Zum Träumen und Sehnen war dazumal nicht allzuviel Zeit, Burga vergaß den alten Räuber vom Elbstrande und schaffte im Hausstand oder lernte Latein beim Magister Lange. Dann wurde Frau Jutta krank und mußte gepflegt sein, und aus Kopenhagen schrieb Gottfried, daß er Offizier geworden wäre und vielleicht einmal nach Hamburg auf Urlaub käme. Das war eine gute Nachricht, und seine Mutter zählte jetzt die Tage, da sie ihren Sohn wieder sehen sollte. Dann aber kam die Botschaft, daß er noch keinen Urlaub erhielte, und Frau Jutta wurde wieder kränker. Herr Hanekamp war unzufrieden, denn er hatte kranke Leute nicht gern, und er lobte Burga, die nie krank war und immer mehr häusliche Pflichten auf sich nahm.
»Mit dir ist noch etwas anzufangen!« sagte er. »Du bist zwar nur ein Lagerkind, aber du bist stark und kräftig. Ich werde nichts dagegen haben, daß einer der Hanekamps dich heiratet. Zwar hast du kein Geld, und das ist bedauerlich. Aber eine tüchtige Frau ist wie Bargeld, ich werde dir wohl auch eine Aussteuer geben!«
Burga lachte über den alten Herrn. Ihr war noch garnicht nach Heiraten zumute, aber, da der Kaufherr von Geld gesprochen hatte, so holte sie aus ihrer Lade den kleinen Lederbeutel heraus, den sie als Lagerkind immer um den Hals getragen hatte. Wie sie dann nach Hamburg kam, legte sie ihn ab und vergaß ihn, bis sie sich seiner jetzt wieder entsann. Es war ein kleiner gestickter Lederbeutel, in dem noch aus ihrer Wanderzeit mehrere Gold- und Silbertaler steckten. Sie wußte kaum mehr, wie sie zu dem Geld gekommen war; den Lederbeutel aber meinte sie eben so lange getragen zu haben wie die Buchstaben auf dem Arm.
Allerlei Gedanken stiegen in ihr auf, wie sie das kleine Ding in der Hand hielt; aber sie waren verworren, und sie wollte ihnen auch nicht nachhängen. Gern hörte sie sich nicht mehr ein Lagerkind nennen, es war doch besser, im Frieden des Hauses zu wohnen und nicht mehr heimatlos umher zu ziehen.
Sie schloß den Beutel wieder weg und kam grade unten in die Diele, als Konrad eilig eintrat und ganz heiß war vor Aufregung und Vergnügen. Eben war es in der Stadt ausgerufen worden, daß ein Hamburger Schiff draußen in der Elbe einen guten Fang gemacht hatte. Eine ganze Gesellschaft von Seeräubern war den Hamburgern in die Hände gefallen, und morgen schon wurden sie eingebracht, um dann feierlich gerichtet zu werden.
»Die armen Kerls!« sagte Burga halb mitleidig, und Konrad sah sie erstaunt an.
»Was sagst du da? Freust du dich nicht, wenn die Gegend wieder sicher wird? Dicht bei Blankenese haben einige in den Dünen gewohnt; Fuhrmann Heesch hat mir auch erzählt, daß sie oft hinter ihm her gewesen sind. Man muß sich doch freuen, wenn sie alle gehängt werden!«
Am andern Tage zog wirklich ein langer Zug von gefangenen und mit Ketten geschlossenen Räubern vom Hafen her durch die Straßen, die Jungen liefen hinter ihnen her und bewarfen sie mit Steinen, während die Erwachsenen grausend die finstern Gesichter und die zerlumpten Kleider der Männer betrachteten, von denen mancher noch roh verbundene Wunden aufwies. Eine böse Gesellschaft war es, die nun hinter Schloß und Riegel gebracht wurde, und Konrad berichtete nachher, wie zornig die Räuber gewesen waren und wie entsetzliche Flüche sie ausgestoßen hatten. Denn er war natürlich mit den Neugierigen gelaufen, die sich alles ansehen mußten, und forderte Burga dringend auf, am nächsten Tage mit ihm zum Gefängnis zu gehen. Hier vor dem düstern Gebäude sollten die Gefangenen öffentlich an den Pranger gestellt werden, damit sie jedermann besehen und sich ein Beispiel an ihrem schrecklichen Ende nehmen konnte. Aber Burga schüttelte den Kopf. Sie wollte Frau Jutta nicht verlassen, die wieder krank war, und dann graute es ihr auch, soviel menschliches Elend auf einem Haufen zu sehen. Also ging Konrad allein und kehrte nach einer Weile zurück, um zu berichten, daß ein so großer Andrang von Neugierigen vor dem Gefängnis war, daß er selbst gar nichts von den am Pranger Stehenden gesehen hatte. Nicht allein die Hamburger betrachteten sich die Gefangenen; aus Altona war viel Volk gekommen, sogar einige vornehme Dragoneroffiziere, die sporenklirrend durch die Straßen gingen, und von Finkenwärder einige Boote voll Fischer, die sich's auch nicht nehmen ließen, die Räuber zu betrachten. Denn sie hatten lange unter ihnen gelitten, und nun wollten sie sich auch der Strafe freuen, die diese Missetäter erlitten.
