13. Kapitel.
Wißmanns letzte Thätigkeit als Reichskommissar.

Ankunft Wißmanns in Sansibar am 1. Dezember 1890. — Vorbereitungen auf den Stationen zur definitiven Uebernahme der Küste nach dem deutsch-englischen Abkommen. — Expedition des Chef Ramsay gegen Maschemba. — Außerordentliche Schwierigkeiten des Marsches. — Expedition unglücklich. — Gütlicher Vergleich und Frieden mit Maschemba, erreicht durch die Initiative des Chefs End. — Fertigstellung der südlichen Stationen. — Unsichere Verhältnisse auf der Karawanenstraße nach dem Kilimandscharo. — Wißmanns Expedition nach dem Kilimandscharo. — Eroberung der Befestigung des Sultans Sinna. — Regelung der Verhältnisse am Kilimandscharo und Stationsanlage daselbst. — Rückmarsch nach der Küste. — Einfall der Wahehe in Usagara. — Expedition des Chef Ramsay dahin. — Friedliche Verhandlung mit den Wahehe. — Schlußbericht Wißmanns über seine gesamte Thätigkeit.

Am 1. Dezember 1890 übernahm Major von Wißmann vom Chef Dr. Schmidt, der sich auf einen längeren Urlaub nach Deutschland begab, wieder die Geschäfte des Reichskommissariats für die Zeit bis zum 1. April 1892. Seine erste Thätigkeit bestand in einer Bereisung der Küste, um sich von dem Zustande der Stationen zu überzeugen und Anordnungen für die am 1. Januar 1891 angeordnete feierliche Occupation der Küste mit Hissung der deutschen Flagge zu treffen. Nach Abschließung des Deutsch-Englischen Vertrages, den wir in einem besonderen Kapitel besprechen werden, war die Küste definitiv und formell in unsern Besitz übergegangen, während sowohl wir, wie die Eingeborenen immer der Ansicht gelebt hatten, daß dieselbe von der Schutztruppe durch ihr daselbst vergossenes Blut erobert worden sei. Die Thatsache, daß ein Ankauf derselben unter Zahlung von 4,000,000 Mark stattgefunden habe, und daß wir uns noch dazu der englischen Vermittlung, wie es im Vertrage ausgemacht war, beim Sultan von Sansibar bedienen mußten, überraschte uns ganz gehörig. Doch hierüber, wie gesagt, an einer andern Stelle.

Der Übergang der Küste in unsern Besitz war jedenfalls für den Januar 1891 festgesetzt, und war dies auch die Veranlassung für Wißmann, die von Dr. Schmidt gegen Maschemba geplante Expedition nicht selbst zu führen, sondern die Führung dem Chef Ramsay zu übertragen. Derselbe marschierte im Dezember von Mikindani mit 2 Sudanesen- und 2 Zulu-Kompagnien ab und wurde am 26. Dezember bei dem Dorfe des Makanda-Häuptlings Schikambo im Makanda-Gebiet, bis wohin die Scharen des Maschemba vorgedrungen waren, von diesen angegriffen. Allerdings wurde der Gegner zurückgeschlagen, immer und immer wieder jedoch belästigte er die vorwärts marschierenden Truppen. Die Wahiyao griffen nicht nur von der Seite her die Spitze der Expedition an und beschossen sie, sondern sie ließen die Spitze meist ruhig vorüberziehen und feuerten dann in die Mitte der Marschkolonne Salven hinein, brachten ihr ab und zu Verluste bei und beeinträchtigten natürlich die Ordnung im Marsche. Diese Plänkeleien setzten sich am nächsten Tage und in der darauf folgenden Nacht fort.

Wie das Terrain im Süden beschaffen, ist bereits geschildert worden; jetzt, infolge des Eintritts der Regenzeit, waren die Wege total ungangbar geworden. Da außerdem die Makanda vor den Wahiyao geflüchtet und die Dörfer derselben alle ausgeplündert waren, konnte eine genügende Verproviantierung der Truppe nicht bewerkstelligt werden. Die Kompagnien, welche mit Salven gegen die den Busch besetzt haltenden Feinde feuerten, verbrauchten einen übermäßigen Munitionsvorrat, und die Gefahr lag nahe, daß, wenn es der Expedition wirklich gelänge, die Yao-Truppen Maschemba's zurückzuschlagen und in das Dorf einzudringen, sie schließlich ihren ganzen Munitionsvorrat aufgebraucht haben und somit den Yaos gegenüber wehrlos sein würden. Ramsay beschloß daher sehr richtig, die gesamten disponiblen Truppen der Küste, eben jene vier Kompagnien, nicht dem Zufall eines Tages, dessen Chancen noch bedeutend auf die Seite der Wahiyao hinneigten, auszusetzen, sondern nach der Küste zurückzukehren. Die Verluste der Expedition an Toten und Verwundeten betrugen ein weißer Unteroffizier und zehn Farbige, eine im Vergleich zur Ungunst der Verhältnisse zwar geringe Ziffer, doch immerhin genügend, um den Rückmarsch der Expedition nach Lindi bedeutend zu erschweren. Eine Truppe, welche Verwundete mit sich führt und hierfür keine besonderen Träger zur Disposition hat, sondern Soldaten verwenden muß, ist in Afrika stets recht unbeweglich. Die Marschkolonne wird in die Länge gezogen und kommt dadurch aus der Hand des Führers.

Die Truppen Maschembas drangen der zurückmarschierenden Expedition eine Zeit lang nach und folgten ihr bis an den Ukeredifluß. Dies ungestüme Nachdringen der Wahiyao, die fortwährend von ihnen auf die Expedition unternommenen Angriffe, ihr zur Schau getragener Übermut endlich hatten die Befürchtung erregt, daß dem Expeditionskorps eine ziemlich empfindliche Niederlage beigebracht worden sei, und daß der Übermut und die Frechheit der Wahiyaos im Hinterlande noch bedeutend größer werden, die Sicherheit der Wege noch mehr gefährdet würde. Glücklicher Weise war diese Befürchtung unbegründet, da auch die Wahiyao in den verschiedenen Stadien des Feuergefechtes in jenen Tagen recht bedeutende Verluste erlitten hatten. Die Beschaffenheit des Terrains, die Schwierigkeiten der Situation brachten es mit sich, daß die Führer der einzelnen Kompagnien (es waren dies die Herren Lieutenants von Zitzewitz, von dem Knesebeck, Prince und Freiherr von Pechmann), sowie auch die als Unterführer fungierenden Unteroffiziere selbständig gegen die teils vom Rücken, teils von den Flanken aus angreifenden Gegner operieren mußten, was auch in umsichtiger und geschickter Weise von allen Seiten geschehen ist. In Folge der erlittenen Verluste und in der sehr begründeten Besorgnis, daß eine abermalige Expedition gegen ihn unternommen werden könnte, trat Maschemba im März 1891 in Friedensverhandlungen mit dem Chef der Station Mikindani, Lieutenant End, ein, der ihm ja durch unsern gemeinsamen Besuch in seinem Dorfe persönlich bekannt war.

