XIII.
Die innere Stadt zur Messe vor 40 Jahren.

Bei den jetzigen Anstrengungen, welche man in anerkennenswerther Weise macht, um die Leipziger Messen wieder zu heben und den früheren Verkehr, wenn auch nur annähernd, wieder herbeizuführen, dürfte es gewiß Jedermann interessiren, einen Blick auf das Leben und Treiben innerhalb unseres Leipzig zur Meßzeit um 40 Jahre zurückzuwerfen. Wer den damaligen Verkehr, der bis zum Anfang der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts fortwährend stieg, um allerdings dann durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes und andere gewichtige Factoren, bis zur Mitte der siebziger Jahre erst allmälig, dann aber, hauptsächlich wohl mit veranlaßt durch allerlei verkehrte und den freien Verkehr hemmende Maßregeln, rapid abzunehmen, nicht mit eigenen Augen gesehen hat, vermag sich wohl kaum noch einen Begriff von demselben zu machen, und deshalb soll eine möglichst genaue Schilderung desselben in diesen Blättern den jetzigen und vielleicht auch späteren Generationen ein Bild von demselben geben. Wenn wir sagen, daß in der inneren Stadt z. B. jedes Haus bis in seine entferntesten Winkel dazu eingerichtet war, Meßzwecken zu dienen, so mag Mancher dies jetzt für arge Uebertreibung halten, und doch war es nicht blos in der That so, sondern — was die Hauptsache ist — diese entferntesten Winkel waren auch mit Verkäufern besetzt und wurden mit horrenden Miethpreisen bezahlt. Es ist natürlich, daß zu jener Zeit die Besitzer von Häusern der inneren Stadt thatsächlich im Besitz der »goldene Eier« legenden Henne waren und an jene Zeiten mit Wehmuth und voller Groll auf die Jetztzeit zurückdenken. Gab es doch Grundstücke, welche durch ihre Meßvermiethungen riesige Erträge abwarfen, und wenn z. B. zu jener Zeit Auerbach’s Hof zu jeder Stunde, Tag und Nacht, das ganze Jahr über gerechnet, einen Doppellouisdor eingebracht haben soll, was ungefähr jährlich 300 000 Mark beträgt, so ist dies ganz sicher nicht das einzige, ja höchst wahrscheinlich noch gar nicht das einträglichste Grundstück gewesen. Gab es doch Häuser, in denen sich, wie im Hotel de Pologne, Elephant, goldnen Hahn, Anker, gr. Joachimsthal, Mauricianum etc. etc. Hunderte von Ständen und Verkaufsgewölben — ferner das alte Gewandhaus mit seiner riesigen Anzahl von Tuchständen auf den sogenannten Tuchböden — befanden, und einfache Hofstände wurden mit 4—500 Mark pro Messe, kleinere Läden mit 8—1200 Mark und große Gewölbe mit 1500 bis 2000 Mark für die Hauptmesse bezahlt. Ja selbst in der nie zu der Größe der Hauptmessen gekommenen, nur zwei Wochen währenden Neujahrsmesse war der Verkehr immer noch ein vielfach stärkerer, als jetzt zu den Hauptmessen. Aber alle diese Hausstände und Läden genügten noch bei Weitem nicht für den riesigen Engrosverkehr, denn es waren noch alle Straßen und Plätze mit Buden für die kleineren Fabrikanten und Grossisten besetzt, und in den Hauptstraßen befanden sich Waarenlager bis in die dritten und vierten Stockwerke der Häuser. Dabei hatte jede Branche ihre bestimmten Straßen inne. Die Grimmaische Straße, in welcher Verkaufsstände und Buden fast die Hälfte der Straßenbreite vom Grimmaischen Thor bis zum Markt einnahmen, enthielt die Lager der Damenconfection, der Herrenconfection, Blumenfabriken, Gold- und Silber- und Bijouteriewaarenfabrikanten, sowie Hüte, Mützen und Kunsthandlungen (Bilder). Im Mauricianum hielten