Die Mütze, die auf der Wolke war, um Gold zu holen.

Per lag hinter dem großen Stein oben auf Storbakken und blickte hinunter. Er konnte gerade auf den Hof sehen, der dicht darunter lag. Es war früh am Morgen, die Sonne war eben aufgegangen und schien auf die blanken Scheiben, daß sie glitzerten, und mitten zur Haustür herein, die wie ein schwarzer Rachen offen stand.

Per hatte die Mütze auf dem dunklen Schopf weit nach hinten geschoben und lag da und warf die Beine bis fast in den Nacken. Er fand schon, daß Christian gern die Nase aus den Federn stecken könnte, ehe Hänschen aufwachte.

Unten auf dem Hof gingen die Hühner und gackerten und scharrten mit den Füßen, der Hahn stand auf der Scheunenbrücke und krähte und krähte, die Schwalben flogen durch den Sonnenschein wie stahlblaue, metallglänzende Streifen, oben auf dem Scheunendache schwatzte eine Elster und aus der Esse stieg ein hellblauer Rauch hoch in die Luft. Trotzdem war es ganz still, — man sah keinen Menschen, sie waren wohl alle draußen auf dem Felde und mähten.

Endlich trat Christian in die Haustür. Er strich sich den hellen Schopf aus den Augen, blinzelte gegen die Sonne, die ihm gerade ins Gesicht schien, hielt die Hand vor die Augen, und blickte nach oben. Nein, er sah nichts; nur einen blauen Rauch über dem Rand von Storbakken. Er kam aus der Häuslersesse. Ja, er glaubte, er konnte sehen, daß er nach Kaffee roch.

Hallo, Per! Keine Antwort. Nein, Per hatte wohl noch keinen Morgenkaffee bekommen.

Er steckte die Hände in die Tasche und wollte umkehren.

Da ertönte ein: Hallo, Christian!

Er blieb stehen: Hallo, Per!

Per sprang auf und schlug Purzelbäume hinunter, Hallo, Christian! — Hallo, Per! — Hallo, Christian! — Hallo, Per!

Und Per sprang und schlug Purzelbäume und kollerte hinunter, und die ganze Zeit schallte es hinaus in die Morgenluft: Hallo, Christian! Hallo, Per!

— — Per war vom Häuslerplatz und Christian war vom Hof. Sie waren gute Freunde und pflegten den ganzen langen Tag zusammen zu sein, und das war nicht zu verwundern, denn es gab weit und breit keine solchen forschen Jungen wie sie, und niemand, der solche Sachen hatte. Sie hatten eine Mühle und eine Säge, die gingen, wenn im Bach genug Wasser war, und dann hieß Per der Müller und Christian der Obersägemeister; wenn sehr viel Wasser da war, so stauten sie das Wasser erst und ließen es dann laufen und flößten Holz; doch da hatten sie andre Namen, denn da hieß Christian Zimmermann Pedersen und Per Inspektor Wasserfall, von dem Mal her, wo er fiel und auf den Hosenboden mitten in den Bach zu sitzen kam. Wenn der Bach trocken war, trieben sie Landwirtschaft; sie hatten Hof und Sennhütte und Vieh, Großvieh und Kleinvieh und Schäferhund. Die Kühe waren runde Steine und der größte, der so ungeheuer groß und glänzend war, war der Bulle Dybendal; und die Schafe waren Tannenzapfen und eine merkwürdige kleine runde Wurzel, die der Knecht ihnen zugeschnitten hatte, war der Schäferhund: Bärenbeißer, und der hatte mehr als einmal mit dem Bären zu tun gehabt. Sie hatten auch einen Bogen, mit dem sie auf die Jagd gingen und Pfeile, die so unwahrscheinlich hoch flogen, daß der beste einmal bis auf die Wolke gegangen und dort oben liegen geblieben war, — sie fanden ihn erst viel später im Gras wieder, als es geregnet hatte. Und da erzählte ihnen der Knecht, daß er wahrscheinlich wieder heruntergeregnet wäre, und daß sie gut nachsehen sollten, ob nicht Gold an ihm wäre, denn oben auf der Wolke wäre Gold. Doch er war so glatt, daß nichts an ihm hängen geblieben war, und als sie ihn teerten, bekamen sie ihn nicht mehr so hoch.

