Erweiterung der Beziehungen zu den Eingeborenen. — Reise in die Umgegend von Mpapua. — Die Massais und Wagogo um Mpapua. — Vertrauen der Massai zur Station. — Befestigung und Bauarbeiten. — Schlechter Gesundheitszustand der Europäer. — Dyssenterie in Mpapua. — Ankunft der Stanleyschen Expedition. — Rückblick auf Emins Lage in der Äquatorialprovinz. — Sein Abmarsch mit Stanley. — Ärztliche Dienste des Pascha in Mpapua. — Stanleys Entgegenkommen. — Abmarsch zur Küste. — Marschordnung. — Leben auf dem Marsche. — Verkehr mit den Eingeborenen. — Jagd. — Begegnung unserer Expedition mit Gravenreuth in Msua. — Amerikanische Reporter. — Ankunft in Bagamoyo. — Emins unglücklicher Fall. — Seine Behandlung und Heilung.
Für die dauernde Wahrnehmung der Stationsleitung in Mpapua war, wie erwähnt, der Lieutenant v. Medem ausersehen. Er war von den jüngeren Offizieren der Expedition, die damals für Mpapua in Frage kamen, derjenige, welcher am meisten die für jene höchst wichtige Stellung notwendigen Eigenschaften in sich vereinigte: große Ruhe und die Fähigkeit, mit den Eingeborenen zu leben und sich diesen anzupassen, praktischen Sinn und große Willenskraft, dazu ein besonderes Talent, gerade mit den Zulus, die ja den Hauptteil der Besatzung von Mpapua bildeten, umzugehen. Wißmanns Wahl fiel sofort auf Medem; es wurde dem Verfasser übertragen, diesen während der Zeit der gemeinsamen Thätigkeit zu Mpapua noch eingehender mit den örtlichen Geschäften bekannt zu machen.
Dem Befehle des Reichskommissars gemäß benutzte der Verfasser die nächsten Wochen nach dem Abmarsche der Expedition Wißmanns von Mpapua zur weiteren Fortführung der Stationsarbeiten, sowie zur Erweiterung unserer freundschaftlichen Beziehungen zu den Eingeborenen in der Umgebung Mpapuas und zwar bis zu den mehrere Tagereisen weit von dort angesessenen Stämmen. Eine höchst angenehme Beigabe war bei diesen Reisen die Ausübung der hervorragend guten Jagd, welcher auf dem Hermarsch die Mitglieder der Expedition nur an einzelnen Stellen, z. B. in der Makata-Ebene hatten obliegen können. Ich besuchte mehrere Häuptlinge der Wagogo und der Wahumba, deren Land von Ugogo durch den nördlich Mpapua's sich hinziehenden Höhenzug geschieden wird. Vom Kamm dieses Höhenzuges öffnet sich eine weite, herrliche Aussicht über die zu Füßen sich ausbreitende Massai-Ebene. Ebenso hatte ich Gelegenheit, das Land der Wahehe zu sehen, allerdings nur an der äußersten Grenze und auf einer Jagdreise.
Die Massai lebten zu jener Zeit im Kriege mit den Wahehe. Wie schon erwähnt, hatten letztere kurz vor der Ankunft der Expedition einen Überfall nicht nur in Usagara gemacht, sondern waren auch bis ins Land der Wahumba vorgedrungen, und es war ihnen durch ihr unerwartetes Auftreten gelungen, noch einige Viehherden der Massai zu erbeuten. Eines Tages, als ich von Kongua aus in ein Massaidorf kam, fand ich daselbst tausende von Massai-Kriegern, auch solche, die nicht zum Stamme der Wahumba gehörten, und die, wie sie erklärten, bis vom Kilimandscharo hergekommen waren, um mit vereinten Kräften gegen die Wahehe zu kämpfen. Es fanden denn auch in dieser Zeit sowohl in der Marenga Mkali, der westlich von Mpapua von Tschunio an sich mehrere Tagereisen ausdehnenden süßwasserlosen Steppe wie auch weiter südlich an der Grenze von Uhehe fast täglich zwischen den beiden Stämmen Gefechte statt.
Mit den Wagogo und Massai war es vollkommen gelungen, einen friedlichen Verkehr herbeizuführen. Ich besuchte ihre Häuptlinge, wie auch umgekehrt diese selbst von weit her mit Geschenken zur Station kamen und sich Schutzbriefe von mir ausbaten. Selbst der oberste Wahumba-Häuptling schickte eine Gesandtschaft und gab derselben ein Geschenk an Rindern mit, was sonst bei den Massais unerhört ist. Sie bringen es selten übers Herz, sich selbst von dem schlechtesten Stück Rindvieh zu trennen. Die Gesandtschaft befragte mich, wie ich über ihren Feldzug gegen die Wahehe dächte und ob ich geneigt sei, sie hierin zu unterstützen, ihnen eventuell von meiner Besatzung Leute mitzugeben. Ich konnte ihnen meinerseits zwar guten Erfolg zu ihrem gerechten Vergeltungskampf wünschen, hielt es aber für gut, jede Unterstützung abzulehnen. Es waren über die Werbungen Buschiris bei den Mafitis und Wahehe nur Gerüchte zu uns gedrungen, keineswegs aber konnten diese damals als feststehende Thatsachen angesehen werden. Zudem wurde unsere Besatzung notwendig zum Bau der Station gebraucht: wir mußten auf alles gefaßt sein und daher alle unsere Kräfte zusammenhalten, wie ja auch der Reichskommissar zur Vorsicht ermahnt hatte.
Ich stellte den Massai jedoch meine Hilfe in Aussicht, wenn die Wahehe in der Umgegend von Mpapua selbst aufträten oder wenn sie zu weit nach den Wahumba hin um sich griffen. Unser Verhältnis zu den Wahumba und den östlichen Wagogo war, wie aus dem Erwähnten hervorgeht, ein gutes und ist im allgemeinen auch ein solches geblieben, wenngleich einzelne Räubereien der Wahumba sowohl wie der Wagogo an der Karawanenstraße hier und da die Besatzung von Mpapua zum Einschreiten nötigten. Sehr schlecht dagegen haben sich, wie das nicht anders zu erwarten war, unsere Beziehungen zu den Wahehes gestaltet.
Neben der Ausbreitung des Ansehens der neuen, von Wißmann gegründeten Station, schritten auch die Befestigungs- und Bauarbeiten rüstig vorwärts, welche nach meiner Abreise vom Feldwebel Hoffmann weitergeführt und von Herrn von Bülow vollendet wurden. Hingegen ließ der Gesundheitszustand unter den Europäern wie den Farbigen der Station sehr viel zu wünschen übrig. Die Dyssenterie brach mit großem Heftigkeit unter uns aus. Der Unteroffizier Kröhnke war schon auf dem Marsche von dieser Krankheit befallen worden, wahrscheinlich angesteckt von dem Feldwebel Markgraf, mit dem er in einem Zelte zusammenlag. Bald nach ihm erkrankten einige Sudanesen und Zulus, und trotz aller Vorsichtsmaßregeln griff die Krankheit immer mehr und mehr um sich, vermutlich durch die Unmassen von Fliegen in dem viehreichen Mpapua weiter getragen. Endlich wurden auch Lieutenant von Medem und ich von der Krankheit ergriffen. Durch den Tod verloren wir, solange ich in Mpapua war, nur einen Farbigen, einige Wochen jedoch nach meinem Abmarsche erlag auch Lieutenant v. Medem der Krankheit, während Unteroffizier Kröhnke sich besserte. Indessen machten bald vielfache schwere Fieberanfälle auch seine Ablösung von Mpapua und seine Beförderung nach der Heimat notwendig. In Deutschland fiel er einem Herzschlage zum Opfer.
