10. Kapitel.
Die Stationen und der Dienst auf denselben.

Bedeutung Bagamoyos und der indischen Kaufleute. — Negerbevölkerung. — Station Bagamoyo. — Posten bei Mtoni. — Sicherung der Karawanenstraße durch die Station Mpapua. — Kleinere Posten. — Besetzung der Stationen. — Bauten. — Armierung. — Der Stationsdienst. — Machtbereich der Stationschefs. — Regelung des Karawanenverkehrs. — Viehankäufe. — Dienst der Gruppen auf den Stationen. — Die Rechtsprechung. — Verwendung der Walis und Akidas. — Verwendung mächtiger Häuptlinge im Innern. — Die deutschen Unteroffiziere.

Wir haben schon bei der Entwickelung der Geschichte des Aufstandes der Gründung einzelner Stationen Erwähnung gethan. Um ein richtiges Bild von der außerordentlichen Thätigkeit, welche hierbei seitens aller Angehörigen des Kommissariats entfaltet werden mußte, zu geben, um ferner den Plan Wißmanns zu verstehen, die Küste nicht nur wiederzuerobern, sondern ein für allemal militärisch und handelspolitisch zu sichern, muß auf die einzelnen Stationen an dieser Stelle eingegangen werden. Als wichtigste und erste derselben zählt naturgemäß Bagamoyo. In der Nähe der Kinganimündung in einer fruchtbaren Ebene Usaramos gelegen, hatte Bagamoyo vor dem Aufstand bereits die bei weitem höchste Bedeutung unter allen Küstenstädten erlangt. Hier mündet die große Karawanenstraße von Tabora und den Seen über Mpapua. Alljährlich erreichten etwa 80 Tausend Träger in Bagamoyo die Küste und zogen von hier wieder ins Innere hinein, der Stadt das Gepräge eines überaus regen Geschäftsverkehrs und Lebens verleihend.

Die Stadt selbst bestand bereits damals zum großen Teil aus Steinhäusern von mitunter bedeutendem Umfang, außerdem aus Negerhäusern, Lehmbauten oder einer Art Erdhütten, deren Herstellung in der Weise geschieht, daß ein Gerüst aus eng aneinander stehenden, harten Stämmchen aufgerichtet und wagerecht mit demselben Material überflochten wird, sodaß eine Unzahl kleiner Vierecke offen bleibt. Eine zweite Wand wird parallel zur ersten in derselben Weise aufgerichtet und der Zwischenraum mit fest gestampfter Erde ausgefüllt. Als Bedachung dienen Palmenblätter. Endlich bedeckten gewöhnlich ein Unzahl von Trägerhütten, lediglich aus Palmenzweigen erbaut, den Strand.

Die Bevölkerung der Stadt bildeten in erster Linie vornehme und reiche Araber, deren Schamben (landwirtschaftliche Plantagen) unmittelbar an Bagamoyo grenzten; ferner in weit größerer Zahl Inder und zwar Hindus, Mohammedaner, wenige Banianen. Die Inder haben in erster Linie den Kleinhandel und den Ladenverkauf in Händen und dienen ferner den indischen Großkaufleuten in Sansibar als Agenten, welche ihrerseits den Karawanenhandel, d. h. die Lieferung an Tauschartikeln und den Ankauf der gebrachten Produkte des Innern, vornehmlich Elfenbein, Sesam, Kopal und Erdnüsse völlig in ihre Hand gebracht hatten. Die eigentliche Negerbevölkerung Bagamoyos bestand nur zum geringsten Teil aus eingeborenen Wasaramos, zum bei weitem größeren Teil aus Mischlingsnegern der verschiedensten Stämme der Küste und des Innern, Mischlingen von Arabern und Negern, Suahelis und dergleichen mehr.

