Am 18. August 1840 wurde die Magdeburg-Leipziger Eisenbahn dem Verkehr übergeben, der Bau derselben hatte etwa zwei Jahre gedauert. Vormittags ½12 Uhr kamen die ersten drei Züge hier in Leipzig an, der erste, eine Maschine und fünf Wagen mit dem Directorium und obersten Bauleitern, der zweite Zug mit zwei Locomotiven und dreißig Wagen mit den Deputationen der Städte Magdeburg, Halle, Cöthen, Bernburg und Schkeuditz, der dritte Zug hatte eine Locomotive und elf Wagen mit Publicum. Die Maschinen und Wagen waren alle mit Fahnen und Guirlanden geschmückt. Mittags fand großes Tractement im (alten) Gewandhaus-Saale mit Tafelmusik und vielen Festreden statt. Nachmittags halb ein Uhr ging der ganze Zug wieder ab. Sowohl bei Ankunft wie bei der Abfahrt wurden im Schloßhofe Kanonen gelöst.
Am 18. November 1840 wurde Johann David Saupe aus Connewitz, bei Leipzig, welcher im Februar dieses Jahres die Wittwe Nitzsche in Gohlis sträflich ermordet und beraubt hatte, auf der kleinen Wiese bei der Mühle zu Gohlis mit dem Schwerte hingerichtet. Der Scharfrichter hieb den Delinquenten erst tief in die Achsel, so daß derselbe laut aufschrie, erst beim zweiten Hiebe fiel der Kopf. Die Studenten und das zuschauende Volk wollten das Schaffot stürmen und nur mit Mühe gelang es der Communalgarde und den Soldaten, dies zu verhindern.
Ein bedeutsamer Tag für den Lokalverkehr in und um Leipzig war der 31. März 1841. An diesem Tage trat das Institut der Fiaker, der Vorläufer der jetzigen Droschken in’s Leben. Ganz Leipzig war auf den Beinen und wollte fahren. Die Tour kam für eine Person innerhalb Leipzigs und der Vorstädte zwei gute Groschen, auf die Dörfer vier gute Groschen. Am meisten wurde von der neuen Einrichtung die Corporation der städtischen Chaisen- oder wie sie sich selbst nannten Sänftenträger-Compagnie betroffen, auf welche wir noch in einem besonderen Artikel oder Capitel zurückkommen werden. Man feierte diese neue Errungenschaft sogar in Versen, das beste Geschäft machten natürlich die Fiaker’s selbst dabei.
In diesem selben Jahre wurde auch das erste Neugeld ausgegeben, welches den Thaler auf 30 Neugroschen à 10 Pfennige, statt wie bisher auf 24 gute Groschen à 12½ Pfennig festsetzte. Das Publicum konnte sich aber nur äußerst schwer an die Aenderung gewöhnen und rechnete noch länger als zwanzig Jahre sehr viel nach der alten Münze, ja dieselbe war so eingewurzelt, daß sogar im Engrosverkehr der Kaufleute, hauptsächlich bei Tuchen und Buckskins noch bis weit in die 70er Jahre hinein der Preis noch immer nach »guten Groschen« berechnet und facturirt wurde.
Am 19. Juni 1841 wurden auf den Thurm der Johanniskirche drei neue Glocken aufgezogen und am Johannistag zum ersten Mal geläutet.
Am 22. Juni desselben Jahres wurde der Bettelbrunnen nach erfolgter Renovation wieder eingerichtet und zur Benutzung freigegeben, es war zugleich ein Dach über den Brunnen gebaut worden, das auf vier hölzernen Säulen stand, auch Bänke zum Ausruhen für die Trinkenden waren ringsum aufgestellt worden.
Am 9. August kam ein schauderhaftes Gewitter mit großem Sturm und Hagelschlag über unsere gute Stadt, wie es sich eines solchen die ältesten Leute nicht erinnern konnten. Das Unwetter erstreckte sich von Thekla im Norden Leipzigs bis zum Dorfe Gröbern (wohl Cröbern bei Zwenkau) im Süden. Dachziegel und Fenster wurden von den faustgroßen Schlossen zertrümmert und das Getreide niedergeschlagen. Die Vögel fielen todt aus der Luft und von den Bäumen, deren Aeste und Laub überall den Boden bedeckte. In den Verkaufsgewölben der inneren Stadt stand das Wasser theilweise fast eine Elle hoch.
