»Schönfelde, den 15. April.
Liebe gute Käte!
Kennst Du die süße Melodie? Die klingt mir den ganzen Tag in den Ohren. Die kleine Quelle am Ende des Buchenganges sprang auch gar zu lustig über die hellen Kieseln – die Schneeglöckchen drängen sich in so dicken Büscheln unter dem braunen Laube vor – in jeder Hecke zirpt und zwitschert es, an jedem Busch werden die hellen Spitzen sichtbar, wie kleine Funken und Lichter, wenn die Sonne darauf scheint. Es ist ein Drängen und Wachsen, ein Herauswollen aus der Enge, ein in die Höhe streben, in die Weite sehnen, daß man selbst gar nicht ruhig dabei bleiben kann!
Ich war nicht imstande, meine englische Übersetzung fertig zu machen, als die Sonne mir trotz meines Wegrückens immer wieder auf den Blättern der Hefte herumtanzte. Unaufhaltsam bohrend, tropfte – trip, trip, trip – das Wasser vor meinem offenen Fenster auf das Verandadach. Nachts waren noch ein paar Eiszapfen gefroren, jetzt lösten sie sich schnell vor den Strahlen auf, und jeder Tropfen rief: ›Komm mit, komm mit! Wir können auch nicht mehr still sitzen oben am Dach! Es geht hinaus zu den anderen – ins Bächlein – über Steine und Moos – immer weiter, bis zuletzt das Weltmeer uns aufnimmt!‹
Sag, wo wir wohl mal hinkommen, du und ich? Was für Schicksale wohl auf uns warten? Ob wir in der Heimat bleiben sollen oder einmal die lockende Ferne sehen? Ob eine große, schöne Arbeit auf uns wartet oder unsere Flügel beschnitten werden? O, nur das nicht! Recht hinaus ins Leben! Viel Arbeit, viel Gelingen, viel Lernen und Begreifen! Zusammenschluß mit großen, berühmten Menschen, deren Einfluß in die Weite reicht! Ach, recht, recht viel erleben möchte ich zu gern!
Manchmal verstehe ich nicht, daß Tante Ida die Ruhe und Stille so liebt. Mir liegt viel mehr daran, was Neues zu erfahren, Menschen kennen zu lernen, zu sehen, was jenseits der Berge wohl sein mag!
Nun ist’s nur noch ein Jahr, bis wir konfirmiert werden. Bleibst Du bei Deinem Plan, dann gleich ins Seminar zu gehen? Ich weiß noch gar nicht, wie es mit mir wird. Vater möchte am liebsten, daß ich gründlich Haushalten lernte; aber mir kommt es vor, als wenn ich davon bereits eine ganze Menge verstehe. Letzthin habe ich sogar schon geholfen, einen großen Koffer voll Garn leer zu packen, und das feinere für Handtücher, das dickere für Bettzeug auszusuchen. Der Weber war da und brachte das, was vorigen Winter gesponnen und nun gewebt war; lauter dicke, schwere Rollen. Tante Ida und Mutti waren begeistert, was ich von mir nicht sagen kann, denn hübsch ist was anderes – es sah grau und unscheinbar aus.
Ich muß gestehen, ich möchte viel lieber hinaus und etwas lernen, was ich noch nicht kenne, am liebsten eine fremde Sprache im Ausland. Aber dazu werde ich sehr schwer der Eltern Erlaubnis kriegen! Wieviel leichter wäre das, wenn noch sechs andere Mädels da wären, sie über mein Fernsein zu trösten! – Ja, dann!
Aber ich will mich nicht unnötig sorgen, sondern geduldig warten, wie es kommt. Weihnachten sorgte ich, die Zeit bis Ostern sei gar zu lang – sie ist mir verflogen im Handumdrehen. – Wenn’s mir gut ist, die Welt kennen zu lernen, wird sich schon ein Weg finden.
Nun noch etwas Betrübtes: Denke Dir, Muttis Kopfschmerzen sind jetzt, statt sich in der Landluft zu bessern, viel schlimmer als je. Der Arzt sagte neulich, so ginge es nicht weiter. Man wolle noch ein Weilchen warten, ob es vielleicht die Frühlingsluft sei, die es so verschlimmere. Wenn es aber nicht anders werde, müsse etwas Ernstliches geschehen. Hoffentlich geht es vorüber! Grüße Deine Mutter schön von Deiner Hanni.«
»Berlin, den 10. Juni.
