An dem wichtigen Tage, der die jungen Herrschaften in die alte Heimat führen sollte, herrschte vom frühesten Morgengrauen an rege Tätigkeit in Schönfelde. Einfahrt und Haustüren wurden mit Girlanden geschmückt, der ganze Hof aufs sauberste geharkt, und im Hause war ein geschäftiges Rennen und Laufen. Von Tante Ida bis zur Mamsell, und von der bis zum kleinen Küchenmädchen wollte jeder sein Reich so blitzblank abliefern wie nur möglich. Der Gärtner hatte die schönsten Blumen für alle Vasen gebracht, und Tante Ida hatte das beste Porzellan und Silberzeug aus den eichenen Schränken geholt und das feinste Damastgedeck aus der übergroßen Leinentruhe. Wieder und wieder hörte man ihr Wahrzeichen, den elfenbeinbeschlagenen Handstock, mit dem sie das rechte Bein unterstützte, hin und her eilen. Wie klopfte ihr das Herz bei dem Gedanken, ob der heißgeliebte Bruder mit allem zufrieden sein würde, ob die zarte Schwägerin, die so viel jünger und verwöhnter war als sie selber, sich nun dauernd heimisch einleben möchte in der alten Heimat, die sie selber mehr liebte als alles in der Welt! Von Herzen freute sie sich, für ihren allmählich etwas müde gewordenen Körper mehr Ruhe zu bekommen, die große Verantwortung loszuwerden.
Aber wie würde es ihr nun eigentlich vorkommen, wenn nicht mehr an sie jede der ungezählten Anfragen sich richtete, wenn das große Schlüsselbund in anderen Händen klirrte – wenn die Leute aus dem Dorfe nicht mehr mit jeder Not zu Fräulein Ida kamen, wie sie hier seit ihrem vierzehnten Jahre – seit bald vierzig Jahren – hieß! Sie preßte die Hand auf das unruhig klopfende Herz, wie um ihm Ruhe zu gebieten. »Das findet sich alles – die Hauptsache ist, daß sie sich hier einleben!«
So hatte sie auch betreffs der häuslichen Anordnungen gedacht. Der Bruder war immer schwer für eingehende Besprechungen zu haben, und die Schwägerin war zu zartfühlend und zu vorsichtig gewesen, um von fern und schriftlich Anweisungen geben zu mögen über die künftige Einrichtung des Hauses. Beide hatten noch einmal kommen wollen, um alles zu bereden. Als aber eine leichte Erkrankung der Majorin das vereitelte, hatte der Bruder mit militärischer Kürze geschrieben:
»Die Sachen kommen Mittwoch auf dem Bahnhof an. Schickt für jeden Möbelwagen vier Pferde und ladet vorsichtig aus. Auf der Diele der roten Scheune kann alles stehen bleiben, bis wir da sind. Mündlich mehr. – Else läßt bitten, die Damastmöbel aus ihrem Zimmer zuzudecken, damit sie nicht leiden; na, Du weißt, Stadtdamen sind vorsichtig für ihre Prachtstücke. Dein Hans Günther.«
Sie hatte doch den Kopf schütteln und lachen müssen. Die prachtvoll geschnitzten Möbel ihrer Schwägerin tagelang auf der Scheunendiele stehen lassen; die braven, aber nicht gerade sauberen Hände der Knechte auf dem zarten, gelben Seidenstoff! – Nein, Bruder, bei allem Respekt vor deiner Einsicht – das geht nicht!
Und sollte sie erst alles lassen, wie es zu der seligen Eltern Zeit gewesen? Und dann müßte die so weich empfindende junge Frau die durch die Erinnerung geheiligten, aber für nüchterne Augen natürlich teils altersschwachen Sachen beiseite schieben? Das würde schwere Stunden verursachen und konnte einen Schatten auf den ganzen Anfang werfen. Da hieß es, lieber dem Herzen einen Stoß geben und selber den schweren Schritt tun!
Sie rief ihre braven Truppen zusammen: die Frau des Saathalters, des Schäfers, des Kuhhirten und des Vorknechts, die alle in ihrer Mädchenzeit auf dem Hofe gedient hatten und mit jeder Einzelheit bei der Arbeit ganz genau vertraut waren. Mit ihrer Hilfe wurde eine wahre Sintflut veranstaltet; und als dann die Möbelwagen vorgefahren waren, konnte jedes Stück gleich an Ort und Stelle gebracht werden. Die schönsten von den alten Sachen waren in den Saal gekommen und in die beiden danebenliegenden Zimmer, die hauptsächlich für größere Geselligkeit benutzt wurden und für die die Möbel der Geschwister nicht ausreichten. Deren Sachen kamen in die früheren Zimmer der Eltern, denen sie einen unbeschreiblichen, neuen Reiz verliehen. Tante Ida mußte das Ganze immer wieder bewundern. Ja, sie hoffte, die Lieben sollten zufrieden sein! Was würde Hans Günther wohl zu der Diele sagen? Früher war sie mehr nur Durchgang gewesen. Jetzt sah sie unendlich anheimelnd aus mit des Vaters uralten Eichenmöbeln. Noch einmal wollte sie alles prüfend durchwandern, da knirschten draußen die Räder auf dem Kies und die Jagdhunde schlugen an.
