Wie Hans und Marte die Henne hüteten.

Auf dem Hof draußen stand eine alte Henne auf einem Bein, drehte den Kopf und blinzelte mit den runden klaren Augen.

Dicht daneben lag der fünfjährige Hans. Hinten aus der Hosenklappe guckte ihm der Hemdzipfel, er schlenkerte mit den Beinen und sah die Henne an, als ob er mitten durch sie hindurchsehen wollte; er wagte kaum zu zwinkern. Heute würde er sie die ganze Zeit ansehen und den Blick nicht von ihr wenden.

In der Stube drinnen saß Marte, seine siebenjährige Schwester, und lugte vorsichtig zum Fenster hinaus; sie behielt beide im Auge.

Sie sollten beide heute auf die Henne aufpassen.

Die Henne war alt und war so lange allein gewesen, daß sie sich allerhand Streiche angewöhnt hatte. Sie wechselte jedesmal das Nest, wenn sie ihr die Eier genommen hatten, und versteckte sie an den unglaublichsten Stellen, wo es niemand einfiel, zu suchen; — einmal hatte sie die Eier in ein paar hohe Grasbüschel gleich neben die Türschwelle gelegt, und da lag sie und brütete acht Tage, ehe sie sie fanden. Und sie war so ausspekuliert klug geworden, daß es beinahe unmöglich war, sie zu hüten. Einmal, als die Mutter selber auf sie aufgepaßt hatte, so daß sie nicht entwischen konnte, hockte sie nieder und legte das Ei mitten auf die nackte Erde.

Da hatte die Mutter für je acht Eier, die sie fänden, ein Ei als Prämie ausgesetzt. Nun hatte sie vor zirka vierzehn Tagen wieder ihren Platz gewechselt, so daß es jetzt sechs bis sieben Eier sein mußten und heute sollte sie wieder legen — die Mutter hatte nachgefühlt.

Es war ein brennend heißer Sommertag, die Insekten summten durch die Luft, die Schwalben flogen zwitschernd hin und her nach ihren Nestern am Stallgiebel, und im hohen Gras an der Wand entlang schlich die Katze dahin, hob vorsichtig ihre Pfoten und schielte nach oben, wie sie wohl die Nester erreichen könnte.

Hans lag in der warmen Sonne und sah nach der Henne. Sie stand auf einem Bein, blinzelte gegen die Sonne und sah ihn lange an. Dann tat sie plötzlich gleichgültig, machte ein paar Schritte, scharrte in der Erde und tat, als fände sie etwas zum Aufpicken.

O, nein, auf diese Art sollte sie ihn nicht hintergehen; er kannte ihre Faxen.

Nach einer Weile blieb sie stehen, sah wieder auf und schielte zur Seite:

Nein, er lag immer noch da und verfolgte sie mit den Augen; — sie blieb wieder auf einem Bein stehen und blinzelte; das konnte langweilig werden, wenn es lange dauerte.

Hans fand auch, daß es sich lange hinzog; jetzt hatte er gewiß eine Stunde hier gelegen.

Nein, sie war so abgefeimt, daß sie sah, wohin er seine Augen richtete. Er mußte tun, als ob er wo anders hinsähe. Er schielte nach dem Fenster.

Oh, er sah wohl, wie Marte den Kopf schnell wegzog; ja, sie konnte gern dort stehen, er war am nächsten, er würde sie diesmal zuerst finden.

Er sah wieder nach der Henne. Sie war ein paar Schritte gegangen, während er wegblickte und stand jetzt wieder still. Nein, er mußte so tun, als ob er nach der Stallecke sähe, dann vielleicht —

Er tat es. Im selben Augenblick strichen zwei Schwalben neben ihm mit lautem Geschrei dicht an der Erde hin — sie hatten die Katze erblickt. Diese schlug mit der Pfote nach ihnen; — wahrhaftig, bei einem Haar hätte sie eine erwischt! Es kamen mehr; alle begannen sie am Boden hin zu fliegen, sie zu foppen und auszuschelten.

Ach, wie dumm sie war, daß sie sie nicht erwischte, — sie duckte sich nur, legte die Ohren zurück und verkroch sich tiefer ins Gras. Es half nicht; da kniff sie aus, verschwand um die Ecke und in den Stall. Sieh, da zerstreuten sich die Schwalben und flogen wieder von und nach ihren Nestern.

Zu dumm, daß der Eckbalken am Stall so glatt war, daß er nicht daran in die Höhe klettern konnte; — sonst hätte er das niedrigste Nest erreichen können. Das wäre fein gewesen, ein paar von den Jungen zu haben; sie waren schon so groß, daß sie die schwarz und weißen Köpfe zum Nest hinaussteckten. Wenn er ein paar kriegte, so würde er ihnen ein Bauer zurechtmachen, und für Nahrung würde er auch sorgen, — es gab so kolossal viel Fliegen am Fenster.

Da würde Marte neidisch werden; — sie sollte sie nicht einmal zu sehen kriegen; oder doch vielleicht, wenn sie ihm für jedesmal eins von ihren Eiern gäbe; — sie hatte wohl schon vier, und er erst drei — —

Eier —?

Wo war die Henne? — Fort.

Zum Teufel, hatte sie ihn auch diesmal genarrt?

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Er stand auf, stampfte mit dem Fuß auf und war dem Weinen nahe.

So eine gemeine Henne, so ein infames Vieh. Kaum ließ er sie aus den Augen, so war sie auch schon entwischt.

Ja, dann also das nächste Mal; er guckte nach dem Fenster, — — denn Marte hatte sie doch wohl auch nicht gesehen? Sie war übrigens vom Fenster verschwunden. Da kam sie heraus.

Sie sah so verschlagen aus. Ob sie vielleicht doch —?

Hast du die Henne gesehen, Hans?

Nein, — du?

Nein.

Es stak bestimmt etwas dahinter. Marte tat so gleichgültig. Er wollte schon auf sie aufpassen.

Ich glaube fast, sie ist in den Stall gegangen, sagte er, — ich will dort nachsehen — er wußte wohl, daß sie dort nicht war, denn da hatten sie jeden Winkel abgesucht.

Laß mich zuerst, sagte Marte, und tat, als ob sie hinlaufen wollte.

Nein, ich will zuerst — und Hans sprang davon.

Ja, es war deutlich, sie wollte ihn forthaben, denn sie tat gar nichts, um zuerst zu kommen. Er wollte sie schon überlisten!

Er schlüpfte in den Stall und guckte durch eine Ritze. Sie stand erst ruhig und blickte sich vorsichtig um, dann schlich sie auf den Zehen an der Stallwand entlang. Er kam heraus, schlich bis zur Ecke und streckte den Kopf vor.

Ah, eben war sie im Begriff, die großen Brennnesseln zur Seite zu biegen.

Dort hatte sie also die Henne hineinschlüpfen sehen.

Er stürzte vor, gerade auf ihren Rücken los:

Ich weiß es, ich fand sie zuerst.

Sie fielen beide in die Brennnesseln. Die Henne flatterte schreiend davon.

Sie standen auf; — es brannte schrecklich an Gesicht und Händen.

Eine Weile standen sie da und starrten sich an, Hans die Mundwinkel verzogen, bereit zu weinen, Marte beide Hände voller Rührei in die Höhe haltend.

Plötzlich klatschte ihm die eine Hand hinter die Ohren, daß das Rührei spritzte, und er zu Boden kollerte.

Dann fingen sie beide an zu heulen.

Die alte Henne schalt fürchterlich drüben auf dem Hofplatz.


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