Die ständige Bevölkerung der Stadt dürfte etwa 15000 Seelen betragen, zu denen jedoch meist etwa 2-3000 gerade in Bagamoyo anwesende Träger, Waniamuesi oder Wassukuma, — häufig bedeutend mehr, — hinzukamen. So bildete Bagamoyo naturgemäß den Hauptkernpunkt des ganzen Aufstandes. Sein Name war bis in das tiefste Innere hinein bekannt. Der Begriff von Reichtum und Macht war mit ihm für jeden Neger unauflöslich verbunden. Es mußte daher natürlich die Hauptaufgabe des Reichskommissariats sein, diese Stadt dauernd in den deutschen Besitz zu bringen und vor jeder weiteren Berührung mit dem Aufstand ein für allemal zu schützen. Die Anlage der Station Bagamoyo wurde von vornherein in großartigem Maßstabe begonnen und durchgeführt. Zum eigentlichen Fort wurde ein umfangreiches, starkes Gebäude umgebaut, welches dem Inder Sewa Hadji gehörte, mit der Front nach dem Meere zu gelegen und nur durch einen etwa 300 Schritt breiten Raum davon getrennt. Ein aufgesetztes Stockwerk und ein angebauter Flügel gewährten Raum für die Unterbringung von Offizieren, Unteroffizieren und Bureaus. Um das Gebäude herum, teilweise daran sich anlehnend, zog sich eine starke Umfassungsmauer mit Eckbastionen; im Innern lehnten sich an diese Umfassungsmauer massive Wohnräume für die Besatzung. Die vordere Eckbastion des Forts bestrich mit ihren Geschützen die ganze Hauptstraße von Bagamoyo, wie denn überhaupt die Stadt unter das Feuer des Forts genommen werden konnte. Neben dem Hauptfort erhob sich am entgegengesetzten Ende der Stadt die sogenannte Zulukaserne, ein ebenfalls festes Steinhaus, in welchem das Expeditionskorps kasernierte.

Noch weiter nach Nordwesten war gegen die französische Mission hin der sogenannte Dundaposten, in einem kleinen kugelsicheren Steinhaus untergebracht.

Jedes einzelne der genannten Gebäude war mit einem starken Stacheldrahtzaun umgeben, das Schußfeld durch Rasieren der Bäume und Sträucher frei gemacht. Um eine noch größere Sicherheit für die gesamte Stadt herbeizuführen, hatte man in der ersten Zeit, als die Scharen Buschiris noch überall in der Nähe waren, die ganze Stadt mit einem Stacheldrahtzaun als erstes Hindernis gegen die Annäherung umgeben. Bagamoyo war ebenso wie alle anderen noch zu erwähnenden größeren Stationen für unsere afrikanischen Gegner durchaus uneinnehmbar.

Die Wichtigkeit des Platzes erforderte jedoch, daß auch der weitere Umkreis, besonders die dorthinführenden Straßen dauernd in unsern Machtbereich gebracht wurden. Eine Menge Karawanen waren bei Ausbruch des Aufstandes mit ihren Elfenbeinschätzen, mit Gewehren und Munition aus dem Innern nach Bagamoyo unterwegs. Es mußte dafür gesorgt werden, daß diese Karawanen den Aufständischen nicht in die Hände fielen und ihre Macht durch gangbare Werte und Waffen unterstützten.

Der Reichskommissar beschloß daher von Anfang an auch die weitere Umgebung durch Posten zu sichern. Als wesentlichsten dieser Posten führen wir hier Mtoni an. Mtoni liegt an der Stelle, nur etwa 6 Stunden von Bagamoyo entfernt, wo die Karawanen den Kingani-Fluß zu überschreiten haben, und wäre dies für die Aufständischen der geeignetste Punkt für Angriffe gewesen. Hier wurde daher in einem aus Wellblech erbauten, durch Erdbewurf und Stacheldraht geschützten Hause ein Posten von 12 Sudanesen unter einem weißen Offizier und einem Unteroffizier untergebracht, welcher für den Schutz des Überganges vollkommen ausreichte. Um das früher übliche, zeitraubende Übersetzen der Karawane durch einen Einbaum (Eingeborenen-Canoe) aus der Welt zu schaffen, stellte der Reichskommissar ein großes Stahlboot zur Verfügung.

