Übervölkerung und Nahrungsmangel treiben mitunter auch das Eichhörnchen auf die Wanderschaft. Besonders in Sibirien sind Massenwanderungen von Eichhörnchen keine seltene Erscheinung. Wenn auch die Eichhörnchen meist nur in kleineren Trupps wandern, so kommen hin und wieder auch größere Massenvereinigungen vor, die Hunderte, ja Tausende von Tieren zusammenscharen. Diese lassen sich bei ihren Wanderungen durch keine Hindernisse aufhalten, dringen in Ortschaften ein, übersteigen hohe Gebirgszüge und durchschwimmen sogar reißende Flüsse, wie den breiten Jenissei. Ebenso wie die Lemminge sind auch die wandernden Eichhörnchen dem Tode preisgegeben. Auch bei uns in Deutschland wurden schon Wanderzüge von Eichhörnchen beobachtet. Im Jahre 1907 durchzog eine große Schar Eichhörnchen den Harz und tat in den Kulturen der Nadelbäume bedeutenden Schaden. Der Durchzug währte jedoch nur wenige Tage.
Ein berüchtigtes und mit Recht gefürchtetes Wandertier ist die Wanderratte. Ursprünglich in China beheimatet, hat sie sich von hier aus über ganz Asien verbreitet und gelangte auch nach Europa. Außerdem wurde sie durch Schiffe nach Europa verschleppt und kam auf diese Weise auch nach Amerika. Überall, wo die Wanderratte unfreiwillig durch den Schiffsverkehr eingeführt wurde, hat sie sich eingebürgert und schnell weiter ausgebreitet. Dank ihrer großen Fruchtbarkeit ist die Vermehrung eine überaus schnelle, so daß an Orten, wo sie ungestört ist, sehr bald eine gewaltige Rattenplage eintritt. Die dem Tiere innewohnende rege Wanderlust, die wohl hauptsächlich eine Folge der durch die starke Vermehrung verursachten Übervölkerung ist, treibt die Wanderratten auf die Reise, um neue Ansiedlungsmöglichkeiten zu suchen. Auf ihren Wanderzügen rotten sich die Tiere zu Hunderten und Tausenden zusammen und scheuen sich nicht, breite Ströme, ja sogar Meeresteile zu überschwimmen. So erschien im Jahre 1846 auf einer Insel im Kleinen Belt eine große Rattenschar, die nur über das Meer dorthin gelangt sein konnte. Da die Ratte als Allesfresser überall geeignete Lebensbedingungen findet, gehen die wandernden Scharen nicht zugrunde, wie es beim Lemming, dem Tannenhäher und dem Steppenhuhn der Fall ist, sondern sie gründen sich ein neues Heim, indem sich die Schar allmählich auflöst und verteilt. Bald wimmelt es an der neuen Wohnstätte wieder von Ratten, und eine Übervölkerung setzt abermals einen Wanderzug in Bewegung. So erfolgt die Ausbreitung ungeheuer schnell. Die Wanderratte hat die Hausratte, von der sie sich durch bedeutendere Größe und die rein weiße Unterseite unterscheidet, fast ganz verdrängt, so daß die Hausratte jetzt geradezu ein seltenes Tier geworden ist, das nur noch an wenigen Stellen neben der Wanderratte auftritt. Neben der Färbung, die bei nicht selten vorkommenden melanistischen Wanderratten der gleichmäßig grauschwarzen Farbe der Hausratte ähnlich ist, ist der Schwanz ein sicheres Unterscheidungsmerkmal beider Arten. Die Hausratte hat einen sehr langen Schwanz, der aus 260–270 Ringen besteht, die Wanderratte dagegen einen verhältnismäßig kürzeren Schwanz von nur 210 Ringen.
Ähnlich wie bei der Wanderratte kommen auch bei der Feldmaus bisweilen Auswanderungen vor, wenn durch übergroße Vermehrung der Bestand ein zu zahlreicher geworden ist. Die wandernden Feldmäuse bewegen sich in langer, dünner Linie, die einzelnen Tiere dicht zusammengedrängt, vorwärts und gleichen von weitem einer kriechenden, großen Schlange. Die wandernden Mäuse fallen bisweilen auch in Waldungen ein, wo sie in den jungen Kulturen großen Schaden anrichten können. Die Wanderungen der Feldmaus finden im allgemeinen selten statt und bilden daher im Gegensatz zu den Wanderzügen der Lemminge und Wanderratten nur eine Ausnahmeerscheinung.
