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Der Wind kam scharf aus Norden, und Burga hatte Mühe, gegen ihn anzukämpfen. Aber sie wickelte sich in ihr altes Marderfell und freute sich, daß sie einen guten Stiefel hatte. Damit konnte man tief in den aufgehäuften Schnee gehen, und der Fuß wurde doch nicht naß. Anders war es mit dem andern Fuß. Der Holzschuh hielt zwar warm, aber in ihn lief das Schneewasser hinein, und das war nicht angenehm. Es war schade, daß der tote Reitersmann, dem sie den einen Stiefel ausgezogen hatte, auch nur mit diesem bekleidet war. Vielleicht hatte der Feind, der ihn erschoß, sich den andern Stiefel genommen, vielleicht hatte er nur einen gehabt. Es war ein langer weicher Lederstiefel, und vielleicht hatte er einem vornehmen Herrn gehört. Während Burga so dachte, strebte sie langsam vorwärts und fiel plötzlich über etwas, das mit Schnee bedeckt auf dem Eise lag. Es war ein Ledersack, den Burga von Eis und Schnee befreite und dann neugierig öffnete. Es waren drei Würste darin, ein Laib Brot und eine Lederflasche, in der es gluckerte. Ein Soldat mußte diesen Beutel verloren haben.

»Das ist gut!« dachte Burga bei sich, und da sie noch lange nicht satt war, hatte sie nicht übel Lust, in eine der Würste zu beißen. Da aber kam der Wind und warf ihr eine Handvoll Hagelgraupel ins Gesicht, die Elbe begann zu stöhnen und durchs Eis ging ein Zittern. Also warf sich Burga den Sack über den Rücken und ging grade aus, dem dunklen steilen Ufer zu. Auch der Hund begann zu winseln und drängte sich an sie. Wo war das Fischerdorf Neumühlen, von dem der Junge gesprochen hatte, und wo der Teufelsbach, wo die Hexe wohnte? Wieder hagelte es; die Elbe stöhnte, und Burga sah nichts als eine graue Wolke, die sich vor sie schob. Einen Augenblick stand sie ratlos, und eine große Angst kam über sie, dann aber lief sie vorwärts, immer vorwärts. Zweimal fiel sie und es war ihr, als plätscherte es dicht neben ihr. Aber sie wollte nichts hören: vorwärts, vorwärts!

Die graue Wolke war vorüber gezogen; es wurde etwas heller, grade, wie Burga den Fuß auf gefrornen Sand setzte. Vor ihr gings steil nach oben, Gestrüpp und kahle Bäume bedeckten den Berg, und hier waren auch Spuren im Sand, der mit Schnee vermischt war.

Der Hund winselte wieder, seine Haare sträubten sich, und Burga sah auf diese Spuren. Unwillkürlich griff sie nach dem kurzen Messer in ihrem Gürtel und faßte Wolf an sein altes Lederhalsband. Da versuchte er den glatten Berg hinauf zu klimmen, sie hielt sich an ihm fest, und so kamen sie vorwärts. Bis sie unter höheren Bäumen waren, die Elbe unter ihnen lag und der Waldgrund gangbarer wurde. Aber beide, Herrin und Hund, standen jetzt atem- und regungslos. Aus der Ferne klang ein scharfes Geheul, und Wolf warf den Kopf in den Nacken und schien nicht übel Lust zu haben, Antwort zu geben.