Hunderte von Lederhändlern, ebenso im rothen Colleg und der ganzen Ritterstraße, welche noch Buden für Kunstleder, Schäftefabriken, Nähnadeln und Zwirngrossohändler trug. Der Nicolaikirchhof und die Nicolaistraße waren mit rheinländischen und Lausitzer Posamenten, Apoldaer Strumpf- und Phantasie-Wollartikeln, sowie sächsischen Baumwollwaaren besetzt. Im Salzgäßchen domicilirten sächsische Cravatten-, Cachenez- und Taschentücherfabriken und Grossisten, im Goldhahngäßchen Chemnitzer Damaste und Berliner Chales und Tücher. In der Reichsstraße standen die großen Firmen der Manufacturwaarenbranche aus Greiz, Gera, Glauchau, Meerane, sowie solche, die englische und sächsische Lüsters und Orleans führten; in den Höfen und Durchgängen, sowie im Böttchergäßchen wurden Hohenstein-Ernstthaler Westen, Bett- und Tischdecken, Teppiche und Läuferstoffe, baumwollene Cords und Hosenstoffe, Lamas und Flanelle, sowie Möbelplüsche feilgehalten. In der Katharinenstraße waren die großen Lager Eilenburger und Berliner Kattune und Piqués, die Lausitzer Leinwand-, Gedeck- und Handtuchfabrikanten, Shlipse und Cravatten, Drelle und Bettzeuge zu finden. Im Brühl von der Reichsstraße bis zur Hainstraße befanden sich schweizer und englische, sowie sächsische Gardinen, Crefelder und Berliner Seidenwaaren und Sammete, Jupons und Schürzen, sowie Breslauer und Berliner Futterstoffe, im untern Brühl bis zur Ritterstraße der riesige Rauchwaaren-, Fell-, Borsten- und Därmehandel, sowie der jüdische Trödelmarkt, letzterer auf hunderterlei Ständen mit ebensovielerlei alten und neuen Gegenständen. Einen geradezu riesigen Complex aber nahmen die noch jetzt zahlreichen Tuch- und Buckskin- und Confectionsstofffabriken und Grossisten damals ein. Alle Höfe und Durchgänge von der Katharinen- nach der Hainstraße, von dieser bis zur Fleischergasse und wieder von dieser bis zum Neukirchhof, auf welchem sich noch Hunderte von Ständen in Buden befanden, sowie sämmtliche Läden der genannten Straßen waren mit dieser Branche bis in die kleinsten Winkel besetzt. In den großen Läden der Hainstraße dominirten die Berliner Weltfirmen der Confectionsstoffbranche, welche oft mit einem Apparat von über einem Dutzend Leuten, bestehend aus Chef, Procurist, Buchhalter, Commis, Lehrlingen und Markthelfern, zu denen sie aber noch ein anderes Dutzend Packer und Meßhelfer hier engagirten, zur Messe kamen. Das Gewicht der Waaren, welche diese Häuser, wie Jacob Landsberger, Reinhold Wolff und Co., Rosenstiel Söhne, Morgenstern Söhne etc., hierher mit zur Messe brachten, betrug Hunderte von Centnern, und bereits Wochen vor der Messe trafen Ladungen derselben hier ein. Vor uns liegt die Specificirung der Meßspesen eines solchen Geschäftes, dieselben betrugen für eine einzige Michaelismesse in ihrer Gesammtheit 3215 Thaler 28 Neugroschen, also fast 10 000 Mark; dabei ist jedoch ausdrücklich bemerkt, daß in dieser Summe die Gehalte des mitgebrachten Personals nicht mit inbegriffen waren. Diese Geschäfte führten Alles, was zur Herren- und Damenconfection (die Confection erstreckte sich damals bei Damen nur auf Mäntel etc., nicht auf Kleider) gehörte: Buckskins aller Art, Tuche, Ratiné, Double, Krimmer, Plüsche etc. bis herab zu den Cloths. Welchen Meßumsatz ein derartiges Haus machen mußte, um nur erst die Spesen zu verdienen, kann sich wohl Jeder leicht vorstellen. Sie verdienten aber nicht blos die Spesen, sondern mehr.

