»Schönfelde, 1. Dezember.
Meine liebe Käte! Könnte ich Dich doch heute hier haben, damit Du auch einmal solchen stillen, friedlichen Wintersonntag auf dem Lande erlebtest! Vorstellen kannst Du Dir diese Ruhe und Feierlichkeit kaum.
Der Sonntag beginnt eigentlich für mich am Sonnabend nachmittag um sechs Uhr. Dann sind meine kleinen Schülerinnen mit ihrer Arbeit fertig. Die kleinsten, die am anderen Tisch sitzen und spielen, müssen ihre Sachen zusammenpacken, und ich hole die Pfeffernüsse vom Büfett, zu denen sie schon viele verstohlene Blicke hingeschickt haben.
Gestern fing nun die schöne Vorbereitung auf Weihnachten an. Du freutest Dich doch immer so an unserem Adventsbäumchen in der Tiergartenstraße. Ebenso eins steht hier wieder neben dem Klavier, und durch das kleine Transparent scheint die Lampe.
Die Kinder sahen furchtbar erstaunt – Du würdest sagen ›angedonnert‹ – zu allem aus. Das hätte mich früher sehr gestört. Aber dann denke ich an Odas Schmerz über ihre unüberwundene Verlegenheit, und gleich geht es besser.
Auch die Handarbeiten brachten mich zuerst in die größte Verwirrung. Aber Tante Ida weiß zu allem Rat. Sie setzt sich jetzt mit ihrem Strickzeug in die Fensternische, wo man sie vor den großen Blattpflanzen kaum sieht. Dann merkt sie, wenn ich nicht recht durchkomme oder wenn ein Strumpf ganz formlos werden will, und kommt still herbei, den Schaden auszugleichen.
Nun war ich aber beim Adventsbäumchen. Ich hatte unseren Dienstmädchen gesagt, falls es ihnen Freude mache, sollten sie doch auch in den Saal kommen und singen helfen. Die Kinderstimmen allein würden etwas dünn klingen. Punkt sechs kamen sie alle herein, sogar Mamsell, was mich riesig ehrte, und zu Tante Idas Begleitung sangen wir mehrere Lieder. Die Eltern saßen nebenan in Muttis Stube am Kamin und hatten die Tür während des Singens geöffnet. Als wir fertig waren, kam Mutti mit einem großen Korb voll Äpfel und Nüsse herein und sagte: ›Das klang ja wunderhübsch. Nun müßt ihr auch alle zusammen eine Belohnung haben.‹ Zu nett waren die vergnügten Gesichter anzusehen, und nachher hat Lisbeth mir erzählt, sie möchten so furchtbar gern singen und Klavier hören und hätten gemeint, dies sei wie ein Festtag gewesen! Ist das nicht rührend? Sie sehen und hören ja sehr wenig hier auf dem Lande und sind für die geringste Abwechslung dankbar.
Ist bei Euch auch so wunderbares Winterwetter? Dieser zarte Rauhreif auf den Tannen ist wie ein Märchen. Jetzt möchte ich Ernst wohl mal mit in den Garten nehmen. Mich freute so sehr, daß Du schreibst, er sei viel munterer und zuversichtlicher.
Erzähle mir doch nächstes Mal auch ein bißchen von Eurer Schule. Macht Herr Matz noch immer solche Sprünge, wenn er die Formel an die Wandtafel schreibt? Unsere Stunden sind oft sehr hübsch und interessant, aber die lustigen Zwischenstunden fehlen mir doch recht.
Ade, meine liebe Käte; es ist noch viel zu tun bis Weihnachten. Immer Deine Hanni.«
»Schönfelde, den 22. Dezember.
Liebe Käte! Nun steht das Fest dicht vor der Tür, und die Pakete sind alle weg. War das eine Wirtschaft gestern! Mutti und Tante Ida haben den ganzen Tag gepackt und gekramt. Der lange Eßtisch im Saal war bedeckt mit Sachen.
Bist Du neugierig, was in der Kiste war, auf der ›Schönebergerstraße‹ stand? O, Du wirst Augen machen!