Burga hielt ihm die lange Schnauze zu. »Wolf, das darfst du nicht! Wenn die uns kriegen, sind wir verloren!«

Es war, als verstände der Hund. Er stand schweigend und zitternd. Es war nun dunkel geworden. Hier, unter den Bäumen, konnte der Wind seine wilden Flügel nicht rühren: er murrte in den Kronen, und sie beugten sich und rauschten. Langsam ging Burga vorwärts: ihre Augen funkelten fast wie die ihres Hundes, und sie sah sich nach allen Seiten um. Immer die Hand am Messer, immer im Begriff, einen der Bäume zu erklettern, wenn das Geheul näher käme. Dann stieß sie einen kleinen Freudenruf aus. Vor ihr erhob sich eine kleine Hütte. Sie war kunstlos, auf kurzen Baumstämmen hingesetzt, aber sie hatte eine Tür, die mit zwei Knebeln geschlossen war. Burga konnte sie leicht öffnen und hineinklettern. Der Hund sprang ihr nach, und dann wußte sie, daß sie geborgen war. Sie lachte, als sie bald unter sich Fauchen und Heulen hörte.

»Ja, lieben Wölfe, heult nur! Heute kriegt ihr mich noch nicht, und vielleicht auch nicht morgen! Vielleicht übermorgen, aber das ist noch lange hin!«

Sie legte sich auf das dichte Heu, mit dem die Hütte ausgepolstert war, und zog ihren Hund zu sich.

»Merkst du deine Namensvettern? Laß sie wimmern: wir haben es gut!«

Sie zog den Sack auf, gab Wolf ein großes Stück Wurst und aß selbst mit Behagen. Dabei flüsterte sie wieder mit ihrem Hund.

»Haben wir nicht Glück gehabt, Wolf? Ich hab das Wasser plätschern hören, und ich glaube, morgen kann niemand mehr über diesen großen Fluß! Wie heißt er nur noch? Pah, ich habs vergessen, schadet auch nichts! Wer kann alle die Wasser behalten, über die man laufen muß! Aber dies Land scheint mir doch Holstein zu sein, und ich meine, den Namen einmal gehört zu haben! War das nicht der alte Magister, der was von Holstein sagte? Du weißt Wolf, der, der den roten Michel aus dem Kugelregen trug und dafür die Kugel selbst kriegte? Als der Magister tot blieb, Wolf, hab' ich geweint: sonst tu ich's nicht mehr. Das hilft ja doch nichts, nicht wahr mein Hund?«

So flüsterte Burga mit ihrem Hund, der eng an sie geschmiegt lag, die Ohren spitzte, als hörte er zu, und der dann den Kopf hob und wieder heulen wollte. Aber wieder wurde ihm das Maul zugehalten.

»Still, Still! Sie brauchen nicht zu wissen, daß wir hier sind!«

Aber sie wußten es schon lange. Zwei graue Wölfe saßen unter der Hütte, und es war, als käme ihr heißer Atem durch die Ritzen. Sie scharrten an den Stämmen, auf dem das leichte Gebäude ruhte, und sie heulten und bellten. Ein dritter kam dazu: da gab es eine Beißerei. Dann aber schienen sie sich wieder zu vertragen und saßen ganz still, als warteten sie.

Der Hund in der Hütte schlief nicht; er lag regungslos und mußte verstanden haben, daß er keinen Laut von sich geben durfte. Burga aber schlief ganz fest. Lange hatte sie kein Dach über dem Kopf gehabt, lange kein weiches Heu als Lager. Mochten die Wölfe heulen, sie kannte ihre Stimmen und hoffte, daß sie gegen Morgen wieder verschwinden würden. Und wenn sie's nicht taten, so mußte sie eben hier bleiben. Sie hatte ja Fleisch und Brot.

Der Tag begann zu grauen, und langsam entfernten sich die Wölfe. Der Hund, der immer die Ohren gespitzt hielt, hörte es und streckte sich jetzt zum Schlafen aus, als er mit einem Satz in die Höhe sprang. Die Tür der kleinen Hütte ging offen, und ein Knabe stand in der Öffnung. Er trug ein grob gewebtes Wams und eine Mütze vom Balg der Wasservögel.

»Heda!« zornig sah er Burga an, die sich den Schlaf aus den Augen rieb, während Wolf drohend neben ihr stand. »Was wollt ihr in unsrer Hütte?«

»Wir haben gut geschlafen!« entgegnete Burga, und er sah sie mißbilligend an.