Von ausschlaggebender Bedeutung jedoch für die Sicherung der Karawanenstraße und die Erhaltung des Handels von Bagamoyo war die Station Mpapua. Wir haben bereits bei der Expedition nach Mpapua einige Streiflichter auf die Wichtigkeit des Punktes in strategischer Rücksicht geworfen. Mpapua bildet aber, und dies ist von ungleich größerer Bedeutung, den Hauptknotenpunkt aller Karawanenstraßen, welche aus dem Seengebiet zur Küste führen. Alle die vom ganzen Gebiet des Tanganjika über Tabora laufenden und dann nach verschiedenen Richtungen sich teilenden Karawanenwege vereinigen sich wieder in Mpapua. Auch die vom Südufer des Viktoria Nyanza und von der Westküste desselben aus Uganda, Unioro, Karagwe kommenden Karawanen wählen den Weg über Mpapua. Die Sicherung dieses Punktes war daher von der allergrößten Bedeutung. Daß Buschiri seine Wichtigkeit erkannt hatte, beweist sein Überfall der Station der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft.

Abgesehen von der Sicherung des Karawanenweges diente die Station aber auch zum Schutze der fruchtbaren und reichen Thäler von Inner-Usagara und bildete auf der andern Seite für Ugogo, das berüchtigte Räuberland im Westen, und für die Massais im Norden, sowie für Uhehe im Süden eine Kräftigung unseres Ansehens.

Bei den damals vorhandenen Machtmitteln war die Begründung der Station Mpapua mit ihrer starken Besatzung ein erfreulicher, nach den damaligen Verhältnissen genügender Schritt zur Sicherung eines Küstenstreifens von mehr als 300 km Breite. Es war dies eine Aufgabe, deren Lösung durch Wißmann als ein Meisterstück richtiger strategischer Einsicht angesehen werden muß, denn die Besetzung von Mpapua und die Errichtung des Forts daselbst ist thatsächlich der erste Schritt zu einer wirklichen Beherrschung unseres Gebietes.

Zum Interessenbereich von Bagamoyo gehört ferner noch die kleine Station Bueni mit einer Besatzung von durchschnittlich 20 Sudanesen. Sie bildete gleichzeitig einen Beobachtungsposten für den südlich gelegenen Platz Kondutschi, von dem aus ein schwungvoller Schmuggelhandel sowie Sklavenausfuhr stattfand. Endlich ist dahin zu rechnen der kleine Beobachtungsposten bei Mandera, welcher hauptsächlich dem Schutz der dortigen Missionsstation bei den Wadoës diente.

Den südlichen Teil von Usaramo deckte als Hauptstation Daressalam mit einer Besatzung von 60-70 Sudanesen und einem kleinen Posten am Hafeneingang. Bei der größeren Sicherheit, welche in diesem vom Aufstand erst später und in geringerem Maße berührten Teile Usaramos geherrscht hatte, schien es unnötig, weitere befestigte Stationen hier anzulegen.

In Usegua indes schien stärkere Machtentfaltung durchaus geboten und die eigenartige Stellung, welche Bana Heri den Eingeborenen gegenüber einnahm, ließ ihn als einen gefährlicheren Gegner erscheinen, denn Buschiri selbst. Es lag in der ursprünglichen Absicht des Reichskommissars nach der mehrfachen Beschießung von Sadani die Stadt ganz vom Erdboden zu vertilgen und die Handelsbeziehungen nach Mkwadja, nördlich von Sadani und etwa 30 km entfernt, hinüberzuführen. Mkwadja erhielt daher eine ziemlich feste Station und 50 Mann Besatzung.

Die Absicht Wißmanns zeigte sich jedoch bald als undurchführbar. Araber sowohl wie besonders Karawanenführer und Träger hängen mit überaus großer Zähigkeit an dem einmal von ihnen begangenen Wege. Es zeigte sich außerdem noch während der Kämpfe, daß die Eingeborenen und Bana Heri selbst unmittelbar nach den Bombardements die Stadt immer wieder aufbauten. Bei letzterem kam, abgesehen davon, daß er Sadani nun einmal als angestammten Herrschersitz betrachtete, noch ein religiöses Moment hinzu: es befand sich dort das Grab seiner Mutter.

So stellte sich sehr bald die Notwendigkeit heraus, Sadani ebenfalls zur Militärstation zu machen. Während der Kämpfe gegen Bana Heri erhielt es eine Besatzung von 130 Mann und beherbergte zeitweise noch das Expeditionskorps; später wurde die Besatzung auf 50 Sudanesen vermindert.

