Nun war Burga schon eine Woche auf dem Hanekamphof und sprach nicht mehr vom Fortgehen. Sie war müde vom Wandern und halb verhungert gewesen; jetzt, da sie sich ausgeruht und gesättigt hatte, mochte sie selbst einsehen, daß sie es gut hatte und daß die Landstraße ihr noch immer blieb, wenn der Wandertrieb sie erfaßte.
Es war auch gemütlich auf dem Hof, jetzt, wo das Frühjahr kam, wo die Vögel zu singen begannen, und die Wandervögel allmählich gen Norden zogen, um andren Platz zu machen. Burga war nicht ungeschickt. Sie konnte gut mit Vieh umgehen, fütterte das Schwein und melkte die Kuh. Auch der Hühnerhof machte ihr Freude, und da ihr Hund sich gleichfalls erholte, so war sie ganz zufrieden. Ganz geschützt lag der Hof — vorbeistreifende Soldaten fanden nicht den Weg, und doch konnte man bald auf die Landstraße kommen, die über die Elbdünen und durch den Wald gen Westen ging. Dorthin, wo landeinwärts das Dorf Wedel lag und am Elbufer das kleine Fischerdorf Blankenese. Aber es war ein weiter Weg bis dahin, und an einigen Stellen stand der Wald so dicht, daß es geratener war, niemals allein zu wandern. Geheuer sollte es auch nicht immer im Walde sein. Dort wo die Teufelsbrücke hart an der Elbe lag, wohnte allerdings keine Hexe mehr, aber im anstoßenden Walde trieben sich die Wölfe umher und auch manchmal die Räuber.
Gottfried und Konrad berichteten einige schauerliche Geschichten, und Burga hörte ihnen gleichmütig zu. Sie war's nicht anders gewohnt, als daß die Welt voll Krieg und Raubens war — natürlich mußte es böse Menschen auf ihr geben; wer es konnte, der ging ihnen aus dem Wege, und wers nicht konnte, der mußte sein Gut und sein Leben lassen.
»Du hast wohl schon viel gesehen!« sagte Gottfried zu ihr.
Die drei jungen Menschen standen auf einer Lichtung, die am Rande des Waldes war, von der man auf die Elbe und auf die gegenüber liegenden Ufer sehen konnte. Gottfried hatte grade eine Geschichte von der Hexe in Teufelsbrück berichtet und war ärgerlich geworden, weil Burga sie nicht glaubte.
»Selbst der Magister, der im Dorf Wedel wohnt, und der uns manchmal besucht, selbst dieser alte Mann glaubt meine Geschichte, und daß die Hexe sich in ein Schwein verwandelte und dann durch die Elbe schwamm. Hast du denn soviel Besseres erlebt, daß du ein so ungläubig Gesicht machst?«
Burga hob die Schultern. »Ein Mensch kann kein Schwein werden! Wenigstens nicht äußerlich. Es gibt Menschen, die schlimmer sind als ein wirkliches Schwein; aber verwandeln können sie sich nicht! Wir haben im Lager auch eine Frau gehabt, die eine Hexe sein sollte. Die Soldaten waren bange vor ihr, und einige kauften sich von ihr einen Brief. Den trugen sie auf der Brust und glaubten, die Kugeln träfen sie nicht. Aber dann sind sie ebenso gut totgeschossen worden wie andre. An sowas muß man nicht glauben; das ist Unsinn!«
»Unsinn!« Gottfried sah Burga mißtrauisch an. »Hexen gibt es, und auch Zauberer! Jedermann sagt es, und du bist töricht, wenn du es nicht glaubst! Ich habe selbst eine schwarze Katze gesehen, die auf einen Baum kletterte, und nachher stand da, wo die Katze eben gewesen war, eine alte Frau mit grünen Augen!«
Burga lachte laut. »Die armen alten Frauen!«
»Lache nicht!« Gottfried wurde empfindlich. »Wenn du mich auslachst, dann werde ich dich strafen!«
Sie achtete gar nicht auf seine Worte, sondern zeigte auf die Elbe. Von Osten her glitt ein großes Schiff durch das Wasser. Es hatte schneeweiße Segel, und vorne sah man zwei blanke Kanonen, die drohend ihren Lauf über den Schiffsrand streckten.