»Das darfst du nicht! Wir haben keinen Platz für Landstreicher!«

»Ich bin ein Lagerkind!« entgegnete Burga stolz.

»Was ist das?«

»Das weißt du nicht?«

»Nein, ist mir auch einerlei. Geh weg aus meiner Hütte und ruf den Hund, daß er mich nicht beißt. Sonst steche ich ihn tot!«

Und er hob seinen Stock, an dem ein langes Messer befestigt war.

»Wenn du meinen Hund tötest, steche ich dich tot!«

Burga zog ihr Messer. Es war groß, und blank geschliffen, und der Junge trat zurück.

»Ich will ihn ja nicht töten; er soll mich aber nicht beißen!«

»Er beißt nur die, die schlecht gegen ihn sind!«

In diesem Augenblick erschien noch ein zweiter Knabe. Er war gekleidet wie der andere, aber größer und erwachsener.

»Gottfried!« der Kleinere wurde viel mutiger. »Sieh, welch Gefangene ich gemacht habe! Sie sagt, sie ist ein Lagerkind; ist das nicht eine Hexe?«

»Natürlich!« Gottfried, der eine verrostete Muskete trug, griff gleich nach dem Fuße Burgas, an dem der schöne gelbe Stiefel war. »Zieh ihn aus!« sagte er gebieterisch. »Wo ist der andere! Du mußt mir die Wahrheit sagen, sonst schieße ich dich tot!«

»Womit willst du mich totschießen? Mit der alten schlechten Büchse?«

»Sie ist nicht schlecht.« Gottfried zeigte das alte Gewehr, und mit raschem Griff riß Burga es an sich, spannte den Hahn und richtete den Lauf auf den Knaben.

»Soll ich euch nun erschießen?«

Beide standen regungslos, dann begann Gottfried zu schelten.

»Gib mir das Gewehr wieder, sonst ergeht es dir schlecht!«

»Du bist überhaupt eine Gefangne und ein Lagerkind!« setzte Konrad, der jüngere hinzu. Aber sie rührten sich doch nicht, und man konnte merken, daß sie ängstlich waren. Burga war zu schnell für sie gewesen und hielt noch immer das Gewehr im Anschlag.

Sie ließ es jetzt sinken. »Geht nur, ich tue euch nichts!«

»Weshalb sollen wir gehen? Die Hütte gehört uns, wir haben sie gebaut, damit wir manchmal auf die Wölfe schießen können. Aber, es ist wahr, die Kugeln treffen nicht immer.«

So sprach Konrad, während Gottfried wieder nach Burgas Stiefel griff und enttäuscht den Kopf schüttelte, als er sah, daß sie nur einen trug.

Es waren keine üblen Jungen; Burga merkte es bald, und da sie einsam war und einsah, daß es besser wäre, im fremden Lande gute Freunde zu haben, so entschloß sie sich, mit den Knaben zu gehen. Zuerst sprachen sie noch davon, daß sie nun ihre Gefangne wäre, aber dann vergaßen sie dies Wort und fragten sie, ob sie nicht mit ihnen kommen wollte. Sie wohnten hinter dem Wald, und ihre Mutter hieß Frau Jutta Hanekamp. Eine Kuh hatten sie und zwei Schweine, viele Hühner und auch Gänse. Es war nicht schlecht auf ihrem kleinen Hofe, Burga würde dort schon wohnen mögen.

Der Himmel war noch grau, aber die Wolken verschwanden allmählich, und auf dem verschneiten Erdboden zitterte hin und wieder ein Sonnenstrahl. Ganz heiter wars im Walde, und daß weiter unten die Elbe ihre grauen Wogen dort wälzte, wo Burga vor wenigen Stunden übers Eis gegangen war, beachtete das Mädchen kaum. Sie faßte Wolf ans Halsband und ging neben den Knaben her. Die Muskete hatte sie wieder an Gottfried gegeben, und Konrad trug den Ledersack, in dem sich noch einige Lebensmittel befanden.