So erzählte Konrad, lief aber gleich wieder weg, und Herr Jobst Hanekamp, der gerade aus seinem Kontor kam, ließ sich Stock und Perücke geben und ging gleichfalls zum Gefängnis. Er war zwar durchaus nicht neugierig, wie er immer wieder versicherte, aber hier mußte er doch dabei sein.
Auch die zwei Mägde und der Knecht liefen davon, und Burga stand allein auf der halb dämmrigen Diele. Oben lag Frau Jutta im Bett und schlief; durch die geöffnete Haustür fiel das Licht der untergehenden Sonne, und von draußen her kam nur das Zwitschern der Spatzen. Die ganze Straße war menschenleer, alle waren zum Gefängnisplatz gelaufen.
Es war ein klarer Tag im Vorsommer, noch kalt, aber sehr freundlich, und wie Burga in die Sonnenstrahlen sah, die über die roten Dächer der Domstraße huschten, mußte sie an das düstre Gefängnis denken, in das jetzt die Räuber geworfen wurden. Einmal war auch sie im Kerker gewesen, und daher wußte sie, wie es tat, hinter Mauern zu schmachten. Und gerade dann, wenn der Sommer kam und die Welt freundlich wurde!
Ein Schritt kam die Straße entlang, und sie stellte sich in die Haustür, um den Menschen zu betrachten, der jetzt nicht vor den Räubern stand und sie verhöhnte. Es war ein junger Fischer, der schwerfällig auf seinen Holzschuhen daher trabte, sich unschlüssig umsah und dann vor Burga stehen blieb. Er hatte kurze blonde Haare und ein ehrliches Gesicht, und er roch nach geräucherten Fischen.
»Ich such' 'ne Jungfer Hanekamp!« sagte er, als Burga ihn fragend ansah, und sie erwiderte:
»Die bin ich!«
Denn alle Leute nannten sie so, und sie war es zufrieden.
Der junge Mann rieb sich den Kopf und zog langsam seine Mütze aus Seehundsfell.
»Ich bin Klas Stolz!«
»Klas Stolz?« Burga wiederholte diesen Namen ohne Verständnis, und der junge Fischer sah sie erstaunt an.
»Wenn du die Jungfer bist, die meinen Vater damals von Teufelsbrücke nach Finkenwärder gebracht hat, dann solltest du doch wissen, wie ich heiße!«
»Ich hab's vielleicht gewußt, aber hab's vergessen!« entgegnete Burga lachend, und Klas schüttelte den Kopf.
»Man muß nichts vergessen!« sagte er ernsthaft. »Ich denk noch immer daran, wie ich allein bei meinem Vater saß und wie du mir halfest! Auch weiß ich, daß ich mich nicht bedankte und daß du dann beinah ins Loch gekommen bist, weil du mit einem der unverschämten dänischen Junker fuhrest. Wir haben die Geschichte nachher erst erfahren, und es hat uns leid getan; auch meiner Mutter, die damals im Bett lag und ein kleines Kind hatte. Aber Vater hat lange gelegen, ohne daß er die Besinnung wieder kriegte. Herr Hanekamp hat ihm einmal Geld geschickt, und nun sitzt er vor dem Hause und strickt Netze; aber aufs Wasser gehen und Fische fangen kann er nicht mehr; der rote Michel hat ihm zu arg mitgespielt! So ist es also gekommen, daß wir uns nie etwas von Dankbarkeit merken ließen, und wir haben auch lange nicht gewußt, wer das Mädchen war, die uns damals half — aber wir haben's vom Magister Lange erfahren, der neulich auf unsrer Insel war, um unsern Pastor zu besuchen. Und daher will ich mich jetzt bedanken!«
Aus seinem Korb, den er in der Hand trug, zog Klas ein Paket hervor, das er Burga in die Hand gab.
»Mach es nur offen!« sagte er stolz. »Die Bürgermeisterin von Hamburg wird kein so schönes Seehundsfell haben, wie ich dir bringe!«
Er zog selbst die Leinwand von der langen, seidigen Pelzjacke, die er Burga über den Arm legte.
»Es sind sieben Felle, und ein feiner Schneider in Amsterdam hat die Jacke gearbeitet. Du kannst sie tragen, wenn du dich jetzt verheiratest, und wenn du eine Großmutter geworden bist, wird die Jacke noch gut sein!«
Burga stieß einen Laut des Entzückens aus über die leichte und doch warme Jacke, die noch dazu mit Marderfell gefüttert war. Dann aber schüttelte sie den Kopf.