Liebste Hanni! Schon neulich waren wir bekümmert über das, was Du von Deiner lieben Mutter Befinden schriebst, und nun brachte Dein langer gestriger Brief große Aufregung und Kummer hervor. Also sie ist gar nicht wohl und soll in ein Sanatorium? Ich kann mir denken, wie der Plan Dich betrübt; Du bist noch niemals wochenlang von ihr getrennt gewesen. Aber trotzdem sagt Mutti, sie verstände es durchaus, daß Du nicht mit solltest. Da ist es eigentlich nett, daß Du zu Pastors kommst. Ich denke mir, Euer Zusammensein kann auch ein rechter Spaß für Dich werden.
Mutti läßt sagen, sie fände es zu lieb von Deinen Eltern, auch an uns gleich zu denken. Sie glaube aber, es sei besser, wenn wir in diesem Jahre von vornherein auf den Plan, zu Euch zu kommen, verzichteten. Selbst wenn Deine Mutter zu den Ferien zurück sein könne, sei ihr doch wahrscheinlich die größte Ruhe nötig. Da wollten wir lieber die Einladung von Onkel Alfred nach Rügen annehmen. Wir seien dort gut aufgehoben und Ihr solltet Euch keinen einzigen Gedanken weiter über die Sache machen.
Liebe Hanni, das ist leicht gesagt, aber es ist schwer getan! In meinem Herzen schreit und heult es laut, wenn ich an all die Seligkeiten denke, die uns verloren gehen. Onkels Wohnort ist gegen Schönfelde ein Loch, und das ganze Rügen kann mir gestohlen werden, wenn ich an Euch denke.
Aber da will ich nun zu Carlyles Heldenfiguren eine neue hinzufügen und mich darstellen als ›Der Held als Backfisch‹! Ich will stumm leiden – nicht klagen –, will Mutter helfen, Ernst trösten, den Onkel erheitern und Max und Moritz klarzumachen suchen, daß ihre Pferde und Borkenschiffe selbst nächstes Jahr noch an ihrem Platze liegen!
Na, nun Schluß! Solange ich hiervon spreche, muß ich Tränen runterschlucken, und das macht mir auf die Dauer Magenschmerzen. Die Hauptsache ist, daß Deine gute, geliebte Mutter wieder gesund wird. Immer Deine Käte.«
Für alle unsere Freunde bekam der Sommer ein sehr anderes Gesicht, als sie im vorigen Jahr beim Scheiden gedacht. Frau Gerloff hatte eine langwierige Kur durchzumachen, und ihr Mann besuchte sie von Zeit zu Zeit. Dauernd von Hause fortgehen konnte er wegen der großen Wirtschaft nicht. Hanni war ins Pastorat übergesiedelt, und es interessierte sie über die Maßen, einmal tagelang in dem munteren Kinderkreise zuzubringen. Alle waren entzückt von der plötzlich hinzugekommenen großen Schwester, die viel mehr Zeit und Lust hatte, mit ihnen zu spielen als die verständige, etwas nüchterne Klara. Am allerliebsten beschäftigte sich Hanni mit der Kleinsten, die erst ein Vierteljahr alt war und die reizendsten Versuche machte, ihr Dasein durch Krähen und Lachen zu bekunden.
Aber unfaßlich erschien ihr die Ausdauer und Leistungsfähigkeit der Frau Pastorin. So etwas hätte sie nie für möglich gehalten. Vom frühen Morgen ging es bis in die Nacht. Wenn alle Kinder sauber in den Kleidern waren und ihr Frühstück verzehrten, hatte die Mutter schon ein wirkliches Stück Arbeit hinter sich. Dann begann der Unterricht. Um zehn Uhr schlug Sophie an die große Glocke. Herr Pastor kam mit den Tertianern aus seinem Zimmer, Frau Pastorin, die französische Schweizerin war und alle Sprachstunden gab, mit den großen Mädchen aus der Wohnstube. Meist kamen die beiden kleinen Mädchen vom Schulhause herübergesprungen, wo sie dem Studium der Fibel oblagen, und der zweijährige Bruno, der vor der Küchentür auf dem Sandhaufen gekrabbelt, war selig, nach der langen Einsamkeit wieder einmal mit allen lachen und scherzen zu können. Man ging mit den Butterbroten im Flur und Garten auf und nieder und hätte zu gern auch das Baby in die allgemeine Heiterkeit hineingezogen. Da verstand aber die Frau Pastorin keinen Spaß. Das kleine Heiligtum stand still und nur von fern bewundert in seinem Körbchen unter dem Nußbaum und vergnügte sich mit seinen eigenen Händchen und Füßchen. Nie durften unberufene Hände es herausnehmen und seine Ruhe stören. Es war eben in keiner Weise ein Spielzeug.
