Lage und Entwickelung der nördlichen Stationen. — Major Liebert. — Reise des Generalkonsuls Dr. Michahelles nach Witu. — Einteilung des nördlichen Küstendistrikts. — Stationschefs im Norden. — Vermehrung der Schutztruppe. — Das neue Material erweist sich als minderwertig. — Neueinteilung der Schutztruppe. — Einexerzieren der neuen Söldner. — Verhandlungen mit dem Süden. — Rekognoszierungstour Wißmanns auf der »München« nach Kilwa. — Verhandlungen zur Mitwirkung der Marine. — Einschiffung und Einteilung der Truppen für den Süden. — Einnahme von Kilwa und Lindi. — Friedliche Besetzung von Mikindani. — Stationsgründungen im Süden. — Schlechter Gesundheitszustand der Truppen. — Verhandlungen mit den Eingeborenen. — Uebergabe der südlichen Stationen an die Chefs. — Allgemeine Lage bei der Urlaubsreise Wißmanns nach Deutschland.
Die Unterwerfung der Rebellen im nördlichen Teile unserer Küste und die Gewähr, welche die befestigten Stationen für eine dauernde und völlige Sicherheit der Städte und der Karawanenstraßen boten, erlaubten dem Reichskommissar, jetzt an die Lösung des zweiten Teils seiner Aufgabe zu gehen, an die Unterwerfung des Südens. Bevor der Leser jedoch in den eigentlichen Gang der Ereignisse daselbst eingeführt wird, möge es gestattet sein, noch einmal die Lage im Norden und eine Reihe von Thatsachen zusammenzufassen, welche in diese Zeit, — in die Monate März und April des Jahres 1890, — fallen.
In Tanga hatte sich die europäische Kolonie schnell vergrößert. Außer den Mitgliedern der ostafrikanischen und der Pflanzergesellschaft ließen sich einige Deutsche daselbst nieder, die aus privaten Mitteln Unternehmungen ins Leben rufen wollten. Der Missionar Krämer hatte die Gründung einer evangelischen Missionsstation in Angriff genommen; griechische Kleinhändler hatten sich dort, wie in allen von uns besetzten Küstenplätzen, etabliert und haben heute durch das mehrjährige Bestehen ihrer Geschäfte bewiesen, daß sie die Konkurrenz der Inder aushalten können.
An der Nordgrenze, in Muoa, wurde zwar noch viel Schmuggel getrieben, aber eine spätere Besetzung dieses Platzes war bereits ins Auge gefaßt. In Pangani hatte der, von Tanga dorthin versetzte Distriktschef Krenzler Nachricht von der Ankunft einer großen Sklaven-Karawane erhalten und es gelang ihm, obwohl die Sklaven, 207 an der Zahl, gleich auf die Schambas vertheilt worden waren, sie alle auf die Station bringen zu lassen. Wenn auch vernünftiger Weise gegen die äußerst milde Art der Haus- und Feldsklaverei nicht vorgegangen wird, so stand doch jede Zufuhr aus dem Innern, wie wir aus diesem Beispiel sehen, unter unserer Kontrolle. Am Kilimandscharo war Herr v. Eltz als Agent des Reichskommissars stationiert und seine Berichte über die Aufführung des dortigen Hauptsultans Mandara, sowie über das Fortschreiten des deutschen Einflusses lauteten günstig. Leider wird der Kilimandscharo alljährlich das Ziel vieler Sportexpeditionen, die für das Land einen Nutzen nicht haben, sondern besonders durch die planlose Ausrottung des Wildes nur Schaden anrichten.
Um Mkwadja und Sadani, wo fleißig am Wiederaufbau des Platzes gearbeitet wurde, waren nach dem Friedensschlusse mit Bana Heri die Verhältnisse ebenfalls geordnete. Bana Heri erhielt vom Reichskommissar ein Geschenk von 2000 Rupies als Beitrag zur Wiedererrichtung der Moschee.
Der Distrikts-Chef von Bagamoyo und Stellvertreter des Reichskommissars, Herr von Gravenreuth, mußte wegen der in letzter Zeit bei ihm wiederholt auftretenden, schweren Fieberanfälle, die er sich auf seinen Expeditionen und durch den aufreibenden Dienst zugezogen, Mitte April mit längerem Urlaub Ostafrika verlassen, das er leider nie wieder betreten sollte. Frhr. v. Eberstein, der mit großem Eifer und Erfolg die Verwaltungsabteilung geleitet hatte, trat ebenfalls einen wohlverdienten siebenmonatlichen Urlaub an.
Im Februar des Jahres 1890 war der Major im großen Generalstabe, Liebert, welcher bisher in Berlin die Vertretung des Kommissariats innegehabt hatte, auf Befehl Sr. Majestät in Ostafrika eingetroffen, um sich an Ort und Stelle durch den Augenschein von der Lage der Dinge Kenntniß zu verschaffen und darüber Bericht zu erstatten. In seiner Begleitung befand sich ein Beamter des Auswärtigen Amtes, Tesch. Dieser sollte dem Reichskommissar und den Chefs über die Art und Weise der Rechnungsführung, wie man sie auf dem Auswärtigen Amt wünschte, Instruktionen erteilen. Die Thätigkeit des Herrn Tesch war, wie wir gleich bemerken wollen, obwohl er sich mit großem Eifer dieser Arbeit unterzog, von keinem Erfolge begleitet. Man stellte sich eben die Verhältnisse von Deutschland aus ganz anders vor, als sie in Wirklichkeit waren. Es wurde daher bald die Sendung einer Revisions-Kommission angeordnet.
