18. Kapitel.
Allerhand Bekanntschaften und Tante Luciens Nöte.

Eine anziehende, jüngere Frau war Hanni schon mehrmals aufgefallen, aber ihren Namen hatte sie nicht deutlich verstanden, und da die Fremde mit ihrem munteren, kraushaarigen Jungen am anderen Ende der Tafel saß und an den gemeinsamen Ausflügen bisher nicht teilnahm, so waren ihre Wege sich nicht begegnet.

An einem etwas bewölkten Nachmittag dachte Hanni sich eine rechte Ausruhe zu gönnen und trug ihre Hängematte unter die großen Kiefern am Waldhang, von wo die Alpspitze im Abendschein sichtbar ist. Schon wollte sie enttäuscht weiter gehen, als sie ihr Lieblingsplätzchen besetzt fand, aber mit gewinnender Freundlichkeit lud die Fremde sie zu sich auf die Holzbank. »Liebes Fräulein Gerloff, wie freut es mich, Ihnen einmal sagen zu können, daß Sie mir gar keine Fremde sind. Durch unsere Verwandten in Buchdorf habe ich soviel Liebes von Ihrem Elternhause und von Ihnen gehört, daß es mir eine große Freude war, bei meiner Ankunft von Ihrem Hiersein zu hören. Ihr Gutsnachbar Rantzau ist der Vetter meines Mannes, des Regierungsbaumeister Schack in München,« fuhr sie auf Hannis fragenden Blick fort.

»Ach, der Vater von Hermann Schack, der vor zwei Jahren im Sommer dort war? Das ist ja zu nett! Da hat Ihr Sohn sicher viel von den schönen Hundstagsferien erzählt?«

Ein Schatten glitt über ihr freundliches Gesicht. »Von Hermann erinnere ich mich nicht, viel über den Aufenthalt gehört zu haben. Aber dem machte damals auch wohl gerade sein erstes Examen zu schaffen. Desto mehr erzählte mir meine kleine Nichte, Gertrud von Rantzau, während ihres Besuches im Herbst von Ihnen. Wie allerliebst ist das Mädel geworden! Das hatte ich gerade von der gar nicht in dem Maße erwartet.«

Als die Tischglocke rief, konnten die beiden gar nicht begreifen, wo der ganze Nachmittag geblieben war! Nach dem Abendessen wurden auch Hannis Eltern und Käte in die neue Bekanntschaft hineingezogen, und der Major erfuhr zu seiner Freude, daß Frau Schack am nächsten Tage den Besuch ihres Gatten aus München erwarte.

Das Herumsteigen in den Bergen ohne bestimmten Zweck erschien auf die Dauer dem Landwirt etwas unnötig. Nun war ihm eine verständige Aussprache mit dem vielinteressierten Baumeister hochwillkommen. – Da Frau Schack keine weiten Wege machen konnte, erbot er sich bereitwillig, seinen alten Bekannten von Partenkirchen abzuholen. Aber recht bedenkliche Miene machte er, als seine Gattin, die eben angelangten Postsachen durchsehend, ausrief: »Sieh doch, was für ein Besuch uns morgen bevorsteht: deine Cousine Lucie meldet sich an, und ihr Neffe Felix wird sie heraufgeleiten. Er studiert in München, und sie will ihrem geliebten Paten eine Ferienerholung verschaffen.«

»Nein, was du sagst! Was kommt denn der in den Sinn? Ich denke, sie wollte ihre Nerven an der Ostsee kurieren! Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß sie mit all ihren Tüchern und Umständen hier oben zurecht kommt. Nun, wir wollen das beste hoffen. – Sie müssen wissen, verehrte Frau Schack, meine Cousine ist eine von den Menschen, die täglich ein neues Leiden und Gebrechen betrauern. Aber in dieser freien, klaren Luft mag das alles ja besser werden! Was meint ihr, Mädels, kommt ihr mit, sie heraufzuholen?«

Beide versprachen gern ihre Hilfe, und am anderen Tage wanderte eine fröhliche, kleine Karawane den Berg hinunter.

»Käte, was willst du mit deinem Rucksack machen?« fragte Hanni erstaunt.