Während der ganzen Zeit der Epidemie standen uns die englischen Missionare in Kisogue opferbereit zur Seite, wie denn überhaupt das Verhältnis zwischen Mission und Militärstation ein sehr freundschaftliches war.
Der Reichskommissar hatte mir, wie erwähnt, den Befehl erteilt, die Ankunft der Expedition Stanley-Emin Pascha in Mpapua abzuwarten und dieselbe dann durch deutsches Gebiet an die Küste zu führen. Am Tage der Ankunft der Wißmannschen Expedition hatten Boten von Stanley Mpapua passiert, durch welche wir Kenntnis von seinem Herannahen erhielten. Wißmann selbst sandte durch die bereits mehrfach erwähnte Waniamuesi-Karawane, die ihren Weitermarsch nach der Heimat fortsetzte, einige Briefe mit, in denen er Emin Pascha und Stanley begrüßte und sie über die Vorkommnisse der letzten Zeit orientierte.
Etwa einen Monat später traf die Stanleysche Expedition, trotz einer ziemlichen Anzahl Kranker und Schwacher und des ziemlich wüsten Gesindels, welches aus der Äquatorialprovinz mitkam, gut geordnet und geschlossen vor der Station ein, bei einer so großen Karawane immer ein Zeichen, daß es der Führer verstanden hat, die Disziplin aufrecht zu erhalten. Sie bezog das gewöhnliche Karawanenlager, um eine große Sykomore herum, wo Stanley gelegentlich einer seiner früheren Expeditionen schon gelagert hatte. Die Karawane bestand aus 3 Kompagnien Wangwana zu je 60 Mann, etwa 80 Wangwana-Trägern und den aus Wadelai mitgezogenen Leuten des Pascha, welche fast alle Weiber, Kinder und Träger mit sich führten. Die letzteren waren mit allem möglichen, teilweise ganz wertlosen Hausgerät beladen und erinnerten uns lebhaft an die Eigenschaft unserer Sudanesen, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, mit sich zu schleppen. Im ganzen waren es noch etwa 600 Mann, trotz der großen Verluste, die die Karawane unterwegs erlitten hatte. Unter den Leuten des Pascha befand sich eine Anzahl ägyptischer Offiziere, Schreiber und Soldaten, ein griechischer Kaufmann, der sich früher in Wadelai etabliert hatte, und ein ebenfalls daselbst als Apotheker thätig gewesener tunesischer Jude. Die Weiber und Kinder, wie auch die meisten Offiziere ritten auf Eseln.
Die Europäer der Expedition waren folgende: Stanley mit seinen Offizieren, den Herren Lieutenant Stairs, Kapitän Nelson, Dr. Parke, Mr. Jephson, seinem, man kann sagen Proviantmeister, Mr. Bonny, und einem Diener, namens Hoffmann. Ferner zwei französische Missionare, Père Giraud, ein sehr liebenswürdiger Mann, welcher durch ein Augenleiden zur Rückkehr nach Europa genötigt war, und der ihm zur Begleitung mitgegebene Père Schynse, jener bekannte, bei den Deutschen allgemein beliebte, ganz deutsch denkende und fühlende Mann, der dem Werke der Zivilisation leider zu früh durch den Tod entrissen worden ist. Die beiden letzteren kamen von Bukumbi, ihrer Station am Südufer des Viktoriasees und waren in Ikungu zur Expedition Stanleys gestoßen, um unter ihrem Schutze weiter nach der Küste zu marschieren. Endlich waren bei der Expedition Emin und Casati, welcher dem Pascha während seines Aufenthaltes im Sudan treulich zur Seite gestanden hatte. Besonderes Interesse erregte die kleine Tochter, die Emin von seiner verstorbenen Frau, einer Abessinierin, hatte, namens Ferida, die damals etwa 6 Jahr alt war, und in der Karawane in einer Hängematte stets unmittelbar vor dem damals schon ganz kurzsichtigen Pascha einhergetragen wurde. Der Pascha hing mit großer Liebe an ihr und wollte sie immer vor sich sehen. Sie wurde von ihrer Gouvernante, einer ganz hübschen, stattlichen Ägypterin begleitet.
Stanley pflegte immer an der Spitze des Zuges zu marschieren, und so hatte ich denn zuerst Gelegenheit, ihn zu begrüßen. Er machte mich alsbald mit seinen Offizieren, sowie mit Emin und Casati bekannt. Unser spärliches Hausgerät auf der Station gestattete mir zunächst nur den Pascha und Stanley zum Essen zu mir zu laden. Eine Flasche Sekt, deren mir Wißmann mehrere für Krankheitsfälle und speziell zur Begrüßung Emins und Stanleys dagelassen hatte, wurde auf die glückliche Ankunft beider getrunken. Sie mundete ihnen ganz trefflich, da sie solche Erfrischungen lange hatten entbehren müssen. Im Verkehr zwischen dem Pascha und Stanley bemerkte ich bald den Gegensatz der beiden Männer, der, obwohl sie täglich öfter mit einander zusammenkommen mußten, eine rechte Ungezwungenheit, besonders von Seiten des Pascha, nicht aufkommen ließ. Dieser erzählte mir, wie herzlich er sich gefreut habe, als er durch Wißmanns Briefe Kenntnis von unseren Fortschritten erhalten, als er die deutsche Flagge auf der Station habe flattern sehen, und wie lebhaftes Vergnügen er jetzt empfinde, wieder mit Deutschen persönlich verkehren zu können. Er erzählte mir auch offenherzig von der Expedition Stanleys und dessen Absichten.
Bei der Wichtigkeit der Persönlichkeit Emins für uns und wegen seiner späteren Anteilnahme an den Arbeiten des Reichskommissariats erscheint ein kurzer Rückblick auf die Verhältnisse in der Äquatorialprovinz und die Stanleysche Expedition geboten.
