»Schönfelde, den 20. August.
Liebste Käte! Durch Muttis Brief an Deine Mutter hast Du ja erfahren, daß unsere geliebte Oda nicht mehr weggekommen ist. Ihr einziger Wunsch wurde erfüllt.
Als die Ärzte wiederkamen, fanden sie die Krankheit so fortgeschritten, daß sie auf die Frage des Vaters, ob Hoffnung sei oder nicht, sagen mußten: Nach Menschenermessen sei keine. – Dann hat er gefragt, ob im Süden auf Erleichterung zu hoffen sei, worauf beide gemeint, die Mühsal der Reise würde größer sein als das, was man an Erleichterung hoffen dürfe. Was Menschen vermöchten, ihre Tage zu verschönen, könne sicher hier am besten geschehen. Sie glaubten auch nicht, daß ihr noch schwere Leiden bevorständen. Sie sei bereits so schwach, daß das Leben verlöschen würde wie ein Licht.
Der arme, arme Onkel! Er hat dem alten, würdigen Professor gedankt für die große Barmherzigkeit, ihm die volle Wahrheit zu sagen.
Nun gehen sie alle still und wie unter einer dicken Wolke umher. Nur bei Oda strahlt heller Sonnenschein – vom Jenseits – und sie alle haben soviel Liebe, den nicht durch Wehklagen zu stören. Am schwersten fällt das der armen Gertrud, die ganz das Gleichgewicht verloren hat. Manchen Tag darf sie nicht zu Oda hinein, weil sie sich nicht fassen kann. Ich bin so dankbar, daß sie mich immer zu ihr lassen – jeden zweiten Tag. Und Gott hilft mir auch, immer munter zu sein, so schwer es oft ist. Ade, Käte. Deine Hanni.«
»Schönfelde, den 15. September.
Liebe Käte! Wenn in Geschichten so romantisch erzählt wird von ›süßem Hinüberschlummern‹, so ist, glaube ich, doch etwas unterschlagen! Das Sterben ist doch viel, viel ernster, als ich es mir gedacht habe, – ja, auch neulich noch gedacht, als Professor Howaldt sich so offen ausgesprochen.
Selbst wenn es schnell vorangeht, sind die Tage und Nächte lang! Beinahe glaube ich, daß ich es am allermeisten fühle, weil Oda sich so offen gegen mich ausspricht, wie sie es auch gegen ihre Mutter nicht tut, um ihrem Schmerz nicht immer neue Nahrung zu geben.
Ich dachte, sie, von der wir alle nichts als Liebes erfahren, könnte so ganz ruhig auf all ihre Tage zurücksehen. Aber auch dies ist nicht der Fall. Sie macht sich schwere Gedanken, daß sie nicht mehr mit Gertrud zusammen gewesen, sie nicht mehr lieb gehabt habe. Von jeher hätte sie so schrecklich gern allein in ihrem Stübchen gesessen und gelesen. Die kleine Schwester habe oft gefleht, sie möge mit ihr spielen. Aber sie hätte ihre Ruhe mehr geliebt. Nun sähe sie deutlich, daß aus Gertrud viel mehr hätte werden können, wenn sie, wie ihre Großmutter sagte, ›fleißig gespielt‹ hätte.
Aber allein sei das der Kleinen langweilig gewesen. So habe sie sich ein bißchen herumgetrieben, – ein bißchen mit den Mädchen dummes Zeug geschwatzt, – ein bißchen genascht.
Und jetzt in den langen Nächten, wo sie nicht schlafen könne, sähe die arme Oda immer klar vor Augen, wie über die Maßen wichtig die anfängliche Gewöhnung sei, und müßte sich anklagen; wenn manches bei Gertrud, ihrer geliebten, einzigen Schwester, eine verkehrte Richtung nähme, so hätte sie das ändern können – und habe es nicht getan. – Wenn sie in solchen ganz dunklen Stunden nicht wüßte, daß Gott ihr vergeben und alles gut machen könne, so müsse sie verzweifeln. Denke doch, Oda, die für uns alle ist wie eine Heilige! Was sollen wir einmal machen, wenn unsere Stunde kommt? Deine Hanni.«
»Berlin, den 18. September.
Meine alte Hanni! Kannst Du Dir vorstellen, daß ich eine schlaflose Nacht zubringen könnte? Ich, das Murmeltier? Ich habe es getan und werde nicht ruhig, bevor ich Dir eine Beichte abgelegt. Was Du mir von Oda schriebst, traf mich wie ein Donnerschlag. Bald fünfzehn Jahre habe ich unnützes Geschöpf die Erde verunziert und noch nichts als Verkehrtes gestiftet! Sag es selbst!
Daß es in der Schule mit den Leistungen glatt geht, ist nicht meine Schuld. Wenn ich die Arbeiten schreibe, werden sie richtig. – Aber wie manchen Krach hat es schon mit den Lehrerinnen gegeben wegen des Betragens!
Und nun zu Hause! Wieviel Not habe ich meiner allerbesten Mutti gemacht! – Und dann erst Ernst! Ich mag gar nicht daran denken!
Seit dem Abschied von Euch, wo ich einmal sah, wie dem kleinen Kerl das Herz weh tun kann, haben wir uns vertragen und manchen guten Tag zusammen gehabt. Aber das Frühere kann ich nicht ungeschehen machen. Ich glaube jetzt wirklich, Erni könnte ein anderes Kind sein, wenn ich zu ihm gehalten hätte, statt so oft hart gegen ihn zu sein.