»Was schenkst du mir solche Kostbarkeit? Ich weiß kaum mehr, daß ich etwas für deinen Vater tat. Hast du mir auch nicht einmal etwas gegeben, als ich hungrig war? Dafür habe ich dir noch gar nichts geschenkt!«
Klas lachte. »Von der Geschichte weiß ich nichts mehr; jedenfalls wollte ich dir dies Ding schenken, und mir ist es gar nicht teuer gekommen. Ich hatte damals einen großen Seehundsfang gemacht, und diese Jacke ist dabei abgefallen. Wir Finkenwärder lassen uns nicht lumpen, kann ich dir sagen, und darum mußt du das Geschenk schon annehmen. Und nun leb wohl, ich will mir mal den roten Michel besehen, der auch am Pranger steht. Schade, daß ich ihn nicht hängen darf, das würde mir Vergnügen machen!«
»Der rote Michel hat deinem Vater doch nichts getan!« rief Burga rasch. »Ganz gewiß, er war es nicht, der deinen Vater verwundete, das wird ein andrer Räuber gewesen sein. Jetzt fällt's mir wieder ein, der Rote hat damals Herrn Hanekamp überfallen, und darüber kam ich dann zu.«
Klas machte ein mißvergnügtes Gesicht.
»Das ist ja schade. Ich hab grade einen verrotteten Winterapfel in der Tasche, den wollte ich ihm ins Gesicht werfen, wenn er am Pranger steht. Mehr darf ich nicht tun, die Hamburger sind immer so eigen mit ihren Gefangenen und wollen sie nicht durchprügeln lassen!«
Burga hörte nicht auf ihn. Sie sah vor sich hin und wiederholte: »Der rote Michel war es nicht, der deinen Vater fast tötete! Den habe ich doch nachher von Herrn Hanekamp weggejagt!«
»Wer war es denn?« fragte Klas, aber darauf konnte Burga keine Antwort geben. An diese Dinge hatte sie lange nicht gedacht; sie wußte nur, daß dieses Mal der rote Michel schuldlos war.
Also ging Klas Stolz achselzuckend davon und meinte, den verrotteten Winterapfel wollte er jedenfalls aufs Geratewohl zu den am Pranger Stehenden werfen. Verdient hatten sie alle noch viel Schlimmeres.
Burga stand mit ihrem kostbaren Pelz über dem Arm und hatte das Geschenk vergessen. Schon oft hatte sie mit einer großen Unruhe gekämpft, sie aber zu unterdrücken gesucht; jetzt, wo der rote Michel in Hamburg war und bald gehängt werden sollte, kam es über sie, als müßte sie zu ihm.
Herr Hanekamp und Konrad kehrten von ihrem Gang ans Gefängnis zurück. Ganz Hamburg hatte vor den Prangern gestanden, hatte auf die Räuber gezeigt und sie gescholten und geschimpft wegen ihrer Missetaten. Und die Räuber hatten frech geantwortet, die Zunge hinausgestreckt und waren wenig bußfertig gewesen. So würden sie also nun ohne Reue ihre irdische Strafe erleiden.
Still hörte Burga diesen Berichten zu, und wie sie dann nachher in ihrem bequemen Bett lag, konnte sie nicht schlafen. Der rote Michel — war er es nicht gewesen, der sie als kleines Kind aus dem Feuer getragen und aufs Pferd gehoben hatte? War er es nicht gewesen, der nachher mit dem guten Prädikanten sprach, daß dieser ihr den Namen auf den Arm ritzte? Der rote Michel war sicherlich ein Räuber; aber ganz schlecht war er niemals gewesen, wenigstens nicht gegen sie! Er wußte, daß sie den kleinen Lederbeutel mit dem Gelde um ihren Hals trug, und er hatte ihn ihr nicht genommen, sondern gelegentlich, wenn er Geld hatte, ihr einen Gulden gegeben, damit sie einen Notgroschen hatte.
Die Sonne ging schon auf, da hatte Burga noch keinen Schlaf gefunden. Es nützte nichts, daß sie immer wieder ihr kleines Gebet sprach; sie wurde erst ruhiger, als sie sich hastig ankleidete und unhörbar auf die Straße schlich. Noch war alles still; nur ein Wächter schlief fest auf einer Haustreppe, und Burga konnte, ohne gesehen zu werden, bis ans Gefängnis gehen, das jetzt finster und schweigend dalag. Vor dem Gebäude waren noch alle Halseisen, in denen die Räuber am Pranger gestanden hatten, und ringsherum lagen kleine Steine, Fischköpfe und Gemüsereste, mit denen das Volk sie beworfen hatte. Aber Burga achtete nicht darauf. Sie klopfte an die niedrige Tür eines Häuschen, das sich hart ans Gefängnis lehnte. Hier wohnte Timotheus Lange, den der Senat als Gefängnisgeistlichen angestellt hatte und der in dieser Zeit sein gerüttelt Maß zu tun hatte.
Er war aber ein Frühaufsteher, und als Burga nur leise den Klopfer hob, stand der Magister schon vor ihr und wunderte sich gar nicht einmal des frühen Besuchs.