Besonders bemerkenswert ist während dieser Zeit die Entsendung eines Detachements der Schutztruppe in der Stärke von 60 Mann unter dem Kommando des Chefs Theremin und in Begleitung des General-Konsuls Dr. Michahelles nach Witu. Nachdem im Monat März von Sr. Majestät Schiff »Carola« die deutsche Flagge an der Wubuschi-Mündung gehißt worden war, hatte der General-Konsul Befehl erhalten, sich an Bord eines Kriegsschiffes nach Lamu zu begeben, um von hier aus mit jener erwähnten Begleitmannschaft dem Sultan von Witu Geschenke zu überbringen und formell die deutsche Schutzherrschaft zu erklären. Es erregte dieses Vorgehen damals ganz besondere Freude, denn man schloß daraus, daß nun auch dort energisch etwas für die weitere Entwickelung jener Kolonie, welche bis dahin recht stiefmütterlich behandelt worden war, gethan werden würde. Leider sollte diese Hoffnung durch das deutsch-englische Abkommen auf das bitterste getäuscht werden. Der Führer des Detachements, Chef Theremin hatte die Expedition nach Witu bereits in leidendem Zustande angetreten. Nach seiner Rückkehr mußte der anerkannt tüchtige Offizier in Sansibar in das dortige Hospital aufgenommen werden und erlag bald einer zu einem unbedeutenden Magenleiden hinzutretenden Bauchfellentzündung.
Wir erwähnten früher bereits, daß für die Verwaltung des nördlichen Küstendistrikts eine Einteilung in drei Distrikte, nämlich Bagamoyo, Sadani und Pangani vorgenommen worden war. Diese Einteilung hatte ihre großen Schattenseiten. Bei der mangelhaften Verbindung der den Distriktschefs unterstellten Küstenplätze entstanden nur Schwierigkeiten für den dienstlichen Verkehr, welche die Verwaltung schwerfällig machten. Man sah infolgedessen, besonders da im Süden wegen der meist noch viel größeren Entfernung der Stationen von einander sich eine gleiche Maßregel noch weniger empfahl, von der Distrikts-Einteilung ab und griff wieder zu der ursprünglich stattgehabten Einteilung in Stationen, denen folgende Herren vorstanden:
Tanga: Chef Richelmann, der indes bald wieder durch Krenzler ersetzt wurde, da Richelmann die Station Sansibar und das Bureau des Reichskommissariats zu übernehmen hatte.
Pangani: nach der Versetzung Krenzlers nach Tanga Chef Johannes.
Mkwadja: Lieutenant Fischer.
Sadani: nach Abkommandierung Sigls zur Stokeschen Expedition Lieutenant von Arnim.
Bagamoyo: Chef Ramsay, (welcher diese Station nach der Versetzung des zu Bagamoyo trefflich bewährten Chef Richelmann nach Tanga erhielt).
Daressalam: Chef Leue.
Endlich fällt in diese Zeit als wichtigstes Moment für die Weiterentwickelung des Kommissariats und die Hebung der Aktionsfähigkeit die Vermehrung der Schutztruppe. Als der Plan zur Bestrafung der Rebellen der Südküste und zur Wiedereinnahme der nicht in unsern Händen befindlichen Küste gefaßt wurde, mußte man sich klar darüber sein, daß eine Verstärkung der Schutztruppe notwendig sei.
Nach abermaligen Verhandlungen des auswärtigen Amtes zu Berlin mit der englischen und egyptischen Regierung wurde denn auch die Anwerbung von 600 Sudanesen in Egypten genehmigt und ein in der Verwaltung des Reichskommissariats thätiger Beamter, Donarski, der gerade zur Wiederherstellung seiner Gesundheit einen Urlaub nach Egypten erhalten hatte, mit der Anwerbung beauftragt. Die Wahl Donarskis war ein entschiedener Fehler. Mit vielem Fleiß und bewundernswürdigem Eifer hatte er sich in seine ihm anfangs völlig fremde Thätigkeit eingearbeitet, aber er hatte doch niemals Gelegenheit gehabt, sich eine Kenntniß der Sudanesen und unseres Soldatenmaterials überhaupt zu erwerben. Daß Donarski für die Aushebung ausersehen wurde, hatte seinen Grund lediglich in der übel angebrachten Rücksicht darauf, Ersparnisse zu machen; er reiste eben, wie erwähnt, so wie so nach Egypten. In Kairo stand Donarski bei der Anwerbung besonders zur Seite der Vertreter von Hansing & Co. in Sansibar, Strandes, der sich in jener Zeit ebenfalls in Egypten aufhielt, und der Kaufmann Brettschneider, welche beide bei der Erledigung der komplizierten kaufmännischen Geschäfte Donarski hülfreich zur Hand gingen.
Bei der Anwerbung selbst war wiederum, wie das erste Mal, der englische Oberst Scheffer von großem Nutzen. Doch machte sich jetzt schon empfindlicher als das erste Mal die Abneigung der englischen und egyptischen Regierung geltend, die Sudanesentruppe weiterhin den Deutschen für ostafrikanische Dienste zur Verfügung zu stellen, und nur mit Mühe gelang es Donarski, in noch verhältnismäßig kurzer Zeit die gewünschten 600 Mann zu beschaffen. Immer nach Anwerbung einer genügend großen Zahl wurden dieselben wie früher nach Sues geschickt.
Zum ersten Einexerzieren waren zwei neu für Ostafrika bestimmte Offiziere, die Herren Lieutenant Scherner und von dem Knesebeck mit einigen Unteroffizieren von Deutschland nach Egypten beordert worden. Ihnen wurden die angeworbenen Leute von Donarski übergeben, und dann in gleicher Weise, wie das bei der ersten Anwerbung geschah, die Exerzitien mit den Leuten vorgenommen. Die Untersuchung und Behandlung der Leute geschah durch Assistenzarzt Dr. Buschow, der ebenfalls neu für die Schutztruppe angeworben war; indes einen Einfluß auf die Auswahl des Soldatenmaterials hatte er ebenso wenig wie die beiden Offiziere: Donarski wollte, ohne öfters laut gewordenen Vorstellungen Gehör zu geben, alles allein besorgen.
Das ganze Kontingent wurde auf dem egyptischen Dampfer Schibin in Sues eingeschifft und ging unter Donarskis Kommando nach Sansibar ab, woselbst der Transport Mitte April eintraf. Die Überfahrt war von Donarski und den Offizieren benutzt worden, die Leute einzukleiden; Uniformen, Schuhzeug, Ausrüstungsstücke, auch Bewaffnung waren bereits beschafft, und so machte bei ihrer Ankunft auf dem Dampfer die Truppe einen vorteilhaften Eindruck.
