Nun kam allmählich der Sommer, und es wurde heiß. Die Bäume hatten ihr frisches grünes Kleid angelegt, an den Zweigen der Tannen wuchsen die hellgrünen Schößlinge, und die Vögel fütterten ihre junge Brut. Auf dem Hanekamphof wanderten drei Glucken mit ihren Kindern umher, und die Kuh stand im hohen Gras, fraß, bis sie nicht mehr konnte, und brummte ein wenig mit ihrem Kalb herum, das erst wenige Wochen alt war und lieber Milch trank, als daß es Grünfutter nahm. Es war eine schöne Zeit; von den Schweden hörte man nichts mehr, und die dänischen Dragoner hatten sich auch nicht wieder auf der Landstraße sehen lassen. Vielleicht hatte ihr Obrist sie nach einer andern Gegend geschickt, und das war gut. Es war die Zeit, da auch die Hamburger sich aus ihren Stadtmauern wagten, die Zugbrücke über den Pepermolenbeck, den Grenzbach zwischen Hamburger und Altonaer Gebiet, hinabließen, und sich die Ortschaft Altona betrachteten. In Altona standen schon viele Häuser, einige Straßen waren angelegt, und auf der Südseite erhob sich ein Galgen. Denn, wenn eine Ortschaft auf sich hielt, dann errichtete sie natürlich einen Galgen, grade, wie sie auch ein Gefängnis haben mußte. Auch das war in Altona zu finden, und Herr Jobst Hanekamp, der an einem frühen Maimorgen einige Geschäftsgänge in dem neuen Dorf zu machen hatte, sah sich zufrieden um. Ihm war es ganz recht, daß hier, an der Elbe, eine Ortschaft lag, in der einige Kaufleute wohnten, mit denen er handeln konnte. Handelte er doch mit getrockneten Fischen, mit Seehundsfell, mit Tran, mit allem, das aus dem Meere kam, und die Kaufleute hier konnten ihm frische Ware besorgen, wie er sie für seinen Handel nach dem Inlande brauchte.
Herr Jobst Hanekamp war ein kleiner Mann mit rotem Gesicht und mit einer großen dunklen Perücke auf dem Kopfe, die ihm etwas Majestätisches gab. Gewuchtig schritt er über die ungepflasterten Straßen, und begab sich zu einem Geschäftsfreund, der in der Nähe des Hafens wohnte, und von dem er einige Fässer mit Tran kaufen wollte. Aber der Freund war nicht daheim; er war hinüber nach der Insel Finkenwärder gefahren, wo er mit den Fischern handelte. Bedächtig schritt Herr Jobst jetzt auch an das lustig plätschernde Wasser, betrachtete die Kauffahrteischiffe, die hier vor Anker lagen, und schüttelte den Kopf über einige dänische Dragoner, die auf den Brückenbohlen in der Sonne lagen und fest schliefen.
»Soldaten sind doch faule Kerls!« dachte er bei sich und ließ dann seine Blicke umherschweifen. Denn ihn war plötzlich die Lust angekommen, eine kleine Wasserfahrt zu machen. Dort hinter Ottensen und Neumühlen wohnte ja seine Nichte, die Frau Jutta mit ihren Söhnen, und wenn er im Winter ihrer sicher nicht dachte, so meinte er, daß die Landluft im Monat Mai für einen Großstädter nur gesund sein könnte. Die Zeiten schienen wirklich ruhiger zu werden, da mußte man sich einmal nach den andern Hanekamps umsehen.
Grade wollte Klas Stolz aus Finkenwärder mit seinem leeren Boot von der Brücke abfahren, als Herr Jobst ihn anrief.
»He, guter Freund, willst du einige Schillinge verdienen, so nimm mich mit!«
»Wohin?« Klas schob sein Boot wieder fest an die Brücke. Denn einige Schillinge verdiente er gern.
»So herum nach Neumühlen oder Teufelsbrücke!« rief Herr Jobst. »Ich war noch nie auf dem Hanekamphof, aber da herum muß er liegen!«
»Ich weiß, wo er ist!« sagte der Fischer, und der Kaufherr stieg vorsichtig ein.
»Also fahre mich, wo ich am ehesten zu ihm gelangen kann, und wenn du mir den Weg zeigst, will ich noch einen Schilling mehr bezahlen!« Klas nickte nur, faßte die Riemen an und ließ sein schweres Boot mit der Ebbe gehen. Denn das Wasser lief grade in die Nordsee, und das Rudern war leicht.
Herr Jobst bekümmerte sich nicht viel um den Fischer, er ließ seine Augen umherschweifen und wurde verdrießlich.
»Die Leute hier sind unordentlich!« tadelte er. »Ehemals standen hier doch nette kleine Häuser, und nun haben sie kein Dach mehr, oder sie sind abgebrannt.«
»Das kommt vom Krieg!« erwiderte der Fischer, und Jobst schüttelte den Kopf.
»Der Krieg muß jetzt bald zu Ende sein; ich weiß, daß über den Frieden beraten wird. Da müssen die Leute vernünftig werden und ihre Häuser wieder in Ordnung bringen!«
Klas Stolz hob die Ruder aus dem Wasser, daß schimmernde Tropfen von ihnen fielen. »Sicher ist es hier noch nicht!« meinte er. »Noch gar nicht so lange ist es her, da sind wohl ein Dutzend Schweden von Neumühlen die Elbe hinunter gefahren, weil sie einmal nachsehen wollten, wo an der Küste noch was zu holen wäre. Ihre Pferde hatten sie hinter Blankenese bestellt, und ein Knecht mußte dort auf sie warten. Aber es kam die Nacht ein Sturm, und das Boot muß leck gesprungen sein. Von den Schweden ist nichts mehr gefunden worden, und der Knecht, der bei den Pferden wartete, ist totgeschlagen worden. Die Bauern in der Gegend haben ganz feine Pferde zur Feldarbeit, und das ist ihnen zu gönnen. Denn alle Pferde, die einst ihr Eigentum waren, sind ihnen genommen!«
»Dummes Zeug!« Herr Hanekamp zog die Stirn kraus. »Solche Geschichten mußt du nicht berichten, Freund! Da könnte ich ängstlich werden, bei Teufelsbrück aus dem Boot zu steigen. Aber, du sagst ja selbst, daß die Bauern jetzt gute Pferde haben — also ist doch niemand gekommen, sie ihnen wieder abzunehmen, und das Land ist ruhig. Du mußt nur mit mir nach dem Hanekamphof gehen. Dann kannst du mich morgen wieder abholen. Denn wenn ich einmal die weite Reise mache, will ich auch etwas von der Fahrt haben!«
Klas nickte, und wie er nun in Teufelsbrück anlegte, trat er aus dem Boot, half dem Herrn heraus und schickte sich gerade an, sein Fahrzeug festzumachen, als es aus dem Baumgestrüpp knallte, und eine Stimme rief:
»Ergebt euch, sonst schieße ich noch einmal!«
Herr Hanekamp sah sich nicht um. Er war dick, und man konnte denken, daß er nicht gut laufen konnte. Aber er war mit Windeseile in den angrenzenden Wald gelaufen, der sich hart an der Elbe und neben dem Bache, der die Flottbeck genannt wurde, erhob. Hier kauerte er hinter einem dicken Busch, rückte seine Perücke gerade und griff nach dem Degen, den er an seiner Seite trug. Wenn es galt, dann wollte er sein Leben verteidigen. Aber er hörte nur noch einmal schießen und einen Schrei — dann wurde alles still. Also kroch er aus seinem Busch hervor und wollte sich grade umsehen, als eine derbe Faust ihn packte.
»Aha, hier haben wir den Heringsprinzen! Kerl, gib Geld, oder ich schneide dir die Kehle ab!«
Ein großer rothaariger Mann, in Lumpen gehüllt, stand vor ihm. Er hatte einen struppigen Bart und kleine, unheimlich blitzende Augen, mit denen er Herrn Hanekamp von oben bis unten betrachtete. Ein großes Messer hielt er in der Hand, aber er steckte es wieder in die Scheide.
»Mein Junge,« sagte er zu Herrn Hanekamp, »du siehst mir nicht aus, als wolltest du dich wehren. Da will ich dir dein Leben schenken. Zieh nur rasch deine Kleider aus! Sie scheinen mir sehr gut zu sein, und ich kann sie gerade gebrauchen. Und was du an Geld besitzest, lege dazu. So'n bißchen Mammon ist nicht vom Übel, und ich bin gewiß, daß du ihn mir gern gibst.«
Herr Hanekamp war ein verständiger Mann. Er ärgerte sich nicht wenig über den unverschämten Räuber, aber er sah ein, daß er sich fügen mußte. Lieber wollte er seinen Rock und sein Geld hergeben, als sein Leben. Also begann er sich langsam zu entkleiden, und der Räuber stand dabei und lachte.
»Ich hab Glück! Ein so fetter Vogel wie du, ist mir lange nicht ins Garn gesogen! Alle Wetter, du trägst sogar ein Hemd? Das habe ich seit Jahren nicht auf dem Leibe gehabt! Herunter damit, mein Junge! Du hast gewiß noch mehr von dem Kram zu Hause, und ich möchte wirklich wissen, wie es tut, so feine Leinwand auf der Haut zu haben!«
»Laß mir mein Hemd!« bat Herr Hanekamp; aber der Räuber wollte es ihm grade vom Leibe reißen, als eine helle Stimme rief: »Faß ihn, Wolf!«
Ein großer Hund legte seine Tatzen auf die Schulter des Rothaarigen und sah ihn an mit glühenden Augen. Dabei streckte er seine rote Zunge lang aus und zeigte zwei Reihen spitzer Zähne. Der Rothaarige stand regungslos. Wie gebannt starrte er auf den Hund, und seine Glieder zitterten.
»Rühr dich nicht, mein Junge!« sagte dieselbe helle Stimme, und ein junges Mädchen stellte sich hinter den Hund.
»Ich rühr mich schon nicht!« brummte der Rote. »Laß den Spaß sein, Burga! Dies ist doch ein Heringsprinz, und ich gebe dir die Hälfte ab, wenn du mich laufen lässest!«
Aber Burga trat nur zu ihm, um ihm sein Messer wegzunehmen, das der Räuber versuchte aus der Scheide zu ziehen, und dann nahm sie ihm auch den Karabiner, der über seiner Schulter hing.
»Guten Tag, Michel!« sagte sie ruhig. »Bist du einmal wieder beim Rauben? Weißt du nicht mehr, was du dem Prädikanten versprochen hast?«
»Ach, die alten Versprechen!« Michel setzte einen Fluch hinzu. »Diese Kerls, die wollen immer etwas Unmögliches, und man braucht es nicht zu halten. Wenn's einem so hanebüchen schlecht geht wie mir, dann muß man wirklich Räuber werden! Sonst kann man Hungers sterben!«
»Geh doch zum Bauern und arbeite!« rief Burga, aber Michel schüttelte den Kopf.
»Dazu habe ich keine Lust mehr. Wer Soldat gewesen ist, der mag nicht mehr auf einem Fleck sitzen und graben! Komm, Burga, ruf deinen Köter weg, denn er hat wirklich ein unangenehmes Gesicht! Und dann laß mir das Geld von dem Heringsprinzen! Ich hatte ihn mir grade eingefangen, und da mußtest du kommen! Etwas muß ich doch für meine Mühe haben!«
Herr Hanekamp hatte sich eilig wieder angezogen und griff jetzt nach seinem kleinen Lederbeutel. »Ich will dir wohl einen Gulden geben, obwohl du ein unverschämter Gesell bist und den Galgen verdienst. Dann aber mache, daß du wegkommst!«
Burga pfiff dem Hund, daß er von dem Räuber abließ, und dieser griff hastig nach dem Geldstück, machte eine Art Kratzfuß und verschwand.
Herrn Hanekamps Perücke war ihm auf ein Ohr gerutscht, und er rückte sie bedächtig wieder grade.
»Es war gut, daß du kamst!« sagte er zu Burga. »Wenn ich das gewußt hätte, was einem in Holstein passieren kann, ich wäre nicht gekommen. Das kommt davon, wenn man seine Verwandten besuchen will!«
»Wen wollt Ihr besuchen, Herr?«
»Den Hanekamphof. Bei dem schönen Wetter wollte ich die Landluft genießen, aber dieser Schreck wird mir sicherlich übel bekommen!«
»Ich komme vom Hanekamphof, und ich geleite Euch gern hin! Er ist nicht mehr weit!«
Herr Jobst betrachtete Burga mit einigem Wohlgefallen.
»Du scheinst mir eine ganz verständige Dirn zu sein, und wenn ich eigentlich keine Hunde ausstehen kann, so muß ich sagen, daß dieses Tier seine Sache nicht schlecht machte. Ich werde ihm dafür einmal einen Schinkenknochen schicken! Nun aber führe mich zum Hof, denn diese Sache hat mich doch recht angegriffen!«
Frau Jutta war nicht wenig überrascht, den Oheim, begleitet von Burga, kommen zu sehen, und die Knaben kämmten und wuschen sich hastig, damit sie vor dem strengen Blick des Hamburgers beständen. Burga mußte einige Lieblingshühner fangen und rupfen, damit es einen guten Braten gäbe, und Gottlieb holte aus dem Keller eine verstaubte Flasche mit Wein.
Herr Hanekamp ließ sich alle Umstände ruhig gefallen. Nach seiner Ansicht war sein Besuch eine große Ehre für die Verwandten, und er berichtete sehr umständlich von dem Räuber, der ihn so unsanft behandelt hatte.
»Aber,« setzte er hinzu, »ich wußte ihn zu nehmen, und er ist seiner Wege gegangen!«
»Ja, Burga kann sich auf ihren Wolf verlassen!« sagte Frau Jutta, aber Herr Hanekamp machte eine abwehrende Handbewegung.
»Ich würde mir schon allein geholfen haben! Mit solchen Strauchdieben werde ich immer fertig!«
Auf diese Worte erhielt er keine Antwort, denn Burga hatte natürlich schon berichtet, wie alles gewesen war. Die Jungen stießen sich an, und Burga lachte.
»Worüber lachst du?« fragte Herr Jobst streng, und sie antwortete: »Ich mußte daran denken, wie lustig es aussah, als der Rote vor Euch stand, und Ihr ihm beinahe auch Euer Hemd gegeben hättet!«
»So war es gar nicht!« rief Herr Hanekamp empört. »Wer bist du denn überhaupt, daß du hier bei meinen Verwandten dich aufhältst? Du scheinst mir auch eine Vagabondin zu sein, da du den Räuber kanntest, und ihn sogar bei seinem Vornamen riefest! Ich muß mich sehr wundern!«
Burga errötete, aber sie sah dem Kaufherrn gerade ins Gesicht.
»Ich bin ein Lagerkind, Herr, und kenne den Roten schon lange. Und wenn er Euch noch einmal anfällt, dann will ich Euch nicht befreien!«
Nun wurde Herr Hanekamp auch rot und murmelte allerlei Unverständliches vor sich hin, während er sich noch einen Becher Wein einschenkte. Denn diese Unterhaltung fand statt beim Mittagsmahle. Frau Jutta begann jetzt von etwas andrem zu reden, aber Burga war still geworden und stand bald auf. Die Knaben folgten ihr, und als Herr Hanekamp mit seiner Nichte allein war, hob er warnend den Finger.
»Mir scheint, du hast einen sehr sonderbaren Gast, liebe Nichte! Man muß nicht zu barmherzig sein!«
»Ich nahm sie nicht aus Barmherzigkeit, sie hilft mir in der Wirtschaft, sie hat etwas Geld, und sie sagt, daß sie Rantzau heißt!«
»Rantzau!« Hanekamp schüttelte den Kopf. »Da siehst du doch, daß sie lügt; eine Rantzau wird nicht in der Welt umherlaufen und Räuber kennen! Ein solches Mädchen würde ich nicht im Hause behalten!«
Er war so eifrig, daß er nicht merkte, wie Konrad schon wieder auf der Diele stand und seine Worte hörte. Eilfertig lief der Junge nach draußen, wo Burga ihrem Wolf grade das Futter gab. Der Hund war wieder ganz gesund und schien größer und stärker geworden. Er tauchte seine spitze Schnauze eifrig in den Futternapf, und es schmeckte ihm ausgezeichnet. Konrad war kein übler Junge, aber er klatschte gern. Er stieß Burga in die Seite. »Weißt du, was der Oheim eben sagte?« Er berichtete, was er gehört hatte. »Du bist natürlich keine Rantzau!« setzte er hinzu. »Ich habs auch nie geglaubt! Das sind furchtbar vornehme Ritter, und du gehörst sicher nicht zu ihnen!«
Der Hund hatte genug gefressen und steckte sein nasses Maul in Burgas Hand. Sie merkte es nicht, sie stand in tiefen Gedanken. Wie jetzt die Wärme gekommen war und das schöne Wetter, da hatte sie schon manchmal Sehnsucht gehabt, wieder durch das Land zu wandern. Aber Frau Jutta war gut gewesen, mit den Knaben vertrug sie sich; wenn der Magister kam, dann sprach sie gern mit ihm, und die Arbeit auf dem Hofe machte ihr Vergnügen. Aber sie war es nicht gewohnt, lange an einer Stelle zu sein; von Land zu Land war sie mit dem Troß gezogen, und im Sommer war es manchmal ganz schön gewesen. Jetzt, da sie satt war, vergaß sie, wie der Hunger sie gequält hatte, vergaß sie, wie schmutzig und zerlumpt sie gewesen war; sie dachte nur an die Freiheit, und daran, daß sie sich nichts von einem verdrießlichen alten Mann gefallen lassen wollte.
Konrad und Gottfried gingen aufs Feld, um der Kuh einen andern Weideplatz zu geben, und Burga pfiff ihrem Hund, steckte sich das von dem Räuber genommene Messer in den Gürtel, fühlte, ob die kleine Geldtasche sicher auf ihrer Brust ruhte, und ging davon. Wenn Herr Hanekamp meinte, daß sie eine Lügnerin, eine Freundin des roten Michels wäre, dann konnte sie ja gehen. Wie undankbar war der Hamburger! Wäre sie nicht gewesen, er liefe nackt im Wald umher und hätte Geld und Kleider verloren! Aber so waren die Leute, die hinter dicken Mauern saßen und die schöne, freie Welt nicht kannten! Die taugten alle nichts, und wenn der rote Michel noch einmal einen Bürger ausraubte, dann würde Burga ihn nicht daran verhindern! Ganz gewiß nicht!
Immer eiliger lief das Lagerkind durch den Wald, dem Elbufer zu, von dem sie gekommen war. Sie wollte wieder über den Fluß und das alte Wanderleben beginnen.
Es war ein schöner, heller Maientag. Überall sangen die Vögel, hier und dort schlüpfte ein Häslein durch den Busch, hart an der Flottbeck ging gravitätisch ein Storch spazieren und fing Frösche; die Elbe spiegelte den blauen Himmel wieder und lag so still, als könnte sie niemals hoch steigen und ihre Wellen donnernd gegen die Dünen schlagen. Burga kannte jetzt die Gegend. Sie kannte die Fischerhäuser am Strand, die einstmals Dächer gehabt hatten und Fenster, und die jetzt zum Teil halb verbrannt und unbewohnt waren. Das kam vom Krieg — darüber mußte man sich nicht wundern. Hinten in Blankenese sollte es besser sein, und im Dorfe Wedel gabs noch die Kirche, das Pfarrhaus und eine Menge von Häusern. Der Magister hatte es Burga erzählt und sie zugleich eingeladen, ihn zu besuchen. Sie würde gern einmal gekommen sein, aber nun wars zu spät; der Magister brauchte auch nicht zu wissen, wohin sie ging. Sie wußte es ja selbst noch nicht! Burga wischte sich die Augen und stampfte dann mit dem Fuß. Sie war doch kein Schreikind, das noch weinte! Sie wollte in die Welt und lustig sein! Und sie legte ihre Hand auf Wolfs Kopf, der sich zärtlich an sie schmiegte. Ja, die vom Hanekamphof mochten sich wundern, daß Burga und der treue Wächter nicht wieder kamen, aber es war ihre eigne Schuld! Warum hatten sie solch häßlichen Oheim!
Wolf steckte die Nase in die Luft und schnupperte.
»Nun, was ist?« fragte Burga, und Wolf knurrte leise. Burga griff nach ihrem Messer. Wölfe gabs nicht mehr, die waren nach Norden gezogen, und wenn hier ein Fuchs umherlief, so mußte er am Leben bleiben. Noch einmal knurrte der Hund und lief dann ins Dickicht, wohin ihm Burga folgte. Da lag ein Mann mit einer Schußwunde im Kopf, und neben ihm hockte ein Junge und weinte leise.
»Ich kann ihn nicht hoch kriegen!« schluchzte er. »Die Räuber haben ihn tot geschlagen!«
Burga beugte sich über den Verletzten.
»Er ist nicht tot. Hol Wasser aus dem Bach. Hast du nicht einen Becher?«
Der Junge trug einen Sack um den Hals. Er nahm einen Zinnbecher heraus und holte eilig Wasser. Burga wusch die Wunde, riß ein Stückchen von dem Sack und verband sie dann.
»Ich hab ihn so gesucht!« wimmerte der Junge. »Heute morgen ist er nach Altona gefahren, und ich wollte mit. Aber er sagte, ich sollte bei Mutter bleiben. Sie liegt zu Bett, und wir haben auch das kleine Kind. Aber heut nachmittag sagt einer von den Fischern, daß Vaters Boot bei Teufelsbrück läge. Ich bin mit der Jolle herüber, und ich kann ihn zuerst nicht finden. Das Boot liegt da —« Er zeigte auf den Strand. »Nun möchte ich ihn wieder ins Boot bringen, aber allein kann ich's nicht!«
Burga sah in sein trauriges Gesicht.
»Bist du nicht von da drüben?«
Er nickte.
»Von Finkenwärder! Vater ist Fischer und wir haben wenig zu essen!«
Burga erkannte den kleinen Klas Stolz. Sie sah ihn, wie er ihr den gebratnen Vogel ließ, und nun wußte sie auch, daß der große bewußtlose Mann vor ihr derselbe war, der sie mit ihrem Hunde aufs Eis geschoben hatte. Der kleine Klas weinte noch immer.
»Wenn er tot bleibt, dann bleibt Mutter auch tot!«
»Was sollte er tot bleiben! Faß ihn bei den Beinen an, und ich trage seinen Kopf; wir kriegen ihn schon ins Boot, und dann kannst du wohl das Rudern besorgen, denn ich muß seinen Kopf halten, damit er sich nicht stößt!«
Es ging langsam, aber es ging. Der Verwundete stöhnte, und der kleine Klas begann zu weinen, aber Burga gebot ihm, still zu sein. Und wie der Fischer erst in seinem eignen Boote lag, da schien es, als würde er ruhiger, und der kleine Klas mühte sich redlich ab, das schwere Fahrzeug über die Elbe zu bringen. Beinahe wärs nicht gegangen, aber plötzlich kam ein kleines, flinkes Fahrzeug hinter ihnen her, ein Fischer schwang sich ins große Boot und ruderte kräftig mit. Es war ein alter Mann, der kein Wort sprach und der Burga die ganze Zeit betrachtete, aber der kleine Klas flüsterte ihr zu, daß dies sein Ohm Hans Peter wäre und daß der niemals viel sagte. Auch Wolf saß mit im Boot, wußte aber auch, daß er sich nicht rühren durfte, und ließ nur Burga nicht aus den Augen. Und dann lag Finkenwärder vor ihnen, und Hans Peter griff mit an, den Verwundeten ans Land zu tragen. Um Burga bekümmerte er sich nicht weiter, und auch der kleine Klas vergaß das Danken. Er dachte nur an seine Mutter, und was sie zu dem verwundeten Vater sagen würde. Also blieb Burga allein am Hafen zurück, setzte sich ans Bollwerk und dachte darüber nach, ob sie sich ein Nachtquartier suchen, oder im Freien schlafen wollte. Denn es war spät geworden. Etwas abseits von den Fischerbooten lag ein Fahrzeug, das rote Kissen hatte, und recht einladend aussah. Sogar ein Wolfsfell lag darin, und wer sich da hinein wickelte, der hatte es gut. Burga betrachtete es, halb in Gedanken. Dann begann sie hungrig zu werden und beschloß, sich etwas Brot für sich und ihren Hund zu erbetteln. Sie hätte es auch kaufen können, aber sie wußte, daß es immer klüger war, kein Geld zu zeigen; sonst wurde es einem weggenommen. Langsam schlenderte sie durchs Dorf. Mittlerweile war die Nacht gekommen; aber es war lau, und die Sterne flimmerten freundlich und milde. In der Dorfstraße war kein Mensch mehr zu sehen. Nur einige kleine Hunde kläfften, aber sie rührten sich nicht aus dem Haus, in dem sie ein Loch in der Mauer zum Ein- und Auslaufen hatten; wahrscheinlich ahnten sie, daß Wolf hinter dem Mädchen herging, mit glühenden Augen, und gefletschten Zähnen.
Burga erhielt nichts zu essen, und nur in einem Hause war noch Licht. Das war das Wirtshaus zum Seeteufel, wo die Fenster offen standen und man ins Gastzimmer sehen konnte. Drei dänische Offiziere saßen hier hinter großen Zinnkrügen, würfelten und sangen. Burga betrachtete sie aufmerksam. Der eine von ihnen war jung, die andern zwei hatten graue Schnauzbärte und verwitterte Gesichter. Auf der Fensterbank lag ein großes, mit Butter bestrichnes Brot, und daneben stand ein Becher mit Wein. Burga trank eilig den Wein aus und nahm das Brot mit sich. Der Wein floß heiß durch ihre Glieder, da vergaß sie den Hunger und gab Wolf das größte Stück vom Butterbrote. Müde wurde sie auch, und ihr fiel das Boot mit den roten Decken und dem warmen Fell ein. Es mußte sich gut darin ruhen lassen; sie wollte es versuchen. Es lag auch noch an derselben Stelle; sie ging hinein, legte sich auf die eine Bank, deckte sich zu und forderte Wolf auf, unter die Bank zu kriechen. Er tats natürlich; wenn er bei seiner Herrin war, konnte er stundenlang still liegen und sich nicht vom Fleck rühren.
Es war behaglich auf dem leise schaukelnden Boot. Die Elbe gluckste leise, ein Nachtvogel strich unhörbar über sie dahin, und aus dem Wasser schnellte ein Fisch, um wieder zurück zu fallen. Burga dachte an den Hanekamphof, an Frau Jutta, an die Jungen. Was sie wohl sagen würden, wenn sie nicht wiederkäme! Aber der Oheim war wirklich zu häßlich gewesen. Mochten sie sehen, ohne sie fertig zu werden! Es war dort sicher nicht übel gewesen, aber man konnte nicht immer an einem Platz bleiben. Wozu war man denn ein Lagerkind und wanderte von Ort zu Ort? Ein Lagerkind. Halb im Traum wiederholte Burga das Wort. Immer war sies wohl nicht gewesen. Einmal hatte eine Mutter ihr die Hände gefaltet und sie beten lassen:
Halblaut sprach Burga die Worte vor sich hin. Wie kam es, daß sie sich ihr plötzlich auf die Lippen drängten? So lange, lange hatte sie sie vergessen, nun kehrten sie zurück aus der Ferne. Ja, eine Mutter saß einst an ihrem Bettchen und flüsterte ihr sanfte Worte zu; dann aber kam Brand und Mord, Geschrei und Blut — wo war die Mutter geblieben, wo das Bettchen mit den dunklen Vorhängen, der rote Michel, der sie herausriß und vor sich aufs Pferd nahm? Blutigrot flammte es hinter ihr auf, und dann kam das Vergessen, das Umherwandern. Ein Prädikant ritzte ihr den Namen in den Arm, und der rote Michel rieb die kleinen Stiche mit Pulver ein, daher waren sie durch kein Wasser wegzubringen. Aber der Prädikant war lange tot und Michel ein Räuber geworden.
Der Wein war heiß gewesen, und Burgas Augen schlossen sich fest. Das Wasser gluckste stärker, und Wolf begann zu knurren, aber seine Herrin rief ihm schlaftrunken zu, ruhig zu sein; da legte er sich wieder hin.
Dann kam ein kalter Wind, die Sonne schien dem Mädchen ins Gesicht, sie fuhr auf und rieb sich die Augen. Auf dem Wasser lagen dichte Nebelschleier, aber das Boot trieb langsam stromabwärts. Vorn im Fahrzeug lag ein Offizier mit dem Kopf auf der Ruderbank. Er trug keinen Hut, sein Gesicht war blutig und geschwollen, und dabei schien er fest zu schlafen. Aber, wie Burga ihn verwundert betrachtete, fuhr er in die Höhe, steckte die Hände ins Wasser und rieb sich damit das Gesicht. Dies wiederholte er mehrmals und starrte endlich Burga aus großen blauen Augen an.
»Ich möchte wohl wissen, wo ich bin!« sagte er langsam.
»Das möchte ich auch!« erwiderte Burga, und er nahm wieder ein paar Hände voll Wasser und begoß seinen Kopf.
»Der Wein war stark!« murmelte er vor sich hin, dann griff er nach seiner Stirn.
»Da hat mich jemand gehauen!«
»Aber ordentlich!« versicherte Burga. »Ihr werdet Streit beim Trinken bekommen haben!«
»Meinst du?« Er dachte nach. »Ja, ich glaube, daß der Wirt kam und noch ein paar Fischer. Die Kameraden wollten keine Zeche bezahlen, und die Leute wurden böse.« Wieder wusch er sein Gesicht. Dann sah er sich um. »Wo sind die zwei andern Herren?«
Burga wußte es nicht. Der Nebel hob sich, und sie sah, daß das Fahrzeug den Strom hinunter trieb. Dorthin, wo viele Häuser standen und einige Schiffe lagen. Es war noch früh am Tage, und auf dem Wasser war nicht viel Leben. Nur ein Boot mit Soldaten kam ihnen entgegen, und aus ihm wurde Burgas Gefährte angerufen.
»Junker Rantzau, seid Ihrs? Und wo sind die andern Herren?«
Ein großer Offizier bog sich aus dem Boot, griff nach dem treibenden und schwang sich hinüber. Dann stieß er einen Schrei aus, denn Wolf war unter der Bank hervorgeschossen und packte ihn am Bein.
»Zurück Wolf« rief Burga, und der Hund ließ den Mann los, stand aber knurrend, mit geöffnetem Maul.
Der Offizier sah Burga zornig an.
»Was ist dies? Was willst du hier, im Boot, das Seiner Majestät dem König gehört? Und Ihr Junker, wie seht Ihr aus? Habt Ihr Euch mit Feinden geprügelt?«
Der Junker zuckte die Achseln.
»Ich kann mich nicht mehr auf die Geschichte besinnen, Herr Rittmeister! Es wird schon Krawall gegeben haben, wenigstens sagt mir dies mein Schädel!«
Der Rittmeister machte ein finsteres Gesicht.
»Es ist verboten, nach den Elbinseln zu fahren und dort Wein zu trinken! Die Schweden sind nicht weit, und die Kaiserlichen treiben sich gleichfalls umher, wo man sie nicht erwartet. Also habt Ihr Euch in unnötige Gefahr begeben, und der Obrist wird Euch in Arrest stecken! Besonders wenn Ihr nicht sagen könnt, wo die zwei andern Herren sind!«
Wieder rieb der Junker seinen Kopf.
»Es ist mir, als hätte ich sie auf der Erde liegen sehen. Und weil die Fischer in der Übermacht waren, bin ich wohl eilig in unser Boot gelaufen. Ganz genau kann ich's aber nicht sagen, Herr Rittmeister. Im Seeteufel gab's einen guten hispanischen Wein, und wenn's an mir gelegen hätte, würde ich ihn auch bezahlt haben.«
Der andre Offizier sagte nicht viel mehr. Er hatte das große Boot an das seine befestigen lassen, und die Soldaten ruderten es von ihrem Fahrzeug aus vorsichtig ans Land.
Neugierig sah Burga um sich. Dies war natürlich das Dorf Altona, von dem sie schon gehört hatte. Steil und aufrecht standen mehrere Speicher, dicht daneben lag ein großes, düsteres Haus, und in der Ferne erhob sich der Galgen, ohne den es nun einmal keinen anständigen Ort gab. Burga freute sich, wieder an Land gehen und bald nach dem Hanekamphof zurückkehren zu können. Es tat ihr doch leid, daß sie so davon gelaufen war. Frau Jutta und die Jungen hatten ihr nichts getan, und der alte unangenehme Ohm würde sicher heute wieder abreisen.
Sie stand schon auf der Brücke und sah sich nach Wolf um, der mit gesträubtem Haar vor einer Katze stand, als sich ihr eine schwere Hand auf die Schulter legte.
»Komm mit, Dirn! Ich will dir dein Gefängnis anweisen!«
Erstaunt sah Burga in ein verwittertes Soldatengesicht, in dem ein langer grauer Schnurrbart fast auf die Brust hing.
»Was soll ich im Gefängnis?« fragte sie, und der Wachtmeister lachte dröhnend.
»Eine lustige Frage! Was tut man im Gefängnis? Da wartet man fein säuberlich auf das Gericht und auf den Galgen!«
»Ich brauche beides nicht!«
»Du brauchst es nicht, Dirn? Wir aber brauchen dich! Zwei von unsern Rittmeistern sind in dieser Nacht elend umgekommen. In diesem Boot sind sie fröhlich ausgefahren, und nun sitzest du darin, mit einem Höllenhund, der einen andern hohen Offizier gleich ins Bein beißt!«
»Er hat nicht fest zugefaßt, er wollte mich bewachen!«
»So sagst du natürlich; ich aber glaube, daß du eine Hexe bist und daß dieser Hund der leibhaftige Teufel ist! Marsch!«
Noch einmal packte der Wachtmeister das Mädchen, um dann gleich einen wilden Fluch auszustoßen. Denn der Höllenhund ließ die Katze laufen und legte seine mächtigen Pranken dem Dragoner auf die Schultern, daß dieser fast zusammenknickte. Aber er verlor nicht die Besinnung.
»Nimm das Tier weg!« sagte er halblaut. »Sonst renne ich ihm mein Messer in den Leib!«
»Versucht es!«
Burga rief es trotzig, und wie der Wachtmeister eine Bewegung nach seinem Gürtel machte, da hätten die spitzen Zähne des Hundes beinahe zugebissen. Burga hinderte das Tier daran. Sie hielt ihm das Maul zu und flüsterte einige beruhigende Worte. Da ließ Wolf von dem Wachtmeister und stand zähnefletschend neben seiner Herrin. Der Wachtmeister aber fluchte, daß alle Soldaten zusammenliefen: »Jungen, nehmt eure Karabiner und schießt das Biest tot! Und wenn die Dirn eine Kugel trifft, wirds auch nicht schaden!«
»Oho! Bist du der Herr über Leben und Tod?«
Ein großer Offizier mit stolzem Gesicht stand plötzlich neben dem Wachtmeister, der die Hacken zusammenschlug und den Hut vom Kopf riß.
»Herr Obrist, diese Hexe hier und dieser Hund —«
»Schon gut, Balthasar!« Der Obrist machte eine lässige Handbewegung. »Ein alter Grimmbart, wie du, sollte sich nicht vom Zorn meistern lassen! Es wäre schade um den Hund, wenn er erschossen würde. Es scheint ein gutes Tier zu sein! Ich will ihn in meinen Stall nehmen. Die Dirn mag derweil ins Gefängnis gebracht werden. Ich werde untersuchen, ob sie des Galgens schuldig ist!«
Er winkte einigen Soldaten, daß sie den Hund anfassen und ihn mitnehmen sollten, aber sie standen und rührten sich nicht. Wolf sträubte seine Haare und zeigte sein mächtiges Gebiß.
»Wird's bald?«
Der Obrist sah sich um.
Da faßte Burga das Tier am Halsband und brachte ihn dem Herrn.
»Behaltet ihn, Herr, wenn Ihr mir versprecht, ihn gut zu behandeln. Ich will ihm sagen, daß er Euch gehorchen soll!«
Sie nahm die Hand des Obristen, streichelte sie und flüsterte ihrem Hunde etwas ins Ohr. Da verlor sich seine wilde Miene, er wedelte ein wenig und schloß das Maul mit den großen Zähnen.
»Seid gut zu ihm, Herr, dann werdet Ihr Freude an ihm haben!«
Der Obrist stand unschlüssig.
»Du schenkst mir den Hund, und ich schicke dich ins Gefängnis! Warum aber hast du meine Offiziere verschwinden lassen?«
Burga sah ihn ehrlich an.
»Ich tat's wirklich nicht, Herr! Wenn der Junker, mit dem ich fuhr, seinen Rausch verwunden hat, wird ihm vielleicht allerlei einfallen. Aber wenn ich gehängt werden soll, dann macht es nur schnell. Einmal kann man nur sterben; aber es ist langweilig, auf den Tod zu warten!«
»Herr Obrist, sie ist eine Hexe!« rief Balthasar. »Glaubt nicht ihrer unschuldigen Miene!«
Aber da drängte sich der Junker Rantzau an den Obristen. Er trug jetzt ein nasses Tuch um den Kopf, und sein Gang war straffer geworden.
»Herr Obrist, mit Verlaub zu melden, ich glaube nicht, daß die Dirn was Böses tat. Ich hab wohl zu viel Wein getrunken, und daher kann ich mich immer noch nicht ordentlich besinnen. Jemand hat mich auch mit einem Ruder auf den Schädel geschlagen, und er brummt sehr stark. Aber ich weiß jetzt, daß die Rittmeister den Wein nicht bezahlen wollten und daß der Wirt böse wurde. Wer mich ins Boot getragen hat, weiß ich nicht, und wie die Dirne hineingekommen ist, kann ich auch nicht sagen! Aber morgen werde ich mich auf alles besinnen können!«
»Also werden wir einige Mann nach Finkenwärder schicken und uns nach unsern Herren erkundigen!« sagte der Obrist nach einigem Nachdenken. Dann hob er die Hand. »Ihr, Junker Rantzau, begebt Euch in Arrest, denn es ist verboten, auf die Elbinseln zu gehen, und du, Dirn, magst vorläufig ins Gefängnis wandern. Wenn du nichts Böses tatest, wirst du schon wieder freigelassen werden!«
»Und weshalb soll sie ins Gefängnis!«
Eine heisere Stimme rief es, und der Magister Timotheus Lange drängte sich durch die Soldaten.
»Ich kenne dies Kind!« fuhr er fort. »Sie ist eine gute Dirne und arbeitet treu auf dem Hanekamphof! Weshalb sie nach Finkenwärder gefahren ist, kann ich nicht sagen! Aber Böses wird sie dort nicht getan haben!«
Der Obrist machte ein ärgerliches Gesicht. »Laßt das Reden, Magister! Wir sind hier nicht in der Kirche, und Ihr habt hier nichts zu sagen!«
»Oho!« Der Magister hob den Arm, an dem keine Hand mehr war. »Ich rede, wann ich will! Wer ein rechter Diener Gottes ist, der muß nicht allein in der Kirche reden, sondern auch auf der Straße. Und er muß helfen, wo Hilfe nötig ist! Fragt nur den Wachtmeister Balthasar, ob ich ihm nicht half!«
Doch wie sich Timotheus nach diesem umsah, da war er nirgends zu finden, sondern hatte sich eilig in ein Seitengäßchen begeben. Der Rittmeister aber, der das Boot eingefangen hatte und der ärgerlich neben dem Obristen stand, zog seinen Pallasch.
»Magister, haltet den Mund, Ihr seid unehrerbietig gegen des Königs Soldaten!«
Doch der Obrist legte den Arm in den seinen und ging mit ihm davon.
»Kommt, Herr von Brockdorf! Wir wollen in unser Quartier gehen und uns nicht weiter um die Sache bekümmern! Laßt die sonderbaren Leute laufen! Mir hat's gleich nicht gefallen, daß ich ein Mädchen hängen lassen sollte. Und wenn der Magister forsch redet, so habe ich daran auch nichts auszusetzen. Zu Haus hatten wir auch so einen Prädikanten, der das Reden verstand. Den haben die Kaiserlichen totgeschossen, als sie mein Elternhaus anzündeten! Darüber betrübe ich mich noch immer, und wir wollen diesen Mann in Frieden lassen.«
»Und der Hund?« Der Rittmeister fragte es, und der Obrist sah sich um. Langsam folgte ihm Wolf. Er trug den Kopf gesenkt und machte einen sehr traurigen Eindruck. Aber er ging hinter dem neuen Herrn her.
Der Rittmeister faßte nach einem Amulett, das er auf der Brust trug. »Das Mädchen ist doch eine Hexe! Sie treibt Zauberei mit Tieren! Die würde ich nicht frei laufen lassen!«
Der Obrist besann sich einen Augenblick.
»So geht zurück und befehlt, daß die Dirn das Dorf nicht verlasse, und auch der Magister soll bleiben!«
So also geschah es, daß gerade, als der Magister mit Burga Altona verlassen wollte, der Rittmeister erschien und sie beide mit Hilfe einiger Soldaten in das neue Gefängnis brachte.
»Morgen werdet Ihr gerichtet werden!« versprach er zugleich, aber der Magister zuckte die Achseln.
»Ihr seid ein ungerechter Mann, Herr Rittmeister! Ich habe Euch gar nichts getan, und das Mädchen ist ein unschuldig Kind! Möget Ihr Eure Ungerechtigkeit niemals bereuen!«
Aber Herr von Brockdorf faßte wieder nach seinem Amulett und ermahnte den Beschließer, die zwei gefährlichen Menschen treu zu bewachen. Denn dazumal glaubte man noch an Hexen und an Zauberer, und daher war dem armen Rittmeister kaum zu verdenken, daß er sich wunderte, wie Burgas Hund ihr gehorsam war. Aber der Magister war doch sehr ungehalten, als ihn der Kerkermeister in ein kleines Loch im Keller des neuen Hauses führte, und es war gut, daß Burga die Zelle neben der seinen hatte. Denn die Wände waren nur von Brettern, und die zwei Gefangenen konnten sich gut miteinander unterhalten. Burga berichtete nun von dem Ohm Hanekamp und von dem Finkenwärder Fischer, und der Magister hörte ihr nachdenklich zu.
»Du scheinst mir nichts Übles getan zu haben, Kind, und dir wird übel gelohnt. Aber so ist es in der Welt; wer da meint, daß die Menschen gut und dankbar sind, der irrt sich. Dem Balthasar habe ich das Leben gerettet, aber er will mich nicht kennen. Dabei bin ich nur nach Altona gekommen, weil mich der Pastor Rist mit einem Auftrag an den Prädikanten in Ottensen schickte. Er aber sollte hier zu finden sein. Nun sitze ich im Gefängnis und muß vielleicht Monate schmachten.«
»Es wird schon noch gut werden!« tröstete Burga von der andern Seite der Bretterwand. »Mir schien der Obrist ein gutes Gesicht zu haben, und der eine Junker war auch nicht übel. Man muß Geduld haben!«
Da setzte sich Magister Timotheus auf seinen Strohsack, faltete die Hände und schalt sich selbst aus, weil er mißmutig war. Und dann sagte er sich einige Sprüchlein und Bibelverse her, und Burga hörte ihm andächtig zu. Bis sie fest einschlief und auch nicht aufwachte, als der Kerkermeister eintrat und ihr einen Teller Wassersuppe und ein Stück Brot hinstellte. Denn der vorige Tag hatte sie müde gemacht, und der Schlaf auf dem Boote war nur kurz gewesen. Wie der Magister ihre Atemzüge hörte, legte auch er sich zum Schlafen und vergaß die dänischen Reiter und alles, was ihn ärgerte.