Mit dem Jahre 1860 erlosch auch das denkwürdige Institut der sogenannten privilegirten »Eckensteher«, der Vorläufer unsrer jetzigen Dienstmänner. Wer hätte wohl noch nicht wenigstens traditionsweise von den Eckenstehern mit ihrem unverwüstlichen, an Faulheit grenzenden Phlegma, ihrer denkwürdigen »Bulle« und ihrem meist sehr schlagfertigen Mutterwitz gehört. Sie hatten ihre Standorte, wie schon ihr Namen ergiebt, an den Ecken der Straßen und Plätze, waren vom Rathe der Stadt verpflichtet und trugen am linken Arm das Zeichen ihres Standes, die ihnen vom Rathe zugetheilte Nummer. Naturgemäß gab es gute und mindergute sowie schlechte Plätze und auch hier war der Gewerbebetrieb genau geregelt, dergestalt, daß neue Anfänger stets zuerst die schlechtesten Plätze nehmen mußten. Wurde ein besserer Platz durch Tod oder sonstigen Abgang seines bisherigen Inhabers vacant, so rückten die Andern genau in ihrer Reihenfolge nach. Doch gab es auch Eckensteher, welche ihre alte liebgewordene Ecke um keinen Preis vertauschten. Diese wurden dann ein für allemal übersprungen. Dadurch kam es, daß diese Eckensteher sich nicht nur im Laufe der vielen Jahre, in welchen sie meist ihre Stellen inne hatten, eine feste Kundschaft herangebildet hatten, sondern auch jeden einzelnen Bewohner ihres Rayons genau kannten, mit seinen Verhältnissen oft genauer vertraut waren als manchem lieb war und daß auf diese Weise die Eckensteher sowohl eine Art lebendigen Adreßbuches wie ziemlich zuverlässigen Auskunftsbureau bildeten. Wahrhaft bewundernswerth war ihre außerordentliche Vielseitigkeit in Leistungen. So waren eine große Anzahl jener Eckensteher am ganz frühen Morgen »Milchmädchen«, am Tage dann Eckensteher und Abends »Kegeljungen«, bei besonders stillem Geschäftsgang nahmen sie auch wohl an kegelfreien Abenden den Hebekorb mit Brezeln und durchschritten unter dem melodischen Rufe »Warme weeche Brezeln — warme weeche!« die Straßen. Noch andre von ihnen hatten sich sogar zu Amt und Würden aufgeschwungen, indem sie Abends halb zehn Uhr zum Naschmarkt zogen, wo sie die Attribute ihrer amtlichen Würde — Mantel, Spieß und Horn empfingen und nun hinauszogen in das ihnen angewiesene Revier, um daselbst für die Nachtzeit als Auge des Gesetzes zu fungiren und als ehrsame Nachtwächter über Schlaf und Eigenthum ihrer Mitbürger zu wachen.
Würdevoll — die Beine gespreizt, den langen Spieß in der Rechten, das kleine Horn an der linken Seite, während noch ein großes Horn auf ihrem Rücken herunterbaumelte — schritten sie, wenigstens so lange die Straßen belebt waren, dahin und regelmäßig bei jedem Stundenschlag gaben sie der aus irgend einem Grunde noch wachenden Bewohnerschaft ein lautes Zeichen ihrer Wachsamkeit, indem sie ins Horn stießen und je nach der Stunde einen Vers sangen, worauf wiederum ein Hornstoß ihre Kunstleistung beschloß. Der punkt Zehn Uhr zu singende Vers war so ziemlich überall derselbe — er lautete:
Bei dem Absingen der späteren Stunden bis zum Ende der Nachtwache, die im Sommer bis Morgens vier, im Winter bis fünf Uhr Morgens dauerte, blieben die Strophen 1, 2 und 5 dieselben, die 3. und 4. Strophe aber war je nach der Stunde eine andere, meist der Dichtkunst und Phantasie der einzelnen Nachträthe (so wurde der Nachtwächter vom Bruder Studio genannt) überlassen. Daß der Eckensteher auch zugleich der Vertraute aller Sorten von Liebespaaren war und vorzüglich mit der studentischen Bevölkerung auf dem verständnißinnigsten Fuße stand, versteht sich von selbst. Er kannte die Uhren und sonstige für das taxirende Auge menschenfreundlicher Gelddarleiher irgend einen Werth habende Besitzgegenstände seiner studentischen Kundschaft genau und wußte mit gefühlvollem Herzen stets Rath, wenn es galt, einen dieser Gegenstände auf einige Zeit an einen Ort stiller Beschaulichkeit zu versetzen, wenn sein Client, was freilich sehr oft vorkam, an der Schwindsucht seines Geldbeutels laborirte. —