»Ich hab dich wohl herbeigedacht, Kind!« sagte er nur mit seiner heisern aber doch so gütigen Stimme, und dann führte er Burga in sein kleines Arbeitsstübchen, in dem eine ältere, in Schwarz gekleidete Frau saß, die große Augen auf das junge Mädchen richtete. »Dies, edle Frau, ist Walburga, auf deren Arm der Name Rantzau neben dem der Walburga steht!«
Er schob den leichten Stoff zurück, der Burgas Arm bedeckte, und zeigte die schwarzen Zeichen.
Die Angeredete stand auf und faßte Walburgas Hand. »Sag, was du noch weißt, von damals, aus der Zeit, als du vielleicht mein Kind warest!«
Walburga begann zu zittern, aber sprechen konnte sie nicht. Sie konnte sich auf nichts besinnen, nur auf ihr kleines Gebet. Sie faltete die Hände.
Die Edelfrau brach in Tränen aus.
»Dies Verslein habe ich mein Kind gelehrt, als es noch kaum sprechen konnte! Ach, Walburga, bist du wahrhaftig mein lang entbehrtes und oft beweintes Töchterchen? Fast ist es zu gut, um es zu glauben!«
Auch Walburga weinte.
»Edle Frau, ich weiß nur, daß ich ein armes Lagerkind war und von Land zu Land irrte. Gehungert hab ich und viel Durst gelitten, aber mein Verslein und der Name auf dem Arm sind mit mir gegangen!«
Dann saßen sich beide Frauen, die ältere und die junge, gegenüber, und wußten nicht, ob sie sich in die Arme fallen sollten oder nicht.
Lächelnd stand der Magister daneben.
»Ich kann mir denken, Frau von Rantzau, daß Ihr zweifelt; aber ich meine, so klar, wie im irdischen Leben überhaupt etwas sein kann, so klar ist es, daß Ihr die Mutter dieses Mädchens seid. Zum wenigsten ist die Jungfrau Euch aus den Augen geschnitten. Aber nun wollen wir zu dem gehen, der gestern von mir verlangte, Euch und Euren Sohn rufen zu lassen, da er vor seinem Tode ein Geständnis zu machen habe.«
Er winkte, und beide Frauen gingen hinter ihm her, während sich aus einer verborgenen Ecke ein junger Mann erhob, der Walburga zunickte. Das war der Rittmeister von Rantzau, mit dem Burga vor etlichen Jahren über die Elbe gefahren war; sie beachtete ihn heute aber nicht.
Ihre Gedanken waren von der Frau in Anspruch genommen, die langsam vor ihr herschritt. Wie mußte es sein, eine wirkliche Mutter zu haben! Sie merkte kaum, daß der Weg ins Gefängnis ging, und dann erst kam sie zu sich, als sich eine düstre Zelle vor ihr auftat, in der ein alter Mann an Ketten lag. Mühsam erhob er sich von seinem Strohlager.
»Burga,« sagte er kläglich, »rede du für mich! Bin ich nicht immer ganz ordentlich gegen dich gewesen und habe dafür gesorgt, daß dir nichts Böses geschah? Wenn ich einen Prädikanten traf, dann habe ich dich gleich zu ihm gebracht, und du hast schreiben und lesen und die zehn Gebote gelernt. Und wenn ich Geld hatte, hab ich dir auch etwas abgegeben. Du hattest den kleinen Beutel um den Hals, als ich dich aus der Burg trug, darin steckten ein paar Goldtaler; ich hab sie dir gelassen.«
»Ja, ja,« Burga klopfte ihm den krummen Rücken und vergaß einen Augenblick die andern. »Ich weiß, du bist nie ganz schlecht gewesen, Michel, und ich habe manchmal an dich gedacht!«
»Seht Ihr?« Der Gefangene wandte sich an den Magister, »sie sagt selbst, daß ich kein übler Kerl war. Ihren Namen habe ich ihr auch auf den Arm schreiben lassen und dann mit Schießpulver verrieben.«
»Aber du brachtest die Feinde auf die Finkenburg!« rief der Rittmeister von Rantzau, der sich immer im Hintergrund gehalten hatte und nun erst vortrat. »Warum tatest du das? Unsre Burg wurde verbrannt, meine Eltern und ich mußten fliehen, unsre kleine Walburga nahmest du von uns! Was taten wir dir, daß du so böse gegen uns warest? Ist mein Vater nicht immer ein guter Herr gewesen? Hat meine Mutter dich jemals hungern lassen?«
Der Gefangene schwieg eine Weile, dann kratzte er sich den Kopf.
»Die Edelfrau ist nicht schlecht gewesen, aber der Herr hat uns mehr geschlagen, als recht war. Und dann war es so langweilig auf der Finkenburg. Immer Arbeit und niemals ein Vergnügen; unsereins will auch mal einen Spaß haben. Und als ich vier Monate Wasser und Brot haben sollte, nur weil ich nicht gern arbeiten mochte, da lief ich weg, grade den Kaiserlichen entgegen. Sie fragten mich, wo etwas zu holen wäre, und der General versprach mir eine Trompeterstelle in seiner Nähe und ein feines neues Wams; da hab ich ihnen den Weg gezeigt.«
Er seufzte und rieb sich die Augen.
