»Schönfelde, den 1. Oktober.
Liebste Käte! War das heute ein Sonntag! Zu schön! Nach mehreren Nebeltagen himmlischer Sonnenschein; so warm wie mitten im Sommer.
Als ich zu Oda kam, lag sie strahlenden Gesichts auf der Chaiselongue unter den Linden. Sie sah ganz rosig aus und lachte über die Sprünge der kleinen Teckel. Wir haben bei ihr gesessen, und sie hat sich unbeschreiblich gefreut über die prachtvolle, herbstliche Färbung, die frische Luft, die sie solange entbehrt und das Zusammensein mit uns allen. Als wir beide einmal allein waren, zog sie ein Päckchen unter ihrer Decke hervor und sagte: ›Da, nimm das heute; einen so schönen Tag kriegen wir so leicht nicht wieder. Sieh doch, die Blätter rieseln nieder wie ein goldener Regen.‹ Ich durfte das kleine Paket nicht aufmachen; ›erst beim Schlafengehen‹, bat sie.
Als ich weg mußte, küßte sie mich und sagte mit einem strahlenden Lächeln, was ich noch immer sehe: ›Auf Wiedersehen!‹
Montag. Soweit kam ich gestern. Als ich zu Bett ging, um einhalbzehn Uhr, wickelte ich das Päckchen aus und fand, tiefgerührt, das schöne, weiße Marmorkreuz, das immer auf Odas Schreibtisch stand. In den Sockel aber war mit goldenen Buchstaben eingraviert:
Heute früh schickten Rantzaus die Nachricht: ›Unsere Oda ist gestern abend um einhalbzehn Uhr ohne jeden Kampf selig entschlafen.‹ Dann baten sie, ob ich im Laufe des Tages hinkommen möchte, bei Gertrud zu bleiben, bis alles vorüber.
Ich will jetzt meine Sachen zusammenholen. Hinrich spannt schon an. – Denk an uns. Deine Hanni.«
»Schönfelde, den 8. Oktober.
Liebe Käte! Das war eine lange Woche, aber Gott hat durchgeholfen. Du kannst Dir schwer vorstellen, wie traurig es oft war, und trotzdem groß und schön!
Als ich Montag in Buchdorf ankam, fand ich Gertrud fassungslos auf ihrem Sofa. Sie hatte den Kopf in die Kissen gedrückt und wollte nichts sehen und hören. Erst saß ich lange still bei ihr, und als es anfing zu dämmern, bat ich sie, mit in den Garten zu kommen, damit ihr Kopf etwas freier würde in der frischen Luft. Wir sind bis zum Tee zwischen den Tannen auf und nieder gegangen, und dann gelang es, sie mit ins Eßzimmer zu bringen, damit die armen Eltern nicht auch sie entbehrten.
Am anderen Morgen schliefen wir bis in den hellen Tag. Unsere Köpfe waren noch ganz dumpf von all den Tränen. Zuerst konnten wir uns lange nicht besinnen, bis auf einmal die ganze, traurige Wahrheit wieder vor unserer Seele stand.
Nach dem Frühstück bat ich Gertrud, mit in den Garten zu kommen, und wir haben alles, was noch von Blumen da war, für Oda hereingeholt. Ganze Berge von Blüten und Zweigen brachten wir in den Gartensaal, wo wir dann einen schönen Kranz nach dem anderen gebunden haben. Gertrud wurde ganz eifrig dabei.
Aber nun höre, was ich am Abend erlebte! Ich trug zwei große Leuchter, die ich in den Saal bringen wollte, wo Oda lag. Da sie mir zu schwer wurden, bat ich die kleine Line, das zweite Stubenmädchen, den einen zu nehmen!
›Da rein?‹ rief sie mit einem Schreckensaufschrei und wies ganz entsetzt auf die Saaltür, ›nie im Leben!‹
›Warum denn nicht?‹ Ich verstand sie überhaupt nicht. Aber sie rannte weg wie gehetzt.