Sie sprachen alle drei von den Wölfen. Ehemals sollten sie nicht hier gewesen sein, aber jetzt waren eine Menge da. Einige Leute sagten, daß sie von der andern Seite der Elbe kämen, andre wollten gesehen haben, wie sie von Norden ins Land zogen. Eigentlich war es ja ganz nett, daß sie da waren: ihr Fell war dicht, und man konnte es gut gebrauchen. Aber sie holten das Vieh aus dem Stall und fielen Menschen an. Das war nicht so angenehm.

So wanderten sie durch den Wald, Wolf schlich langsam hinter ihnen her, und bald kam eine Lichtung, die in einer Schlucht endete, Gottfried zeigte vor sich.

»Da liegt Hanekamps Hof. Hier wohnen wir, und Mutter sucht grade eine Magd, die ihr bei der Wirtschaft helfen kann. Die letzte ist mit den Soldaten gelaufen. Nun kannst du bei uns bleiben und für uns arbeiten!«

Burga machte große Augen. Aber sie erwiderte nichts.

»Freust du dich nicht?« fragte Konrad. »Wenn Mutter dich behalten will, dann brauchst du kein Lagerkind mehr zu sein oder wie du es nennst. Aber natürlich mußt du dich brav benehmen, sonst jagen wir dich wieder weg, nicht wahr, Gottfried?«

Der Gefragte antwortete nicht gleich. Dann hob er die Schultern. »Wir können nicht viel versprechen, die Mutter muß alles bestimmen!«

Bald standen die drei vor einem langen, niedrigen Hause, das sich fest an einen Hügel legte und dessen Dach von Moos und Stroh war, so daß man es schwer von dem Hügel unterscheiden konnte. Eine große Frau mit ernstem Gesicht stand in der geöffneten Haustür und sah den Ankömmlingen entgegen. Auch sie warf auf Burga den mißtrauischen Blick, den diese schon kannte, und als ihre Knaben erklärten, daß sie eine neue Magd mitgebracht hätten, schüttelte sie den Kopf.

»Lagerkinder sind schlechte Mägde!« entgegnete sie kurz, und Burga atmete auf. Es war ihr vorgekommen, als sollte sie in Gefangenschaft gehen, und nun hatte die Frau glücklicherweise keine Lust zu ihr.

»Gewiß bin ich eine schlechte Magd!« sagte sie eifrig. »Ich mag nur umherlaufen, und arbeiten kann ich nicht. Aber, wenn ich ein paar Tage hier bleiben könnte, würde ich mich freuen. Meine Füße sind wund, und mein Hals tut mir weh. Natürlich will ich dafür arbeiten, so gut ich kann, aber nachher will ich sicherlich wieder weggehen!«

Frau Jutta war mit dem fremden Kind auf die Hausdiele getreten. Hier brannte auf dem Herd ein behagliches Feuer, und über ihm hing ein Kessel mit Grütze. Sie duftete appetitlich, und auf dem dicken Eichentisch stand ein Zinnkrug mit Milch. Zwei oder drei Stühle standen in der Nähe des Herdes, und sie waren mit Wolfsfellen belegt. Traulich war es hier und warm. Burga seufzte einen kurzen Augenblick und sah vor sich hin. Dann setzte sie sich auf einen Wink der Frau, erhielt einen Teller mit Grütze und Milch vorgesetzt und aß langsam, während Wolf sich neben sie legte und leise winselte. Da wurde auch ihm ein Holzschüsselchen mit Milch gereicht, und nachdem er getrunken hatte, streckte er sich aus und schlief gleich ein. »Er ist müde, weil er in der letzten Nacht nicht geschlafen hat,« sagte Burga. »Auch ist er krank gewesen, daher ist er nicht so bissig wie sonst. Aber er wird sich schon wieder erholen!«

»Und woher kommst du?« fragte Frau Jutta, die sich gleichfalls gesetzt hatte und ihren Gast aufmerksam betrachtete.

