann ging es bis an Mamsell. Endlich ein Klopfen an des Inspektors Tür, und auf sein »Herein« schoben sich die beiden kühnsten von den Mädchen ins Zimmer. Sie meinten bloß – und die anderen hätten es auch gemeint –, ob man das Wetter nicht wegtanzen müsse?

»Unsinn,« erwiderte Herr Schulz mit angenommener Barschheit, »es klärt sich ja schon auf!«

Lautes Kichern der Mädchen. »Das ist wohl aufklären?« Klatschend schlug der Regen gegen die Scheiben.

»Na, dann müssen wir wohl mal sehen.«

Wie der Wind waren sie die Treppe herunter, und aus der Küche hörte man unterdrücktes Juchzen. Bald verbreitete sich durchs ganze Haus die Nachricht: »Herr Schulz meinte es auch, und der Herr hätte es erlaubt, daß das Wetter weggetanzt würde.«

Niemand brauchte mehr zur Eile ermahnt zu werden. Die Röcke flogen um die Ecken; heiße Bolzen mußten her, um noch schnell weiße Schürzen zu plätten. Der Gärtner brachte triefende Tannenzweige und Körbe voll leuchtender Georginen herbei, und die Knechte hatten es eilig, den noch leeren Kornboden damit festlich zu schmücken.

Hanni und Käte sahen wieder und wieder aus dem Fenster; wie wurde es heute nachmittag? Bei dem Wetter war ja an keine Zusammenkunft im Walde zu denken. – Da rief der Vater von unten: »Mädels, seid ihr in eurem Zimmer? Kommt doch mal! – O liebe Zeit, wie lassen wir die Ohren hängen! So ein Jammer! Nun mache ich euch einen Vorschlag: die Leute meinen ja, heute sei Wetter zum Tanzen. Da muß Hinrich um zwei Uhr weg, die Musikanten zu holen. Was meint ihr, wenn er den Umweg über Buchdorf machte, zu fragen, ob das junge Volk auch dazu kommen will? Und dann könnte er ja bei Pastors anfahren und Bescheid sagen, daß Klara und die Jungen sich bereit halten möchten, damit er auch sie abholen könnte, sobald die Musikanten da sind. Für heute abend wär’s am besten, die Löbers-Kinder richteten sich aufs Hierbleiben ein, denn sonst würde der doppelte Weg für die Pferde reichlich viel. Ist’s so recht?«

Stürmische Umarmungen zeigten dem liebevollen Vater, daß er, wie immer, die Wünsche der Kinder schon vorweg erraten und erfüllt hatte.

Als mit markerschütterndem Blasen die sehnlichst erwartete Kapelle auf den Hof gefahren kam, standen viele Türen und Fenster offen, und viele Herzen klopften erwartungsvoller als bei Eröffnung des feierlichsten Hofballes.

Aber es tanzte sich auch wirklich gut auf den sauberen, durch das im Winter dort aufgeschüttete Getreide glatt und blank gewordenen Dielen des Kornbodens. Nur wer solche ländlichen Feste mit unbefangenem Jugendfrohsinn miterlebt hat, kann den eigenen Zauber verstehen, den der Tannenduft, die flackernden Kerzen, die durchdringenden Instrumente, das ungezwungen fröhliche Durcheinander ausüben.

Allein schon die Sitze! In der Mitte der Längsseite, wie die fürstliche Loge, zwei weißlackierte Gartenbänke, auf denen die hohen und allerhöchsten Herrschaften zu kurzem Zusehen Platz nahmen. Weiterhin über festgestopfte Kornsäcke gelegte schwanke Bretter, die vom Tanz ausruhenden Schönen zum Sitzen einladend, und auf denen zu den Klängen der Musik leise zu schaukeln für die jüngste Jugend allein schon ein Gaudium ist.

Hier sind die Jüngsten durchaus nicht von der Feier ausgeschlossen; und gerade das übt einen besonderen Reiz, daß bei solcher Gelegenheit die junge Tagelöhnerfrau mit Stolz ihre ganze kleine Nachkommenschaft vorführen und sie der gleich alten Tochter der Herrschaft, die zum Besuch ist, zum Vergleich mit ihren kleinen Stadtkindern vorstellen kann. Es bietet sich Gelegenheit, einander mit allem, was zusammengehört, zu sehen und kennen zu lernen, wie es in der Stadt kaum möglich ist.