Sittigen Bürgerstöchtern und sonstigen mit Schönheit begabten Huldinnen wußte er geschickt die liebesglühenden Brieflein girrender Handlungscommis oder studirender Ganymed’s zuzustecken, mochten auch gegen das Liebesglück ihrer Töchter unempfindliche Väter und eifersüchtige Mütter das ehrsame Jungfer Töchterlein zehnfach bewachen. War man doch damals noch nicht so weit fortgeschritten auf dem Wege der Cultur, um seine Gefühle der Eselswiese der Tagesblätter anzuvertrauen und dieselbe zugleich — wie dies jetzt üblich und jedenfalls gefahrloser ist — als Postillon d’amour zu benutzen. Fanden aber in seinem Rayon Hochzeiten oder Kindtaufen statt, so war es wieder der in sein bestes Gewand gehüllte Eckensteher, welcher der ehrsamen Jungfer Brautführerin oder Gevatterin von ihrem Partner das zierliche Körbchen mit den weißen Handschuhen überbrachte und als Gegengeschenk an seinen Auftraggeber den Rosmarinzweig oder das gestickte Taschentuch mitnahm. — Daß bei all diesen Thaten der biedre Vermittler ebenfalls seine Rechnung fand, ist selbstverständlich. Im Aeußeren sahen sich die Eckensteher so ziemlich gleich, sie trugen dunkle Jacken, Hosen und Westen von starkem baumwollnen Stoff, eine niedrige Mütze, und über die linke Schulter geknüpft das breite Gurtband ihres Schibocks oder Karrens. Im Winter kam noch eine gestrickte Jacke hinzu, die sie dann meist über der Jacke trugen. Ihr unzertrennlicher Begleiter, dem sämmtliche Nasen ein sanftes rosiges Incarnat verdankten, war die »Kümmelbulle«, welche, gleichsam als ihr zweites Herz, in nächster Nähe desselben ihren Platz hatte und deren nie versiegender Inhalt wesentlich zur Unerschütterlichkeit ihres philosophischen Phlegma’s beitrug. Waren nun die Eckensteher in ihrer Eigenschaft als solche wie bereits erwähnt mit der Kundschaft ihres Rayons genau bekannt, so war dies in ihrer Eigenschaft als Nachtwächter, so weit sie diesen Dienst versahen, erst recht der Fall. Sie kannten so ziemlich die sämmtlichen Tugenden und Untugenden sämmtlicher Bürger und sonstigen Bewohner ihres Kreises, so weit sich dies auf deren kleine Liebhabereien bezüglich des Kneipens erstreckte und ließen verständnißinnig bei diesen kleinen Schwächen die weitgehendste Nachsicht walten. Für Manchen aber und hier müssen wir leider immer wieder »Bruder Studio« in erster Linie anführen, waren sie nur zu oft ein wahrer Schutzengel, der für einen sanften Händedruck mit metallischem Klang und ein gutes Zweigroschenstück stets empfänglich, den bezechten und irregehenden Bürger der Stadt oder der Universität, in menschenfreundlichster Weise, die wankenden Piedestale kräftig stützend, unter die Arme griff und sanft heimgeleitete zu Muttern oder der diese Sachen schon etwas ruhiger betrachtenden Wirthin. Nur in seiner amtlichen Ehre, als zum Schutze der Ruhe und Sicherheit verpflichtetes Glied der städtischen Verwaltung, durfte der Gute nicht gekränkt werden und in solchen Momenten, wo ihn Bruder Studio oder andre ulklustige Brüder, auf irgend einem zugstillen Eckchen fanden, wenn er sich einmal auf wenige Augenblicke »innerlich beschaute« und ihm heimtückisch von hinten in’s große Horn bliesen, konnte er sogar die beschworendste Freundschaft total vergessen und »sehre eklig« werden. Leider müssen wir aber bekennen, daß solche Attentate auf die gutmüthigen »Nachträthe« nur zu oft vorkamen, und wenn dann diese Attentäter gar noch behaupteten, er — der würdige und verpflichtete Wächter der Nacht — habe geschlafen, so war es rein aus mit der Freundschaft und mit vorgehaltenem Spieße brachte er die schnöden Verleumder »auf die Wache«.