Dreizehn Jahre hindurch hatte Emin Pascha ohne wesentliche Zuschüsse von der egyptischen Regierung zu erhalten, meist in friedlicher Arbeit die Geschicke des Landes geleitet und dasselbe der Kultur näher gebracht, bis in den letzten Jahren von 1887 an seine Position schwankend geworden war. Es wirkte hierzu besonders der Umstand mit, daß die ihm unterstellten egyptischen Soldaten, welche seit 5 Jahren den Sold von ihrer Regierung nicht erhalten hatten, und gerade in dieser Zeit die Grenzen der Äquatorialprovinz gegen die Scharen des Mahdi in fortwährenden Kämpfen verteidigten, allmählich eine begründete Unzufriedenheit zu zeigen begannen. Ebenso bestand nach Casatis Angabe eine weit verbreitete Unzufriedenheit unter den Offizieren gegenüber den Maßregeln des Gouverneurs. Die Unmöglichkeit, aus eigenen Mitteln und unter den sich steigernden Schwierigkeiten die Provinz zu halten, hatte Emin an die Hochherzigkeit der Engländer appellieren lassen. Dr. Felkin, dem Freunde Emins, war es gelungen, bei einer Reihe englischer Kapitalisten, besonders aber bei Sir William Mackinnon, dem Hauptaktionär der englisch-ostafrikanischen Gesellschaft, Interesse für Emin Pascha oder wohl richtiger für seine Äquatorialprovinz zu erwecken und eine Hilfsexpedition unter Stanleys Kommando ins Werk zu setzen.
Unter Mißachtung der Vorschläge von Schweinfurth und Junker sowie Thompson wählte Stanley bekanntlich die Congoroute. Alle die Nachteile, welche er von dem östlichen, von den genannten Afrikaforschern empfohlenen Wege befürchtet hatte, stellten sich bezüglich der Verpflegung der Karawane, des Gesundheitszustandes, der Desertion von Trägern, der Schwierigkeit des Weges und der Feindseligkeiten der Eingeborenen auf dem von ihm selbst gewählten Wege in weit höherem Maße ein. Im April 1888 erhielt Emin Pascha durch einen Brief Stanleys die erste Nachricht vom Anrücken der Hilfsexpedition, auf die er in der letzten Zeit sehnsüchtig gewartet hatte, und von der er eine Befestigung seiner Macht und Beruhigung der unzuverlässigen Elemente erwartete. Der Pascha faßte den Entschluß, mit Casati Stanley entgegenzuziehen und ihn an der Grenze der Äquatorialprovinz zu erwarten. Auf seinem Dampfer Khedive fuhr der Gouverneur über den Albertsee und in dem Stanleyschen Lager zu Cavalli fand die gegenseitige Begrüßung statt.
Der Pascha erkannte bald, daß durch die Ankunft der Expedition, von der er für sich und insbesondere für sein Verhältnis zu seinen Leuten so viel erwartet hatte, seine Lage wenig verändert wurde. Das Einzige, was der Provinz von Nutzen sein konnte, waren die mitgebrachten Remington-Patronen. Im übrigen litt die Hilfsexpedition selbst Mangel an allem und der Pascha war es, der mit den Vorräten seiner Provinz der englischen Expedition aushelfen mußte. Casati hatte Emin Pascha geraten, ohne Rückhalt zu Stanley über die Lage der Provinz und über die Zerwürfnisse, die zwischen dem Gouverneur und den Parteien eingetreten waren, zu sprechen, sowie seine Ohnmacht nach den Ereignissen der letzten Zeit einzugestehen. Emin hat indes wohl den Rat des Freundes nicht befolgt und es vermieden, sich mit der nötigen Offenheit Stanley anzuvertrauen, vielleicht um seinen Namen vor diesem Manne des ihn umgebenden Nimbus nicht zu entkleiden.
Da Stanley das Gros der Expedition mit den Hauptvorräten im Lager zu Jambuja am Aruwimi, außerdem eine große Anzahl von Kranken im Fort Bodo zurückgelassen hatte, schickte er sich nach verhältnismäßig kurzer Zeit an, wieder nach dem Aruwimi aufzubrechen, um die zurückgebliebenen Leute und Vorräte herbeizuschaffen. Während dieser Zeit sollte der Pascha diejenigen seiner Beamten und Soldaten, welche geneigt wären nach Egypten zurückzukehren, in Cavalli vereinigen, um hier Stanleys Ankunft zu erwarten und mit ihm aufzubrechen. Die Bitte des Pascha, mit ihm die verschiedenen Stationen seiner Provinz auf dem Dampfer Khedive zu besuchen, schlug Stanley ab mit der Begründung, daß er eilig nach Jambuja zurückkehren müsse. Sein Aufenthalt am See dauerte indes ungefähr 4 Wochen. Es ist zu bedauern, daß Stanley auf die Bitte Emins nicht eingegangen ist. Zweifellos wäre das persönliche Erscheinen Stanleys von einer ungleich größeren Wirkung auf die Truppe und die Bevölkerung gewesen. Stanley wäre in der Lage gewesen, die Truppen nicht nur durch die Macht seiner Persönlichkeit, sondern auch durch die bei ihm zur Meisterschaft ausgebildete Art zu verhandeln davon zu überzeugen, daß er im Auftrage ihres Souveräns des Khedive nach der Provinz gekommen sei, um sich mit eigenen Augen von der Lage der Sache zu überzeugen und entweder Hilfe in Gestalt von Munition zurückzulassen oder aber die Leute nach Egypten zu führen.
Wenn man nun Stanley auch nicht ohne weiteres die Verweigerung der Bitte Emins verübeln kann, — hatte er doch das eigentliche Gros der Expedition im Lager bei Jambuja zurückgelassen und fühlte sehr wohl selbst heraus, daß mit dem, was er dem Pascha mitgebracht hatte, gar nichts geleistet sei, — so ist es ebenso als verfehlt zu betrachten, wenn er später auf die wiederholte Bitte Emins, wenigstens einen seiner Offiziere zurückzulassen, Herrn Mounteney Jephson mit dieser Mission beantragte. Jephson hatte nur ganz oberflächliche Kenntnis von den Machtbefugnissen Stanleys, denn bei der Natur Stanleys, welche mit der Verantwortung auch gleichzeitig das Ende aller Fäden in Händen behalten wollte, war thatsächlich keiner seiner Offiziere mit dem ganzen Umfang der Stanleyschen Aufträge bekannt. Jephson war ferner nicht die Persönlichkeit, um selbständig auftreten oder bei irgend welchem Mißtrauen der Leute bindende Versicherungen geben zu können. Die Anwesenheit Jephsons trug zur Verbesserung der Lage der Truppen jedenfalls nicht bei.
