»Übermorgen ist Ludwigstag. Wenn es dann noch solch ein Wetter ist, müssen wir, statt das Feuer auf den Bergen anzuzünden, drinnen eine Feier veranstalten!« schlug eines Vormittags der Mediziner vor.
»Wie denken Sie sich das?« fragte Felix, dessen Phantasie und Erfindungskraft nicht hervorragend war.
»O, sehr einfach! Wir dichten ein kleines Festspiel zusammen: Ein paar junge Bauern und Mädchen kommen mit Blumen und Versen, den guten König Ludwig zu feiern. Da sie tief aus dem Gebirge kommen, so erscheint dies stattliche Haus hier auf der Wiese ihnen wie ein Schloß, in dem sie den König suchen, und da er nicht vorhanden, so wenden sie sich mit ihren Huldigungen an unseren verehrten Hausherrn. So ungefähr dächte ich mir’s.«
»Herr Eisen ist großartig! Nie um einen Rat verlegen!« rief Käte. »Der Gedanke ist ganz famos, aber wer faßt ihn am besten in Verse?«
»Vor allen Dingen am schnellsten?« warf Hanni ein. »Erst dichten, dann lernen, dann einüben? Da ist nicht viel Zeit zu verlieren!«
»Bis übermorgen abend! Drei ganze Tage! Das ist ja noch eine Ewigkeit. Bis heute abend müßte ein ungefährer Entwurf fertig sein. Ich glaube, Herr Schack muß es übernehmen.«
»Will sehen, was sich machen läßt! – Und die jungen Damen müßten sich auf alle Fälle so etwas von Volkstracht verschaffen, nicht wahr?«
»Wir nicht auch?« fragte Felix eifrig.
»O,« meinte verschmitzt der junge Eisen, »vielleicht ist Herr von Alten so großmütig, sein Tirolerkostüm zur Verfügung zu stellen. Wenn wir drei oder vier jeder ein Stück davon bekommen, so ist reichlich genug Farbigkeit vorhanden, um volkstümlich zu wirken.«
Der etwas verblüffte Felix wußte nicht recht, ob er sich geschmeichelt oder geärgert fühlen sollte, zog aber gutmütig wie gewöhnlich das erstere vor und sah mit gespannter Erwartung der Entwicklung der Dinge entgegen.
Am Abend fanden sich die Verschworenen schon vor dem Tee im noch leeren Wohnzimmer ein. Neugierig wurden die Köpfe zusammengesteckt, um die Verse zu hören, und von allen Seiten zollte man stürmische Anerkennung. Besondere Freude erregte es bei den jungen Mädchen, daß auch Hermanns Brüderchen, der allgemeine Liebling, eine kleine Rolle bekam, und ebenso ein junges Mädchen, das erst neulich angekommen war und sich in zutraulicher Weise den anderen angeschlossen hatte. Sie wurde schnell gerufen und in das Geheimnis eingeweiht, und dann begann ein eifriges Abschreiben der Rollen.
»Herr von Alten,« meinte die übermütige Käte, »Sie haben es aber zu bequem! Diese paar Worte da sind nicht der Rede wert. Gerade Sie sind es schuldig, etwas extra zur Unterhaltung beizutragen. Vor dem kleinen Lied am Schluß wäre ein Schuhplattler ganz notwendig, und den kann niemand besser ausführen als Sie! Wenn Sie sich ordentlich Mühe geben, so können Sie es bis übermorgen noch lernen. Klaus weiß unten in Partenkirchen jemand, der es lehrt, da müßten Sie morgen früh hingehen. Herr Schack hat das ganze Gedicht gemacht, da ist dies das Wenigste, was Sie beisteuern müssen.«
Felix sah sehr erschrocken drein. Diese Mädchen stellten ja unerhörte Anforderungen an die Bereitwilligkeit ihrer Kavaliere! Da hatte man’s in München wahrlich bequemer. – Aber schließlich war Tanzen immerhin noch einfacher als Dichten.
Am anderen Morgen wurde der stets lebhaft unterhaltende Felix am Frühstückstisch vermißt. »Der blonde junge Herr? Der hatte früh vor meinem Fenster eine lange Verhandlung mit dem Eselsführer Klaus. Darauf sah ich ihn nach dem Ort zu wandern.«
Käte wurde rot und verbiß sich nur mit Mühe das Lachen. Als die beiden jungen Mädchen die Veranda verließen, flüsterte Hanni der Freundin zu: »Was hast du angerührt, Käte? Der Unglückswurm nimmt deinen Unsinn wahrhaftig ernst und quält sich nun da unten ab. Stell dir das bloß vor!«
Dies war für Kätes lebhaft arbeitende Phantasie zuviel: Sie mußte sich auf die Rasenkante setzen und lachte, bis ihr die Tränen aus den Augen stürzten. »Nein, so eine Dummheit! Aber wer ein Schaf ist, muß als Schaf geschoren werden! Bitte, stelle dir seine Sprünge beim Schuhplatteln vor!« Sie brach von neuem vor Lachen zusammen.
