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Der König von Dänemark war in der Stadt Flensburg und sandte Botschaft an den Rittmeister Rantzau, ihm seine Dragoner vorzuführen. Kord Rantzau war nicht sehr zufrieden. Denn er hatte gehofft, Mutter und Schwester mit seinem Fähnlein erst nach der Finkenburg bringen zu dürfen. Aber dem königlichen Gebot mußte gehorcht werden, und so bat er seine Mutter, mit Walburga in Schleswig zu bleiben, bis er sie selbst mit einigen Reitern geleiten konnte. Aber Frau von Rantzau sehnte sich nach der alten Heimat.

»Immer habe ich gehofft, die Burg wieder zu sehen, und es sind vielleicht noch einige Leute da, die mich kennen und mir gut dienen werden. Laß mich hingehen; auch Walburga sehnt sich, und wir können mit einigen Frachtwagen reisen, die nach Jütland fahren. Ich weiß, daß Herr Josias Petersen in diesen Tagen gen Norden reisen läßt!«

So also besuchte der Rittmeister den Herrn Kaufmann Josias Petersen, der von Schleswig aus einen großen Handel mit fremden Waren nach dem dänischen Reiche betrieb. Er hatte wohl zehn mächtige Frachtwagen, die immer auf der Landstraße unterwegs waren, viele Pferde und einen Troß von Fuhrknechten. Als der Rittmeister in sein Kontor trat, begrüßte er ihn freundlich.

»Gewiß, werter Herr!« entgegnete er auf des Junkers Frage, »meine Leute kennen das Reisen und haben schon manche Fährlichkeit bestanden. Sie werden es sich zur Ehre rechnen, Eure Frau Mutter und Jungfrau Schwester zu geleiten. Wie in Abrahams Schoß werden sie sein, und Geld will ich nicht dafür nehmen. Denn ich kenne doch die edle Frau Rantzau und weiß, wie viel sie durchgemacht hat. Sie solls gut haben, und mein Gesellschafter, der mit den Waren reist, wird sich bestreben, die zwei Frauen samt ihrem Gepäck richtig dort abzuliefern, wo einst die Finkenburg stand. Denn, edler Herr, ich glaube nicht, daß noch ein Stein von ihr auf dem andern steht! Aber ich weiß, daß das Land um sie her Euch noch gehört, und es ist verständig, die Hand wieder nach dem Besitz auszustrecken, da es sonst von andern Liebhabern genommen werden möchte!«

»Wen meint Ihr mit dieser Andeutung?« fragte Kord, und Herr Petersen strich an seinem feinen Tuchrock.

»Die Troiburg ist nicht allzuweit von der Finkenburg!« erwiderte er. »Dort sitzt ein Vetter von Euch. Ein braver Mann gewiß; aber heutzutage greift jedermann nach fremdem Gut!«

Der Rittmeister erwiderte nicht viel, aber seine Miene wurde sorgenvoll, worauf der Kaufherr ihn gutmütig betrachtete.

»Es mag so arg nicht sein, edler Herr!« sagte er tröstend. »Ich wollte nur sagen, daß es gut ist, wenn ein Besitzer nach dem Seinen sieht, auch wenn es den Anschein hat, wertlos zu sein!«

Noch einmal empfahl der Rittmeister Mutter und Schwester dem Kaufherrn, dann ritt er am nächsten Morgen mit seinen Dragonern gen Flensburg. Fröhlich klapperten die Hufe der Reiter durch die Straßen der Stadt, und Burga stand am Fenster des kleinen Wirtshauses, um ihren Bruder abreiten zu sehen. Er hatte ihr ganz besonders die Mutter ans Herz gelegt, und sie erwiderte ihm, daß es dieser Ermahnung nicht bedürfe. War seine Mutter nicht auch die ihre? Dann, wie die Reiter allmählich verschwanden und sie sich allein mit der schwachen Frau wußte, wurde ihr einsam und traurig ums Herz. Die Verwandten hier waren gewiß freundlich gegen sie und wollten sie wohl als eine von den Ihren anerkennen; aber keinen von ihnen hätte sie um ihre Hilfe bitten mögen.