Ich wollte doch wissen, was sie eigentlich meinte und erwartete sie, als sie in unserem Schlafzimmer die Bettdecken abnehmen mußte. Scheu wollte sie an mir vorbei, aber daraus wurde nichts! Sie mußte sich sehr gegen ihren Willen zu mir hinsetzen, und ganz allmählich erfuhr ich ihre Geschichte.
Sie hat ihre Eltern nie gekannt und ist bei einer sehr barschen Großmutter aufgewachsen, die ihr wenig gute Worte gegeben hat und immer schwarze Kleider und Kopftücher trug, – ›auch im Bett‹, behauptete sie. – Das ist ja aber unmöglich.
Als sie etwa dreizehn Jahre gewesen, sei die Alte krank geworden und unter schrecklichem Ächzen und Stöhnen gestorben. Sie hätte gar nicht hinsehen können, so sehr hätte sie sich gegraut vor dem starren Gesicht in den schwarzen Tüchern!
Ich war ganz entsetzt und fragte, ob sie ihr denn nicht beigestanden hätte, sie gestreichelt und lieb gehabt? Aber sie schüttelte sich und sagte: nein, sie sei weggelaufen!
Dann nachher, als Tante Rantzau sie aus Mitleid hierher genommen, habe sie oft solche Schaudergeschichten von den anderen Mädchen gehört, mit denen sie im Zimmer schlief – kurz, sie könne niemals einen Toten sehen und nie mit einem unter demselben Dach schlafen!
Kannst Du Dir so etwas vorstellen? Gestern abend sei sie auf den Heuboden gekrochen, aber schlafen habe sie auch dort nicht können. Und nun habe sie schreckliche Angst! – Man sah es ihr an.
Ich wußte erst gar nicht, was ich sagen sollte. Nur mit größter Mühe konnte ich sie beruhigen. Ich versicherte, sie stelle sich alles falsch vor: Nichts sei schwarz im ganzen Saal. Oda sähe süßer aus als alle diese Wochen. Es sei kein schwarzer Kasten da, sondern nur weiße, zarte Decken und viele, viele Blumen. Ja, es sähe aus, als schliefe sie sanft in dem wunderschönsten Garten. Dann erzählte ich ihr von Odas großer Freude, zu Gott zu kommen; schilderte ihr, wie schön sie es doch hier gehabt, wo ihr jeder Wunsch erfüllt sei – und trotzdem sei sie völlig sicher gewesen, es dort noch viel besser zu haben! Das Mädchen konnte es gar nicht glauben. Dann zeigte ich ihr das Kreuz und die goldenen Verse, die sie mit größtem Interesse las. Mir fällt immer auf, was für eine überzeugende Macht Gedrucktes auf sie ausübt. – ›Ist das wirklich möglich?‹ fragte sie schwankend, ›ich habe mich immerzu und zuviel gegraut vor dem Sterben!‹
Denk mal, zu allerletzt kriegte ich das arme Ding so weit, daß sie einmal durch die Ritze in den Saal sehen wollte. Mit einem Gemisch von Neugier und Furcht stand sie lange da. Es sah wunderbar feierlich aus; die hohen Leuchter mit den vielen Kerzen zu beiden Seiten, die prachtvollen Myrten- und Lorbeerbäume, die wie ein Wald an den Wänden entlang standen und inmitten von allem Odas süßes, fast wieder rosiges Gesicht, von den schönen goldigen Haaren umrahmt, die lang niederfielen auf die durchsichtigen, weißen Spitzen. Mit gefalteten Händen und weit aufgerissenen runden Augen schlich Line immer näher und war ganz gebannt von dem, was sie sah.
Als wir endlich wieder draußen waren, flüsterte sie: ›Das war keine Tote, das sah aus wie ein Engel!‹ Ich sagte ihr: ›So wird sie nun für immer mit den Engeln bei Gott sein, Line. Und wir sollen auch hinkommen! Sie hat mir noch jedesmal die letzten Tage aufgetragen, euch allen das recht dringend zu sagen, damit ihr daran denkt. Aber dann muß man sich nicht vor Gott verkriechen auf den Heuboden, sondern in seinem hellen Schein leben und abends still in sein Bett gehen, die Hände falten und in dem Gedanken einschlafen: In des Vaters Arm und Schoß – Amen, ja mein Glück ist groß.‹ Ob sie das beten könne? ›Sie habe es gelernt!‹
Ich merkte deutlich, das arme Ding hatte gelernt, so etwas aufzusagen – vom Beten ahnte ihre Seele nichts. Ich will versuchen, unsere kleinen Gören beten zu lehren!