»Man kann nie wissen, wozu man ihn braucht. Ich dachte, vielleicht richtet Tante sich auch unpraktisch mit ihrem Gepäck ein, wie das reizende alte Fräulein aus Dessau, das abends mit dem Federhut zu Tisch ging und zum größten Schreck der Anwesenden früh den nächsten Morgen mit demselben Hut ›aus dem Bett kam‹, wie der Student meinte. Es war bloß, weil die Esel ihre Haubenschachtel nicht mehr tragen konnten.«

Kätes Ahnungen hatten sie nicht betrogen. Aber wenn sie unpraktische Einrichtungen befürchtet hatte, so übertraf doch das, was ihnen auf dem Bahnhof bevorstand, die kühnsten Erwartungen. Schon von weitem sah man hinter einer lebhaft gestikulierenden kleinen Dame einen Kofferträger keuchen unter der Last eines riesigen Korbkoffers, dessen Schätze hinter einer schweren Eisenstange und zwei Vorlegeschlössern sicher geborgen waren. Außer dieser Last schleppte er in der einen Hand eine große lederne Tasche, auf deren Vorderseite ein Sechzehnender aus Perlen auf grünem Grunde gestickt war. Im anderen Arm trug er eine gehäkelte Plaidhülle, aus der verschiedene Sonnen- und Regenschirme hervorsahen, und eine umfangreiche Hutschachtel.

»Gerechter Himmel, liebe Cousine, ziehen Sie denn mit Ihrem ganzen Besitz um?« entfuhr es dem bestürzten Major. »Ich meine nur, sollen diese Sachen alle mit nach oben?«

»Ja, lieber Vetter, dies ist mein Gepäck. Hoffentlich ist die Kutsche bereit, die ich bestellt hatte? Wie geht es übrigens euch Lieben hier in der erhabenen Bergwelt?«

»Uns geht’s soweit gut – aber wissen Sie, Cousinchen, Kutschen gibt’s da oben nicht, – wenn Sie nicht etwa dieses Fahrzeug meinen?«

Damit wies er mit seinem Stock auf ein kleines, abseits stehendes Gefährt, das bisher noch niemand bemerkt hatte. Ein schön mit Samt bezogener Sitz schwebte zwischen zwei breiten Rädern. Darüber gespannt war gegen Wind und Sonne ein großer, hellgrauer Schirm, und gezogen wurde das Möbel von zwei dicken, grauen Ochsen, denen die übermäßig lange Deichsel an ihren Hörnern befestigt war. Der Anblick war in der Tat für Nordländer ungewöhnlich, und Käte brach in lautes Entzücken aus, als sich herausstellte, dieses Fuhrwerk, das immer von Zeit zu Zeit alte oder leidende Herrschaften nach oben brächte, sei zur Abholung der neuen Dame geschickt.

»O bitte, Tante, steigen Sie ein; hier ist auch der Riemen, um Sie festzuschnallen – wegen der steilen Abhänge –, dann ist’s ganz ungefährlich. Bitte, hier sitzt sich’s großartig!«

Empört wies die Dame, die eine schöne, mecklenburgische Landkutsche erwartet hatte und vielleicht einen kleinen Leiterwagen fürs Gepäck, diesen »unwürdigen Karren« zurück.

»Ja, aber Pferde können den Weg nicht machen. Dann müssen Sie schon zu Fuß gehen, wie wir alle.«

»Zu Fuß?« Sie erstarrte vor einer solchen Zumutung. Ratlos irrte ihr Blick von ihren dünnen Zeugstiefeln zu den derben Nagelschuhen der jungen Mädchen. »Ja, kann man denn das als Dame?«

Inzwischen erklärte der lange Klaus sich völlig außerstande, all das Gepäck zu befördern. »Die anderen Sachen kriege ich schon, aber den Korb können die Esel voll überhaupt nicht tragen. Wenn er morgen rauf muß, müßte er schon vorher ausgeleert werden.«

Lachend erklärte ihm der Major, daß es auf den Koffer weniger ankäme als auf den Inhalt.

Aber jetzt erreichte die allgemeine Verwirrung ihren Gipfel. In elegantester Reisetoilette, sein Monokel lässig fallen lassend, trat ein junger Herr näher, begrüßte die Anwesenden mit feierlichen Verbeugungen und befahl dem Dienstmann, der einen messingbeschlagenen Schiffskoffer geschickt balancierte: »Nach dem Berghospiz expedieren.«

Alle sahen einander verblüfft an. Als aber der Dienstmann mit einem verschmitzten Gesicht fragte: »Wie soll er raufgeschafft werden, junger Herr?« da war es um Kätes Fassung geschehen. Es war ein Glück für sie, daß alle Blicke noch immer mit dem unglückseligen Gepäck beschäftigt waren.