»Ich bin viel umher gekommen!« entgegnete die Gefragte. »Wie alles hieß, weiß ich nicht mehr. Es war mir auch einerlei. So lange der Magister lebte, hat er mir manchmal die Namen der Städte gesagt, nachher, als er tot war, mochte ich nicht mehr fragen.«

»Wer war der Magister?«

Burga erhob sich.

»Werte Frau,« sagte sie etwas steif und halb verlegen. »Ich möchte wohl ein andres Gewand haben und auch um etwas Wasser bitten. Es ist sehr lange her, daß ich mich gewaschen habe, und wenn ich die Gelegenheit habe, tue ich's nicht ungern. Ich kanns auch bezahlen!« Sie legte einen Silbergulden vor Frau Jutta, den diese erstaunt betrachtete.

»Du hast Geld und bist zerlumpt, wie der schlimmste Bettler?«

Burga lächelte ein wenig.

»Ich habe nur wenig Geld, und in den letzten Wochen konnte ich mir nichts kaufen. Vielleicht gebt Ihr mir einen alten Rock, und die Jacke kann ich flicken. Dann wird sie noch wieder gut.«

»Und dann?« mußte Frau Jutta wieder fragen, und das Lagerkind hob die Schultern.

»Ich weiß nicht, was Ihr meint. Wenn mein Rock neu geworden ist und meine Jacke geflickt, dann gehe ich weiter.«

Frau Jutta erwiderte nicht viel. Sie wußte, daß die Zeit hart war, und daß viele Kinder nichts andres kannten, als umher zu streifen. Dies große und starke Mädchen würde sie wohl ins Haus genommen haben, daß sie ihr bei der Arbeit helfe, aber vielleicht war es böse, zündete ihr das Dach über dem Kopfe an und lief dann weiter.

Also holte sie einen alten Rock von sich und eine große Schale mit Wasser und wies Burga in ein Nebengelaß der Küche. Dort konnte sie sich waschen und ordentlich machen. Als Burga allein war, nestelte sie einen kleinen, gestickten Beutel los, der unter ihrer Jacke auf bloßer Haut saß und in dem, sauber eingenäht, etliche Gold- und Silberstücke waren. Nachdenklich betrachtete sie ihren Schatz, säuberte sich gründlich, schlüpfte in Frau Juttas Rock und erschien bald wieder auf der Diele, nachdem sie ihren Beutel von neuem an sich verborgen hatte. Sie hatte jetzt ein andres Ansehen. Ihr Gesicht war viel frischer geworden, und das schmutzige Blond der Haare war einer schönen Goldfarbe gewichen. Frau Jutta sah sie nicht ohne Wohlgefallen an. Die Frau saß am Herde und flickte eine Pelzjacke, und Burga setzte sich neben sie.

»Meine Jacke muß auch genäht werden!« sagte sie. »Wollt Ihr mir Faden und Garn geben, so kann ich's selbst tun.«

»Willst du mir nicht deinen Namen sagen?« fragte Frau Jutta, und Burga streifte den Ärmel ihrer Jacke hinauf und zeigte auf einige eingeritzte Schriftzeichen.

»Es ist ein wenig auseinandergewachsen,« erklärte sie, als Frau Jutta die Zeichen nicht lesen konnte. »Aber ich heiße Walburga Rantzau, und ein Prädikant hat's mir eingeritzt. Weil ich damals noch so klein war, meinte er, ich könnte meinen Namen vergessen.«

Frau Jutta sah Burga mißtrauisch an.