Nach dem Mittagessen mußte für ein Stündchen vollkommene Stille sein, darauf hielt der Pastor aufs strengste. Niemand durfte die Mutter stören, die dringendsten Anliegen wurden verschoben. Aber um drei Uhr versammelte sich alles in der Weinlaube hinterm Hause. Nach schnell eingenommenem Kaffee war mit Nähen und Stopfen, Gemüseputzen, Beerenlesen und den vielen anderen nötigen Arbeiten soviel zu tun, daß man gar nicht merkte, wo die Stunden bis zum Abendessen blieben, was der Einfachheit halber alle miteinander um sieben Uhr bekamen. Wer von den Kindern mit Schulaufgaben fertig war, half bei den leichten häuslichen Arbeiten. Tischdecken und Abräumen war das ständige Geschäft der kleinen Mädchen, und Klärchen lag es ob, alle Kinder, bis auf das kleinste, was die Mutter wusch und auszog, ins Bett zu befördern.
Obwohl nun die Mutter immer freundlich und unverzagt von einer Arbeit zur anderen eilte, so entging es doch Hannis aufmerksamem Blick nicht, wie müde sie seit diesem Frühling oft war und wie tiefe Schatten sich manchmal unter ihren Augen zeigten. Als Hanni einmal mit Tante Ida zusammensaß, die sie ab und an in ihrer Einsamkeit besuchte, sprach sie ihre Besorgnis aus, und es fand sich, daß die Tante ganz dieselbe Beobachtung gemacht hatte.
»Wenn doch Frau Pastorin einmal ordentlich ausschlafen, ein paar Tage stillsitzen könnte! – Ich merke manchmal, wie es ihr Überwindung kostet, die Treppe zu steigen. Ihre Füße wollen einfach nicht vorwärts. Wenn es uns nachmittags einmal glückt, über die Zeit alles still zu halten, so daß sie länger schläft als sonst, dann sieht sie nachher ganz anders aus, ordentlich klar aus den Augen. Sie ist, glaube ich, immer müde. Das kann doch nicht gut sein.«
Der Nachmittagspostbote kam gerade und brachte einen langen Brief von Hannis Mutter mit ausführlicher Schilderung ihres Lebens im Sanatorium. Zum Schluß kam die Mitteilung, der Arzt wünsche dringend, sie noch vier Wochen länger als geplant, dort zu behalten und knüpfte daran die Hoffnung auf völlige Besserung. Sie solle von jetzt ab mehr Freiheit genießen, täglich Spaziergänge in den Wald machen. »Wenn man nur nicht so schrecklich einsam wäre!« fuhr sie fort. »Manchmal wünschte ich meine Hanni hierher. Dann aber sage ich mir doch, dies untätige Leben wäre gar nichts für sie. Wenn ich jemand Liebes hätte, der sich auch erholen und ruhen müßte und zu meinen erbärmlichen Kräften paßte!«
Tante und Nichte sahen sich an. Sie hatten denselben Gedanken. Wenn man doch Frau Pastorin dorthin zaubern könnte! Wie sehr würden beide ein solches Zusammensein genießen! Wie würde der abgearbeiteten Frau die Ruhe und Erholung wohl tun!
»Aber sie geht ja sicher nicht weg; wer sollte auch ihre Arbeit tun? Und dann glaube ich, kostet es eine Masse Geld, nicht, Tante? Frau Pastorin ist sehr sorgsam mit jeder Ausgabe – erst gar, wenn es sie selber betrifft.«
Hin und her wurde beraten. Schließlich fand Tante Ida, wie immer, den nötigen Ausweg. Sie setzten sich miteinander in den Ponywagen, der im Schatten der Linden gewartet hatte, und nach einer Viertelstunde war man im tiefsten Gespräch in Herrn Pastors Studierzimmer.