Es ist außerordentlich schwierig, ein bestimmtes Urteil über das Verhältnis Emins zu seinen Truppen abzugeben. Alle darüber vorhandenen Veröffentlichungen Stanleys, Casatis, Jephsons lassen den inneren Zusammenhang nicht erkennen und erscheinen lediglich als persönliche Urteile der Verfasser. Emins Ansicht ging und geht auch heute noch dahin, daß durch die Art und Weise des Auftretens der Stanleyschen Expedition die Mißhelligkeiten zwischen ihm und seinen Truppen erst verursacht worden seien. Es ist wahrscheinlich, daß der Pascha sich hierin täuscht und daß Casatis Urteil der Wahrheit am nächsten kommt. Andererseits ist aber nicht zu verkennen, daß die großen Erwartungen, welche Emin selbst bei seinen Soldaten von der Stanleyschen Entsatz-Expedition erweckt hatte, durch das Erscheinen derselben in halb verhungertem und zerlumptem Zustande, sehr herabgemindert wurden, ja daß sogar ein begreifliches Mißtrauen bei den Leuten entstand. Der Umstand, daß Stanley und seine Begleiter Engländer waren, konnte die üble Wirkung auf die Truppe nicht hervorgebracht haben, — war doch Gordon und andere Gouverneure im Sudan durch den Khedive selbst eingesetzt worden. Der ganze Aufstand der Eminschen Truppen macht den Eindruck einer Militärrevolte, welche durch Intriguen sich benachteiligt glaubender Offiziere in Szene gesetzt wurde. Auch der Casatische Bericht läßt dies erkennen; in demselben findet man sogar an eigentlichen inneren Gründen überall nur persönliche Mißgriffe angegeben, welche Emin den Offizieren gegenüber begangen haben soll. In der That herrschte unter einem großen Teil der Leute des Pascha eine bittere Stimmung gegen ihn.
Von einer ganz besonderen Wichtigkeit für uns Deutsche ist das Verhalten Emins Stanley und seinen Anerbietungen gegenüber. Stanley und seine Offiziere versuchten zwar nach ihrer Ankunft am Albertsee und auch später auf dem ganzen Marsche beim Pascha den Glauben zu nähren, als ob die Expedition lediglich aus humanitären Rücksichten seinetwegen und für die mit ihm von Egypten abgeschnittenen Beamten und Truppen unternommen worden sei. Niemand wird bestreiten, daß viele, ja die meisten Mitglieder des englischen Emin Pascha-Entsatz-Komitees von rein humanitären Rücksichten geleitet wurden. Aber es gab in diesem Comité doch eine Reihe von Namen, deren Träger zu eng mit afrikanischen Interessen verknüpft waren, um nicht gewisse praktische Nebenabsichten, sei es auf die Person Emins, sei es auf seine Provinz oder auch auf beides zusammen, vermuten zu lassen. Es sind dies die Mitglieder der englisch ostafrikanischen Gesellschaft, denen ein Mann wie Emin und eine Provinz wie die seine notwendig als höchst begehrenswerte Ziele erscheinen mußten.
In der That wird diese Absicht einer Gebietserweiterung der englisch-ostafrikanischen Gesellschaft durch die dem Pascha von Stanley gemachten Anerbietungen bestätigt. Stanley hatte nach seinem eigenen Bericht und nach der Erzählung Emins diesem drei Vorschläge zu machen. Der erste derselben war, — dem vom Khedive erhaltenen Auftrage gemäß, — die Provinz aufzugeben, mit dem Teil der Offiziere, Soldaten und Beamten und ihren Familien, welche die Rückkehr nach Egypten wünschten, unter Führung Stanleys aufzubrechen und diesem nach Egypten zu folgen.
Das zweite Anerbieten machte Stanley im Namen des Königs der Belgier. Emin sollte, falls er es vorzöge, in seiner Provinz zu bleiben, seine Dienste dem Kongostaat widmen und sein Land als Vorposten dieses Staates gegen den Sudan halten. Als Verwaltungskosten wollte der Kongostaat hierfür jährlich circa 240000 Mark aufwenden. Dem Pascha, welchem die Stellung eines Generalgouverneurs mit dem Range eines belgischen Generals angeboten wurde, wurde ein Jahresgehalt von 1500 Pfd. St. ausgesetzt.
Das dritte Anerbieten, von dem Stanley allerdings behauptete, daß er zu demselben nicht direkt ermächtigt sei, sondern daß er es nur mache in der Absicht, dem Pascha zu helfen und in der zuversichtlichen Erwartung, daß seine Abmachungen vom Comité und der englisch-ostafrikanischen Gesellschaft genehmigt würden, zielte auf folgendes ab: Wenn die Soldaten sich weigern sollten, nach Egypten zurückzukehren, so sollte Emin die zuverlässigsten unter ihnen nach der Nordost-Ecke des Viktoria-Nyanza führen und dort eine feste Station für die englisch-ostafrikanische Gesellschaft begründen. Stanley würde mit seiner Expedition selbst die Station vollenden helfen, die Munition und mitgenommenen Vorräte dorthin bringen lassen und erst dann mit seiner Hilfsexpedition den Pascha verlassen, wenn dessen Stellung eine gesicherte sei. Der Pascha sollte ein gutes Jahresgehalt von der Gesellschaft beziehen und als Gouverneur das Netz der Stationen vom Viktoriasee nach Mombassa hin vorschieben, während andererseits der Vertreter zu Mombassa durch Vordringen von der Küste aus dem Pascha in die Hände arbeiten würde.
Die Lage Emins diesen Vorschlägen gegenüber war keine leichte. Seine Hoffnungen auf genügende Unterstützung durch die Stanleysche Expedition waren zerstört, ein Verbleiben in der Provinz mit den vorhandenen Kräften legte nach dem Ferman des Khedive dem Pascha allein alle Verantwortung für jetzt und die Zukunft auf die Schultern, die Disziplin der Truppen, ohnehin erschüttert, war durch das Erscheinen der Stanleyleute in ihrem kläglichen Zustande noch mehr in Frage gestellt.
Wenn ein Teil der Truppen geneigt schien, dem Schreiben des Khedive Glauben zu schenken und mit Stanley abzuziehen, so standen diesen mindestens ebensoviel Stimmen gegenüber, welche von Verrath, Verkauf an England u. dergl. mehr sprachen. Immer aber blieb die Verantwortung allein dem Pascha überlassen. Es kann nicht Wunder nehmen, wenn unter solchen Verhältnissen eine definitive, einheitliche Entscheidung unmöglich schien, wenn eine anscheinend unverhältnismäßige Zeit im Parlamentieren verstrich. Dem Pascha kann man daher auch nicht ganz Unrecht geben, wenn er den Ausbruch der bekannten Militärrebellion lediglich auf diesen Zwiespalt der Meinungen innerhalb seiner Truppen zurückführt, da er eben eine Macht auf dieselben nicht mehr hatte. Der weitere Verlauf ist bekannt.
Ende Januar 1889 kamen Boten von Stanley an mit der Nachricht seiner Ankunft am Südwestufer des Albert Nyanza. In den Briefen an den Pascha und Jephson machte Stanley insbesondere Jephson heftige Vorwürfe, daß dieser weder allein noch mit Emin nach Cavalli gekommen sei, um dort von der endgültigen Entscheidung Emins Mitteilung zu machen, wie auch, daß jener nicht, wie verabredet, Soldaten und Lebensmittel für den Küstenmarsch in Cavalli vereinigt habe. In Anbetracht der Verhältnisse wie der inzwischen erfolgten Gefangennahme waren diese Vorwürfe natürlich durchaus unbegründet, da dem Pascha jede Aktionsfreiheit genommen war und ihm wohl nicht die Möglichkeit offen stand, willkürlich seinen Aufenthaltsort von Tunguru nach Cavalli zu verlegen.
