5. Kapitel.
Neue Freunde überall.

Früh am anderen Morgen tanzten und zitterten die Sonnenstrahlen durch die weißen Vorhänge auf Hannis Bett und huschten neckend über ihre heißgeschlafenen Wangen. Sie rieb sich voller Erstaunen die Augen und konnte sich erst gar nicht besinnen. Was waren denn das für fremde Töne? Gackern, Krähen, Zwitschern und Flöten – Pferdegetrappel – leises Rauschen in der hohen Tanne dicht am Fenster. – In Berlin hatte man durch die gegen den Straßenlärm dicht verschlossenen Läden nichts vernommen, höchstens war vom Hof her das eintönige Klopfen der vielen Teppiche an ihr Ohr gedrungen. – Plötzlich wurde ihre Erinnerung wach, und schon war sie mit einem Satz aus dem Bett und am Fenster. Im Hause schien noch alles still. Wie spät mochte es sein? Da ließ sich ein leiser Kuckucksruf vernehmen! Fünfmal – dann ein kleines Schnarren! Ach, es war eine Uhr – kein lebendiger Vogel!

Schnell war sie im Wohnzimmer. – Richtig, da hing eine zierlich geschnitzte Schwarzwälder Uhr. Die gute, rührende Tante – an alles hatte sie gedacht. – Das Stübchen sah so reizend aus! Und alles, wie sie es gern hatte und brauchte.

Was für ein Herz voll Liebe mußte die haben, die so für andere denken und sorgen konnte!

Ob sie wohl schon wachte? Der Zeiger stand auf fünf. Hanni wollte mal leise zusehen.

Vorsichtig schlich sie mit nackten Füßen durch das kleine Vorzimmer hinein in die Schlafstube der Tante. Richtig, die rieb eben auch die Augen!

»Tante Ida, darf ich reinkommen?«

»Gewiß, Liebling, immer!«

»Tante Ida, woher kommt die süße Kuckucksuhr? Sie hat eben gerufen!«

»Ja, woher meinst du wohl? Ich glaube, der Kuckuck ist von selbst hereingeflogen, um der kleinen Hanni Gesellschaft zu leisten!«

»O Tante Ida, ich sehe es dir genau an, von dir kommt sie! Wie kannst du eigentlich alles wissen, was ich mir immer gewünscht habe? So eine kleine, weiße Schlafstube war mein höchster Wunsch. Natürlich, so süß wie diese ist, habe ich mir sie nicht gedacht! Dann ein Schreibpult mit geheimen Fächern; dann einen Nähtisch und sogar eine Kuckucksuhr – als wenn du zaubern könntest!«

»Ja, Herzchen, ich weiß noch sehr genau, was ich selber gern hatte, als ich so alt war wie du – daher kommt es wohl! – Aber du erkältest dich ja, Kind!«

»Ich?« lachte sie und zog die Füße hoch. »Nein, Tante Ida, das kannst du nicht verlangen – und dann im Sommer! Ich laufe so gern eine Stunde herum, bevor das langweilige Anziehen angeht! Aber Mutti liebt das nicht. Und dann mußte man ja auch immer zur Schule fertig sein! Sag, wie wird es damit eigentlich? Vater ist zu komisch, er sagt immer: ›Laßt nur gut sein; besorgt, was heute nötig ist, das andere findet sich!‹ Ob ich nun gar keine Schule haben soll? Mir wär’s ja am allerliebsten!«

»Du, das glaube ich doch nicht auf die Dauer. Aber miteinander haben sich deine Eltern das sicher schon überlegt. Dein Vater hat sogar schon an Herrn Pastor geschrieben, ob der dir einige Stunden geben würde. So hoffen die Eltern vielleicht, daß du das Nötige lernen kannst, ohne daß wir eine fremde Erzieherin ins Haus nehmen, die ja sehr leicht störend sein könnte, wenn sie nicht gerade in unsern kleinen Kreis paßt.«

»O, das ist herrlich, Tante Ida! Könntest du mir nicht auch einige Stunden geben? Denke bloß, es müßte ja zu schön sein, wenn wir hier schnurrend vor Behagen zusammensäßen. Draußen schlüge der Schnee gegen die Scheiben, im Ofen prasselte das Feuer und die Bratäpfel knackten in der Röhre! Zu schön!«

»Ja, was wolltest du da hauptsächlich lernen? Feuer machen oder Schnurren oder Bratäpfel essen?«

»Nein, das alles verstehe ich schon großartig! Nein, Literatur, Lektüre – all so was!«