Doch in der letzten Zeit waren Per und Christian umgezogen. Die Mühle und die Säge standen da und Bärenbeißer mußte allein auf das Vieh achtgeben. Es war oft genug langweilig gewesen, daß Hänschen immer mit sein wollte; denn es war nun einmal nichts für Zimmermann Pedersen und Inspektor Wasserfall, stets den Jungen zum Aufpassen zu haben; aber da war nichts zu machen gewesen, — er kam stets, wenn er wußte, wo sie sich aufhielten. Aber jetzt waren sie sehr darauf aus, es verborgen zu halten, wo sie ihre Zuflucht hatten; sie schlichen sich früh weg und blieben den ganzen halben Tag fort. Sie hatten sicher etwas vor, wovon Hänschen lieber nichts wissen sollte.

Das erste, was Per sagte, als er in die Haustür hinunterkam, war auch: Ist er auf?

Nein, er schlief, als ich hinausging.

Hast du den Fünfpfünder instand?

Ich sollte es meinen! Und Per zog ein großes Kuhhorn hervor, in das er Zündlöcher gebohrt hatte. Hast du Futter für ihn?

Ach ja, ich denke schon, und Christian zeigte einen großen Beutel mit Pulver vor.

Die Sache war, daß sie oben auf dem Boden ein Fäßchen Minenpulver gefunden hatten, und davon durfte niemand etwas wissen, denn Pulver war streng verboten.

Ja, dann ist es am besten, daß wir fortkommen.

Sie schlichen sich leise über den Hof und sahen sich jeden Augenblick um; dann als sie um die Ecke des Vorratshauses waren, fingen sie an die Straße entlang zu laufen.

Halt, Christian! Ich sehe dich schon.

Es war Hänschen, der in die Haustür hinausgekommen war, und das letzte Ende von ihnen gesehen hatte, als sie um die Ecke verschwanden.

Er hatte nur Hosen und Schuhe anbekommen, oben war er im bloßen Hemd. Er hatte Eile gehabt, denn Hänschen verstand sehr wohl, daß sie sich von ihm fortschleichen wollten und hatte sich vorgenommen, auf sie aufzupassen.

Halt, hörst du! Ha—a—lt!

Er schrie, bis er an der Ecke des Vorratshauses vorbeikam und Per und Christian ruhig im Grase liegen und in die Luft blicken sah.

Er sagte nichts, sah sie nur ein wenig zweifelnd an, und setzte sich auch ins Gras. Er wollte schon auf sie aufpassen.

Per und Christian blinzelten einander zu und begannen Purzelbäume zu schlagen. Nach einer Weile durfte auch Hänschen mitmachen. Dann spielten sie mit andern Dingen. Auf einmal sagte Christian:

Du, Hänschen, wollen wir zum Jahrmarkt reisen?

Ja—a! Hänschen wurde strahlend vergnügt.

Du fängst an.

Nein, du wirst mich nicht zum Narren haben! Du fängst an!

Ja, gern. Ich hatte ein Füllen!

Hänschen sprach ihm nach: Ich hatte ein Füllen!

Meins wurde ein Pferd.

Meins auch.

Ich zähmte meins.

Ich zähmte meins auch.

Dann reiste ich zum Jahrmarkt in Grundset.

Dann reiste ich zum Jahrmarkt in Grundset.

Da traf ich einen Mann, der einen Bären hatte.

Da traf ich einen Mann, der auch einen Bären hatte.

Da vertauschte ich mein Pferd gegen den Bären.

Da vertauschte ich auch mein Pferd gegen den Bären.

Da traf ich dich.

Da traf ich dich.

Da nahm mein Bär deinen Bären und fraß ihn auf.

Bild

Hänschen bekam zuerst ein langes Gesicht; aber dann wurde er wütend:

Du mogelst, Christian, du sagtest zuerst guten Tag, und darum wird es mein Bär, der deinen auffrißt.

Nein, es war meiner, der deinen auffraß.

Nein, meiner! Hänschen war am Weinen: ja, so laß uns noch einmal anfangen, dann wirst du sehen!