Wie sie noch so in Gedanken stand, fühlte sie Wolfs kalte Schnauze an ihrer Hand. Sie hatte ihn in ihr Zimmer genommen, weil er ungebärdig war und sich mit keinem Tier, sei es Hund oder Katze, vertragen konnte.

»Wolf, Wolf!«

Walburga streichelte seinen struppigen Kopf.

»Weißt du, daß wir wieder allein sind und daß wir gut für die Frau Mutter sorgen müssen?«

Wieder legte der Hund seinen Kopf an ihre Knie, begann zu winseln und dann zu knurren. Es war jemand an der Tür, die vorsichtig offen gemacht wurde.

»Burga, nimm den Hund ans Halsband, sonst komme ich nicht herein!«

»Michel!« Fest hielt die Jungfrau den Hund, der seine spitzen Zähne zeigte. »Was willst du hier?«

»Was ich will?« Der rote Michel schob sich vorsichtig ins Zimmer. »Du liebe Zeit, das ist, mit Verlaub, eine dumme Frage! Ich will doch auch nach der Finkenburg!«

Er riß seine Kappe vom Kopf und machte einen ungeschickten Kratzfuß. Sein struppiger Bart war gestutzt, er trug ein ordentliches Lederwams und im Gürtel ein langes Messer.

»Die Jungfrau wird mich gut gebrauchen können!« fuhr er fort, während Burga vor Staunen nicht sprechen konnte. »Ich bin doch dort aus der Gegend und kenne manches, was die Jungfrau nicht kennt. Und mit alten Leuten verstehe ich auch umzugehen, so daß ich die Frau Mutter bewachen kann, wenn die Jungfrau keine Zeit dazu hat.«

»Du bist ja selbst alt!« rief Walburg, unwillkürlich lachend, worauf Michel eine beleidigte Miene aufsetzte.

»Ganz genau weiß ich zwar nicht, wie lang ich schon auf dieser Erde umherlaufe, aber viel mehr als fünfzig Jahre werdens nicht sein. Und das ist für einen Kerl wie mich kein Alter, besonders, wenns gutes Futter gibt. Die Jungfrau wird sehen, daß ich ihr in allen Stücken helfen kann!«

»Aber du warst ein Räuber und bist nur durch die Gnade des Hamburger Bürgermeisters vorm Tode bewahrt geblieben!«

»Redet doch nicht von alten Geschichten!« sagte Michel verdrießlich. »Was gewesen ist, ist gewesen, daran braucht man nicht mehr zu denken! Oder glaubt Ihr, daß vornehme Herren in diesen üblen Zeiten nicht auch einmal ein wenig geräubert haben? Ich will wahrhaftig ein braver Mann werden und habs dem Magister Timotheus in die Hand versprochen. Seht doch, wie anständig ich aussehe! Den ganzen Anzug habe ich mir durch meiner Hände Arbeit verdient, in Kiel und in Schleswig!«

»Du bist in Kiel gewesen?«

»Ganz sicher, edle Jungfrau! Bin Euren Spuren gefolgt und immer dort gewesen, wo Ihr waret. Ich drängte mich nicht vor; erstmals wollte ich einen ordentlichen Kittel haben, und dann bin ich auch ein wenig bange vor dem Herrn Rittmeister. Der wollte ja durchaus, daß ich hängen sollte, und da will ich ihm vorläufig aus dem Wege gehen. Fragt aber nur die Frau Mutter; sie wird schon Erbarmen mit mir haben und mich mitnehmen nach der Finkenburg!«

In diesem Augenblick trat Frau von Rantzau ein, und obgleich sie zuerst sehr erstaunt über Michels Erscheinen war, so erklärte sie nach einigem Nachdenken, daß sie nichts gegen seine Begleitung habe. Hierüber wurde Michel so gerührt, daß er nach ihrer Hand griff, um sie zu küssen.