Von der Ansicht ausgehend, daß es in unserm Interesse liegen müsse, unter den bestehenden schwierigen Verhältnissen lieber den gütlichen, von Maschemba vorgeschlagenen Weg zu benutzen, erklärte sich Chef End bereit, auf Verhandlungen mit Maschemba einzugehen, um so mehr, als von einem Frieden mit Maschemba die Erschließung des Nyassa-Gebietes und die Sicherung der Karawanenstraße abhing. Selbstverständlich machte End seine Bedingungen. Dieselben bestanden besonders darin, daß Maschemba während einer persönlichen Zusammenkunft mit End Geiseln zu stellen habe, die während der Abwesenheit Ends von Mikindani daselbst untergebracht werden sollten.

Unmittelbar vor dem Abmarsche wurde End vom Wali die Nachricht überbracht, die Geiseln seien aus Besorgnis, daß ihnen etwas passieren könne, ausgerückt; aber trotzdem marschierte End mit nur 50 Mann ab, denn er mußte befürchten, daß die Leute die abenteuerlichsten Gerüchte verbreiten und so die Friedensverhandlungen stören würden.

Durch mit Briefen vorausgeschickte Boten wurde alles geregelt: End durfte hoffen, daß es ihm gelingen würde, den Frieden in der Form, wie er es wünschte, herbeizuführen. Aber noch einmal sollte die Sache ins Schwanken kommen. An dem Tage, an welchem die Zusammenkunft stattfand, kam der Sohn von Maschemba mit der Mitteilung, von Lindi sei die Nachricht eingetroffen, daß der Friede nicht gewünscht werde, sondern daß man den Kriegszustand aufrecht erhalten wolle, eine jener Nachrichten, wie sie irrtümlich so oft in Afrika entstehen.

Um auch das letzte Mißtrauen zu beseitigen, that End einen sehr gewagten Schritt. Er ging allein mit seinem Diener dem Maschemba eine Stunde weit entgegen, wobei er sich sagen mußte, daß, da wir bisher noch keine Proben von der Zuverlässigkeit des Häuptlings erfahren hatten, sein Leben recht gefährdet war.

Aber das im Interesse der Sache unternommene Wagnis gelang und in der That wurde ihm dieses Entgegenkommen von Maschemba und seinen Leuten sehr hoch angerechnet. Es trug ganz besonders dazu bei, daß die von uns gestellten Friedens-Bedingungen bei dem darauf folgenden Schauri sämtlich angenommen wurden. Der folgende von End in der Suaheli-, wie in deutscher Sprache aufgesetzte Vertrag wurde von Maschemba unterzeichnet:

»Ich, Maschemba, Häuptling der Wahiyao um Luagalla und Umgebung verpflichte mich:

1. Ich werde niemals wieder gegen die Deutschen und die ihnen befreundeten Dörfer und Leute Krieg führen.

2. Alle Europäer mit und ohne Soldaten können ohne Gefahr mein Gebiet passieren.

3. Karawanen, vom Innern oder von der Küste kommend, passieren, ohne Hongo (Durchgangszoll) zu entrichten.

4. Die in meinem Besitz befindlichen Hinterlader liefere ich an die Station Mikindani ab.

5. Alle übrigen Gewehre bringe ich zur Stempelung nach Mikindani.

6. Von jetzt ab werde ich alle entlaufenen und bei mir Schutz suchenden Sklaven der Station Mikindani ausliefern, ebenso die von mir in der letzten Zeit ergriffenen Boys und Träger.

7. Ich werde allen Befehlen des Stationschefs von dort Folge leisten.

8. Ich werde auch meinen Leuten diese Bedingungen mitteilen und dafür sorgen, daß dieselben genau eingehalten werden.«

Hiermit war der Friede geschlossen. End und Maschemba schüttelten sich gegenseitig die Hand, und jeder marschierte ruhig nach Hause. Die nächste Zeit hat gelehrt, daß die Abschließung jenes Friedens von großem Nutzen für uns gewesen ist. Wir wurden der Notwendigkeit enthoben, im Süden eine große Macht aufzuwenden und konnten dieselbe gerade im letztvergangenen Jahre an anderer Stelle einsetzen.

Es hat sich der Handels-Verkehr im Süden gehoben und ist dort bislang die in so vielen andern Gegenden unseres Schutzgebietes bedrohte Ruhe aufrecht erhalten worden, ein Verdienst, das ohne Zweifel auf das politische Verhalten des Chefs End, der, von einem perniziösen Fieber kaum genesen, jene Expedition antrat, zurückzuführen ist.

Bis zum April 1891 waren auch die Stationen des Südens, Kilwa, Lindi und Mikindani im großen und ganzen fertiggestellt worden. Die Station Lindi hatte der frühere Chef der Verwaltungsabteilung Frhr. von Eberstein übernommen. —

Im Norden unserer Interessen-Sphäre wurde noch in den letzten Monaten der Thätigkeit des Reichskommissars das Einschreiten desselben notwendig, um die stark gefährdete Sicherheit auf der von Pangani nach dem Kilimandscharo und von dort aus nach dem Viktoriasee weiterführenden Karawanenstraße wieder herzustellen.

Der Häuptling Sinna von Kiboscho hatte in seinem Dorfe die deutsche Flagge niedergeholt, beschimpft und sich ausdrücklich geweigert, die deutsche Herrschaft anzuerkennen. Wir waren von diesem Vorgange unter anderm durch die englische Regierung von Taveta aus unterrichtet worden. Die Post des Wißmannschen Agenten in Moschi, Herrn von Eltz, war zwei Mal vom Häuptling Manamate abgefangen worden. Der Jumbe Kihungwe von Kihogwe hatte in der gröbsten Weise sich gegen den Stationschef von Masinde, Lieutenant Stenzler, vergangen, das deutsche Ansehen im Hinterland von Pangani und Tanga erschien schwer geschädigt.

So sah sich der Reichskommissar zur Unternehmung einer Expedition von Pangani aus nach dem Kilimandscharo veranlaßt. Die Expeditionstruppen wurden in Pangani vereinigt, wobei leider bei der Ausschiffung derselben und der Passage über die Barre des Panganiflusses nach dem Kentern eines Bootes der deutsche Unteroffizier Löppki mit 5 Sudanesen ertrank.

Der Marsch ging von Pangani zunächst nach Masinde. Hier wurde die Expedition, nachdem noch aus dieser Station einige disponible Truppen herausgezogen waren, definitiv zusammengestellt, und zwar zählte das unter den Befehl des Chef Johannes gestellte, aus einer Sudanesen-Compagnie und zwei Zulukompagnien bestehende Expeditionskorps 380 Mann. Außer Major von Wißmann, seinem Adjutanten Dr. Bumiller, Lieutenant Heymons und dem Führer des Expeditionskorps Chef Johannes nahmen folgende Offiziere an der Expedition teil: Lieutenants Sulzer, v. Zitzewitz, Prince, Assistenzarzt Dr. Steuber, Proviantmeister de la Frémoire und 7 deutsche Unteroffiziere.

