»Aufs Land, Hanni? Weit weg von uns allen – von allem, was schön ist und groß! Kein Kränzchen mehr, kein Tiergarten, kein Theater! All unser Spaß in der Literaturstunde vorbei! – Kannst die kleinen Gänse und Ferkel pflegen und bist in drei Jahren selbst ein Gänschen vom Lande! – Das finde ich greulich von deinem Papa; er sollte auch an deine Zukunft denken!«
»Ja, Vater sagte, gerade für mich freute es ihn. – Aber außerdem ist auch gar nichts daran zu ändern. Tante Ida mag schon längst nicht mehr wirtschaften und bat Vater oft, das Gut zu übernehmen. Bisher konnte er sich nicht entschließen, den Dienst zu verlassen, jetzt aber hat er allerhand Gründe, die ihm den Abschied erleichtern, und da nun der alte Inspektor in Schönfelde ernstlich erkrankt ist, so soll die Übersiedlung nächstens vor sich gehen. – Ja, euch alle zu verlassen, ist wohl schade, aber Mutti meint, dort gibt es soviel zu tun, daß es zur Langeweile gar nicht kommen wird.«
»Na, das sind so Tröstungen – denk an mich, du armes Tierchen; und wenn dir in den langen, dunklen Winterabenden die Zunge festfriert, dann flüchte dich zu uns – wir werden dich schon wieder zum Menschen machen mit unseren tausend Abwechslungen.«
Sie wurden unterbrochen durch Hannis Mutter. »Guten Tag, kleine Ilse; Mademoiselle Senn ist draußen, um dich abzuholen. Da müßt ihr euch für heute schon trennen. Aber nicht wahr, du kommst im Herbst mit deiner Mama, dich nach uns umzusehen?«
Ilse war noch keineswegs bereit. »Die langweilige Person ist immer da, wenn man sie nicht wünscht! Liebe Frau Major, sie darf doch noch ein wenig warten?«
»Nein, liebes Kind, sie ist deine Erzieherin, und du mußt kommen, wenn sie ruft. – Und dann versprich mir eins: sei zuvorkommend gegen das gute Mädchen. Du machst ihr das Leben zu schwer, und sie trägt es so still und vornehm!«
»Vornehm?« meinte Ilse sehr gedehnt; »eine Gouvernante? – Es ist überhaupt eine Plage, sie zu haben. Mit vierzehn Jahren kann man doch unmöglich so einer noch gehorchen!«
»Liebes Kind, sie kann doch nicht dafür, daß sie deine Erzieherin ist, sondern deine Mutter hat sie dazu gemacht. Deren Wille ist es doch, gegen den du dich auflehnst mit deinem schroffen Wesen! Und das junge Mädchen scheint mir so vertrauenswürdig und lieb. Als sie mich neulich nach Hause begleitete, erzählte sie mir auf meine Frage von ihrer Heimat. Es kam kein Wort der Klage über ihre Lippen; aber daran, wie die Gestalt sich aufrichtete und das Gesicht strahlte, als sie von ihren Lieben sprach, merkte ich, unter welchem Druck sie sich in der Fremde fühlt, und wie nur der Gedanke an ihre Mutter und die kleinen Geschwister, denen sie ein wenig helfen möchte, sie hoch hält. Denk doch, wie würde es dir sein, mitten aus allem, was dir lieb ist, herausgerissen zu werden und allein und unbekannt dein Brot verdienen zu müssen!«
»Mir? Aber das ist doch ausgeschlossen!«
»Woher? Sie hat es vor einem Jahre auch nicht gedacht, als ihr Vater mitten in seinem großen Wirkungskreise stand und alle möglichen Gäste in dem angeregten Hause kamen und gingen. Dann ist er ganz plötzlich gestorben. Die Mittel, die der Witwe bleiben, braucht sie nötig zur Ausbildung der fünf Brüder. Da mußte das junge Mädchen den ersten Weg einschlagen, der sich ihr bot. Aber sie hat es sich nicht so schwer gedacht, wie sie es jetzt findet, ohne den Rückhalt des Elternhauses zu sein! Man sollte doch mehr daran denken, denen, die in der Fremde leben, eine Heimat zu bereiten!«
Ilse sah sehr erschrocken aus. Ihr war nie der Gedanke gekommen, daß eine Mademoiselle auch Eltern, Heimweh, ein Herz habe. Sie hatte sie nur als eine Last empfunden, der sie sich möglichst viel durch stachliches Wesen zu entziehen strebte. Mama hatte auch nichts weiter mit ihr besprochen, als »was ihre Obliegenheiten wären«. – Bei Gerloffs sah man alles so ganz anders an. Und gerade die sollten nun fort. –
Eiligst raffte sie Handschuhe und Sonnenschirm zusammen und wollte Mademoiselle aus dem Vorzimmer befreien. Aber diese war längst durch Hanni in Anspruch genommen, die in ihrer natürlichen Herzlichkeit es als unpassend empfunden hatte, das junge Mädchen draußen warten zu lassen. Sie hatte die Französin in ihr Stübchen geführt und zeigte ihr Bilder von dem großelterlichen Gut, das nun bald ihre Heimat werden sollte.