Sag doch Ernst, mit dem Harzer Baukasten könnte er lauter verschiedene Instrumente zusammensetzen. Sogar eine Feuerspritze mit aufziehbarer Leiter hat der geschickte kleine Franz Löber neulich daraus gemacht, als ich ihm die Sachen zum Ausprobieren gab. Er war begeistert – und ich hoffe, es wird auch Ernst Freude machen. Sind nicht die beiden Bären für Max und Moritz wonnig? Nächstes Jahr kriegt jeder von diesen großen ein kleines Zwillingspaar als Kinder. Ich sah sie im Laden – einfach zum Auffressen!
Gestern also sind nun alle Schlachtpakete gepackt; die Würste mußten ja erst fertig sein. Anfang der Woche war die große Schlachterei. – Unter uns gesagt, Käte, ein schauderhafter Anblick, wenn die ganze Küche mit riesigen Speck- und Fleischstücken vollgetürmt liegt! Ich sollte Mamsell etwas bestellen, floh aber, so schnell meine Füße mich tragen wollten, vor den Gerüchen davon. Weißt Du, Schmalzkessel, in denen ein dreijähriges Kind ertrinken könnte! Zu Tante Ida darf ich darüber aber nichts sagen. Sie findet es albern und kann beinahe ärgerlich werden, wenn man sich ›anstellt‹ über solche ›ganz natürliche und nützliche Dinge‹.
Die Würste, die nachher aus diesem Fegefeuer hervorgehen, sind ja auch nicht zu verachten. Sie werden Euch sicher gefallen. Es geht immer nach der Größe, und die zwei gleichen von jeder Sorte heißen Max und Moritz. Es war rührend, wie sorgfältig Mamsell sie alle geformt hat und sie dann stolz auf einem Brett in den Saal trug zum Einpacken.
Das Zubinden aller Pakete fiel mir zu, und ich habe jedesmal einen hübschen Tannenzweig mit Lametta obenauf befestigt, was Tante Ida zuerst etwas unnötig und zeitraubend fand. Als aber alles fertig dastand, war sie ebenso entzückt wie ich.
Aber ich rede mich fest, und muß doch noch all unsere Sachen für die Weihnachtsbescherung der Dorfkinder zusammenholen. Der Schrank in Nr. 6 ist schon beinahe voll. Früher hat Tante Ida nur jeder Mutter ein Paket ins Haus geschickt, aber dies Jahr dürfen alle Kinder, die laufen können – es sind 49 – Heiligabend um fünf Uhr auf die Diele kommen, und für jedes wird ein Platz gemacht. Es war gar keine Kleinigkeit für mich, die Namen und das Alter von allen festzustellen, aber dabei haben meine Nähkinder geholfen. – Aber ganz schnell ade! Grüße alle. Deine treue Hanni.«
»Schönfelde, den 1. Januar.
Meine liebe Käte! Dies war das wunderschönste Weihnachtsfest, was ich je erlebt. Erzählen läßt es sich gar nicht, Du hättest es sehen müssen. Die eifrige Arbeit den ganzen 24.! Endlich, um vier Uhr, war die Bescherung auf der Diele fertig. Unsere schöne Krippe mit den geschnitzten Figuren aus Oberammergau hatte ich in einer Ecke aufgebaut, wo alle Kinder sie gut sehen konnten. Die festliche Tafel entlang standen die Teller mit Äpfeln, Kuchen und Nüssen, und daneben für jedes Kind seine Geschenke. O, dies Glück!
Solange sie ihre Weihnachtslieder hersagten, sahen sie freilich noch beklommen und schüchtern aus. Nach und nach wurden aber besonders die Kleinen ganz lebhaft und strahlten vor Freude. Und denk Dir: alle Mütter, die mitgekommen waren, dankten mir nachher herzlich dafür, daß die Kinder jetzt so viel schöne Lieder singen könnten, und für das, was ich den Kleinen sonst an den Sonnabenden beigebracht. In den letzten Stunden hatte jedes Kind goldene Ketten, Rosen und Lilien aus Papier gemacht, die ihre kleinen Bäume zu Hause schmücken sollten. Ich hatte nämlich nachgefragt, ob auch alle einen Baum kriegten, und aus den ungewissen Antworten gemerkt, daß das nicht so ganz sicher sei. Nun hatte Vater mir versprechen müssen, vom Gärtner für jede Familie eine kleine Tanne aus dem Walde holen zu lassen. Ich hatte ihnen Lichter kaufen dürfen, und die Kinder hatten den Schmuck besorgt.
