„Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ —

Mag Darwins Lehre von der Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl auch der heutigen Wissenschaft nicht mehr in allem standhalten, so bleibt doch der Grundgedanke seiner Lehre, die Entstehung der Arten durch allmähliche Entwicklung und Umbildung bestehen.

Mag auch die Schutzfärbung nicht durch eine Auslese im Lebenskampf hervorgerufen sein, so behalten dennoch ihr Wesen und ihre Wirksamkeit Geltung. Die Tatsache, daß der Hase im Kleide der Erdscholle, die Fasanenhenne, die Waldschnepfe im dürrlaubfarbigen Gewande und die Wüstentiere im sandfarbigen Haar- und Federkleid der Umgebung vortrefflich angepaßt sind, bleibt bestehen. Die Mimikry verliert nicht ihre Bedeutung, auch wenn sie anderen Ursprungs ist, der mit einem beabsichtigten Schutz nichts zu tun hat. Das Kleid, das sich ganz unabhängig vom Kampf ums Dasein einzig unter dem Einfluß des Klimas und anderer äußerer Einwirkungen herausgebildet hat, ist dennoch eine Tracht geworden, die seinen Träger vor den Nachstellungen seiner Feinde schützt, da sie zur Umgebung paßt. Wir sehen, wie außerordentlich fein und sinnreich die Natur arbeitet, wie ihre großen, unabänderlichen Gesetze sich nicht in Einseitigkeit verlieren, sondern wie ein gewaltiger, zielbewußter Wille zweckmäßig arbeitet.

Wert der Schutzfarbe

Erfüllt die Schutzfarbe wirklich ihren Zweck? Auch hiergegen hat man versucht, Einwände zu erheben. Man hält eine Schutzfärbung für unnötig, da viele Tiere, die dieses Vorteils entbehren, trotz aller Nachstellungen noch nicht ausgerottet sind. Dieser Einwand entbehrt aber einer zutreffenden Begründung. Von Natur sind alle Tiere mehr oder weniger durch ihre Färbung geschützt. Selbst die buntfarbigen Tiere, bei denen man nicht von Mimikry sprechen kann, entbehren des Schutzes nicht, da auch eine bunte Zeichnung, wie wir gesehen haben, durch die körperauflösende Wirkung der Somalyse das Tier unkenntlich macht.

Man hat ferner gegen den Wert der Schutzfarbe eingewendet, daß sie nur gegen Sicht, aber nicht gegen eine Wahrnehmung mit dem Geruchssinn schützt, der gerade bei den Raubtieren so gut entwickelt sein soll. Der Fuchs spürt mit Hilfe seines Geruchs die brütende Fasanenhenne, den in der Sasse sitzenden Hasen auf, und die Schutzfärbung verfehlt ihren Zweck. So einfach läßt sich die Sache aber nicht abtun.

Zunächst findet der Fuchs mit Hilfe des Geruchssinnes nur dasjenige Wild, welches sich, wie der Jäger sagt, unter Wind befindet, dessen Witterung ihm die Luftströmung zuträgt. In allen anderen Fällen wird Reineke sein Opfer meist nicht wahrnehmen, weil es durch die Schutzfarbe seinen Blicken entzogen wird. Hieraus geht schon hervor, daß die Mimikry durchaus nicht so bedeutungslos ist, wie die Gegner vermeinen, sondern sehr wohl ihren Zweck hat.