Anno 1842 im Frühjahr wurde die Königstraße angelegt durch den früheren Reimerschen Garten. Der ganze Garten wurde zu einer förmlichen Vorstadt, da auch die Bosen- und Kirchstraße (beide zusammen bilden jetzt die Nürnberger-Straße vom Grimmai’schen Steinweg bis zur Ulrichsgasse), sowie die Lindenstraße abgesteckt wurden.
Anno 1842 wo von Ostern bis weit hinein in den Sommer kein Regen fiel, herrschte im ganzen Lande eine solche Dürre, daß viele kleinere Flüsse ohne Wasser waren und die Mühlen nicht mehr mahlen konnten. Die Roggenernte war noch ziemlich gut, aber das Sommergetreide Hafer, Gerste, Weizen, Erbsen, Kraut und Kartoffeln ergaben eine so schlechte Ernte, daß viele Bauern ihr Vieh vollständig verkaufen mußten, da kein Futter zu haben war. Die Kanne Butter kam im Monat August 20 Neugroschen und das Viertel Brod 1 Thaler.
Am 23. August 1842 früh ¼7 Uhr wurde zu Gohlis der Buchbindergeselle Johann Ernst Heinrich Seyfarth, gebürtig aus Altenburg, wegen an seiner schwangeren Geliebten Louise Schild aus Eisenberg, in der Nacht vom 30. September zum 1. October 1841 im Rosenthale verübten Meuchelmordes durch den Bischofswerdaer Scharfrichter mit dem Schwert enthauptet. Der Delinquent war erst 20 Jahre alt, die Hinrichtung ging schnell und gut von statten. Es war dies in Leipzig die letzte Hinrichtung mit dem Schwert.
Am 5.-8. Mai 1842 war der große Brand in Hamburg. Ende Mai brannte die Stadt Camenz fast ganz nieder und am 7. September ging fast die Hälfte der Stadt Oschatz mit Rathhaus und Kirche in Flammen auf. Von Leipzig gingen nach letzterer Stadt 2 Spritzen, 2 Feuerwächter, 2 Sänftenträger, ein Commando Schützen der Garnison und verschiedene Deputirte des hohen Rathes mittelst Extrazugs Abends ab.
In der Nacht vom 29. zum 30. October brannte die Angermühle am Ranstädter Steinweg.
Anno 1843 wurde das alte Dresdner Thor, welches am 18. October 1813 die Königsberger Landwehr unter Major Friccius, der hierbei seinen Tod fand, stürmte, weggerissen. Es stand da, wo jetzt der östliche Flügel der 3. Bürgerschule steht und reichte bis an das Gottesackergebäude des alten Friedhofes. Es wurde am Ende der Dresdner Straße, bei der jetzigen Grenzgasse und dem Gerichtsweg ein neues Thor errichtet, welches Dienstag den 3. October eingeweiht wurde.
Im October desselben Jahres wurde das (alte) Stadttheater behufs Umbaues und gänzlicher Renovation geschlossen, seine Wiederöffnung fand in feierlichster Weise gelegentlich der Rückkehr Sr. Majestät des Königs Friedrich August von einer Reise nach Italien anno 1844 am 10. August statt.
Anno 1844 am 9. Februar fand Mittags 12 Uhr in der Buchhändler-Börse in der Ritterstraße die erste Versammlung der in Leipzig wohnhaften Katholiken, behufs Berathung über Abänderung verschiedener Satzungen der katholischen Kirche statt. Referent und Hauptsprecher der Versammelten war Robert Blum, der einen allgemeinen Austritt aus der katholischen Kirche und Gründung einer neuen beantragte. Sein eifrigster Gegner und Gegenredner war der Bäckermeister Schmieritz, doch behielt Blum die Oberhand und so erfolgte wenige Tage darauf unter Betheiligung der angesehendsten Katholiken die Gründung der »Deutschkatholischen Gemeinde«, der sich sofort 150 Mitglieder anschlossen.