»Ach, mein lieber Felix!« rief der Major, »hätte Sie wahrhaftig kaum wiedergekannt – riesig gewachsen! Nett von Ihnen, die gute Tante herzubegleiten! – Aber nun erst einen Schlachtplan! Ich schlage vor, wir nehmen alle dort in der Vorhalle bei einer gemütlichen Tasse Kaffee Platz; man kriegt Durst bei der staubigen Fahrt, nicht wahr, Cousinchen? Und nun mal ein vernünftiges Wort: wie ist es denn mit Ihren Gehwerkzeugen bestellt? 1½ Stunden sind’s nur, und der Weg ist jetzt sauber, können Sie’s wohl machen?«

Die Tante, die sehr wohlauf war, und der daran lag, als gute Touristin zu gelten, erklärte: »In den Bergen wolle sie viele Stunden klettern. Nur so auf der Landstraße, das sei ihr zuwider. – Aber wenn es hier Sitte sei – –«

»Gut. Nun aber das Gepäck. Könnte es nicht so eingerichtet werden, daß die wirklich unentbehrlichen Sachen zusammengepackt würden und die Arche Noah hier friedlich auf dem Bahnhof bliebe?«

Die Ärmste geriet außer sich. Vierzehn Tage waren ihre beiden Näherinnen am Werke gewesen, um ihre ganze Garderobe elegant und modern herzurichten. Wie selten gab es in Parchim Gelegenheit, Toilette zu machen. Höchstens bei dem Diner, das ihr Bruder, der Rittmeister, jeden Winter gab. Nun hatte sie einmal zeigen wollen, daß man in Mecklenburg nicht in der Kultur zurück sei. Und ihre Freundin hatte ihr doch erzählt, im vorigen Jahre sei nicht nur eine Gräfin oben gewesen, sondern sogar eine Hofdame aus Hessen-Nassau! Da mußte man doch ordentlich auftreten! – Ach, was sollte sie bloß tun! Und dies alberne Ding, die Käte, kicherte noch immerzu! Wie sah das Mädchen überhaupt aus mit ihrem Handwerksburschensack auf dem Rücken!

Hanni war ein vernünftiges Kind. Mit ihr ging sie in einen verschwiegenen Winkel. »O Hanni, que faire – quel malheur, ma chérie

»Liebes Tantchen, höre zu: Du hast ein hübsches Reisekleid an –«

»Findest du, Herzchen?« fragte die durch solche Anerkennung Neubelebte, und strich wohlgefällig die Falten glatt und zupfte einige Schleifen zurecht. »O ja, es geht noch wieder! Es ist gekehrt und ganz neu aufgearbeitet.«

»Ich wollte nur sagen, wenn du dir außer diesem für Regentage ein schlechteres einpacktest und dann Nachtzeug usw. – –«

»Still, Kindchen, still, die Herren!«

»O, die hören gar nichts; also sieh her! Schließ doch den großen Koffer mal auf!«

»Hier vor all den Männern? Lieber sterben!«

»Vielleicht gibt’s ein Damenzimmer? Dort! Ach, lieber Mann, seien Sie doch so freundlich, uns diese Sachen in das kleine Zimmer zu tragen.«

Händeringend folgte die unglückliche Tante, aber dem besänftigenden Zureden Hannis gelang es nach und nach, die Wogen zu glätten. Das schwierige Umpacken kam zustande, und nach vielen Einwendungen ließ die Schwergeprüfte sich sogar bereden, ihre Zugstiefelchen mit festeren Lederschuhen zu vertauschen, die sich im Koffer fanden, aber nur unter der Bedingung, daß die Vorhänge heruntergelassen würden, und beide Mädchen sich mit aller Kraft gegen die nicht verschließbare Tür stemmten, wobei Käte wieder nahe daran war, Lachkrämpfe zu bekommen.

Besorgt, daß der Vater ungeduldig werden möchte, eilte Hanni dann hinaus. Aber inzwischen hatte sich auch der Baumeister eingefunden, und die Herren saßen gemütlich plaudernd beieinander. Nur Felix schien noch völlig ratlos.