In Usambara sind die Hauptstationen Pangani mit einem Posten in Rasmuhesa und einem zweiten Posten in Lewa, 25 km nordwestlich von Pangani, zum Schutz der dortigen Plantagen der Ostafrikanischen Plantagengesellschaft; endlich Tanga, letzteres ohne detachierte Posten. Zur Sicherung der Karawanenstraße, welche vom Kilimandscharo herunter nach Tanga oder Pangani führt, wurde am Kilimandscharo in Moschi, im Gebiet des uns befreundeten Häuptlings Mandara, ein Fort angelegt.

Die bisher genannten 14 Stationen und kleinen Posten bestanden bereits im Anfang des Jahres 1890 nach kaum dreivierteljähriger Thätigkeit des Reichskommissariats. Sie wurden insgesamt mit Besatzungen versehen aus dem damals noch nicht 1000 Mann starken ersten Soldatenkontingent; und zwar zählten die größeren Stationen zwischen 100 (Mpapua) und 40 (Tanga) Mann, die kleineren zwischen 20 (Moschi am Kilimandscharo, Bueni) und 10 (Mandera, Lewa). Außerdem waren noch Expeditionstruppen in der Gesamtstärke von 300 Mann vorhanden.

Sämtliche Stationen sind, — denn auch der sehr bewährte spätere Bauleiter Wilkens hat seine Schule erst in Afrika gemacht, — ohne Zuhilfenahme der gänzlich mangelnden Sachverständigen durch die Offiziere, Unteroffiziere und die schwarzen Truppen angelegt und vollendet worden. Die Eingeborenen wurden lediglich zu Handlangerdiensten, wie zum Stein- und Erdtransport herangezogen. Wenn auch in vielen Fällen der Kern der Stationen in einem oder mehreren Araberhäusern vorhanden war, so mußten diese Gebäude doch jedesmal mehr oder weniger umgebaut, für den Gebrauch der Europäer passend eingerichtet und ausgebessert werden. Umwallungen, Bastionen und Befestigungen mußten selbstverständlich erst geschaffen werden. Das Material an Steinen wurde aus den verfallenen oder zusammengeschossenen Araberhäusern der betreffenden Ortschaften genommen, teils aus den Korallenbänken gebrochen. Als Bauholz dienten sogenannte Boriti, harte Knüppel aus Mangrovestämmen. Provisorische Befestigungen oder Bauten wurden durchweg aus Wellblech in vollkommen zweckentsprechender Weise hergestellt.

Es mag gleich hier angeführt werden, daß nach der Herstellung geeigneter Wohnräume sich ein erheblich günstigerer Gesundheitszustand ergab, denn je zuvor. Die große Sterblichkeit unter den Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft vor der Zeit des Reichskommissariats ist zweifellos zum Teil auf die ungemein mangelhaften Wohnungsverhältnisse zurückzuführen. Nach der Erbauung der Forts mit ihren mitunter (wie in Bagamoyo und Daressalam) 15 Fuß hohen Zimmern und ihrer vorzüglichen Ventilation verminderten sich die Fiebererkrankungen in auffallender Weise.

Die Armierung der Stationen bestand aus 8 cm Feldgeschützen, 4,7 cm Geschützen, Revolverkanonen und Mörsern. Die Expeditionskorps führten 4,7 cm Geschütze und das Maximgeschütz mit sich, welche auseinander genommen und in einzelnen Stücken, die eine und zwei Trägerlasten bildeten, getragen wurden.

Eine besondere Berücksichtigung verlangte die Einrichtung des Stationsdienstes, welche am besten geeignet ist, das Vorurteil zu widerlegen, als ob es sich hier lediglich um eine Kriegsführung nach Landsknechtsart gehandelt habe, als ob, wie man in gegnerischen Kreisen in Deutschland so häufig behauptete, die Schutztruppe nur mit Morden, Sengen, Brennen und Aufhängen sich beschäftigt habe.

Die 7 großen Stationen standen jede unter einem Chef, dem die übrigen Offiziere untergeordnet waren. Die Zahl der letzteren schwankte je nach der Stärke und Wichtigkeit der Stationen, so zwar, daß dieselbe in Bagamoyo naturgemäß am stärksten sein mußte. Die Funktionen des Stationschefs waren in erster Linie die Instandhaltung der Station, ferner der Oberbefehl über die Stadt und die Umgebung derselben, Beaufsichtigung des Karawanenverkehrs, endlich die oberste Rechtsprechung in seinem Bezirk.