Kurz vor dem Abmarsch der Expedition von Masinde traf noch Herr v. Eltz, der Wißmannsche Agent vom Kilimandscharo, dem erhaltenen Befehle gemäß ein, berichtete über die Verhältnisse daselbst und erhielt den Befehl, an der Expedition teilzunehmen.

Das nächste Ziel war das Dorf des aufsässigen Kihungwe, das nach Passierung des 30 Meter breiten Mkomasiflusses erreicht wurde. Sogleich bei der Ankunft der Karawane am Fluß hatte Kihungwe durch Abgesandte seine unbedingte Unterwerfung unter den Reichskommissar und den Stationschef von Masinde ankündigen lassen. Nachdem beim Dorfe Kihungwe ein Lager bezogen war, wurde der genannte Häuptling zum Schauri berufen. Wißmann sah von einer Bestrafung des Häuptlings, der von jetzt an völlige Unterwerfung versprach, ab und setzte nur in jener Ortschaft einen neuen Akida, einen Sohn des durchaus gehorsamen Simbodja ein.

Die Erledigung dieser Angelegenheit hatte die Expedition zu einer Abweichung von dem gewöhnlichen Karawanenwege veranlaßt, und wählte Wißmann nunmehr den Weg längs des Ostabhanges des Pare-Gebirges über Ndungu, Gonja, Kissiwani und von dort quer über das Hochplateau des Pare-Gebirges über Kisingo nach Pare Mabua; von hier aus wurde das hohe Ugweno-Gebirge überschritten, und gelangte die Truppe alsdann wieder auf die alte Karawanenstraße von Pangani nach dem Kilimandscharo.

Bis Kissiwani hatte die Expedition kaum mit Schwierigkeiten zu kämpfen, da die Gegend wasserreich und leidlich bebaut, die Bewohner friedlich und entgegenkommend waren. In Kissiwani wurde am 27. Januar der Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers von den deutschen sowohl wie von den farbigen Soldaten gefeiert. Nachdem die Truppe durch das Entgegenkommen des Häuptlings von Kissiwani auf drei Tage sich verproviantiert hatte, wurde am 28. Januar der Marsch über das Gebirgs-Plateau fortgesetzt. Großer Wassermangel und die völlig unbewohnte Gegend machten die Märsche recht beschwerlich. Am 30. Januar wurde der Jipe-See erreicht, dessen Gestade sich ebenso wie das eben durchquerte Hochplateau durch großen Wildreichtum auszeichnen. An diesem Tage stieß die Truppe unvermutet auf Massai, welche den Schrecken der dortigen Bevölkerung bilden.

Beim ersten Begegnen mit der imponierenden, militärischen Expedition zogen sich die Massai in eiliger Flucht zurück, bald aber kamen sie in das bei Pare Mabua belegene Lager, wurden immer zutraulicher und schließlich sogar so unverschämt, daß sie das Verlangen stellten, die Truppe möge den Lagerplatz räumen, damit sie dort ihr Vieh tränken könnten; andernfalls würden sie Gewalt anwenden.

Als Erwiderung darauf ließ Wißmann in der Nähe weidende Rinderherden der Massai in das Lager treiben und erklärte ihnen, dies sei die Strafe für ihre Ungehörigkeit. Dieses entschiedene Benehmen verfehlte seine Wirkung nicht. Die Massai, welche an dieser Stelle allerdings über kaum 150 Krieger verfügten, legten sich nunmehr aufs Unterhandeln und erlangten auch durch ihre Bitten die Rückgabe ihres Viehes bis auf wenige Ochsen und Ziegen, welche der Truppe für den eigenen Gebrauch zugewiesen waren.

Am 31. Januar und 1. Februar überschritt die Expedition das sehr steile und äußerst beschwerliche Ugweno-Gebirge. Der Aufstieg wurde bedeutend dadurch erschwert, daß Alles, selbst die Geschütze und schwersten Lasten, die steilen Pfade hinaufgetragen werden mußte.

Der Hinabmarsch zur Pangani-Ebene ging naturgemäß leichter von statten. Nach dreitägigem Marsche durch die wildreiche Pangani-Ebene und nach Überschreiten des dort schon ziemlich wasserreichen Pangani-Flusses gelangte die Expedition am 3. Februar nach Aruscha Tschini. Die Bewohner dieses Gebietes, welches in dem vom Ronga-, Weriweri- und Pangani-Flusse gebildeten Dreieck liegt, hatten sich vor nicht langer Zeit an einem Überfall beteiligt, den die Leute von Aruscha ju gegen die Wapare unternommen hatten. Wißmanns Agent, Herr von Eltz, hatte ihnen Bestrafung in Aussicht gestellt. Auf den Befehl Wißmanns wurden daher zwei Waruscha, die sich zur Begrüßung im Lager eingefunden hatten, als Geiseln zurückbehalten und als Sühne eine Strafzahlung in Vieh und die Herausgabe der bei dem Raubzuge gemachten Gefangenen gefordert. Doch schien eine Lösung der Frage auf friedlichem Wege kaum möglich zu sein.

Die durch die jungen Waruscha vertretene Kriegspartei stimmte die ganze Nacht ihr Kriegsgeheul an und verweigerte jegliches Eingehen auf die Forderungen. Erst auf die nochmaligen Vorstellungen Wißmanns überwog nach langwierigen Schauris die Friedenspartei der Waruscha, und sie erklärten sich bereit, die gestellten Bedingungen zu erfüllen. Das Abkommen wurde dadurch bekräftigt, daß die Ältesten der Waruscha mit zwei der deutschen Offiziere Blutsfreundschaft schlossen.

Sodann wurde der Marsch nach Moschi, dem Wohnsitz des deutschfreundlichen Sultans Mandara fortgesetzt. Auf dem Moschiberge hatte von Eltz bereits die ersten Vorbereitungen zur Anlage einer festen Station getroffen. Nach einem Ruhetage wurde dieselbe unter Heranziehung der vielen Träger so stark befestigt, daß sie selbst von einer geringen Besatzung zu halten war.

Gelegentlich eines Besuches des Majors von Wißmann beim Sultan Mandara wurde der schon lange geplante Kriegszug gegen Sultan Sinna von Kiboscho vorbereitet. Derselbe hatte, wie bereits erwähnt, die deutsche Flagge heruntergerissen und führte an deren Stelle jetzt die rote Flagge des Sultans von Sansibar. Zunächst befahl Wißmann dem Sultan Mandara, einen Teil seiner Wadschaggakrieger zu dem bevorstehenden Kriegszuge zu stellen, weniger in der Absicht, daß sie thätig am Kampfe teilnehmen sollten, als um sie nach erfolgter Entscheidung zur Ausbeutung des Sieges zu verwenden.