Die Leute leiden ja nicht Not. Was sie gebrauchen, haben sie, aber für die Freuden des Lebens sind sie nicht gewohnt, Geld auszugeben, und Vater sagt, das sei ganz recht. In der Stadt machten die Leute das häufig umgekehrt: verjubelten das Nötige. – Kinder aber haben doch in aller Welt gar zu gern etwas Hübsches, auch wenn es nicht gerade nützlich ist; und die Eltern freuen sich an ihren glücklichen Gesichtern.
Nun war ich ganz selig, als Frau Niemann – Du weißt, die mit den vielen dicken Kindern – mir beim Abschied sagte: ›Solch schönes Weihnachtsfest, wie dies Jahr, hätten sie noch niemals gehabt. Das meinten sie im ganzen Dorf.‹ Ist es nicht zu schön, wenn man mit seinen armen, schwachen Kräften doch ein klein winziges Eckchen in der Welt heller machen kann? Ach, es gibt so viel, viel Dunkel. Wollen nicht wir, die das Licht kennen, alles daran setzen, es auch anderen zu zeigen?
Aber nun denkst Du vielleicht, ich sei so selbstlos geworden, daß ich für mich selbst gar keine Wünsche mehr gehegt? Leider doch nicht!
Freilich, als die Diele von Menschen leer war und ich meinen heißen Kopf einen Augenblick draußen abkühlen wollte, vergingen mir alle Gedanken an die äußeren Zutaten der Weihnachtsfeier. Nein, Käte: der Sommer mit seinem Grün und Duften ist wohl schön, aber die Herrlichkeit von so einer feierlichen, glitzernden Winternacht übertrifft alles. Es war so atemlos still, daß man die Stille hörte. Die Flocken fielen leise zur Erde, jedes Zweiglein war zauberhaft umsäumt von den feinen Rauhreifkristallen. Das Flimmern der Sterne und der zarte Schein der kleinen Mondsichel beleuchteten märchenhaft und geheimnisvoll den blendenden Schnee, die hier und da durchschimmernden dunkelgrünen Tannenzweige und das rotbraune Laub der Hainbuchen. Die Wege sahen verschlafen aus unter der überirdisch reinen, weißen Decke. Es war einem wirklich, als hörte man leise, himmlische Glocken und die Stimmen der Engel. Fast zur Gegenwart wurde es mir, daß in dieser Nacht die ganze Kreatur Sprache habe, daß die Pflanzen und die Tiere des Waldes reden können, und ich verstand gut den Volksglauben, daß in den heiligen Stunden kein Gottesgeschöpf dem anderen wehtun könne – kein Marder eine Taube töten – kein niederfallendes Felsstück ein Mäuslein erschlagen. Kaum konnte ich mich losreißen von all dem Zauber, und es wurde mir fast schwer, zu unserer Feier hineinzugehen.
Aber dann war’s wunder-, wunderschön. Das einzelne kann ich Dir heute leider nicht mehr schildern, weil ich eben Schlittenglocken höre. Pastors kommen, um mit uns Neujahr zu feiern. Viele, viele Grüße und die allerbesten Wünsche fürs neue Jahr von Deiner Hanni.«
»Berlin, den 1. Januar.
Meine alte Hanni! Ich wollte Dir recht noch einmal im alten Jahre die Hand drücken und mit Dir gemeinsam einen Rückblick halten auf all das Viele, was es uns gebracht und auch genommen.
Aber daraus wurde nichts, und meine guten Wünsche nimmst Du sicher auch heute noch an. Übrigens hast Du auch schon welche mitbekommen in dem Dankbrief, den ich neulich an Deine rührende, geliebte Mutter schrieb.
Wer mich gestern am Schreiben hinderte, war Ilse, die sich zu Hause trostlos einsam fühlte. Ihre Eltern hatten in eine offizielle Silvestergesellschaft gemußt, da suchte sie nun bei uns Zuflucht. Das arme Ding hat wirklich ein trübes Leben. Ich bin zuweilen in Versuchung, zu meinen, wir entbehrten dies und das. Aber wenn ich sie ansehe, fühle ich mich überreich in meinem warmen Nest. Das Allerschlimmste ist, daß ihre Eltern nicht so ganz gut miteinander stehen. Sie spricht natürlich nicht davon, aber ich merkte es an mancherlei Äußerungen, als ich die letzte Zeit häufig mit ihr zusammen war.