»Ich habe eine große Bitte auf dem Herzen, meine liebe Frau Pastorin. Versprechen Sie mir, sie zu erfüllen, wenn es irgend angeht!«
»Da braucht es wirklich kein Versprechen, denn Sie wissen, nichts würde uns mehr Freude machen. Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, was wir für Sie tun könnten – sonst liegt doch die Sache meist umgekehrt!«
Groß war dann die Überraschung und das Erstaunen, als Tante Ida ihren Plan entwickelte: Frau Pastorin möge auf vier Wochen in den Harz gehen und der leidenden Frau Gerloff Gesellschaft leisten. »Sehen Sie,« erklärte die alte Dame in ihrer lebhaften Art, »eigentlich wäre es ja an mir, meiner lieben Schwägerin beizuspringen. Und wenn es sein muß, tue ich es schließlich. Aber Sie können sich ja vorstellen, was für ein Greuel es mir ist, da so ohne Beschäftigung und ohne meine häusliche Bequemlichkeit, an die ich nun mal gewöhnt bin, zwischen den fremden Leuten herumzusitzen. Und dann mein lahmes Bein! Mit so was bleibt man doch lieber zu Hause, als daß man sich mitleidig und neugierig angaffen läßt. Das ist alles nichts für alte Leute. Sie sind so viel jünger, meine Schwägerin hätte ja auch viel mehr Anregung davon, wenn Sie kämen; denn mich kann sie das ganze Jahr über genießen. Und für Sie wäre es ganz gut, wenn Sie einmal aus allem Alltäglichen heraus wären!
Eins ist ja selbstverständlich: Wenn Sie mir den großen Gefallen tun, die Sache für mich zu übernehmen, so trage ich natürlich Sorge für die Kosten der Reise und des Aufenthaltes. Das Nötige liegt auch längst bereit. Mein Bruder schickte mir vor langen Jahren ein Sümmchen für eine Badereise, trotzdem ich seit meiner Jugend nicht viel Sinn gehabt habe für solche Plantschereien und Einwicklungen. Wenn nun diese Sache besorgt würde, ohne daß ich den Finger danach zu rühren brauchte, so wäre ich ja obenauf. Also, bitte, schlagen Sie ein! Ich habe zu aller Sicherheit schon dies Instrument mitgebracht, um Ihnen keinen Ausweg zu lassen.« Damit legte sie eine kleine, schwere Geldbörse in den Schoß der ganz erschrockenen Pastorin.
Die wollte noch allerhand Einwände machen, aber ihr Mann war so begeistert über den Plan, daß er sie gar nicht zu Worte kommen ließ. Als sie Bedenken äußerte, ob die Kinder und der Haushalt ohne sie auskommen würden, hatte Tante Ida auch die Schwierigkeit bereits ins Auge gefaßt: »Die Ferien sind vor der Tür. Was würden Sie da zu folgendem Tausch sagen: Unsere Hanni möchte gern noch die vier Wochen bei Klärchen bleiben, ›als Stütze der Hausfrau‹. Dafür nähme ich die Tertianer, die müßten in der Ernte – und in den Stachelbeeren – helfen. Solche Jungen sind mein Fall, die verstehe ich gut zu bändigen. Und für den Notfall ist der Vater nicht weit!«
Alles war überlegt, und die überrumpelte Pastorin kam nicht durch mit Gegenvorstellungen. Die ganze Familie schien plötzlich kein anderes Anliegen zu haben, als »sie aus dem Wege zu räumen«, wie sie lachend klagte.
Hanni und Klara beriefen sich übermütig darauf, daß ihre beiden sechzehn Jahre zusammen gar nicht so weit zurückblieben hinter dem Alter der Mutter.
Aber trotzdem erklärte diese, ihre Hauptzuversicht setze sie auf die verständige Sophie, die nun schon viele Jahre treu für Küche und Haus gesorgt hatte. »Nicht wahr, ihr versprecht mir, alle häuslichen Dinge mit ihr zu bereden. Sie weiß genau, wie wir es immer gemacht haben und wird dafür sorgen, daß nichts verdirbt. Aber ordentlich helfen müßt ihr, sonst ist sie tot, wenn ich heimkomme, nicht wahr? Ich denke, jeder besorgt sein Gebiet gewissenhaft: Klara das Baby und die Ordnung in den Schlafzimmern, Hanni, wenn sie wirklich auch große Tochter sein will, das An- und Ausziehen der kleinen Mädchen und das Ordnen der unteren Zimmer. Und bei den Staatsaktionen, wie Einmachen, Waschen und Plätten helft ihr, soviel ihr könnt. Soll es so sein?«
Mit Feuereifer übernahm jede ihr Amt, und alles ging zur größten Zufriedenheit des arglosen, sanguinischen Hausvaters.