Denn vermöge ihrer genauen Landeskenntnis konnten die Wadschagga mit Leichtigkeit dem fliehenden Gegner folgen und das in dortiger Gegend sehr zahlreiche Vieh zusammentreiben.

Jeder der neuen Bundesgenossen erhielt, um ihn vom Feinde unterscheiden zu können, eine weiße Binde um den Oberarm, außerdem wurden sie angewiesen, auf etwaigen Anruf mit »Mandara« zu antworten. An die einzelnen Haufen wurden schwarz-weiß-rote Fahnen ausgegeben, jeder Haufen wurde von einem Führer befehligt. Das Kommando über jene Krieger wurde Herrn von Eltz übergeben, der sich durch die Führer mit den einzelnen Haufen verständigte.

Da Wißmann von vornherein beabsichtigte, nach erfolgter Niederwerfung Sinnas wieder nach Moschi zurückzukehren, wurde die mitzunehmende Bagage auf das mindeste Maß beschränkt. Außer wenigen Lasten für Proviant gingen nur noch Träger für die Geschütze und die Artilleriemunition mit.

Am 11. Februar 1891, nachmittags 2 Uhr, marschierten die Truppen, 300 Mann stark, von Moschi ab und bezogen abends um 6 Uhr an einem kleinen Flusse Lager im Walde. Die Nachrichten, welche hier über des Feindes Stärke und Stellung eingingen, waren, wie sich später herausstellte, teilweise unrichtig. Seine Stärke, die man auf 600 bis 800 Mann angab, entsprach zwar den thatsächlichen Verhältnissen, auch daß der Gegner fast durchgängig mit Gewehren, unter denen viele Hinterlader, bewaffnet sei, bestätigte sich. Hingegen war die Nachricht falsch, daß die Munition des Feindes sehr knapp bemessen und die von ihm angelegte Befestigung derart sei, daß sie nicht nur von den umliegenden Höhen eingesehen werden könnte, sondern daß auch der direkten Annäherung an dieselbe keine größeren Schwierigkeiten im Wege ständen. Gerade nach den letztgenannten Nachrichten konnte eigentlich niemand an ernsteren Widerstand denken.

Am 15. Februar 5 Uhr früh wurde in folgender Marschordnung aufgebrochen:

Vortrupp: 1. Sudanesenkompagnie, Artillerie;

Haupttrupp: 2. und 3. Sudanesenkompagnie, Sanitätsdetachement, Bagage mit Bedeckung.

Hinter der Bagage folgten die irregulären Haufen der Wadschagga.

Der Weg führte zunächst durch dichten Busch, der allmählich in schönen, hochstämmigen Wald überging. Dicht am Walde befanden sich zahlreiche, etwa 5 m tiefe und unten spitz zugehende Elephantengruben. Es erforderte die ganze Aufmerksamkeit der Führer, um diese sehr geschickt bedeckten Gruben aufzufinden und freizulegen, damit seitwärts vom Wege gehende Leute nicht in Gefahr kamen. Auf dem Wege waren ferner vom Feinde Beschwörungsmittel, sogenannte Daua, angebracht, meistens aus kleinen Erdhaufen bestehend, in welche Hölzchen oder Federn eingesteckt waren. Die abergläubischen Wadschagga machten immer große Seitensprünge, wenn sie an einer derartigen, verzauberten Daua anlangten, die schwarzen Soldaten indessen, an dergleichen schon von früher gewöhnt, schritten weniger rücksichtsvoll darüber hinweg.

Nach vierstündigem Marsche trat die Spitze der Kolonne aus dem Walde heraus und gelangte in die gut bebaute und bewässerte Landschaft Kiboscho. Das Gelände ist daselbst außerordentlich coupiert und bedeckt. Ein schmaler Bergrücken folgt dem andern. Der größte Teil derselben ist mit Bananen bewachsen. Da diese sehr eng zusammenstehen und von halber Höhe an mit üppigem Blätterwuchs geschmückt sind, verschließt ein derartiger Wald jegliche Übersicht, erschwert das Vorwärtskommen und bietet dem Gegner alle nur mögliche Deckung.

Beim Ersteigen des ersten Bergrückens fiel ein Schuß in der rechten Flanke, wahrscheinlich ein Signalschuß, dann war wieder Alles ruhig. Noch zwei weitere Höhen wurden erklommen, als die Spitze an einem Punkte anlangte, welcher einen freien Ausblick nach der nächstgelegenen Anhöhe gewährte. Die letztere war ganz unbewachsen; auf dem Rücken derselben befanden sich tief eingeschnittene Gräben, aus welchen heraus alsbald vom Feinde ein ziemlich lebhaftes Feuer eröffnet wurde.

Offenbar handelte es sich hier jedoch nur um eine vorgeschobene Stellung, denn der Gegner räumte dieselbe, als von der vorn befindlichen Sudanesen-Kompagnie jenes im übrigen wirkungslose Feuer mit einigen Salven erwidert war.

Der Vormarsch wurde fortgesetzt. Als der soeben vom Feinde verlassene Berg erreicht war, hatte man abermals einen Höhenrücken vor sich, welcher, von beträchtlicherer Höhe als die zuletzt passierten, mit dichtem Bananenwalde bestanden war. Von dort aus war das Kriegsgeheul einer zahlreichen Menschenmenge deutlich hörbar, auch konnte man aus den Baumspitzen heraus einen Signalmast mit roter Fahne erkennen. Major v. Wißmann schloß aus diesen Anzeichen, daß dort der Hauptwiderstand des Gegners zu suchen wäre, wenngleich man von der angekündigten und beschriebenen Verteidigungsboma nichts erblicken konnte.

Nachdem die Truppen sich hinter der Anhöhe gesammelt hatten, gab Wißmann seinen Gefechtsbefehl derart, daß auf die vorliegende feindliche Stellung ein direkter Vorstoß in zwei Kolonnen gemacht werden sollte.

Rechter Flügel: 1. Sudanesenkompagnie, Artillerie; 2. Zulukompagnie.

Linker Flügel: 3. Zulukompagnie.

Die Bagage erhielt Befehl, auf dem rückwärts gelegenen Bergrücken zu halten, woselbst sich auch die Wadschaggakrieger sammeln sollten; das Sanitätsdetachement folgte der vorrückenden Truppe. Beide Kolonnen traten gleichzeitig den Vormarsch an.

Mit vorgenommenen Schützenlinien wurden die Truppen die steile Schlucht hinuntergeführt und klommen an der andern Seite durch den Bananenwald wieder herauf. Hier empfing sie ein heftiges Feuer des Gegners aus ziemlicher Nähe. Die ersten Verluste waren zu verzeichnen.

