Inzwischen hatten sich auch die anderen Gäste eingefunden, und die Jugend machte sich marschfertig für eine größere Tour, von der sie erst am Abend zurück sein konnten.
Als mit zerschlagenen Gliedern und übernächtigem Aussehen der neue Ankömmling die Veranda betrat, fand er niemanden mehr, dem er seine recht ausgeschmückten Reiseabenteuer erzählen konnte, als ein paar würdige Damen, die geduldig zuhörten, und einen alten Geistlichen, der nachher kopfschüttelnd äußerte: »Was gibt es doch für törichte Burschen!«
Begeistert von den Herrlichkeiten, die sie genossen, kamen die Wanderer am Abend heim und konnten gar nicht genug schildern, wie klar der Fernblick gewesen, wieviel Schnee sie oben getroffen, wie unbeschreiblich man die Abendröte genossen hätte.
»Und kein bißchen müde sind wir geworden; da dürfen wir nun doch morgen auf den Schachen? Der Förster meint, man solle dies gute Wetter benutzen, lange hielte es nicht mehr an.«
Die längst geplante Tour wurde verabredet, und Felix, der bisher ziemlich einsilbig dagesessen in Erinnerung an den mit Tante Lucie recht langweilig verlebten Tag, erklärte, jedenfalls an dem Ausflug teilnehmen zu wollen.
Früh um sechs Uhr kam es leise, um die Längerschlafenden nicht zu stören, aus den verschiedenen Ecken des Hauses zusammen. Proviant wurde in die Rucksäcke verteilt, jeder suchte gerade den Bergstock zu erwischen, der ihm am handlichsten war, die Riemen wurden auf ihre Festigkeit geprüft, und lachend kommandierte der junge Mediziner: »Jeder fühle nach, ob seine Absätze festsitzen, damit nicht wieder einer verloren geht, wie neulich!« Dabei streifte sein Blick die schöne Bügelfalte und die feinen, braunen Schuhe des Korpsiers, und erstaunt rief er aus: »Ich meine, Sie wollten doch mit? So? – mit diesem Beinwerk? – Das ist vollständig ausgeschlossen! Eine Beleidigung für unsere Berge, sie für so harmlos zu halten, daß man sie mit Tanzschuhen besteigt! Sie würden rettungslos von dem ersten Hang abrutschen.«
Felix wollte eine empörte Antwort geben. Das harmlos muntere Wesen seines Kommilitonen war ihm schon am gestrigen Abend äußerst anstößig gewesen. Aber ein feiner, junger Ingenieur legte sich ins Mittel und erklärte ihm, daß er ohne entsprechende Kleidung hier an den weiteren Wegen wirklich nicht teilnehmen könne, daß er aber alles Nötige unten im Städtchen bekäme. So wurde der Weg gemeinsam angetreten, und unten an der Brücke teilte man sich. Rechts ging’s hinauf zur Höhe – Felix wanderte hinunter, um eine alpine Ausrüstung zu besorgen.
»Ein Greuel sind doch diese aufgeputzten Salontiroler,« sagte am Mittag der Major zu seinen Damen, indem er mit seiner kurzen Pfeife den Weg hinunterwies, den man von der Ruhebank aus übersehen konnte. »Nun seht doch dieses Bürschchen! Alle Farben, die es gibt, trägt der Papagei an sich! Solche hübsche Volkstracht so lächerlich zu machen! – Aber was ist denn das? Ich sehe wohl verkehrt? – Das ist doch nicht Ihr lieber Neffe? Nein, das hätte ich wahrhaftig nicht für möglich gehalten! – Herrschaften, ich gehe eben voran, mich zum Essen fertig zu machen,« fügte er, aufstehend, hinzu, um der Begrüßung mit dem Schöngeputzten aus dem Wege zu gehen, die ihn in dessen Seele genierte.
Anders machte es Käte, als sie am Abend mit den übrigen heimkam und ihr im Eßsaal die hellblaue Jacke und das unnatürlich weiße, offene Hemd entgegenstrahlte. Sie fuhr einen Schritt zurück, lachte hell auf und rief: »Herr von Alten, so sind Sie zu hübsch! Bitte, so müssen Sie auf einen Pfeifenkopf gemalt und zur Kirmeß verkauft werden!«
Er fand sich wirklich selber so hübsch, daß er gar nicht gekränkt war über den Ausruf, und allmählich neigte sich der Zeiger an seinem Kompaß der lustigen Käte zu, die doch mehr Schick hätte als die gar zu aufrechte Hanni.
