Blick in die Offiziersmesse der »Königsberg« vor
Copyright Walther Dobbertin.
und nach der Vernichtung
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Granattrichter in der Sandbank neben dem Wrack,
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in denen ein Teil der Gefallenen bestattet wurde
Den klotzigen Kopf am Boden, trabt er im Kreise über den weißen Sand, wirft sich mit einem Schwung auf den Boden, wälzt sich einige Male und bleibt dann mit einem tiefen, behaglichen Grunzen auf der Seite liegen. —
»Ein riesiger Bulle!« — sagt hinter mir jemand.
Mein Vorgänger, der ebenfalls nicht schlafen konnte, ist in weißer Hose und Hemd an Deck getreten und sieht durch sein vorzügliches Nachtglas auf die Sandbank hinüber.
»Ob ich ihn schieße?« meint er.
»Das Licht ist sehr unsicher — auf jeden Fall müssen Sie auf die Bank hinüber fahren!«
»Läufer, Dingi klar!«
Das kleine Boot setzt ab und steuert schräg auf das Ufer, um sich im Schatten der Mangroven an die Sandbank heranzupirschen.
Für ein paar Minuten verschwindet es im Dunkel, dann sieht man es sich aus den Bäumen herausschieben, die kurze glitzernde Wasserfläche durchmessen, am Rande der Sandbank anlegen. —
Das Flußpferd liegt noch ruhig auf der Seite, ab und zu stampft es mit einem Hinterfuß kurz in die Luft.
Eine weiße Gestalt verläßt das Boot und schreitet gebückt über die helle Fläche.
Sie kniet nieder — keine fünfzig Meter entfernt — legt an.
Ein Wolkenschleier segelt über den Mond, lange Schatten fliegen über den Fluß.
Ein Blitz — — — ein Krach!
Deutlich hört man den Aufschlag in dem massigen Körper.
Mit einem Satz fährt das Flußpferd in die Höhe, hopst einmal auf und nieder und galoppiert dann in langen Sprüngen rund um die Sandbank.
Die Wolken sind vorüber, es wird wieder hell, lange Schlagschatten werfen Schornsteine und Masten auf das Wasser.
An allen Zielfernrohren der Geschütze stehen erwachte Schläfer und sehen zu.
Die weiße Gestalt da drüben steht auf, legt an. — Das Ziel ist unsicher — in nie gedachter Schnelligkeit springt es abwechselnd im Kreise und im Zickzack, neue Wolkenfetzen verschleiern den Mond.
Noch zweimal krachen die Schüsse — zweimal hört man den Aufklatsch der Kugel auf der brettharten Haut.
Da rast das getroffene Tier mit einer plötzlichen Kehrtwendung in das aufspritzende Wasser und verschwindet fauchend und schnaubend.
Es hat wohl drei tödliche Kugeln, aber — — es ist dem Schützen entgangen! —
Gespannt sehen wir auf die helle Wasserfläche, ob der Kopf nochmals auftaucht.
Minuten vergehen. — Eben will das Dingi abstoßen und zurückkehren, da erscheint am entgegengesetzten Rande der Sandbank wieder der mächtige Schädel — mit einem kurzen Ruck steht ein schwarzer Körper auf den Beinen, und von neuem trabt das Flußpferd auf dem weißen Sande.
Wieder kracht ein Schuß, dann noch einer. Es knickt kurz in den Hinterbeinen ein und setzt dann ruhig, als sei nichts geschehen, seine Sprünge fort, ohne auf den Gedanken zu kommen, im schützenden Strom zu verschwinden.
Da stößt das Dingi ab — in wenigen Minuten ist es an Bord.
Dem Schützen sind die Patronen ausgegangen, er holt neue.
Unbegreiflich! — — Ruhig erwartet das Flußpferd, abwechselnd hin- und herspringend, dann wieder stehen bleibend, seinen zurückkehrenden Todfeind.
Der kommt an der Sandbank an, steigt aus, da legt sich wieder eine dunkle Wolkenwand vor den Mond.
Sekundenlange Dunkelheit, dann wird es wieder heller, — da stehen Mensch und Tier keine zehn Schritt weit auseinander!
Ein Blitz, ein Knall — mit einem dumpfen Krach bricht der riesige Leib zusammen und bleibt regungslos liegen! —
Die beiden drüben binden ihn an den zunächst stehenden Mangroven fest, damit der auflaufende Fluß ihn nicht forttreibt, dann kehren sie zurück.
Es war ein mächtiger alter Flußpferdbulle, der in unglaublicher Zähigkeit erst dem aus nächster Nähe gefallenen Gehirnschuß erlegen ist.
Als großer, schwarzer Fleck liegt er jetzt da drüben auf dem weißen Flußsande.
Die Hyänen, die bis jetzt geschwiegen, beginnen wieder zu heulen — das Dröhnen der Flußpferde aus dem südlichen Nebelstreifen nimmt zu.
Die aufgescheuchten Schläfer ziehen sich wieder zurück.
Schweigend und ruhig liegt das Deck, klar scheint der Mond, gespensterhaft ragen Masten und Aufbauten.
Der Strom ist gekentert — in murmelndem Zuge gleiten die Wasser flußaufwärts.
Kleiner und kleiner wird der weiße Fleck der Sandbank um den schwarzen Körper herum.
Gleichmäßig hallen die Schritte des Bootsmaaten der Wache, — Scharen von Moskiten summen.