»Lieber Gott, viel Spaß ist ja nicht beim Kriegshandwerk, und der General wollte mich nachher hängen lassen, weil er meinte, ich wäre frech. Da bin ich schnell wieder weggelaufen und habe nur die kleine Burga mit mir genommen. Wir stießen auf die Schweden, und da war es nicht besser als bei den andern. So ist es allmählich weiter gegangen, und von meinem Leben habe ich blitzwenig gehabt. Auf den Galgen mag ich aber doch nicht gern; in Nordschleswig liegt ein kleiner Gottesacker, auf dem sind meine Eltern begraben, und ich wollte dort auch ausruhen. Hamburg ist keine freundliche Stadt. Die Bürger haben uns sehr unverschämt angestarrt, als wir gestern am Pranger standen, und einige dumme Jungen haben uns mit Steinen und mit Bücklingsköpfen geworfen. So etwas habe ich nicht gern, und hier auf dem Schindanger zu liegen, denke ich mir auch nicht angenehm. Darum, liebe Burga, mache, daß ich hier sicher wegkomme. Der Magister wird dir helfen. Er hats versprochen, wenn ich die Wahrheit sagte; und die Wahrheit ist, daß ich dieses Mädchen von der Finkenburg mitgenommen und ihr gewissermaßen das Leben gerettet habe. Denn ohne mich wäre sie in den Flammen umgekommen!«
Sie hatten alle still zugehört. Die Frau von Rantzau griff nach Burgas Hand und drückte sie fest, während der Rittmeister den Kopf schüttelte.
»Lieber Michel, du wirst sicher wahr reden, und ich freue mich, daß du zu guterletzt die Wahrheit sprich'st und meine Mutter sehr erfreust. Denn sie hat alle diese Jahre große Angst und Trauer um ihre Tochter ausgestanden, und auch ich bin froh, eine liebe Schwester zu haben. Aber hängen wirst du doch, lieber Michel. Dieweil wir hier nichts in Hamburg zu befehlen haben und die Hamburger dich nun einmal gefangen nahmen. Also bereite dich auf dein Ende vor und freue dich, daß wir alle deiner im Gebet gedenken werden. Ich will dem Henker sagen lassen, daß er es kurz mache!«
Michel begann laut zu heulen; da faßte Burga ihn am Arm.
»Schäm dich, Michel, wer wird denn gleich weinen? Hast doch oft genug dem Tod in die Augen geschaut und weißt, daß das Sterben einmal kommen muß. Aber ich möchte auch gern, daß du am Leben bliebest, und darum will ich meine liebe Frau Mutter bitten, mit mir zum Herrn Bürgermeister zu gehen und ihn um Gnade für diesen Mann zu bitten. Er wird sie schon gewähren, wenn eine Edelfrau ihn bittet.«
Mit flehenden Augen sah Burga ihrer Mutter ins Gesicht, aber ehe diese antworten konnte, trat der Junker dazwischen.
»Ich wünsche nicht, daß der Mann lebe!« sagte er hart. »Er hat die Burg meiner Väter zerstören helfen, und wir sind durch ihn arm geworden. Wer solche Missetat auf sich ladet, der muß sterben!«
»Verdient hat er die Strafe, Herr!« entgegnete Burga. »Aber wollt Ihr nicht bedenken, daß der Alte wohl kaum bedacht hat, was alles durch seine Untat kommen würde! Und haben wir nicht alle Sünden auf dem Gewissen und hoffen auf die Barmherzigkeit Gottes? Wenn niemand mit mir zum Bürgermeister gehen will, so werde ich's allein tun. Und wenn meine Frau Mutter und mein Herr Bruder mir darob zürnen, so will ich mich ihnen als Tochter und Schwester nicht aufdrängen. So bleibe ich in Hamburg, und Herr Hanekamp wird mir sein Haus nicht verschließen.«
Michel hatte bis jetzt leise vor sich hingewimmert. Aber, wie Burga sprach, hörte er still zu wie alle andern und schlug sich jetzt aufs Knie, daß seine Ketten klirrten.
»Burga, du gefällst mir!« rief er. »So wie du redet ein rechtes Lagerkind! Das ist vor nichts bange, und ich will auch nicht mehr bange sein! Hängt mich meinetwegen, ihr vornehmen Leute, die ihr nicht wißt, wie einem armen Schelm zumute ist! Der liebe Herrgott wird mich vielleicht einmal später aus der Hölle nehmen!«
Aber der Rittmeister Rantzau hatte schon ein rotes Gesicht bekommen, als Burga redete. Nun hob er die Schultern und wandte sich an den Magister, der von neuem lächelte.
»Ihr habt mir gesagt, daß Walburga Eure Schülerin war und noch ist. Meiner Treue, sie hat das Reden gelernt, und sie spricht nicht ganz übel. Daran erkenne ich auch, daß sie eine Rantzau ist; weil diese Edelleute ihre Worte zu setzen vermögen. Meinetwegen also mag der Michel laufen! Aber ich will nicht für ihn zum Bürgermeister gehen, das mögen die Frauen besorgen!«
Dann ging er auf Burga zu, und gab ihr die Hand.