Ich habe auch den Eindruck gewonnen, als wenn bei ihr das Wertlegen auf Mode und Eleganz ziemlich obenauf liegt und aus Langeweile entsteht. Sie verfällt auf solche Dinge, wenn ihr nichts Besseres in den Weg kommt – und auch, weil ihre Mutter dergleichen sehr wichtig nimmt. Ilse selbst ist riesig gutmütig.
Ich muß Dir doch erzählen, wodurch wir jetzt soviel zusammenkamen: es war eigentlich der reine Zufall, wenn man etwas, was soviel Folgen hat, Zufall nennen kann.
Sie begleitete mich von der Schule nach Hause. Da sahen wir in der ärmlichen Nebenstraße, durch die wir der Abkürzung wegen gingen, ein kleines Mädchen jammervoll weinend etwas auf der Erde suchen. Ilse fragte, was ihm fehle, aber vor Schluchzen konnte das Wurm gar nicht sprechen. Endlich kriegen wir raus, daß sie einen Groschen verloren hat, für den sie – falle nicht um – für sich und ihre beiden kleinen Geschwister Mittag kaufen sollte. Ein kleines Brot gäbe es dafür! Nun würden die Kleinen den ganzen Nachmittag weinen, ihr täte auch der Magen schon weh; und am Abend würde Mutter sehr böse sein, wenn sie vom Waschen nach Hause käme.
Ilse war starr. – Ich habe schon oft von Mutti und auch von unserem Mädchen gehört, wie kümmerlich es manche Leute haben. Aber Ilse war das ganz neu. Sie wollte durchaus sehen, wo die Kinder lebten, und die Kleine sollte uns hinführen. Ich sagte, ohne Brot, nur so aus Neugier, könnten wir unmöglich hinkommen. Zum Glück fand Ilse in ihrer Manteltasche noch das Geld, was sie am vorigen Tage nicht für die Eisbahn gebraucht hatte, weil ›das verwünschte Tauwetter‹ gekommen war. Wie froh war sie jetzt über das Mißgeschick! Wir erhandelten drei kleine Brote dafür – drei Mittagessen für ein Schlittschuhlaufen – und nun ging die Reise los. Beim Gehen überlegte Ilse: ›Dies trockene Brot muß den Krabben ja im Halse stecken bleiben, wenn sie nichts dazu haben.‹ Das hörte die Kleine.
›Unten bei uns ist ein Milchladen. Wir mögen so gern einbrocken – aber das kostet zu viel.‹ Auch in meinem Federkasten fand sich noch ein Groschen, und wie der Wind war die Kleine vorauf, einen Topf zu holen. Vorsichtig tasteten wir dann die schmalen, nach oben dunkler werdenden Treppen hinauf. Oben ward uns ein rührender Anblick. In einem sehr ärmlich aussehenden Stübchen standen zwei magere, blasse, kleine Kinder – Junge und Mädchen – angefaßt und die kleinen Gesichter gegen die Fensterscheibe gedrückt, sehnsüchtig auf die große, sechsjährige Schwester wartend.
›Was ist es für ein Glück, daß wir gerade durch die Querstraße gingen,‹ sagte Ilse sehr ernst. ›Denk doch bloß, diese kleinen Jammerbilder hätten bis zum Abend hungern müssen!‹ Sie sah ganz verstört zu, wie gierig die Kleinen das Brot aßen, was die über ihre Jahre verständige Schwester ihnen in die Milch brockte.
Endlich erinnerte ich daran, daß wir zu spät zum Mittagessen kommen würden. Ilse konnte sich gar nicht von den Kindern trennen und sagte, sie käme nächstens wieder und brächte ihnen was Schönes mit. Wir merkten uns genau Haus und Straße.
