Buschiris Rückzug nach dem Innern. — Sein Angriff auf die Station Mpapua der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. — Die Station wird von den Beamten aufgegeben. — Zusammensetzung des Expeditionskorps Wißmanns. — Mitnahme einer Waniamuesi-Karawane. — Teilung der Expedition. — Marsch des Verfassers auf der großen Karawanenstraße. — Kämpfe Wißmanns gegen die vereinigten Bagamoyo-Jumbes bei Pangiri. — Wiedervereinigung der beiden Korps in Msua. — Verhalten der Bevölkerung gegenüber der Expedition. — Wißmanns Verhandlungen mit der Bevölkerung. — Der Häuptling Kingo von Morogro. — Marschtempo und Lageranlage. — Gefecht des Verfassers gegen die Bagamoyo-Jumbes bei Somwi und Zersprengung der Rebellen. — Friedlicher Marsch bis Mpapua. — Wahehe und Massai. — Ankunft in Mpapua. — Stationsbau daselbst. — Verhandlungen mit dem Häuptling Kipangiro. — Wißmanns Abmarsch zur Küste.
Wenden wir uns nun wieder zu Buschiri. Dieser hatte sich nach seinen Niederlagen bei Bagamoyo in der ersten Hälfte des Mai ins Innere begeben, um den einzigen Platz, welchen die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft noch dort besaß, Mpapua, in seine Gewalt zu bringen.
Jene Gegend war bis dahin so ziemlich vom Aufstande verschont geblieben und nur die Kunde davon von der Küste zu den Beamten der Gesellschaft gedrungen. Von Seiten der Gesellschaftsvertretung war dem Stationschef von Mpapua, Lieutenant Giese und dem dortigen Beamten Nielsen der Rat erteilt worden, den Versuch zu machen, auf dem Wege durch das Massai-Land nach der Küste zu dringen.
Die Herren arbeiteten indes weiter an dem Ausbau der Station, allerdings in recht unpraktischer Weise, wie sich später zeigte, und glaubten sich in jener, wie gesagt, bis dahin ruhigen Gegend halten zu können, bis von der Küste Hilfe käme; um so mehr, als sie eine ganze Anzahl Suaheli-Askaris angeworben und ausgebildet hatten.
Als nun Nachrichten über einen Anschlag Buschiris nach Mpapua gelangten, versäumten sowohl Giese, teils weil er diesen Gerüchten nicht recht glaubte, teils auch, weil er am Fieber und Dyssenterie schwer darniederlag, wie auch Nielsen, die nötigen Vorsichtsmaßregeln zu treffen. So gelang es denn einem Teil der Leute Buschiris bei Nacht sich in die Station einzuschleichen. Nielsen wurde ermordet, Giese, der im Schlafe von den Aufständischen überrascht wurde, griff zwar zum Gewehr, als dieses jedoch versagte, sprang er zum Fenster hinaus und kam im Nachtgewande, alles verloren glaubend, zu einem ihm ergebenen Häuptlinge. Die Station war aber gar nicht verloren, auch waren die Suaheli-Askari nicht entflohen, sondern hatten so tapferen Widerstand geleistet, daß die Rebellen wieder von Mpapua abzogen.
Die Leute Gieses verblieben noch einige Zeit daselbst, zerstreuten sich aber, als ihr Führer nicht zu ihnen zurückkehrte. Einige von ihnen fanden sich zu Giese, der bald von seiner Krankheit soweit hergestellt war, daß er in Begleitung zweier Soldaten auf dem von seinen Askaris Buschiri abgenommenen Esel in Nachtmärschen nach der Küste reisen konnte. Buschiri kehrte, als der Ort schon von Soldaten ganz verlassen war, noch einmal dahin zurück und zerstörte und plünderte die Station, wie auch die Gebäude und die Kirche der englischen Mission zu Mpapua; die 2-1/2 Stunden entfernte englische Missionsstation Kisogue blieb verschont.
Das auf der Station befindliche 4,7 cm Geschütz hatte der Wagogo-Häuptling Kipangiro vor dem Rebellenführer gerettet und mit der dazu gehörigen Munition in seine Tembe (befestigte Niederlassung) geschafft, um es später den Deutschen auszuliefern.
So stellt sich die Sache dar nach den übereinstimmenden Aussagen der Soldaten der Besatzung und der englischen Missionare von Kisogue. Der Bericht Gieses widerspricht dem in einigen Punkten, indes ist es wahrscheinlich, daß der durch seine Krankheit schwer Mitgenommene den Vorgang nicht so klar überschaut hat, wie er es bei vollkommener Gesundheit gethan hätte. Zweierlei steht jedenfalls unleugbar fest, daß Vorsichtsmaßregeln so gut wie gar nicht getroffen waren, und daß die Besatzung, obwohl ihr Führer alles verloren glaubte, noch einige Tage nach dem Abzug Buschiris sich in Mpapua gehalten hat.
Die über die Vorfälle in Mpapua an die Küste gedrungenen Gerüchte, welche durch den persönlichen Bericht des Lieutenants Giese teils bestätigt, teils erweitert wurden, sowie die Nachricht, daß Buschiri unter den Wahehe und Mafiti Anwerbungen mache, um gegen uns zu ziehen, veranlaßten den Reichskommissar nunmehr eine Expedition nach dem Innern vorzubereiten. Lag doch die Gefahr vor, daß Buschiri jetzt, wo die deutschen Interessen im Innern nicht mehr genügend geschützt werden konnten, gegen die Stationen der englischen und französischen Mission vorgehen und die große Karawanenstraße weiterhin beunruhigen werde.