Gesetzmäßige und regelmäßig wiederkehrende Wanderungen vollführen die Fische. Der Lachs zieht zum Laichen aus dem Meere nach den Flüssen, während umgekehrt der Aal zur Fortpflanzung aus den Flüssen in das Meer wandert. Ebenso wie die Zugvögel immer wieder ihre ursprüngliche Heimat, in der sie selbst das Licht der Welt erblickt haben, zum Brüten aufsuchen, begeben sich auch die Lachse zum Laichen stets dorthin, wo sie geboren sind. Die Lachse, welche aus der Weser stammen, kehren zur Fortpflanzungszeit stets in die Weser zurück, die Lachse aus dem Rhein immer wieder nach dem Rhein. Ja sogar die Nebenflüsse, wie Aar, Mosel und Lahn, sollen von den Fischen ihrer Herkunft entsprechend zum Laichgeschäft aufgesucht werden, wie man durch Markierung junger Lachse mit kupfernen Ringen, die in den Flossen befestigt wurden, festgestellt hat. Auf der Wanderung, die je nach dem Alter der Fische und der Örtlichkeit ihrer Herkunft zu verschiedenen Jahreszeiten stattfindet, lassen sich die Lachse durch keine Hindernisse aufhalten. Sie überwinden Stromschnellen, nicht zu hohe Wasserfälle und Wehren mit großer Gewandtheit und Leichtigkeit, da sie, wie alle Salmoniden, vorzügliche Springer sind und sich mehrere Meter in die Höhe schnellen können. Auf ihren Flußwanderungen legen die Lachse täglich etwa 40 km zurück. Die Männchen, welche harte Fehden in Sachen der Liebe ausführen, werden im 2., die Weibchen erst im 3. Lebensjahre fortpflanzungsfähig.
Im Gegensatz zum Lachs, der ein Meeresbewohner ist, wandert der Aal als Süßwasserfisch umgekehrt aus den Flüssen ins Meer. Der Laichplatz des Aals liegt mitten im Atlantischen Ozean zwischen dem 25. und 45. Grad nördl. Br., in einer Tiefe von ca. 1000 m. Dem noch unbekannten Laich des Aals, den man bisher noch nicht gefunden hat, entschlüpfen die Aallarven. Sie haben die Gestalt eines Weidenblattes und halten sich anfangs in größeren Meerestiefen auf. Innerhalb von 1–2 Jahren wachsen sie unter dauernder Umwandlung zu kleinen, 6–8 cm langen Fischchen heran und erhalten allmählich die Aalgestalt. Jetzt beginnt die Wanderung der jungen Aale, die einen farblosen, durchsichtigen Körper haben und Glasaale genannt werden. Sie sammeln sich in großen Scharen an den Flußmündungen und steigen die Flüsse hinauf, um fortan ihr Leben in den Flußgebieten und den mit ihnen zusammenhängenden Binnengewässern zu führen. In dichtgedrängter Masse wälzt sich der Strom der jungen Aale dahin. Große Hindernisse, wie steile Wasserfälle und hohe Wehren, werden von den Fischchen überwunden. Selbst der Rheinfall bei Schaffhausen und der Rhonefall vermögen nicht die wandernden Jungaale aufzuhalten. Tausende, ja Millionen Fische finden hierbei ihren Tod, und ihre Leiber dienen den Überlebenden als Stützpunkte beim Überwinden des Hindernisses. Der Schwarm löst sich allmählich auf, und die jungen Aale zerstreuen sich in den Flußgebieten. Nach 5–8 Jahren werden die Männchen, nach 7–9 Jahren die Weibchen geschlechtsreif, und nun beginnt die Rückwanderung ins Meer, um den Laichplatz im Atlantischen Ozean aufzusuchen. Wie bei vielen Insekten, so scheint auch beim Aal die Fortpflanzung den Tod herbeizuführen. Man hat noch niemals die Rückwanderung der Laichaale vom Meer in die Flüsse beobachtet. Sie scheinen also die Liebe mit dem Tode zu besiegeln. Hierfür spricht auch die eigenartige Erscheinung, daß zugleich mit der Entwicklung der Keimdrüsen die Verdauungsorgane einschrumpfen und die Ernährung aufhört. Die fortpflanzungsfähigen Fische sind dem Hungertode preisgegeben, den sie selbst wohl nicht fühlen mögen, da Magen und Därme außer Tätigkeit treten. Die Umwandlung des Aals zum fortpflanzungsfähigen Tier dauert ungefähr 3–4 Monate und macht sich auch äußerlich bemerkbar. Der Kopf wird spitzer, die Augen treten mehr heraus, der Körper wird trotz der unterbrochenen Ernährung straffer, und die Haut erhält einen schönen metallischen Glanz. Der Aal heißt jetzt „Blankaal“ im Gegensatz zum noch nicht geschlechtsreifen, helleren „Gelbaal“. In der Entwicklung des Aals lassen sich also 4 verschiedene Stadien unterscheiden: Aallarve, Glasaal, Gelbaal und Blankaal.