Erschrocken eilte sie an die Klingel. Aber da kannte sie Marieken schlecht! Die stand bereits an der weitgeöffneten Haustür und strich verlegen und brennend rot an der weißen Schürze herunter, bis der Wagen hielt und sie ihren Gefühlen Luft machen konnte, indem sie hastig und dienstbeflissen Decken, Schirme und Taschen an sich riß.
»Halt, halt – meinen Handstock laß mir! Die Waffe gibt ein Soldat nicht her!« wehrte der Major vergnügt ab, und hob dann seine Frau selber aus dem Wagen. Aber Hanni wartete nicht auf irgend eine Hilfe, sondern sprang eilig an allen vorbei auf ihre Tante zu.
»Tante Ida, Tante Ida! Endlich sind wir da!« jubelte sie. »O, es ist zu, zu schön!« Es war ein stürmisches Durcheinander, und erst nach geraumer Zeit konnten die Angekommenen sich näher umsehen.
»Wie ist es doch gemütlich und heimisch hier!« rief der Major aus, sich glücklich in der alten Diele umsehend. »So schön hatte ich’s gar nicht in Erinnerung! Hier lasse ich mich häuslich nieder und gehe überhaupt nicht weiter.«
»Vater, Vater, o komm hierher,« rief Hanni erregt. »Nein, ganz wie zu Hause!« Sie stand mitten in ihres Vaters Zimmer und sah durch die Flügeltür in das schöne Wohnzimmer ihrer Mutter. – Jetzt erst begriffen die Eltern die Veränderung gegen früher, und tief gerührt faßte der Major seine treue Schwester um die Schulter.
»Liebe, gute Seele – was hast du denn gemacht? Das ist alles schon in schönster Ordnung für uns, und wir brauchen uns bloß reinsetzen in das warme Nest! Das ist ja zu schön! Sieh doch, Else – dort dein Nähplatz am Fenster – dein Schreibtisch! – Nein, sieh doch, die Sessel dort am Kamin! Du bist ja eine goldene Schwester! Das vergeß ich dir nie! Else war so müde seit der Krankheit neulich und hatte so große Angst vor all der Umwälzung! Aber wo ist denn Mutters Zimmer geblieben?«
»Kommt mal mit! Ich dachte, es würde euch so recht sein: Mutters Sachen habe ich ganz nach oben genommen. Ich bin ja nun selbst ein altes Mütterchen und gebrauche einen bequemen Winkel! Und für meine kleinen, zierlichen Möbel aus der Mädchenzeit hatte ich eine andere Verwendung.«
Auch oben wurde mit größtem Behagen alles in Augenschein genommen; aber auf einmal wurde die Gesellschaft durch einen lauten Schrei des Entzückens aufgeschreckt. Hanni war ans Ende des kleinen Korridors vorgedrungen, an dem Tante Idas Zimmer lagen – seitwärts vom großen Vorsaal, auf den alle Gaststuben führten. Als sie nun die Tür zu dem kleinen Raum öffnete, wagte sie nicht, den Fuß hineinzusetzen, so schön erschien ihr das, was sie dort sah!
Alles war klein und zierlich, sogar die weißlackierten Fenster, die – weit geöffnet – einen entzückenden Ausblick boten über den in herrlichstem Frühlingsschmuck daliegenden Park, auf die grünen Rasenflächen, die weißen Brücken, die zwischen dunklen Taxusbüschen in leichtem Bogen über die klaren Teiche führten.
Duftende Rosen und Goldlacktöpfe standen in einem zierlichen Blumenständer; am Fenster lud ein altmodisches Nähtischchen, mit allem angefüllt, was fleißige Hände nur wünschen können, zum Gebrauch ein. Ein kleines Sofa war mit hellgeblümtem Stoff überzogen, ebenso der verlockend bequeme, alte Sessel in der Ecke unter dem Schatten der Stubenlinde. Aber das Allerschönste schien das Schreibpult aus hellem, glänzendem Birkenholz mit schönen Elfenbeineinlagen. O, all die Schubfächer oben und unten – und noch ganz versteckte, die erst das kundige Auge entdecken konnte! – Und über allem der rosige Schein der Ampel, die an feinen Ketten von der Decke hing.