Hatte Buschiri doch schon den wenn auch vergeblichen Versuch gemacht, eine vor kurzem in Bagamoyo unter der Führung des bekannten Karawanenführers Tscherekesa angelangte Karawane, welche eine große Rindviehherde, Kleinvieh und Elfenbein mit sich führte, auf ihrem Marsche ihrer Habe zu berauben.
Für Wißmanns Absicht traf es sich günstig, daß Lieutenant Ramsay, der zur abermaligen Anwerbung von Zulus abgeschickt war, gerade mit 300 Neuangeworbenen in Bagamoyo angekommen war, die nun eifrig einexerziert wurden und zur Teilnahme an der Expedition herangezogen werden konnten.
Dem Reichskommissar war es klar, daß, wenn sich die Nachricht von den Anwerbungen Buschiris bei den Wahehes und Mafitis bewahrheitete, nach seinem Abrücken mit einer größeren Truppenmacht ein Erscheinen der Rebellen an der Küste mit den alten Anhängern und den neuen Kräften mindestens wahrscheinlich sei. Nichtsdestoweniger schien es Wißmann von der größten Wichtigkeit, die Expedition selbst ins Innere zu führen, um sich persönlich über die Absichten und die Stimmung der Eingeborenen und ihr Verhalten zu den Deutschen und Buschiri zu unterrichten. Die bisher nur in sehr unsicherer Form zu ihm gedrungenen Gerüchte ließen es nötig erscheinen, daß der Kommissar auf Grund eigener Wahrnehmungen seine Maßnahmen träfe. Er trug jedoch Bedacht, daß sein Stellvertreter an der Küste, Freiherr von Gravenreuth, nicht nur eine zur Sicherung der Stationen erforderliche Truppenzahl zur Verfügung behielt, sondern auch gegebenen Falls ein Expeditionskorps bis zur Stärke von 200 Mann formieren konnte, ohne daß deshalb die Stationen entblößt werden mußten. Hierzu kam noch, daß an der Küste selbst ja im äußersten Falle die Kriegsschiffe helfend eingreifen konnten.
Das Korps, welches der Reichskommissar mit sich nahm, bestand aus 3 Kompagnien, (1 Sudanesen- und 2 Zulukompagnien), einer Askaritruppe und der Artillerieabteilung (1 Maxim-Gun und ein 4,7 cm Geschütz); im ganzen waren es 25 Europäer und 550 Mann.
Die Führung des ganzen Expeditionskorps hatte Chef von Zelewski, der Sudanesen Lieutenant End, der Zulus Lieutenant Ramsay und von Medem, der Artillerie Lieutenant Böhlau, der Askaris Deckoffizier Illich. Ferner nahmen Teil Dr. Bumiller als Adjutant des Reichskommissars, und als Gast Wißmanns Herr Otto Ehlers, bekannt durch seine Reise nach dem Kilimandscharo und als Führer der vom Dschaggahäuptling Mandara an Se. Majestät den deutschen Kaiser geschickten Gesandtschaft.
Verfasser selbst hatte in der ersten Zeit die Waniamuesi-Karawane mit einem Teile der Soldaten zu führen. Es erschien wohl möglich, daß diese Karawane unterwegs von Buschiri angegriffen würde. Die Söhne Uniamuesis waren wegen der uns geleisteten Dienste den Rebellen verhaßt und sie führten große Reichtümer mit sich.
Die Fürsorge für die Träger und die Lasten, wie das ganze Verpflegungswesen war Lieutenant Blümcke übertragen. Die Trägerkolonne bestand, da wir uns nur auf die Mitnahme des Proviants und der notwendigsten Tauschartikel und Geschenke beschränkten, trotz der großen Anzahl von Europäern und Truppen, aus nur 100 Mann, meist Leute von der Küste nebst einer Anzahl Wassukuma aus der oben bereits erwähnten Karawane, deren Zutrauen wir uns so schnell zu verschaffen gewußt hatten, daß sich ein Teil von ihnen willig zu Trägern für uns hergab.
Da vor dem Aufbruch der Expedition gemeldet wurde, daß etwas seitlich von der Karawanenstraße bei Pangiri sich ein Rebellenlager befinde, wohin sich die vereinigten Jumbes von Bagamoyo gezogen haben sollten, beschloß Wißmann zunächst dorthin zu marschieren und die Aufständischen zu vertreiben. Wie erwähnt, gab er dem Verfasser den Auftrag am Tage nach seinem Abmarsch mit der ganzen Waniamuesi-Karawane und den Trägern auf der großen Karawanenstraße vorzugehen, bis er wieder zum Gros stieße, was spätestens in Gerengere der Fall sein würde.
In Gemäßheit dieses Befehls setzten wir am ersten Marschtage in Böten über den Kingani, woselbst Lieutenant Sulzer einen befestigten Posten kommandierte. Daß die Karawane nur außerordentlich langsam vorwärts kam, ist bei der großen Masse von Weibern und Kindern und besonders bei den ungewöhnlich großen Lasten, die jeder einzelne zu schleppen hatte, leicht begreiflich. Hatten doch die Waniamuesi durch ihre Teilnahme am Kampfe gegen die Rebellen und an den Befestigungsarbeiten in den Küstenplätzen Gelegenheit gehabt, mehr als gewöhnlich zu verdienen, und so natürlich auch mehr eingekauft als sonst. Von einer Ordnung war überhaupt keine Rede, und es wäre verlorene Mühe gewesen, hieran irgendwie etwas ändern zu wollen, wenn wir nur unsern Zweck, die Karawane vor feindlichen Überfällen zu schützen, erreichten.