Nun bitte ich Dich, Oda zu sagen, ich verspräche ihr heilig und teuer – und Du weißt, dann halte ich es –, ein neues Leben anzufangen mit Mutti und mit den Jungen! Ich will es mir zu Herzen nehmen, was Deine süße Mutti mir beim Abschied sagte: ›Wenn wir uns nicht lieb haben – das heißt bei Kindern: sich vertragen –, dann sind wir eben nicht Gottes Kinder und können nicht als solche gelten.‹
Sage Oda, sie hätte mir zur Umkehr verholfen, vielleicht wird es sie freuen. Deine alte böse Käte.«
»Schönfelde, den 2. September.
Liebste Käte! Ach, wie ist das Leben ernst! Mir ist, als wäre ich in wenigen Wochen um viele Jahre gealtert.
Heute morgen schickten Rantzaus, ob ich kommen dürfe, Oda sei so unruhig und möchte mich sehen. Ich fand sie, die weiße Stirn mit Schweiß bedeckt, unruhig im Bett hin und her rückend, die Hände brennend heiß. ›O Herzchen, da bist du – die Nacht war zu lang!‹
Ich bat sie, nicht viel zu sprechen, ich wolle ihr was erzählen. ›Nein, du, ich ließ dich rufen, weil mir ein Stein auf der Seele liegt! Komm dicht heran – ich spreche ganz leise. Sieh, als meine Gedanken mir gar keine Ruhe mehr ließen, habe ich mich zuletzt damit zu trösten versucht, ich wollte dich bitten, das zu tun, was ich versäumt habe. Vielleicht kann ich’s dann leichter tragen – ebenso wie mich neulich Kätes Brief erleichtert hat. – – Sieh,‹ fuhr sie fort, ›die ganze Nacht stand mir das Bild von dem Knecht mit dem vergrabenen Pfund vor der Seele. Ich hörte immer das Wort: O du Schalksknecht! – Doch,‹ wehrte sie ab, als ich Einwände machen wollte, ›genau so bin ich! – Vor drei Jahren, als ich konfirmiert wurde, war es mir ein Herzensanliegen, nun auch was Ordentliches für Gottes Reich zu tun, und ich sprach darüber mit Herrn Pastor. Er riet mir, mich der Dorfkinder anzunehmen, ihnen durch Handarbeitsstunden und Sonntagsschule nahezukommen.
Ich fing es an. – Sie kamen – du kennst sie ja – blank gescheuert, verschüchtert, wie kleine Pagoden! – Ich zeigte ihnen dies und das und ließ sie einiges lernen und aufsagen. – Sie genierten sich namenlos vor mir – ich mich vor ihnen. Es war eine erzwungene Geschichte! Ich war froh, als der Sommer kam und Vater meinte, nun hätten sie kaum Zeit für dergleichen. – Den zweiten Winter betrieb ich die Sache noch lauer.‹ Ich versuchte einzuwenden, daß die ganze Art dieser Kinder so anders sei als die unsere, daß man schwer den Schlüssel fände! ›Aber wir sollen ihn finden,‹ meinte sie, ›und wir können es. Jetzt in den dunklen Nächten ist es mir aufgegangen: wir haben soviel Verständnis, wie wir Liebe haben. Denk mal hin, wo du liebst, erschließt sich dir jede Falte im Herzen des anderen. – Je tiefer die Liebe, desto größer das Mitfühlen, Mitdenken. Gott ist die Liebe; er ist allwissend! – Nun hatte ich gestern gelesen, man habe festgestellt, daß die meisten von allen, die Gott gefunden haben, in früher Jugend zu ihm gekommen wären – ganz wenige im Alter. Das rüttelte mich so auf! Ich stellte mir vor, daß ich schon in diesen Jahren manche von den kleinen Herzen hätte zu Gott führen können, die nun vielleicht den Weg nie finden, wenn ich nicht der schrecklichen, verkehrten Scheu und Verlegenheit Raum gegeben hätte, die mich an so vielem gehindert hat.
Für mich ist es jetzt zu spät. Und ich weiß, mein Heiland vergibt mir auch das noch zu allem anderen. Aber ich würde ruhiger sterben, wenn ich denken könnte, du nähmest diese Arbeit mit deinen frischen Kräften auf und brächtest sie nach und nach auch Gertrud nahe. Du weißt, von sich aus würde sie niemals dazu kommen.‹
Wir besprachen den Plan noch hin und her, und Oda wurde ordentlich belebt. Du kannst Dir denken, wie gern ich mir diese Arbeit vornahm, die ich mir im stillen schon lange gewünscht. Ich hatte nur gemeint, vor meiner Konfirmation könne ich nicht an dergleichen denken. Aber Oda, die einen erstaunlich praktischen Blick verriet, sagte, gerade schon jetzt möge ich anfangen, da, je älter und größer ich wäre, desto unüberwindlicher auch der Respekt und die Scheu der Kinder vor mir sein würde. Sie meinte, es solle erst mal für die kleineren Mädchen eingerichtet werden: eine Art Spielschule an zwei Nachmittagen. Gegen Weihnachten solle ich auch die größeren dazunehmen und mit ihnen nützliche Arbeiten anfangen, die sie für ihre Mütter zu Weihnachten machten. Das würde sie freuen.
So solle ich sie nach und nach erst mal kennen lernen und an mich gewöhnen, und wenn das gelungen, könne es gar nicht anders sein, als daß ich ihnen das nahe brächte, was das Leben meines Lebens ausmache.
Mir scheint, sie hatte in allem recht; und sie ist doch noch nicht achtzehn Jahre alt. Ich glaube, das ewige Licht, das ihr jetzt das Leben erhellt, läßt auf einmal alle Dinge in ganz anderen Farben erscheinen, als sie bisher gehabt. Als ich wegging, war Tante Rantzau beglückt, wieviel froher und wohler Oda aussähe! Ach, könnte man ihr doch mehr sein! Immer Deine Hanni.«