Der Reichskommissar, der mit den andern in Sansibar anwesenden Herren, — auch Major Liebert begleitete ihn bei der Ankunft des Schibin, — sogleich an Bord ging, ließ sich indes durch den vorteilhaften äußeren Eindruck nicht täuschen, sondern sagte von vornherein: »Mir gefallen die Leute nicht, es sind viel zu viel gelbe Kerls darunter.«
In der That hatten sich die guten Erfahrungen, die wir mit der egyptischen Anwerbung das erste Mal gemacht hatten, lediglich auf das schwarze Element, nicht aber auf die Gelbgesichter, die eigentlichen Egypter, Armenier und Syrer bezogen. Solcher Leute hatte die neue Anwerbung einen nur allzugroßen Prozentsatz aufzuweisen. Dazu merkten wir bald, daß die jetzige Anwerbung lange nicht soviel altgediente Soldaten zählte, wie das erste Kontingent. Ein großer Teil bestand aus Soldaten, welche wenig kriegerischen Stämmen angehörten und bisher Kriegsdienste gar nicht gethan hatten, ein anderer aus Baschibosuks, und nur ein kleiner Teil aus regulären egyptischen Sudan-Soldaten. Indes man mußte mit dem gegebenen Material rechnen, und es wurde alsbald zur Einteilung und Ausbildung desselben geschritten.
Mit Rücksicht auf die demnächst vorzunehmende andere Truppenbesetzung der Stationen des Nordens, die Wiedereinnahme des Südens und die Besetzung der zu begründenden südlichen Küstenstationen, sowie für Expeditionszwecke mußte eine neue Einteilung der Schutztruppe eingerichtet werden. Die Neuangekommenen wurden mit den bewährten felddienstfähigen Truppen des früheren Kontingents in zwei Expeditionskorps formiert. Das eine wurde zunächst unter dem Kommando des Chefs von Zelewski zum Zweck der Ausbildung in Bagamoyo, das andere zu gleichem Zweck in Daressalam unter Chef End vorläufig stationiert.
Der Reichskommissar hatte, da die Ankunft der Truppen schon im März erwartet war, gehofft, bereits im April vor Eintritt der großen Regenzeit gegen den Süden vorgehen zu können, allein die Führer der Expeditionskorps meldeten übereinstimmend, daß bei der Minderwertigkeit des diesmal angeworbenen Materials sie den Rest des Monats April für ein Einexerzieren der Leute notwendig hätten, und so wurde die Aktion gegen den Süden bis zum Monat Mai verschoben.
Bei der genannten Anwerbung ist übrigens noch ein Umstand zu erwähnen, durch den wir in große Verlegenheit gesetzt wurden. Ein Teil der egyptischen Offiziere und Unterhändler nämlich, deren sich Donarski naturgemäß für die Anwerbung der Truppen bedienen mußte, hatte sich nicht damit begnügt, die ihnen von uns gemachten Geschenke und Werbegelder einzustecken, sondern sie hatten in echt orientalischer Weise das Geschäftchen dadurch vergrößert, daß sie nach ihrem Belieben die Chargen an die Anzuwerbenden verkauften.
Ein Teil der angeworbenen Soldaten, die bis dahin Militärdienst noch garnicht gethan hatten, kauften sich Atteste als Unteroffiziere, Sergeanten oder dergl. und wurden nach Zahlung des erheblichen Backschisch an die Unterhändler als solche eingestellt. Wir mußten sie natürlich zunächst kontraktmäßig übernehmen und nach der Charge besolden. Dieser Betrug wurde erst später entdeckt, und dann natürlich thatkräftig eingeschritten. So fällt schon in die Zeit vor wie auch nach Einnahme des Südens eine große Masse von Entlassungen aus dem neuen Kontingent. Auch der hohe Prozentsatz an Todesfällen auf den Südstationen ist zum Teil der körperlichen Unbrauchbarkeit des Materials zuzuschreiben.
Während der Ausbildungszeit der neu formierten Expeditionskorps wurde von Seiten des Reichskommissariats alles versucht, in den südlichen Plätzen, wo es irgend möglich war, die Verhältnisse friedlich zu regeln, da ja jede kriegerische Aktion immerhin einen Rückgang des Handels und Wandels für beträchtliche Zeit nach sich zieht. Die Anregung zu diesen Verhandlungen ging von den Bewohnern der südlichen Plätze selbst aus.
Mikindani, Sudi, Lindi, Kissiweri hatten, auf das Gerücht hin, daß der Süden mit allen Kräften des Kommissariats angegriffen werden soll, Deputationen an Wißmann geschickt, um ihre freiwillige Unterwerfung anzukündigen und seine Bedingungen entgegenzunehmen. Zur Vornahme der Verhandlungen wurde von uns der für solche Fälle schon oft in Anspruch genommene Wali von Pangani, Soliman ben Nassr, der sich als besonders tauglich und zuverlässig hierfür erwiesen hatte, bestimmt und auf dem Sultans-Dampfer Barawa nach den südlichen Plätzen gesandt.
Der Sansibarsultan selbst, welcher damals den europäischen Interessen erheblich mehr zugethan war, als es im Anfang der Amtsthätigkeit Wißmanns der Fall war, wünschte aus Geschäftsrücksichten, möglichst schnell friedliche Verhältnisse herbeizuführen. Die Verhandlungen Solimans führten zu einem günstigen Abschluß mit den südlichsten Plätzen Mikindani und Sudi. In Lindi und von da nach Norden hin behielt indes die Kriegspartei die Oberhand. Anfang April unternahm Major Wißmann auf der »München« gemeinsam mit Major Liebert eine Rekognoszierungsfahrt nach dem Süden, gleichzeitig dampfte Korvetten-Kapitän Valette, der älteste Offizier der Station und Kommandant Sr. Maj. Schiff »Carola«, mit seiner Korvette dorthin. Noch vor Antritt der Rekognoszierungsfahrt wurde vom Reichskommissar in Sansibar der Kriegszustand und das Standrecht im Namen Sr. Majestät des Kaisers und des Sultans von Sansibar vom Rufidji bis zum Rovuma einschließlich proklamiert.