Wißmanns Absicht ging dahin, von vornherein den aus dem Innern kommenden Jumbes, Karawanenführern und Trägern klar zu machen, daß ein für allemal die Macht und Oberhoheit in deutschen Händen läge. Dafür gab es kein besseres Mittel als die Regelung des Karawanenverkehrs. Sämtliche Karawanen, welche Mpapua passierten, hatten bei dem dortigen Stationschef sich zu melden. Dort fand eine genaue Aufnahme der mitgeführten Waren, eine Zählung der Schußwaffen und Munition, sowie der Kopfzahl der Karawane, des mitgeführten Viehs u. s. w. statt.

Die Karawanenführer erhielten darüber eine Bescheinigung des Stationschefs und hatten dieselbe als Legitimation zunächst bei der Mtoni-Fähre zu präsentieren. Von der Fähre aus erhielten sie einen Sudanesen bis Bagamoyo mit, welcher den Begleitschein dem dortigen Stationsoffizier zur Prüfung vorzulegen hatte. Die Wirkung dieser Maßregel auf die Karawane, besonders auf die das Hauptträgerkontingent stellenden Waniamuesi und Wassukuma, sowie auf die Karawanenführer ist eine ganz erstaunliche gewesen und hat in außerordentlicher Weise zur Ausbreitung des deutschen Ansehens im tiefen Innern beigetragen. Allerdings brachte der Verkehr mit den Trägern und Führern der Karawanen unglaubliche Schwierigkeiten und Weitläufigkeiten mit sich. Die Leute waren gewöhnt, sobald sie das Meer vor sich sahen, die Lasten ohne weiteres abzuwerfen, zum Strande hinabzueilen und sich ihre Laubhütte irgendwo aufzubauen, wo es ihnen gerade gefiel. Jetzt kam Ordnung in die Sache. Der Kirangosi (Karawanenführer) hatte sich mit den begleitenden Sudanesen auf der Station zu melden, die Karawane mußte ihre Lasten fein säuberlich nach den Warengattungen ordnen und niederlegen; das mitgeführte Vieh mußte in dafür errichtete Gehege gebracht werden; die Hüttenstadt endlich mußte an einem dazu bestimmten Platz am Strande möglichst ordentlich aufgebaut, resp. in Bagamoyo in neuerer Zeit das Lager bei der Karawanserei ordnungsmäßig aufgeschlagen werden. Dann begannen die endlosen Verhandlungen wegen Viehankauf. Es lag selbstverständlich im Interesse des Kommissariats, das aus dem Innern zur Küste geführte Vieh zur Vermeidung des Zwischenhandels von den Karawanen direkt zu kaufen. Einmal wurde dadurch eine außerordentliche Verbilligung in der Verproviantierung der Europäer erzielt, andrerseits waren die Chefs in der Lage, die Sudanesen vor Übervorteilung zu schützen. Endlich war immer ein Bestand für Expeditionszwecke zur Verfügung.

Das Kommando über die Stationsbesatzung lag unter der Oberleitung des Chefs in den Händen des diesem zugeteilten Offiziers. Der eigentliche Dienst der Truppe in den Stationen beschränkte sich, nachdem die schon früher beschriebene erste Ausbildung vollendet war, auf den Morgenappell um 6 Uhr, dann folgte Exerzierdienst bis 8 und noch einmal für ein bis zwei Stunden am Nachmittag. Der eigentliche Kasernendienst bestand lediglich im Putzen der Waffen und Waschen der Uniform, Instruktionsstunde fiel von selbst weg. Den wesentlichsten Teil der Zeit hatte die Garnison im Arbeitsdienst zuzubringen. Dieser Arbeitsdienst war naturgemäß sehr verschiedener Art und hing im Wesentlichen von dem Eifer des Stationschefs und seiner Untergebenen ab.