Der Läufer Deck nimmt die flackernde Handlaterne — er geht die Ablösung wecken.
Die Wasser haben die Sandbank jetzt vollkommen überflutet, den schwarzen Körper langsam gehoben und gedreht.
Vier dunkle, massige kurze Beine ragen aus dem im Mondlicht glitzernden Spiegel.
Verschlafen kommt die Ablösung — verschlafen, schweigend, müde ziehen die neuen Posten auf.
Von der weiten Steppe her weht jetzt der frische Frühwind. Der tiefe, ruhige Morgenschlaf der Tropen sinkt über Besatzung und Schiff.
Die Hyänen hören auf zu klagen, das Brüllen und Dröhnen dort vorn verstummt, nur noch Schnauben und tiefes Gurgeln ist einigemale zu hören. Die Dickhäuter suchen den Fluß auf.
Ein Tippu-tipp beginnt schüchtern zu flöten, halb im Schlaf — halb erwachend schluchzt ein Regenpfeifer, — zwei weiße Reiher flattern in schiefen Kurven über die schweigenden Mangrovenwipfel.
Trocken, glühend heiß liegt die Luft des Spätnachmittags noch über der »Königsberg«. Die Bootsmannsmaatenpfeifen schrillen »Klar Deck«. Die selbst gefertigten Duschen spritzen auf. Vergnügt kühlen sich unter ihnen die Leute.
Eine lange Reihe Schwarzer steht an Deck, beladen mit Bananen, Apfelsinen, Mangos. Staunend und lachend stehen sie auf dem Mitteldeck in ihrer Verwunderung über das Leben und Treiben auf dem so riesengroßen »manowari« — Kriegsschiff — hier mitten im Rufijifluß, den sie doch schon seit Jahren kennen, auf dem sie aber nur ihre schmalen schlanken Einbäume, bestenfalls eine abgetakelte Dhau gesehen.
Noch mehr wundern sie sich über die noch nie auf einem Fleck gesehene Menge von Europäern, die hier — sie können es gar nicht begreifen — richtig wie sie selbst arbeiten müssen — rudern, Deck und Geschirr reinigen und an langen Kutterläufern große Boote hochholen.
Alle Europäer, die sie bis jetzt kannten, kamen nur in Begleitung von vielen Schwarzen, ließen sich tragen, Stiefel, Kleider an- und ausziehen.
Die Sonne steht schräg am Himmel, ich rufe meine zwei schwarzen Begleiter, um mit ihnen auf die Jagd zu gehen.
Zum ersten Male liegen wir jetzt am Rande der Steppe mit ihren Busch- und Bauminseln — das Gras ist großenteils niedergebrannt, also kann ein Pirschgang Erfolg versprechen. —
Die »Königsberg« liegt keine dreißig Meter von Land ab — eine kleine Bootsfähre verbindet das Fallreep mit einem von uns angelegten Landungssteg.
Holperig und vertrocknet dehnt sich dann nach Westen zu der ebene Steppenboden aus. —
Bald verschwinden die hellbestrahlten Bordwände und Schornsteine hinter den hohen Baumgruppen des Ufers. Einige hundert Meter weit hört man noch die Geräusche und den Lärm des Bordbetriebes, die Signalpfeifen, trappelnde Schritte. Dann umfängt uns die Stille des afrikanischen Busches.
Wir biegen nach Westen zu in das hohe Gras ab, denn nach Süden windet sich ein schmaler Negerpfad, nach einem nicht sehr weit abliegenden Dorf Mitschi-gitschi zu. Wir wollen ihn vermeiden, da er jetzt häufiger begangen wird, sei es von Trägerkarawanen mit Verpflegung, Eilboten oder auch neugierigen Eingeborenen, die das deutsche Kriegsschiff hier mitten im Herz ihres Landes sehen wollen.
An einer Gruppe von Dum- und Borassuspalmen vorbei schlagen wir uns in den Busch. Hier steht noch hohes Gras. Der Steppenbrand des Vorjahres hat anscheinend dieses Dickicht nicht durchdringen können, das mit niedrigem Dornbusch und unentwirrbarem Gestrüpp verwachsen und verfilzt ist.
Schritt für Schritt dringen wir vorwärts. Wilde Tauben gurren. Eine Schar kleiner grüner Papageien flattert auf. Ein winziger, gelber Webervogel hüpft von Halm zu Halm.
Dann wird das Gras niedriger, vereinzelte Grüppchen von Aschenresten zeigen an, daß hier das Feuer durchgeprasselt sein muß. Wir kommen schneller vorwärts.
Es ist mein erster Pirschgang auf afrikanischem Boden. Eigenartig mutet der Gegensatz zwischen dem neuzeitlichen lärmenden Bordbetrieb eines gefechtsklaren Kriegsschiffes und dieser verlassenen, träumenden Urwaldstille an.
Zwei Welten — kaum einige Kilometer auseinander — und dennoch durch Entwicklungsstufen von Jahrtausenden getrennt. —
Tiefer und tiefer führt uns unser Weg. Breite Schilfstreifen wechseln wieder mit dürren, mannshohen Grashalden, dichtes Unterholz mit freistehenden Baumgruppen, aus denen je ein bis zwei stachelige Palmen herausragen.
Wild ist nicht zu sehen.
Wir folgen der tiefeingetretenen Spur eines Flußpferdes, die von der Sonne ausgetrocknet als eine Reihe von mächtigen Löchern mit harten Rändern über den ebenen Boden läuft.