Für die Rekognoszierungstour entwarfen Major Wißmann und Kapitän Valette einen gemeinsamen Operationsplan. Zunächst bezog sich dieser auf den am besten verteidigten und befestigten auch bei weitem am meisten straffälligen Platz Kilwa Kiwindje, wo anderthalb Jahre zuvor die Beamten der ost-afrikanischen Gesellschaft Krüger und Hessel der Wut der Rebellen zum Opfer gefallen waren. Als die Schiffe auf der Rhede vor Kilwa ankerten, fand man die ausgedehnte Stadt an der Seeseite ganz und gar mit Pallisaden befestigt und mit Truppen stark besetzt. Eine Dampf-Pinasse der »Carola« wurde zur Rekognoszierung etwas näher an das Land geschickt, aber sofort vom Lande aus sowohl durch Gewehre, als mit den dort befindlichen Geschützen beschossen. Da die Geschütze verwahrloste Vorderlader waren, mit Eisenstücken, Nägeln und allem möglichen geladen, so war die Beschießung natürlich ganz wirkungslos. Die Dampfpinasse erwiderte das Feuer mit ihrem Revolvergeschütz.
Nachdem die Pinasse wieder an Bord der »Carola« zurückgekehrt war, wurden einige Granaten von der »Carola« in die Stadt hineingeworfen. Die im Bericht des Kapitän Valette ausgesprochene Annahme jedoch, daß das Feuer den Arabern in Kilwa bedeutende Verluste beigebracht haben müsse, bestätigte sich bei unseren an Ort und Stelle vorgenommenen zuverlässigen Erkundigungen nicht.
Der Reichskommissar seinerseits fing mit der »München« fünf Halbaraber und Neger auf und zog von diesen Nachrichten ein. Sie bestätigten nur, daß die Rebellen in Kilwa entschlossen seien, auf das energischste Widerstand zu leisten.
Nachdem der Zweck der Rekognoszierung erreicht war, kehrte sowohl Wißmann auf der »München«, als auch Kapitän Valette auf der »Carola« nach Sansibar zurück. Der gemeinsam verabredete Aktionsplan gegen Kilwa bestimmte Folgendes: Die »Carola« sollte die Blockierung und Beschießung des Platzes von der Seeseite aus vornehmen; »Schwalbe« hingegen mit den Wißmann für den Transport zur Verfügung stehenden Schiffen, dem gecharterten Sultansdampfer »Barawa«, der »Harmonie« und einem von den kleinen Dampfern außerhalb Mafia nach Kiswere gehen. Dort sollten die Schiffe den Eintritt der Dunkelheit abwarten und dann nordwärts den Hafen von Kilwa Kisiwani anlaufen, um hier die Truppen Wißmanns zu landen. Von dort aus sollte der Anmarsch gegen Kilwa Kiwindje beginnen, während »Schwalbe«, die ebenfalls Wißmannsche Truppen an Bord zu nehmen gewillt war, zur »Carola« auf die Rhede von Kilwa Kiwindje zurückdampfen sollte.
Die zur Teilnahme an den Operationen gegen den Süden bestimmten Truppen wurden für diesen Zweck in 3 Bataillone zu 3 Kompagnien unter dem Kommando der Herren Chef Dr. Karl Wilhelm Schmidt, Chef von Zelewski und dem Verfasser eingeteilt. Jedem der Bataillone wurde ein 4,7 cm Geschütz, dem zweiten (Rochus Schmidt) außerdem noch ein Maximgeschütz beigegeben. Für die Beförderung der Truppen nach dem Süden dienten für jedes Bataillon ein großer Dampfer und zwar für das erste Bataillon unter Dr. Karl Wilhelm Schmidt Sr. Majestät Schiff »Schwalbe«, da, wie erwähnt, Korvettenkapitän Hirschberg mit Genehmigung des ältesten Offiziers der Marine-Station die Güte hatte, einen Teil der Truppen auf sein Schiff zu nehmen, für das zweite unter dem Verfasser der vom Sultan gecharterte Dampfer »Barawa«, für das dritte unter Zelewski unser Dampfer »Harmonie.«
Am Abend des 29. April waren in Daressalam sämtliche für den Feind bestimmten Truppen und Fahrzeuge versammelt. Der Verabredung gemäß war Sr. Maj. Schiff »Carola« nach Kilwa vorausgegangen und dort nach einer sehr stürmischen Reise am 1. Mai eingetroffen. In der Nacht vom 1. zum 2. Mai wurde von der »Carola« mit der Beschießung der Stadt begonnen und dieselbe am nächsten Morgen fortgesetzt, die Befestigungen vor der Stadt, wie auch die verschiedenen Teile der Stadt wurden mit Granaten beworfen. Die Rebellen erwiderten zu Anfang das Feuer aus ihren bereits erwähnten Geschützen, selbstverständlich ohne mit der Ladung nur ein nennenswertes Stück weit zu reichen. Durch die Geschosse der »Carola« wurde ihnen bald die Lust zum weiteren Bedienen ihrer Geschütze genommen. Der Zweck der Beschießung, die Rebellen in permanenter Aufregung zu erhalten, war vollkommen erreicht.
Am 30. April morgens fand unterdessen in Daressalam die Einschiffung der Truppen in der vorher bestimmten Art statt, während die kleineren Dampfer des Reichskommissars Gepäck, Proviant und Munition für den Süden an Bord nahmen, teils auch noch mit Gepäck beladene Dhaus zu schleppen hatten. Die Dampfer »Harmonie«, »Barawa«, »München«, »Max« und »Vulkan« verließen, sobald sie mit der Aufnahme der Truppe, bezw. der Ladung fertig waren, am genannten Tage (dem 30. April) früh den Hafen. S. M. Schiff »Schwalbe«, auf der sich auch der Reichskommissar eingeschifft hatte, folgte um 1/2-9 Uhr morgens und holte bald die vorausgegangenen Dampfer ein. Der Südwest-Monsum hatte bereits wider Erwarten mit aller Kraft eingesetzt, sodaß der Fahrt nach dem Süden größere Hindernisse sich entgegenstellten, als man geahnt hatte.