Entzückte Briefe kamen aus dem Harz. Frau Gerloff war aufs freudigste überrascht gewesen über den lieben Besuch. Es hatte sich getroffen, daß ein Zimmer neben dem ihrigen frei war mit Ausgang auf denselben Balkon. Nun hielten die beiden Damen ihre Ruhestunden in fröhlicher Gemeinschaft und hatten sich viel zu erzählen von der Heimat und ihren Lieben. Beglückend war’s für Frau Gerloff, das Entzücken zu beobachten, mit dem die Freundin die völlige, so ungewohnte Freiheit genoß. Seit vielen Jahren hatten die Pflichten bei den kleinen Kindern und der stets wachsende Haushalt dergleichen unmöglich gemacht. Nun kam sie sich wie verzaubert vor in der wundervollen Umgebung, wo alles für ihre Bequemlichkeit und ihr Behagen eingerichtet war. Überraschend schnell gewannen ihre Backen wieder die alte Rundung und Frische, und als einige Tage vor Ablauf der Erholungszeit der Pastor eintraf, um noch eine kleine Fußwanderung mit seiner Frau zu machen, bevor sie heimkehrten, da war er ganz außer sich vor Freude über ihr frisches Aussehen und behauptete, sie sei nicht im geringsten verändert gegen damals, als sie vor siebzehn Jahren dieselben Wege auf ihrer Hochzeitsreise machten.
Hanni hatte viel erlebt in diesen Ferienwochen und schüttete ihr Herz ab und an gegen die treue Freundin aus.
»Mirow, den 6. Juli.
Liebste Käte! Es ist zu hübsch, auf einmal ›große Leute‹ zu spielen und den ganzen Tag ohne Schule und andere Aufhaltung im Hause herumzuwirken! Du solltest bloß sehen, wie fein ich meine drei Kinder im Zug habe! Dann wird Staub gewischt, sogar hier und da abgerissene Knöpfe und Bänder angenäht. Herr Pastor hat sich sehr zufrieden geäußert über den Gang der Wirtschaft.
Die allerliebste Stunde ist mir, wenn am Abend unsere dicke Milch und Zubehör erledigt ist und wir alle miteinander in der Weinlaube sitzen. Ich nehme Dickchen auf den Schoß und Klara das Baby. Beide kriegen eine Brotrinde in die Hand und tun uns den Gefallen, so lange ruhig zu sein, wie Herr Pastor den Abendsegen liest. Wenn wir dann zweistimmig ein Lied singen, hören sie beglückt zu und verstärken den Chor mit ihren Krähtönen.
Es ist ein schönes, tätiges Leben von früh bis spät. – Und Ihr watet dort wohl am Strande herum? Schreib doch bald, wie’s Euch geht. Deine Hanni.«
»Mirow, den 17. Juli.
Liebe Käte! Wenn Du uns doch einmal unvermutet überraschen könntest und sehen, wie ehrbar und tugendhaft wir unsere Tage zubringen. Du würdest Deinen Augen nicht trauen! Und wenn Du unsere Hände erblicktest, würdest Du meinen, Du sähest nicht recht. Ja, Käte, es gibt viel zu tun, und wenn man eben denkt: nun ist’s für heute genug, dann kommt das eherne Muß und sagt: Genug ist es erst, wenn alles fertig ist! – Und fertig wird man überhaupt nicht!
Klara ist wirklich schon merkwürdig fix. Und was mir am meisten auffällt: sie tut all ihre Dinge so selbstverständlich! Du und ich, wir hatten immer einen Riesenspaß und Aufstand, wenn wir mal was besorgten. Und nachher wurde es nicht fertig, und Mamsell machte die Sache zu Ende. Hier heißt es: selbst ist der Mann!