Jedenfalls hat Line mir versprochen, zu tun, wie ich ihr gesagt, und sie sah die anderen Tage viel klarer aus den Augen! – Aber schnell gute Nacht. Deine Hanni.«
»Schönfelde, den 2. November.
Liebste Käte, Du kannst wohl verstehen, daß ich keine Zeit zum Schreiben fand, solange Gertrud hier war.
Mutter schrieb Euch ja, daß die Kinder diese Wochen zu uns kamen, bis in Buchdorf alles desinfiziert und geordnet war. Tante Ida, die immer gern das übernimmt, was für die anderen zu schwer ist, war solange dort und hat nicht nachgegeben, bis die übermüdete Tante Rantzau ein paar Wochen mit Onkel in den Harz reiste, wo sie sich schön erholt hat.
Gertrud sollte nicht gern ohne die Eltern in dem traurigen Hause bleiben; darum ist sie mit der Erzieherin und den kleinen Jungen zu uns gekommen. Richtige Schule gab es nicht, aber Fräulein Arnholdt hat eine reizende, frische Art, alle zu beschäftigen. Wir durften morgens selber einen Plan machen, lauter Stunden, die wir gern hatten. Manchmal war auch eine von uns Lehrerin. Am Nachmittag wurden meist Wanderungen gemacht. War das Wetter zu schlecht, so lud Mutti uns alle vor den Kamin; wir verbrannten Tannenzapfen, die die kleinen Jungen gesucht und machten Bratäpfel.
Abends ging’s früh zur Ruhe. Wir alle waren noch müde von den Tagen vorher.
Du, es ist mir geglückt, die kleine Line mit herzukriegen für die Zeit. Ich bat sehr darum und sagte, sie könne sich ja nützlich machen in den Zimmern der Rantzaus-Kinder. – Wäre sie diese Tage in dem verödeten Schloß geblieben ohne genügende Arbeit, so wäre ihre ganze Graulichkeit verdoppelt wiedergekommen. Nun ließen wir sie viel bei uns sein; immer, wenn in den Stunden etwas vorgelesen oder erzählt wurde und auch bei den Religionsstunden, die ganz einzig sind bei Fräulein Arnholdt. Sie weiß so genau den Ton zu treffen, den die Kinder verstehen. Mehrere Male habe ich nachher mit Line über das gesprochen, was wir durchgenommen, und gemerkt, wie ihr alles vollständig neu war. Ist das nicht zu merkwürdig? Nachdem sie solange Schule gehabt! Mir scheint, als wenn diese Kinder, was die Begriffe anlangt, furchtbar lange wie im Schlafe leben. Niemand macht sich die Mühe, sie zu wecken. Line zeigt oft denselben Grad von Verständnis wie der zehnjährige Alfred Rantzau, und dabei ist sie durchaus kein dummes Mädchen.
Fräulein Arnholdt ist so munter; Du solltest bloß sehen, wie schnell und sicher sie jedes an seinen Platz befördern kann. Wir mochten so gern allein, ohne die kleinen Jungen, mit ihr in den Wald gehen, um ungestört über vieles mit ihr sprechen zu können. Dann setzte sie Line mit einem Strickzeug zu Fred und Heini, damit sie die Gesänge und Geschichten auch lerne, die die Jungen aufhatten.
Es sind übrigens reizende Kerlchen, die ordentlich Leben ins Haus brachten – eine große Hilfe gegen trübe Gedanken.
Montag reisten sie wieder heim, und nun fängt der Winter an, mit ihm auch meine Kinderschule. Ich will keine Zeit ungenützt vergehen lassen. Durch Line ist mir noch viel klarer geworden, wie nötig es ist, sich früh um die Kleinen zu kümmern. Am Sonnabend ist der Anfang. Ich schreibe Dir, wie es geht. Immer Deine Hanni.«