Das kam aber selten vor, denn der biedre Nachtrath wußte sehr wohl jugendlichen Uebermuth von flegelhaftem Benehmen zu unterscheiden. — Hierbei sei eines heiteren Vorkommnisses gedacht, das Verfasser selbst mit erlebte und das die Gutmüthigkeit der Nachträthe illustrirt. Einer unsrer Freunde hatte nach dem Weihnachtsfest zu Anfang der fünfziger Jahre, früher als er eigentlich zu erwarten hatte, seinen Lehrbrief als nunmehriger Commis nebst einer hübschen runden Summe als Weihnachtsgeschenk bekommen und zur gemeinschaftlichen Feier dieses Ereignisses hatten wir, außer dem Festgeber noch vier oder fünf junge Leute, tüchtig geknippen. Die Folgen dieser für uns damals ungewohnten Kneiperei waren natürlich bei uns allen eine mehr oder mindere Bezechtheit, und in der durch dieselbe hervorgerufenen jugendlich tollen Laune beschlossen wir, der in Lurgensteins Garten wohnenden Angebeteten — natürlich nur per Distanz Angebeteten — unsres Freundes, deren Geburtstag etwa zwei Stunden vorher angebrochen war, ein Ständchen zu bringen. Gesagt — gethan. Einer von uns besaß einen prächtigen lyrischen Tenor, und damit der Lärm nicht zu groß werde, sollte der Tenor das Lied: »Den Frauen Heil« allein singen, während wir andern seinen Gesang mit Brummstimmen begleiteten. Wir schlüpften über die Pleißenbrücke, zogen uns in dem bis an das betreffende Haus reichenden Gebüsch bis an letzteres heran und legten los. Die Geschichte klappte famos. Trotzdem unser Tenor nur halblaut sang, mußten dennoch unsre Stimmen bis in die inneren Gemächer des Hauses dringen, denn eben als wir den zweiten Vers unsres Liedes begannen, sahen wir, wie sich oben an einem Fenster des ersten Stockwerkes eine Gestalt bewegte, das Fenster öffnete und — ach welche Enttäuschung für unsre Gefühle — ein mit irgend einem Etwas gefülltes Gefäß im weiten Bogen nach unserm vermutlichen Standpunkt entleerte. Erschrocken und in allen unsern Gefühlen tief verletzt, brachen wir unser Ständchen Knall und Fall ab und wollten uns eben zurückziehen, da hörten wir, eben aus dem Gebüsch auf die Straße getreten, vor uns an der Hausthür eine pustende räsonnirende Stimme und — ein Nachtwächter, angethan mit Spieß und Horn, stand vor uns. Der Gute hatte den molligen Winkel an der tiefen Hausthür benutzt, um — sich ein wenig inwendig zu besehen — unsern Gesang gar nicht gehört und an unsrer statt die für uns bestimmte nasse Ladung von jenem Undankbaren da oben bekommen.
»Nee«, räsonnirte er pustend und an sich herumwischend, »sollte mer so was glooben? Die denken am Ende gar, ich habe geschlafen — s’is e Skandal — nich e mal so e bischen ausruhn gönn’ se Een. Foi Deibel! Un wer wees was se runter gegossen ham!«
Wir umgaben ihn tröstend und mit ihm auf die da oben räsonnirend — — da — — wie ich so hinter ihm stehe, hängt mir sein großes Horn, welches die Nachtwächter sonst nur zum sogenannten »Feuertuten«, also bei ausgebrochner Feuersgefahr benutzten, so verführerisch vor der Nase, daß ich — wie eine geheime Macht zog’s mich dazu — im nächsten Augenblick das unselige Mundstück desselben gefaßt hatte und zwei — drei schauerliche Stöße aus demselben mit aller Macht meiner gesunden Lunge entlockte. Ach! — Kaum war die grause Frevelthat geschehen, so bangte uns auch vor dem nun zu erwartenden Strafgericht und in seltsamer Uebereinstimmung nahmen wir unsre Force zusammen und rissen aus was nur die Beine leisten wollten.
Jetzt war aber offenbar dem guten Nachtrath die Laus vollständig über die Leber gelaufen, das war ihm doch zu bunt!