Als Ilse mit ihrer Gouvernante eben den Vorsaal verlassen hatte, wurde so heftig an der Klingel gerissen, daß Mutter und Tochter erschrocken auffuhren, und schon im nächsten Moment meldete der Bursche: »Das kleine Fräulein von Platen.«
Aber schon hatte sich an dem ungelenken jungen Menschen ein blonder Krauskopf vorbeigedrängt.
»Hanni, ist es wahr? – Ihr geht wirklich fort von hier? Auf immer? Du, die einzige im Kränzchen, die noch nicht affig geworden? Das halt ich nicht aus! – Dann will ich auch von dem ganzen ollen Berlin nichts mehr wissen! O, das überlebe ich nicht!«
Stürmisch fiel sie der heißgeliebten Freundin um den Hals und erstickte sie fast mit Küssen und Tränen.
»Guten Tag, meine liebe kleine Käte! Nun, ist das Unglück denn wirklich so furchtbar? Es ist ja doch keine Trennung auf ewig! Und freust du dich denn nicht mit Hanni auf den großen Garten, den See mit dem Ruderboot, die Stachelbeeren, den Pony? – Denk, was das für Hundstagsferien gibt, wenn ihr uns dort besucht!« –
»Ach, liebste Tante Else, daß es aufs Land geht, ist ja himmlisch. Aber wie lang wird das Jahr sein ohne Hanni! Und die Ferien sind immer so rasch herum! – Ach, und unser Kränzchen soll dann lieber auffliegen!«
»Meinst du das wirklich? Sieh, Herta Kähler ist doch nicht ›affig‹?«
»Nein, aber reichlich görig ist sie!«
»Ja, sie ist aber auch jünger als ihr!«
»Und Lena läßt sich völlig von Ilse ins Schlepptau nehmen! Letzthin kam sie auch schon mit langen Handschuhen an und erzählte, ihre Tante wolle ihr einen Sonnenschirm schenken.«
»Käte, sei da auch nicht zu ungeduldig. Sieh, Ilses große Fehler sehe ich ganz gewiß, und sie betrüben mich. Aber im tiefsten Herzen ist sie ein ›guter Kerl‹! Und glaubst du, daß sie sich sehr wohl fühlt bei ihren Torheiten? Manche entspringen sicher nur aus Langerweile. Du weißt ja, ihre Mutter muß sie viel allein lassen.«
»Muß?« fuhr Käte auf. »Tante Else, würdest du dir so ein ›Muß‹ vorschreiben lassen, wenn es sich um dein einziges Kind handelt?«
Frau Gerloff lachte laut auf.
»Käte, was hast du wieder gelesen? Du redest wie ein Buch! – Du siehst ja, ich lasse mich nicht von meinem einzigen Kinde losreißen; aber deshalb maße ich mir doch noch kein Recht an, Frau von Herders Leben zu verurteilen. Sieh, Vorstandsdamen muß es auch geben, und manche von ihren Geselligkeiten sind wirkliche Pflichten. Dazu ist sie von Kind auf in so völlig anderen Gedanken erzogen, als deine liebe Mutter und ich, daß notwendig ihr Leben anders verlaufen muß als unseres! Sowohl sie als auch Ilse tun mir oft leid. Desto mehr wünsche ich Ilse eine treue, feste Freundin, die ihr zuweilen die Augen öffnet. Meinst du, man hat Freundschaft nur, um zu genießen? Sicher nicht! – Aber du bist mein liebes Kind,« fügte sie hinzu, indem sie eine Träne wegküßte, die sich von neuem hervorstahl. »Du verstehst mich schon! Und wenn ihr dann zu den Ferien kommt, haben wir uns so – soviel zu erzählen!« –
Auch Käte ging stiller und nachdenklicher, als sie gekommen war, die Treppe von der schönen, freundlichen Gerloffschen Wohnung wieder hinunter. Ach, daß all die frohen Stunden, die sie dort verlebt, nun auf immer vorbei sein sollten!