Aus Furcht vor einem Angriff Buschiris hielten sich die Waniamuesi in den ersten Marschtagen, als wir uns noch nicht mit der Expedition des Reichskommissars vereinigt hatten, stets möglichst dicht hinter dem deutschen Teil der Expedition, welcher die Begleitmannschaft und unsere Träger umfaßte. In Mtoni am Kingani verabschiedete sich Verfasser vom Lieutenant Sulzer. Nachdem wir die links vom Flusse sich hinziehende durch ihren Reichtum an Giraffen und Antilopen zur Jagd verlockende Ebene passiert hatten, langten wir in Mbuyuni, dem dortigen Hauptplatze der Wadoës an. Da diese sich am Aufstande beteiligt hatten, ihnen sogar nachgesagt wurde, daß sie drei von der Marine während des Kampfes desertierte Matrosen gefangen genommen und aufgezehrt hätten, — was dahin zu berichtigen ist, daß sie allerdings, ihrer alten kannibalischen Sitte folgend, den Leichnam eines jener drei von andern Aufständischen ermordeten und in den Fluß geworfenen Fahnenflüchtigen herausgefischt und verspeist hatten, — so war es von vorn herein nicht gewiß, wie sich die zu passierenden Wadoë-Dörfer zu unserer Expedition stellen würden.
Bei Mbuyuni angekommen, ging ich zunächst mit einigen meiner Leute in das von einer schwachen Boma umgebene Dorf, das ich ziemlich verlassen fand. Ich schickte in das Haus des Muene, wie die Wadoë-Häuptlinge genannt werden, und ließ ihn zu mir rufen. Er erschien auch sofort mit einem kleinen Gefolge, hinter sich einen Diener, der ein Leopardenfell und einen mit ebensolchem Fell überzogenen Sessel trug, — beides nebst einer kunstvoll geschnitzten Axt, welche der Muene immer mit sich führt, die von ihm unzertrennlichen Zeichen seiner Würde. Als der Diener den Sessel hingestellt und das Fell davor gebreitet, nahm der Muene selbst darauf Platz und ließ den Verfasser vor sich stehen. Es wurde ihm bedeutet, daß dies bei uns nicht Sitte sei, und er ließ auch sofort eine Kitanda (Negerbettstelle) herbei bringen, auf welche wir uns einträchtig neben einander setzten.
Aus der Unterredung gewann ich bald die Ueberzeugung, daß besagter Häuptling ein gutmütiger Mann sei, und daß ihm wie seinen Leuten daran lag, mit uns in Frieden zu leben. Wir erfuhren später, daß kurz vor meinem Besuche die Wadoë bei einem Zauberer angefragt hatten, ob sie den Krieg fortsetzen und auf Seiten Buschiris bleiben sollten oder nicht, und von diesem den Rat erhalten hatten, vom Kampfe abzulassen und sich offen auf unsere Seite zu stellen. So geschah es denn auch in Mbuyuni, wie in den andern Wadoë-Dörfern, welche wir durchzogen. Der Muene von Mbuyuni hat sogar einige Wochen später Anhänger Buschiris, welche jene Gegend passierten, gefangen genommen und Herrn von Gravenreuth nach Bagamoyo zugeschickt.
Ich machte zwei Rasttage, um die weit zerstreute Waniamuesi-Karawane wieder vollzählig beisammen zu haben. Von den Eingeborenen kehrten die meisten, auch die Weiber und Kinder bald wieder aus ihren Verstecken zurück, als sie sahen, daß wir nichts Arges gegen sie im Schilde führten, und nicht duldeten, daß ihr Hab und Gut irgendwie von unseren Soldaten oder den Leuten der Karawane angetastet würde, ja daß sogar die Diebstähle, welche die Waniamuesi nicht lassen konnten, streng bestraft wurden. Es bestand bald das beste Einvernehmen, und ein gemütlicher Verkehr zwischen uns und den Eingeborenen entfaltete sich.
Die Wadoë sind ursprünglich reguläre Kannibalen. Sogar noch im vorigen Jahrzehnt waren die Fälle, daß Leute geschlachtet und verzehrt wurden, gar nicht so selten und bei feierlichen Gelegenheiten, Thronwechsel und dergl. fehlte der Leckerbissen des Menschenfleisches nicht, trotz der großen Nähe der Küste und der Lage von Mbuyuni an der Karawanenstraße.
Bei der Karawane des Verfassers wurden eine Anzahl Brieftauben mitgeführt, um festzustellen, auf welche Entfernung dieselben zur Verbindung des Innern mit Bagamoyo verwandt werden könnten, wo sie einige Monate lang gefüttert worden waren. In Mbuyuni wurden zum großen Gaudium der Einwohner zwei Brieftauben mit der in den Kiel eingeführten und an einer Schwanzfeder angenähten Depesche aufgelassen. Sie stiegen zunächst hoch in die Luft empor, offenbar um Umschau zu halten und das Meer ist ihnen wahrscheinlich der beste Wegweiser über die einzuschlagende Richtung gewesen. Sie sind, wie auch alle andern, die in den nächsten Tagen bei Msua abgeschickt wurden, richtig in Bagamoyo eingetroffen. Verfasser war dafür, ein Paar Exemplare mit bis Mpapua zu nehmen und zu versuchen, ob sie auch von dort aus unsere Nachrichten bis an die Küste bringen würden. Es wäre dies später von großem Interesse gewesen, wenn die Kunde von der Ankunft Stanleys und Emin Paschas in Mpapua in kurzer Zeit hätte nach der Küste übermittelt werden können, um von da aus per Draht nach Europa befördert zu werden. Allein dies unterblieb, weil von Msua nur das absolut Notwendige weiter mitgenommen werden sollte.