Hanni und Käte, die das alles zum erstenmal erlebten, waren anfangs ein bißchen befangen. Denn die Formen der Fröhlichkeit sind bei diesen Leuten beträchtlich anders als all das, was sie bisher kannten. Aber Rantzaus und Klärchen, die jedes Jahr diese Feste mitfeierten, bewegten sich völlig harmlos und fanden gar nichts dabei, daß die stattlicheren unter den Tänzern mit ihren steifen, sonderbaren Verbeugungen auch zu ihnen kamen. Die Sache wurde ja mit aller nötigen Vorsicht betrieben: die Hausmädchen beeinflußten ihre Kavaliere dahin, daß nur die wirklich geübten sich den Fräuleins nahten. Dann wurde auch jeder, der es tat, verpflichtet, die zarten Kleider der Damen dadurch zu respektieren, daß er seine Hand mit dem rotbunten Taschentuch verhüllte; eine Sitte, über die Käte sich vor Lachen schüttelte.

»Tante Ida,« sagte Klärchen, und setzte sich ein wenig zu der allgemein Verehrten, um auszuruhen, »du solltest bloß versuchen, wie wunderbar glatt es sich hier tanzt; wie auf dem schönsten Parkett!«

»Ja, das glaube ich schon! Wäre gerade das Richtige für mein lahmes Bein! Bin eben, beim Hereinkommen, schon beinahe ausgerutscht! Aber wenigstens weiß ich nun doch, wo auf einmal alle Schlafstubenkerzen hingekommen sind, die gewiß noch eine halbe Woche brennen konnten! Diese windige Berliner Lisbeth hat den anderen beigebracht, daß man die Lichter zerschaben und auf den Fußboden streuen muß, damit er spiegelblank wird! So ein Unfug!«

Hermann Schack erzählte Hanni, wie in München solche Volksfeste gefeiert würden; er konnte sich nicht genug wundern über die Ruhe und Ordnung, in der hier alles vor sich ging.

»Etwas tut natürlich auch die Nähe der Herrschaft,« meinte Hanni; »unsere Stubenmädchen baten erst dringend, wir möchten doch recht spät bleiben, denn so lange wären sie vor jedem Lärm und Streit sicher.«

»O, das wollen wir schon machen,« entgegnete Hermann. »Es tanzt sich wirklich fein hier!«

»Ich glaube,« meinte Hanni kindlich, »wir passen so gut von Größe zusammen, daher geht es mit Ihnen so viel besser, als mit Erich oder Felix!«

»Das wird’s wohl sein,« war seine vergnügte Antwort. »Vielleicht kommt’s auch daher, weil wir überhaupt zueinander passen!«

Der Brummbaß war so laut, daß man ihre Antwort, wenn sie eine gab, nicht verstehen konnte.

Käte kam herbei und wollte sich totlachen vor Spaß über die ehrbaren Gesichter, mit denen die Leute tanzten: »Ernsthaft wie die Tiere – als wenn sie die schwerste Arbeit verrichteten!«

»Sieh bloß,« rief Erich, »wie Felix die Rockschöße fliegen! Die dicke Rademacherfrau will ihm die Polka beibringen. Sie läßt sich wahrhaftig nicht aus dem Takt bringen durch seine Sprünge – es sieht ja unglaublich aus!«

Wieder und wieder machte man die Runde. Die stark ins Ohr fallenden Weisen der kreischenden Instrumente, die ganz ungewohnte Umgebung, der unsichere, flackernde Kerzenschein, das Vorgefühl der Trennung – alles zusammen versetzte Hanni in eine unklare, schwankende Stimmung; und als Hermann wieder um einen Walzer bat, erwiderte sie zögernd: »Bitte, lieber nicht mehr! Wissen Sie noch, was ich Ihnen neulich über Muttis Meinung sagte: es sei nichts Verkehrtes dabei, solange ich jederzeit gern bereit wäre, aufzuhören! – Denken Sie, eben tat es mir beinahe weh, daß es nun bald zu Ende geht. Dann sollte ich doch lieber nicht mehr tanzen!«

»Gerade jetzt, wo es so wunderbar geht?« fragte er dringend.

Sie sah ihn hilfesuchend an: »Sie würden mich doch sicher nicht um etwas bitten, was nicht recht ist!«

»Nein, ganz gewiß, niemals!« sagte er und setzte sich wieder.