Der durch seine populären Tierschriften bekannte Schriftsteller Zell teilt die Tiere nach der Ausbildung ihrer Sinne ein und unterscheidet Nasen- und Augentiere, d. h. Tiere, die einseitig entweder den Geruchssinn oder das Gesicht zur Erfüllung ihrer Lebensaufgaben benutzen. Diese Anschauung kann einer ernsten Kritik nicht standhalten. Die meisten Tiere sind keineswegs einseitig im Gebrauch der Sinne veranlagt, und am allerwenigsten jene Tiere, auf die Zell seine Hypothese in der Hauptsache anwendet, wie unser Wild und das Raubzeug. Niemand wird bestreiten, daß bei Hirsch, Reh und Wildschwein der Geruch vorzüglich ausgebildet ist. Sie nehmen auf weite Entfernung von mehreren hundert Metern die Witterung des Menschen, die ihnen der Wind zuträgt, wahr, und hierin liegt zweifellos ein vortrefflicher Schutz gegen Gefahren. Wer aber das Verhalten dieser Tiere aufmerksam beobachtet, gewinnt bald die Ansicht, daß infolge des hochentwickelten Geruchs die anderen Sinne keineswegs verkümmert sind, wie Zell meint. Außerordentlich scharf, vielleicht ebenso scharf als der Geruch ist das Gehör dieser Tiere. Wittert ein Reh oder ein Stück Rotwild Gefahr, dann richtet es nicht nur den Windfang nach dem Winde, um sich von der Nähe eines Feindes zu überzeugen, sondern gebraucht ebenso das Gehör, wie man an der fortgesetzten Drehung der hochaufgerichteten Lauscher sehen kann. Das Wild unterscheidet mit tödlicher Sicherheit die feinsten Geräusche nach ihrem Ursprung. Rutscht ein Eichhörnchen am Stamm empor, raschelt eine Maus im dürren Laub, oder schleicht ein Fuchs über den Boden, so wirft das Wild vielleicht einen Augenblick den Kopf auf, nimmt aber sofort wahr, daß es sich um ein unverdächtiges Geräusch handelt und wird wieder vertraut. Ganz anders, wenn der pürschende Jäger ein nur leises, ähnliches Geräusch verursacht. Er vergrämt das Wild sofort — ein Beweis, daß es den Unterschied des Schalls, so gering er auch ist, sofort erkannt hat.

Auch das Gesicht ist beim Wilde keineswegs so schlecht ausgebildet, wie man meist vermutet. Es steht freilich dem Geruch und Gehör nach, ohne jedoch seine Bedeutung zu verlieren. Wenn der Jäger in unauffälliger, der Umgebung angepaßter Kleidung ganz still sich verhält, wird er bei gutem Winde nicht leicht vom Wilde bemerkt, auch wenn er ganz frei und ungedeckt steht. Die geringste Bewegung wird aber von dem Wilde sofort wahrgenommen. Man kann bekanntlich einen Rehbock auf freier Wiese oder im Felde bis auf nahe Entfernung anpürschen, wenn man sich langsam vorwärts bewegt, sobald dieser den Kopf unten hat und äst, aber sofort zur Bildsäule erstarrt, wenn er den Kopf hebt. Der Grund liegt darin, daß das Tier den stillstehenden Jäger nicht erkennt und auch nicht imstande ist, die Veränderung der Entfernung zu beurteilen. Diese Unachtsamkeit beruht weniger auf einer schlechten Sehkraft, als auf der geringfügigen geistigen Begabung. Das Tier macht sich die Bedeutung des auf die Netzhaut geworfenen Bildes nicht bewußt klar. Es fehlt die verstandesmäßige Überlegung, die bei uns das, was wir mit den Augen wahrnehmen, zum richtigen Bewußtsein und Verständnis kommen läßt.

Die optische Schärfe des Auges ist aber beim Reh- und Rotwild durchaus nicht gering. Selbst ein unauffälliges Augenzwinkern nimmt das Tier ohne weiteres wahr und quittiert die verdächtige Erscheinung durch eine sofortige Flucht, wie ich mich auf meinen Pürschgängen oft genug überzeugen konnte.

Beim Wildschwein ist die Sehkraft freilich recht gering. Trotzdem wäre es falsch, nach dem Muster von Zell von einem Nasentier zu reden, da neben dem Geruchssinn das Gehör in höchster Vollkommenheit ausgebildet ist.