Nach Ersteigen der halben Anhöhe gelangten die beiden Kolonnen an die bis dahin dem Auge völlig entzogene Boma des Feindes. Die letztere war umgeben von einem 3 m breiten und 5 m tiefen Graben, an dessen jenseitigem Rande sich eine starke Pallisadenwand erhob. Der innere Teil der Boma bot ein so vollkommenes Gewirr von Gräben, Pallisaden, Hecken, verrammelten Thoren, Fallgruben und sonstigen Hindernissen, daß eine Orientierung in diesem Labyrinth für einen Fremden völlig unmöglich war. An der Herstellung und Vollendung der gedachten Verteidigungsanlagen müssen die Kiboscholeute schon Jahrzehnte gearbeitet haben. Die Befestigungen waren nicht nach einem bestimmten Plane angelegt, sondern sichtbar allmählich entstanden. Jedenfalls boten dieselben ein ernstes Hindernis.

Es war erklärlich, daß bei dem Eindringen in die Boma die Verbindung der beiden Kolonnen verloren ging; dieselben vereinigten sich erst wieder im späteren Verlaufe des Gefechtes.

Auf dem rechten Flügel, den Major v. Wißmann in Person befehligte, waren die vorn befindlichen Sudanesen zuerst in die Boma eingedrungen; die große Ausdehnung der Befestigungsanlagen machte es bald nötig, auch die zweite Zulukompagnie in das vordere Treffen hineinzuziehen. Die rechte Flügelkolonne tastete, dem zerstreut fechtenden Gegner folgend, um den äußeren Rand der ganzen Boma herum, bis sie ungefähr den östlichsten Teil — der Anmarsch geschah von Westen nach Osten — erreicht hatte. Der sich entgegenstellende Feind, welcher häufig auf 20 bis 30 Schritte von irgend einer Hecke her sein Feuer abgab, wurde an allen Punkten zurückgeworfen, nirgends wurde noch einheitlicher Widerstand geleistet.

Major v. Wißmann sammelte daher an diesem Platze die Truppen der rechten Kolonne und gab Befehl, auf das hörbare Salvenfeuer der linken Flügelkolonne hin zu marschieren. Eine Orientierung nach Sicht war vollständig ausgeschlossen, denn auch die mit Pallisaden umschlossenen, zahlreichen inneren Höfe der Boma waren dicht mit Bananen bestanden.

Die Vereinigung mit dem linken Flügel gelang glücklich, denn um 11 Uhr 30 Minuten vormittags langte Wißmann unter fortwährenden Gefechten mit der Tête seiner Abteilung auf einem freien Platze innerhalb der Boma an, den kurz vorher die 3. Zulukompagnie erreicht hatte. Diese Kompagnie, ursprünglich auf dem linken Flügel befindlich, war ebenfalls auf die Boma gestoßen und zwar auf einen ganz besonders stark befestigten und verbarrikadierten Teil derselben. Auch hier hatte sich überall der Feind dem weiteren Vordringen entgegengestellt, und konnte aus der Heftigkeit des geleisteten Widerstandes geschlossen werden, daß hier die Hauptverteidigung der Boma zu suchen wäre. Dieser erste Abschnitt des Gefechtes, d. h. bis zu dem Zeitpunkt, wo sich beide Abteilungen auf dem freien Platze trafen, hatte etwa zwei Stunden gedauert.

Die eingetretene Gefechtspause wurde zum Verbinden der Verwundeten benutzt, die der vorrückenden Truppe nachgetragen werden mußten, da sie sonst unfehlbar in die Hände der erbitterten Gegner gefallen wären. Bis jetzt stellte sich deutscherseits der Verlust auf zwei Tote und elf Verwundete, unter letzteren auch zwei Europäer, Feldwebel Nowack und Unteroffizier Witte. Der gegnerische Verlust ließ sich zur Zeit auch noch nicht annähernd feststellen.

Bald wurde vom Feinde, dem das Zeugnis einer beharrlichen Tapferkeit und Kühnheit ausgestellt werden muß, das Gefecht wieder aufgenommen. Das aus nächster Nähe von mehreren Seiten abgegebene Feuer bedingte, den ungedeckten freien Platz zu verlassen und entweder das Gefecht für heute abzubrechen, oder aber die Hauptbefestigung, die bisher noch völlig unbetreten war, zu stürmen.

Wenn von Wißmann sich für den Abbruch des Gefechtes und Fortsetzung desselben am nächsten Tage entschied, so war für seine Erwägungen weniger die Rücksicht auf die schon stark ermatteten Truppen, als der Umstand maßgebend, daß die Wadschagga-Krieger zu einer späteren Verfolgung des Feindes nicht zur Hand waren. Nachdem von der Artillerie noch einige Granaten aus dem 4,7 cm Schnellfeuergeschütz in die Befestigung hineingeschleudert waren, wurde der Rückzug nach der vorher geschilderten Anhöhe angetreten.

Der Rückmarsch ging auf demselben Wege von statten, den die 3. Zulukompagnie beim Eindringen in die Boma genommen hatte. Große Schwierigkeiten machte der Transport der Verwundeten und Toten, sowie das Tragen der beiden Geschütze.

Nach Ankunft auf der freigelegenen Höhe befahl Wißmann die Besetzung der dort befindlichen Schützengräben. Die drei Kompagnien lagen nebeneinander, Sudanesen auf dem rechten, 3. Zulukompagnie auf dem linken Flügel. In der Mitte waren die beiden Geschütze in Stellung gegangen, weiter hinter der Front hatte der Arzt seinen Verbandplatz angelegt.

Schon die Arrieregarde wurde bei ihrem Abzug vom Feinde bedrängt. Um 1 Uhr nachmittags ging er seinerseits zum Angriff gegen die von den Deutschen genommene Stellung vor. Ein weiteres Vordringen wurde ihm jedoch alsbald durch die massenhaften Verluste verwehrt, die die Kiboscholeute durch das in Thätigkeit gesetzte Maxim-Gun erlitten.

Ferner traf Wißmann die Anordnung, daß sämtliche Europäer ein wohlgezieltes Schützenfeuer unterhalten sollten, während dessen die schwarzen Soldaten mit Gewehr im Arm im Graben ruhten.

Bis etwa 4 Uhr nachmittags dauerte das gegenseitige Schützengefecht, welches den Kiboscholeuten die empfindlichsten Verluste beigebracht hat. Die relative Ruhe, die dann eintrat, wurde gegnerischerseits nur durch einige Wagehälse gestört, die sich an die deutsche Stellung heranschlichen, ihre Gewehre losknallten und ebenso schnell, wie sie gekommen waren, wieder verschwanden.

In der Nacht blieben sämtliche Truppen ausgeschwärmt in den Gräben liegen; einzeln liegende Posten waren noch 50 Schritt vorgeschoben. Um 12 Uhr wurde noch einmal das Maximgeschütz abgeschossen, was ein großes Wutgeheul bei den Kiboscho-, Freudengesänge bei den am jenseitigen Bergabhange lagernden Wadschagga-Kriegern hervorrief. An Ruhe und Schlaf war kaum zu denken.

Am 13. Februar früh 5 Uhr bereits gab Wißmann seine Befehle für den Sturm auf die Boma. Ein vorgesandter Zug der Sudanesenkompagnie hatte erkundet, daß sich der ganze Feind wieder gesammelt habe und mit aller Energie an der Wiederherstellung der Verteidigungsanlagen arbeite.