Alles, was die Stanleysche Expedition dem Pascha jetzt zuführen konnte, waren 30 Kisten Remington-Patronen und ein großer Teil egyptischer, durch den Transport schlecht gewordener Uniformen. Die Lage der Äquatorialprovinz war natürlich hierdurch um nichts geändert.
Nachdem Stanley Kenntnis von den Vorfällen in der Provinz während der Zeit seiner Abwesenheit erhalten hatte, wäre es, so ist häufig behauptet worden, seine Pflicht gewesen, Emin Pascha in seiner Provinz aufzusuchen und hätte er sich nicht darauf beschränken dürfen, Jephson den Befehl zu schicken, ins Lager der Hilfsexpedition zu kommen, und dem Pascha anheimzugeben, falls er nach Egypten zurückkehren wolle, mit den ihm gleich Gesinnten in spätestens 20 Tagen nach Cavalli zu marschieren. Ob Stanley richtig gehandelt hat oder nicht, ist schwer zu entscheiden. Es ist sehr wohl möglich, daß wenn er nach den andern Stationen der Provinz geeilt wäre, sich durch das Erscheinen seiner Expedition bei der Unzuverlässigkeit und der offenen Feindseligkeit vieler Offiziere die Lage noch verworrener gestaltet hätte, als sie ohnehin schon war.
Ein Teil der Aufständischen in der Provinz, namentlich der Egypter, welche die Absicht hatten, in ihre Heimat zurückzukehren, wandte sich jetzt an den Pascha mit der Bitte, zwischen ihnen und Stanley zu vermitteln. Infolgedessen wurden die zur Rückkehr bereiten Mannschaften im Stanleyschen Lager vereinigt.
Der Tag des Abmarsches wurde endlich nach vielem Hin- und Herdebattieren endgültig auf den 10. April 1889 festgesetzt und so befand sich Emin in dem moralischen Zwange, entweder Stanley unbedingt zu folgen mit einem Teil seiner Leute oder aber hier zu bleiben und dadurch dem andern Teil gegenüber wortbrüchig zu erscheinen.
Der Pascha empfand diese Zwangslage sehr bitter, und es erschien ihm persönlich trotz der Rebellion gegen ihn als eine Untreue gegen die Zurückbleibenden, wenn er Stanleys Vorschlag annahm. Er entschied sich erst, als das fast einstimmige Urteil der Europäer und seiner um ihn versammelten Offiziere ihn über seine Gewissensbisse beruhigte. Der Einzige, welcher jetzt gegen den Entschluß des Aufbruchs sich aussprach, war Casati. Die Gründe aber, die er selbst in seinem Buch angiebt, können nicht als stichhaltige anerkannt werden.
So brach denn nun am 10. April die Expedition auf. Von Seiten des Pascha kamen hinzu 182 Männer und 369 Frauen und Kinder, die nach Egypten zurückkehrten und insgesamt 397 Lasten mit sich führten. Eine größere Anzahl von Trägern war aus der Äquatorialprovinz gestellt. —
Nach dieser notwendigen Abschweifung wenden wir uns wieder nach Mpapua zurück.
Es wurde bereits unserer Dyssenteriekranken zu Mpapua Erwähnung gethan. Die Ankunft der Stanleyschen Expedition brachte uns Gelegenheit, die schwer erkrankten Patienten, besonders den Lieutenant v. Medem und den Unteroffizier Kröhnke sachverständiger zu behandeln, als es bis dahin hatte geschehen können.
Emin Pascha und Dr. Parke nahmen sich sofort in der hilfsbereitesten Weise der Kranken an. Der Pascha, dessen erster Gang gleich dem gerade damals in der bedenklichsten Weise kranken von Medem galt, traf persönlich alle Anordnungen und belehrte mich und besonders den in Mpapua zurückbleibenden Feldwebel Hoffmann über die richtige Behandlung der Dyssenterie. Unsere eigene Methode war ebenso, wie die der englischen Missionare, eine ganz verkehrte gewesen. Wir hatten das Hauptmittel gegen diese Krankheit, Ipecacuana, in großen statt in kleinen Dosen angewandt, so daß es nicht als Stopfmittel, sondern als Brechmittel wirkte, wie es unter Umständen beim Fieber angewandt wird.
Es ist besonders anzuerkennen, daß Stanley sofort und gern sich bereit erklärte, den Weitermarsch seiner Expedition im Interesse der gefährlich erkrankten Deutschen der Station so lange aufzuschieben, bis eine merkliche Besserung in dem Befinden derselben eingetreten und begründete Aussicht auf vollkommene Genesung der Patienten vorhanden sei.
Beim Aufbruch der Expedition war Lieutenant von Medem bedeutend gestärkt und auf dem Wege der Besserung, Kröhnke konnte bereits ausgehen und der Verfasser, der am leichtesten erkrankt war, war vollkommen marschfähig.
Allerdings bekam ich unterwegs noch einen Rückfall, von dem mich aber ein vom Pascha und den französischen Missionaren empfohlenes Radikalmittel, zweimalige Anwendung eines Klystirs von Karbollösung (15 Tropfen Karbolsäure auf 1/2 l Wasser) schnell und vollkommen wieder herstellte.
Leider bekam auch von Medem etwa 14 Tage später, nachdem er bis dahin in erfreulicher Besserung gewesen war, einen Rückfall. Die angewandten Mittel halfen nichts mehr, und er erlag der Krankheit, im Innern Afrikas das erste Opfer unter den Europäern der Wißmannschen Schutztruppe. Diese hatte in ihm einen verdienten energischen Offizier und das Offizierkorps derselben einen der besten Kameraden zu betrauern.
Während der Rasttage der Expedition zu Mpapua standen alle europäischen Mitglieder derselben, gleichviel ob Engländer, Italiener, Franzosen oder Deutsche, in ungezwungenstem geselligen Verkehr mit der Station. Wir boten ihnen Gelegenheit, sich die Station, die Soldaten beim Exerzieren, bei ihren Nationaltänzen, bei der Arbeit u. s. w. anzusehen und ernteten einstimmiges Lob.