»Furchtbar müde bin ich auch schon,« fuhr Hanni fort; und er sah erschrocken, wie blaß ihr Gesicht geworden. »Das kommt auch mit vom Kummer. Denken Sie, wie allein ich sein werde, wenn morgen Käte und die süßen Jungen wegreisen. – Sie müssen sicher nicht meinen, ich sei undankbar. Gewiß, ich habe Mutti und Tante Ida – ach und so vieles –, aber Abschied ist doch etwas ganz Fürchterliches. Es würgt mich dann so da,« sie drückte die Hand aufs Herz, »daß es kaum auszuhalten ist.«

Hätte er doch irgend etwas zu ihrem Trost sagen können. Aber Trost kannte er ja selber nie; es hieß immer nur »durch«. »Wenn Sie doch einen Bruder oder eine Schwester hätten!«

Aber damit berührte er nun sehr gegen seine Absicht eine ganz wunde Seite. »Mein Bruder ist ja tot, er war etwa von Ihrem Alter,« flüsterte sie leise, und konnte nun trotz aller Anstrengung kaum länger die Tränen unterdrücken. Es war ein Glück, daß gerade Lisbeth kam, um zu melden: »Der Buchdorfer Wagen ist vorgefahren, und die jungen Herrschaften möchten gleich kommen, um sich abzukühlen!«

In dem allgemeinen Durcheinander des Abschieds konnte Hanni unbemerkt ihrer Erregung Herr werden, und sie war von Herzen froh, als sie endlich die weiße Bettdecke über ihr Gesicht ziehen und sich gründlich ausweinen konnte. Ach, daß die schönen Ferien und alles, alles so schnell vorbeigegangen!

Noch einer hatte die Decke übers Gesicht gezogen und schluchzte, daß das Bettchen bebte: Der kleine Ernst, dem es war, als schlössen sich die Paradiesespforten hinter ihm und vor ihm läge nichts als trostlose Öde, Straßenlärm, der einen betäubte, ängstliches Ausweichen, statt unbehinderten Herumlaufens, Stubenhocken statt Obstgarten, das graue Einerlei der fürchterlichen Hinterhoffenster. O, o, o! Er drückte den schmerzenden Kopf tief ins Kissen. Kein Pony, kein Bello, der so tolle Sprünge machte, kein Feueranzünden am See, kein Im-Grase-liegen und Hören, wenn die Kuhglocken läuten, die Grillen zirpen und die Frösche quaken!

Niemand, der es nicht durchgemacht, kann sich die Qual vorstellen, die ein Kinderherz durchbebt, wenn es all diese beglückenden Schätze hinter sich lassen muß und in die engen Stadtmauern hinein, die einstweilen nur als ein Kerker erscheinen.

Käte wollte noch etwas aus ihrer Mutter Schlafzimmer holen, bevor sie selber zur Ruhe ging, und hörte zu ihrem Erstaunen das unterdrückte Schluchzen aus Ernsts Kammer. Sie trat an sein Bett und beugte sich erschrocken über ihn, indem sie die Decke wegzog. Aber er riß sie zurück und rief abwehrend: »Laß mich!« So war es manchmal, und dann ging sie ihrer Wege und wollte nichts mehr von dem Brummkopf wissen. Aber heute war sie selber weich gestimmt, und der Jammer, der die ganze Gestalt des kleinen Kerls schüttelte, ging ihr zu Herzen. Sie setzte sich auf sein Bett und legte freundlich den Arm um seine Schultern. »Bist du traurig, Erni, daß wir weg müssen? Ach, weine doch nicht so, sonst fange ich zuletzt auch noch an! Du, bedenke doch, wir sollen ja sicher – ganz sicher – übers Jahr wiederkommen! Das geht schnell hin! Und dann sollst du sehen, es wird auch in Berlin ganz schön sein! Wir beide wollen recht zusammenhalten, nicht, du? Max und Moritz sind ja noch so klein und verstehen nichts davon. Aber wir sind nun beide schon ziemlich groß und helfen uns durch! Ich wollte dir noch erzählen, Tante Else hat mir zum Abschied – mir – eine ganze Kiste voll Sommeräpfel und Birnen geschenkt. Die soll dir mit gehören. Wir machen uns in der Ecke vom Keller eine kleine Obstkammer, aus der wir uns täglich nach der Schule unseren Bedarf holen. Natürlich versorgen wir Mutti und die Kleinen auch, aber die Besitzer sind wir; fein, nicht? Dann habe ich noch eins gedacht: Du hast doch all die Nägel, Hammer und Bohrer vom Rademacher gekriegt. Zu Hause war allerlei, was Mutti gern genagelt und geleimt haben wollte. Ich glaube, das kannst du jetzt schon ganz schön. Wie wird sie sich freuen, wenn sie nie mehr den Tischler kommen lassen muß!«

Nach und nach waren die Tränen des kleinen Schwergeprüften versiegt, und der Gedanke, nicht allein zu sein mit seinem Kummer, linderte seinen Schmerz. Zum ersten Male legte er seine Arme zärtlich um den Nacken der Schwester, der ganz warm ums Herz wurde bei dem ungewohnten Zutrauen.

Als Verbündete gegen den schweren Kampf des Scheidens gingen beide zur Ruhe und schliefen bald sanft und fest.