»Denken Sie sich meine Freude,« erzählte eines Nachmittags der Baumeister den Freunden: »Mein ältester Junge schreibt heute, er könne es ganz gut so einrichten, daß er einen Teil seines Urlaubs jetzt nähme und mit uns hier oben verlebte. Unsere Schilderungen haben ihm wohl den Mund wässern gemacht. Er kann jeden Augenblick kommen,« fügte er, auf die Uhr sehend, hinzu.
In der Tat sah man bald darauf eine elastische Gestalt mit schnellen, festen Schritten über die Wiese herkommen. Wie einem echten Kinde des Landes saß ihm die knappe Bergtracht wie angewachsen, und keck nickte das selbstgepflückte Sträußchen Edelweiß von dem weichen, in Sturm und Wetter farblos gewordenen Hut. »Grüß Gott, Vater!« Wie herzig das klang. Dann aber schickte er, trotz der fröhlichen Begrüßung von allen Seiten, einen enttäuscht fragenden Blick in die Runde. Fehlte denn jemand?
»Sie haben nicht zuviel gesagt von Ihrer Heimat,« meinte der Major. »Eine wahre Pracht ist das! Wir sind alle ganz begeistert. Übrigens, wo ist Hanni?«
»Sie ging vorhin in den Antoniwald hinauf, Onkel; wahrscheinlich will sie ihre Skizze vom Bauernhaus fertig machen.«
Hanni malte nicht. Das Gesicht in beide Hände gestützt, saß sie auf einem bemoosten Stein und sah unbeweglich in die Ferne. Sie war unzufrieden mit sich. Warum war’s ihr wie ein Blitz in die Glieder gefahren bei der ganz unerwarteten Nachricht vorhin? Was sollte dieses alberne Rotwerden, das ihr alle Fassung raubte? Es war doch hübsch, alte Bekannte wiederzusehen. Aber in solcher großen Versammlung sich zu begrüßen, war ihr fatal.
Und nun nachträglich allein, das wäre noch schlimmer. Sie mochte nicht umkehren und blieb auf ihrem versteckten Plätzchen, bis die Dämmerung hereinbrach. Dann stahl sie sich ungesehen von der Seite ins Haus; wäre nun aber in der Eile und geblendet von der plötzlichen Helle fast zusammengerannt mit den Münchener Freunden, die eben dem Neuangekommenen sein Zimmer zeigen wollten.
»Ach, grüß Gott, Fräulein Hanni! Gelt, meine Heimat ist auch schön?«
Alle dumme Verlegenheit war vergessen; herzlich schlug sie in die dargebotene Rechte, und das warme Gefühl von Vertrauen legte sich ihr wieder ums Herz, das diese Stimme vom ersten Augenblick an in ihr erweckte.
Warum hatte die Sonne noch nie so hell geschienen, wie an den nun folgenden Tagen, das Heu noch nie so süßen Duft ausgeströmt, die klaren Wasser noch nie so melodisch gerauscht, die Ferne noch nie so verführerisch gelockt? Hanni dachte nicht viel darüber nach, sondern überließ sich der beglückenden Gegenwart ohne jeden Rückhalt. Sie fühlte keine Ermüdung, wie früh morgens auch die Wanderungen begannen. Und wenn am Abend der Mond seinen flimmernden Schein über die Wiesen ergoß, dann bedurfte es eines elterlichen Machtspruchs, um die junge Gesellschaft überhaupt zur Ruhe zu bringen.
Aber auch »die ältesten Leute« gaben zu, einen solchen August noch nicht erlebt zu haben.
