In stiller, fleißiger Arbeit verging der Frühling für Käte und ihre Mitschülerinnen. Da kam ein Brief aus Schönfelde, der sie völlig aus dem Gleichgewicht brachte. Hanni schrieb:
»Käte, Käte, setze Dich fest hin, damit du nicht umfällst! Wer hätte geahnt, daß meine kühnsten Träume, die Welt zu sehen, so in Erfüllung gehen würden. Mir fehlen die Worte, Dir alles zu schildern, aber hoffentlich kann es bald, in vier Wochen, mündlich geschehen.
Also höre: Der Doktor sagte, Mutti solle noch einmal etwas Ernstliches für ihre Gesundheit tun. Am besten schiene ihm jetzt Hochgebirgsluft. Aber Ruhe und häusliche Bequemlichkeit müßte sie dabei haben. ›Das ist schwer zu vereinen,‹ meinte Vater. Aber Tante Ida wußte Rat. ›Erinnert ihr euch nicht, wie sehr die liebe Arnim immer von dem Hospiz da unten in Bayern schwärmte? Das denke ich mir für Else so recht passend.‹
Vater war sehr bei der Sache, denn die Eltern sind auf ihrer Hochzeitsreise in Partenkirchen gewesen und wurden ganz warm bei der Erinnerung. In der Nähe, aber höher, liegt Tante Idas Hospiz.
Es wurde hin und her beraten, und Mutter versicherte: ›Auf dieses Alleinsein vom vorigen Jahre lasse ich mich aber nicht wieder ein. Laßt Hanni doch mitkommen.‹ Mir stand das Herz still! In die Alpen, Käte!
Vater sagte lachend: ›Mich willst du wohl nicht? Na, dann hilft’s nicht. Ich wäre sonst gar nicht abgeneigt gewesen, den Rucksack wieder einmal aufzuschnallen wie vor zwanzig Jahren.‹
Mutti war ganz rot vor Freude und Überraschung, als Vater erklärte, er hoffe, den alten Inspektor Harder zur Aushilfe zu bekommen, und dann könne er ruhig mitreisen. Es gab einen Jubel sondergleichen. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Den Eltern kam es in den Sinn, ich möchte mich etwas verlassen fühlen, wenn sie dann immer miteinander wären. Und nun kommt der Knalleffekt:
Sie bitten Deine Mutter, Dich als zweite Tochter mitnehmen zu dürfen. Da es uns auf den Tag nicht ankommt, können wir die Abreise nach Deinen Ferien einrichten. Aus Bayern ist inzwischen Nachricht gekommen, daß alles sich verhält, wie die Eltern wünschen, und daß Zimmer für uns zu haben sind.
Und Deine Mutter mit den drei Jungen erbittet Tante Ida sich als Trösteinsamkeit.
O Käte, kneife Deine Daumen, daß nichts dazwischen kommt. Ich sehe uns beide bereits jodelnd mit Alpstöcken den Gemsen nachklettern.
Vater ist ganz ausgelassen, wenn wir unsere Pläne machen. Er läßt Dir folgendes sagen:
›Keine unnütze Bagage! Ganz feste Stiefel! Zeug, das jedes Wetter verträgt!‹ Und nun antworte schnell, damit keine Wolke der Ungewißheit länger unseren Himmel trübt! Auf Wiedersehen in den Bergen! Deine glückselige Hanni.
Nachschrift: Damit übrigens Deine Mutter orientiert ist, wohin wir Dich eigentlich entführen wollen, so erzähle ihr folgendes: Unser geliebter, verehrter Hofprediger war einmal in Oberbayern an der Tiroler Grenze und sah aus der Höhe ein über alle Beschreibung malerisch und lieblich auf grüner, grüner Wiese gelegenes Bauernhäuschen. ›O, wer da wohnen könnte!‹
Der Wirt: ›Ja, Herr, das können Sie heute noch. Der Hof ist auf der Gant. Der Bauer hat abgewirtschaftet!‹
Wie ein Wink vom Himmel kam’s dem Manne vor, der oft so abgetrieben war vom Lärm der Großstadt und der Parteien. Hier müsse sich’s ausruhen lassen! Selbigen Tags stieg er hinunter, erwarb den Hof und verlebte beglückende Sommer in der Bergeseinsamkeit.