»Was ist das?« fragte sie, und Gottfried lachte spöttisch.
»Das weißt du nicht? Das ist eine Hamburger Bark, die nach draußen in die Nordsee fährt. Nach Engelland hin, oder auch weiter. Da sind Soldaten an Bord, mit Musketen und Spießen, und viel Pulver und Blei. Wenn die Feinde kommen, wird ihnen das Lebenslicht ausgeblasen!«
Immer näher kam das Schiff: es breitete seine Segel noch mehr aus, und auf dem Verdeck standen Söldner in bunten Röcken, sowie Matrosen.
»Die gehen in die Nordsee hinaus, und wohin dann?«
»Ich sagte es doch: nach Engelland. Das ist eine große Insel, und die Leute dort sind sehr reich. Sie kaufen alles, was ihnen die Hamburger bringen, aber diese holen dann wieder Waren, die hier nicht wachsen!«
Gottfried kam sich wichtig vor, und er erzählte eine ganze Geschichte. Von seinem Ohm, Herrn Jobst Hanekamp, der in Hamburg wohnte und vielleicht auch einen Anteil an diesem Schiff hatte. Einmal war Gottfried schon in Hamburg gewesen, als keine Feinde in der Nähe waren und man durch das große Tor nach Hamburg hinein durfte. Die Wächter paßten allerdings sehr auf, und wer hinein wollte, ohne seinen Namen zu nennen, der wurde in den Festungsgraben geworfen. Gottfried aber sagte nur, daß er Hanekamp hieß; da machte die Wache den Torflügel weit auf und erwiderte, der Herr Jobst Hanekamp wäre ein guter Hamburger. Wer so wie er hieße, der könnte in die Stadt kommen.
Gottfried flunkerte gern. So wie er es darstellte, war sein Einzug in Hamburg nicht gewesen. Seine Mutter war mit ihm gegangen und hatte einen Erlaubnisschein gehabt; aber es war Burga einerlei, ob er die Wahrheit sagte oder nicht. Sie sah dem Schiff nach, das die Elbe hinunterging und dem der Wind die Segel blähte. Also, dort weiterhin gab es ein großes Meer, und noch Land — ob dort auch immer Krieg war und verbrannte Häuser, zerstampfte Felder?
»Ist in Engelland auch Krieg?« fragte sie, und Gottfried hob die Schultern. »Davon kann ich nichts sagen, aber wenn der Magister aus Wedel kommt, dann will ich ihn fragen. Er weiß vieles, und manchmal geht er auch nach Hamburg und holt Neuigkeiten von dort. Er hat einen Schein, daß er aus- und eingehen kann, wie es ihm beliebt.«
Die Kinder gingen jetzt wieder ihrem Hofe zu, und Burga trennte sich zögernd von dem Platz, von dem man die Elbe so deutlich sah.
»Warum habt ihr nicht am Wasser gebaut?« fragte sie und zeigte auf einige Fischerhütten am Strande. Die Knaben schüttelten den Kopf. Im Walde war es besser; da konnten die Räuber, die Umhertreiber und Zigeuner den Hof nicht so leicht finden. Hier war auch kein Land für die Kuh, und dann würden die Fischer vielleicht unfreundlich gewesen sein — die hatten es nicht gern, wenn Fremde sich hier anbauten.
Burga war nachdenklich geworden. Sie ging schweigend neben den Knaben her, die wieder von Hamburg sprachen, und dann von Altona. In diesem kleinen Ort waren sie auch schon gewesen, aber es hatte ihnen nicht besonders gefallen. Für ein Dorf war es reichlich groß und für eine Stadt zu klein. Aber wenn man Eier zu verkaufen hatte oder eine Wurst, dann erhielt man mehr Geld dafür als in Ottensen, wo die Bauern immer sagten, sie hätten selbst Eier und Würste und brauchten nichts zu kaufen.
Als die drei wieder nach dem Hanekamphof kamen, stand die Mutter schon in der Tür und sah nach ihnen aus.
»Der Magister ist da!« sagte sie und gebot Burga, im Hühnerstall nach frisch gelegten Eiern zu suchen und den Grütztopf ans Feuer zu stellen.
»Ihr aber wascht euch Gesicht und Hände und kämmt euch die Haare!« wandte sie sich zu den Söhnen, die verdrießliche Gesichter machten, aber doch taten, wie ihnen geboten wurde.
Burga fand einige Eier und ging auf die Diele, auf der ein magerer Mann neben dem Herdfeuer saß. Er hatte ein vernarbtes Gesicht und nur eine Hand, die er Burga entgegenstreckte.
»Guten Tag, Burga, bist du zufrieden, hier zu sein?«
Seine Stimme hatte einen blechernen Klang, aber seine Augen blickten milde.
Burga legte ihre Hand in die seine, während sie ihn von oben bis unten betrachtete.
»Seid Ihr ein Prädikant? Und mit welcher Truppe zieht Ihr?«
Er lächelte.
»Ich bin ehemals ein Prediger gewesen, Burga, aber die Kaiserlichen brannten mir meine Kirche nieder, und auch das Dorf, das dazu gehörte. Seit der Zeit habe ich noch keine Pfarre wieder gefunden!«
Er sprach wehmütig, während Burga den Grütztopf aus dem Heu holte, wo er immer warm stand, und ihn ans Feuer schob, damit er noch heißer würde. Dann zerquirlte sie die Eier in einer Pfanne, setzte sie auf die Flammen und sprach erst wieder, als sie die fertigen Speisen dem Magister hinstellte.
»Es ist übel mit dem Krieg!« sagte sie altklug. »Unsere Prädikanten waren auch meistens von Haus und Hof gejagt und hatten keine Heimat mehr; aber selbst die, die zuerst traurig waren, sind nachher doch ganz lustig geworden. Ihr solltet auch in den Krieg gehen, Magister! Die Soldaten mögens gern, wenn ihnen was vorgepredigt wird!«
Der Magister nahm seinen Holzlöffel aus der Tasche und aß langsam. »Du hast viel vom Krieg gesehen!« sagte er nach einer Weile, und Burga wollte antworten, als die Tür offen ging und Frau Jutta, gefolgt von Wolf, eintrat. Der Hund schnupperte in der Luft und stürzte sich auf Burga, der er winselnd die Hand leckte. In dieser Woche hatte er sich schon erholt, sein Fell war glänzender geworden und seine kurzen Ohren spitzer. Burga streichelte ihn, sagte ihm einige leise Worte, und da legte er sich zu ihren Füßen hin.
»Du mußt ihn nicht hier lassen, wenn du ausgehst!« sagte Frau Jutta zu Burga. »Er hat dich überall gesucht und mich böse angeknurrt, als ich ihn streicheln und ein wenig trösten wollte.«
»Er kann noch nicht so weit gehen!« erwiderte Burga. »Darum ließ ich ihn hier. Auch soll er Euch beschützen, wenn die Feinde kommen. Er weiß auf den Mann zu gehen, und das ist eine gute Eigenschaft!«
»Aber er knurrte mich an!« wiederholte Frau Hanekamp, und Burga faßte Wolf am Halsband und führte ihn zu der Hausherrin.
»Bitte um Verzeihung!« gebot sie. »Diese Frau mußt du lieb haben!«
Da legte sich der Hund demütig vor Frau Jutta, leckte ihre Hand und wedelte mit dem buschigen Schwanz.
»Ein schönes Tier!« lobte der Magister, der sein Mahl beendet hatte und nun aufmerksam dem kleinen Vorgang gefolgt war.
»Er ist von guter Art und hat einem hohen Offizier gehört,« berichtete Burga. »Als ich ihn fand, lag er auf der Leiche und wollte nicht weggehen. Aber dann ist er allmählich hinter mir her gekommen.«
»Du hast schon viel erlebt!« begann der Magister von neuem, und Burga sah ihn ernsthaft an.