Über die Fortpflanzungsgeschichte des Aals sind wir erst seit 1895 unterrichtet. Wohl kannte man schon lange die merkwürdigen, blattartigen Fischchen des Atlantischen Ozeans, aber man ahnte nicht, daß dies die Larven des Aals waren. Diese Entdeckung machten 1895 die italienischen Gelehrten Grassi und Calandruccio. Spätere Forschungen dänischer und norwegischer Gelehrten klärten uns dann darüber auf, daß der Laichplatz des Aals in den Tiefen des Atlantischen Ozeans liegt. Man hat noch unter dem 53. Grad westlicher Länge Aallarven im Ozean gefunden. Der Laichplatz des europäischen Flußaals liegt also näher nach Amerika als nach Europa hin. Bei der weiten Wanderung ins Meer legt der Aal täglich nicht mehr als etwa 15 km zurück und braucht somit etwa ¾ Jahr, bis er seinen Laichplatz erreicht.
In ähnlicher Weise wie beim Aal vollzieht sich auch das Fortpflanzungsgeschäft der Scholle. Auch hier finden Wanderungen der alten Fische nach bestimmten Laichplätzen statt, und die jungen Larven der Scholle führen wieder ihrerseits große Wanderungen aus, um die notwendigen Lebensbedingungen zu finden.
Der Laichplatz der Schollen liegt in möglichst salzhaltigen und warmen Meeresteilen. Solche Laichplätze sind der südwestliche Teil der Nordsee zwischen Holland und England und der nördliche Teil zwischen Jütland und Schottland. Beide Stellen zeichnen sich durch hohen Salzgehalt und warme Temperatur aus infolge des Einflusses des Golfstromes, der hier in die Nordsee eindringt. Ein bevorzugter Laichplatz in der Ostsee ist das Becken östlich von Bornholm, das die Schollen von der pommerschen Küste und der Südküste Schwedens zum Laichen wählen. Die Meerestiefe beträgt an den Laichplätzen nicht mehr als höchstens 80 m, da die Schollen größere Tiefen vermeiden.
Aus dem Laich entschlüpft nach zehn Tagen zunächst eine Larve, die mit der erwachsenen Scholle noch keine Ähnlichkeit hat. Sie hat noch nicht die platte Schollengestalt, sondern hat normale Fischfigur. Sofort nach dem Ausschlüpfen beginnt die Larve nach der Seeküste zu wandern und nimmt auf ihrer Reise allmählich die Gestalt des Flachfisches an. Das linke Auge bewegt sich über die Stirn hin fort nach der rechten Seite des Kopfes, und der Körper wird breiter, bis schließlich der schwimmende Fisch von der vertikalen zur horizontalen Körperhaltung übergeht. Als fertige Schollen erreichen die Jungfische nach einer Wanderung von etwa 4 Monaten die Meeresküste, nicht um hier zu verbleiben, wie man vermuten sollte, sondern um sich sofort von neuem auf die Wanderschaft zu begeben, um wieder größere Meerestiefen zu erreichen. Diese Rückwanderung geht sehr langsam vonstatten, da die Meerestiefe, in der die Fische leben, in einem bestimmten Verhältnis zum Wachstum steht. Zwei- bis dreijährige Schollen, die eine Körperlänge von etwa 15–20 cm haben, leben in einer Meerestiefe von 10–20 m, Fische von etwa 25 cm Größe verlangen eine Meerestiefe von etwa 30–40 m, und größere Schollen leben in Tiefen von 50 bis 70 m.