»Ich will ein treuer Diener werden, edle Frau!« rief er. »Wahrlich, wenn der rote Michel etwas verspricht, dann hält er sein Wort! Ich habe doch damals die Burga aus dem brennenden Schloß getragen und dafür gesorgt, daß sie in gute Hände kam. Lesen und Schreiben hat sie gelernt, und ich will sie jetzt auch mit Ehrerbietung behandeln, wie es ihr zukommt!«

Michel ging jetzt, um sich dem Kaufherrn als Begleiter anzubieten, die zwei Frauen freuten sich eigentlich, den roten Freund wieder zu haben. Besonders Walburga, und ihre Mutter wußte auch, daß man es in diesen Zeiten nicht allzu genau mit dem nehmen durfte, was die Männer einstmals getan hatten. Wenn sie nur nachher treue Dienste leisteten, mußte man zufrieden sein.

Zwei Tage später ging der Kaufmannszug aus den Toren der Stadt. Frau von Rantzau und ihre Tochter saßen wieder in ihrer Kalesche, die ein Knecht lenkte, und Wolf mußte sich gefallen lassen, an einem langen Riemen von Michel geführt zu werden. Er knurrte und war verdrießlich, aber Burga flüsterte mit ihm und versprach ihm die goldne Freiheit, wenn er erst auf der Finkenburg wäre. Und wieder war es, als ob das Tier ihre Worte verstünde. Er gab sich zufrieden und ließ sich geduldig von Michel führen. Es war kein sicheres Land, durch das jetzt die Reise ging. Hügelige Heide und Moorstrecken wechselten mit weiten Wäldern ab; die Ortschaften lagen verstreut; die Landstraßen waren schlecht, und zur Winterszeit kamen die Wölfe und überfielen die Wanderer. Jetzt aber war Sommer, die Heide begann zu blühen, und auf dem Moor liefen die Wasservögel mit ihrer jungen Brut. Manchmal rannte ein Hase über den Weg und einmal sogar ein Hirsch. Da war es besser, den Hund nicht frei laufen zu lassen, da er im Jagdeifer in den Wassertümpeln des Moores hätte versinken können. Oder der Wolf tauchte aus dem Dickicht auf und sprang ihm an die Kehle. Denn vor kurzem war trotz des Sommers ein ausgewachsener Wolf von einigen Bauern im Netz eingefangen worden. So berichtete der Gesellschafter des Herrn Petersen, der zu Pferde die Reihe von Wagen begleitete, überall seine Augen hatte und gelegentlich einige höfliche Worte an die zwei Frauen in ihrem Wagen richtete. Er hieß Jens Nielsen und stammte aus Jütland. Aber er sprach das Deutsch geläufig und wußte gut mit den Fuhrknechten und den Soldaten umzugehen. Denn auch einige Soldaten hatte man mitgenommen. Langsam nur kam der Zug vorwärts. Hin und wieder versank ein Wagenrad im Moor, oder der Sand auf den Heidewegen war so hoch, daß die Pferde kaum vorwärts kommen konnten. Burga, die gemeint hatte, in zwei oder drei Tagen auf der Finkenburg zu sein, mußte Geduld lernen. Eine Woche konnte es noch dauern, ehe der Zug nach dem Dorf Lügumkloster kam. Von dort war es dann nur eine Tagesreise nach der Finkenburg. So berichtete ihr Herr Nielsen, mit dem sie manchmal wanderte, wenn sie nicht mehr in dem schaukelnden Wagen sitzen mochte. Es war herrlich, die Heideluft einzuatmen, die Vögel fliegen zu sehen, sich einen Busch Heidekraut zu pflücken oder die kleinen Moorenten zu beobachten, die auf den Wassertümpeln schifften.

Dann tat es ihr nicht leid, so langsam zu reisen, und Michel tröstete sie am Ende des dritten Reisetages.