Manchmal kreuzt sie sich mit anderen Spuren dieser wuchtigen Dickhäuter, oft laufen drei bis vier nebeneinander und durcheinander. Der Boden ist so zerwühlt, daß ich nur langsam vorwärts komme.
Dort vorn werden die Bäume etwas höher — die Flußpferdspuren mehren sich — sie werden zu einer breiten Straße.
Die Äste auseinanderbiegend oder mit dem Buschmesser durchhauend, stehen wir vor einem schmalen, anscheinend seichten Kreek.
Keine Liane, kein umgestürzter Baum, auf dem man hinüber könnte. — Dann müssen wir eben so hindurch!
Mein Gewehrträger zeigt auf eine breite, ziemlich tiefe Rinne im Mutt des Ufers — daneben läuft noch eine und noch eine schmälere. Weiter unten sehe ich noch mehrere. Sie alle verlieren sich unter dem Ufergebüsch.
»Mamba« meint er — »Krokodile!« »Piga« — »schießen mit der Pistole ins Wasser — dann können wir hindurch — dann gehen sie weg.«
Zwei bis drei Schuß knallen.
Wir steigen hinein, versinken bis an die Hüften in dem weichen Schlamm und waten durch das grünlich-braune Wasser hindurch.
Es ist der letzte schmale Kreek, der hier die Steppe durchschneidet. Von nun an haben wir offenes, freies Gelände vor uns.
Hier zeigen sich Wildspuren.
Ich lasse mir die Abdrücke von Wasserböcken, Ried- und Buschböcken zeigen.
Eindrücke von Warzenschweinen — hier von einem ziemlich kleinen Leoparden kreuzen unsern Weg.
Auf dem weißen feinen Flugsand, auf dem nur spärliche Grashalme wachsen, sehe ich wie in einem Bilderbuch die Tiere, die hier vorübergewechselt sind.
Da sich vor uns eine weite, freie Steppe ohne Baum und Strauch hinzieht, wenden wir uns mehr nördlich, wo hohe Bäume eine Biegung des eben verlassenen Kreeks anzeigen.
Dichtes Schilf raschelt, verdorrte Halme und Blätter knacken unter unsern Schritten.
Vor mir geht der Gewehrträger, jedesmal hoch seine nackten Beine emporhebend, um das Schilf niederzutreten.
Plötzlich stockt er — stößt einen kurzen Kehllaut der Verwunderung aus und bückt sich.
Grinsend dreht er sich um, er hält in der Hand ein großes weißes Ei — fast doppelt so groß wie ein Hühnerei, nur etwas länglicher.
»Maiai ya mamba!« — ein Krokodilsei!
Dort unten liegen noch mehrere — zwanzig bis dreißig, alle auf einem Haufen!
Es sieht in dem grünen dichten Schilf aus wie das Nest eines riesigen Osterhasen.
Auf einem alten, vertrockneten Ast klopft Musa — der Gewehrträger — ein Ei auf.
Vorsichtig öffnet er die beiden Schalen genau in der Mitte.
Mit Staunen sehe ich zwei, durch eine zarte weiße Scheidewand geteilte Hälften, in deren jeder, bräunlich und zu einer Spirale zusammengerollt ein Krokodilsembryo liegt.
Fast sieht es aus wie ein um den Finger gedrehtes Seepferdchen.
Wir markieren den Platz, um auf dem Rückweg wieder hier vorbeizukommen, schlagen einen kleinen Bogen und tauchen im hohen Gras unter, das nach einigen hundert Metern niedriger und niedriger wird, um in die busch- und baumbesetzte Steppe überzugehen.
Durch eine boskettartige Gebüschgruppe zwängen wir uns, Dornen reißen an Armen und Beinen, stachlige Blüten streifen das Gesicht.
Tief gebückt stecke ich auf der andern Seite aufatmend den Kopf ins Freie — — da stehen dicht vor mir drei von der Sonne hell beschienene, plumpe schwarze Tiere, — »pangos« — Warzenschweine, wie Musa meint.
Das größte von ihnen steht mir am nächsten. Ich kann jetzt, da es sich halb nach mir herumdreht, seine riesigen weißen Gewehre erkennen.
Langsam gehe ich kniend in den Anschlag und sehe Kimme, Korn, Blatt.
Ich freue mich aber so, schon heute — gleich beim erstenmal — auf afrikanisches Wild zum Schuß zu kommen, daß ich wieder absetze, um das Bild da vorn noch länger zu genießen. Im Bewußtsein der Sicherheit des Besitzes der Beute, die mir auf diese kurze Entfernung nicht mehr entgehen kann.
Von seltener Plumpheit der Formen — wie kann man bei einem Naturwesen von Häßlichkeit oder Unschönheit sprechen? — mit großen Warzen vorne am Kopfe, die wie zwei Kartoffeln lose hin und her baumeln, steht der große Keiler breitbeinig im niederen Gras und äugt blinzelnd in die Sonne.
Plötzlich scharrt er kurz mit den Hinterbeinen, dreht sich zweimal um sich selbst, schleudert wie einen Strahl die Erde nach allen Seiten, knickt hinten und vorn ein und bleibt, ein paarmal tiefschnaufend, liegen.
Die andern beiden Schweine schnuppern derweilen weiter auf dem Boden herum, ihre plumpen Nasen mit der hauerbewehrten Schnauze ins Gras steckend, das kleine mit senkrecht gehobenem Schwänzchen grunzend hin und her trabend. —
Wieder hebe ich die Büchse — ein scharfer Knall — der Keiler legt sich langsam auf die Seite und bleibt regungslos liegen. — Blattschuß!