»Nun, wir müssen es mit den Eltern bereden! Einstweilen schlägt kein Schnee ans Fenster, sondern die Fliederbüsche. Da wollen wir nur eilen, in die Kleider zu kommen und uns draußen unter Gottes freiem Himmel umsehen.«

»Wer zuerst fertig wird, Tante Ida!«

»Jawohl!«

Husch, war sie weg. – Nach einer Weile klopfte sie leise: »Eine Klingel ist nicht bei mir, Tante Ida; wie kann ich zu Lisbeth gelangen, daß sie mir das Haar kämmt?«

»Eine Klingel? – Nein, Mäuschen, da sind wir hier nun noch ganz altmodisch. Nur die Eltern haben Klingeln; wir anderen helfen uns im großen und ganzen selber. Kannst du dir die Zöpfe denn noch nicht flechten? Dann helfe ich dir gern.«

Hanni holte kleinlaut Kamm und Bürste herbei. Mutti hatte schon manches Mal gemeint, so ein großes Mädchen könne sich selber frisieren – aber es war zu schrecklich unbequem.

»Ja, die Zöpfe sind mächtig dick, eine Arbeit ist es schon,« begütigte Tante Ida, »aber wir lernen ja noch Schwereres, nicht, du?« – –

»Nun, hast du dich mit deinen Sachen schon ein bißchen eingerichtet?« fragte sie dann, indem sie bei Hanni eintrat. Aber sie brauchte keine Antwort – alles lag wie Kraut und Rüben durcheinander; einige Stücke waren unten aus dem Koffer vorgezogen, anderes vorläufig auf Tische und Stühle gepackt!

»Lisbeth muß nachher erst kommen und aufräumen.«

»Du, ich fände es viel netter, wir machten das gleich selbst, meinst du nicht? Sieh, diese Schublade hatte ich immer für meine Wäsche, die dort oben für die Kleinigkeiten. Im Schlafzimmer ist der Schrank für die Kleider und die Borte für das Schuhzeug. – So, das sieht gleich ganz anders aus. – Und nun finde ich, in der Stadt sind sie ja so sehr fürs Turnen, und das ist sicher auch ausgezeichnet. Dafür gibt es hier aber nicht so recht die Vorrichtungen. Trotzdem können wir überreichlich genug Bewegung haben, und da macht es mir immer besondere Freude, wenn auch gleich ein Nutzen dabei ist! Sieh, wir leben ja hier soviel gemeinsam mit unseren guten Leuten, die sich selbstverständlich ihre Gedanken machen über unser Treiben und sich nur in unserer Nähe glücklich fühlen, wenn ihnen das verständlich ist. Sie müssen immer arbeiten. – Daß unsere Arbeit vielfach anderer Art ist als die ihre, begreifen sie durchaus. Aber reines Umherlaufen und Nichtstun würde ihnen abstoßend erscheinen. Meinst du nicht, daß es für unsere Glieder gut sein würde – für meine, damit sie geschmeidig bleiben und für deine, damit sie Kraft bekommen –, wenn wir unsere Sachen gleich selbst in Ordnung brächten? Hier habe ich niedliche, neue Bürsten, Besen und Tücher. Ich werde dir zeigen, wie man alles macht, und ich glaube, es bringt dir Spaß, dann ganz allein Herrscher in deinem kleinen Reiche zu sein.«

Hanni rüstete sich mit großem Eifer wie zu einem Feldzug. Ja, Ordnung liebte sie gewiß, hatte sie auch stets in ihrem Berliner Stübchen gehabt. Aber leider mußte sie sich wohl gestehen, daß sie das Aufräumen der gutmütigen Lisbeth überlassen hatte. – Es dauerte nicht lange, da war alles wieder so schön wie gestern beim Eintritt.

»Und so halten wir es immer, nicht, du?« meinte Tante Ida, als sie noch einen Blick der Befriedigung zurückwarf. »Und nun sind wir hungrig wie die Löwen, nicht wahr, und wollen die Eltern nicht warten lassen.«

Wirklich, sie saßen schon beim Tee, und nun hatte Hanni soviel zu berichten, zu fragen und zu schildern, daß zum Essen trotz allen Hungers kaum Zeit blieb. Desto stiller wurde sie, als die Mutter den Unterrichtsplan aufs Tapet brachte. Freilich meinte der Vater: »Ach, das Mädel hat ja zeitlebens nichts weiter getrieben als Wissenschaft. Gebt ihr nun doch erst mal Freiheit. Laßt sie von Ida lernen, was sie von Haus und Garten wissen muß, damit sie auch solche Goldschwester wird wie die und nicht solche langweilige, gelbe Rübe wie die studierten Staatsratstöchter.«