»Da du nun einmal ein Lagerkind gewesen bist, muß ich wohl mit deiner Art Geduld haben, und ich hoffe, daß wir uns immer gut vertragen werden! Aber ich hoffe, daß du auch dessen eingedenk bist, nun ein Edelfräulein zu sein, und dich nicht allzuviel mit Spitzbuben und ähnlichem Gelichter einlässest! Denn wir haben jetzt Frieden im Land, und wer ruhig leben will, der muß gegen die Bosheit kämpfen!«
Er machte eine kurze Verbeugung und ging sporenklirrend davon, während Frau Rantzau Burga an sich zog.
»Ich danke Gott, daß wir uns fanden!« sagte sie. »Und du hast recht, daß es besser ist, barmherzig zu sein als allzu streng. Ich werde mit dir zum Bürgermeister gehen und für das Leben Michels bitten!«
So geschah es denn auch, und daß am nächsten Tage der rote Michel in den Reihen der Räuber fehlte, die zum Galgen geführt wurden, merkte niemand von den Hamburgern, die eifrig das grausige Schauspiel betrachteten, das meiste nicht sehen konnten und sich gegenseitig drängten und schlugen, so daß wohl ein Dutzend Neugierige totgedrückt wurden. Von diesen war nachher mehr die Rede, als von den Verbrechern, und jeder, der nicht auf der Straße gewesen war, freute sich und sagte: »Das kommt davon, wenn man so neugierig ist!«
So sprach auch Herr Hanekamp, der übrigens sehr übler Laune war und heimlich mit Timotheus lange schalt.
»Magister, was wolltet Ihr die Rantzaus benachrichtigen und auf das Gerede des verflixten roten Michels hören! Wäre es nicht gescheiter gewesen, die Burga hier zu lassen? Sie hätte einen guten Mann gekriegt, und ich würde ihr eine ordentliche Aussteuer gegeben haben. Jetzt zieht sie mit ihrer Mutter, die nicht viel haben soll, und wer weiß, ob sie glücklich wird? Und dann dieser Michel! Wenn ich der Bürgermeister gewesen wäre, würde ich ihn nicht begnadigt und außerdem noch frei gelassen haben, obgleich es wiederum nicht nötig ist, daß unsre gute Stadt alle fremden Missetäter in Kost und Wohnung behält! Aber ich bin unzufrieden mit Euch, Magister, und es tut mir leid, Euch den Platz als Gefängnisprädikant besorgt zu haben!«
Timotheus lächelte ein wenig.
»Lieber Herr Hanekamp, glaubt ihr denn, daß es mir gleichfalls leicht fällt, von Burga zu scheiden? Aber wir müssen doch ihrer Mutter gedenken, die sich so lange nach der Tochter sehnte! Viele Jahre ist sie ohne sie gegangen, nun gebührt ihr doch ein Teil der Liebe, die sie so viele Jahre entbehren mußte!«
Aber auch für Burga war es keine Kleinigkeit, plötzlich von allem Abschied nehmen müssen, das ihr wert und lieb geworden war. Frau Jutta weinte bitterlich, als sie das Mädchen, das sie wie ihre Tochter liebte, von sich geben sollte, und selbst Konrad, der sich etwas darauf einbildete, ein forscher junger Mann geworden zu sein, selbst dieser ärgerte sich über den holsteinischen Junker, der ihm seine Schwester wegnahm. Er dachte sogar ernsthaft darüber nach, ob er Walburga nicht heiraten sollte; damit sie immer bei den Hanekamps und in Hamburg bliebe, aber Frau Jutta redete ihm diesen Gedanken aus. Zum Heiraten war er noch zu jung, und die Rantzaus würden auch nicht gestatten, daß eine ihres Namens einen Hamburger Kaufmann heirate.
So mußte denn Abschied genommen werden, und zwar auf lange Zeit. Denn der Rittmeister Rantzau hatte Befehl erhalten, mit seinen Dragonern nach dem nördlichen Schleswig zu reiten, und er freute sich nicht wenig darüber. Lag doch sein Stammschloß, die Finkenburg, ganz im Norden des Landes, mitten auf dem Heidrücken und umgeben von dichten Waldungen. Nach dem Brande und der Zerstörung der Burg war er nur einmal wieder dort gewesen, und damals hatte es sich nicht gelohnt, an einen Aufbau und daran zu denken, die öde liegenden Felder wieder zu bestellen. Denn der Feind war immer noch im Land und konnte mit leichter Mühe alles zerstören, was mühsam geschaffen war. Nun aber war Friede, und es konnte daran gedacht werden, wieder in die alte Heimat zu ziehen.