Da wir viel zu leichtfüßig waren, als daß er uns hätte einholen können, so gab er auf seinem kleinen Horn wiederholt das Nothsignal. Während nun die Anderen sich rechts nach der Nonnenmühle zu glücklich in Sicherheit brachten, flohen der neuernannte Commis und ich quer über die Promenade und auf das Thomaspförtchen zu und hier erreichte uns die rächende Nemesis. — Schon glaubten wir uns gerettet und lachten über den tollen Streich — da — als wir im schnellsten Lauf uns durch das Pförtchen in Sicherheit bringen wollten, sprang inwendig hinter der Ecke ein zweiter Nachtrath vor, senkte quer über unsern Weg seine lange Lanze und — im nächsten Moment rollten wir in süßer Gemeinschaft mit unsern Sonntags-Nachmittags-Vier-Uhr-Anzügen in den durch aufgethauten Schnee und Regen gebildeten zollhohen Schlamm und wurden die leichte Beute des von uns so tief in seiner Würde gekränkten Nachtrathes.
Aber — o Himmel! Wie sahen wir aus! — Von oben bis unten mit einer wahren Schlammkruste überzogen, in meinen nagelneuen Cylinderhut war der eine Nachtwächter in der Hitze seines Ausfalls mit dem Bein getreten — ade Vierthalerhut — indes der Cylinder meines Freundes in den in der Ecke stehenden Wasserkasten vom Wind hineingetrieben worden war und jetzt sanft auf den Wogen desselben dahintrieb. — Ach, die Vorwürfe zu Hause, und nun gar noch polizeiliche Anzeige — Strafe — Herrgott vielleicht gar Gefängniß — — —!!
Mein Freund weinte bittre Thränen und auch mit mir stand die Geschichte so so. —
Da, wie die beiden Verfolger unsern großen Kummer sahen, entfloh ihr Zorn und ihre Wuth und das Mitleid trat an ihre Stelle. »Da sehn se nu was se angericht ham!« sagte der von mir so freventlich Beleidigte — »na ja sie sein eb’n noch halbe Kinder — — komm se mit — ich wohne gleich hier in der Burgstraße — meine Frau mag aufstehn und sie renevirn — denn so kenn se nich zu Hause gehn.«
Und so wurde es; statt uns anzuzeigen und in Strafe und Ungelegenheiten zu bringen, weckte der Gute sein Weib, dieses stand auf, und während wir behaglich in dem kleinen Stübchen einige Tassen schnell bereiteten Kaffees genossen, trocknete der Schmutz an unsern Sachen am heißen Ofen zur dann leicht zu entfernenden Kruste, und gesäubert konnten wir, noch ehe es völlig Tag wurde, unsre eignen Wohnungen wieder aufsuchen.
»Lassen’s nur«, sagte der Alte, als wir ihm unser letztes Achtgroschenstück als Dank überreichten, »dadervor is’s nich geschehn«, und wir hatten alle Noth, daß Mutter Bremme, seine Frau, diese unerhört große Vergütung für Kaffee, Herberge und Reinigung endlich annahm. —
Eine gute alte Sitte war es auch früher, da wo in Restaurants und anderen Etablissements in der Neujahrsnacht Festlichkeiten, insbesondere Gesellschaftsbescheerungen stattfanden, mit dem Glockenschlage 12 Uhr Nachts den Nachtwächter hereinzurufen, der dann im Saale feierlich seines Amtes waltete, in der Regel einen besonders schönen auf den Jahreswechsel bezüglichen Vers sang und in’s Horn stieß. Geradezu Regel war dies z. B. im Schützenhaus (Kristallpalast), wo dies stets geschah. Ein Thaler war dann mindestens der Lohn, der dem Nachtwächter gespendet wurde, oft aber auch bedeutend mehr.
Auch Eckensteher und Nachtwächter sind anderen modernen Einrichtungen gewichen. Für den Eckensteher ist der moderne Dienstmann erstanden und in der Nacht unterbricht kein Hornruf oder Gesang, es sei denn ein unberechtigter von den Geistern des Bachus oder des Gambrinus hervorgerufener, die nächtliche Stille.
Einsam zieht dann der Schutzmann seine Bahnen und für jedes Vergehen winkt das Strafmandat.
»Sitte und Anstand« verlangt das Gesetz mit eiserner Strenge und doch herrschten beide früher ganz gewiß mehr als jetzt.