Die Bedeutung des Geruchssinnes beim Raubwild, wie Fuchs und Marder, wird sehr überschätzt. Ich habe mich auf der Jagd oft genug darüber gewundert, wie die Nase des roten Freibeuters versagte. Mehrmals erlebte ich es gelegentlich des Rehbockanstandes, daß ein Fuchs in einer Entfernung von nur wenigen Schritten ganz vertraut an mir vorüberschnürte, ohne meine Nähe zu bemerken. Mit dem Geruchssinn des Fuchses scheint es also nicht weit her zu sein. Dieselbe Erfahrung machte auch in jüngster Zeit mein Freund Graf Otto Zedlitz an einem zahmen Fuchs, den er in Gefangenschaft hielt. Graf Zedlitz, der um die Erforschung der afrikanischen Vogelwelt so verdiente Gelehrte und ausgezeichnete Tierbeobachter, teilte mir mit, daß er immer wieder zu seinem Erstaunen erfahren könne, wie wenig sein Fuchs vom Geruchssinn Gebrauch macht, und daß er sich ganz und gar vom Gehör und Gesicht leiten läßt.

Dieselbe Erfahrung machte ich an einem Steinmarder und an einem Edelmarder, die ich als junge Tiere erhielt und die lange Zeit meine Zimmergenossen waren. Sie waren nicht imstande, ein Stück rohen Fleisches, das ich unter einem leinenen Tuche versteckt hatte, mit dem Geruchssinn aufzufinden. Sie liefen über das Tuch hinweg, ohne den verborgenen Leckerbissen zu bemerken. Dagegen war bei ihnen das Gehör außerordentlich fein ausgebildet. Ich konnte sie in kurzer Zeit daran gewöhnen, auf ein ganz leises Knacken mit dem Fingernagel herbeizukommen, um Leckerbissen in Empfang zu nehmen.

Die Ansicht, daß die Mimikry des Hasen, des Rebhuhnes, der brütenden Lerche und vieler anderer Tiere kein Schutzmittel gegen die Angriffe des Raubzeugs sei, weil es hauptsächlich mit der Nase arbeitet, ist also durchaus hinfällig.

Jede Schutzfärbung, sowohl die Mimikry wie die Somalyse, kommen natürlich nur dann zur Geltung, solange das betreffende Tier sich völlig ruhig verhält, da die Bewegung die Wirkung der Anpassung aufhebt und das Tier verrät. Infolgedessen verhalten auch alle Tiere, die eine ausgesprochene Schutzfarbe besitzen, sich völlig ruhig, sobald sie glauben, sich nicht mehr rechtzeitig durch Flucht in Sicherheit bringen zu können. Aus diesem Grunde liegen die Rebhühner fest vor dem vorstehenden Hunde. Sie „halten“, wie der Jäger sagt. Der Hase bleibt bei plötzlicher Annäherung des Menschen häufig so fest in der Sasse liegen, daß man geradezu auf ihn treten kann. Das Tier hat dabei offenbar das Gefühl, daß es übersehen wird und dadurch der Gefahr am besten entgeht, jedenfalls viel besser, als wenn es zur Flucht sich erheben würde und dann leicht von seinem Verfolger ergriffen werden könnte. Dieser Instinkt, sich unsichtbar zu machen, wird sich erst im Laufe der Zeit herausgebildet haben. Für seine Entstehung gibt es aber wohl kaum eine bessere Erklärung als die Theorie Darwins von der Einwirkung der Auslese im Kampf ums Dasein. So sehen wir, daß Darwins Lehre trotz der neuen Erklärung von der Entstehung der Farben durch Klima und optische Reize ihre Gültigkeit nicht ganz verloren hat.