In den nächsten Tagen wurde Mbiki, ebenfalls ein Wadoë-Dorf, passiert, und zwei Tage später Msua erreicht. Von dort aus hatte mir der Kommandant schon die Nachricht seiner Ankunft gesandt. Nach dem Zusammentreffen setzte nun die gesamte Expedition unter der Führung des Reichskommissars ihren Weg fort, wobei es allerdings vorkam, daß die Waniamuesi-Karawane, welche so schnell nicht folgen konnte und mochte, mitunter ein auch mehrere Tage zurückblieb.
Bei diesem Marsche benutzten die Europäer, soweit es angängig war, Reittiere, und zwar Esel oder Maultiere. Die Versuche, Ochsen als Reittiere zu benutzen, wie dies in Westafrika geschieht, mißlangen. Die Tiere waren nicht kräftig genug, um den Anstrengungen unserer Märsche gewachsen zu sein, krepierten teilweise unterwegs, oder waren, wenn sie noch bis zur Küste gelangten, derartig entkräftet, daß sie dem Fieber erlagen, während die westafrikanischen Stiere meist aushalten; hat doch Wißmann den größten Teil seiner Reisen in Westafrika auf einem Reitochsen gemacht.
Beiläufig bemerkt, ist es eine in Ostafrika allgemein gemachte Erfahrung, daß Menschen (Fremde und Eingeborene) wie auch Tiere nach den Anstrengungen großer Expeditionen am Fieber erkranken, — ferner aber, daß bestehende Fieber durch Ortsveränderung verschwinden.
Bevor Wißmann nach Msua kam, hatte er in Pangiri die vereinigten Jumbes von Bagamoyo geschlagen und große Vorräte an Proviant erbeutet, von denen ein Teil der Expedition zu gute kam. Der Rest, der von den Soldaten und Trägern nicht verzehrt oder mitgenommen werden konnte, wurde wie das Rebellenlager selbst verbrannt.
Es sei gleich hier erwähnt, daß inzwischen Gravenreuth an der Küste aus den Besatzungen von Bagamoyo und Daressalam eine Abteilung zusammengezogen hatte, um mit ihr zur Züchtigung der Sklavenräuber in Bueni und Kondutschi auszuziehen. Er hatte Bueni, einen Platz, an dem immer viel Schmuggel getrieben worden war, besetzt und dort einen Offizier als Stationschef zurückgelassen. Die Besetzung Buenis und der Erfolg in Pangiri wirkten zusammen vorteilhaft für unser Ansehen an der Küste.
Da im Innern die meisten Ortschaften, mehr oder minder dem Zwange der Verhältnisse folgend, am Aufstande beteiligt waren, wurde die Wißmannsche Expedition zunächst überall mit Furcht und Mißtrauen empfangen; so in Msua, wo die Weiber und Kinder geflüchtet waren und die Männer bewaffnet im Dorfe uns erwarteten. Sie wurden davon verständigt, daß es dem Reichskommissar fern liege, an allen, welchen eine Teilnahme am Aufstande zugeschrieben werden konnte, Rache zu nehmen. So ist es ihm an der Karawanenstraße, wo es besonders darauf ankam, möglichst schnell Sicherheit und Ordnung herzustellen, gelungen, die Häuptlinge und Eingeborenen für sich zu gewinnen. Wie überall, so meldete sich auch in Msua bald der Jumbe Simba mit seinen Leuten, brachte Geschenke und erbat friedlichen Verkehr. Von Msua aus ließ der Reichskommissar seine Ankunft in den an den nächsten Tagen zu passierenden Ortschaften immer vorher ankündigen und den Eingeborenen anheimgeben, ihm bereits auf dem Wege Gesandte entgegenzuschicken, und eine friedliche Verständigung zu suchen. In allen Dörfern hielt Wißmann dann Schauri ab (Gerichtsverhandlung), worin er erklärte, daß er es nur mit Buschiri, dem Anstifter des Aufstandes zu thun habe, der auch jetzt noch keinen Frieden wolle, sondern den Krieg gegen uns fortsetze. Er werde daher auch fortfahren Buschiri zu bekämpfen und überall hin zu verfolgen; ihn und seinen Anhang irgendwie zu unterstützen, verbiete er den Eingeborenen, wenn sie ein Einschreiten seinerseits und eine strenge Bestrafung an ihrem Hab und Gut vermeiden wollten. Er versprach zugleich, gegen die Räuber und Sklavenfänger strengstens vorzugehen und aufs angelegentlichste für die Herstellung von Ruhe und Ordnung an der Straße Sorge zu tragen. Solche Reden Wißmanns verfehlten nirgends ihren Eindruck. Alle Dörfer erbaten sich Schutzbriefe und eine deutsche Flagge, die sie freilich in der ersten Zeit noch etwas schüchtern aufzogen, da sie es doch noch immer für angezeigt hielten, sich nicht ganz offen in den Augen des uns feindlichen Teils der Araber, Belutschen und Mrima-Leute als Freunde der Deutschen zu bekennen. Konnten sie doch immer noch annehmen, daß die Rebellenpartei gelegentlich einmal die Oberhand gewinnen würde. Indes die zunehmenden Erfolge Wißmanns und Gravenreuths und die späteren Siege über Buschiri bewogen sie bald, ganz offen für uns Farbe zu bekennen.