So also fuhr Walburga mit ihrer neuen Mutter und dem neuen Bruder nordwärts. In einer schweren alten Kalesche, die von vier Pferden gezogen wurde und doch nur mühsam durch die schlechten Wege weiter kam. Eine Abteilung Dragoner ritt vor, eine andre hinter dem Wagen, denn die Wege in Holstein waren noch immer unsicher, und man mußte sich vorsehen, daß nicht irgendwo aus dem Hinterhalt Räuber hervorbrachen, die alle Habe nahmen und das Leben dazu. Die Bauern, durch deren Dörfer der Weg ging, wußten davon zu berichten, wie die Wegelagerer hausten, und sie freuten sich auch nicht, wenn sie die dänischen Dragoner sahen; versteckten Hühner und Schweine und meistens auch sich selbst, bis der Rittmeister ihnen versicherte, daß seine Soldaten weder plündern, noch sonst irgend etwas Böses tun wollten.
Der Rittmeister Rantzau war wohl ein wenig herrisch, aber doch ein braver Mann, der gut gegen seine Mutter war und freundlich gegen seine Schwester, obwohl er sie noch manchmal kopfschüttelnd betrachtete.
»Es ist ganz merkwürdig, mit einmal wieder eine Schwester zu haben!« meinte er wohl. »Weiß garnicht, wie ich mich zu dir stellen soll, Walburga!«
Seine Mutter aber legte ihm die Hand auf den Arm.
»Denk darüber nicht nach, Kord! Freu dich, daß sie wieder da ist!« Liebevoll strich sie über das Haar ihrer Tochter, und diese küßte ihr die Hand. Noch immer wars ihr wie ein Traum, nun endlich eine echte Heimat gefunden zu haben, und diese Heimat lag fremd und unbekannt vor ihr; manchmal kam es wie eine Furcht über das ehemalige Lagerkind, ob sie auch glücklich werden würde in den neuen Verhältnissen. Aber dann dachte sie an den Magister Timotheus, dem sie ihre Zweifel gesagt hatte.
»Burga,« hatte er gesagt, »es kommt nicht darauf an, ob man glücklich wird; man muß aber versuchen, glücklich zu machen!«
Aber einer war ganz glücklich. Das war Wolf, der neben dem Wagen herlief und wieder jung wurde. In dem behäbigen Hamburg war auch er behäbig geworden. Das Umherstreifen in Feld und Flur hatte ihm gefehlt; gesittet in den Straßen zu wandern, war nicht nach seinem Geschmack gewesen: daher lag er lieber hinter dem Ofen, oder in der Sonne und wurde fett. Nun aber lief er sich das Fett wieder von den Knochen, jagte bellend hinter den Krähen her, die auf der Landstraße saßen, oder machte einer wilden Katze den Garaus. Er war zahm geworden; hier im Freien wurde er wieder wild, zeigte jedem, der ihm zu nahe treten wollte, die Zähne und hörte nur auf Burga.
Der Rittmeister war damit zufrieden.
»Wenn ihr erst oben in Nordschleswig seid, dann müßt ihr solchen Schutz haben!« sagte er. »Da kommen im Winter Wölfe und im Sommer die Wegelagerer, also müßt ihr euch wehren können. Kannst du schießen, Schwester?«
Sie lachte.
»Das hab ich verlernt, Herr Bruder. Dazumal, als ich noch ein Lagerkind war, hab ich wohl mit dem Feuerrohr umgehen können, aber in Hamburg hätte sich für eine ehrsame Jungfrau nicht geschickt, mit Waffen zu hantieren. Herr Hanekamp würde wohl recht böse geworden sein!«
»So also werde ich dir zeigen, mit dem Pistol umzugehen!« erwiderte der Rittmeister ernsthaft, und Walburga freute sich nicht wenig. Denn ihr erging es wie ihrem Wolf. Wohl war der Wagen hart und stieß mächtig auf den schlechten Wegen, aber die linde Luft, die sie umgab, der Geruch der Felder, der Anblick der Wälder beglückten sie. Die enge Stadt war nichts für sie gewesen; sie merkte es, je länger die Fahrt dauerte. Schlecht waren die Quartiere in elenden Wirtshäusern, und außer Milch und Eiern konnte man fast nichts genießen; aber herrlich war es, morgens früh in die frische Natur zu fahren. Wenn die Sonne eben aufgegangen war und die Felder vom Tau noch dampften. Wenn die Pferde mutig ihre Reiter weiter trugen, während diese ein Soldatenlied anstimmten und vom Krieg und Tod zu singen begannen, als wäre beides das Beste auf der Welt. Dann summte Walburga das Lied leise mit, und als ihr neuer Bruder ihr ein Pferd brachte, das an einen Damensattel gewöhnt war, da schwang sie sich auf den Gaul, als habe sie im Leben nichts andres getan, als mit den Dragonern zu reiten.
Aber sie vergaß nicht die zarte Frau, die ihrer Pflege und Liebe bedurfte. Frau von Rantzau war seit dem Brande ihrer Burg und unter den nachher ausgestandnen Leiden nie wieder recht gesund geworden. Sie hielt sich zwar tapfer und klagte selten, aber sie konnte nicht mehr viel vertragen und sah es als eine besonders gnädige Fügung an, daß ihr die Tochter grade jetzt wieder gegeben wurde, wo sie ihrer so sehr bedurfte. Aber sie verhehlte ihr auch nicht, daß sie keinem leichten Leben entgegen ginge.