An einem strahlenden Nachmittag kam der stets beschäftigte Student Eisen mit eiligen Schritten den Fußweg vom Bauernhaus herauf: »Was für ein Glück, Herr Schack, daß Sie hier so zu Hause sind! Denken Sie, die beiden Führer, die Majors für die Zugspitze bestellt hatten, telephonierten eben ab. Sie wären für einen Krankentransport bestimmt, da müsse alles andere zurückstehen. Aber Frau Dr. Kähler hat den ihren sicher, und der Burgerhannes vom Bauernhaus will mitkommen. Wenn dann Sie die dritte Stelle übernehmen, so ist doch wohl aller Vorsicht Genüge getan! – Wie oft waren Sie doch oben?«
»Fünfmal, glaube ich, und an den schwierigen Stellen ist mir jeder Fußbreit bekannt. Ich habe den Weg gefunden, als vor Schnee kein Drahtseil zu sehen war. Jetzt bei dem klaren Wetter hat’s gar keine Gefahr! Nicht wahr, Herr Major, Sie vertrauen uns beiden die Führung Ihrer jungen Damen an? Den Hannes habe ich als einen durchaus zuverlässigen, ruhigen Menschen kennen gelernt, und ich für mein Teil bürge dafür, daß nichts Unvorsichtiges geschieht.«
Nach ernstlicher Beratung, der die jungen Mädchen mit nur mühsam verhaltener Sorge zugehört hatten, wurde der Aufbruch der kleinen Gesellschaft für drei Uhr früh festgesetzt. Man wollte gern an einem Tage auf dem Gipfel sein, dort übernachten und am folgenden Tage den Heimweg antreten. Alle wußten, daß dies eine Leistung nur für ganz tüchtige Bergwanderer war, und gerade das reizte den Eifer. Jede Kleinigkeit an den Vorbereitungen wurde mit der Sorgfalt gemacht, die einer Nordpolfahrt würdig gewesen wäre, und früh ging’s zur Ruhe, um die nötigen Kräfte zu sammeln. Eben vorm Schlafengehen schlüpfte Hanni noch einmal zum Abschied in ihrer Mutter Zimmer, wußte sie doch, daß es der Teuren einen wirklichen Entschluß gekostet hatte, ihre Erlaubnis zu geben. »Ich verspreche dir fest, vorsichtig zu sein und gar nichts Waghalsiges zu tun! – Und Herr Schack paßt ja auf, der so genau Bescheid weiß!« fügte sie hinzu und verbarg ihr Erröten an der Schulter der Mutter, die sie innig umarmte.
»Ja, Liebling, ich habe auch keine Angst. Gott ist mit euch. Aber wenn ihr wieder da seid, will ich doch froh sein.«
O, das Wonnegefühl, mit der Sonne um die Wette emporzusteigen, eine Höhe nach der anderen unter sich zu lassen, immer neue Rundblicke, immer freiere Fernsicht! Berückend ist es!
Und wenn der Durst sich meldet, an dem springenden, plätschernden Bergquell zu rasten, der seinen strömenden Reichtum unversiegbar hergibt – immerfort und immerfort! Wieviel Gleichnisse sind an solche Quelle geknüpft worden, wieviel ist über ihre Unerschöpflichkeit gedichtet! – Ganz kennt nur der sie, der an so einem himmlischen Morgen, die Glieder ins weiche Moos gestreckt, ihrer klaren Stimme gelauscht hat und bis ins Herz erquickt ist von ihrer kühlen Frische.
Als die Wanderer sich gründlich gestärkt und ausgeruht hatten, ging’s mit neuer Freude voran. Die Sonne brannte schon heißer, aber was machte das aus, wenn man soviel Überschuß an Kräften hatte!
»Jetzt kann ich Ihnen klarmachen, was Sie für mich sind,« sagte Hermann zu der vor ihm auf dem schmalen Fußpfad hinwandernden Hanni, die so leicht und sicher ging, als wäre Mühe ihr etwas Unbekanntes. »So leer und durstig nach allem Guten war ich, bevor wir uns kannten. Sie sind für mich Erquickung und Leben, wie die frische Quelle für den Verschmachtenden.«
Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, der Weg war schmal, und man mußte acht geben auf die steilen Abhänge.
Als man eine der unwegsamsten Stellen ohne jeden Zwischenfall passiert hatte, sagte der Student eifrig: »Die Damen steigen ganz großartig, wir müssen wirklich den Abstieg übers Höllental nehmen, dann kommen wir eher heim und können doch nachher mitreden.«
Käte stimmte begeistert zu und auch die übrigen waren für den Vorschlag. Nur Hanni sagte nichts, und als sie später eine Gelegenheit fand, mit ihrem Begleiter allein zu sprechen, vertraute sie ihm an, daß es ihr schrecklich peinlich sei, den Kameraden den Spaß zu verderben, und daß auch sie selber – dazu kannte er sie genug – für ihr Leben gern das Abenteuer bestanden hätte. »Aber ich darf’s nicht mitmachen, ich habe Mutti extra versprochen, nichts Waghalsiges zu unternehmen!«
»O, das ahnte ich ja nicht, bitte, verzeihen Sie mein Zureden! Ich bin wohl fest überzeugt, daß wir Sie sicher über die Klippen brächten, sonst hätte ich ja nicht zugestimmt. Aber wenn’s Ihnen gegen das Gewissen geht, so unterbleibt es selbstverständlich.«
Ihr dankbarer Blick war ihm reichlicher Ersatz für die erhoffte Kletterpartie, und im besten Einvernehmen erreichte die kleine Gesellschaft das Ziel und genoß begeistert den klaren, wunderbaren Rundblick und auch von Herzen das kräftige Mahl, das alle redlich verdient zu haben meinten. Nach gründlicher Mittagsruhe saß man wieder friedlich zusammen, blickte in die Ferne und machte sich auf besondere Schönheiten aufmerksam. Dabei wurde gemütlich über Ernstes und Heiteres geplaudert.