Von Msua ging es weiter über Kisemo, Gerengere nach Simbamueno, einem Dorfe in der Ebene, welche sich am Fuße der Ukamiberge südlich vom Nguru-Gebirge hinzieht und östlich in die Makata-Ebene übergeht. Am Abhange der Ukamiberge, etwa 1-1/2 Stunde von Simbamueno und eine Stunde von der westlich dieses Dorfes gelegenen Ortschaft Morogro ist von der französischen Mission eine Station angelegt, die in der Regel ebenfalls Morogro genannt wird. Dieselbe hatte in der letzten Zeit die gesamten Missionare der Missionsgesellschaft vom heiligen Geist, aus Longa, Mhonda und Tubugue beherbergt. Es schien auf diesen Stationen nicht mehr genügende Sicherheit vor Buschiri vorhanden zu sein, obgleich er die Bagamoyo-Missionare stets als neutral behandelt hatte. In Morogro selbst hatte die Mission den Schutz des mächtigen Häuptlings Kingo angerufen, der als Herrscher von Morogro bis an die Grenze von Usagara anerkannt war, ein wohlbefestigtes und leicht zu verteidigendes Dorf zum Sitz hatte und sich der französischen Mission, von der er viele Wohlthaten empfangen, stets gut gesinnt erwiesen. Von Morogro aus schickte Wißmann einen Boten mit Nachrichten über die Vorgänge an der Küste und seine Absichten zu den Missionaren, und erhielt auch von diesen einen Brief zurück. Da aber darin genauere Angaben über Kingo fehlten, Kingo selbst weder erschien, noch Gesandte schickte, auch die für die große Karawane so notwendigen Lebensmittel aus Morogro und Simbamueno, wo Kingos ältere Schwester, gleichfalls Simbamuene genannt, herrschte, nicht zum Verkauf gebracht wurden, so hatten wir Grund anzunehmen, daß es mit der guten Gesinnung des Häuptlings doch so weit nicht her sein könne. So wurde denn den Eingeborenen mitgeteilt, daß am nächsten Tage ein Besuch Kingos erwartet werde und schleunigst ausreichende Lebensmittel gebracht werden sollten, wenn sie eine für sie unangenehme gewaltsame Requisition vermeiden wollten.
Am nächsten Morgen schickte mich der Reichskommissar mit Lieutenant Böhlau auf die Mission, um genauere Nachrichten über die dortigen Verhältnisse einzuziehen, die Missionare zu uns ins Lager einzuladen und sie, falls sie Einfluß auf Kingo hätten, zu bewegen, denselben in vermittelnder Weise zur Geltung zu bringen.
Der Vorsteher der Mission, Pater Mevel, ein Franzose, empfing uns auf das liebenswürdigste; bei ihm befand sich Pater Horner, ein Nassauer, der vorher an der Westküste zwei Jahre thätig gewesen war. Verfasser erfuhr von ihnen, daß Kingos Verhalten ein durchaus friedliches gewesen war, daß er sogar ein persönlicher Feind Buschiris sei und diesem sowohl wie den von Pangiri geflüchteten Jumbes von Bagamoyo die Aufnahme in seinem Dorfe verweigert habe. Er hatte die letzteren hierdurch gezwungen, von der Karawanenstraße nach Süden abzubiegen; die Missionare habe er entschieden in Schutz genommen und ein Vorgehen Buschiris gegen sie verhindert, welcher des Lösegeldes wegen sie gern in seine Gewalt gebracht hätte. Daß Kingo sich den Deutschen noch nicht genähert habe, sei auf eine gewisse den Negern überhaupt eigentümliche Ängstlichkeit zurückzuführen.
Die von den Missionaren an den Häuptling gesandten Boten bewogen diesen auch sofort, sich mit Geschenken zu uns ins Lager zu begeben und seine Unterthanen zum Verkaufe reichlicher Lebensmittel zu veranlassen. Am Nachmittag desselben Tages begab sich Verfasser auch zur Simbamuene, einer bereits ältlichen Dame mit ergrautem Haar und erreichte hier den gleichen Erfolg. Tags darauf verlegte Wißmann das Lager von Simbamueno in die Nähe des Kingoschen Dorfes.
Es sei bei dieser Gelegenheit erwähnt, daß wir die Lager immer in einer dem Gelände angepaßten Form, meist im Viereck oder im Kreise errichteten und mit einer schirmartigen schrägen Umzäunung aus Matama oder Maisstengeln oder irgendwelchem Gestrüpp oder Gras, je nachdem es die Gegend ermöglichte, umgaben. Die Soldaten hatten auf diese Weise Schutz gegen die gröbsten Unbilden des Wetters und das Innere des Lagers war zum Teil dem Einblick von außen entzogen. Bei einem Überfalle hatten die Truppen weiter nichts zu thun, als sich jeder an dem angewiesenen Platze auf die Erde zu werfen, die Gewehre aus der Einfassung herauszustecken und den Befehl zum Feuern abzuwarten. Im Innern der Lager erhoben sich eine Anzahl Zelte für je zwei, drei und vier Europäer. Vor dem Zelte Wißmanns wurde in der Regel das Maxim-Gun und das 4,7 cm Geschütz aufgestellt, welches stets sofort nach dem Beziehen des Lagers zum Gefecht klar gemacht wurde. Alsdann wurden Innen- und Außenposten aufgestellt.
Über die Art und Weise unseres Marsches ist folgendes zu erwähnen. Wenn eine besondere Eile nicht erforderlich schien, wurde des Vormittags und auch noch einen Teil des Nachmittags marschiert, bis der für den Tag bestimmte Lagerplatz erreicht war, die Expedition hatte dann noch hinreichend Zeit, sich vor Eintritt der Dunkelheit ordnungsgemäß und bequem einzurichten.