»Nein, Hans Günther, das wird sie sicher nicht. Aber für das alles haben wir auch nebenher unsere Zeit, nicht wahr, Mäuschen? Das ist unser Geheimnis. Im übrigen aber muß ich doch Else recht geben: einen ordentlichen Schulsack muß sie erst haben. Den haben wir auch gehabt. Weißt du noch, wie Vater darauf bestand, daß wir es mit der Schule genau nahmen, trotzdem du nicht immer darüber begeistert warst?«

»Schwester, Schwester, berühre keine alten Wunden! Aber recht habt ihr wohl. Mir ist bloß angst vor solcher gestrengen Gouvernante, die uns dann jeden Spaß verdirbt.«

Tante Ida mußte sehr lachen. »Mademoiselle vite, vite, wie du sie nanntest, steckt dir doch noch recht in den Gliedern! Aber ich glaube, wir brauchen gar keine, eben weil wir alle unsere Sache ernst genommen haben. Herr Pastor sprach neulich sehr erfreut davon, daß du an ihn geschrieben. Er wird gern Hanni an Klärchens Stunden teilnehmen lassen, und ich glaube, er ist recht auf der Höhe. Wenn sie nun jeden Morgen mit dem Pony hinüberführe und nachmittags versuchten wir hier unser Heil! Was meinst du, Else? Klavierstunden willst du ihr sicher geben? Du spielst so schön.«

»Meint ihr, daß es noch reicht? Ach ja, ich denke, es soll gehen. Und Handarbeit mußt du ihr zeigen, Ida; darin bist du Künstlerin!«

»Gewiß, zu gern!«

»Und Literatur wollten wir doch miteinander treiben, Tante Ida – bitte!«

»Sicher, Kind. Mit Begeisterung unsere Dichter zusammen studieren, das wird herrlich sein! Aber mit den Aufsätzen gebe ich mich nicht ab! Da haben die Herren Schulmänner allerhand Grundsätze, die ich gar nicht teilen kann. Das kann Herr Pastor besorgen.«

»Himmel, wird das eine Gelehrsamkeit,« seufzte der Major; »ich muß dann wohl zufrieden sein, wenn ich am Sonntag noch einen Zipfel von euch erwische?«

»O nein, Vater, zum Spazierengehen oder besser -fahren ist immer noch Zeit. Du wirst sehen, es wird herrlich! – Sag mal, Tante Ida, ist die Klara – oder wie sagtest du? – nett?«

»Ein allerliebstes Mädchen. Ihr werdet euch sicher anfreunden!«

»Ja, dann müßten wir dieser Tage einmal hinüberfahren, Pastors zu begrüßen, bevor wir sie Sonntag in der Kirche sehen. Und am Sonnabend fahren wir zu meinem alten Freunde Rantzau nach Buchdorf, und sehen, wie es dort geht. – Damit wären denn wohl die äußeren Angelegenheiten in Ordnung. Jetzt halte ich das Stillsitzen nicht länger aus. Auf Wiedersehen zu Mittag!«

Man sah ihm an, mit wie innerlichster Befriedigung er sich an die Arbeit begab, die ihm von Kind auf die allerliebste gewesen war. Und auch Frau Gerloff ließ sich von ihrer Schwägerin herumführen. Sie war in der Stadt geboren und erzogen und wußte gut, daß es viel zu lernen gab, bevor sie sich in diesen großen, musterhaft geordneten Haushalt hineinfinden würde. Mehr als einmal sagte sie mit Herzlichkeit: »Ein Glück, Ida, daß dein Altenteil nicht weit ab ist und daß du die Ruhe noch nicht absolut brauchst! Einstweilen wirst du noch sehr oft raten müssen und sagen, wie alles sein soll!«

»Das tue ich auch herzlich gern. Aber du wirst sehen, Mamsell ist eine tüchtige Person, von der du viel Hilfe haben kannst. Und die Mädchen sind auch recht ordentlich.«

»Ja, und du versprichst mir, dein Auge über allem zu behalten und mir ehrlich zu sagen, wo etwas fehlt. Dann wird es schon gehen.«

Die beiden schüttelten sich herzlich die Hände. Es ist auch nie ein Schatten auf ihre gemeinsame Arbeit gefallen.