Grunzend, im Schweinsgalopp, gehen die beiden andern ab.
Ein mächtiger alter Eber liegt da vor mir, schwarz, borstig, mit runzeliger Haut, den Bauch mit Erde beschmiert. Morgen wird es an Bord der »Königsberg« Schweinebraten geben!
Seine beiden Gewehre umwachsen in einem fast geschlossenen Halbkreis den Vorderteil seines Schädels und sind an der Außenkante vollkommen abgeschliffen.
Die Sonne hat sich inzwischen tiefer und tiefer gesenkt, schräg fallen ihre Strahlen durch die dampfende, über der langsam abkühlenden Erde liegenden Luft.
Ich lasse einen meiner Begleiter hier zurück, um Wache zu halten, bis von Bord geschickte Träger die Beute abholen, und mache mich mit Musa auf den Heimweg.
Wir wählen die direkte Richtung, umschreiten den nahen Busch und schieben uns gemächlich durch die dahinterliegende hohe Grassteppe.
Viel Gestrüpp, Lianen und Unterholz. Wir kommen nur langsam vorwärts. Musa muß fleißig von dem Buschmesser Gebrauch machen.
Um ihm seine Arbeit zu erleichtern, trage ich mein Gewehr selbst und trotte Schritt für Schritt hinter ihm drein.
Wir steigen in eine kleine Geländefalte nieder, mit Händen und Füßen Zweige, Äste und Schlingpflanzen auseinanderbiegend und niedertretend.
Plötzlich bleibt Musa wie angewurzelt stehen, duckt sich, dreht sich nach mir um und sagt mit entgeistertem Gesicht nach vorn zeigend:
»Simba — ein Löwe!«
Nun war es auch an mir, meine Ruhe zu verlieren. Dieser Zufall, dieses Glück — gleich am ersten Tage einen Löwen vor die Büchse zu bekommen.
»Wo?«
»Da vorn neben dem Busch, man sieht nur seine Hinterschenkel!«
Aufgeregt nehme ich mein Glas. Richtig — dort vorn sehe ich einen mächtigen, gelben Hinterschenkel und eine lange Rute, die gerade mit einem Schlage das Gras peitscht. Alles andere ist vom Busch verdeckt.
Kein Zweifel — ein Löwe!
Ich habe nur einen Gedanken: den muß ich haben!
Aber wie?
Wenn ich mich rühre, er mich windet — — ein Schritt genügt und der Busch hat ihn verschlungen. Aber so schießen? — Aufs Geratewohl? — Höchst unweidmännisch und wahrscheinlich auch gefährlich, ihm hinten eine Kugel hineinzujagen. —
Ich denke aber den Gedanken kaum zu Ende — alles gleichgültig, ich muß schießen! — Kimme, Korn, gelber Fleck.
Krach!
Ein bunter Wirbel dort vorn, — Äste fliegen, ein gelbes Etwas bäumt sich, wirft sich in die Höhe, wälzt sich. — Heiseres Gebrüll ertönt.
»Piga, piga« — er ist getroffen, ruft Musa, »aber noch nicht tot!«
Langsam gehe ich vor — nichts zu erkennen — nur ein gelbes Knäuel rast dort auf und nieder.
Ich komme näher und näher. Da zeigt sich plötzlich zwischen dem Gewirr von herumfliegenden Ästen und Gras ein braun-graues, langhaariges Fell.
Ich halte darauf — der Schuß kracht! Ein kurzes Gebrüll, dann Ruhe, nur die Rute peitscht in zuckenden Schlägen den Boden.
Jetzt habe ich ihn! — Ein Hochgefühl überkommt mich, ein namenloser Stolz — — ein Löwe! — Auf dem ersten Pirschgang den König der Tiere! Was werden die an Bord sagen!
Mit einigen Sprüngen bin ich an der Stelle, vorsichtig das entsicherte Gewehr in der Hand.
Da glotzen mich zwei wütende Augen an. Von ohnmächtigem Haß geschüttelt liegt vor mir ein riesenhafter — — Hundsaffe, ein Pavian!
Stolz, Hochgefühl, Siegerbewußtsein stürzen mit einem Krach zusammen!
Der König der Tiere — — ein Affe!!
Allerdings ein so selten großer, daß unser beider Irrtum wohl verständlich ist.
Ein schneller Fangschuß erlöst ihn von seinen Schmerzen. Um wenigstens meinen Fehlschuß zu entschuldigen, nehme ich als Beute den menschenkopfgroßen Schädel mit den beiden mächtigen Hauzähnen mit.
Etwas kleinlaut treten wir den Rückmarsch an. — —
Es ist kühler geworden! Die Strahlen der afrikanischen Januarsonne fahren noch in feurigen Blitzen über das Himmelsgewölbe, tauchen alles in rotes Licht, haben aber keine Gewalt mehr.
Schnell durch den raschelnden Busch schreitend, eilen wir nach Hause. —
Schweigend liegt die Wildnis da, nur das Rucksen und Gurren einer wilden Taube ertönt in kurzen Abständen. Ein aufgestörtes Volk Perlhühner durchflattert schwirrend die Wipfel. —
Plötzlich ein anderer Laut! Ganz da vorn schrillt eine Pfeife! — S. M. S. »Königsberg«! — Die Bootsmannsmaatenpfeife ruft zur Flaggenparade.