Am 13. November früh fand der Aufbruch von Mpapua zur Küste statt. Da es mir oblag, die Expedition durch das deutsche Gebiet nach der Küste zu führen, in der Vertretung des Reichskommissars die Interessen der Eingeborenen, unserer Schützlinge, im Auge zu haben und gleichzeitig der Expedition Stanleys auf jede mögliche Weise Vorschub zu leisten, so brach ich mit zehn Sudanesen und drei Trägern für mein Gepäck, Zelt, Kochgeschirr u. s. w., an der Tête der ganzen Kolonne, selbstverständlich unter deutscher Flagge, auf und behielt folgende Marschordnung bis zur Küste bei. Hinter meinen Leuten folgte in der Regel Casati, der mich, nachdem er in Mpapua in freundschaftlichen Verkehr mit mir getreten war, gebeten hatte, vorn bei meiner Expedition marschieren und der deutschen Flagge als der Flagge einer befreundeten Nation folgen zu dürfen. Hinter diesem fanden sich dann in der Regel einige Weiber aus der Karawane der Eminschen Offiziere und Beamten ein, darunter einige wirklich hübsche, ziemlich hellfarbige Gesichter. Dann folgte die kleine Karawane der französischen Missionare, hierauf Stanley mit Emin und seiner Expedition in der früher bereits erwähnten, von ihm gewöhnlich befolgten Marschordnung. Später schlossen sich dann mir von Usagara an in jedem Dorfe noch eine Menge Eingeborene an, da der Weg damals noch nicht als ganz sicher nach der Küste galt und sie die Macht der nach Bagamoyo rückenden Expedition zu ihrem eigenen Schutze benutzen wollten. Diese kleinen, von den verschiedenen Dörfern Usagaras und Ukamis mitziehenden Karawanen, die sämtlich kleine deutsche Karawanenflaggen mit sich führten, verstärkten die Expedition im ganzen um über 1200 Mann.
Wie in Mpapua, so gestaltete sich auch auf der Expedition der Verkehr mit den Europäern zu einem äußerst angenehmen, besonders auch mit Stanley, der gegen den Verfasser stets die größte Liebenswürdigkeit zeigte und der auch stets der besten Laune war. Der Verkehr mit ihm bot sehr viel Anregendes, da Stanley stets in seiner lebhaften Weise vieles aus dem reichen Schatz seiner Erfahrungen über seine Reisen zum Besten gab. Über seine Offiziere, die ihn während des letzten Zuges zur Befreiung Emins begleitet und mit ihm Afrika durchquert hatten, äußerte sich Stanley wiederholt zum Verfasser aus freien Stücken auf das anerkennendste. Manche Schwierigkeiten, die während des Marsches durch Reibereien der Sansibariten Stanleys mit den Eingeborenen oder den Sudanesen entstanden, wurden stets durch die Intervention Stanleys und des Verfassers beigelegt und kann auch in dieser Beziehung das Entgegenkommen Stanleys nur anerkannt werden. Verfasser sieht sich veranlaßt, bei den sonstigen in dieser Beziehung vielfach erhobenen Vorwürfen gegen Stanley gerade dieses hervorzuheben.
Dem deutschen Offizier mußte während dieser Expedition die Thatsache besonders auffallen, daß jeder der englischen Offiziere auf dem Marsche seinen eigenen Haushalt führte. Jeder einzelne ließ für sich allein kochen und aß allein, während es bei uns als selbstverständlich gilt, daß das Leben und die Mahlzeiten nach Möglichkeit gemeinsam geführt werden und der einzelne sich der Allgemeinheit unterordnet. Daß der Pascha allein für sich lebte, da seine Mahlzeiten in türkischer Weise bereitet wurden und er auch für seine Tochter zu sorgen hatte, daß ebenso die französischen Missionare und Casati für sich lebten, war ja eher verständlich. Indessen wurde die Geselligkeit dadurch erhöht, daß wir uns auf dem Marsche häufig gegenseitig zu den Mahlzeiten einluden und jeder das, was er hatte, gern mit den andern teilte. Auch wurden teils von Stanley, teils von mir, besonders nachdem wir Proviant und Getränke von der Küste erhalten hatten, gemeinsame Mahlzeiten arrangiert, bei denen wir, die Vertreter verschiedenartiger Nationen, auf das geselligste verkehrten.
Einer der angenehmsten Gesellschafter, desgleichen zweifellos eine der hervorragendsten Persönlichkeiten unserer Karawane war der nun verstorbene Pater Schynse. Von hohem Wuchs, angenehmem, sanftem und gewinnendem Gesichtsausdruck merkte man ihm, sobald er zu sprechen anfing, an, daß man es mit einem Manne von unbeugsamer Energie, schnellem Entschluß und großer Thatkraft zu thun hatte. Man konnte meinen, man hätte einen jener alten Mönche vor sich, welche, ohne im Glaubenseifer erstarrt zu sein, die Kulturträger in allen Staaten Europas gebildet haben. Solcher Gestalten trifft man viele in Ostafrika. Der alte Père Étienne in Bagamoyo, der Bruder Oskar, der Père Delpèche, der Pater Bonifacius sind Männer, welche niemand vergessen wird, der je zu ihnen in Beziehung trat. Bei allen begegnete man gleichmäßig einem tiefen Verständnis für Land und Leute, sowie für die politischen Verhältnisse. Alle zeichneten sich durch gleiche Offenheit und Ehrlichkeit in Bezug auf die von ihnen erreichten oder erstrebten Erfolge aus, wenn das Gespräch darauf kam. Nie fielen sie jemandem durch ihre Religionsübungen lästig. Daß der eine oder andere, wie besonders der Bischof Monseigneur de Courmont und der Pater Schynse durch ihre geistigen Eigenschaften hervorragten, verlieh dem Verkehr mit ihnen besonderen Reiz. Dabei waren die meisten dem geselligen Leben und körperlichen Uebungen sehr zugethan; einzelne unter ihnen zeichneten sich durch besondere Passion für das edle Waidwerk aus, wie Schynse und Bruder Oskar, deren Büchse manches Wild in Afrika zum Opfer fiel.
Unser erster Marsch führte uns, nachdem wir die östlichen Hügelketten von Ugogo passiert hatten und auf der andern Seite in das Thal von Tubugue hinabgestiegen waren, zu dem gleichnamigen Dorfe der wohlbewässerten Landschaft. Dort angekommen, suchte der Verfasser einen Lagerplatz für die gesamte Expedition aus, ebenso Plätze für die Zelte Emins, Stanleys, Casatis, der englischen Offiziere, der französischen Missionare, für unsere Soldaten, die Kompagnien Stanleys, die Träger und die Lasten. Stanley selbst erklärte sich, nachdem eine prinzipielle Einigung über die Dauer der täglichen Märsche erzielt worden, von vornherein mit allen speziell von mir getroffenen Anordnungen einverstanden. Er hatte ursprünglich eine Vorliebe für die Mamboia-Route gehabt, hatte aber den Vorstellungen des Verfassers, der die zwar etwas längere Straße über Kondoa wegen der hier leichteren Ernährung der großen Karawane empfahl, nachgegeben. Der Gabelpunkt der beiden Straßen, der Mamboia- und der Kondoa-Route, war bereits am ersten Marschtage dicht bei Tubugue passiert. Es erfolgte Tags darauf der Weitermarsch nach Dambi.
Das hier bezogene Lager, an einem Waldbächlein unter schattigen Bäumen wildromantisch gelegen, gefiel Stanley so gut, daß er den Pater Schynse bat, von demselben zur Erinnerung für ihn und die Expeditionsmitglieder eine Photographie aufzunehmen. Er bat den Pascha und mich, mit ihm in die Mitte zu treten, um uns herum gruppierten sich die übrigen Europäer. Leider erwies sich die Platte als zu alt und feucht, um eine gute Photographie hervorzurufen. Besser fiel ein später in Msua von Schynse gemachter Versuch aus, der den Mitgliedern der Expedition eine lebendige Erinnerung an jene interessante Zeit darbot.