Das war natürlich nicht möglich, wenn es galt schnell vorwärts zu kommen. Dann wurde in den weniger heißen Stunden des Vormittags marschiert und nach einer Mittagsrast der Marsch den späteren Nachmittag hindurch fortgesetzt. Wenn es der Zweck erforderte, wenn zum Beispiel die Absicht vorlag, irgendwo überraschend anzutreten, sind von der Schutztruppe öfters auch sehr bedeutende Eilmärsche, Tag und Nacht hindurch, ausgeführt worden. —
Wie erwähnt, führte das Schauri in Simbamueno, das dann später in Morogro fortgesetzt wurde, zu einem für beide Teile befriedigenden Resultate. Kingo erklärte sich ganz offen für uns und umgekehrt wurde ihm von Wißmann seine Herrschaft bis nach Usagara, — selbstredend unter deutscher Oberhoheit, — bestätigt. Auch wurde sein Einfluß bei allen Schauris mit den Eingeborenen der nächsten Dörfer, auf denen sich der Reichskommissar als Freund Kingos erklärte, in jeder Weise gehoben. Es war dies für uns ein großer Vorteil, da wir bei unsern verhältnismäßig geringen Mitteln in Ostafrika nicht überall selbst sein und herrschen können. Oft sind wir auf die gute Gesinnung der eingeborenen Häuptlinge angewiesen und sind durch diese viel leichter und ohne Mißstimmung zu erregen in der Lage, unsere eigene Herrschaft auszubreiten und humanitäre Zwecke zu erreichen. Außerdem wurde Kingo ein Monatsgehalt ausgesetzt und ihm außer andern Geschenken seinem Wunsche gemäß die deutsche Fahne übergeben. Von der Küste wurden ihm später zur Verteidigung seines Dorfes zwei Böller übersandt, mit denen allerdings nicht viel Unheil anzustiften ist, die aber immerhin auf die feindlichen Eingeborenen ihre moralische Wirkung nicht verfehlen.
Kingo gab unserer Expedition bis nach Usagara seinen Bruder Kibana mit, welcher Wißmann durch seine Beziehungen zu den Eingeborenen gute Dienste leistete und ihm seine Absicht erleichterte, die Eingeborenen an der Straße für sich zu gewinnen.
Unterdes hatten die aufständischen Jumbes es ihrerseits nicht an Bemühungen fehlen lassen, den mächtigen Häuptling auf ihre Seite zu bringen, obwohl sie ja allerdings, wie oben erwähnt, durch sein ablehnendes Verhalten genötigt worden waren, nach Süden auszubiegen. Von ihrem neuen Lager aus schickten sie einen Brief an Kingo. Sie hofften ihn zu bewegen, mit ihnen gemeinsam die Waniamuesi-Karawane, welche sehr langsam marschierte und noch hinter uns zurück war, oder, wenn sie wieder mit uns vereinigt wäre, die gesamte Expedition auf dem Marsche von Makata nach Comberingha an einem der nächsten Tage zu überfallen. Sie glaubten besonders durch den Hinweis auf die wertvollen Lasten der Karawane die Gewinnsucht Kingos zu reizen und ihn dadurch dem vorgeschlagenen Unternehmen geneigt zu machen.
Wißmann hatte es jedoch, wie immer bei den Eingeborenen, verstanden, das Vertrauen des Häuptlings derartig zu gewinnen, daß dieser nach Empfang des Briefes nichts Eiligeres zu thun hatte, als ihn dem Reichskommissar zu übergeben und ihn so von dem Anschlage in Kenntnis zu setzen.
Es war dies am 3. September Abends. Infolgedessen erteilte Wißmann mir den Auftrag mit der Zulukompagnie von Medem und einer halben Kompagnie Sudanesen, geführt von ortskundigen Eingeborenen, welche Kingo uns zur Verfügung stellte, gegen die Aufständischen vorzugehen. Ich fand diese nach ununterbrochenem Marsche in den Mittagsstunden des 4. September in der Nähe von Somwi, wo sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. Sie wurden sofort aus ihrer ersten Position geworfen, hielten uns aber, als wir in dem sehr coupierten Terrain weiter vorgingen, noch einmal in einer Bergmulde stand. Hier entspann sich ein heftiges Feuergefecht.
Meine Abteilung bis auf einen Zug Sudanesen, den ich die hinter uns gelegenen Hügel hatte besetzen lassen, hatte ich völlig entwickelt, und so lagen wir uns in langen Linien an einem sich unregelmäßig durch das Gelände hinziehenden Graben, der ein natürliches Hindernis bildete, auf nur 20 Schritt gegenüber.
Der hohe Gras- und Dornenwuchs gestattete wenig Einsicht in das Terrain, in welchem sich der Gegner festgesetzt hatte, doch schien er nach einer Reihe von Salven, die er zuerst ebenfalls mit einem heftigen Schnellfeuer erwiderte, erschüttert, und als wir nun mit Marsch-Marsch über das Hindernis vorgingen, zwangen wir ihn zu einer regellosen Flucht ins Gebirge, das uns leider nur eine kurze Verfolgung gestattete.
In dem Gefechte waren auf gegnerischer Seite etwa 30 Mann gefallen und viele verwundet worden. Wir hatten einen Zulu tot und drei schwerverwundete Farbige; Verfasser selbst hatte einen leichten Streifschuß am Oberschenkel und Herr Ehlers, der sich freiwillig angeschlossen hatte, konnte von großem Glück sagen, daß ihm eine gutgemeinte Kugel zwischen den Strümpfen und der Stiefelsohle stecken geblieben war.
Wir hatten auch drei Gefangene gemacht. Dieselben unternahmen, als wir nach der Rückkehr von der Verfolgung gerade mit dem Verbinden der Verwundeten und dem Bestatten des Gefallenen beschäftigt waren, einen Fluchtversuch und wurden dabei von den sie bewachenden Zulus, ehe es Verfasser hindere konnte, mit den Messern niedergestochen. Das Dorf Somwi, aus welchem ebenfalls auf uns geschossen war, wurde geplündert und niedergebrannt.