Die Wanderungen der Schollen stehen also in einem gesetzmäßigen Zusammenhang mit der Fortpflanzung und dem Wachstum.
Nicht nur zur Fortpflanzung, sondern auch zu anderen Jahreszeiten unternehmen alle Flachfische größere oder kleinere Wanderungen, um ihren Aufenthaltsort zu wechseln. Der Heilbutt hält sich im Sommer in der Nähe der Küste auf und wandert zum Winter in größere Meerestiefen. Der Steinbutt steigt im Frühjahr aus der Tiefe des Meeres nach den flachen Ufern der Sandbänke herauf, und die Flunder erscheint nur zu bestimmten Zeiten im Küstengebiet, die je nach der Örtlichkeit verschieden sind. Bei diesen Wanderungen, die sich hauptsächlich in vertikaler Richtung bewegen, spielen wohl die Nahrungsverhältnisse die ausschlaggebende Rolle.
Mit der Nahrung hängen auch die Wanderzüge des Herings zusammen, die volkswirtschaftlich von größter Bedeutung sind, da sie die so wertvolle Heringsfischerei ins Leben gerufen haben. Auf diesen Wanderzügen, bei denen die Heringe dem Plankton des Meeres folgen, das ihre bevorzugte Nahrung bildet, schwimmen sie zu Millionen und Milliarden in dicht gedrängter Masse nahe des Wasserspiegels dahin. Im Wasser folgen ihnen die Walfische, Delphine und Seehunde, in der Luft zahlreiche Möwen und andere Seevögel, um die in so reichem Maße gespendete Nahrung nach Kräften zu vertilgen. Die unablässige Verfolgung ihrer Feinde schart die Heringe immer dichter zusammen, so daß sich die ganze Masse wie ein Strom dahinwälzt, der sich durch die glitzernden Leiber der Fische auf dem Wasserspiegel kennzeichnet. Solche „Heringsberge“, wie man die wandernde Fischmasse genannt hat, haben bisweilen eine riesige Ausdehnung von vielen Meilen in der Länge und Breite. Fischerboote, die in die Heringszüge geraten, laufen Gefahr, zu kentern.
Kein Wunder, daß nicht nur die Tiere, sondern vor allem der Mensch aus den gewaltigen Heringsansammlungen Nutzen zog und die Heringsfischerei ins Leben rief, deren Anfänge bis in das 13. Jahrhundert zurückreichen. Sie entwickelte sich zuerst in Schweden, besonders in der Landschaft Schonen. Später wurde der Heringsfang auch in Norwegen, Holland, England, Schottland und Deutschland ein wichtiger Erwerbszweig, dessen Bedeutung nicht allein in der reichen Einnahme liegt, sondern vor allem in der Schaffung eines überaus wichtigen Volksnahrungsmittels. In Deutschland wurden in den letzten Jahren vor dem Kriege jährlich etwa 300000 Tonnen Salzheringe aus dem Ertrag der deutschen Fischerei hergestellt. Dies reichte aber nicht annähernd aus, um den Bedarf des deutschen Volkes zu decken, denn es wurde außerdem noch die drei- bis vierfache Menge an Salzheringen von außerhalb eingeführt. Diese Zahlen geben einen ungefähren Begriff von der wirtschaftlichen Bedeutung der Heringsfischerei.
Bei den Wanderungen der Fische erregt die Frage, wie sich die Fische hierbei orientieren, in besonderem Maße unser Interesse. Wenn die Heringe auf ihren Zügen den Tieren des Planktons folgen, so ist die Orientierung hier in sehr einfacher Weise gegeben. Die Fische folgen eben der Nahrung.