»Vati, Tante Lucie ist nun bereit.«

»Schön; und Sie, lieber Felix?«

»Ja, Herr Major, das ist eine ganz verteufelte Geschichte! Ich sehe wahrhaftig nicht – –«

»Hanni, du weißt doch sonst immer Rat; was meinst du dazu?«

»Nun, das scheint mir doch nicht so schwierig? Käte leiht Herrn von Alten sicher ihren Rucksack. Könnten Sie denn nicht Wäsche und Schuhzeug dahinein packen, und wenn Sie oben sehen, was Sie sonst noch brauchen, dann könnten Sie wieder hergehen und sich das Nötige nachholen?«

Der Angeredete glaubte nicht recht zu hören. Wie interessant hatte er sich das Wiedersehen vorgestellt, als seine Tante ihm mitteilte, wen man in der Sommerfrische treffen würde!

Ja, die gute Dame hatte sogar einfließen lassen, was für eine ausgezeichnete Partie die einzige Tochter des tüchtigen Gutsbesitzers sein würde, und Felix hatte schmunzelnd bemerkt, daß sie wohl ihre stillen Absichten dabei hege, wenn sie das große Opfer brachte, ihren verwöhnten Liebling zu dieser Reise einzuladen.

Trotzdem er als Korpsstudent reichliche Gelegenheit gehabt und benutzt hatte, mit eleganten jungen Damen zu verkehren, so war ihm doch der feine, blonde Mädchenkopf von vor zwei Jahren sehr lebhaft wieder in die Erinnerung gekommen, und er hatte sich mit großem Vergnügen ausgemalt, wie erstaunt und verwirrt die Kleine zu ihm aufsehen und wie sie erröten würde, wenn statt des früher vielleicht etwas linkischen Primaners der elegante Korpsier vor ihr stände.

Ganz anders die Wirklichkeit. Von Erröten keine Spur, von Aufsehen noch weniger; denn Hannis schlanke Gestalt blieb wenig hinter seiner Größe zurück.

Statt dessen sprach sie mit vollendeter Kaltblütigkeit zu ihm von Wäsche und Schuhzeug, als wenn sie zu ihrem kleinen Bruder spräche oder zu einem dummen Schulbuben! Er war wütend. –

Und so einen Sack sollte er selber die Berge in die Höhe tragen? Niemals! –

»O, vielen Dank! Bin den Herrschaften aufs tiefste verbunden; möchte aber auf keinen Fall lästig fallen. Bitte sich doch gar nicht meinetwegen aufzuhalten, ich besorge meine Sachen schnell und werde ja sehr leicht die Herrschaften wieder einholen, wenn sie die Güte haben, eben voraufzugehen!«

»Nun, wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen!« murrte der Major. »Also wünsche gute Verrichtung – und dann in Gottes Namen vorwärts, ihr Lieben!«

Die besorgte Tante kam wenig dazu, den schönen Weg zu genießen; sie war aufs höchste bekümmert. »Was wird der arme Junge nur machen hier an dem wildfremden Ort! Und wie soll er uns bloß wiederfinden?«

»Aber, liebstes Tantchen, er ist doch ein großer Mensch. Und verfehlen kann man sich hier gar nicht; bei jeder Wegbiegung gibt es Zeichen.«

Bei einer kurzen Rast begann die Tante: »Hanni, eins nimm mir nicht übel: Ich begreife nicht, wie du mit einem jungen Herrn über solche Natürlichkeiten sprechen kannst, wie vorhin. Das finde ich doch nicht weiblich!«

»Aber Tante Lucie,« brach die vorlaute Käte los, »finden Sie denn unter allen Umständen Unnatürlichkeiten schöner? Da verlassen Sie sich drauf, es geht Ihnen sicher noch wie jener Dame, die bei unserem alten Lotsen in Warnemünde gemietet hatte: Als sie die Wohnung beaugenscheinigt, fällt ihr Blick auf die gewaschenen Anzüge des Alten, die zum Trocknen auf dem Hofe hängen. ›Liebe Frau, das Männerzeug da kann ich aber nicht vor meinem Fenster leiden – das müssen Sie wegnehmen,‹ sagt sie naserümpfend. Am anderen Tage kommt der Sanitätsrat, um der fremden Dame den Puls zu fühlen. Da stellt sich die alte Jansen breit vor ihn, weist höhnisch mit dem Finger auf seine Unaussprechlichen und erklärt: ›Ja, Herr, de mötens öwer ihrst uttrecken. De Dam de kann kein Mannsbüxen seihn!‹«

»Ich hatte nicht gedacht, daß du noch immer so unmanierlich und naseweis sein könntest, liebe Käte,« meinte die Tante, indem sie ziemlich verstimmt ihren Weg fortsetzte. Von dem verlorenen Neffen war nichts zu erspähen, soviel man sich auch umsah. Ja, man erreichte ohne ihn das Ziel, und nach vergeblichem Warten ging alles zur Ruhe, ohne eine Kunde von seinem Verbleiben.