Als wir nach diesem Gefecht bei Somwi etwas gerastet hatten, wurde dem vorher erteilten Befehl Wißmanns gemäß sofort der Rückmarsch nach Morogro angetreten. Diesem hatte Verfasser durch einen Boten seinen Erfolg gemeldet und zugleich mitgeteilt, daß wir Verwundete mit uns führten. Infolgedessen schickte uns der Reichskommissar den die Expedition begleitenden Lazarettgehülfen Grucza unter Bedeckung bis in die Gegend von Simbamueno entgegen, wo die Schwerverwundeten einen regelrechten Verband erhielten. Kurz vor dem Anbruch des 5. September traf ich wieder im Lager ein, in dessen unmittelbarer Nähe eine Abteilung unter Lieutenant Ramsay inzwischen die Waniamuesi, für welche Wißmann Besorgnisse hegte, ein Lager hatte beziehen lassen. Nachdem Wißmann uns am 5. September einen Rasttag gegönnt hatte, damit wir uns von den Anstrengungen des Unternehmens gegen Somwi erholen konnten, wurde am 6. der Weitermarsch angetreten.
Bis Mpapua hin war der Marsch ein durchaus friedlicher. Er führte zunächst über den Makata-Fluß und durch die Makata-Ebene nach Longa. Hier befand sich ebenfalls eine französische Missionsstation, die seit wenigen Tagen wieder von den Missionaren bewohnt wurde. Der einzige Platz, in dem die Verhältnisse noch manches zu wünschen übrig ließen, war Kondoa. Das arabische Element hatte hier die Oberhand und hier war die Heimat eines Teils der Buschirischen Rebellen. Da indes die meisten, welche wirklich am Aufstande Teil genommen hatten, entflohen waren, andererseits die Missionare den Reichskommissar baten, die zurückgebliebenen Araber zu schonen, und da endlich Wißmann selbst Bedenken trug, eine so reiche und für die Karawanenstraße so überaus wichtige Ortschaft zu zerstören, wurde auch Kondoa, wie das gesamte durch Usagara sich hinziehende Mukondogua-Thal friedlich durchzogen. Freilich sind die Bewohner Kondoas, obwohl sie so gut davonkamen, nie ganz zuverlässig gewesen, nur die Furcht vor unserem Einschreiten hat sie im Zaume gehalten, so lange wir den Erfolg auf unserer Seite hatten. Erst in der neueren Zeit, nach der Katastrophe in Uhehe, hat der widerauftauchende Übermut der Araber und Belutschen zu Kondoa den durchziehenden Europäern und den Missionaren Grund zu heftigen Klagen gegeben.
Ein Tagemarsch hinter Kondoa brachte uns nach Muinisagara, wo die Tochter des alten, bereits früher erwähnten Muinisagara, denselben Namen führend, residierte. Bei dem Vorbeimarsch sahen wir die Reste der früheren Gesellschaftsstation Kiora, welche schon ein Jahr vor dem Aufstand, ebenso wie das nördlich gelegene Sima, von den Wasagara zerstört war. Verfasser benutzte mit einem Teile der Kameraden den Aufenthalt in Muinisagara, auch Sima und das Grab des früheren Vorstehers der Station, des Gärtners Schmidt, zu besuchen, welcher ihn im Jahre 1885 gastlich daselbst aufgenommen hatte.
Über Kirassa, den Kidete-Fluß, Dambi und Tubugue führte sodann der Weg nach Mpapua. Bei Kirassa verließen wir Usagara und das fruchtbare Mukondogua-Thal. Der Weg führte von nun an durch ein recht coupiertes und schwieriges Terrain, planlos Berg auf und Berg ab, während er sehr gut, durch eine Schlucht weiter südlich, sanft aufsteigend nach Mpapua hätte angelegt werden können. Hier war früher auch eine Straße gewesen, die jedoch, um den Negerausdruck zu gebrauchen, im Laufe der Zeit gestorben, d. h. mit Gestrüpp überwachsen war. Die Karawanen hatten sie aus Furcht vor den Wahehe, welche dieses Gebiet unsicher machten, aufgegeben. Einen Teil des Dorfkomplexes von Kirassa, der im Mukondogua-Thale lag, fanden wir niedergebrannt und zerstört. Die Eingeborenen erzählten uns, daß wenige Tage zuvor die Wahehe einen ihrer Einfälle gemacht und nur die hohen auf dem Abhang der Usagara-Berge verstreuten Hütten verschont hätten. Die Bewohner dieser hochgelegenen Hütten waren gezwungen, jedesmal von ihrer Höhe herunter ins Mukondogua-Thal zu steigen, um das unentbehrliche Wasser zu holen; aber die Sicherheit vor den gefürchteten Wahehe ließ sie dieses Ungemach recht gern ertragen.
Geographisch wird Ugogo im Osten erst durch die Bergkette zwischen Tubugue und Mpapua begrenzt, und diese Grenze ist auch auf allen Karten angegeben; doch bildet jetzt ethnographisch bereits der Höhenzug nördlich des Mukondogua-Thales die Grenze von Usagara und Ugogo, da die schwächlichen Wasagara im Laufe der Zeit immer mehr und mehr vor den umwohnenden kriegerischen Stämmen zurückgewichen sind. Von Westen her drängten die räuberischen Wagogo, von Südwesten her die Wahehe und aus dem Nordwesten die Massai, oder genau gesagt, die einen Teil derselben ausmachenden Wahumba. Die spärlichen, von uns hinter Kirassa passierten Ortschaften waren alle von Wagogo oder mit ihnen vermischten Negern bewohnt. Gerade zu der Zeit, wo wir diese Gegend durchzogen, war ein heftiger Kampf der Wahehe gegen die Massai vorangegangen, und so fanden wir öfter eben erst von den Wahehes verlassene Lagerstätten.