Die Sturmkolonne bestand aus drei Zügen, deren spezieller Befehl dem Chef Johannes übertragen wurde. Dieser ging beim Eindringen in die noch besetzt gefundene Boma ganz systematisch zu Werke. Während zwei Züge den Feind unter beständigem Salvenfeuer hielten, mußte der dritte Zug das soeben passierte Hindernis völlig um- und freilegen, so daß ein geräumiger und breiter Weg geschaffen wurde. Alsdann erst wurde das nächste Hindernis genommen. Schritt für Schritt gelangte die Kolonne an die Hauptbefestigung, an welcher noch einmal zäherer Widerstand geleistet wurde. Mit kühnem Anlauf wurde auch diese genommen, und drangen die Truppen nunmehr unaufhaltsam in alle Häuser ein, speziell in diejenigen, welche vom Sultan Sinna bewohnt waren. Mit dem Verluste dieses Teils der Boma war das Schicksal des Tages entschieden.

Sobald die rote Flagge auf dem Signalmast niedergeholt war und Rauchwolken aus dem Innern die Einnahme jener Befestigung verkündigten, zogen die Kiboscho in eiliger Flucht nordwestlich in die Berge. Jetzt bekamen auch die Wadschagga plötzlich großen Mut; sie stürzten sich in hellen Haufen in die Boma, ein anderer Teil unternahm die Verfolgung des fliehenden Gegners. Die Sinnaleute hatten an beiden Tagen mit Erbitterung und großer Tapferkeit gefochten, viele Leichen bedeckten den Boden. Vermöge ihrer guten Bewaffnung und der reichlichen Munition waren sie im Stande, in ihrer vorzüglichen Befestigung bislang alle Angriffe ihrer Gegner blutig abzuweisen. Sinnas Boma galt allgemein, wie man jetzt von den Wadschagga hörte, als unüberwindlich. Um so größer war natürlich auch die Freude über den errungenen Sieg, der allerdings mit verhältnismäßig schweren Opfern erkämpft war. Außer den oben angegebenen Verlusten waren noch 1 Toter und 6 Verwundete zu beklagen; in Summa 3 Tote und 17 Verwundete. Der Verlust beim Feinde belief sich allein auf 200 Tote.

Außerordentlich reich war die von den Wadschagga gemachte Beute. Etwa 4000 Ochsen und 5000 Stück Kleinvieh wurden zusammengetrieben, ferner gelangte eine Anzahl Speere und Schilde, Munition und Gewehre zur Verteilung. Das Vieh wurde sofort auf verschiedenen Wegen in die Landschaft Dschagga fortgetrieben, die Truppe blieb noch bis 11 Uhr vormittags in ihrer Stellung und trat dann ebenfalls den Rückmarsch auf Moschi an. Die aus der Sudanesenkompagnie bestehende Arriere-Garde hatte noch ein unbedeutendes Gefecht mit versprengten Kiboscho, sonst wurde der Rückmarsch, insbesondere der große Viehtransport, in keiner Weise gestört. Am 14. Februar morgens kam die Truppe wieder in Moschi an, empfangen von einer Gesandtschaft Mandaras, der seiner und der Wadschagga Freude über den errungenen Sieg Ausdruck gab.

Die nächsten Tage in Moschi galten den Befestigungsarbeiten in der Station und der Fürsorge für die Verwundeten. Von diesen erlag nur ein Mann seinen Wunden, gewiß unter den außerordentlich schwierigen Umständen und bei den geringen zu Gebote stehenden Mitteln ein Beweis für die fachgemäße und opferwillige Krankenpflege.

Alsbald wurden an den überwundenen Sinna Boten abgesandt, welche die Nachricht zurückbrachten, daß Sinna sich nunmehr endgültig unterwerfen wolle und zu allen Bedingungen bereit sei; zugleich schickte er als Zeichen seiner Ergebenheit einen 105 Pfund schweren Elfenbeinzahn. Wißmann zeigte sich geneigt, die Bitte um Frieden zu erfüllen. Sinna mußte einen Teil seines Gebietes an früher von ihm vertriebene Häuptlinge abtreten und seinen Gehorsam der deutschen Verwaltung geloben. Daraufhin wurden ihm die Gefangenen ausgeliefert und das Recht zur Führung der deutschen Flagge erteilt.

Blitzschnell verbreitete sich die Nachricht von diesem Siege der Deutschen nach allen Seiten hin, und die umliegenden Stämme sandten Gesandte, um dem Reichskommissar ihre Ergebenheit zu bezeugen. Auch mit den Waruscha, die ihren Wohnsitz am Meru-Berge hatten, suchte Wißmann auf friedlichem Wege eine Einigung zu Stande zu bringen, indem er ihnen für ihre Räubereien eine Strafzahlung in Elfenbein und Rindvieh auferlegte.

Am 19. Februar gelangten Nachrichten über Übergriffe der Massai an den Reichskommissar nach Moschi. Es handelte sich um eine Expedition eines Baron von Langenn, welcher mit Genehmigung des Reichskommissars nach dem Kilimandscharo wollte. In Kissiwani angekommen, hatte er gehört, daß die Massai gedroht hätten, sich für die ihnen von den Deutschen zugefügte Unbill rächen zu wollen. Infolgedessen zog sich Herr von Langenn nach Masinde zurück und bat von hier aus den Reichskommissar um Hülfe. Da dieser indes nicht in der Lage war, dem Ansuchen durch Abtrennung einer größeren Truppenabteilung von seiner Macht zu entsprechen, mußte Herr von Langenn auf die baldige Rückkehr des Reichskommissars vertröstet werden.

Erst am 26. Februar konnte nach Abschluß der Befestigungsarbeiten und der Verhandlungen mit den umwohnenden Häuptlingen der Rückmarsch angetreten werden und zwar über Aruscha Tschini, den Pangani entlang nach Manamates Dorf am Pare-Gebirge. Am 4. März gedachte sich Wißmann hier mit dem Stationschef von Masinde, der den Befehl erhalten hatte, sich an diesem Tage mit seinen Truppen hier einzufinden, zu vereinigen. Den etwa vorüberziehenden Massai-Horden sollte mit Schonung und Rucksicht gegenüber getreten werden, bis durch offenbare Feindseligkeiten eine friedliche Lösung ausgeschlossen erschien.

Aruscha Tschini wurde am 28. Februar erreicht. Die guten Früchte der damals von Major von Wißmann an den Tag gelegten Friedensliebe blieben nicht aus; die Verproviantierung der Truppe, die auf drei volle Tage nötig wurde, stieß nicht im geringsten auf Schwierigkeiten. Die Waruscha kam allen an sie herantretenden Forderungen bereitwilligst entgegen.