»Wir kommen noch früh genug nach der Finkenburg!« versicherte er. »Glaubt mir, Jungfrau, nun habt Ihr große Ungeduld, in die alte Heimat zu kommen, wenn Ihr aber einmal dort seid, werdet Ihr Euch vielleicht wünschen, bald wieder wegzureisen. Das aber wird nicht schnell gehen. Noch manchmal werdet Ihr nach Hamburg zurück denken und vielleicht auch an den Hanekamphof. An dem war ja eigentlich nicht allzuviel, aber besser als die Finkenburg wird er schon gewesen sein!«

Es war ziemlich spät am Abend, als die Wagen vor einer kleinen Herberge rasteten, die hart am Rande des Waldes lag. Am Tage wars heiß gewesen, und auf dem sandigen Wege kein Schatten. Da waren die Pferde müde geworden und hatten die schweren Wagen kaum noch ziehen können. Jetzt stand ein Gewitter am Himmel, und Herr Nielsen freute sich, in dieser kleinen Herberge ein Unterkommen gefunden zu haben. Schlecht genug war es; die Wirte waren finstre Leute, die einmal übers andre erklärten, weder Milch noch Bier für die Reisenden zu haben. Mürrisch schafften sie endlich ein Faß saures Bier zur Stelle und brachten für Frau von Rantzau einen Becher mit Milch. Aber sie versicherten, keinen Raum zum Schlafen für die zwei Frauen zu haben, sie müßten in ihrem Wagen bleiben. Wolf winselte und knurrte zugleich, als er mit Michel vor dem düstern Hause stand, und sein Führer sah sich mit scharfen Augen um. Dann drückte er Burga den Lederriemen des Hundes in die Hand und ging, ohne ein Wort zu sagen, in den wilden Krautgarten, der hinter dem Hause lag. Als er zurückkehrte, ging er auf Herrn Nielsen zu und sprach eifrig auf ihn ein. Dieser aber lächelte nur und zuckte die Achseln.

Michel kehrte zu Walburga zurück.

»Der junge Herr will mir nicht glauben, aber ich spüre was Verdächtiges, und Wolf ergeht es grade so.«

»Sind Räuber in der Nähe?« fragte Walburg, und Michel nickte.

»So wirds wohl sein, und wenn ich die Jungfrau wäre und eine Mutter hätte, würde ich was andres tun, als die Nacht hindurch vor dem Haus im Wagen zu bleiben!«

Walburga sah sich um. Die Soldaten saßen im Schenkzimmer um das Faß Bier, und die Fuhrknechte hockten neben ihnen. Die Pferde waren abgesträngt, und man hatte einige Eimer mit Wasser so gestellt, daß die meisten trinken konnten. Auch die Pferde vor dem Wagen der zwei Frauen standen mit hängenden Köpfen, und Michel schleppte ihnen einen Eimer mit Wasser hin, den sie gierig austranken. Der Fuhrknecht, der als Kutscher diente, war nirgends zu sehen. Erschöpft lehnte Frau von Rantzau in den Kissen. Sie hatte ihre Milch getrunken und nun die Augen geschlossen. Die Fahrt begann, für sie sehr mühselig zu werden. Michel sagte nicht viel; aber, nachdem die Pferde getrunken hatten, strängte er sie von neuem an, kletterte auf den Bock, machte Walburg ein Zeichen einzusteigen und fuhr mit dem Wagen in ein Dickicht, das etwa eine Viertelmeile von der unheimlichen Herberge lag. Hier war es feucht und schattig, dichtes grünes Gras bedeckte den Boden. Michel sprang vom Wagen, riß einige Büschel von dem Gras ab und gab sie den Pferden.

»Hier muß der Wagen bleiben!« sagte er leise zu Burga. »Nehmt Euer Pistol in die Hand und den Wolf mit in den Wagen. Er darf keinen Lärm machen, damit Ihr nicht gefunden werdet!«

»Meinst du, daß die Räuber kommen werden?«

Michel lachte über diese Frage, aber dann wurde er wieder ernst.

