Herr Jobst Hanekamp fand das Landleben auf dem Hof seiner Verwandten nicht so angenehm, wie er es sich vorgestellt hatte. Denn so freundlich Frau Jutta ihn auch aufnahm, als sie merkte, daß Burga verschwunden war und nicht wiederkehrte, da wurde sie zerstreut und suchte sie in allen Winkeln des Hauses. Aber sie war nirgends zu finden. Gottfried und Konrad begannen den Wald zu durchstreifen und riefen nach dem Mädchen. Sie hatte ihren Hund mitgenommen, das war auch ein Kummer; denn niemals war der Hof so gut bewacht worden, wie seitdem Wolf ihn des Nachts langsam umkreiste. Als es nun klar wurde, daß alles Suchen vergeblich war, da saß Konrad in einer Ecke der Diele und weinte, während Gottfried laut über alles schalt, das weiblich war. Solch dummes Mädchen wie die Burga gab es nicht mehr; wenn sie ein Junge gewesen wäre, würde sie sich anders benommen haben! Wenn sie wieder käme, würde er sie vom Hof jagen! Darüber schalt Konrad, weil er sich nur freuen würde, wenn Burga wieder erschiene, und bald wären die Brüder tüchtig aneinander geraten. Frau Jutta ermahnte sie zum Frieden; aber sie verhehlte nicht ihre Trauer, und Herr Jobst bemerkte, daß man sich aus ihm, dem reichen Verwandten, nicht so viel machte, wie er es erwartet hatte. Es schlug ihm auch das Gewissen, weil er Burgas Hülfe nicht grade gut vergolten hatte, jedenfalls schlief er in dieser Nacht sehr schlecht und wollte gleich am nächsten Morgen nach Hamburg zurück. Das aber ging nicht so schnell. Erstens wollte Herr Jobst natürlich eine gute Begleitung haben, damit kein Räuber ihn anfallen konnte, und dann auch dachte er jetzt erst an den Fischer, den er sich zur Herreise nahm und den er sofort, als er in Gefahr kam, vergessen hatte. Wo war der Mann, und konnte man ihn am Elbstrand erreichen?
Herr Hanekamp ging natürlich nicht an die Elbe, aber er schickte seine Großneffen, die bald unverrichteter Sache zurückkehrten. Es lag kein Boot am Ufer, und von einem Finkenwärder Fischer war nichts zu sehen. Der war natürlich wieder in sein Dorf gefahren. Herr Hanekamp schalt. Auf niemand konnte man sich mehr verlassen, und nun wünschte er, daß die Knaben nach Altona gingen, um ihm einige Soldaten zu holen, die ihn wieder an die Hamburger Grenze, über den Pepermolenbeck geleiteten. Er würde auch eine gute Belohnung dafür geben. Jetzt erhob Frau Jutta Einspruch. Sie hatte ihre Söhne in der Wirtschaft nötig, und da Burga nicht da war, konnte sie sie noch weniger entbehren. Vielleicht konnte man eine Botschaft nach Ottensen oder an die Elbe schicken, wo die Fischer sich übers Wasser allerhand Zeichen gaben und dadurch ein Boot von der andern Seite herbeiwinkten. Aber Herr Hanekamp wollte nicht aufs Wasser. Dort konnte es auch böse Menschen geben; er war für die dänischen Dragoner, die ihn mit ihren Karabinern und großen Säbeln schützen sollten.
An diesem Tage ließ sich also nichts machen, aber am andern Morgen, als Gottfried auf dem Felde arbeitete, gewahrte er einige Reiter, die einen zerlumpten Menschen zwischen sich führten. Meistens ging der Junge den Soldaten aus dem Wege, aber heute lief er auf sie zu und fragte, ob sie einen Hamburger Kaufherrn wieder in seine Stadt geleiten wollten. Die Dragoner, drei an der Zahl, erklärten sich dazu bereit, wenn sie eine gute Bezahlung dafür erhielten, und so ritten plötzlich die Dänen auf den Hanekamphof, und zwischen ihnen hinkte jämmerlich derselbe Räuber, mit dem Herr Jobst schon einmal Bekanntschaft gemacht hatte.
Der Kaufherr war so froh, wieder heimreisen zu können, daß er gleich auf eins der Pferde steigen wollte. Aber der älteste von den Reitern, ein Unteroffizier, rief lachend: »Gemach, werter Herr! Laßt uns erst einmal diesen Hof betrachten! Wir haben ihn noch nicht gesehen, und man könnte uns hier wohl eine gute Mahlzeit bereiten! Außerdem —« er klopfte Gottfried, der breitbeinig neben ihm stand, auf den Rücken. »Mir kommt vor, als könnte dieser Junge einen guten Dragoner abgeben! Der König braucht Soldaten, es ist eine Ehre, seinen Rock zu tragen! Und was ist dort?« Er zeigte auf das Schwedenpferd, das grade an der Tränke stand. »Wißt Ihr nicht, daß laut königlichem Befehl alle Pferde abzuliefern sind, damit der Feind sich ihrer nicht bemächtigt? Ihr verdientet Strafe für Eure Unterlassung, aber ich will ein Auge zudrücken und den Schimmel stillschweigend mitnehmen. Der alte Hamburger darf sich darauf setzen, und der Junge kann nebenher laufen.«
Frau Jutta war schneeweiß geworden. »Nehmt das Pferd,« bat sie mit gefalteten Händen, »aber laßt mir meinen Jungen! Er ist erst vierzehn Jahre alt, viel zu jung fürs Kriegshandwerk!«
»Zu jung? Grade das rechte Alter! Wenn er sich Mühe gibt, kann er in etlichen Jahren Offizier sein!«
Frau Jutta wollte antworten, aber der Unteroffizier fiel ihr ins Wort.
