Wie die Harfenistinnen, so standen auch die Mitglieder jener fliegenden Capellen, welche zur Meßzeit regelmäßig hier in Leipzig eintrafen und mit ihren mehr oder minder gediegenen musikalischen Produktionen die Herzen der übrigen Meßbesucher und Einwohner, nicht zu vergessen die für alle musikalischen Genüsse sehr empfänglichen Dienstboten besonders weiblichen Geschlechtes, erfreuten, aus dem sächsischen Erzgebirge und Vogtlande, sowie aus dem nahen Böhmen. Sie gehörten durchgängig der armen Volksklasse an und waren meist Weber oder Bergleute. Es gab unter diesen Chors einzelne in Bergmannstracht, andere uniformirt, welche eine ganz acceptable Concert- oder Ballmusik leisten konnten, und da sie selbst, d. h. die Mitglieder derselben die bescheidensten Menschen waren, welche man sich nur denken konnte, auch die kleinste Gabe dankend annahmen und sich da, wo sie Nichts kriegten, einfach wieder trollten, so waren sie durchgängig beliebt und gern gesehen. Ja selbst Nörgler, welche über Alles räsonirten und denen es niemand recht machen konnte und die deshalb auch oft genug darüber schimpften, wenn einer der Musikanten draußen an der Vorsaalthür klingelte und um eine kleine Gabe bat, freuten sich im Geheimen doch, wenn sie den ersten Choral einer solchen Capelle wieder hörten. »Es ist doch wieder Messe« sagten sie dann erfreut und summten unwillkürlich die Melodie mit. »Es ist Messe!« jubelte Rieckchen oder die stramme Pauline beim Fensterputzen, wenn sie die bekannten Töne zum ersten Mal wieder, seit vielen Wochen, auf der Straße hörte und beugte sich waghalsig so weit aus dem Fenster, wie sich dies einigermaßen mit ihrer Sicherheit und den Regeln des Anstandes vertrug.
»Es ist Messe!« flüsterte die kleine Näherin oben im vierten Stock und emsig kramte sie im Schubkasten ihres kleinen Nähtisches nach einigen noch übrigen Pfennigen für die Musikanten herum.
»Herrjeh — s’ is werklich schon wieder Messe — wie de Zeit vergeht!« sagte de Müllern zu ihrer Busenfreundin und Logisnachbarin der Richtern, »heern se die scheene Musike?«
»I — nu freilich!« antwortete die Richtern »s’in de Bergleite — wissen se — die die grünen Federstitze uff de Schackos ham, dasmal ham se noch eine Bauke un ene Lyra mitgebracht, wo sie druff mit ä Stäbchen wunderscheene klimbern, nee — ich heere se zu gerne!«
»Ach Gott!« sagt die Müllern, horchen se blos, jetzt spielen sie den Schneiderwalzer. — Jeses — da denke ich sie stets an mein seeligen Mann, s’ war den sei Lieblingsstückchen, er sang allemal mit — horchen se blos — jetzt singen se derzu:
»— — — Jette — Jette — zum Ballette
Muß der Junge ganz gewiß!
Denn schau doch — O Frau doch — Genau doch — Nur diese —
Schnurgeraden Füße — Wie Bratenspieße — — —.«
»Hurrah! S’ is wieder Messe! De Meßmusikanten sin wieder da« brüllten wir Herren Jungens und warfen Mützen und Schultornister jubelnd hoch in die Luft, daß die blechernen Penale (früheren Feder- und Bleistiftbehälter wie jetzt die Federkästen) neue Beulen kriegten und die ohnehin strapazirten Mützen vollends aus aller Façon kamen. Hei! was begann nun für uns für eine lustige Zeit. Wir schätzten es uns zur hohen Ehre, den Musikanten als lebendige Notenpulte zu dienen und kleine Schlachten, deren Resultate häufig zerschundene Gesichter und blutige Nasen waren, wurden zwischen uns geschlagen, um dieser Ehre theilhaftig zu werden. Verächtlich und triumphirend blickten wir Sieger auf unsre Besiegten oder auf die höheren Söhne, deren Eltern ihren auf uns neidisch blickenden Sprößlingen diese Dienstleistung im Reiche der schönen Künste nicht gestatteten.