Wir treten auf eine freie Lichtung. — Karminrot beleuchtet liegt unser Kreuzer vor uns, feurige Lichter blitzen aus den Seitenfenstern und dem blanken Messing.
Es ist der letzte Gruß der untergehenden Sonne.
»Hol nieder Flagge!«
Langsam senkt sich die Kriegsflagge — — es ist Januar 1915! —
Die letzte, die noch im Ausland weht! Alle andern liegen zerschossen in den Weltmeeren.
Einsam und verlassen flattert sie hier in der afrikanischen Mangrovenwildnis.
Wie lange noch?
Schnell fallen die tiefen Schatten der Mangrovennacht auf das Rufijidelta. Schräg über dem Fockmast leuchtet das Kreuz des Südens auf.
Gleich hinter dem Liegeplatz der »Königsberg« — nach Westen, der weiten Steppe zu — kommen die beiden großen Biegungen, wo der Rufiji in zwei langen Schleifen beinahe zweimal um sich selbst fließt.
Dort, an der konvexen Seite der ersten Schleife, mündet der interessantere Flußarm: der Bumba.
Interessant, weil er einmal in grotesken Windungen und Biegungen sich auf weiten Umwegen zwischen seinen engen Mangrovenufern der Küste zuschlängelt und dann wegen seiner Schlupfwinkel, schweigsamen Buchten und tiefen Kreeks ein Sammelplatz für zahlreiche Flußpferdherden ist.
Fährt man im schlanken Einbaum unter dem weit überhängenden Dach der bewaldeten Ufer, sich lautlos von der Strömung treiben lassend, flußabwärts, entrollen sich die seltsamsten Bilder urwüchsigen Urwaldlebens.
In nächster Nähe, so daß man oft mit einem etwas zweifelhaften Blick die schwache Nußschale betrachtet, taucht plötzlich ein breites, borstiges Riesenmaul auf, öffnet mit tiefem Schnauben seine riesigen Kinnladen — einen Anblick bietend wie die gähnende Leere eines offenen Möbelwagens — und verschwindet glucksend in einem Wasserschwall.
Drei, vier, fünf, zehn, zwanzig tauchen auf, unter, spritzen Wasser, grunzen und schnauben. —
In einer verschwiegenen Bucht des Flusses, dort, wo sich eine weite, flache Muttstrecke aus dem Wasser hebt, war ich einmal Zeuge der Begattung von zwei gewaltigen Flußpferden.
Wie ein Blockhaus türmten sich die mächtigen Fleischmassen, dröhnend erzitterte die Luft von ihrem Brunstgebrüll! — —
Unter Tags, flußabwärts sich treiben lassend, kehren sie abends mehr nach dem Oberlauf des Armes zurück, um dann bei Dunkelheit in der Nähe des Hauptstromes an Land kletternd, die feste, grasbewachsene Steppe vor sich zu haben.
Dort, keine zweitausend Meter oberhalb der »Königsberg«, habe ich manch kräftigen Bullen erlegt, dessen mächtige Zähne an Bord auf den glühend heißen Skylights und Ventilatorköpfen im Sonnenlicht bleichen.
Mancher dickgedunsene Kadaver ist dort den Krokodilen eine willkommene Beute geworden. Kein Wunder, daß sich auf der breiten Sandbank an der Innenseite der Flußbiegung bei Niedrigwasser Dutzende dieser scheußlichen Echsen aller Größen träge blinzelnd die Sonne auf den Panzerrücken brennen lassen. Den gezackten Schwanz meist noch halb im Wasser, um immer zum blitzschnellen Rückzug klar zu sein, auf die kurzen greulichkrummen Füße mit der hellgrünen Unterseite gestützt, lassen sie den langen, scheußlichen Schädel faul auf dem weichen, warmen Sande ruhen.
Manche haben wie in träger Erstarrung den Rachen weit offen stehen, so daß die ungleichmäßigen Spitzzähne in der Sonne funkeln.
Bei sehr alten Tieren — solchen, die über fünf bis sechs Meter Länge haben — kann man mit dem Glase sogar die gähnenden Zahnlücken erkennen und die braunen oder gelbschwarzen Stümpfe, die vom jahrzehntelangen Aasfressen verfault zu sein scheinen.
So viel dort auch Tag für Tag, unbekümmert darum, daß beinahe in Schußweite ein moderner Kreuzer mit dreihundert Menschen liegt, sich die schuppigen Leiber sonnen, so schwer ist es doch, eines von ihnen zu treffen, so daß man die Beute auch bekommen kann. Denn ein Anpirschen auf näher als hundert Meter ist unmöglich, da sich hier die tellerglatte, deckungslose Sandbank erstreckt, dort der an dieser Stelle außerordentlich breite Wasserspiegel ausdehnt.
Ein Näherkommen, sei es im unhörbar gleitenden Einbaum oder Stück für Stück im Sande kriechend ist unmöglich — eines von den vielen Bestien hat immer seine falschblickenden, gelbgrünen Äuglein zufällig in derselben Richtung. Ein kurzes Zucken in den Körpern und alle sind im aufspritzenden Wasser verschwunden.
Den Schuß auf weite Entfernung habe ich hier oft gewagt, aber es ist mir an dieser Stelle nie gelungen, eines der alten Tiere zu bekommen, denn mit einigen Windungen — und ist es auch noch so schwer getroffen — erreicht es immer den schützenden Fluß und verschwindet.