Am 1. März marschierte Wißmann von Aruscha Tschini ab und überschritt bald darauf den Pangani. Der weitere Weg führte durch nackte, öde Salzsteppe; bis zu Manamates Wohnsitz war auf weitere Lebensmittel nicht zu rechnen. Die Marschzeiten wurden infolgedessen vergrößert, 3 Tage lang vor- und nachmittags marschiert. Die Expedition kreuzte hier eine nach dem Szogoni-Gebirge ziehende Massai-Horde, die man gemäß dem bereits erwähnten Befehl unbehelligt ziehen ließ.

Am 3. März abends traf die Expedition bei dem Häuptling Manamate ein und konnte sich hier endlich aufs neue verproviantieren. Für den folgenden Tag, der zum Ruhetag für die stark angestrengte Truppe bestimmt wurde, war der Stationschef von Masinde erwartet. Derselbe traf indessen nicht ein; gerüchtweise verlautete, daß die Massai den Weg nach Masinde versperrt hätten. Auch der Häuptling Manamate klagte über die Massai, daß sie die friedlichen Bewohner überfielen, ihnen ihr Vieh wegnähmen und die größten Grausamkeiten verübten.

Außerdem traf vom Stationschef von Masinde, der einer Erkrankung wegen den Marsch nicht hatte unternehmen können, die briefliche Nachricht ein, daß die Massai bis über Gonja vorgedrungen seien und ihm eine Kriegskeule als Zeichen der Kriegserklärung gesandt hätten. Infolgedessen beschloß Wißmann, von Masinde aus eine stärkere Abteilung nach Moschi zurückzusenden. Da ihn selbst dringende Geschäfte zur Rückkehr an die Küste, wo der neue Gouverneur bald eintreffen sollte, zwangen, übergab er das Kommando über 200 Mann dem Chef Johannes und befahl ihm, auf seinem Hin- und Rückmarsch die Massai überall anzugreifen und auf das nachdrücklichste zu züchtigen.

Chef Johannes traf auf dem Marsche über Gonja, Kissiwani und den Jipe-See nach Moschi noch einige Stämme der Massai. Er griff sie überall mit Erfolg an, und dadurch, daß er ihre Kraale zerstörte, ihre Herden fortnahm und viele der Massai-Krieger tödtete, zwang er sie endgültig jene Gegend zu verlassen und sich westlich über den Panganifluß zurückzuziehen, sodaß nunmehr die Sicherheit auf der wichtigen Karawanenstraße von Pangani nach dem Kilimandscharo wieder völlig hergestellt war.

Major von Wißmann zog von Masinde in Eilmärschen zur Küste und langte nach 4-1/2 Tagen am 13. März, also nach zweimonatlicher Abwesenheit, in Pangani an.

Die Expedition hatte auch den Erfolg, daß die Häuptlinge, welche bis dahin die deutsche Herrschaft nicht anerkannt, sondern verhöhnt hatten, die deutsche Macht nunmehr empfanden und sich dem Reichskommissar auf Gnade und Ungnade unterwarfen.

Bislang war von den meisten Reisenden der von Mombassa aus über Taveta ins Innere führende Weg als der sicherere gewählt worden, da die von Pangani ausgehende Straße meist von Massai-Horden gesperrt wurde. Die letztere Straße erreichte durch Wißmanns Zug annähernd dieselbe Sicherheit, wie die von Bagamoyo und Sadani ausgehenden Karawanenstraßen, da nunmehr auch hier die Jumbes die deutsche Flagge führten, teilweise auch in deutschem Solde und deutscher Abhängigkeit waren. —

Während Wißmann auf der Kilimandscharo-Expedition sich im Innern befand, drangen nach Bagamoyo an Chef Leue, der im Auftrage des Reichskommissars die Geschäfte während der Zeit der Expedition führte, beunruhigende Nachrichten von der Station Mpapua und Hülferufe von der französischen Missionsstation Longa und von den Wasagara des Mukondogua-Thales. Hier hatten die Wahehe wiederum einen Einfall gemacht, Dörfer zerstört, Eingeborene getötet oder als Sklaven weggeführt. Chef Leue raffte, was er an Truppen aus den Stationen der Küste noch irgend herausziehen konnte, zusammen und schickte unter dem Befehl des Chefs Ramsay eine Expedition nach der bedrohten Gegend aus. Bei der geringen Macht, die Ramsay zur Verfügung stand, mußte er es sich angelegen sein lassen, auf friedlichem Wege die Angelegenheit mit den Wahehe zu ordnen, und er hatte das Glück, daß bei seiner Ankunft in Kondoa die Wahehe ihm bereits Gesandtschaften entgegenschickten, ihre Unterwerfung anzeigten und sich bereit erklärten, die gemachten Gefangenen auszuliefern, außerdem eine ziemlich erhebliche Summe als Strafe in Rindvieh und Elfenbein zu zahlen. Ramsay gab den Wahehe auf, eine Gesandtschaft nach Bagamoyo zu schicken, um hier endgültig dem Reichskommissar ihre Unterwerfung anzuzeigen; er konnte nachdem für jetzt die Ordnung wieder hergestellt war, den Rückmarsch nach Bagamoyo antreten. Der Hoffnung, daß die Schwierigkeiten mit einem ausschließlich von Raub und Krieg lebenden Volke, wie den Wahehe, durch einen Vertrag ein für alle Mal beseitigt seien, konnte man sich allerdings nicht hingeben. Das konnte nur durch nachhaltigere Mittel und bedeutenden Kraftaufwand erreicht werden und mußte der nächsten Zeit vorbehalten bleiben.

Nach Wißmanns Ankunft an der Küste blieb diesem nur noch eine kurze Spanne Zeit, um die Übergabe der Geschäfte an den im Anfang April erwarteten Gouverneur von Soden vorzubereiten. Wir kommen auf die Übergabe des Gouvernements in einem der nächsten Kapitel zurück, führen aber hier bereits den folgenden Teil des Schlußberichtes des Majors v. Wißmann an, der geeignet ist, in gedrängter Form einen Überblick über das, was in den zwei Jahren seines Kommissoriums von Wißmann erreicht wurde, zu geben:

»Die ostafrikanische Küste ist zurückerobert und ihr Besitz derartig gesichert durch Anlage von Befestigungswerken und Kommunikationen, daß dieselbe mit einem im Verhältnis zur Größe des Landes äußerst geringen Truppenkontingent gegen alle Eventualitäten behauptet werden kann. Die großen Karawanenstraßen sind auf weite Strecken gesichert und unser Machteinfluß bis an die äußersten Grenzen unsers Gebietes ausgedehnt, dem deutschen Namen bis dorthin Achtung und Respekt verschafft worden. Im Norden ist das Hinterland von Tanga und Pangani bis zum Kilimandscharo hinauf als endgültig gesichert anzusehen. Die große Straße von Bagamoyo und Sadani aus ist bis Mpapua gesichert und eine weitere Sicherung in Uniamuesi von Emin Pascha und Stokes eingeleitet.