Bei den Schollen, welche zum Laichen stark salzhaltige und warme Meeresteile aufsuchen, spielen offenbar die Meeresströmungen, der Salzgehalt und die Temperatureinflüsse die entscheidende Rolle. Die Orientierung erfolgt hier mit dem Geschmack und dem Gefühl.
Der Geschmack ist bei den Fischen der am höchsten entwickelte Sinn. Er wird durch besondere Organe, die sogenannten „Geschmacksknospen“, vermittelt. Diese bestehen aus Sinneszellen mit feinen Schmeckstiftchen und aus dazwischengelagerten Stützzellen. In diese Zellen münden zahlreiche Verästlungen der Gehirngeschmacksnerven. Geschmacksknospen befinden sich nicht nur im Maul und auf den Lippen, sondern auch an den Kiemen, auf den Flossen, ja bisweilen sogar auf dem ganzen Körper, wie Herrick und Parker experimentell am Zwergwels nachgewiesen haben. Außer dem Geschmackssinn ist auch der mit diesem in enger Verbindung stehende Geruchssinn bei den Fischen vorzüglich ausgebildet.
Wenn der Lachs zum Laichen stets dasjenige Flußgebiet aufsucht, in dem er geboren wurde, und hierbei sogar die Nebenflüsse eines größeren Stromes berücksichtigt, so dürfen wir wohl annehmen, daß die Orientierung mit Hilfe des hochentwickelten Geschmacks und des feinen Geruchs erfolgt. Freilich muß außerdem noch ein gutes Gedächtnis hinzukommen, denn der Lachs muß sich aus seiner Jugendzeit eine Erinnerung an den spezifischen Geschmack und Geruch des Flußwassers, dem er entstammt, und das er zum Laichgeschäft wieder aufsucht, bewahrt haben. Eine derartige Seelenfunktion liegt aber durchaus im Bereich der Möglichkeit, denn durch neuere Versuche ist nachgewiesen worden, daß die Fische in ihrem Kleinhirn ein Zentrum besitzen, das sie zu gutem Gedächtnis und Assoziationsmöglichkeit befähigt. Auch scheint bei den Fischen gerade das Ortsgedächtnis sehr gut ausgebildet zu sein. Sie gewöhnen sich z. B. sehr schnell daran, bestimmte Stellen, wo sie gefüttert werden, regelmäßig und sogar zu bestimmten Zeiten aufzusuchen.
Geschmack, Geruch und ein hochentwickelter Ortssinn scheinen jedenfalls die wichtigsten Faktoren zu sein, die den Fischen auf ihren Wanderzügen die Richtung angeben. Dagegen muß es sehr zweifelhaft erscheinen, ob diese Orientierung in zielbewußter, verstandesmäßiger Weise ausgeführt wird. Die meisten Handlungen des Tiers lassen sich letzten Endes auf angeborene Triebe, die automatisch in Tätigkeit treten, zurückführen, worauf wir in einem späteren Kapitel näher zurückkommen werden. So dürfen wir also annehmen, daß die Orientierung der Fische im Unterbewußtsein erfolgt, indem Gedächtnis und Assoziation reflektorisch das Streben nach einem Gewässer mit einem bestimmten Geruch und Geschmack auslösen, und die Ausführung dieses angeborenen Wunschgefühls durch einen Reiz der Geschmacks- und Geruchsnerven ermöglicht wird.
Die innere Unruhe, die den laichreifen Fisch auf die Wanderschaft treibt, müssen wir ebenfalls auf einen angeborenen Trieb zurückführen, der sich zugleich mit dem Erwachen des Geschlechtstriebes einstellt.