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Trocknen der aus dem gesunkenen Kreuzer heraufgetauchten Munition
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Verladen der abmontierten 10,5-cm-Geschütze
Askarischützenlinie kurz vor dem Gefecht
Trägerlager
Nur eine Stelle gibt es, die, getroffen, das Tier wie vom Blitze erschlagen, bewegungslos liegen läßt: der Ansatz des Rückgrates gleich hinter dem Schädelknochen.
Diese Stelle aber ist so klein! —
Eines Vormittags ist es mir gelungen, im Bumba-Arm einen selten großen Flußpferdbullen tödlich zu treffen.
Schon nach kurzer Zeit treiben ihn die Verwesungsgase nach oben und, die vier Stummelbeine wie anklagend gegen den Himmel gestreckt, erscheint der dickwanstige Kadaver an der Oberfläche, mit dem zurückströmenden Flutwassern flußaufwärts treibend.
Er segelt geradenwegs auf die Sandbank zu, die wieder den Anblick bietet, wie eine Sonnenbadeanstalt für Krokodile. — Wir langsam im Einbaum hinterher! —
Klatschend verschwinden die Echsen.
Die Strömung macht hier eine scharfe Wendung, und so wird denn der in seiner Aufgedunsenheit jetzt doppelt ungeschlachte Körper durch den Schwung seiner eigenen Bewegung hinaufgeschoben. Wir springen aus dem Tumbi und im Verein mit dem schnellströmenden Wasser, das jetzt fast seine höchste Höhe erreicht und die Sandbank ganz überflutet hat, gelingt es uns, unsere Beute bis an das dichte Gebüsch des Steppenrandes zu ziehen, wo wir die massiven Beine mit Stricken fest an gedrungene, kurze Baumstümpfe binden.
Um die Jagdtrophäe, den Kopf, zu bekommen, der jetzt zu unterst hängt, müssen wir noch etwa eine Stunde warten, bis das Wasser wieder so weit abgelaufen ist, daß der Schädel frei liegt, um ihn abnehmen zu können.
Ich setze mich ins Gras, während meine beiden schwarzen Ruderer den Einbaum heraufziehen und sich die Zeit damit vertreiben, das arme, schon allmählich stinkende Flußpferd zu verspotten, daß es so dumm gewesen, sich erwischen zu lassen.
Von meinem Platze aus kann ich gerade die Masten der »Königsberg« und den vorderen Scheinwerfer erkennen. Die ab und zu umspringende Brise weht den Schall von langhingezogenen Kommandorufen herüber. Ein Kutter wird aufgeheißt. —
Die Brise wird stärker und kräuselt die Oberfläche des Flusses, der jetzt nach kurzer Zeit der Stauung sich wieder seewärts bewegt.
Mehr und mehr tritt die weißliche Bauchseite des Flußpferdes zutage, die, von starken Runzeln durchzogen, sich über den dicken, jetzt aufgedunsenen Leib spannt. Die mächtigen Fettdrüsen werden sichtbar, die Farbe der Haut nimmt nach dem Rücken zu eine dunklere bis ins Schwarzbraun gehende Färbung an.
Weiter fällt das Wasser! — Endlich wird der riesige Hals frei.
Wir können beginnen! Mit langen Schnitten wird die fast drei Zentimeter dicke Haut durchtrennt und tiefer und tiefer wühlend erreicht das lange Messer die Wirbelknochen. Ein Knacken, ein Krachen — auch sie sind gelöst und der gewaltige Schädel, dessen unheimliche Formen jetzt vom Wasser frei sichtbar werden, fällt zurück — noch einige Schnitte und er liegt auf der Sandbank.
Mit vereinten Kräften suchen wir den Rachen zu öffnen, um die Zähne zu sehen. Sie sind noch größer, als wir erwartet haben. Wie zwei braune im Feuer gehärtete Spieße springen die inneren vor, wie zwei krumme, breite Säbelscheiden ragen die äußeren.
In einem großen Loch der Sandbank vergraben wir ihn. In wenigen Wochen werden ihn Käfer und Ameisen gesäubert haben und seine weißen Knochenwände sauber gebleicht in der Sonne trocknen können.
Als ich den mächtigen Kadaver, aus dessen Halswunde noch immer in roten Strömen das Blut fließt, so am Uferhang liegen sehe und dahinter das dichte verwachsene Schilfgestrüpp, kommt mir der Gedanke, ihn hier als Köder für Krokodile liegen zu lassen und dahinter einen kleinen Anstand zu bauen.
Mit kräftigem Bordtauwerk binden wir ihn so fest an die Uferbäume, daß das größte Krokodil ihn nicht wegreißen kann. Etwa zwanzig Meter dahinter wird aus Laub und Gras eine Wand aufgebaut und dann das Schilf des Zugangsweges niedergeschlagen, damit ich mich abends unhörbar anschleichen kann.
Große Teile der Sandbank liegen jetzt wieder frei. Ein eingerammter Pfosten bezeichnet die Stelle, wo der vergrabene Schädel liegt. Mit einigen starken Stößen schieben wir den Einbaum ins Wasser.
»Huko mamba — dort kommt ein Krokodil!«
Wir sind eben beim Ablegen, da schiebt sich keine fünfzig Meter von uns weg ein langer, schmutzig grüner Schädel aus dem Wasser — gelbe Äuglein blinken. Ein Ruck — weg ist er! —
Schon zieht die Witterung des in der Sonne liegenden Kadavers über Fluß und Ufer! Drei große Geier kreisen über der Sandbank.