Blick auf die belebte Katharinenstraße.
Die Katharinenstraße zur Messe Anno 1850.

Im großen Joachimsthal, Stern und Hotel de Pologne standen die Tuch- und Buckskinhändler aus Aachen, Verviers, Quedlinburg und Berlin, in den anderen Häusern und Straßen, sowie auf dem Neukirchhof die Fabrikanten aus Cottbus, Spremberg, Forst, Sorau, Crimmitschau und Werdau. Die kleineren Fabrikanten feiner Tuche standen seltsamerweise weit von ihren Collegen entfernt und zwar auf dem Neumarkt und im Gewandhaus. Es waren dies die aus Roßwein, Leisnig und Döbeln. Auf der oberen Hälfte des Neumarktes standen die Antiquare, in den Höfen und Hausfluren die Gemäldehändler. Die Petersstraße war damals nur wenig geschäftlich belebt, es saßen deshalb rechts und links auf derselben die Obsthändler. Auf dem Marktplatz fanden sich Spielwaaren, Geigen- und Instrumentenfabriken, Annaberger geklöppelte Spitzen, Marmor-, Glas- und Meerschaumwaaren und tausenderlei Anderes, im Thomasgäßchen Pariser Bijouterien, Schweizer Weißwaaren und Spielwaaren. Auf dem Thomaskirchhof befanden sich die Eisen- und Kurzwarenhändler.

So waren in der inneren Stadt die Branchen vertheilt, dabei fand ein fortwährendes Gewühl und Gedränge statt: vor den Geschäftslocalen standen trotz der die Straßen ohnehin sehr beengenden Buden noch Pyramiden von Kisten und Waarenballen, und auf dem schmalen, nun noch übrigen Fahrweg schlängelten sich hin- und herschleudernde Schleifen, Roll- und Lastwagen, Droschken und Handwagen im bunten Knäuel durcheinander. Arbeiten — feste arbeiten! war die Losung während der Vor- und Engroswoche, und wenn Abends spät in den Geschäften endlich die Läden vorgesetzt wurden und der Andrang der Käufer für den Tag zu Ende war, dann ging das Zusammenstellen der Commissionen, das Registriren, Facturiren, Copiren, Vergleichen und Verpacken los, denn am Tage war dazu keine Zeit, und oft schliefen die Ermüdeten die wenigen verbleibenden Stunden auf den Ballen. Aber »der Alte« ließ sich in dieser Zeit schwerer Arbeit »nicht lumpen«, es gab Bier, Kaffee, Punsch und kalte Küche im Ueberfluß, und die »Meßgratification« war auch nicht zu verachten.

Wo sind jetzt jene Zeiten? Längst und wohl für immer vergangen! — — Die Buden verschwanden von den Straßen, die sonst so belebten Höfe stehen meist leer, die Regaleinrichtungen in den Hausfluren verfallen, und die früher so beschäftigten Ballenaufzüge in den großen Durchgängen strecken betrübt ihren Arm in die Luft. Daß bei solchem Verkehr und den kolossalen Geschäftsumsätzen natürlich auch eine Menge Menschen ihre Existenz fanden, ist einleuchtend. So kamen speziell aus den ärmeren Gegenden des Erzgebirges und Vogtlandes zu jeder Messe Hunderte von Leuten mit ihrem Schiebebock (einrädriger Handwagen) und der hölzernen Trage zu Fuß nach Leipzig, lösten sich für wenige Groschen bei der Behörde einen Arbeitsschein, wurden registrirt und erhielten nun eine um den linken Arm zu tragende Blechmarke mit ihrer Nummer. Diese Leute traten nun als Packer oder Meßhelfer bei den Fremden in Dienst, erhielten zwei Thaler pro Tag und kehrten nach der Messe ebenso wieder zu Fuß, diesmal aber mit einem hübschen Sümmchen ersparten Verdienstes, in ihre Heimath zurück. Sie waren treu und ehrlich und meist viele Jahre bei demselben »Meßfremden« thätig. Solcher Existenzen aber gab es vielerlei, und so verbreitete die Leipziger Messe ihren Segen tausendfältig bis weit in die Ferne. Aber auch die Leipziger Gewerbe fanden durch die Messe und ihren riesigen Verkehr reichlichen Absatz. Zimmerleute zum Aufbau der tausenden von Meßbuden, Tischler und Schlosser zu den Regalen, Firmenschreiber, Schneider und Schuhmacher, alle, alle mußten zur Messe mit verstärkten Kräften oft Tag und Nacht arbeiten.

Vom Bäuerlein, das zur Messe mit seinen Gäulen kam, um bei Spediteuren oder dem Rollfuhrverein in den Dienst zu treten, bis zum Rußbuttenmann und dem Verkäufer des »Wach—holder—beer—saft«, von der armen Wittwe, die zur Messe mit Kind und Kegel in der ärmlichen Küche auf der nur nothdürftig mit Stroh bedeckten Diele schlief, um ihre Stube einem »Meßfremden« einzuräumen, bis zum Hotel I. Ranges — Alle fanden Brot und Nahrung von der Leipziger Messe.