Gleich im Anfang hegte man Besorgnis wegen der »Harmonie«, welche sehr viel Wasser übernahm und von Wind und Wellen heftig hin und her geworfen wurde. Am Nachmittag des 30. April nahm Wind und Seegang noch zu, und da an der Nordspitze Mafias erfahrungsgemäß noch größere See zu erwarten stand, so mußte die Absicht, an der Außenküste Mafias des Nachts weiter zu fahren, aufgegeben werden. Korvetten-Kapitän Hirschberg, der bis Mafia die Führung übernahm und die Dampfer alle auf den richtigen Kurs gebracht hatte, nahm nun den Kurs durch den Mafia-Kanal und erreichte bei Dunkelwerden den Ankerplatz bei Faniove, wohin er auch die andern Schiffe durch Blicke des Nachtsignal-Apparates dirigierte. Am nächsten Morgen konnte die Weiterfahrt wegen dicken Nebels und Regen-Böen erst um 7 Uhr fortgesetzt werden, und zwar in Rücksicht auf die »Harmonie« unter schwachem Dampf.
Kapitän Hirschberg verabredete mit Major Wißmann, die Südpassage durch den Mafia-Kanal, welcher vor einbrechender Dunkelheit erreicht werden konnte, zu verlassen, wenn dies des Wetters wegen irgend möglich sei, und während der Nacht nach Kilwa-Kisiwani zu gehen. Aber auch diese Absicht war undurchführbar, denn die Seeuntüchtigkeit unserer »Harmonie« stellte sich immer deutlicher heraus. Schon wir, die wir auf der »Barawa«, einem Schiff von 1000 Tonnen, eingeschifft waren, wurden bei dem fortwährenden Rollen und Stampfen stark hin und her geworfen; wirklich bemitleiden mußten wir indes die auf der »Harmonie« eingeschifften Kameraden und Truppen. Die »Harmonie« fuhr hinter uns her und wir konnten ihr furchtbares Schlingern aus nächster Nähe beobachten. Die Besorgnis, daß die »Harmonie« bei dieser See kentern könnte, lag sehr nahe, und in der That wurde bald darauf auf der »Harmonie«, als wir den Wasserweg innerhalb des Mafia-Kanals verlassen wollten, ein Signal sichtbar, daß der Dampfer unmöglich folgen könne. Nachdem der Kapitän der »Harmonie« und Chef von Zelewski, der Kommandant der auf der »Harmonie« eingeschifften Truppen mit dem Reichskommissar in Verbindung getreten waren, wurde zunächst bei Samanga geankert und hier beschlossen, daß die andern Schiffe bis auf »Schwalbe« und »Harmonie« direkt und zwar möglichst ohne daß man sie von Kilwa Kiwindje bemerken könne, nach Kisiwani weiter gehen sollten.
Die »Schwalbe« lief mit Tagesanbruch des 2. Mai nach Kilwa, um Herrn Kapitän Valette von der notwendig gewordenen Änderung der ursprünglich getroffenen Dispositionen Meldung zu erstatten und »Harmonie« folgte ihr langsam nach. Dann schlug die »Schwalbe« den Weg nach Kilwa Kisiwani ein, wo sie wieder die Führung übernahm und, den übrigen Dampfern den Weg weisend, Nachmittags in den Hafen einlief. Die Führung durch Sr. Maj. Kreuzer »Schwalbe« ist während der ganzen Fahrt nach dem Süden für uns von der größten Wichtigkeit gewesen. Den Führern unsrer Dampfer, die bis dahin kaum jemals nach dem Süden gekommen waren, war das Fahrwasser unbekannt, und es ist sowohl der geschickten Führung durch Kapitän Hirschberg, als auch besonders der großen Hilfsbereitschaft, mit der er jeden weiter zurückbleibenden oder vom richtigen Fahrwasser abkommenden Dampfer wieder auf den richtigen Weg brachte, zu danken, daß wir, ohne durch die Elemente größere Verluste zu erleiden, im Süden angekommen sind.
Dem auf der »Schwalbe« eingeschifften Bataillon und insbesondere den Offizieren ist die bestmögliche, kameradschaftlichste Aufnahme zu Teil geworden, wie überhaupt in jener Zeit das vorher zuweilen gespannte Verhältnis mit der Marine sich in ein sehr gutes umgewandelt hatte. Zumal mit der alten Besatzung der »Carola« und »Schwalbe«, mit denen wir so vieles gemeinsam durchlebt hatten, wurde eine enge Freundschaft und die beste Kameradschaft gepflogen.
Die »Harmonie« hatte die Anweisung erhalten, da sie nach Kilwa Kisiwani nicht folgen konnte, nach der Rukyrro-Bai, südlich von Kilwa Kiwindje zu gehen und daselbst das an Bord befindliche Bataillon auszuschiffen.
Bei unserer Ankunft in Kilwa Kisiwani machten das Kriegsschiff und die armierten Dampfer klar zum Gefecht, aber es zeigte sich nirgends ein Feind.
Die Landung der Truppen an der Südspitze der von Kilwa Kiwindje nach Süden auslaufenden Halbinsel ging ohne Schwierigkeit von statten und war bis zum Eintritt der Dunkelheit beendet. Die Truppen der »Harmonie« wurden ebenfalls in der Nacht vom 2. zum 3. und am 3. früh in der Rukyrro-Bai gelandet, wobei die »Schwalbe« ebenso wie bei unserer Landung in Kilwa Kisiwani durch Hergabe von Booten und durch Schleppen mit der Dampfpinasse bereitwillig Unterstützung leistete.
Eine Stunde nach begonnener Landung war in der Kisiwani-Bai die ganze Mannschaft von »Schwalbe« und »Barawa« ausgeschifft und um 5 Uhr 15 Minuten befand sich bereits alles im Marsch.
Das Landen der Truppen, Rangieren und der Abmarsch machten einen sehr guten militärischen Eindruck, in Anbetracht der überstandenen Seefahrt und der Seekrankheit, an der fast alles zu leiden hatte. Es wurde zunächst eine Stunde weit marschiert bis Masoko in der Rukyrro-Bai, in deren Nähe die »Harmonie« vor Anker lag.