Der Winter anno 1844/45 war außerordentlich streng und anhaltend, so daß oft die Eisenbahnzüge ganz ausblieben. Monatelang, vom November bis weit in den April nichts wie Eis und Schnee; Holz und Kohlen waren kaum mehr zu beschaffen, da alle Wege tief verschneit und eisbedeckt waren. Die Dachrinnen platzten an den Häusern und die Sperlinge lagen massenhaft erfroren auf den Straßen und in den Gärten. Noch am 7. März wurde der Sattler Carl auf der Straße bei Mockau erfroren aufgefunden.
Mitte Juli 1845 wurde mit dem Bau der Katholischen Kirche in Reichels Garten begonnen, die Maurermeister Purfürst und Siegel und der Zimmermeister Schwabe führten unter einem auswärtigen Baumeister den Bau aus, der anno 1847 am 5. August durch den Bischof Dietrich aus Dresden feierlich eingeweiht und der Gemeinde übergeben wurde.
Am Nachmittag des 12. August 4 Uhr traf Se. Königl. Hoheit Prinz Johann von Sachsen (Chef der gesammten Communalgarden des Landes) in Leipzig ein, inspicirte die Communalgarde und nahm Revue über dieselbe ab. Abends 9 Uhr wurde dem Prinzen vor dem am Roßplatz befindlichen, in den achtziger Jahren neugebauten und in seiner jetzigen Gestalt errichteten, alten Hotel de Prusse von dem Musikchore der Communalgarde ein Ständchen gebracht, welches mit dem Zapfenstreich schloß. Natürlich hatte sich eine ungeheure Menschenmenge angesammelt, und als die Musikanten wieder abgezogen waren, johlten und brüllten einige Burschen vor dem Hotel. Verwünschungen gegen den Prinzen, den man für einen Feind der neuen antipäpstlich-deutschkatholischen Glaubensbewegung hielt, wurden laut, die Menge wurde immer aufgeregter und stimmte das Lutherlied »Eine feste Burg etc.« an und dazwischen tönten Hochrufe auf den kurz zuvor in Leipzig gewesenen ehemaligen katholischen Priester Johannes Ronge, der ebenfalls zum Deutschkatholicismus übergetreten war.
Als aber sich einige rüde Burschen, wie solche bei derartigen Gelegenheiten stets vorhanden sind, ohne daß man weiß woher sie kommen, dazu verstiegen, die Fenster des Hotels einzuwerfen, rückte eine Abtheilung Militair (Schützen) zum Schutze des Prinzen vor weiteren Insulten, vor die Front des Hotels.
Nachdem auf dreimalige Aufforderung des Commandanten der Abtheilung sich die Menge, von der man allerdings sagt, sie habe die drei Aufforderungen gar nicht gehört, nicht zerstreute, erfolgte eine Salve aus den Gewehren des Militairs auf das Volk. Schon die Thatsache, daß von den in der Nähe der Truppen befindlichen Personen kein Einziger verletzt wurde, zeigt an, daß die Soldaten angewiesen waren, hoch — also über die Köpfe der Tumultuanten zu feuern; leider hatte man hierbei aber wohl kaum daran gedacht, daß damals Hotel de Prusse bedeutend tiefer lag als die jenseits der Haupttumultuanten befindliche Fahrstraße und der Hauptweg der viel höher gelegenen Promenade. Da nun aber auf der Promenade ebenfalls Leute standen oder spazieren gingen, welche aber mit dem Tumult auch nicht das Geringste zu thun hatten und die damaligen Gewehre auch lange nicht so weit trugen wie jetzt, so kam es, daß gerade von jenen vollständig Unschuldigen zahlreiche Opfer fielen.
Es waren dies zwei auf dem Wege zum Dienst befindliche Postsekretaire, ein Schriftsetzer, ein Markthelfer, ein Polizeidiener, ein Schneidermeister, ein Privatlehrer und ein Destillateur.
Alle acht wurden am 15. August früh Morgens, unter Begleitung des Handelsstandes, der Innungen und betheiligten Gewerke mit ihren Fahnen und Insignien zusammen zur Ruhe bestattet. Vor dem Thore des Friedhofes wurden die Särge in einen Kreis gestellt und Superintendent Dr. Großmann hielt eine ergreifende Grabrede.
Der Prinz reiste am 13. August Morgens 6 Uhr per Wagen durch das Windmühlenthor über Thonberg nach Grimma ab. — — —