Stelle dir vor, wie mir’s gestern ging: Nichts ahnend, wische ich auf Herrn Pastors Schreibtisch Staub und hatte mich nebenbei ein bißchen vertieft in ein Buch, das dort lag. Öffnet Sophie die Tür, naß wie eine Meerfrau von der großen Wäsche, die sie besorgt: ›Fräulein Klara läßt sagen, die Kleine sei so unruhig, wolle auch die Flasche nicht nehmen, da würde Fräulein fürs erste nicht herunterkommen können. Ob wohl Fräulein Hanni so gut wären, das Essen aufzusetzen; eben sehe ich auch, daß Lise und Lotte dahinten bei der Pumpe fürchterlich plantschen. So kann ich nicht gut über den Hof gehen – würden Fräulein Hanni sie wohl da wegschicken?‹
Das war alles sehr schön; ›Essen aufsetzen‹ ist schnell gesagt; aber was? woher? worin? wieviel? Hast Du schon mal Essen aufgesetzt?
Der Sophie mag ich es gar nicht so zeigen, wie wenig ich eigentlich von allem ahne, weil die Kinder hier unglaublich geschickt und anstellig sind, und besonders, weil ich im Anfang sagte und auch selber dachte, die Hauptsache verstände ich bereits. Jetzt erst merke ich, daß mir alles einfach vorkam, weil ich es andere mit so leichter Hand machen sah. – In Wirklichkeit verstehe ich rein gar nichts von der ganzen Geschichte und bin leider, leider Klärchen oft mehr eine Hinderung durch mein ewiges Fragen, als eine Hilfe – wenn sie es auch nicht zugeben will.
Ich ging also hinaus, um die beiden kleinen Unholde von der Pumpe wegzujagen, wo sie mit einem zerbrochenen Zylinder (!!!) Springbrunnen spielten, und nun über und über trieften. Auf dem Rasen ließ ich sie das nasse Schuhzeug ausziehen und zum Trocknen in die Sonne legen, ebenso ihre Schürzen. Dabei fragte ich, ob sie wüßten, welche Bohnen und was für Kartoffeln gekocht werden sollten. – Den Schinken konnte ja Klärchen noch zuletzt abschneiden. – Sie waren sehr froh, ihre Missetat etwas wieder ausgleichen zu können, und rannten in den Keller, von wo sie einen Korb mit Bohnen holten.
›Sophie hat gestern abend gesagt, gleich nach dem Frühstück sollten wir beide sie abziehen. Wir haben’s bloß leider ganz vergessen!‹
›Und die Kartoffeln?‹
›Die werden immer dahinten am Zaun aus der Erde gegraben. Wir können es; dürfen wir sie holen?‹
Ich konnte noch froh sein über ihr Vergehen, denn nun strotzten sie vor Diensteifer. Auch das Schwarzbrotreiben für die Kalteschale verstanden sie – und mit Fallen und Aufstehen und unter allerhand Schwierigkeiten brachten wir ein Mittagessen zustande, nachdem Klara ihren Segen zuletzt noch zu allem gegeben. Was ich aber täglich merke, ist dies: es gehört sehr, sehr viel dazu, bis man all das versteht, was Haushalten genannt wird. Und das will ich gründlich lernen, denn es muß zu fatal sein, das Tun und Treiben der Dienstboten gar nicht übersehen zu können. Denk doch, wie schrecklich unbehaglich es manchmal bei Herders war: Von der abscheulichen Dora ließ Frau von Herder sich alles mögliche gefallen, bloß, weil sie schöne Gerichte kochte, wovon sie selbst keine Ahnung hatte. Und der netten Berta trug sie wirklich oft mehr Arbeit auf, als ein Mensch leisten kann. Ich glaube, sie hatte keine Ahnung, wie lange Zeit jede Sache erfordert. Ich hoffe, daß das dort anders wird, wenn Ilse so weiter macht, wie Du sagst.
Aber schnell ade! Kaffeemachen ist mein Amt, und ich höre schon Lise und Lotte mit den Tassen klappern.
Tausend Grüße von Deiner Hanni.«
Als die beiden Mütter glücklich und gestärkt aus dem Harz zurückkehrten, gab es einen unendlichen Jubel in beiden Häusern. Viele Blumen, Lichter, schön blank geputzte Zimmer und im Pfarrhaus auch lauter blank geputzte und sauber gewaschene Kinder machten den Empfang zu einem großen Freudenfest. Wie froh und dankbar ging jedes wieder an die Arbeit, und als auch von Platens höchst befriedigende Berichte aus Rügen eintrafen, war der Schatten verwischt, der den Sommer hatte verdüstern wollen.