Etwas verspätet gesellte sich die junge Doktorsfrau zu den übrigen; da rief der Student ihr schon von fern entgegen: »Sie müssen entscheiden, Frau Doktor, Ihre Lebenserfahrung reicht doch noch weiter als die unsere, was etwas sagen will: Fräulein von Platen behauptet hier, wirkliche Liebe sei völlig unabhängig von allen äußeren Zutaten. Wenn sie zum Beispiel einen Schornsteinfeger lieb hätte, so würde nichts sie zurückhalten, ihm die Hand zu reichen; – ich meine nicht bloß, ohne Angst vor schwarzen Fingern, sondern fürs Leben!«
»Bitte, bitte, Käte, bist du wieder bei deinem Schornsteinfeger angelangt? Geben Sie sich keine Mühe, Herr Eisen, das Kapitel kennen wir bereits aus der ersten Klasse. Ich glaube wirklich, es ist das beste, wenn wir einen von dieser Spezies für Käte beschaffen, damit sie davor Ruhe kriegt.«
»Ihr verdreht meine Meinung absichtlich, und das ist eine Roheit,« rief Käte, rot vor Ärger und Eifer. »Was ich gesagt habe, ist das: die sogenannten jungen Herren brauchen sich nicht einzubilden, daß sie allen geistigen Besitz gepachtet haben! Mit manchem ganz einfachen Menschen kann man sich besser verstehen als mit den allergehobeltsten! Denk an euren Kutscher Hinrich, Hanni! Was haben wir uns erzählt, wenn wir auf dem Bock bei ihm sitzen durften! – Und jetzt dieser Hannes! Ich habe mich nicht nur gefreut, diese Herrlichkeiten mit ihm zusammen zu sehen, statt wie neulich Herrn von Altens Erläuterungen anheimzufallen, sondern ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, es hätte je einer von den gewiß sehr ausgezeichneten jungen Herren in Berlin mich annähernd so unterhalten, wie dieser ganz einfache Mensch. Er zeigte das tiefste Verständnis für alles Schöne und Wahre, und das ist doch wirklich fürs Glück wichtiger, als ein bißchen mehr oder weniger Schliff!«
»Nun, was Herrn von Alten anlangt,« meinte der schwer zu überzeugende Student, »so will das vielleicht nicht so arg viel sagen. Aber Ihre Berliner Bekannten würden sich doch sicher mit Recht beklagen, wenn ihre Qualitäten so glatt zurückgestellt würden hinter die eines braven Bauernjungen, dessen Können im Heumachen und Bergsteigen gipfelt! Übrigens sehen sich auch solche Dinge im strahlenden Sonnenschein rosiger an als in Nebel und Frost! Besehen Sie sich Ihren Ritter einmal im Winter in der qualmigen Bauernstube bei seinen Speckbohnen! Wenn Sie dann noch auf Ihrer Meinung bestehen, erkläre ich mich geschlagen.«
Lachend versprach Käte nach vollzogener Prüfung Bescheid zu geben.
Allmählich wurden die Schatten tiefer, und das Interesse wendete sich dem morgenden Heimweg zu. »Fein wird’s im Höllental,« rief Käte, »ich freue mich so auf die Gesichter der beiden Münchnerinnen, die sich einbilden, sie allein könnten was leisten.«
»Fräulein von Platen, wir wollen doch lieber den gewöhnlichen Weg heimgehen. Nur von dem ist zu Hause gesprochen, und es wäre etwas treulos, nun Extratouren zu machen.«
»Unsinn, Herr Schack,« rief der Student, und die junge Frau schloß sich seiner Meinung an; »direkt verboten ist der steile Weg nicht, und ›was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß‹. Außerdem kommen wir früher heim und überraschen die Wartenden.«
»Die jungen Damen sind meiner Führung anvertraut und machen den steilen Weg nicht,« beharrte Hermann ganz ruhig. Und wenn die anderen auch etwas erbost waren über solch Maß von »Hartnäckigkeit und Engherzigkeit«, so fügten sie sich doch zuletzt, und der Abstieg ging am anderen Tage so glatt und schnell vonstatten, daß, lange bevor sie erwartet waren und bevor ein Gefühl von Bangigkeit das besorgte Mutterherz beschleichen konnte, der kleine Trupp sonnverbrannt und wandermüde, aber glückselig über das Genossene daheim ankam.