Ähnlich liegen die Verhältnisse bei den Zugvögeln. Der im Organismus des Vogels einsetzende Zugtrieb veranlaßt die Zugbewegung im Herbst, wobei freilich der Geschlechtstrieb nicht in Frage kommt. Anders liegen aber die Verhältnisse im Frühjahr. Hier erfährt der Zugtrieb des Vogels durch den gleichfalls erwachenden Fortpflanzungstrieb eine wesentliche Verstärkung, die sich darin zeigt, daß der Frühjahrszug bedeutend schneller verläuft als der Fortzug im Herbst. Die Allmacht der Liebe erzeugt in der Vogelseele das Bestreben, möglichst schnell nach dem Brutplatz der Heimat zu gelangen, und beschleunigt daher die Geschwindigkeit auf dem Zuge. Der weiße Storch durchmißt auf dem Herbstzuge täglich ca. 120–200 km, auf dem Frühjahrszuge dagegen 400 km. Ebenso wie die Fische zeigen auch die Zugvögel im allgemeinen das Bestreben, zur Fortpflanzung dorthin zurückzukehren, wo sie selbst das Licht der Welt erblickt haben. Die Rückkehr in die Heimat zur Zeit der geschlechtlichen Reife scheint also ein Naturgesetz zu sein, das im Tierleben weittragende Bedeutung hat.
Andererseits tritt auch ein grundlegender Unterschied zwischen den Wanderungen der Fische und dem Zuge der Vögel hervor. Der Laichplatz, den der wandernde Fisch aufsucht, ist seine Geburtsstätte, also ein Ort, an dem er schon einmal gewesen ist, und an den er sich eine Erinnerung bewahrt haben kann. Dies ist aber beim Zugvogel nicht der Fall. Der junge Vogel, der sich zum ersten Male im Herbst auf die Reise begibt, kennt weder das Land, dem er zustrebt, noch den Weg, der hinführt, denn er war ja noch niemals dort. Trotzdem findet er auf unbekanntem Wege in das unbekannte Land der Winterherberge, und zwar ohne Führung älterer Artgenossen oder seiner Eltern, denn viele Vögel, wie z. B. Raubvögel, der Kuckuck und andere, ziehen nicht gesellig, sondern einsam. Hier kann also von einer zielbewußten Orientierung überhaupt keine Rede sein, denn es fehlen jegliche Anhaltspunkte dafür, da sowohl der zurückzulegende Weg wie das Ziel der Reise völlig unbekannt sind. Es kann sich also nur um eine automatische Seelenfunktion handeln, die ohne Verstand, lediglich im Unterbewußtsein vollbracht wird, und darum nehmen wir Ornithologen an, daß dem Zugvogel zugleich mit dem Zugtrieb auch die Fähigkeit angeboren ist, eine bestimmte, zweckmäßige Richtung, die in ein geeignetes Winterquartier führt, auf der Wanderung einzuschlagen. Hierbei kann es sich natürlich nur um eine allgemeine Richtung handeln, z. B. im Herbst nach Westen oder Süden zu fliegen. Dagegen können wir nicht annehmen, daß das Innehalten eines komplizierten Wanderwegs, der seine Richtung vielfach ändert, auf reiner Vererbung beruhen soll. Hier müssen noch andere, von der Außenwelt stammende Reize hinzukommen, und diese Reize geben vermutlich die Wasserläufe, die Flüsse und Meeresküsten, denen die Zugvögel mit Vorliebe folgen. Dies gab mir Veranlassung, eine doppelte Art der Orientierung der Zugvögel anzunehmen, die ich in meiner Schrift „Die Rätsel des Vogelzuges“ grobe und feine Orientierung genannt habe. Die grobe Orientierung, d. h. die Fähigkeit, einer bestimmten Himmelsrichtung zu folgen, ist eine angeborene Eigenschaft, die feine Orientierung erfolgt durch äußere Reize. In dieser Richtung fliegt der Zugvogel so lange, als der Zugtrieb in ihm rege ist. Hört der Zugtrieb auf, so bleibt der Vogel dort, wo er sich gerade befindet, und diese Stelle ist eben sein Winterquartier. Die Dauer des Zugtriebes ist von der Natur so abgestimmt, daß sie zu der Länge des Zugweges bei normaler Flugleistung im gleichen Verhältnis steht. Auf diese Weise wird auch die Frage, wie der junge Vogel, der zum ersten Male allein ohne Führung seiner Eltern die weite Reise ausführt, das entfernte, ihm unbekannte Winterquartier findet, ohne Schwierigkeit gelöst. Er strebt überhaupt nicht einem bestimmten Ziele zu, sondern das Ziel der Reise ergibt sich von selbst aus dem Erlöschen des Zugtriebes.