»Man sollte meinen, daß Ihr niemals ein Lagerkind gewesen wäret, Burga! Hättet Ihr in der Herberge die Augen offen gehalten, dann würdet Ihr mich nicht fragen. Doch verliert nur nicht den Mut; einmal nur kann man sterben, Ihr habt es mir selbst gesagt!«

Er war gegangen, Burga faßte ihr Pistol und zog Wolf zu sich in den Wagen. Der wollte zuerst nicht, spitzte die Ohren und murrte leise; aber sie hielt ihm das Maul zu und flüsterte mit ihm. Da drückte er den Kopf gegen ihre Brust und lag regungslos. Die Nacht kam früher als sonst in diesem nordischen Lande mit den langen Sommerabenden. Schwarze Wolken türmten sich zusammen, und der Donner grollte. Frau von Rantzau fuhr aus unruhigem Schlummer auf, aber Walburg sagte einige beruhigende Worte; da legte sie sich wieder zurück und begann von neuem zu schlafen. Dann rauschte der Regen, dazwischen fiel Hagel, und die Blitze zuckten. Wolf fuhr in die Höhe und wollte heulen: aber er durfte nicht und mußte sich beruhigen.

Wie lang war die Nacht, und wie rauschte der Regen! War Walburg wieder ein Lagerkind geworden, mußte im Freien nächtigen und hatte keine Heimat? Halb im Traum sah sie sich in der Hütte, unter der in der kalten Nacht die Wölfe heulten, sah sich im Boot auf der Elbe und dann später in dem behaglichen Kaufmannshaus. Da brauchte man nicht im Freien zu schlafen und ängstlich auf ein Geräusch zu warten, das von Raub und Überfall sprach. — —

Ein Schuß knallte in der Ferne, dann mehrere. Ein Geschrei erhob sich, dazwischen Waffengeklirr, Fluchen und eine laute Stimme, die alles übertönte. Es regnete nicht mehr, der Tag brach an, und ein roter Sonnenstrahl glitt über die nassen Zweige. Burga saß aufrecht, die Waffe in der Hand, eine tiefe Falte zwischen den Augen. Wenn es ans Sterben ging, dann wollte sie ihr Leben teuer verkaufen. Da rief Michels Stimme nach Wolf, und der Hund, der schon an allen Gliedern gezittert hatte, riß sich los und sprang aus der nur angelehnten Tür. Er bellte, ihm antwortete ein wilder Schrei, dann klirrten wieder die Waffen, und viele Stimmen sprachen durcheinander.

Frau von Rantzau fuhr angstvoll in die Höhe, und Burga hielt es nicht mehr in ihrem Versteck. Sie stand mitten im Dickicht und wäre am liebsten ihrem Hunde nachgeeilt, aber sie sah ein, daß sie ihre Mutter nicht verlassen durfte. Da erschien schon Michel. Sein Gesicht blutete, aber er lachte zufrieden.

»Braucht Euer Pistol nicht mehr, Burga, wir haben den großen Räuber gefangen, und Wolf bewacht ihn. Denn er soll nicht im ehrlichen Kampf sterben, sondern durch den Strick! Und der Junker Buchwald von der Troiburg ist auch dabei. Da lief hier gestern so ein kleiner Junge umher, den die Räuber als Kundschafter gebrauchten. Aber sie hatten ihn aus Tondern gestohlen und ihn immer geschlagen. Nun war er böse auf sie, und wie er merkte, daß ich es gut mit ihm meinte, verriet er mir, daß der Ritter von der Troiburg hinter den Räubern her wäre und daß er ihn und seine Knechte wohl finden könnte. Also habe ich ihn geschickt, und der Junker ist grade zur rechten Zeit gekommen!«

Während er noch sprach, trat ein großer Mann im einfachen Lederkoller vor Walburga und lüftete seine Kappe.

»Edle Jungfrau, ich habe schon von Euch gehört, und Eure Frau Mutter ist die Base meiner alten Mutter. So sind wir miteinander verwandt!«

Das war der Ritter Detlev Buchwald von der Troiburg, der nun auch die Frau von Rantzau begrüßte und übers ganze Gesicht lachte. Denn er hatte einen sehr guten Fang in dieser Nacht gemacht. Schon seit langer Zeit kam eine Räuberbande von Jütland her nach Nordschleswig, plünderte einsame Gehöfte und überfiel die Reisenden. In Moor und Wald konnte sie sich gut verstecken, und es war fast unmöglich, ihr beizukommen. Ihr Anführer Klas Lembeck war ein kluger Mann und sollte ehedem Offizier bei den Wallensteinern gewesen sein. Nun lag er gefesselt auf der Erde, und Wolf bewachte ihn. Michel zeigte ihn voll Stolz.