»So sanft wie in der reichen Stadt wird dich das Leben nicht anfassen, Burga!« sagte sie oft. »Der Wind oben im Norden ist grade so rauh wie die Luft und die Menschen. Wer weiß, ob du es ertragen kannst!«
Aber Burga lachte unbekümmert.
»Frau Mutter, ich bin ja ein Lagerkind! In Hamburg hatte ich's gerade vergessen; da war es gut, daß Ihr kamet und ich wußte, wohin ich eigentlich gehöre!«
Mühsam und lang war die Reise. Oft mußte unterwegs gerastet werden. Dann hatte der Rittmeister in Kiel zu tun, und einige Tage wurde auch in der Stadt Schleswig verweilt. In Kiel betrachtete Burga die Ostsee, die grade ihr blauestes Kleid übergeworfen hatte und dazu lächelte, als gäbe es für sie keinen Sturm und keine haushohen Wellen.
»Ist dies Wasser immer so brav?« fragte sie ihren Bruder, der zu lachen begann.
»Komm einmal wieder, wenn der Ostwind heult, wenn er das wilde Wasser weit bis in die Straßen jagt. Wenn die Wellen die Schiffe wie Nußschalen umwerfen und ihre Mannschaften ertrinken lassen. Dann wirst du nicht fragen, ob die Ostsee immer so brav ist!«
Nachdenklich betrachtete Burga das lächelnde Wasser, die grünen Buchenwälder an seinem Ufer.
»Ich dachte nicht, daß die Welt so schön wäre!« sagte sie dann.
Ihr Bruder sah sie scharf an.
»Möchtest du hier bleiben? Ich könnte der Frau Mutter hier ein Häuschen kaufen, und ihr könntet in Frieden wohnen.«
»Und die Finkenburg?«
Kord Rantzau hob die Schultern.
»Sie würde alsdann das bleiben, was sie ist, ein Haufen Trümmer und viel ödes Land!«
Da schüttelte Burga den Kopf.
»Ich will Arbeit haben und nicht immer in der Stube hinter dem Spinnrocken sitzen!«
Der Bruder sagte hierauf nicht viel, aber nachher, als er einmal mit seiner Mutter allein war, erzählte er ihr diese Unterhaltung.
»Manchmal hab ich wohl gedacht, es wäre Teufelsspuk und Burga gehörte nicht zu uns; aber nun weiß ich, daß sie unser Blut in den Adern hat!«
»Das habe ich lange gewußt!« erwiderte die Mutter.
In der Stadt Schleswig gabs allerlei für den Rittmeister und seine Leute zu tun. Auch Frau von Rantzau besuchte einige Verwandte, und Burga mußte sie begleiten, Ihr war etwas übel zumute, als sie vor einige alte Damen geführt wurde, die sie aufmerksam betrachteten und endlich erklärten, daß sie diesem oder jenem Vetter ähnlich sähe. Denn die adligen Familien in Schleswig-Holstein waren alle miteinander versippt und verschwägert, und so mußten sie auch einander ähnlich sehen. Walburga antwortete freimütig auf alle Fragen, geduldig zeigte sie immer wieder den eingeritzten Namen auf ihrem Arm, und obgleich eine sehr alte Base kopfschüttelnd erklärte, an so etwas würde sie nicht glauben, und es könnte wohl sein, daß diese Walburga Rantzau eine Betrügerin wäre, so meinten die andern, sie wollten nicht zweifeln. Denn hatte man nicht mehr als ein Beispiel, daß verschleppte Kinder später nur an solchem Zeichen erkannt waren? Und, ach, wie viele andre waren verschwunden und nie wiedergekommen! Es war noch immer eine böse Zeit, und jedermann mußte sich mit Frau von Rantzau freuen, die viele Jahre keine Tochter gehabt hatte und nun, wo sie alt wurde, sie wieder geschenkt erhielt. Wie Frau von Rantzau dann erzählte, wie gern die Hanekamps Walburga in Hamburg behalten hätten und wie sie es dort viel besser gehabt, als sie es bei ihr haben würde, da wurden alle noch viel freundlicher. Denn soviel wußten alle, daß es für den, der den Frieden und das Wohlleben liebte, besser war, in Hamburg zu bleiben, als auf die nordschleswigsche Heide zu reiten und nichts zu haben als Arbeit.
In diesen Tagen wurde Walburga das, was sie von Haus aus war, nämlich ein Edelfräulein mit stolzer Haltung und mit vornehmer Art, den Kopf in den Nacken zu werfen. Grade so, wie sie es an den Verwandten sah. Und nicht deshalb, weil sie sich besser dünkte als ehemals, sondern, weil es in ihr lag. Wenn sie aber allein war oder bei der Mutter saß, dann nannte sie sich selbst ein Lagerkind und freute sich, es einstmals gewesen zu sein.