Wir sehen hieraus, wie automatisch, rein triebmäßig eine Zugbewegung verlaufen kann, und dies dürfen wir bei anderen Tieren, die wie die Fische geistig erheblich hinter den Vögeln zurückstehen, erst recht vermuten. —
Wenn wir von den Fischen uns weiter zurück in das Reich der Tiere wenden, so finden wir wieder bei den Insekten große Wanderungen, die hauptsächlich der Suche nach geeigneten Nahrungsplätzen gelten.
Berüchtigt seit alten Zeiten sind die Wanderzüge der Wanderheuschrecke, die in mehreren Arten Südeuropa, Afrika, Asien und Amerika bewohnt. Eine der sieben Plagen, die zu Moses Zeiten Ägypten heimsuchten, war das Massenauftreten der Heuschrecken, die das Land verwüsteten. Berühmt ist die anschauliche Schilderung, die der Prophet Joel (Kap. II, 2–10) von einer über Palästina hereinbrechenden Heuschreckenverheerung gibt. Er vergleicht die Heuschrecken mit einem feindlichen Heer, das plündernd und sengend das Land durchzieht: „Vor ihm geht ein verzehrend Feuer und nach ihm eine brennende Flamme. Das Land ist vor ihm wie ein Lustgarten, aber nach ihm wie eine wüste Einöde. Sie sprengen daher oben auf den Bergen, wie die Wagen rasseln, und wie eine Flamme lodert im Stroh, wie ein mächtiges Volk, das zum Streit gerüstet ist. Sie werden laufen wie die Riesen und die Mauern ersteigen wie die Krieger. Sie werden in der Stadt umherreiten, auf der Mauer laufen und in die Häuser steigen, und wie ein Dieb durch die Fenster hineinkommen. Vor ihm erzittert das Land und bebet der Himmel; Sonne und Mond werden finster, und die Sterne verhalten ihren Schein.“
Diese klassische Schilderung des Propheten entspricht durchaus der Wirklichkeit. Zu Myriaden, in dichtgedrängter Masse fallen die Heuschrecken gleich einem Wolkenbruch in das Land ein und vernichten in kurzer Frist Felder, Weinberge, Anpflanzungen und Gärten. Alles Grün ist kahl gefressen, das Land ist auf weite Strecken völlig verödet und gleicht den traurigen Verheerungen einer gewaltigen Feuersbrunst. Brehm berichtet in seinem „Tierleben“, daß eine aus vierzigtausend Pflanzen bestehende Tabaksplantage innerhalb einer halben Minute von einem plötzlich einfallenden Heuschreckenschwarm völlig vernichtet wurde. Die Tiere bedeckten wie ein dichter Mantel die ganze Anpflanzung, die völlig verschwunden war, als der Schwarm nach einer halben Minute sich erhob und weiterzog, um das grausige Werk an anderer Stelle fortzusetzen.
Schon die ungeflügelten Heuschreckenlarven begeben sich in großen Scharen zu Fuß auf die Wanderschaft und ziehen plündernd durch das Land. Durch Hineinreiten und Schwenken mit Tüchern wissen die Farmer die gefräßigen Tiere von ihren Anpflanzungen abzuhalten, während man gegen den Überfall der erwachsenen Flugheuschrecken völlig machtlos ist.