»Tante Ida, Tante Ida! Was ist das hier? Wohnt hier eine Fee?«
»Ich glaube nicht! Oder bist du eine? Seht,« sagte sie, »dies sind meine kleinen, alten Sachen. Hans Günther, kennst du sie noch?«
»Nein, wirklich nicht, – in diesem neuen Gewande nicht! – Bloß hier das geheime Fach! O ja, das weiß ich noch genau! Das wollten wir so gern aufmachen, weil du dein Tagebuch dort verwahrtest. Aber dazu gehörte ein heimlicher Schlüssel, oder ein Kniff – ich weiß nicht mehr!«
»Sollst du auch nicht, das kriegt niemand zu wissen als Hanni! Es liegt wieder ein Tagebuch drin, aber ein leeres.«
Hanni brauchte viel Zeit, bis sie alles gesehen und bewundert hatte. Sie drückte und preßte ihre Tante so, daß der Vater meinte, sie solle sie doch wenigstens heute noch am Leben lassen. Endlich machte die kräftig erklingende Glocke, die zum Teetisch rief, ein Ende; und als die Familie zusammen saß, bemerkte die gute Tante erst, wie schwach und angegriffen ihre Schwägerin noch aussah. Unendlich dankbar für alle Liebe und Fürsorge, ließ sie sich gern bald zur Ruhe geleiten.
»Ida, du bist zu gut – du nimmst mir ja rein alles ab! Wie soll ich dir das jemals danken?«
»Dadurch, daß ihr euch hier glücklich fühlt.«
»Ach, das ist ja gar nicht anders möglich! Es ist wirklich zu schön hier! Aber wo bleibt denn das Kind? Ich überlasse dir auch alles. Das ist doch zu arg!«
»Else, es ist ja meine größte Freude! – Nun schlaf nur; ich bringe Hanni schon zur Ruhe. Auf morgen!«
Hanni hatte der Ungeduld nicht widerstehen können, einmal durch den Garten zu springen, und kam eben atemlos wieder durch die große Glastür herein. »O Tante, Tante! Dies ist wie ein Märchen!«
»Dann kannst du es ja nun im Bett zu Ende träumen; komm nur.«
»Schon? Ja, wo schlafe ich denn?«
»Wir wollen mal sehen. Komm nur.«
Über den großen Vorsaal ging’s wieder in den kleinen Nebenflur an Tante Idas Zimmern vorbei. »Sieh, Liebling, hier hausen wir ganz verträglich nebeneinander. Das ist dein Schlafstübchen – dort die kleine Tapetentür.«
»Nein, Tante, das ist nun ein wirkliches Märchen!« Sie hatte vorhin die kleine Tür gar nicht bemerkt. Als sie nun geöffnet war, warf die rosa Ampel ihr Licht in den hinteren Raum, und jetzt war es sehr schwer zu sagen, was schöner war: das Wohnstübchen oder die kleine Schlafkammer. Alles war schlicht und praktisch, aber so zierlich und anmutig in seinem reinen Weiß, daß jetzt die Gefahr, unter Hannis Umarmungen zu ersticken, für die gute Tante wirklich groß war.
»Dies alles soll mein sein? Ich kann es nicht glauben!«
»Ja, Liebling, und jedes einzelne hat dir viel zu erzählen! Sieh, die weißen Mullgardinen hat meine Jugendfreundin mir gestickt. Dies glänzende Leinen hat deine Urgroßmutter gesponnen auf dem Spinnrad dort; ich sehe noch ihre weichen, weißen Hände, mit denen sie mir die Locken von der Stirn strich – damals,« fügte sie leise errötend hinzu; »jetzt habe ich längst keine mehr. – Diese weißen Bezüge für die Tischchen brachte mein Vater einmal aus der Schweiz mit; Mutter war kürzlich gestorben, und er wollte mir gern eine Freude machen. – Damals war das eine große Pracht! – Dies weiche Fell vor deinem Bett gehörte meinem Lieblingslämmchen. Aber nun leg dich hin und schlafe süß; morgen ist wieder ein Tag, und ich kann dir noch viel erzählen! – Sieh, diese andere kleine Tür führt durch einen leeren Raum in mein Schlafzimmer, – ich will sie nur angelehnt lassen. Wenn du irgend etwas möchtest, so rufe nur, ich kann dich hören.«
Aber sie wünschte nichts mehr. Ihr war’s, als schwämme sie in einem Meer von Glück und Wonne – selig, wunschlos.
Die Fenster standen weit offen. Draußen fiel mit leisem Rauschen der Springbrunnen in das überfließende Becken; – die Nachtigall schluchzte im Traum; – fern im Sumpf hörte man den Unkenruf. Es war zu schön! – So schnell ging es nebenan nicht. Nach dem langen, unruhigen Tag war dies die erste stille Stunde. – Ja, es war ein wunderbares Glücksgefühl, mit vollen Händen zu geben. Es war noch schöner als das Nehmen, hier in denselben Räumen. Wie froh erwartend hatte auch ihr Herz gepocht, als liebende Fürsorge für sie den Eintritt ins Leben geschmückt hatte! Wie – wie anders war dann alles gekommen, als sie sich’s erträumt! Gut, daß man’s nicht noch einmal durchleben mußte! Mancher Weg war gar zu steinig gewesen – mancher Tag wollte kein Ende nehmen! Nun war das Herz still geworden und hatte in allem Gottes Wege gesehen. Und nun schien auch das Wort sich erfüllen zu sollen: »Um den Abend soll es licht werden!«