Nein, dein Bär ist aufgefressen.

Ä—h ä—h, es war meiner. — ä—h ä—h.

Nein, meiner!

Ä—h, Mutter! er sagt ä—h ä—h, daß sein Bär meinen auffraß! Hänschen lief hinein, um es der Mutter zu sagen; er vergaß, daß er auf sie hatte aufpassen wollen.

Als er glücklich in der Haustür drin war, machten sich Per und Christian eilends aus dem Staube und verschwanden.

Drüben in Svartdalen, ein gutes Stück vom Hofe entfernt, hatten sich Per und Christian eine Höhle eingerichtet, vor der ein Haselwäldchen stand, so daß sie nicht gesehen werden konnten, wenn man nicht auf die oberste Höhe hinaufkam und gerade auf sie hinunterblickte. Dorthin hatten sie das meiste von ihren Sachen gebracht; dort hatten sie einen Herd gebaut, dort hatten sie ihre Schmiede, dort zündeten sie ihre Feuer an; aber das wagten sie nicht oft zu tun, aus Angst, daß man den Rauch sehen könnte. Hier fühlten sie sich sicher, hier hatten sie Sprühmännchen angezündet, und hier hatten sie mit Tüten und Sturmhutstielen zu schießen versucht; aber damit ging es nicht, die Tüten brannten nur an und die Sturmhutstiele platzten; es konnte also nicht die Rede davon sein, mit ihnen in die Wolke nach Gold zu schießen, — denn das war es eigentlich, was sie vor hatten. Aber heute hatten sie den Fünfpfünder, heute sollte es Ernst werden.

Sie mußten erst Probeschüsse machen, ehe sie in die Wolke schossen. Sie machten ein Feuer an, gossen das Pulver in das Horn und stopften es voll mit Gras.

Es knallte nicht sehr stark; das Horn sprang nur einige Ellen nach rückwärts und der Grasbüschel ein wenig nach vorwärts.

Pah, es war nicht stark genug geladen, der Fünfpfünder mußte festgemacht werden, und dann mußte eine Kugel hinein; ja, dann wurde es eine Kanone, die schon gehen sollte; sie würden mindestens quer über das Tal schießen können.

Sie luden von neuem und legten einen großen Stein hinein und befestigten den Fünfpfünder zwischen zwei Steinen. — Nein, sie mußten ihn vielleicht ein wenig wegrücken? — Ja, es wäre schade um die Leute am Talende, wenn man ihnen die Häuser niederschoß; sie mußten ihn auf den Wald richten.

Das taten sie denn und zündeten an.

Ja, diesmal knallte es wahrhaftig! Der Schuß ging! Konnte Per nichts drüben am Abhange sehen! Ja, denn Christian schien es deutlich, als fiele eine Tanne um, als der Schuß losging.

Ob es eine ganze Tanne war, konnte Per nicht sagen, aber er sah jedenfalls, daß ein Tannenwipfel herunterfiel.

Es war schon fraglich, ob sie eine bessere Kanone auf der königlichen Festung hätten.

Ach nein, das war nicht anzunehmen. Mit der konnten sie sicher bis in die Wolke schießen.

Ja, das war sicher. Aber was sollten sie hinaufschicken? Es mußte etwas sein, in das das Gold hereinkommen konnte.

Sollten sie etwa Pers Zipfelmütze hinaufschicken? Vielleicht kam sie dann vergoldet wieder herunter.

Ja, Christian wunderte sich schon, was sie zu Hause sagen würden, wenn sie mit vergoldeten Mützen und Goldstücken in den Taschen heimkämen. Da könnten sie Pulver kaufen — ein ganzes Faß voll!

Ho—ho! erklang es gerade über ihnen. Der Fünfpfünder und der Pulverbeutel wurden schnell beiseite gebracht, ehe sie hinaufblickten.

Dort lag Hänschen:

Ach bitte, vergoldet doch auch meine Mütze!

Per und Christian waren wirklich ärgerlich. Sie versuchten Hänschen alles Mögliche einzubilden. Sie boten ihm den besten Bogen an, wenn er gehen und nichts sagen wollte. Doch Hänschen hatte den Knall gehört, sie könnten ihm nichts weismachen, — wenn sie nicht seine Mütze vergoldeten, so ginge er spornstreichs nach Hause zu Mutter und sagte, daß sie Pulver hätten, und da würde es einen andern Tanz geben.