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»Allein konnte ich ihn nicht überwältigen, da rief ich nach dem Hund, und er kam auf meinen Ruf. Wohl, weil er merkte, daß er was Gutes tun sollte!«

Er streichelte den großen Kopf des Hundes; der aber rührte sich nicht, sondern sah mit glühenden Augen auf den Gefangenen, der zornige Flüche ausstieß.

Vier Räuber waren getötet, eben so viele gefangen, und die andern waren entflohen. Es stellte sich heraus, daß wohl ein halbes Dutzend von ihnen in der Herberge verborgen gewesen war, als der Kaufmannszug kam. Schon seit einigen Tagen wurde der Zug von Klas Lembeck verfolgt, und hier erschien der geeignete Ort, einen Überfall zu unternehmen. Der Kampf war heftig gewesen; Herr Jens Nielsen hatte einen Schlag über den Kopf erhalten und einen Stich in den Arm, daß er recht kläglich einherging. Aber Michel, der etwas von allem verstand, verband ihn kunstgerecht und ließ es dabei nicht an Bemerkungen fehlen, daß der, der nicht hören wollte, nun fühlen müßte.

»Hab ich's Euch nicht schon gestern gesagt, werter Mann, daß es hier nicht geheuer wäre, und daß Ihr gut tätet aufzupassen? Sagte ich nicht, Ihr sollet einmal in den Garten gehen und Euch die vielen Fußspuren betrachten? Sie liefen alle ins Haus und keine hinaus! Aber Ihr waret so klug, daß Ihr mich auslachtet!«

»Wir hatten ja doch die Soldaten!« murmelte Herr Nielsen, worauf Michel ihm das Tuch um den Kopf noch fester band.

»Werter Mann, in das saure Bier war doch Mohnsaft hineingeträufelt. Ich schmeckte es gleich, als ich den Becher an die Lippen setzte, aber die andern waren durstig und spürten nichts davon. Daher schliefen sie nachher wie die Steine. Niemand hörte auf mich, weil ich nur ein elender Knecht bin, aber auch einfache Knechte sind manchmal klüger als feine Herren aus der Stadt!«

Michel spreizte sich recht mit seinen Verdiensten, aber niemand verwies ihm seine Eitelkeit. Hatte er doch wirklich die reichen Güter vor den Räubern gerettet und die Menschenleben dazu. Denn Klas Lembeck war als ein grausamer Mann bekannt, der seine Gefangenen allemal tötete und keine Gnade kannte. Auch Burga, trotz ihrer Waffe und ihres Hundes, hätte sich schwerlich vor ihm schützen können.

Frau von Rantzau war die erste, die Michels Verdienst erkannte und ihm die Hand reichte.

»Du hast uns das Leben durch deine Treue gerettet, Michel!« Er machte einen Kratzfuß, und wischte sich das blutunterlaufne Gesicht.

»Die edle Frau braucht sich nicht zu bedanken, ich weiß, was ich ihr schuldig bin. Aber ich meine selbst, daß es vom Herrn Bürgermeister von Hamburg ein guter Gedanke war, mir das Leben zu schenken. Denn nun kann ich doch versuchen, ein braver Kerl zu werden, bis ich auf natürliche Art in die Grube fahre!«

»Du sollst immer bei uns bleiben und von deinen früheren Taten darf nicht mehr geredet werden! Sie sind vergessen und vergeben!«

Michel begann ein wenig zu schluchzen, aber er nahm sich gleich wieder zusammen.

»Ich danke Euch, edle Frau! Besser ist es ja, wenn die Leute hier sich von dem alten Michel keine Geschichten erzählen können! Und wenn sie nun von mir reden, so dürfen sie damit beginnen, daß ich geholfen habe, den großen Räuber Klas Lembeck gefangen zu nehmen!«


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