Am anderen Morgen kam Ilse empört in die Schule. ›Denk bloß, wie engherzig Mama ist! Ich habe ihr von unserem Abenteuer erzählt. Willst du glauben, daß sie entsetzt war über meine Unvorsichtigkeit, ein fremdes Haus zu betreten, und mir aufs strengste verbot, je wieder zu solchem ›Gesindel‹ in die Stube zu gehen! Sie irrt sich aber sehr, morgen gehe ich wieder hin.‹
›Aber Ilse, das wirst du sicher nicht tun gegen ihren Willen,‹ sagte ich. ›Auch meine Mutter war erschrocken, als sie von unserem Besuch eines wildfremden Hauses hörte. Aber sie sagte, da wir in der besten Absicht hineingegangen wären, durften wir auch auf Gottes Schutz rechnen. – Nun will sie sich heute nach dem Näheren umsehen.‹ Mit vieler Mühe brachte ich Ilse zu dem Versprechen, nichts gegen den Willen ihrer Mutter zu unternehmen.
Als ich zu Hause von unserer Unterredung erzählte, konnte Mutti, wie so oft, schon die Schwierigkeit lösen. Sie war bereits in der Wohnung gewesen und sagte, die Straße sowie das Haus sei so anständig, daß wir ohne weiteres hingehen könnten, den Kindern eine Freude zu machen. Sie hätte beim Wirt erfahren, daß die Mutter der drei Kleinen eine äußerst brave, fleißige Frau sei, die schwere Mühe hätte, für sich und die Kinder immer das Nötige zu erarbeiten, da sie schon seit der Geburt des Kleinsten Witwe wäre. Mutti mußte doch der Frau von Herder am Nachmittag eine Visite machen wegen einer anderen Angelegenheit. Dann wollte sie auch erzählen, was sie erlebt, und hoffte, für Ilse die Erlaubnis für fernere Besuche zu erwirken. Du hättest Ilses Glück am nächsten Tage sehen sollen! Ihre Mutter hatte sich – freilich mit vieler Mühe – erweichen lassen, ihr den Gang zu erlauben. Nun brachte sie ein ganz unförmlich dickes Paket herbei und freute sich beinahe ebenso wie die arme Frau und die Kinder, als die alten, noch sehr guten Kleider, Strümpfe, Schuhe, Brötchen, Äpfel und was nicht noch alles zum Vorschein kamen. Ja, ein halbes Pfund Butter brachte sie mit; einen Schatz, den die kleinen Würmer gar nicht genug bewundern konnten.
Und nun denk, was sie seither jede Woche treulich tut: sie spart alles zusammen, was sie selber entbehren kann – von der Mutter nimmt sie nichts dazu – und packt es in einen Kasten. Manchmal sind da Äpfel, Kuchenstücke, Brötchen, Kleidungsstücke, Bilderbücher und Spielsachen. Und immer ein Stück Butter. Weil sie sie so liebt, jammert sie dies Entbehren der Kleinen am meisten. Nun nimmt sie selber morgens nie mehr welche zum Frühstück. Und wenn dann die Woche um ist, holt sie sich aus der Küche so viel, wie sie wohl meint, erspart zu haben. Frau Berger ist unendlich dankbar und erfreut und sagt, seit ihr Mann tot sei, habe sie noch keine so gute Zeit gehabt. Sie käme immer ganz schön aus und brauchte sich nicht mehr so vor dem Tage zu ängstigen, wo sie Miete zahlen müßte.
Ist es nicht eigen, zu denken, daß mit dem, was so ein junges Ding erübrigt, einer ganzen Familie zu helfen ist? – Ilse kriegt ja ein ziemlich großes Taschengeld – und seit unserem Abenteuer hat sie, glaube ich, noch weder neue Glacéhandschuhe gekauft, noch so große, seidene Haarschleifen. Kleinigkeiten kann ich ja auch immer beisteuern; aber naturgemäß sind die Abfälle bei Herders größer als bei uns.
Auf Weihnachten hat Ilse sich ja sonst nie sehr gefreut. Ihre Wünsche werden das ganze Jahr lang im Übermaß erfüllt – die Geschenke haben also keinen besonderen Reiz; und weiter ist es nicht viel mit der Feier bei Herders. Dies Jahr strahlte ihr Gesicht ordentlich, als ich sie in der Christvesper sah. Sie kam eben von den armen Bergers, die ganz glücklich gewesen waren über all ihre Geschenke. – Das Nähen verabscheute doch Ilse so – jetzt hat sie mit ihren steifen Fingern alles mögliche für die Kleinen zustande gebracht. Ihre nette Berta hat ihr dabei geholfen.