Abgesehen von einem Angriff auf eine von uns ausgesandte Patrouille, bei welchem ein Mann auf unsrer Seite verwundet, einer der Gegner erschossen wurde, fanden Feindseligkeiten während der Nacht nicht statt. Wir hatten dagegen unterwegs einige Eingeborene aufgegriffen, welche uns am nächsten Tage als Führer nach Kilwa Kisiwani dienen sollten.
Das zweite Bataillon war während der Landung der »Harmonie« nordwärts vorgeschoben und hatte die Vorposten zu stellen. Noch während der Landung wurden dieselben von einem etwa 200 Mann starken Trupp, der offenbar auf die Nachricht von unserer Landung hin von Kilwa Kiwindje ausgesandt war, angegriffen. Der Gegner wurde indes nach kurzem Gefecht unter bedeutenden Verlusten zurückgeworfen.
Unmittelbar nach erfolgter Landung des auf der »Harmonie« eingeschifften Bataillons wurde der Vormarsch auf Kilwa (in der Marschordnung: zweites, erstes, drittes Bataillon), angetreten. Der Marsch führte zunächst an der Küste entlang nach Norden, dann bogen wir nach Nordwesten ab in der Richtung auf den Kisimo-Berg.
Unterwegs wurde unsere Tête fortwährend von Rebellen angegriffen, jedoch wurde der Marsch hierdurch nicht verlangsamt, da es zumeist nur des Einsetzens der Têten-Kompagnie bedurfte, den Gegner zurückzuwerfen. Dagegen hatten wir in Folge der großen Hitze, der schlechten Ernährung und der überstandenen Seekrankheit einige Fälle von Sonnenstich, was uns einigermaßen aufhielt. Während der Nacht vom 3. zum 4. Mai wurde Bivouak in einer verlassenen Ortschaft bezogen. Die Nacht verlief ohne jede Störung, obgleich das stark coupierte Terrain und die Tags zuvor sich immerfort wiederholenden Angriffe des Feindes auch Unternehmungen desselben bei Nacht erwarten ließen. Selbstverständlich waren nach dem Beziehen des Bivouaks alle Vorsichtsmaßregeln getroffen und starke Vorposten ausgestellt worden.
Am 4. Mai morgens wurde der Weitermarsch fortgesetzt, abermals unter schnell zurückgewiesenen Angriffen der Gegner. Gegen 7 Uhr wurde das Feuer der Kriegsschiffe hörbar. Die vorzüglich einschlagenden Granaten legten einen beträchtlichen Teil der Befestigung an der Front nieder, ebenso eine Menge massiver Bauten in der Stadt. Ein Teil derselben, der aus Negerhütten bestand, geriet in Brand, ein Teil der Pulvervorräte des Feindes flog in die Luft.
Als sich unsere Truppen um 8 Uhr der Stadt von Südwesten her näherten, dirigierte der Reichskommissar das zweite Bataillon auf den Süden der Stadt, das erste auf die Westlinie, während das dritte als Reserve folgte. Dicht vor der Stadt wurden noch einige Granaten in dieselbe geworfen und eine Patrouille mit der deutschen Flagge rechts nach dem Strande gesandt. Sie sollte der Marine das Zeichen zum Einstellen des Feuers geben, damit wir selbst zum Angriff vorgehen könnten.
Zu unserer großen Überraschung konnten wir, ohne Feuer zu erhalten, in die Stadt eindringen: sie war während der letzten Nacht geräumt worden. Wir hatten erwartet, daß die fanatischen Rebellen von Kilwa Stand halten würden, und daß es zu einem sehr erbitterten Straßenkampfe kommen würde, wobei die vielen festen Steinhäuser vorzügliche Reduits für die Rebellen hätten bilden können. Wäre es uns dann gelungen, den Gegner aus der Stadt zu treiben, so hätte ihm nach Erstürmung des südlichen Stadtteils das erste Bataillon vom Westen her den Rückzug abgeschnitten, und der Feind wäre in den Terrain-Abschnitt zwischen den Meeresstrand und den Fluß gedrängt worden, wo er ertrunken oder in unsere Hände gefallen wäre. Die Rebellen waren indes eingeschüchtert. Sie hatten erwartet, daß wir lediglich von der Seeseite angreifen würden, wo sie sich durch eine sehr stark angelegte doppelte Pallisadenreihe, in deren Mitte Erde geschichtet war, befestigt hatten. An verschiedenen Stellen der Pallisaden waren Bastionen errichtet, deren Armierung im ganzen aus acht primitiven Geschützen bestand. Im Norden und Süden stießen die Befestigungen an Creeks; an den Seiten dagegen waren Befestigungen überhaupt nicht angebracht.
Da wir den Rebellen den Gefallen nicht gethan hatten, die stärkste Seite der Stadt anzugreifen, und ihre Versuche, uns durch Entgegenwerfen stärkerer Trupps im Vormarsch aufzuhalten, ebensowenig Erfolg gehabt hatten, warfen sie die Flinte ins Korn und gaben die Stadt preis. Nach den eingezogenen Erkundigungen waren die Verluste an Menschenleben, welche die Rebellen durch die Beschießung der Marine erlitten hatten, ganz geringfügig, sie betrugen nur 2 Mann; um so größer aber war der moralische Eindruck gewesen, den das Bombardement und der Brand in der Stadt hervorriefen. Um nicht die ganze Stadt abbrennen zu lassen, mußten wir selbst zum Löschen schreiten.
Der Verlust der Schutztruppe vor Kilwa betrug drei Tote und einige Verwundete. Die Marine war, da ihre Schiffe aus einer Entfernung von über 3000 m feuerten, selbstverständlich nicht durch die Rebellen gefährdet. Die Verluste, welche die Rebellen in den vereinzelten Gefechten beim Anmarsch der Schutztruppe von Süden her erlitten, beliefen sich auf etwa 30 Mann. Recht wunderbar schien es uns, daß obwohl unsere Marine stets recht gut schoß, die Verluste der Rebellen an Menschenleben so ungeheuer gering waren und der Schätzung der Marine stets bedeutend nachstanden. Man sah, daß die Granaten meist vorzüglich krepierten, dennoch aber keine Verluste beibrachten. Gewiß ist in dieser Beziehung der Vorschlag des Admirals Deinhard, statt mit Granaten mit Shrapnels gegen lebendige Ziele zu feuern und die in Ostafrika stationierten Kriegsschiffe mit solchen zu versehen, sehr beachtenswert.