In den nächsten Tagen wurden die hohen, dem Mukondogua-Thal vorgelagerten Usagara-Berge passiert und dann das Mukondogua-Thal erreicht. Von diesem Thale ab begann wieder ein durchaus friedlicher Verkehr mit der Bevölkerung des Landes, die sich von nun an stets sehr zutraulich erwies und zunächst durch Abgesandte mit dem Verfasser in Verbindung trat. Die Jumbes kamen uns meist schon unterwegs entgegen, zeigten ihre Schutzbriefe vor, hißten in den Ortschaften die deutsche Flagge und fragten nach unseren Anordnungen. Die Verpflegung der großen Karawane geschah auf diese Weise ohne Schwierigkeiten und die Eingeborenen bezeigten ihren guten Willen noch dadurch, daß sie den Europäern überall Erfrischungen, in Gestalt des Pombe, des einheimischen Bieres aus Hirse anboten.
Im Mukondogua-Thal, das wir gerade in der schönsten Zeit passierten, als die alljährlichen Grasbrände vorüber waren und die Landschaft im jungen Grün erblühte, äußerte Stanley seine Befriedigung darüber, daß er sich auf seiner ersten Reise in seinem Werk so günstig über die Fruchtbarkeit Usagaras ausgesprochen habe. Allerdings nimmt dieselbe abseits von den Flußthälern bedeutend ab, und es ist hier in den Bergen nicht überall lohnender Boden zum Anbau von wertvollen Produkten zu finden.
In Muinisagara wurde ein Rasttag von den französischen Missionaren dazu benutzt, einen Besuch in Longa, einer Station der katholischen Mission vom heiligen Geist zu machen. Die dortigen Brüder sandten uns in ihrer gastfreien Weise Gemüse aus ihrem Garten und einiges von dem wenigen, was sie sonst hatten, wie Wein und Brot.
Hinter Kondoa verließen wir den Lauf des Mukondogua und traten in die Makata-Ebene ein, wo wir mehrere Flüsse, zunächst den Makatafluß, den Wiansibach und den Gerengere passierten. Der Verfasser persönlich hatte Gelegenheit auf dem Marsche in diesem wildreichen Thale eine größere Anzahl großer und kleiner Antilopen, darunter eine Elenantilope, zur Strecke zu bringen. — Stanley erzählte bei dieser Gelegenheit, daß, als Verfasser dicht bei Udewa hinter einander mit seiner Doppelbüchse von einem Fleck aus 5 Swala-Antilopen niedergestreckt hatte, ihm seine Leute gesagt hätten, wenn von den Deutschen immer so geschossen würde, dann würden von Buschiris Rebellen bald nur wenige noch übrig sein. In Makata erreichte uns eine große bereits vorher angekündigte Proviantkarawane, welche der Reichskommissar mir besonders für Emin Pascha, Stanley und die Expedition gesandt hatte, so daß von da an bis zur Küste, namentlich da auch Stanley mehrere Tage später von seinem englischen Comité noch viel Proviant erhielt, geradezu Üppigkeit und Überfluß bei uns herrschten.
Nachdem wir dann noch in Morogro die dortige französische Missionsstation zu besuchen Gelegenheit hatten, ging es über die Berge von Ukami nach Msua. Dort trafen wir die Expedition des Freiherrn von Gravenreuth, der von Wißmann zur Bestrafung der rebellischen Ortschaften auf einige Wochen ins Innere geschickt worden war und zugleich den Auftrag hatte, wenn er sie treffen sollte, die Stanleysche Expedition willkommen zu heißen und Grüße vom Reichskommissar zu übermitteln. Das Wiedersehen wurde bei einer gemeinsamen Tafel gefeiert, bei welcher uns die vorher von Wißmann geschickten Vorräte trefflich zu statten kamen.
Der Gravenreuthschen Karawane hatten sich mit seiner Erlaubnis zwei amerikanische Reporter, darunter auch der vom Newyork-Herald, Visitelli, angeschlossen, welche seit geraumer Zeit in Sansibar auf die Ankunft Stanleys und Emins lauerten und sich gegenseitig das Leben sauer machten. Noch an demselben Tage gingen Boten mit langen Telegrammen über die Expedition nach der Küste ab, und der Draht trug die Nachricht über die ganze zivilisierte Erde.
Während Gravenreuth dann weiter nach Westen zog, folgten natürlich die Reporter mir und der Expedition und es wurden ihnen in den nächsten Tagen auch immer wieder Boten zur Verfügung gestellt, um ihre Zeitungen mit Nachrichten über die Weiterbewegung der Expedition zu versehen. Visitelli selbst hatte vom Reichskommissar die Erlaubnis erhalten, die amerikanische Flagge zu Ehren Stanleys bei der Begrüßung in der Expedition mitzuführen. Im übrigen vermehrte er die Zahl der angenehmen Gesellschafter in der Expedition, denn er verband mit einer rührenden Anhänglichkeit an anregende Getränke eine vorzügliche Laune.
Am 4. Dezember Vormittags kamen wir am Kingani an, bis wohin uns der Reichskommissar persönlich entgegen geritten war. Hier erfuhren wir von ihm selbst seine inzwischen erfolgte Beförderung zum Major. Auf den von Wißmann mitgebrachten Pferden und Maultieren ritten sodann dieser selbst, Emin Pascha, Stanley, Casati und der Verfasser der Expedition voraus nach Bagamoyo, während die französischen Missionare nachfolgten und Lieutenant Stairs die Stanleysche Expedition am Nachmittage nach Bagamoyo hineinführte.
Die Station war für den Empfang der Gäste festlich geschmückt, und Salutschüsse aus ihren Geschützen wie den auf der Rhede liegenden Kriegsschiffen begrüßten die Reisenden. Der Korvettenkapitän Voß, damals der älteste Kommandant der in Ostafrika stationierten Kriegsschiffe, kam im Auftrage S. M. des deutschen Kaisers, um Stanley und Emin zu beglückwünschen. Auch die Engländer hatten zu dem gleichen Zwecke ein Kriegsschiff und eine Deputation vom Generalkonsulat entsandt.
In den Räumen des sogenannten Ratuhauses, welches als Messe hergerichtet war, wurde das Frühstück serviert, dem besonders von uns eifrig zugesprochen wurde. Emin selbst machte seinen Studentenjahren alle Ehre; er zeigte sich über den ihm zu Teil gewordenen Empfang und das so lange entbehrte Zusammensein mit den Deutschen, die mit Stolz auf ihn blickten, sehr erfreut. Die Verehrung und Begeisterung, welche ihm von allen Seiten entgegengetragen wurden, seine Zuvorkommenheit und sein Bestreben, jedem freundlich Rede zu stehen, läßt es nicht Wunder nehmen, daß der Pascha bis zu dem um 6 Uhr beginnenden Diner, das den Reisenden zu Ehren vom Reichskommissar gegeben wurde, wacker durchhielt.