»Ich meine, die Rantzaus sind ein holsteinisches Geschlecht und sehr vornehm. Wie willst du zu ihnen gehören?«

»Sie sind vornehm? Ich weiß es nicht. Ich bin ein Lagerkind, und der Prädikant hat mir den Namen eingeritzt. Er ist lange tot. Er konnte nicht reiten, fiel vom Pferd und brach den Arm. Da ist er nicht wieder gesund geworden, und er mußte bald sterben. Ich habe sehr geweint, und nachher ist der andre Magister gekommen, der gleichfalls gut war. Er ist dann auch totgeschossen worden.«

Burga sprach gleichmütig. Man merkte, daß sie an Tod und Sterben gewohnt war, und Frau Jutta empfand Mitleid.

»Du scheinst ein hartes Leben gehabt zu haben.«

»Ich bins nicht anders gewohnt!« Burga stand auf und sah sich um. »Wo ist mein Hund?« Dann merkte sie, daß er ausgestreckt vorm Herdfeuer lag, und war zufrieden.

»Ihr habt gewiß einen Hund, und ich bin bange, er könnte den meinen beißen. Er ist noch schwach und kann sich nicht so wehren wie sonst. Man hat ihm kürzlich etwas Giftiges zu fressen gegeben, und das ist noch nicht aus seinem Körper. Aber er wird schon wieder gesund werden!«

Jetzt trat Gottfried ein und sah Burga überrascht an.

»Bist du unsre Gefangne? Du hast dich verändert!«

»Ich bin nicht deine Gefangne, aber ich habe mich gewaschen!« lautete die Antwort, und Gottfried warf den Kopf in den Nacken.

»Du darfst mir nicht widersprechen. Natürlich bist du meine Gefangne! Wir werden dich hier behalten, und du darfst für uns arbeiten! Willst du nicht, wie wir wollen, dann mußt du weiter ziehen!«

»Das werde ich auch tun!« entgegnete Burga ruhig. »Meinst du, ich will hier, auf diesem langweiligen Bauernhof, sitzen bleiben? Ich will mich nur ein wenig ausruhen, und ich habe deiner Mutter schon Geld gegeben!«

»Geld?« Gottfried spitzte die Ohren. »Mutter, ist's wahr, daß sie dir Geld gab? Einen Silbergulden? Laß ihn sehen!«

Frau Jutta schüttelte den Kopf.

»Ich zeige ihn nicht. Vielleicht gebe ich ihn dem Mädchen wieder, wenn sie brav ist und mir ein wenig in der Wirtschaft helfen will. Denn ich habe Hühner und Gänse, ein Schwein und eine Kuh; das will alles gewartet sein!«

Burga machte große Augen. »So viele Tiere habt ihr, und es ist noch niemand gekommen, der sie geschlachtet und mit sich genommen hat? Dort, woher ich komme, sind alle Tiere tot, und die Häuser sind verbrannt!«

»Wollte Gott, daß unsre Tiere am Leben bleiben!« entgegnete Frau Jutta schaudernd, und Gottfried deutete auf die alte Muskete, die an der Wand der Diele hing.

»Wer uns etwas tun will, den schieße ich gleich tot!«

»Oder du wirst tot geschossen!« erwiderte Burga und lachte dabei.

Da warf er sich in die Brust:

»Laß die Feinde nur kommen, ich werde schon meinen Mann stehen!«

Frau Jutta gebot ihm Schweigen.

»Prahle nicht! Wir wollen dankbar sein, wenn wir verschont bleiben!«

»Das meine ich auch!« entgegnete das fremde Mädchen und pfiff ihrem Hund.

»Nun kommt, Frau, und zeigt mir Eure Tiere! Wahrhaftig, sowas Lebendiges macht Spaß, und vielleicht bleibe ich ein wenig hier! Aber nur, wenn Ihr mich gut behandelt. Denn unfreundliche Worte und Schläge machen mir kein Vergnügen!«


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