Nachdem wir in Tubugue, einem größeren Orte der Wagogo, gerastet, erreichten wir am 10. Oktober Mpapua. Auf dem Höhenzuge zwischen beiden Dörfern fiel uns ein mit Unterholz wenig bewachsener Wald auf, der uns in den nächsten Tagen gutes Bauholz für den Bau der Station lieferte. In Mpapua zogen wir zunächst an den von Buschiri bei seiner letzten Anwesenheit zerstörten Gebäuden und der Kirche der englischen Mission vorbei, bis zu dem kleinen Hügel hin, der sich dicht am Fuße des östlichen Höhenzuges am Ausgange des von Mpapua eingenommenen Thales nach Nordosten hin erhebt. Hier hatte die Station der Ostafrikanischen Gesellschaft gestanden, die ebenfalls von Buschiri, soweit es die Stärke der Mauern zugelassen, zerstört war. Dieser Platz war vom militärischen Standpunkt aus durchaus unpraktisch gewählt, da von dem Abhange des östlichen Gebirgszuges mit Gewehren ganz bequem in die Station und ihre Zimmer hineingeschossen werden konnte, und zwar aus einer Entfernung von kaum mehr als 100 m.
Wir wurden beim Einrücken von den englischen Missionaren, welche von ihrer Station in Kisogue nach Mpapua herübergekommen waren, begrüßt, und Wißmann erhielt von ihnen über die Vorgänge hierselbst und die Stimmung der Eingeborenen Nachricht.
Der erste Häuptling des Ortes, Kipangiro oder Schipangilo, der von seinen Gegnern angeschuldigt wurde, mit Buschiri im Einverständnis gewesen zu sein, war geflohen und hielt sich in den nahen Bergen versteckt. Das Geschütz der Station, welches er, wie oben bemerkt, in seine Tembe gebracht hatte, wurde von uns dort abgeholt, und da uns Nahrungsmittel nicht zum Verkauf geboten wurden, wurden sie ebendort entnommen und unter die Soldaten verteilt. Es gelang indes in den nächsten Tagen den Häuptling zu beruhigen und ihn zu bewegen in unser Lager zu kommen, wo er von Wißmann die Zusicherung friedlichen Verkehrs erhielt.
Gleich am Nachmittage nach unserer Ankunft gingen wir daran, einen geeigneten Platz für die neue Station auszusuchen. Wißmann hielt es durchaus für angezeigt, in Mpapua, welches von allen Karawanen, die vom Viktoria und Tanganjika nach der Küste gehen, und umgekehrt, passiert werden muß und nur unter großen Beschwerden durch einen Marsch über ein an Wasser und Nahrungsmitteln armes und sehr beschwerliches Terrain vermieden werden kann, einen festen Stützpunkt für die Sicherung der Karawanenstraße und der durchziehenden Karawanen zu errichten. Bei der Auswahl eines Platzes waren der Reichskommissar, von Zelewski und der Verfasser thätig. Wir waren bald darüber einig, daß kein Platz besser dazu geeignet sei, als der, auf welchem die jetzige Station steht. Es ist eine dicht an dem einzigen die Ebene durchziehenden Flußlauf sanft ansteigende Erhebung, von welcher aus das gesamte Terrain ringsum beherrscht, und besonders auch die Wagogo-Tembes unter Feuer genommen werden können. Steine für den Bau waren reichlich von den früheren Befestigungen vorhanden, und Holz lieferte uns der oben erwähnte Wald. So wurde im Laufe der Woche, die Wißmann in Mpapua verblieb, die Steinumwallung der Station etwa 1 m hoch aufgeführt, mit zwei zur Unterkunft eingerichteten Eckbastionen versehen, auf deren einer das Geschütz aufgestellt wurde, und mit zwei starken Hindernissen, einem Ast- und einem Dornverhau umgeben.
Die Zeit seines Aufenthaltes benutzte Wißmann, um möglichst viel gute Beziehungen mit den eingeborenen Häuptlingen, speziell denen der Wagogo, anzuknüpfen, wobei ihm die englischen Missionare nach bestem Vermögen zur Seite standen. Die Waniamuesi-Karawane, deren Häuptlinge Wißmann teilweise von seiner ersten Durchquerung Afrikas kannte, — er hatte damals mit Mirambo, dem damaligen Herrscher von Uniamuesi Freundschaft geschlossen, — nahm infolge der guten Behandlung unsererseits und des Schutzes, den wir ihnen hatten angedeihen lassen, lebhafte Sympathien für uns mit in ihre Heimat. Wißmann gab ihr auch reiche Geschenke an den inzwischen auch verstorbenen Häuptling Pandascharo mit.
Nach achttägigen Arbeiten, die meist von Wißmann persönlich geleitet wurden, übergab er die Station, besetzt mit 75 Zulus, 25 Sudanesen, 10 Suaheli, 2 deutschen Unteroffizieren und dem zum Stationschef ausersehenen Lieutenant von Medem, zunächst dem Verfasser mit dem Auftrage, die weitere Regelung unseres Verhältnisses zu den Eingeborenen in die Hand zu nehmen. Ich sollte den Reichskommissar in dieser Gegend vertreten, bis die Stanley'sche Expedition und Emin in Mpapua anlangten, sollte diese Expedition begrüßen und mit 10 Sudanesen der Station durch deutsches Gebiet nach Bagamoyo führen.