Aber viele Verwandte und Freunde kamen, um sich mitzufreuen, und fanden wohl eine Streu in dem sehr engen Häuschen schön – aber noch schöner eine Möglichkeit, in behaglichen Räumen wochenlang mit den verehrten Freunden Erholung und Stille zu genießen. So entstand nach und nach im Zusammenhang mit der Stadtmission das Hospiz, in dem man aufs schönste versorgt wird. Dorthin soll die Reise gehen.«
Mit wendender Post kam Kätes Antwort, die ebenso begeistert klang wie Hannis Brief, und mit vielen frohen Vorbereitungen vergingen die kurzen Wochen bis zur Abreise.
Bei strahlendem Sonnenschein fuhr am 11. Juli der Berliner Abendzug in den Münchener Bahnhof ein. München! Wie erwartungsvoll klopfen junge Herzen schon beim Klange dieses Namens! Bilder, Skulpturen, rauschende Brunnen, mondbeschienene Isar, Edelweiß, Nagelschuhe, Würstchen und Münchener Bier – von ferne winkende und lockende Berghäupter – das alles tanzt vor den geblendeten Augen durcheinander.
Vom ungewohnt langen Stillsitzen etwas steif geworden, reckten und streckten zwei uns wohlbekannte junge Gestalten ihre Glieder und sahen sich glückselig und neugierig unter dem bunten Menschengewimmel um. Wie anders sah schon hier die Welt aus als in Berlin. Lustig und anheimelnd klang ihren Ohren der bayrische Dialekt. »Es klingt so herzlich,« meinte Käte, indem sie Hanni auf zwei junge Leute aufmerksam machte, die einander behilflich waren, ihre Rucksäcke aufzuladen, die Lodenmäntel zu rollen und sich dann, mit langen Stöcken bewaffnet, auf den Weg begaben. Sie schienen heute noch einen tüchtigen Marsch machen zu wollen, und mit ihren festen Wadenstrümpfen und kecken grünen Hüten sahen beide aus, als wenn sie jedem Wetter und Ungemach trotzen könnten.
»Am liebsten möchte man doch auch weiterfahren, bis der Schnee da ist,« meinte Hanni. Aber ihr Vater bestand darauf, vorher das geliebte München mit all seinen herrlichen Schätzen wiederzusehen, und als die jungen Mädchen in der Glyptothek waren und die in Nachbildungen wohlbekannten Gestalten nun im lebenverleihenden Marmor erblickten, da konnten sie sich nur mit Mühe losreißen, und der Vater behauptete scherzend, die Anstrengung, seine Lieben von einer Herrlichkeit nach der anderen loszureißen, überstiege beinahe seine Kräfte!
Trotzdem gelang es, in den dazu festgesetzten drei Tagen das Allerwichtigste soweit kennen zu lernen, daß der Wunsch erweckt war, bei jeder nur möglichen Gelegenheit wiederzukommen. Für diesmal ließ die Sehnsucht nach den Bergen sich nicht länger zurückdrängen, und am Freitagnachmittag bestieg man den Zug nach Partenkirchen und langte gegen Abend in dem über die Maßen anmutigen, anheimelnden Städtchen an. Auf der grünen Wiese hingestreut, liegen in malerischem Durcheinander die kleinen bunten Häuser, das weiße Kirchlein mit dem spitzen, grauen Schindelturm, – an den waldigen Berg gelehnt, die Antonikapelle. Die jungen Mädchen waren so völlig im Anschauen verloren, daß sie gar nicht acht gaben, was aus ihrem Gepäck geworden. Zu ihrem höchsten Ergötzen fanden sie es auf den Rücken von drei geduldigen Eseln künstlich aufgetürmt und noch künstlicher festgebunden. Der lange Klaus, der die Esel führte, bedeckte zuletzt alles mit einem wasserdichten Leinen und fragte: »Isch nu olles, die Herrschaften?«, worauf der Major noch einmal zählte: »Sechs Stück; aber auch gerade genug für Ihre Grauen!«
»Nun bitte, meine Lieben,« forderte er seine Damen auf, ein leichtes Wägelchen zu besteigen, »eine halbe Stunde geht’s noch per Wagen, wie dieser brave Rosselenker meldet. Die letzten 1½ Stunden sind wir auf Schusters Rappen angewiesen. Wird das nicht zuviel werden?«
Aber in dieser herrlichen Luft zu ermüden, wies man als eine Unmöglichkeit zurück, und selbst die Warnung: »Nur für Schwindelfreie!« am Eingang der tosenden Partnachklamm schreckte nicht zurück. Als man dann die brausenden, donnernden Wasser und die furchtbar drohenden Abgründe hinter sich sah, atmete doch jeder erleichtert auf. Gleich im Anfang hatte die Gebirgswelt ein Stück von ihrem großartigen und grausigen Ernst gezeigt.
