Hell strahlte schon die Sonne vom reingewaschenen Himmel, als Frau Gerloff am nächsten Morgen in das Zimmer der jungen Mädchen trat. Erschrocken rieben sich beide die Augen und konnten sich nur langsam auf die Gegenwart besinnen, bis der Mutter Worte sie in die Wirklichkeit zurückriefen.
»Denkt, Kinder, was Frau Pastorin schreibt: Tante Ida ist gar nicht wohl. Sie hat es durchaus verschweigen sollen. Aber allmählich ist es so ernst geworden, daß das nicht mehr anging. Die Sache läßt mir keine Ruhe; ich meine, wir sollten so schnell wie möglich heimreisen.«
»Tante Ida! Was mag ihr nur fehlen? – Lungenentzündung, fürchtest du? Mutti, da laß uns gleich heute fahren,« rief Hanni, deren noch wunde Seele sich instinktiv dem Leiden zuwendete. »Unmöglich können wir uns hier freuen, während sie dort ganz allein leidet. Nicht wahr, du? Wir packen schnell, dann können wir heute abend abreisen!«
Käte stand wie betäubt da! So schnell dies alles aufgeben? »Ende der Woche«, das war ein Begriff, den man noch einstweilen von sich abschieben konnte. Aber heute! Ihr Herz zog sich wie im Krampf zusammen.
Aber »Soldatenkinder weinen nicht«, sprach sie sich innerlich vor. Dabei kam sie gar nicht zu Ende mit ihrer Wäsche, denn es waren immer neue Tränen wegzuspülen. – Hanni war doch auch in allem größer! Mit keinem Ton klagte sie. Still, wie im Traum, räumte sie ihre Sachen zusammen. Sie schien nur in die Ferne – wohl an Tante Ida – zu denken! So ein Maß von Selbstlosigkeit ging nun doch über Kätes Fassungsvermögen. Sie hatte andauernd an Tränen zu würgen und sah oft scheu von der Seite hinüber, ob denn die Freundin völlig ungerührt bliebe. Aber nichts war zu bemerken. Nur als die Malgeräte an die Reihe kamen, drang es wie verhaltenes Schluchzen an Kätes Ohr. Das Gesicht der Freundin sah sie nicht, da diese aus dem Fenster starrte, und es dauerte lange, bis sie ihre Arbeit fortsetzte. Käte nahm wahr, wie sie das Blatt mit dem Enzian und den Kiefernzweigen aus der Mappe zog und nicht mit einpackte.
Am Nachmittag hatte der Hausherr die scheidenden Gäste zum Abschiedskaffee ins Bauernhaus geladen, und mit ihnen die Münchener Freunde, deren Stunde auch bald geschlagen hatte. Man saß im vertrauten Gespräch beieinander, und die Rede kam auf frühere Gäste des Hauses. Nach dem Ergehen einer jungen Gräfin aus der Umgegend wurde gefragt, die eine besonders liebe Schülerin des Hausherrn gewesen. Da umdunkelten sich seine lachenden blauen Augen, und er erzählte von der traurigen Ehe der gläubigen Protestantin mit dem Manne aus stockkatholischem Hause. Um sich von den trüben Bildern abzuwenden, fragte der völlig Ahnungslose seine nächste Nachbarin: »Nicht wahr, Kind, das täten Sie nimmer, einen Mann nehmen, mit dem Sie im Allerwichtigsten nicht einig wären?«
Wie die Stimme des Gerichts schlugen die Worte an das Ohr des sowieso im Tiefsten bewegten Mädchens. Vor ihren Blicken wurde es dunkel, und wie laute Glockentöne summte und brauste es ihr in den Ohren. Sie hatte das deutliche Gefühl, dies sei eine Schicksalsstunde. Kaum war ihr klar, was sie tat, und ihre eigenen Worte klangen ihr wie fremde Laute aus weiter, weiter Ferne, als sie leise, aber ganz fest sagte: »Nein, nie im Leben. Ich würde ja keine glückliche Stunde haben.«
Es war gesagt. Was weiter geschah, empfand sie nicht mehr. Alles, was sie noch an Kraft besaß, mußte sie aufwenden, um ihr Gleichgewicht äußerlich zu wahren. Die Gestalten bewegten sich wie Puppen an Draht vor ihren Augen, ihre Stimmen klangen wie durch eine dicke Wolke – den Sinn der Worte verstand sie nicht. Nur ein paar todestraurige Augen in einem blassen Gesicht sah sie deutlich auf sich gerichtet, und sie meinte, den Schmerz nicht zu überleben. Trotzdem bewegte sie sich ruhig wie immer. Ihre Lippen sprachen ihren Dank beim Scheiden aus, und nachdem auch das überwunden, wanderte man den sonst so vertrauten, wohlbekannten Bergweg entlang.