Kilwa Kiwindje ist die größte und bedeutendste Stadt des Südens, fast so groß wie Bagamoyo, wenn auch als Handelsplatz bei weitem nicht von derselben Bedeutung. Die Zahl der Steinhäuser und besonders der geräumigen Steinhäuser übersteigt erheblich die in allen andern Plätzen. Leider hat Kilwa eine sehr schlechte Rhede und der sehr schlickige Strand erschwert sogar das Landen mit den Booten. Die Bedeutung Kilwas ist ersichtlich aus der großen Zahl der hier wohnenden Inder. Annähernd 100 Geschäfte von Hindus und Banianen befinden sich in der Stadt.
Auf der Rhede von Kilwa lag zur Zeit unseres Angriffes das englische Kriegsschiff »Turquoise«, um diejenigen von den indischen Unterthanen aufzunehmen, welchen der Aufenthalt in der Stadt zu unsicher erschien und welche die Absicht hatten, nach Sansibar überzufahren. Es schifften sich denn auch 12 Männer und 105 Frauen und Kinder auf der »Turquoise« ein; ein Inder war noch unmittelbar vor dem Abzug der Rebellen in seinem Hause ermordet und sein Laden vollständig ausgeplündert worden. Bei unserm Einzuge fanden wir die Inder fast alle aus der Stadt geflüchtet und erst auf gutes Zureden, nachdem wir Friedensboten zu ihnen gesandt, waren sie zur Rückkehr zu bewegen.
Die Stärke des Feindes variierte nach den Angaben der Inder zwischen 5 und 7 Tausend Mann, doch scheint diese Zahl von den für größere Zahlenangaben wenig Verständnis besitzenden Leuten sehr übertrieben zu sein.
Nach unserem Einrücken in die Stadt wurden die im Besitze der Rebellen befindlichen Häuser geplündert und nachdem das Vieh, welches in der Stadt und deren Nähe sich vorfand, zusammengetrieben war, bezogen die Truppen Quartiere. Jedem Bataillon wurde ein Teil der Stadt überwiesen und diese Bereiche in Kompagnie-Reviere eingeteilt. So kamen hier nach der Seefahrt und dem Marsch im Regen, — seit unserer Abfahrt von Daressalam hatte es fast ununterbrochen in Strömen gegossen, — die Truppen zum ersten Mal in trockene Quartiere. Da sich durch die Stadt Kilwa selbst ein Creek hindurchzieht, und außerdem in der Regenzeit das ganze Terrain in und um Kilwa zum Sumpfe wird, in welchem gerade jetzt viel Erdarbeiten auszuführen waren, so kann es nicht Wunder nehmen, wenn in der nächsten Zeit der Gesundheitszustand der Truppen ein sehr schlechter war.
Am Tage nach dem Einrücken wurde eine Patrouille von 3 Kompagnien nach dem Singino-Hügel geschickt, welche die Meldung zurückbrachte, daß der erste Halt der flüchtigen Aufständischen 7 Stunden von Kilwa entfernt läge, aber kaum Aussicht sei, daß dieselben einer anrückenden Truppe weiterhin Stand halten würden.
Man ging nun eifrig an das Ausladen der Dampfer, welche die für Kilwa bestimmten Baumaterialien, Munition und Proviant gebracht hatten, und bereitete die Befestigungsarbeiten vor, so daß der Platz von zwei Kompagnien gehalten werden konnte. Als Platz für die Station wurde das alte am Strande gelegene Zollhaus und drei andere Steinhäuser ausgesucht, die zunächst durch eine provisorische Umwallung aus Wellblech (mit Erdaufwurf zwischen den Wellblechen) und durch einen Stacheldrahtzaun derart umgeben wurden, daß sie mit den Geschützen und der zugehörigen Besatzung ein wohl zu verteidigendes Fort bildeten. Die Station wurde am 8. Mai nachmittags mit 15 Europäern, 2 Kompagnien und 2 Geschützen dem Chef von Zelewski übergeben.
Am 9. Mai erfolgte die Einschiffung der übrigen Truppen und zwar an Bord der »Carola«, »Schwalbe« und »Barawa«, da »Harmonie« wegen ihrer bewiesenen Untüchtigkeit in Kilwa zurückgelassen wurde. Am Mittag des 9. Mai gingen »Carola«, »Schwalbe«, »Barawa«, »München« und »Vesuv« nach Lindi, unserem nächsten Ziele, ab, wo wir am Morgen des 10. Mai eintrafen.
Die Stadt Lindi, meist aus Negerhütten bestehend, weist nur ganz wenige Steinhäuser auf. Sie liegt auf der nördlichen Seite eines von See aus ins Land sich hineinziehenden sehr breiten Creeks. Die Ausdehnung der Stadt ist keine große, da unmittelbar hinter derselben eine ziemlich bedeutende Hügelkette eine natürliche Grenze bildete. Am Ende des Creeks mündet in diesen der Ukeredi-Fluß. Nach unserer Ankunft vor dem gewissermaßen den Hafen bildenden Creek gingen die Dampfer »Schwalbe«, »Barawa«, »München« und »Vesuv« in denselben, den sogenannten Lindi-Fluß hinein, während »Carola« von der Rhede aus die Operation auf Ansuchen des Majors Wißmann durch Hineinwerfen dreier schwerer Granaten in die Stadt eröffnete. Wir erhielten im Flusse sowohl von der Lindiseite aus, als auch von der entgegengesetzten Seite des Flusses Feuer, welches die »Schwalbe« mit Revolvergeschützen erwiderte, während ich von der Kommandobrücke der »Barawa« aus mit dem Maxim-Gun die am Strande von Lindi befindlichen Rebellen beschoß. Obgleich die Lindileute fast gar keine Verluste erlitten, wurde doch der Strand von ihnen geräumt, und unsere Landung erfolgte ohne Verluste.