Die Mittel, mit denen die Natur ihre Geschöpfe bildet und formt, sind überaus mannigfaltig und vielseitiger, als wir heute wissen und ahnen. —

Mimikry des Kuckuckseies

Eine vielumstrittene Frage auf dem Gebiet der Mimikry ist die Färbung des Kuckuckseies. Das Kuckucksei variiert bekanntlich außerordentlich und zeigt den Typus der Eier zahlreicher Singvögel. Es gibt rein blaugrüne Kuckuckseier, die den Eiern des Gartenrotschwanzes völlig gleichen. Liegt ein solches Kuckucksei in einem Rotschwanznest, dann ist es von den Rotschwanzeiern äußerlich gar nicht zu unterscheiden. Andere Kuckuckseier gleichen den Eiern der Würger, Grasmücken, Fliegenfänger, Pieper und Stelzen in auffallendster Weise. Freilich liegen die Kuckuckseier nicht immer in Nestern mit entsprechend gefärbten Eiern, sondern häufig auch in solchen Gelegen, zu denen sie in der Farbe nicht passen. Trotzdem läßt sich die Mimikry des Kuckuckseies nicht verleugnen. In manchen Gegenden herrscht ein bestimmter Eityp vor, und der Kuckuck benutzt dann fast ausschließlich solche Vogelnester für seinen Brutparasitismus, zu deren Gelege sein Ei paßt. So sind die Kuckuckseier in Finnland vorzugsweise einfarbig blau und liegen fast immer in den Nestern des dortigen Gartenrotschwanzes. Die auffallendste Übereinstimmung zwischen Kuckucksei und Nesteiern finden wir in Japan, wo sich der Kuckuck die Schwarzkehlammer (Emberiza ciopsis) zur Bebrütung seines Eies ausgewählt hat. Geradezu verblüffend ist die Ähnlichkeit des Kuckuckseies mit den Eiern dieser Ammer. Sie sind beide auf weißlichem Grunde dunkelgefleckt, und die Fleckung bildet am stumpfen Eiende einen aus Schnörkeln gewundenen Kranz. Diese Anpassung steht einzig da und kann unmöglich eine reine Laune des Zufalls sein, sondern muß gesetzmäßig hervorgerufen sein. Hier würde die Auslese im Sinne Darwins zweifellos die beste und einzig mögliche Erklärung sein, wenn eine solche Auslese tatsächlich durch die Wirtsvögel bewirkt würde. Nimmt man an, daß die Ammern alle unähnlichen Kuckuckseier stets entfernt haben, so würde durch die Auslese im Laufe der Zeit ein Kuckucksstamm herangezüchtet sein, dessen Eier den Ammereiern gleichen. Hiermit wäre das Geheimnis der Anpassung aufgedeckt. So einfach liegt die Sache aber nicht. In meiner Schrift „Das Leben der Vögel“ habe ich darauf hingewiesen, daß die Singvögel keineswegs immer fremde Eier aus ihren Nestern entfernen, sondern sie sehr oft, auch wenn sie auffallend verschieden sind, annehmen und erbrüten. Es ist also sehr zweifelhaft, ob eine Auslese wirklich in der Natur stattfindet, und ob sie so groß ist, daß eine Mimikry zustande kommen kann. Wenn trotzdem eine Anpassung, und sogar eine geradezu verblüffend große Anpassung vorhanden ist, so legt dies den Gedanken nahe, daß es sich hier um ein uns noch unbekanntes Naturgesetz handeln muß, das zu erforschen der Wissenschaft noch vorbehalten ist.

Noch vieles im Leben der Tiere ist in Dunkel gehüllt. Der geheimnisvolle Zauber, der über den Erscheinungen des Tierlebens liegt, übt immer wieder auf den Forscher wie auf den Laien eine gewaltige Anziehungskraft aus, die den, der von diesem Bann ergriffen ist, in unlösbare Fesseln schmiedet und ihm als höchstes Ideal vor Augen führt, die Wunder der Natur zu ergründen.

[5] Friedrich von Lucanus, Schutzfärbungen und Nutztrachten, Journal für Ornithologie 1902.