Nun wolltest Du noch hören, wie es in der Schule geht. Besonderes ist nicht zu berichten. Die Aufstände in der Zeichenstunde werden immer toller. Aber großartig ist der neue Geschichtsprofessor; dessen Schilderung der Freiheitskriege solltest Du hören – einfach begeisternd! – Aber jetzt in den Ferien liegt mir das sehr fern. Ein andermal mehr davon. Nun muß ich wieder in die Weihnachtsstube; Ernst wartet ungeduldig mit seinen aufgestellten Truppen.
Tante Else mußt Du noch von mir sagen: jeden Tag streichle und liebkose ich ihren Arbeitskasten mit den vielen Fächern und packe alles aus und ein. Die Perlmuttereinlagen zwischen dem hellblauen Sammet sind einfach zum Entzücken. – Tante Idas Ekkehard hat die erste Nacht unter meinem Kopfkissen geschlafen; aber sie soll sich keine Sorgen machen, daß ich im Bett lese. Was ich versprochen habe, halte ich. Und damit ade! Immer Deine Käte, im alten wie im neuen Jahre.«
»Schönfelde, den 1. Januar.
Liebste Käte! Neulich machten die Schlittenglocken meinem Brief vorzeitig ein Ende. Heute muß ich Dir nun schildern, was für einen strahlenden Anfang das neue Jahr nahm. Es war zu hübsch! Was ich hörte, war nicht allein Schellengeläute, sondern klar und deutlich erklang die Melodie: ›Das alte Jahr vergangen ist.‹ Ich traute meinen Ohren nicht und glaubte, mitten im Sommer zu sein und von Admiral Kählers Tannenhügel her die Töne zu hören.
Denk Dir, Klaras Vetter, Karl, erzählte doch schon im Herbst, daß er so gern Waldhorn blase; nun hat er zu Weihnachten ein eigenes bekommen und spielt es wunderhübsch, noch viel besser als Hertas Bruder.
Das Allerschönste kam aber nach dem Abendessen. Klärchen und ich wollten ein bißchen in der Veranda auf und ab gehen, weil uns drinnen bei all den Lichtern die Köpfe warm geworden waren. Da flammte auf einmal eine Feuersäule drüben hinter dem Wasserrosenteich in die Höhe. Brennende Glut bis in die letzten, kristallenen Spitzen der Buchen und Linden. Über jede Beschreibung! Wir schrien erst laut auf und wußten gar nicht, was wir davon halten sollten. Aber als die Großen herbeikamen, sahen wir an Vaters Gesicht, wer sich diese Überraschung für uns ausgedacht, und auch des Gärtners und seines Burschen dunkle Gestalten, die draußen hin und her huschten, lösten uns das Rätsel. Schon flammte ein bengalisches Licht hinter dem anderen Teich und links in der Grotte auf – grünliche und rote Flammen – und jetzt begann vom Berge her, langgezogen und feierlich: ›Es ist ein’ Ros’ entsprungen.‹ Die glockenhellen Töne weckten einen Widerhall in dem klingenden Schnee. Käte, schildern kann ich Dir gar nicht, wie es war; – Du mußt Dir dies Klingen und Flimmern in der stillen Luft vorstellen!
Alles, was wir an unseren schönen Sommerabenden miteinander beim Heimgang vom schwarzen See gesungen, kam an die Reihe: ›Es liegt eine Krone im tiefen Rhein‹, ›Sah ein Knab’ ein Röslein stehn!‹. Zuletzt auch wieder: ›Morgen muß ich fort von hier‹.
Schade, schade, daß es dann zu Ende war, und daß in drei Tagen auch die Ferien zu Ende sind.
Nun kommen die langen, gleichmäßigen Wochen zwischen Weihnachten und Ostern, die ich mir etwas eintönig vorstelle. Aber Tante Ida behauptet, daß sie gerade die extra liebe. Es würde einmal alles fertig, was man sonst beiseite schöbe. Und die Gedanken könne man auch mal gründlich aufräumen. Na, soviel zu räumen finde ich da vorläufig nicht. Ich möchte glühend gern, Du wärst ein paar Wochen bei mir. – Grüße alle in der Schule, die noch an mich denken, und küsse Max und Moritz auf ihre dicken Backen! Wenn wir doch auch noch so ein Pärchen hätten! Deine Hanni.«