Die Sonne hat mittlerweile beinahe Mittagshöhe erreicht. In glühender Hitze zittert die Luft. Rasch fließt das Wasser stromab. Bald tauchen die grauen Wände der »Königsberg« auf, und wir klettern an Bord. — —
Mit Befriedigung fühle ich nachmittags das Umspringen des Windes — er kommt jetzt genau von Osten — so kann ich abends gegen den Wind meinen Anstand erreichen.
Von nur einem Schwarzen begleitet, gehe ich nach dem Dienst an Land. Die Sonne steht noch hoch am Himmel.
Wir haben den kurzen Steppenstreifen rasch durchschritten und tauchen seitwärts ins Schilf.
Es gilt den kurzen Weg zu finden, den wir heute morgen eingeschlagen haben.
Die Funkenrahen der »Königsberg«, die über dem niedern Unterholz sichtbar sind, als Orientierungsmittel hinter uns, schlängeln wir uns weiter. Da vorn kreisen in weiten Bogen einige Aasgeier, verschwinden und fliegen wieder hoch. Dort muß der Kadaver liegen!
Leiser und leiser werden unsere Schritte, denn wir können nicht mehr weit ab sein.
Ein stinkender Aasgeruch zieht in Schwaden über uns hin.
Plötzlich hält mein Führer. Er zeigt nach unten: da ist abgehauenes Schilf — also der Zugangsweg von heute morgen. Die gespannte Büchse in der Hand, schleiche ich unhörbar vor.
Der Wind ist günstig, er kommt direkt auf mich zu. Der Verwesungsgeruch wird so durchdringend, daß ich mir das Taschentuch vor die Nase binde.
Hoffentlich sehen mich die Aasvögel nicht — dicht vor mir flattern sie jetzt rauschend mit mächtigen Schwingen auf und nieder.
Ich drücke mich tief an den Schilfrand — denn vor mir wird die grüne heute morgen von uns gebaute Wand sichtbar. — Keine zwanzig Meter mehr!
Eine leichte Bö läßt das Schilf rascheln — ich benutze sie, mit einigen Sprüngen bin ich vorn und kauere mich nieder.
Trotz des Taschentuches ist der Aasgestank kaum zu ertragen. Ich fühle einen starken Brechreiz — der Kadaver liegt ja dicht da vorn.
Leise schiebe ich einige Blätter zurück — die linke Hand auf die Nase gepreßt, sehe ich hindurch und — — pralle zurück! — Das Flußpferd lebt. — Sein Leib geht auf und nieder — es wälzt sich — scheuert sich auf dem Boden. Die kurzen Walzenbeine wackeln!
Drei — vier Aasgeier sitzen auf dem Bauch und hacken an der Haut herum.
Da sehe ich plötzlich, wie sich aus dem abgeschnittenen Hals ein Schuppenschwanz herausschiebt — — er bewegt sich langsam nach außen. Jetzt noch einer und — — noch einer!
Ein leises Grauen überläuft mich, wie ich dieses furchtbare Vernichtungsdrama keine zwanzig Meter vor mir in dem bestialischen Gestank sich abspielen sehe.
Der ganze Leib des Flußpferdes ist voll von Krokodilen, die sich durch die Halsöffnung hindurch in das Innere gefressen haben, weil die Haut, noch frisch und fest, allen Angriffen widerstanden hat.
Ab und zu geht ein Zucken und Rütteln durch den gewaltigen Körper — einer der aus dem Hals ragenden Schwänze peitscht den Sand — wieder hat eines der grauenhaften Tiere ein Stück aus dem Innern des Wanstes losgerissen.
Wie einen Sack höhlen sie von innen den Kadaver aus — wälzen sich im Aas, während die Geier, wütend und vergeblich, immer noch auf die zähe Haut einhacken.
Ein furchtbares Bild des Daseinskampfes. Ich bin so benommen von der Wucht dieses Bildes, daß ich an ein Schießen gar nicht denke, das Gewehr hingelegt habe und mit offenen Augen nach vorn starre.
Da geht plötzlich ein mächtiger Ruck durch den verwesenden Körper und ein riesiges Krokodil schnellt aus der Halsöffnung hervor, über und über braunrot mit Blut, Aas und Kot besudelt, grell von den leuchtenden Strahlen der eben untergehenden Sonne beschienen, im Rachen einen halb menschengroßen Fetzen Knochen, Gedärme und Fleisch.
Ein bestialisch greulicher Gestank weht mir ins Gesicht!
Im selben Augenblick springt die Brise um — gedämpft, wie unwirklich — von unendlich weit her — erklingen verwehte Fetzen der Königshymne: — — — die Abendmusik an Bord der »Königsberg«!
Stutzend halten einen Augenblick Krokodile und Geier im Fraß inne, dem ungewöhnten Geräusch lauschend, nur der rotbraunbesudelte Bursche schleppt langsam rückwärts kriechend seine Beute über die Sandbank dem Flusse zu, einen breiten Blut- und Kotstreifen hinter sich lassend.
Da flaut der Wind plötzlich ab, die Sonne ist weg! — — Nur noch das Knacken und Krachen von zermalmten Knochen, das Reißen von Haut- und Fleischfetzen — lautes Schnalzen, Schmatzen, Mahlen von Kiefern ist zu hören.