Der Vormarsch gegen die Stadt machte keine Schwierigkeiten. Überall wurde das Terrain im Umkreis von den Rebellen gesäubert. Wo sie sich zeigten, wurden sie, ohne daß sie bedeutenden Widerstand leisteten, zurückgeworfen. Nach der Besetzung der Stadt wurden alsbald Vorposten aufgestellt und mit den Löscharbeiten begonnen. Eine von uns unternommene stärkere Rekognoszierungs-Patrouille, bei der wir an einzelnen Stellen beschossen wurden, hatte zwar die Rebellen über die benachbarte Hügelkette hinaus gejagt, doch wurden während der Nacht unsere Vorposten noch an verschiedenen Stellen, allerdings ohne Erfolg, angegriffen. Ein weißer Unteroffizier wurde bei der Schießerei während der Nacht verwundet. Zur provisorischen Befestigung wurde ein Platz am Strande ausersehen und drei hier befindliche Steinhäuser durch entsprechende Verbindung verteidigungsfähig eingerichtet.
Am 11. Mai bereits kehrte der Araber Selim ben Salum, welcher oberhalb des Flusses seine Schamba hatte, auf einem Boote mit der weißen Friedensfahne zurück und bot seine sowie aller Araber Unterwerfung an. Ebenso schickten die Hauptführer an diesem Tage Boten zu uns, welche um Frieden und Begnadigung baten. Die »Carola« verließ am Nachmittag des 11. Mai die Rhede, zeigte sich dann vor Mikindani und kehrte von da nach Sansibar zurück. Am 12. wurde vom Reichskommissar mit dem Dampfer »München« eine Rekognoszierung den Lindifluß aufwärts unternommen und die Niederlassung des bereits erwähnten Selim besucht. Hier waren alle Araber der Umgegend versammelt und zeigten dem Reichskommissar ihre vollständige Unterwerfung an.
Am 13. wurde die Station Lindi mit 18 Europäern, zwei Kompagnien und 6 Geschützen dem Verfasser übergeben. Der Reichskommissar brach mit den übrigen Truppen nach Mikindani auf, wo er an demselben Nachmittag eintraf. Bereits über Land war an den Wali von Mikindani ein Brief abgesandt mit der Aufforderung, beim Eintreffen des Reichskommissars sich diesem friedlich zu unterwerfen. Und so kamen denn auch bei der Einfahrt in den Hafen bereits Boten mit weißen Flaggen entgegen, welche Briefe vom Wali und den Jumbes überbrachten, in denen sie ihre Unterwerfung anzeigten. Der Reichskommissar begab sich sofort an Land und fand an der Stelle der späteren Station im ganzen 100 meist bewaffnete Araber zum Schauri versammelt. Sie wurden ermahnt, sich in den Ortschaften um Mikindani ruhig zu verhalten, und es wurde ihnen mitgeteilt, daß am nächsten Morgen die Truppen ausgeschifft und mit dem Bau einer Befestigung begonnen werden würde. Eine Sorge für ihr Leben und Eigentum hätten die sich friedlich Unterwerfenden nicht zu hegen.
Nach Ausschiffung der Truppen am nächsten Morgen wurden auch hier die provisorischen Befestigungsarbeiten vorgenommen, nachdem die friedliche Unterwerfung aller Einwohner angenommen war. Nur ein Dorf, welches die Friedensflagge nicht gehißt hatte, wurde von den Negern geräumt.
Der Wali, der Jemadari und der Akida des Sultans wurden in die Dienste des Reichskommissars übernommen und zum Gehorsam verpflichtet. Die Leitung der weiteren provisorischen Befestigungsarbeiten wurde dem Chef Dr. Karl Wilhelm Schmidt übertragen, der einige Tage darauf auf Befehl des Reichskommissars die Station mit 11 Europäern, 2 Kompagnien und 4 Geschützen an Chef End zu übergeben hatte. Die beiden übrigen Kompagnien Dr. Schmidts sollten nach Bagamoyo und Pangani zurückgesandt werden. Er selbst hatte den Befehl, auf der »Schwalbe« nach Sansibar zu kommen.
Auf der Rückfahrt von Mikindani lief der Reichskommissar mit der »München« die Plätze Lindi und Kilwa nochmals an und fand daselbst alles in guter Ordnung. In Kilwa hatten sich bereits einige 100 Eingeborene wieder eingestellt. Der größte Teil der Aufständischen war noch einige Tagereisen von Kilwa entfernt versammelt. Kilwa Kisiwani hatte als Vertreter einen völlig arabisierten Italiener, der Jussuf genannt wurde, an Chef von Zelewski gesandt, mit der Bitte auch nach Kisiwani Truppen hineinzulegen.
Am 17. Mai traf der Reichskommissar wieder in Sansibar ein und ging von dort aus am 18. nach Sadani. Bana Heri, der dem Reichskommissar, wie erwähnt, sein Schwert, das er im Aufstande gegen ihn geführt, übersandt hatte, trug ihm jetzt die Bitte vor, ihm ein anderes Schwert zu übergeben, das er von jetzt an nur in deutschen Diensten tragen würde. Seine Bitte wurde erfüllt.
In Sadani war der Araber Mohammed ben Kassim aus Tabora, der allgemein beschuldigt wurde, den deutschen Kaufmann Giesecke im Jahre 1885 in Tabora ermordet zu haben, durch Lieutenant Sigl nach erfolgter Rekognoszierung durch den Irländer Stokes dingfest gemacht worden. Wißmann, der Mohammed ben Kassim bereits drei Jahre früher am Lualaba kennen gelernt hatte, erkannte denselben wieder und sandte ihn nach Bagamoyo, woselbst er ein Kriegsgericht über ihn anordnete. Der Sultan Said Ali selbst bat zwar, seinen Unterthan Mohammed ben Kassim ihm auszuliefern, doch wurde das Ansuchen von Wißmann abgeschlagen.
Am 26. Mai trat der Reichskommissar, dessen Gesundheit durch die fortwährenden Strapazen sich sehr erheblich verschlechtert hatte, einen ihm bewilligten Urlaub nach Deutschland an, nachdem er zuvor an den von Mikindani zurückgekehrten Chef Dr. Karl Wilhelm Schmidt für die Dauer seiner Abwesenheit die Geschäfte des Reichskommissariats übergeben hatte.