Die schwerbekümmerte Tante ergab sich erst in ihr Schicksal, als der Major energisch erklärt hatte: »Wir würden uns ja lächerlich machen, wenn wir noch länger auf den Jungen warten wollten. Er sitzt ganz einfach unten in einem der vielen Gasthäuser und behütet seine Kleinodien. Ein solches Untier von Koffer ist durch diese Wege einfach nicht zu bewegen. Hoffentlich nimmt er sich daraus eine Lehre und macht nicht wieder solche Albernheiten.«

Als eben das ganze Haus im tiefsten Frieden lag und kein Ton mehr ans Ohr drang, als leises Grillenzirpen von den Wiesen und das in der Stille lauter heraufklingende Rauschen der Partnach, da erhob sich ein hier oben nie erlebtes lautes Lärmen, Hin- und Herrennen, Türenklappen, erregtes Sprechen, Treppauf-, Treppablaufen. Manche von den Gästen, die der erste süße Schlummer umfing, fuhren erschrocken in die Höhe, in der Meinung, wieder mitten drin zu sein im lauten Getriebe der Großstadt, dem sie so selig den Rücken gekehrt.

Am anderen Morgen gehörten unsere Schönfelder Freunde, wie gewöhnlich, zu den ersten am Kaffeetisch. Da fragte ganz beiläufig der Major: »Habt ihr den Spektakel gestern abend eigentlich gehört? Es ist doch nicht jemand krank, daß der Arzt geholt werden mußte? – Käte, um Himmels willen, was ist dir denn? So sei doch vernünftig!«

Die Angeredete hatte den Kopf auf ihre Arme gelegt, und die Schultern bebten ihr vor Lachen.

»Ach, Vater, es war eine greuliche Sache,« erklärte Hanni, in deren Gesicht es auch verräterisch zuckte. »Die arme Tante tat mir so leid, und ich fürchte sehr, sie hat heute von all der Aufregung solche Migräne, daß sie nicht aufstehen kann.

Erst hatte sie viele Schwierigkeiten mit ihrem Bett, mit dem nötigen warmen Wasser usw. Sie ist auch gewöhnt, daß ihr Sophie beim Frisieren hilft. Ich hoffe aber, das kann ich ganz gut lernen. Als nun alles um elf Uhr geregelt war und sie ganz erschöpft im Bett lag, da fing das Klopfen und Poltern an.

Der unglückliche Herr von Alten hatte doch zwei Träger gefunden, die sich bereit erklärten, ihm sein Haus heraufzuschaffen. Bei der steilen Schurre hatten sie aber gestreikt und nur nach vielem Zureden den Weg fortgesetzt. Der Mond versagte ja gestern abend auch, und so war es eine unheimliche Reise. Wütend waren sie endlich hier oben angelangt und hatten natürlich alles verschlossen gefunden. Und nun kam das Schlimmste: für die grausige Tour haben die Leute so hohe Preise gefordert, daß die ganze Barschaft des unglücklichen Studenten dafür nicht ausreichte. Die Tante mußte ins Treffen – aber wie? Ich in meiner Dummheit schlug vor, ihn hereinkommen zu lassen. Da ging es mir ganz schlecht. ›Die moderne Jugend, auch die beste, verlöre jeden Maßstab von dem, was sich schicke. Noch nie hätte ein Mann sie im Bett gesehen. Selbst wenn ihr alter Doktor kommen müsse, empfinge sie ihn immer in voller Toilette im Wohnzimmer.‹

Aber warten wollten die Träger auch nicht – es war eine richtige Angstpartie. So gut es ging, half ich ihr in die Kleider, ein Schal wurde über den Kopf drapiert – endlich konnte der unglückliche Neffe zugelassen werden. Aber nun schickte es sich wieder nicht – ich weiß nicht mehr, aus welchen Rücksichten –, daß ich dabei sei; ich glaube, ich durfte an Geldverhandlungen nicht teilnehmen. Kurzum, es war eine solche Kette von Verlegenheiten und Verwirrungen, daß ich glaube, die arme Tante wird sich nicht so leicht von den Schrecknissen dieser Nacht erholen.«