Sie fand sich nicht mehr zurecht. Lag denn ein dichter Nebel heute über aller Welt? Trennte der sie auch von ihrem Begleiter, der stumm neben ihr herging? Oder trennten ihre eigenen Worte sie nun für alle Zeit von dem, dem sie immer und immer hätte nahe bleiben mögen?
Die übrige Gesellschaft war weit voraus; schon näherte man sich dem Ziel.
Am Kreuzweg, wo die grünen Tannen den Blick ins Tal verdeckten, blieben die beiden stehen. »O Hanni,« rief er, und der Schmerz machte seine tiefe Stimme unsicher, »es ist zu schwer, so zu scheiden! Wie anders hatte ich’s mir gedacht! – Und doch darf ich mein Wort nicht brechen. Wissen Sie noch? Sie waren ein kleines Mädel und sagten so voll Zutrauen: ›Um etwas, was ich nicht dürfte, würden Sie mich doch niemals bitten?‹ Ich versprach es ohne eine Ahnung, wie Schweres ich auf mich nahm. – Was soll nun werden?«
Welch ein Glück, daß er in seiner klaren, schlichten Männlichkeit sie für so viel fester hält, als sie ist. Hätte sie in diesem Moment überwältigenden Trennungswehs die Kraft gehabt, zu widerstehen, wenn er sie überredet hätte?
Sprechen kann sie nicht, die Kehle ist wie zugeschnürt. Aber aus ihrer Tasche zieht sie das Blatt mit den blauen Blumen. Der Rand mit der Kritzelei ist abgeschnitten, aber in der Ecke steht geschrieben: »Suchet, so werdet ihr finden.«
Flehend sehen ihre Augen zu ihm auf, als er die Worte liest. Da kann er nicht widerstehen. »Ein einziges Mal muß ich Ihnen sagen, was Sie mir sind,« ruft er, und seine Lippen berühren ihre goldenen Haare, während sein Arm sie fest an sich zieht. – Dann, den Talisman in seiner Tasche bergend: »Ich will’s ja versuchen – ganz gewiß!«
»Hanni, es wird hohe Zeit; wo bleibst du?« rief es von unten, und schnell strebten die Nachzügler dem Ziel entgegen. Wie gut, daß bei der Erregung und dem Wirrwarr der Abreise jedermann mit sich selbst und seinen Angelegenheiten zu tun hatte; so bemerkte niemand, daß die zwei in einer anderen Welt lebten und nichts von dem Getriebe sie berührte.
Der Zug setzte sich in Bewegung, und dahin flog all das, was einem so lieb geworden. Erst grüßten noch Schneehäupter und riesige Tannen die Scheidenden, dann lachte der tiefblaue Starnberger See sie an und versuchte einen Widerschein der Freude auf blassen Gesichtern zu erwecken – zuletzt verschwanden auch die letzten zarten Umrisse der Spitzen und Zacken, und mit einem Seufzer aus tiefster Brust empfanden sie: die Bergwelt lag hinter ihnen.