Der Verlauf dieses Festessens und sein trauriger Abschluß ist ja bekannt.
Obwohl dem Sekt reichlich zugesprochen wurde und die Wogen der Begeisterung hoch genug gingen, war doch von irgend einem Übermaß nichts zu bemerken. Auch bei Emin war, wenn er sich auch natürlich durch die genossenen Getränke und die Aufregung des Tages so zu sagen in etwas vorgerückter Stimmung befand, von Trunkenheit, wie man wohl angenommen hat, keine Rede. Nach Aufhebung der Tafel begab er sich, um auszuruhen, in ein neben der Messe gelegenes Zimmer. Als er dieses bald darauf wieder verlassen wollte, sah er bei seinem schwachen Augenlicht ein Fenster mit sehr niedriger Brüstung für die offene Thür an, stolperte über die Brüstung und stürzte hinaus. Nur dem Umstande, daß er zunächst auf ein Wellblechdach fiel und dann erst auf die harte Erde, wie seiner guten Natur und der überaus sorgsamen Pflege, die ihm zu Teil wurde, ist es zuzuschreiben, daß sein Leben erhalten blieb.
Major Wißmann, Stanley mit seinen Offizieren, Casati und ich saßen noch an der Tafel zusammen, als ein Neger heraufkam und uns die Mitteilung machte, daß ein Europäer unter jenem Fenster blutüberströmt auf der Straße in bewußtlosem Zustande gelegen habe, und daß die Eingeborenen eben im Begriff seien, ihn nach dem Lazarett zu bringen; er glaube, der Verunglückte sei der Pascha. Wißmann, Stanley und ich brachen natürlich sofort auf und kamen gerade im Lazarett an, als Dr. Brehme, der Stationsarzt von Bagamoyo, der eben von einer Revision der Wachen zurückgekehrt war, mit Schwester Auguste Herzer und Fräulein von Borcke dabei war, den Pascha zu untersuchen. Er gab uns wenig Hoffnung. Am nächsten Tage berieten gemeinsam die anwesenden Ärzte über die Behandlung des Schwerverletzten; es waren dies außer Dr. Brehme der Assistenzarzt Dr. Lotsch von S. M. S. »Sperber« und Dr. Parke von der Stanleyschen Expedition. Die Ansicht der deutschen Ärzte ging dahin, daß ein Bruch der Schädelbasis vorliege und im großen und ganzen die Aussicht, Emin am Leben zu erhalten, eine ziemlich geringe sei, während Dr. Parke die Verletzungen für weniger schwer und für nur äußerlich erklärte.
Es erscheint, wie dem Verfasser von Ärzten mitgeteilt wurde, ganz unverständlich, wie Dr. Parke sich gegenüber den klar hervortretenden Symptomen seine Ansicht hat bilden können. Der Blutausfluß aus dem Ohre, die mehrtägige Bewußtlosigkeit, endlich Lähmungserscheinungen im Gesicht sprachen mit so großer Deutlichkeit, daß die Diagnose des Hospitalarztes Dr. Brehme unumstößlich feststand. Es griff die Annahme Platz, daß politische Momente für Stanley maßgebend waren, den Transport Emins nach Sansibar auf jede Gefahr hin möglich erklären zu lassen. Der gesamte spätere Heilungsverlauf bestätigte die deutsche Diagnose, obwohl die Heilung selbst mit einer die deutschen Ärzte überraschenden Schnelligkeit vor sich ging. Sie ist wesentlich dem Umstande zuzuschreiben, daß infolge des Vorschlags der Ärzte auf Anordnung Wißmanns einer der kleinen Dampfer des Reichskommissariats täglich von Sansibar nach Bagamoyo Eis für den Kranken brachte. Von einer Übersiedelung desselben nach Sansibar, die Stanley wünschte und Dr. Parke auf Grund seiner optimistischen Ansicht für möglich erklärte, wurde Abstand genommen, da sich die deutschen Ärzte entschieden dagegen aussprachen.
Am zweiten Tage nach dem Unfall wurde die Stanleysche Expedition nach Sansibar übergeführt, und zwar Stanley mit seinen Leuten auf den deutschen Kriegsschiffen »Sperber« und »Schwalbe«, die Leute des Pascha auf englischen Schiffen. Casati zog es vor, bei seinem alten Freunde und Leidensgenossen in Bagamoyo zu bleiben und siedelte erst später nach Sansibar über, als der Zustand Emins keinen Anlaß mehr zu Befürchtungen bot.
Emin Pascha, mit welchem ich naturgemäß während des Marsches zur Küste in engere Beziehungen getreten war, hatte gewünscht, mich in Bagamoyo in seiner Nähe zu behalten und so übertrug mir bis auf weiteres der Kommandant die bisher von Gravenreuth verwaltete Stellung des Distriktschefs im Küstenbereich von Bagamoyo, welche wegen Gravenreuths Abmarsch ins Innere unbesetzt war. Dieselbe umfaßte die Stationen Bagamoyo unter Hauptmann Richelmann und Daressalam unter Chef Leue.
Die deutschen Ärzte forderten, daß alle äußeren Einwirkungen nach Möglichkeit vom Pascha ferngehalten werden sollten, auch Besucher, die vielleicht auf seine Zukunft bestimmend einzuwirken versuchen und ihn so erregen könnten. Eine Einigung mit Dr. Parke war nicht zu erzielen. Da indes die deutschen Ärzte die Majorität hatten, und im Grunde doch Dr. Brehme als Chefarzt des Lazaretts die Hauptverantwortung trug, beschloß ich, nach ihrem Dafürhalten zu handeln und ordnete an, daß die von Dr. Brehme und Dr. Lotsch getroffenen Maßregeln aufs strikteste innegehalten würden, und der Pascha nur Besuche empfangen dürfe, welche der Chefarzt für zuträglich hielt. Als nach einigen Tagen Emin zum Bewußtsein kam und sein Zustand eine, wenn auch langsame Wendung zum Besseren nahm, erklärte er sich selbst hiermit vollkommen einverstanden. Speziell wurde der englische Generalkonsul Sir Evan Smith, welcher mit seiner Gemahlin dem Pascha im Lazarett die Aufmerksamkeit eines Besuches erweisen wollte, von Wißmann, dem ich über meine Anordnungen nach Sansibar berichtete, und der persönlich oft nach Bagamoyo kam, um sich des Pascha in jeder Weise anzunehmen, bewogen, von seinem Vorhaben Abstand zu nehmen. Erst etwa vierzehn Tage nach dem Unfall wurde im Beisein Wißmanns und der Ärzte, sowie in meiner Gegenwart dem Generalvertreter der englisch-ostafrikanischen Gesellschaft, Mackenzie, wie einigen Offizieren Stanleys und dem Kapitän eines zur Abholung Emins und der Sudanesen vom Khedive geschickten egyptischen Dampfers gestattet, den Pascha auf einige Minuten zu besuchen, wobei jedoch politische Erörterungen, die wohl besonders von Mackenzie beabsichtigt waren, unterbleiben mußten.