Die vier kurzen Stummelbeine wackeln, als ob sie sich sträuben wollten und heben sich phantastisch vom dunkelnden Himmel ab. Die Geier, denen jetzt einige aus dem Halse hängende Fleischfetzen zur Beute gefallen sind, hacken darauf herum, reißen sie in Stücke und flattern, im beschmierten Schnabel den stinkenden Fraß, auf und davon.
Schnell wird es dunkel! Ein Schuß hätte keinen Sinn mehr, auch habe ich keine Lust dazu. Warum dies seltsam schauerliche Naturbild stören!
Kampf, überall Kampf um Sein und Nichtsein! Hier wühlen Krokodile im stinkenden Flußpferdaas, hacken flatternde Geier, dort in verworrenster, afrikanischer Flußwildnis ein Kreuzer mit dreihundert Menschenleben, die tagtäglich kämpfen müssen — gegen andere Geschöpfe gleicher Rasse, die nach ihrer Vernichtung lechzen.
Es scheint, als hätte alles Leben nur Sinn eben durch Vernichtung des Lebens! —
Ein langsames Rascheln, Reiben und Gleiten kommt von der Sandbank her — ich sehe zwei dunkle Striche sich näher schieben — — zwei neue, fraßgierige Krokodile.
Da drin aber in dem Flußpferdleib wühlt und wogt es noch, die Haut schwankt und schlappt, ekelhaftes Schmatzen und Knacken tönt hervor. —
Die Brise ist jetzt vollkommen eingeschlafen. Der Aasgestank bleibt über dem dichten Schilfe hängen, er wird so stark, daß ich mich, die Hände vors Gesicht gepreßt, wegschleiche. — —
Im hohen Schilfe raschelnd gehen wir nach Westen, um die freie Steppe zu erreichen, dann nach unserm Liegeplatz abzubiegen.
Tief aufatmend saugen wir die reine Luft in unsere Lungen! —
Schilf und Gestrüpp weichen zurück, dunkel liegt vor uns die weite Steppe, an ihrem Westrand noch von einem schmalen hellen Streifen abgegrenzt.
Das Schweigen der Nacht liegt über der einsamen Landschaft.
Dicht aufbleibend folge ich meinem Führer, der mit seinem rasch fördernden Schritt durch die Nacht eilt, schwarz in der schwarzen Dunkelheit kaum zu erkennen.
Da dröhnt von fern her Getrappel — — wie von galoppierenden Pferdehufen!
Wir stutzen einen Augenblick — da sausen zwei abenteuerlich dicke, mächtige Körper hopsend an uns vorüber.
»Viboko — Flußpferde!«
Wie Spukgestalten sind sie erschienen und verschwunden, schon wieder weit weg verklingt das Dröhnen ihres Galopps. —
Der schmale Schimmer im Westen ist verschwunden, tiefe Nacht liegt über der Steppe.
Gleichmäßig klappert Gewehr und Wasserflasche auf dem Rücken meines Führers, der sicher mit seinen nackten Beinen dem schmalen Negerpfad folgt.
Moskiten summen, Glühwürmchen gaukeln, ferne Tierlaute erschallen — — das Nachtleben der Steppe erwacht!
Monate sind vergangen.
Es ist August 1915! Die Sonne läuft auf ihrer Bahn jetzt weit im Norden. In Deutschland — in Europa schreibt man Sommer!
So weit nördlich zieht das Tagesgestirn, daß seine Strahlen auf der südlichen Halbkugel stark an Kraft verloren haben, selbst hier in der Nähe des Äquators, und schon abends nach Sonnenuntergang erfrischende Kühle über das Land zieht.
Es ist Nacht.
Schlaflos starre ich auf die weißlichen Falten des Moskitonetzes trotz des Morphiums, schlaflos vor Schmerzen im abgerissenen, entzündeten Fuß. Eine englische Granate hat ihn zerschmettert — sie hatte erst die Back und das Zwischendeck durchschlagen.
Neben mir schläft mein Kommandant — ruhig, gleichmäßig geht sein Atem. Er ist schwer verwundet!
Durch den Schleier des Moskitonetzes sehe ich seinen weißen Verband.
Es ist ein altes hölzernes Pflanzerhaus, in dem wir liegen. Fünf Zimmer und zwei Veranden — alle voll von Verwundeten. — Alle haben den ehrenvollen Untergang der »Königsberg« in aussichtslosem Kampf gegen zwanzigfache Überlegenheit mit ihrem Blute bezahlt.
Ein Stöhnen flattert auf — ein Seufzen, ab und zu leises Wimmern! —
Leuchtend spannt sich der klare Tropenhimmel über der weiten Steppe — einsam träumt das alte Pflanzerhaus, nur armselige, kleine Negerhütten liegen zu einem Klumpen geballt daneben — das Dorf Kingwangwanda. Nach Norden und Westen zu dehnen sich Kulturen von Kautschuk und Sisal. Alle sind verlassen, verwildert. Nach Süden und Osten erstreckt sich die weite Steppe. Raschelnd haucht der Nachtwind über sie hin.
Dort liegt ein einsames Geviert, darin Kreuz an Kreuz, alle gleichmäßig, alle schlicht, alle mit kurzer Aufschrift:
»Beim Untergang S. M. S. Königsberg am 11. 7. 15 gefallen!«
In der Mitte ein großer Stein, daran eine Kupfertafel, gehämmert aus einem zerschossenen Dampfrohr mit dem von ungeübter Hand eingehauenen Taufspruch der »Königsberg«: