Wenn wir einen Schüler beim Lernen von Gedichten beobachten, so machen wir fast stets die Erfahrung, daß er das Ganze in kleinere Abschnitte zerlegt, diese einzeln lernt und dann versucht, sie aneinanderzureihen. Die Gründe dafür sind: Man will die schwierigen Stellen erst für sich lernen. Dann möchte man auch gern einen Fortschritt sehen, denn beim Lernen im Ganzen kommt das Gefühl des Auswendigkönnens erst ganz zuletzt. Auch glauben besonders Kinder leicht, einer umfangreicheren Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Diese Einbildungen, Selbsteinflüsterungen (Autosuggestion) beeinflussen tatsächlich das Gedächtnis manchmal in so ungünstiger Weise, daß unter Umständen das Lernen im Ganzen weniger wirkungsvoll ist (vgl. auch S. 48). Aber wie unsinnig dieses stückweise Lernen ist, zeigt folgende Zeichnung. Die starken Striche zeigen an, wievielmal ein Vers für sich gelernt wurde. Die Bogenlinien zeigen, wie oft das Versende an den Anfang gehängt wurde.
Wer so lernt, braucht sich nicht zu wundern, wenn es ihm geht, wie dem Vereinsvorstand, der beim Stiftungsfest mit der üblichen Rede loslegte: „Verehrte Anwesende, es ist so Sitte in unserm Verein, daß wir den Tag seiner Entstehung festlich begehen ....“ Dann ging es munter weiter, bis der Begrüßungsgedanke ausgeführt und die Überleitung zu etwas Neuem nun fällig war. Statt dessen stammelte der Redner: „Ja, jawohl, verehrte Anwesende, es ist so Sitte in unserm Verein, daß wir den Tag seiner Entstehung festlich begehen ....“ Nun war er unrettbar wieder auf den 1. Abschnitt seiner Rede eingestellt und fand sich erst weiter, als er sie ablesen konnte.
Wir wissen sofort, wie er sie einlernte: stückchenweise. Wenn das Ende eines Abschnitts 4–6mal an den Anfang gehängt wird wie in obiger Zeichnung und nur einmal die zum nächsten Abschnitt führende Verbindung geschlagen wird, dann kann’s ja gar nicht anders kommen; denn die Gefahr, daß man an den Anfang zurückgeführt wird, ist immer da vorhanden, wo stückchenweise eingeprägt wird.
Deshalb empfiehlt sich in jedem Falle das Ganzlernen, dann hängt aneinander, was zueinander gehört.
Überdies zeigen auch zahlreiche seelenkundliche Versuche mit Sicherheit, daß das Lernen im Ganzen bedeutend vorteilhafter ist in bezug auf Zeitersparnis und Behalten.
Besonders ist das Lernen im Ganzen natürlich bei sinnvollem Stoff zu empfehlen, der sich ja förmlich dagegen wehrt, durch ein Lernen in Teilen zerstückelt zu werden. Hier unterstützt der Denkzusammenhang ganz außerordentlich das Verknüpfen; denn es wird uns der Sinn fortwährend und weiterlaufend zum Bewußtsein gebracht. Die Aufmerksamkeit bleibt dadurch fortwährend besser gefesselt als beim Lernen in Teilen, wo die Versuchung gar zu groß ist, achtlos zu lernen und einen wichtigen Vorteil aus der Hand zu geben: Sinnvolles Lernen hat meist eine etwa zehnfach bessere Wirkung als geistloses Einpauken. Darum wird beim Lernen im Ganzen eher ein gedankenloses Hersagen vermieden, das für das Einprägen fast wirkungslos ist.
Nun gibt es aber doch ganz große Gedichte. Die in einem Zuge einzuprägen, dürfte schon aus dem Grunde nicht ratsam sein, weil die Aufmerksamkeit gar nicht so lange angespannt zu arbeiten vermag. Am Anfang und gegen das Ende hin spannt sich die Aufmerksamkeit an, während in der Mitte deutlich ein Nachlassen nachzuweisen ist.
Und doch ist das Lernen im Ganzen auch hier zu empfehlen, aber mit einer Änderung, die Meumann vorgeschlagen hat. Man teilt ein großes Gedicht, etwa Schillers „Lied von der Glocke“, dem Inhalte nach in mehrere Teile und zieht dort trennende Bleistiftstriche.
Nun wird im Ganzen gelernt, aber bei den Bleistiftstrichen ist zu warten, damit sich die Vorstellbindungen und -verknüpfungen festigen können, die Aufmerksamkeit sich neu sammelt und man dann mit aller Frische und Sammlung nach jedem Striche wieder fortfahren kann.
So bilden sich die Bindungen nur in einer Richtung. Und die beim Lernen in Teilen entstehenden, an den Anfang zurückführenden Verbindungen werden vermieden.
Das gilt besonders für gleichartigen, überall gleich schweren Lernstoff. Finden sich mehrere schwere Stellen, wird es ohne Zweifel vorteilhafter sein, sie mit einigen Mehr-Lesungen gesondert einzuprägen während des Ganzlernens.
(Wer da glaubt, mit dem Teil-Lernen bessere Erfolge zu erzielen, der vergesse wenigstens nie, den Teil am Anfang und Ende in natürlichen Zusammenhang zu bringen. Stets wird es sich empfehlen, dem gesonderten Lernen einige Ganz-Lesungen vorauszuschicken.)