»Donnerwetter — schon wieder Messe!« rief der Bruder Studio aus, die »Meßmusikanten sind da — na da wird wohl Levy Schmul auch bald kommen — Zeit wird’s, denn — — —«
So klang es von allen Seiten und allen Ständen der Bevölkerung bis in die äußersten Winkel der Vorstädte hinaus, denn schon mit dem Glockenschlage sechs, des Montages der Vorwoche begannen diese Zugvögel mit größter Pünktlichkeit ihre musikalische Thätigkeit. Den Anfang an jedem Morgen machte stets ein Choral, denn der blutarme Weber und Bergmann des Gebirges hat ein gar frommes Herz. Wie vielseitig aber ihre Thätigkeit oftmals war und welcher Bescheidenheit sie sich in allen Dingen befleißigten, verräth am Besten das Tagebuch des Meßmusikanten Gottfried Hahn aus Stollberg im Erzgebirge von der Michaelismesse 1851, welches wir hier, genau nach seiner eignen Niederschrift folgen lassen.
Vorgestern, als den 15. September 1851, sein mer hier in Leibzig zur Michaelimesse angekommen, nämlich ich Gottfried Hahn aus Stollberg im sächsischen Erzgebirge als erste Drombete, mei Bruder Luis mit der zweiten Drombete un’n Glabbenhorn, meiner Muhme ihr Sohn, der August bläst’s Waldhorn, Kremplers Heinrich aus Obervogelgesang mit der Bosaune, Hesse aus Oberpfannenstiel als erste Clarnette und Bäslers Fritze aus Lauterbach mit der zweiten Clarnette un’n Biston, mer sein also sechs Mann. Finf Tage warn mer unterwegens un ham uns mit Spiel’n von Ort zu Ort glicklich durchgefressen bis hierher. Gestern, am 16. ham mer uffn Naschmarkt vorn Herrn Aktuar von die Bolizei Probe gespielt. Mir wählten derzu das scheene Lied, als Marsch »Gott sei mit Dir mein Sacksenland« was mer aus’n ff kennen un bestanden ooch de Probe glänzend, so daß mer glicklich unsern Schein kriegten. Indem Krempler Heinrich zwar der Aeltste is, aber so sehre seift, ham se mich zum Kassirer erwehlt, aber s’ wird ooch Zeit, daß was in de Casse kommt, denn wie mer den Schein bezahlt hatten un dann in unser Quartier in der Webergasse No. 4 kamen, wo mer mit e Freiberger Bergmusikantenkor in ener leeren Dischlerwerkstelle uff lauter scheenen Strohsäcken schlafen, hattn mer in der Casse nur noch … Thlr. —.— 7 Pfennge.
Heite, den 18. September is Sonntag un durften mer noch nich spielen, mir sein deswegen alle zusammen in de liebe Kirche gegang’n, dadermit mir de Messe »mit Gott« anfangn; Nachmittags warn mer in Rosendahl, wo’s nischt kost un Abends geht’s zeitig zu Bette heite.
Heite, den 18. September habn mer angefangen, zuerst in der Bosenstraße un mit’n Choral »Wie scheen leichtet der Morgenstern,« dann ’n »Schneiderwalzer« un zuletzt ’n »Bergmannsgruß«, wozu mei Bruder Luis, der August, Hesse un Bäsler den Dekst sangen. ’S machte sich sehr hibsch. Nachher wurden mer von ener Köchin, die in der »Bretzel« an der Ecke der Holzgasse dient, fer morgen frieh um sechse zu e Ständchen bestellt un kriegten mer zwanzig Neigroschen in Voraus. S’is nämlich der Köchin ihr Geburtstag morgen, un s soll so aussehn, als wenn e Verehrer ihr das Ständchen bringen läßt. Im Ganzen ham mer heite eingenommen 2 Thlr. 8 Gr. 4 Pfg., worunter aber zwee falsche Dreier un e versilberter Zweefennger.
Heite, den 19. September habn mer erst der Köchin zwee Dreppen hoch das Ständchen gebracht. Erst bliesen mer den Choral »Wach auf mein Herz«, dann »Wir winden Dir den Jungfernkranz« un als Schlußstück das scheene Lied »Heinrich ach — un seine Caroline.« Die Köchin that sehr gerihrt un mer kriegten Jeder e Schnaps un zusammen noch e Viergroschenstick. Einnahme heite zusammen 1 Thlr. 28 Gr. 7 Pfg.
Bis heite den 23. September ham mer von 20. 21. 22. und 23. eingenommen 14 Thlr. 7 Gr. 2 Pfg.
Mit dem Krempler Heinrich is es ä wahres Elend, indem er zu sehre seift und was da aus der Bosaune rauskommt kann mer sich denken. Gestern Abend spielten mir in ä Privathaus, wo se uns reinholten un mer ooch zu essen und trinken kriegten un se nach unserer Musik danzten. Nachher sammelten se selber vor uns ein und kriegten mir noch 1 Thlr. 2 Gr. 6 Pfg. Krempler war so voll, daß mern reene zu Hause tragen mußten. Na — er hats aber von mir beese gekriegt! —
Heite den 24. September war klener Meßsonntag. Ich hätt bald Malehr gehabt heite, weil mer e Student in der Petersstraße zwee große Vierfennger in Pabier gewickelt, von 3 Drebben hoch runter un mir grade uff de Nase schmiß, daß se ganz dicke wurde. Abends ham mer heite in der großen Dierbude uff’n Obstmarkt gespielt, aber weil Heinrich wieder emal een dichtg zu sich genommen hatte, un der große Löwe for die Döne aus Heinrichn seiner Bosaune kee musikalisches Geheer hatte, gabs zuletzt e großen Grawall un der starke Löwenbändger schmiß uns zuletzt alle eenzeln, eenen nach dem andern zur Bude naus, was mer blos ganz alleene Heinrichen un sein Saufen zu verdanken hatten.
In die erste Woche ham mir also eingenommen, alter Rest |
— | Thlr. | — | Gr. | 7 | Pfg. | ||||||
| Datum den 18. September | 2 | „ | 8 | „ | 4 | „ | ||||||
| dihto den 19. „ | 1 | „ | 28 | „ | 7 | „ | ||||||
| dihto bis mitgerechnet 23. Sept. | 14 | „ | 7 | „ | 2 | „ | ||||||
| in den Privathaus eckstra | 1 | „ | 2 | „ | 6 | „ | ||||||
| Heite, Datum den 24. September | 3 | „ | — | „ | 8 | „ | ||||||
| magt zusammengerechnt | 22 | Thlr. | 18 | Gr. | 4 | Pfg. | ||||||
Dadervon hab’ch bezahlt fir 6 Mann Logis un Kaffee fir 8 Tage, jeder Dag 15 Ngr. |
4 | „ | — | „ | — | „ | ||||||
| bleibt | 18 | Thlr. | 18 | Gr. | 4 | Pfg. | ||||||
Für Mittagsbrod in der Speiseanstalt fir 8 Dage vor sechs Mann, jeder Dag 72 Pfg. |
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| 1 | Thlr. | 27 | Gr. | 6 | Pfg. | |||||||
| un an jeden von uns Vorschuß v. 1 Thlr. | 6 | „ | — | „ | — | „ | 7 | „ | 27 | „ | 6 | „ |
| bis heite Rest | 10 | „ | 20 | „ | 8 | Pfg. | ||||||
Datum 26. September. Seit gestern spielen wir alle Abende bei Rappon (Rappo, größte Seiltänzer- und Akrobaten-Gesellschaft, welche in den 40er und 50er Jahren fast regelmäßig die Messen besuchte) in seiner Bude von sechsen bis um elfe, wofir wir jeden Abend 1 Thaler 8 Gutegroschen kriegen. Mei August hat in den eenen wilden Indianer, die daneben in der Bude lebendge Hihner zerubben un fressen, den alten Leinweber Dietze aus Schlettau sein Sohn Edward, der vor 4 Jahren von derheime fortgelaufen is erkannt, na — das Metier kennt mer nich gefallen! Bei Rappos geht das Geschäft gut un solln mer ooch noch ganz egale neie Mitzen kriegen.
Datum 27. September. Heinrich war gestern Abend wieder so knill, daß er Grakehl in Quartier mit een von de Freiberger kriegte, der hat’n aber furchtbar zugedeckt un heite hat er e ganz blaues Ooge. Mei Bruder Luis fand heite frieh in seiner Drombete e Kinderzulp, den Eener wahrscheinlich aus Unsinn neingewärcht hatte, ä recht eenfeltger Spaß. Einnahme den 25., 26. un 27. September, ohne das von Rappon, was mer wechentlich kriegen 9 Thlr. 11 Gr. 1 Pfg.
Datum 1. Oktober. Heite war erster großer Meßsonntag un alles kribbelte un krabbelte von Menschen, mer mechte wissen wo se nur alle herkommen. Un weils bis jetzt so leidlich gegangen ist, fingen wir heite frieh um sechsse mit dem Choral »Mein Erstgefiehl sei Preis und Dank« an. In der blauen Mitze kriegten mer for unsern scheenen Vortrag vom Bergmannsgruß, ä wahrhaftiges Achtgroschenstück in Pabier gewickelt zugeworfen. S’ war e bohlsches (polnisches) aber das schad nichts, mir wärn’s schon los. Heinrich freilich meente gleich, daß mer daderfür sollten for jeden gleich zwee Glas Braunbier kofen, aber der Siffel wurde überstimmt.
Einnahme d. 28. 29. 30. Sept. un heite d. 1. Oct. zusammen |
16 | Thlr. | 7 | Gr. | 6 | Pfg. | ||||||
| daderzu vom 25. 26. und 27. Sept. | 9 | „ | 11 | „ | 1 | „ | ||||||
Von Rappon for diese Woche = 7 Dage jeder 1 Thlr. 10 Ngr. |
9 | „ | 10 | „ | — | „ | ||||||
| Un alter Rest | 10 | „ | 20 | „ | 8 | „ | ||||||
| 45 | Thlr. | 19 | Gr. | 5 | Pfg. | |||||||
Wieder ab vor diese Woche vor Logis, Kaffee un Mittagessen |
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| 5 | Thlr. | 27 | Gr. | 6 | Pfg. | |||||||
| Un neier Vorschuß vor Jeden 1 Thlr. | 6 | „ | — | „ | — | „ | 11 | „ | 27 | „ | 6 | „ |
| bleibt Rest | 33 | Thlr. | 21 | Gr. | 9 | Pfg. | ||||||
womit mir kenn sehr zufrieden sein. Die scheenen Mitzen hab’n mer von Rappon ebenfalls umsonst erhalten. Se sind grau mit silbernen Bonbong, wie de östreichschen Militärmitzen un sehn sehr fein aus, mir habn uns dichtg driber gefreit.
Datum 4. October. Dietzens Junge der den Indianer machte is fortgelaufen und bei Renzen als Mohr in den Zirkus eingetreten. Er sagt er könnte die Kost nich länger vertragen. Heite haben mir bei die Studenten in’n Thiringer Hof in der Burgstraße bei e Commers bis jetzt, wo’s frieh um Dreie is, gespielt un hatte uns Rappo für diesen Abend freigegeben. Bier gabs so viel mir nur wollten und finf baare Thaler kriegten mer außerdem noch, Heinrich war natürlich schon um Zwelfe so beseift, daß’n de Studenten uff e Faß festgebunden un nischt wie Unsinn mit’n getrieben ham. Morgen wird er schöne Töne aus seiner Bosaune rausbringen! S’is e Jammer mit den Kerl, aber wenn mer heem kommen sag ichs gewiß seiner Frau, der Carline, vor der hat er geherigen Respekt. Einnahme den 2. 3. und 4. October ohne Rappon seins 13 Thlr. 7 Gr. 2 Pfg.
Datum 6. October. Hab ich’s nich gesagt? Ae ganzen Dag is Heinrich dienstunfähig gewesen gestern von wegen seiner Beseiftheit, weshalb August mußte de Bosaune blasen. Ja — ja — der Suff der bringt Krempler noch in ä friehes Grab. Gestern früh wie mer gerade an der Sandgasse den Morgenchoral spielten, kommt e Herr und sagt, mir sollten in de Königstraße No. 11, zwei Dreppen hoch gehn, da wohnte e Freind von ihm der heite seinen Geburtstag hätte, indem er grade 30 Jahre alt wirde. Wir sollten recht sachte de Dreppen nauf gehn un oben mit aller Macht das Lied »Schier dreißig Jahre bist Du alt« blasen, worüber sich sein Freund furchtbar frein wirde. Als Lohn gab der Herr 1 Thaler, dann ging er mit uns bis in de Hausflur, blieb aber unten stehen. Wir freiten uns über das noble Geschenk und schlichen uns ganz leise de 2 Dreppen nauf. Oben nahmen wir sachte Aufstellung un legten nu los, daß de Wände zitterten. Kaum aber warn mer bis zur dritten Strofe gekommen, so ging uff emal de Vorsaalthür uff un e Frauenzimmer in ener Nachtjacke und de Haare einzeln in Pabier gewickelt, stürtzte mit e großen Besen uff uns los un haute uff uns ein daß uns Heern un Sehn verging un wir lauter Frösche rausbrachten. Ich denke natirlich mer sein vielleicht falsch gegangen un trete vor un will den Irrthum aufklären, da kommt aber uff emal noch e Frauenzimmer, ene ganz Alte, ebenfalls aus dem Logis rausgesterzt, die haut mich schwipp, schwapp mit e nassen dreckgen Scheuerlappen um Maul und Ohren, daß ich bald erstickte, denn der Lappen blieb mir auf Mund und Nase und dem Hals kleben un ich war froh, daß die Alte loslies un ich ebenfalls Hals über Kopf ausreißen konnte, wie meine Collegen schon gethan hatten. Ae ganzes Werterbuch voll Schimpfworten, sowie den Besenstiel schickten uns die Frauenzimmer noch hinten nach und erst unten wickelten mir meine Freinde den Lappen runter, so daß ich wieder ordentlich Athem holen konnte. Wir waren natirlich iber so ne Behandlung fir unsre musikalische Leistung eiserst aufgebracht, aber der Herr, der immer noch in der Hausflur stand, wollte sich todlachen, griff in die Westentasche und ich denke, na — e Viergroschenstick macht Alles wieder gut, was aber drickt er mir in de Hand? E Pabier — un wie ichs besehe is es werklich und wahrhaftig e Finfthalerschein! Na — unsre Freide! Nu sagte uns der Herr, die Dame oben sei ene vom Theater, ene Dänzerin, heite sei ihr Geburtstag wo sie wirklich 30 Jahre wirde, un weil se sich immer nur fir 23 Jahre alt ausgebe, habe er ihr den Possen gespielt. Wir stellten uns nun auf die Straße vor dem Hause auf und spielten fast eine Viertelstunde lang weiter nichts als »schier 30 Jahre bist Du alt« bis die Alte schimpfend an uns vorbei un nach der Bolizei lief, weshalb wir uns nun trollten; der Herr war ebenfalls gegangen.
Datum 8. October. Gestern Nachmittag spielten mir von dreien bis um sechse bei e Richtschmaus in der Zeitzerstraße und kriegten derfor 1 Thaler un freies Bier. Natierlich hatte Heinrich wieder e dichtigen Zacken, un de Folge war, daß mir’n bei Rappon de Bosaune wegnehmen mußten, weil er egal falsche Döne rausbrachte und de Harmonie störte. Rappo drückte e Auge zu, weil mir nun blos Finfe waren; na warte nur Heinrich, wenn mir wieder zu Hause kommen, Deine Carline soll Alles erfahren wie de Dich aufgeführt hast.
Einnahme den 5. 6. 7. und 8. October zusammen |
11 | Thlr. | 29 | Gr. | — | Pfg. |
| Ekstra von dem Ständchen v. 5. October | 6 | „ | — | „ | — | „ |
| Einnahme vom 2. 3. und 4. October | 13 | „ | 7 | „ | 2 | „ |
| Einnahme von Rappon, for 6 Dage | 8 | „ | — | „ | — | „ |
| Alter Rest | 33 | „ | 21 | „ | 9 | „ |
| 72 | Thlr. | 28 | Gr. | 1 | Pfg. | |
wieder ab Logis, Kaffee, Mittagessen und Jeden 1 Thlr. Vorschuß |
11 | „ | 27 | „ | 6 | „ |
| bleibt Rest | 61 | Thlr. | — | Gr. | 5 | Pfg. |
Datum 11. October. Vorgestern haben mir ene Innung aus der alten Herberge in die neue geblasen un dann den Obermeister Ständchen gebracht, aus der Innungskasse kriegten mir dafür 3 Thaler und von den Obermeistern noch zwei Thaler, gestern spielten mir den Nachmittag im Garten der großen Funkenburg wo viele Menschen warn weil e Luftballon losgelassen wurde, wir kassirten iber 4 Thaler, was uns noch nicht bassirt ist. Einnahme Alles in Allen den 9. 10. und 11. October, ohne Rappon seins 16 Thlr. 4 Gr. 7 Pfg.
Datum 13. October. Mer merkt daß de Messe zu Ende geht, die Einkäufer und großen Verkäufer sind alle fort und die Straßen in der Stadt sind viel leerer wie vorige Woche noch. Aber dafor gehts Geschäft auf dem Augustusplatz flott und s’is e Gedränge daß mer kaum durchkann. Die Handelsleute sind fröhlich und vergnügt un Vormittags wenn mir oder e anders Chor kommen und spielen, tanzen sie oft in den Reihen daß de Buden wackeln und dann geben se uns gerne ä paar Pfennge oder ä Sechser, viele Male aber geben se e Groschen, ja — s’is e fideles Völkchen. Bei’n Schustern hatten se gestern ene Bude bekränzt weil der Händler darin nunmehro seit 30 Jahren zur Messe kam, wir mußten ihm e Ständchen bringen un dann sammelten se für uns und brachten bald finf Thaler for uns zusammen. Mir wollten das viele Geld for die kleine Mühe erst nich nehmen, aber — se meenten wir wirden’s wohl schon brauchen kennen. Du lieber Gott, da hatten se freilich recht, zumal wenn mer ä armer Weber is wie ich und 6 lebendge Kinder zu Hause hat.
Einnahme den 9. 10. und 11. October Alles in Allen aber ohne Rappon seins 15 Thlr. 29 Gr. 8 Pfg.
Datum 15. October. So wäre se denn zu Ende de liebe Messe. Fir uns war se wieder recht segensreich und morgen kenn mer heimwärts wandern, denn for de ärgste Noth for nächsten Winter is Gott sei Dank gesorgt. Es giebt doch noch recht gute Menschen in der Welt, die gerne geben, auch wenn sie selbst nicht viel haben.
Rappo hat sich wieder nobel gemacht und uns, für die letzte Woche statt 7 Dage jeden 1 Thlr. 10 Ngr. was zusammen 9 Thlr. 10 Ngr. gemacht hätte, 14 Thaler gegeben.
Einnahme d. 12. 13. 14. u. 15. October |
25 | Thlr. | 11 | Gr. | 2 | Pfg. |
| ferner Einnahme vom 9. 10. u. 11. Oct. | 15 | „ | 26 | „ | 8 | „ |
| von Rappon | 14 | „ | — | „ | — | „ |
| hierzu Alter Rest | 61 | „ | — | „ | 5 | „ |
| 116 | Thlr. | 11 | Gr. | 5 | Pfg. | |
ab für Logis, Kaffee un Mittagsbrod |
5 | „ | 27 | „ | 6 | „ |
| bleibt Rest | 110 | Thlr. | 13 | Gr. | 9 | Pfg. |
Es kommt also auf Jeden von uns 18 Thlr. 12 Gr. 3 Pfg., wofür wir alle Gott danken. Krempler Heinrich hat uns himmlisch gute Worte gegeben, daß wir seiner Carline von seiner Aufführung nichts sagen sollen und weil er sonst ein guter Kerl un dichtger Bläser is un sich de letzten Dage gutgehalten hat, so hab’n mern alle versprochen, diesmal noch zu schweigen.