Lied eines Armen.

(Aus dem Volksstück „Hochparterre und Keller“.)

 
„Der wahre Bettler ist doch einzig und allein der wahre König.“
 
Lessing.
Mich drückt das Gold nicht auf der Stirn;
Mich drückt’s nicht in der Tasche;
Ich fürchte nicht, daß je der Neid
Nach meinen Freuden hasche;
Kein Schmeichler schleicht an mich heran,
Und keinem Pöbel frön’ ich.
Der wahre Bettler ist allein
Der wahre König.
Mit meinem Liebchen thron’ ich oft
Auf waldbekränztem Hügel;
Dann tragen Kleider wir von Licht
Und haben goldne Flügel.
Mit Blumen dann zur Königin
Das holde Mädchen krön’ ich;
Der wahre Bettler wird alsdann
Ein wahrer König.
Einst flattert auf mein stilles Grab,
So denk ich, eine Meise;
Hat auch nur, was der Tag beschert,
Ein Kleid und ihre Weise.
Den toten Bettler kennt sie wohl
Und zwitschert silbertönig:
„Hier ruht ein seltner Mann; hier ruht
Ein wahrer König.“