Nur in Ugogo, wo Handelskarawanen noch des Öfteren gefährdet werden, bleibt eine Lücke auszufüllen. Auch im Süden unserer Besitzung ist, seitdem Maschemba sich unterworfen hat, das nächste Hinterland beruhigt. Nur eine schwarze Truppe war der rastlosen kriegerischen Thätigkeit, wie sie sich hier entfalten mußte, gewachsen. Die im Verhältnis zu der gewaltigen Ausdehnung unseres Gebietes verschwindende Truppenstärke bedingte ein ununterbrochenes Hin- und Herziehen ohne Rücksicht auf die klimatischen Verhältnisse.

Diesem Umstande sind die meisten Verluste an europäischem Personal zuzuschreiben. Die von vornherein verfolgte Taktik, den Feind bei allen Gefechten durch einen kräftig eingeleiteten und schnell ausgeführten Angriff moralisch zu überwältigen, bewahrte die Truppen stets vor großen Verlusten im Gefechte selbst.

Immerhin sind die Verluste, wie vorher erwähnt hauptsächlich durch die Strapazen in dem Ungewohnten Klima, verhältnismäßig größer als bei einem europäischen Kriege. Der Gesamtverlust der Truppe im Gefecht (Tote und Verwundete) beträgt 21 Europäer und 151 Farbige, was bei Zugrundelegung einer Kombattantenstärke von 150 Europäern und 1200 Farbigen für erstere einen Verlust von 14, für letztere von 12-1/2 Prozent bedeutet. Die Verluste der Truppe an Toten überhaupt betragen 20 Europäer und 208 Farbige, was für eine Gesamtstärke von 200 Europäern und 1800 Farbigen (einschließlich der Nichtkombattanten) für erstere 10, für letztere 11-1/2 Prozent ausmacht.

Erst allmählich, nach Wiedergewinnung verschiedener Küstenpunkte, nach Vergrößerung des Sanitätspersonals, nach Durchführung der Impfung aller Truppen konnte die ärztliche Pflege der Truppe eine wirksamere werden, aber erst, nachdem die Unterkunftsräume ausgebaut und die Erdarbeiten, die eine Entwickelung des Malaria-Bazillus begünstigen, beendet waren, wurde der allgemeine Gesundheitszustand ein bedeutend besserer.

Gute Unterkunft schützte vor Malaria, Desinfektion und Maßnahmen zur Erlangung guten Trinkwassers vor Dyssenterie, Impfung vor Pockenerkrankungen, den drei die Gruppen am meisten gefährdenden Krankheiten. Jetzt, wo die kriegerischen Strapazen zum größten Teil überwunden sind, und durch die Fürsorge der Regierung das Sanitätspersonal für das kommende Jahr um das doppelte verstärkt ist, wird der Gesundheitszustand sich jedenfalls weiterhin bedeutend bessern.

Was die Erfolge der friedlichen Arbeit anbetrifft, so mußten die durch die militärische Thätigkeit auf Seiten der Eingeborenen entstandene Furcht und Scheu zunächst gehoben werden.

Strenge Gerechtigkeit und Wohlwollen von Seiten der Europäer der Schutztruppe, die unterdes mit den Sitten und Gewohnheiten der Inder, Araber und Neger mehr und mehr vertraut geworden waren, und strenge Überwachung der Unbestechlichkeit der farbigen Beamten erzeugten bald Vertrauen, wo früher Furcht gewaltet hatte. Das erste Zeichen von einem Gefühl der Sicherheit unter unserm Schutz war die massenhafte Rückkehr der während des Krieges Geflohenen und Ausgewanderten.

Während wir beim Beginn der Expedition in Bagamoyo täglich ungefähr ein Dutzend Leute verpflegten, die zu alt und krank gewesen wären, um mit den Anderen zu entfliehen, hat jetzt schon Bagamoyo mindestens seine alte Bevölkerungszahl wieder erreicht.

Es fällt jedem Fremden mit Erstaunen auf, wie jeder Europäer auf der Straße in unseren Küstenorten freundlich und vertraulich von überall begrüßt wird. Araber und Belutschen, Banianen, Hindus und Parsis, Goanesen, Suaheli-Sklaven und Karawanenleute aus dem Innern, griechische und Levantiner Händler, sogar Chinesen fühlen sich im lebhaft zurückgekehrten Handel und Verkehr sicher unter der deutschen Flagge. Der Druck des früher herrschenden Arabers, des seine Kapitalmacht mißbrauchenden Inders hat aufgehört. Die Erpressungen der bisherigen Walis, Kadis und Jumbes, die, da sie von ihrer Regierung unbesoldet blieben, sich selbst bezahlt machen mußten, sind einer unparteiischen und unbestechlichen Rechtspflege und Polizei gewichen. Der Sklave findet sein Recht wie der Herr. Durch möglichst seltenen Wechsel in den Stellen der Stationschefs wurde bei diesen das regste Interesse an dem Wachstum ihrer Stationen und Distrikte erzielt und damit manche Einrichtung zum Vorteil des Handels, zu hygienischen und Verschönerungszwecken.

Die Zerstörungen in manchen Küstenstädten in der ersten Periode des Aufstandes durch die Granaten der Marine erlaubten nachhaltiges Durchgreifen beim Wiederaufbau. Es wurden breite, gerade Straßen angelegt, Brücken und Wasserleitungen erbaut, Sümpfe trocken gelegt, Markthallen eingerichtet, Straßenbeleuchtung durchgeführt, offene Plätze freigehalten und durch Gartenanlagen verschönert, sowie durch entsprechende polizeiliche Aufsicht auf Ordnung, Reinlichkeit und Sicherheit hingewirkt. Für Unterkunft der Karawanen sind Karawansereien errichtet, und kürzlich ist der Grundstein für das erste Hospital für Eingeborene (unsere bisherigen Krankenhäuser und die schwarze Truppe eingerichtet) und die erste Schule für die Kinder der indischen Händler gelegt worden. Die bevorstehende Ankunft des letzten der drei Fahrzeuge der Küstenlinie wird hoffentlich recht bald ein allgemein erwünschtes regelmäßiges Anlaufen der Küstenplätze ermöglichen und ebenso ist zu hoffen, daß den Vorarbeiten für die Eisenbahnen die Vollendung bald folgen möchte.

Die allgemeine Wiederaufnahme des Feldbaues seit dem Wiedereintritt der friedlichen Verhältnisse, das Wiederaufblühen des Karawanenhandels nach erfolgter Sicherung der Straßen und jede nur mögliche Maßnahme zur Förderung des Handels müssen eine allmähliche Abnahme der unserer neuen Kolonie gebrachten Opfer bringen, müssen, wenn wir nachhaltig weiter arbeiten an dem Schaffen neuer wertvoller Exportprodukte durch Plantagenbau, auch mit der Zeit für unsere Opfer Zinsen tragen. Jeder Europäer, der während des Aufstandes unsere Küste gesehen hat und sie jetzt nach nur zweijähriger Arbeit wiedersieht, muß die Überzeugung gewinnen, daß diese Schlüsse nicht optimistisch sind, sondern das Resultat sachlicher Beobachtung.