Rüstig wurde nun weitergeschritten. Immer mächtiger und erhabener wurden die Bilder. Das wunderbar klare, weißgrüne Wasser der Partnach sprang und rauschte neben dem Fußpfad über Felsen und Geröll. Wenn nicht die Herrlichkeit dessen, was die Augen erblickten, die Lippen hätte verstummen lassen, so hätte es das nie endende Rauschen der Wasser getan.
»Hat man je solche Tannen gesehen!« rief Käte ganz überwältigt. »Das sind ja wahre Riesen; und solch Grün, wie diese Wiese, habe ich mir noch nie träumen lassen! O Hanni, Hanni, mir ist, als müßte mir das Herz zerspringen! Ich kann es nicht fassen, daß dies alles Wirklichkeit ist!«
Weit drüben auf dem etwas bequemeren Hochweg trieb Klaus seine Esel in gemütlichem Trott vorwärts, und als er eine Höhe erreicht, stieß er einen langgezogenen Jodler aus, mit dem er die auftauchenden Spitzen und die unten Wandernden grüßte. Seine Töne weckten den Widerhall der Berge. Käte stand still und erhob ihre Stimme zu einem wirklich ähnlich klingenden Jauchzen, obgleich jedermann weiß, daß Jodeln für den Nordländer schwer oder nie zu lernen ist!
»Das kam von Herzen, Käte!« lachte der Major.
»Ja, ganz gewiß! Aber wenn das arme, kleine Herz sich hier nicht mal kräftig Luft machte, müßte es einem vor Wonne zerspringen!« rief sie mit flammendem Rot im Gesicht. »O Hanni, komm mal her!« Damit küßte sie die Freundin ab, daß der Hören und Sehen verging.
Trotzdem es auf und nieder ging, hatten aller Augen so viel zu sehen, daß man von Müdigkeit nichts fühlte. Und als zum Schluß der steile Aufstieg kam, war man erstaunt, daß nur noch zehn Minuten bis zum Ziel sein sollten.
Auch die letzte Zickzack-Windung wurde überwunden, und vor den Wanderern lag auf der grünsten aller Matten das nach dem Bilde schon bekannte, freundliche Bauernhaus, und wenige Minuten weiter das so einladende Hospiz. Wie klopften die Herzen, als man nun wirklich eintrat und unter dem grünumrankten Dach des hölzernen Vorbaues den greisen Hausherrn mit einigen Gästen plaudernd sitzen sah! Sein Gesicht hatte man von fern manches Mal im Gottesdienst in Berlin gesehen – aber ihm jetzt selber die Hand drücken dürfen, von den freundlich strahlenden, blauen Augen hier in der Alpenherrlichkeit willkommen geheißen zu werden, das gab dem Ganzen eine Weihe, die den jungen Menschenkindern tief ins Herz drang. Dieses Gefühl wurde noch verstärkt, als am Abend die sämtlichen Gäste in dem äußerst gemütlichen Wohnzimmer zusammenkamen, um Gottes Wort zu hören, das der Geistliche in seiner schlichten, eindringlichen Art auslegte. Als die Klänge eines kräftig gesungenen Chorals den Abendsegen beschlossen, wandten sich manche interessierte Blicke, um zu sehen, wem die beiden frischen Mädchenstimmen gehörten, und ein Ausdruck heller Freude glitt über alte, müde Gesichter beim Anblick dieser lebensfrohen Jugend.