Im Altertum und im Mittelalter scheinen die Heuschreckenplagen gewaltiger und zahlreicher gewesen zu sein, als es in unserer Zeit der Fall ist, obwohl die Nachrichten über Verheerungen durch Heuschrecken bis heutigen Tages nicht verstummen. Besonders Afrika hat unter der Plage zu leiden. Im Jahre 1799 wurde fast ganz Marokko von den Heuschrecken verwüstet, und ein Jahr später wiederholte sich dasselbe Schauspiel in Kleinasien. 1747 fand ein großer Einbruch in Europa vom südlichen Rußland aus statt. Gewaltige Schwärme traten zuerst in Ungarn auf, verbreiteten sich von hier über Süddeutschland bis nach Frankreich und zogen sogar über den Kanal nach England. Selbst über das offene Meer nehmen die Heuschrecken ihren Weg. Berger beobachtete einen Flug Wanderheuschrecken mitten auf dem Ozean auf der Fahrt von Hongkong nach Manila. —
Zu Anfang des 17. Jahrhunderts erregte eine wundersame, gespensterhafte Erscheinung die Aufmerksamkeit der Menschen. Eine graue, 3–4 m lange Schlange bewegte sich in langsam schlängelnden Windungen durch das Dunkel des Waldes. Das seltsame Gespenst trat hin und wieder in Deutschland sowie in Schweden und Norwegen auf. Eine nähere Untersuchung ergab, daß die Schlange aus zahllosen kleinen Würmern bestand, die in dichtgedrängter Masse über den Waldboden wanderten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelang es durch wissenschaftliche Forschungen festzustellen, daß diese Würmer die Larven einer Mücke sind, die nach dieser eigenartigen Erscheinung Heerwurm-Trauermücke (Sciara militaris) benannt wurde. Die Larven nähren sich von den auf dem Boden des Laubwaldes liegenden faulenden Blättern und leben meist versteckt unter dem Fallaub. Zu ihrem Gedeihen bedürfen sie eines bestimmten Feuchtigkeitsgrades. Allzu große Trockenheit wird ihnen ebenso verderblich wie übermäßige Nässe. Sagt ihnen die Feuchtigkeit ihres Aufenthaltsorts nicht zu, dann scharen die Larven sich zusammen und wandern, ein langes, finger- bis handbreites Band bildend, aus, um eine andere Gegend aufzusuchen. Die einzelne Larve in dem langen Zuge bewegt sich nach Art der Raupen fort, indem sie den Körper nach oben krümmt, den hinteren Teil des Leibes vorschiebt und den vorderen Teil ausstreckt. Hierdurch erhält der wandernde Heerwurmzug eine wogende, wellenförmige Bewegung.
Mit dem Heerwurm verband sich allerhand Aberglauben. Zog ein Heerwurm talabwärts, so deutete man hieraus auf Frieden und reiche Ernte, bewegte er sich bergan, so wurde Krieg und Unglück prophezeit. Wer einem Heerwurm im Walde begegnete, legte seine Kleider vor ihn auf den Weg. Kroch der Heerwurm darüber fort, so galt dies als ein glückbringendes Orakel, wich er dem Kleidungsstück aus, dann lautete die Wahrsagung auf Unheil und Tod.
Die weit verbreitete Gattung der Trauermücken „Sciara“ hat ihren Namen nach den dunkeln Flügeln dieser Insekten erhalten, die in Laubwäldern leben.
Ähnliche Wanderungen wie beim Heerwurm finden wir auch bei den Raupen des Prozessionsspinners, die an Eichen, Kiefern und anderen Nadelhölzern leben. Sind die Bäume ihres Aufenthaltsorts kahl gefressen, so verlassen die Prozessionsraupen ihren Aufenthaltsort und kriechen, wie der Heerwurm ein dichtes Band bildend, nach anderen Bäumen, deren Laub ihnen Nahrung spendet.
Die Raupen des Eichenprozessionsspinners (Cnethocampa processionea) spinnen sich am unteren Teil des Stammes, am liebsten in einer Astgabel, ein Nest aus lockerem Gewebe, in dem sie den Tag verbringen. Bei der Abenddämmerung verlassen sie ihre Behausung und kriechen im Gänsemarsch, eine hinter der anderen, am Baumstamm zur Krone herauf, um hier die Blätter zu verzehren. Sind die Tiere sehr zahlreich, dann bilden sie auf ihrem Nahrungszuge einen Keil. Eine Raupe übernimmt an der Spitze die Führung, ihr folgen paarweise geordnet zwei Raupen, und die nächsten Glieder sind zu dreien, vieren usw. gebildet. Haben sich die gefräßigen Tiere gesättigt, so begeben sie sich in ihre Behausung zurück. Dieser eigentümliche, an eine Prozession erinnernde Marsch hat dem Schmetterling den Namen „Prozessionsspinner“ gegeben. —
[2] Friedrich von Lucanus, Die Rätsel des Vogelzuges. Ihre Lösung auf experimentellem Wege durch Luftfahrt und Vogelberingung. Verlag Beyer & Söhne, Langensalza. 2. Auflage 1923.