Ja, da gab es keinen andern Rat, als sich mit Hänschen abzufinden und ihn zu besänftigen. Sie zeigten ihm alle ihre Herrlichkeiten und er versprach, daß er gar nichts vom Pulver sagen wollte; aber da sollten sie seine Mütze zuerst vergolden.

Ja, das wollten sie auch gern tun, und bald hatten sie alles vergessen und waren wieder gleich eifrig. Es war wohl am sichersten, sie banden einen Stein an die Mütze, denn sonst kam sie nicht wieder herunter, ehe Regenwetter war.

Das war am besten. Wie wollten sie es machen?

Sie könnten das Kanonenende fest in die Erde stecken, den Stein hineintun, ihn mit einer Schnur an der Mütze festbinden und die Mütze oben darauf hängen.

Der Vorschlag wurde angenommen. Dann schütteten sie das Horn fast halb voll mit Pulver, luden gut und machten sich fertig. Es war ein feierlicher Augenblick und alle standen atemlos da, als Christan endlich einen Brand nahm.

Gebt jetzt acht! — Er brachte den Brand an das Zündloch.

Frrrr—s—piff—paff—puff!

Sie standen in einem Lichtscheine wie von einem starken Blitze und schraken alle drei so zusammen, daß sie umfielen.

Sie sahen ein wenig blaß aus, als sie sich so weit erholt hatten, daß sie einander ansehen konnten. Sie hatten den Pulverbeutel so weit in die Nähe gesetzt, daß er mit draufgegangen war.

Das war ein Schuß, sagte Christan.

Ja, das war ein Schuß, sagte Per.

Sahst du die Mütze?

Es war mir, als sähe ich sie undeutlich, als sie vorbeiflog.

Ist sie denn jetzt auf der Wolke? fragte Hänschen.

Wir wollen froh sein, wenn sie nicht noch weiter ist.

Kommt sie denn bald wieder herunter?

Oh, das wird wohl noch eine Weile dauern.

Sie blieben alle drei stehen und starrten in die Luft. Nach einiger Zeit bekam Hänschen einen müden Nacken und sah wieder nach unten. Da ist sie!

Die Mütze hing oben im Haselbusch.

Ja, dann mußte sie aber auch schnell wieder heruntergeflogen sein, wenn sie sie nicht hatten kommen sehen!

Ja, Per war es, als hätte er einen Streifen gesehen, gerade als Hänschen es sagte, — da war sie sicher gekommen.

Sie hatten viel Mühe damit, sie herunter zu bekommen. Draußen war nichts zu sehen; sie waren sehr gespannt, was drinnen sein konnte. Als sie sie herunter bekamen, war weiter nichts zu entdecken, als ein großes Brandloch im Innern.

Das war seltsam. Wer hätte gedacht, daß das Gold da oben so heiß wäre; denn es hatte sicher ein Goldklumpen darin gelegen, der das Loch gebrannt hatte und dann herausgefallen war.

Vielleicht lag er in dem Haselbusch drinnen.

Sie suchten lange. Ach nein, der konnte weit von hier heruntergefallen sein. Ja, ja, morgen mußten sie den kleinen Blecheimer nehmen und hinaufschicken, denn da mußte der Goldklumpen drinnen bleiben, wie warm er auch war.

— — Als sie an dem Tag nach Hause kamen, hielten sie alle drei gut zusammen und Hänschen war so gut und artig und so vorsichtig, daß niemand seine Mütze zu sehen bekäme.

Er wollte schon nicht klatschen.

Als die Mutter ihnen allen dreien das Essen hinstellte, sagte Hänschen, während sie dasaßen und aßen. Du, Mutter, heute sind Per und Christian so gut zu mir gewesen, daß ...

Das ist brav von ihnen, aber da mußt du auch gut sein.

Ja, ich werde so gut sein, daß ...

Wie gut willst du denn sein?

Ach, ich werde gar nichts davon sagen, daß Per und Christian meine Mütze in die Wolke schossen! ...


Deko