Am Mittag des Ludwigstages brachte der Postbote einen zierlichen, duftenden Brief an Tante Lucie, den sie sehr erwartungsvoll erbrach. Ihr geliebter Neffe war am vorigen Abend nicht nach Hause gekommen. Jetzt schrieb er: »Verehrteste Tante! Ich bin untröstlich, die schönen Tage im Hospiz nicht bis zu Ende mit Dir verleben zu können. Aber Umstände, über die ich keine Macht habe, hindern mich. Ich bekam Nachrichten von meinem Korps, die mich veranlassen, unverzüglich nach München zurückzukehren. So muß ich Dir leider schriftlich für alle Freundlichkeit danken und Dich bitten, den übrigen verehrten Herrschaften dort meine ganz ergebenen Grüße auszurichten. In tiefster Ehrerbietung Dein gehorsamer Neffe Felix. NB. Meine Sachen bist Du gewiß so gütig, an meine Adresse in München zu schicken.«
»Der Tausend, ist das ein Bengel!« rief der entrüstete Major. »Läßt da seine arme Tante mit seinem ganzen Nachlaß sitzen! – Ist mir das eine Manier! Zu dem Katzensprung von Partenkirchen hier herauf sollte es doch wohl noch gereicht haben! – Nein, liebe Cousine, keine Entschuldigung! Da gibt es keine – als vielleicht die, daß so einem Herrchen nicht rechtzeitig die Höschen stramm gezogen sind!«
Als die jungen Mädchen später allein waren, warf Hanni der doch etwas bestürzten Käte vor: »Die letzte Schuld hast du, du Bösewicht. Er hat allmählich gemerkt, wie greulich du ihn zum besten hast, und da hat er sich zurückgezogen.«
»Na, dann bin ich auch froh, wenn es ein Ende hat!« fuhr Käte los. »Das muß ich dir sagen: Ein Vergnügen war es nicht, bei all den schönen Wegen immer sein fades Gerede anzuhören. Und ich bin doch nur aus Gutmütigkeit zuerst mit ihm gegangen, um dir ein bißchen Ruhe zu verschaffen. Das sah er, eingebildet wie er ist, natürlich gleich als Entgegenkommen an und war nicht wieder loszuwerden. Ist es da unerlaubt, in der Not starke Mittel anzuwenden? Nein, mir ist ordentlich leicht zumute! Nun wird’s erst hübsch!«
Der Abend verlief sehr fröhlich. Mit herzlicher Freude nahm der liebenswürdige Hausherr die Huldigung seiner jungen Gäste entgegen, und jeder war entzückt über den Anblick der schönen, jungen Gestalten in der reizvollen Volkstracht. Besonders Hanni fanden alle noch viel hübscher als sonst schon mit den dicken, blonden Flechten über der weißen Stirn.
Nach all der Munterkeit kam niemandem der Übergang schroff oder störend vor, als die Glocke rief und die ganze Gesellschaft sich wie immer beim Abendsegen zusammenfand. Die Herzen waren so dankbar gestimmt für all die Freude und Erholung dieser schönen Ruhetage, daß sie aufrichtig einstimmten in des Hausherrn Worte: »O Herr, wie sind deine Werke so groß und viel!« Hermann hatte sich, wie gewöhnlich, die kleine »Marterbank« in Hannis Ecke zu sichern gewußt, und als ihr flüchtiger Blick den seinen streifte, las sie tiefe Bewegung in seinen Zügen.
Nach Schluß der Andacht trat man noch einen Augenblick auf die Galerie hinaus, um festzustellen, wie weit der Mond endlich Herr würde über die zerrissenen Wolken. Da fragte Hanni leise: »Nicht wahr, dies ist doch von allem das schönste, so zusammen diese ewige Wahrheiten hören und empfinden?«
Er sah ihr tief in die blauen Augen: »Neben Ihnen sitzen ist schön und mit Ihnen zusammen etwas hören, was Sie freut, ist schön. Das andere, was Sie meinen, ist alles so fernliegend, so ungewiß. Der eine glaubt dies, der andere das; woran soll man sich halten? Ich halte mich an das, was ich sehe und höre – an das, was ich habe!« Er wollte ihre Hand ergreifen, aber sie sah es nicht. Über ihr Gesicht glitt ein dunkler Schatten.
»O bitte, ich habe Sie doch nicht betrübt? Nichts täte mir weher! Sie meinen doch nicht, ich möchte Ihnen etwas von Ihrem Glauben verwischen? Ganz im Gegenteil. Sie könnte ich mir gar nicht ohne denselben vorstellen. – Nur ich kann doch nicht vorgeben, anders zu sein, als ich bin?«
»Gewiß nicht,« sagte sie so leise, daß er ganz nahe kommen mußte, um es zu verstehen. »Aber können Sie denn wirklich nicht die Wahrheit dessen sehen, was mir so feststeht?«
Sie wurden unterbrochen. – Aber noch in tiefer Nacht konnte ihr bewegtes Herz keine Ruhe finden. War es denn wirklich denkbar, daß man alles, alles gemeinsam empfand – und nur das Tiefste, Wichtigste nicht? Was nützte dann alles übrige! Heiße Tränen netzten ihr Kissen und erst, als der Morgen graute, schloß der Schlaf die Augen und süße Träume lösten allen Schmerz.