Die im Vorstehenden genannten Obliegenheiten waren die offiziellen, vom Reichskommissar den Chefs und Offizieren gestellten Aufgaben, welche unbedingt erfüllt werden mußten. Darüber hinaus aber blieb es jedem Chef überlassen, aus seiner Station zu machen, was er konnte, und gerade in dieser Beziehung entwickelte sich ein reger Wetteifer. Jeder versuchte, so viel als möglich die Umgebung des Forts zunächst zu einer reizvollen zu machen. Wege wurden gebaut, Gärten und Felder angelegt, Bäume gepflanzt, Akklimatisationsversuche angestellt und dergl. mehr. Bei allen diesen Arbeiten wurde die Besatzung herangezogen, und es ist gewiß als vortreffliche Eigenschaft unserer schwarzen Soldaten hervorzuheben, daß sie alle diese Arbeiten, allerdings unter dem Beispiel der weißen Unteroffiziere, für sich selbst zu einer Art Ehrensache machten und daß so der Wettstreit unter den Stationen sich innerhalb jeder einzelnen Besatzung wiederholte.

Wenn oben die Rechtsprechung durch den Chef angeführt wurde, muß hier eingefügt werden, daß sie nicht allein durch ihn geschah. Es wurde den Sitten und Gebräuchen, den religiösen und Rechts-Anschauungen der Leute durch Einsetzung der Wali und Akida Rechnung getragen. Sie wurden aus denjenigen vornehmen Arabern gewählt, welche beim Volk wohlangesehen und beliebt waren und von deren ergebener Gesinnung gegen uns wir überzeugt sein konnten. Sie bildeten demnach berufene Mittelspersonen zwischen den Stationschefs und der arabischen und eingeborenen Bevölkerung ebenso wie in manchen Beziehungen die Berater der ersteren. So nahmen sie gewissermaßen im Zivilleben eine Stellung ein, wie sie die farbigen Offiziere uns und der Truppe gegenüber hatten.

Die Funktion der Wali und Akida — den ersteren Namen führten sie in den größeren und bedeutenderen Plätzen, den letzteren in kleinen Orten, in denen nur eine geringe Besatzung und wenig Verkehr war — war zur Zeit der Beherrschung der Küste durch die Sultane von Sansibar die von größeren und kleineren Statthaltern. Selbstverständlich hat die jetzige Funktion dieser Leute hiermit nichts mehr zu thun. Sie sind lediglich Organe der örtlichen Behörden, der Stationschefs, und haben in der Rechtsprechung wie überhaupt in der Verwaltung nur diejenigen Obliegenheiten, die nach Lage der örtlichen Verhältnisse der betreffende Stationschef ihnen zuzuteilen für gut befindet.

Bei großer Überbürdung des Stationschefs wurde ein Teil der kleineren Gerichtsbarkeit den Walis insofern übertragen, daß sie die Urteile fällten, diese aber der Bestätigung der Chefs unterbreiten mußten. In manchen Stationen hatten die Walis noch eine Anzahl sogenannter Walisoldaten zu unterhalten, denen es oblag, notwendige Botendienste in der näheren und weiteren Umgebung zu verrichten, Vorladungen zum Schauri zu überbringen, auch Widerspenstige festzunehmen und dergleichen. Diese Walisoldaten sind insofern von großem Wert für uns gewesen, als sie den Verkehr zwischen uns und der eingeborenen Bevölkerung, soweit diese nicht in unmittelbarer Nähe der Station wohnte, bedeutend erleichterte. Außerdem erleichterten die Wali, ohne daß der deutsche Offizier und Beamte und die deutschen Soldaten sich bei jeder Kleinigkeit persönlich engagierten, in vielen Fällen eine Vermittlung, die immer viel eher zwischen dem Wali und der Bevölkerung möglich war.

Von den Walis verdienen einzelne Personen besonders erwähnt zu werden und zwar Soliman ben Nasr, welcher als Wali von Pangani dem dortigen Stationschef Dr. Schmidt nach der Einnahme von Pangani bei der Herstellung der Ruhe und Ordnung an diesem Platze durch sein Ansehen und ebenso später dem Reichskommissar, von Sansibar aus, zur Unterhaltung eines guten Einvernehmens mit den Arabern der gesamten Küste behilflich war; ferner der bekannte Schech Amer in Bagamoyo, welcher bei der großen Überbürdung der Chefs resp. Bezirkshauptleute von Bagamoyo diesen eine wertvolle Unterstützung war, besonders auch den hier in dieser großen Handelsstadt zusammenströmenden Arabern, Indern und Eingeborenen gegenüber große Repräsentationspflichten versah. Da diese Persönlichkeiten naturgemäß mehr im Leben des Volks selbst stehen als wir Europäer, und wir immer darauf angewiesen sind, durch unsere Vertrauenspersonen uns auf dem Laufenden zu halten und durch diese dem Volke näher zu rücken, so ist selbstredend die Loyalität und das Interesse der Wali für uns von höchster Wichtigkeit.