»Ich bin ein Lagerkind, Herr! Wie ich dorthin gekommen bin, kann ich nicht sagen, es ist zu lange her.«
»Sie will eine Rantzau sein!« warf Frau Jutta ein. »Sind das nicht sehr vornehme Adlige hier im Lande?«
»Ich will keine Rantzau sein, der Name steht aber auf meinen Arm eingeritzt!« entgegnete Burga. »Ich kann nichts dafür; er hat mir nichts genützt, aber irgend einen Namen muß ich doch in der heiligen Taufe erhalten haben!«
Jetzt erschienen Gottfried und Konrad. Beide rein gewaschen und mit gekämmten Haaren. Sie schienen aber nicht sehr froh zu sein und begrüßten den Magister ziemlich widerwillig. Er zog nun ein Büchlein aus der Tasche, fragte sie nach den zehn Geboten, wollte wissen, wie es mit Schreiben und Lesen stünde, und Burga merkte, daß er den zwei wilden Jungen eine Stunde geben wollte. Frau Jutta winkte ihr auch schon und ging dann mit ihr ins Freie.
»Der Magister kommt einmal in der Woche und sieht nach den Söhnen, damit sie ein wenig lesen und schreiben und dazu die Bibel kennen lernen. Sie dürfen doch nicht zu dumm bleiben.«
»Kann ich nicht auch bei dem Magister sitzen bleiben?« fragte Burga, und die Frau machte ein erstauntes Gesicht.
»Meinetwegen, obgleich es besser wäre, du sähest nach den Glucken, die auf den Eiern sitzen. Denn Mädchen brauchen sich nicht mit Gelehrsamkeit zu plagen, sie müssen kochen und backen lernen und allerhand andres Nützliches, aber lesen und schreiben tut nicht von nöten.«
Burga warf den Kopf in den Nacken.
»Ich meine nicht, daß ich hier eine Dienstmagd bin, sondern eine Freie, die auch schon einen Taler bezahlt hat und gern noch einen dazu legt, wenn es verlangt wird!«
Frau Jutta wurde betroffen, aber auch ein wenig beschämt. Denn sie hatte das fremde Mädchen eigentlich nur als Magd betrachtet und ihr alle Arbeit aufgebürdet, die sich grade fand. Nun dachte sie an den Silbertaler, den sie erhalten hatte, und daß Burga eigentlich für ihre Arbeit Lohn verdiente, anstatt selbst zu bezahlen.
»Geh nur zum Magister!« sagte sie hastig. »Meinetwegen magst du immer bei ihm lernen, wenn du Freude daran findest. Geh nur nicht gleich wieder weg; ich habe dich gern hier und will auch nicht mehr Arbeit verlangen, als du leisten willst!«
Burga war zufrieden und ging sogleich wieder auf die Diele, wo die Jungen mißmutig vor dem Magister saßen und durchaus keine Lust zur Gelehrsamkeit zeigten.
Frau Jutta sah dem Mädchen einen Augenblick nach.
»Ob sie wohl wirklich eine Vornehme ist? Manchmal könnte ich es glauben. Aber es gibt wohl viele vom Adel, die eben so wenig eine Heimat haben, wie die Bürger und Bauern. Ich will mich nicht darum sorgen!«
Und sie ging in den Hühnerstall zu den Glucken, während Burga vor dem Magister saß, ihm alle zehn Gebote hersagte, auf der Schiefertafel mit dem Griffel die Buchstaben des Alphabets malte und schon ganz ordentlich in der großen Bibel lesen konnte. Das war sehr ärgerlich für die Jungen, die sich garnicht denken konnten, daß ein Mädchen mehr von der Gelehrsamkeit verstand als sie. Alle zwei kriegten heiße Köpfe und gaben sich mehr Mühe als sonst, so daß der Magister ein sehr zufriednes Gesicht machte und wohlgefällig auf seine neue Schülerin sah.