Daß solche Leute, die unter der Herrschaft der Sultane von Sansibar, wenn auch dort mehr indirekt, große Einnahmen gehabt haben, bei uns nach ihren Begriffen entschädigt werden müssen, ist selbstverständlich; und es kann nur als eine unerklärliche Kurzsichtigkeit und durchaus verfehlte Sparsamkeitsrücksicht bezeichnet werden, wenn, wie dies nach der Einrichtung des Gouvernements im vorigen Jahre geschehen ist, gerade diese bewährten, für uns so wichtigen eingeborenen Beamten in ihren Gehältern herabgesetzt wurden.

Es sei auch noch der an Stelle von Walis eingesetzten Persönlichkeiten im Innern gedacht, die an den Plätzen, wo keine Europäer sind, die Interessen des Reichskommissars vertraten, und die deswegen besonders wichtig für uns waren, weil man, falls sie notorische Macht ausübten, in ihnen immer Persönlichkeiten hatte, an die man sich bei vorkommender Unordnung halten und die man fassen konnte; aber auch Persönlichkeiten, die selbst für die Sicherheit ihrer Gebiete sorgten und daselbst die Ordnung aufrecht erhielten. Daß diese Leute, von denen wir hier in erster Linie Kingo von Morogro und den Häuptling Simbodja erwähnen, nicht immer absolut in europäischem Sinne regieren und auch nicht das deutsche Strafgesetzbuch kennen, ist selbstverständlich.

Sind doch alle Erfolge der Engländer auf das System zurückzuführen, die Eingeborenen in okkupierten Gebieten zunächst selbst herrschen zu lassen und diese hierfür sogar noch gut zu bezahlen. Die Eingeborenen empfanden die direkte Einmischung des Europäers unter Umständen hart, und zwar namentlich dann, wenn nicht die genügende Zahl von Landeskundigen und sonst geeigneten Persönlichkeiten zur Verfügung stehen.

Außerdem werden aber auch auf diese Weise große Ersparnisse erzielt, wichtig dann, wenn die Mittel zu einer genügenden Machtentfaltung, um direkt das Land zu beherrschen und zu verwalten, mangeln. Freilich ist die Behandlung mancher dieser Walis nicht leicht und erfordert Geschick und Takt, wie auch Strenge am richtigen Platze.

In der Besetzung der Stationen fanden unter den Offizieren naturgemäß häufig Veränderungen statt. Einmal forderten die Kriegszüge, Krankheitsfälle oder sonstige Rücksichten einen Wechsel der Chefs und Offiziere, oder aber es wurden untaugliche und wenig brauchbare Elemente kurzer Hand nach Europa zurückgeschickt und durch neue ersetzt.

Ein besonderes Lob verdient in jeder Beziehung das deutsche Unteroffizierkorps in Ostafrika. Die Stellung der Unteroffiziere war ja von vornherein eine eigentümliche, ja man kann sagen gänzlich isolierte. Die in Ostafrika anwesenden, nicht zur Schutztruppe gehörenden Europäer standen meistens nur im Verkehr mit den Offizieren, so daß Zivilverkehr für die Unteroffiziere selten oder nie vorhanden war. Die Ehrbegriffe, welche das Unteroffizierkorps aus Deutschland mitbrachte, verboten ihm von selbst den engeren Verkehr mit den unter ihnen stehenden Elementen. Auf der andern Seite ließ eben dieser Ehrbegriff sie stets den richtigen Takt, einerlei ob im dienstlichen Verkehr oder bei Festlichkeiten, beobachten und ließ sie ferner ihre Aufgabe als eine im Dienst des Vaterlandes zu leistende ansehen. Wenn diese Aufgaben grade bei den Unteroffizieren zuweilen weit über das Maß des Militärdienstes hinausgingen, so sind sie doch immer mit derselben Präzision, derselben Hingabe und demselben Geschick gelöst worden. Die Ausnahmen, welche allerdings vorkamen, können nur die Regel bestätigen.