»Keine Widerrede, Frau! Wenn du dich weigerst, deinen Sohn herzugeben, plündern wir den Hof aus!«
Er machte ein so finsteres Gesicht, daß man merkte, wie es ihm Ernst war. Und nun mußte Frau Jutta das Beste kochen, was sie auf dem Hof hatte. Fast alle ihre Hühner wurden geschlachtet, das Kälbchen wurde getötet und zerlegt, und was an Eiern und anderen Vorräten auf dem Hof war, wurde in Beutel gestopft und den Pferden auf den Sattel gelegt.
Es war ein trauriger Tag für den Hanekamphof; die Reiter zogen gesättigt davon, während der rote Räuber und der junge Rekrut neben ihnen her liefen. Herr Hanekamp saß auf dem breiten Rücken des Schwedenpferdes und in dem bequemsten Sattel; aber es war ihm nicht sehr gut zu Mute. Er sah ein, daß sein Besuch auf dem Hof der Verwandten nur Unglück gebracht hatte. Es war auch kein Trost für ihn, daß der rote Michel gefesselt neben seinem Pferde herlief; er dachte an das blasse Gesicht Frau Juttas, wie sie von ihrem ältesten Sohn Abschied nehmen mußte, und er hatte die Ahnung, daß die guten Tage des Hanekamphofes gezählt waren. Bis dahin war er verborgen geblieben; jetzt würden die dänischen Dragoner ihn allmählich ausplündern, und Frau Jutta konnte ihn, allein mit einem Sohn, wohl auch kaum halten.
Der Unteroffizier ritt lustig durch den Sonnenschein und ließ seine Reiter ein Lied nach dem andern singen. Wenn sie heiser waren, erzählte er Gottfried von seinen Kriegsabenteuern. Er war viel im Lande umher gewesen und hatte manche Schlacht mitgemacht. Gottfried sollte jetzt gleich nach Kopenhagen geschickt werden; wenn er Glück hatte, konnte er schon bald an die Schweden kommen.
Gottfried sagte nicht allzuviel; er hatte wohl Lust, ein Dragoner zu werden, aber er mußte an seine Mutter, seinen Bruder denken. Er kniff die Augen zusammen und ging trotzig weiter, während der rote Michel von den Soldaten gehänselt wurde.
»Jetzt wirst du ganz gewiß gehängt, Roter!« neckten sie ihn. »Unser Obrist kann keine Räuber leiden, und so einen Rotkopf wie dich, nun ganz gewiß nicht! In Altona steht ein feiner Galgen, und an ihm ist grade genügend Platz!«
Der Rote warf den Kopf in den Nacken und gab eine freche Antwort, und Herr Hanekamp wunderte sich, daß ein dem Galgen Bestimmter noch so antworten konnte. Plötzlich pfiff es gellend. Herrn Hanekamps Pferd stieg steil in die Höhe und raste mit ihm davon. Einige Kugeln sausten hinter ihm her, und der schwedische Schimmel schlug so aus, daß sein Reiter mit einem gewaltigen Schwung auf der Erde landete. Im Graben der Landstraße lag der arme Hanekamp und glaubte seine letzte Stunde gekommen, aber nach einer Weile bückte sich Gottfried über ihn und zog ihn aus dem morastigen Wasser.
»Herr Ohm, wir haben Glück gehabt! Die Dänen sind totgeschossen, und die Helfershelfer des roten Räubers sind mit den Pferden und allen Lebensmitteln weggeritten. Euer Pferd haben sie nicht gekriegt, und sie sind auch nicht dahinter her gewesen; sie haben die andern Gäule genommen und sind mit ihnen an die Elbe geritten. Ich glaube, sie wollten ins Lüneburgische!«
Herr Hanekamp stand naß und schmutzig da und rieb sich die schmerzenden Gliedmaßen.
»Wenn ich noch einmal mein Hamburg verlasse, soll man mich gleich hängen!« brummte er, während Gottfried sich scharf umsah.
»Wir sind wohl schon beim Dorf Ottensen, und weiter hinten liegt Altona. Wenn Ihrs erlaubt, will ich Euch hinbringen. Vielleicht krieg ich unser Pferd wieder; vorhin hab ich's noch laufen sehen!«
So also konnte Herr Hanekamp nach einer Weile einen nicht grade großartigen Einzug ins Dorf Altona machen: Er war mit Schlamm bedeckt, seine Perücke war im Graben liegen geblieben, und er hinkte stark. Aber er hütete sich, zu schelten. Freute er sich doch, daß Gottfried bei ihm war und ihn beschützte. Dabei berichtete der Junge von dem Überfall, der so schnell kam, daß niemand genau sagen konnte, wie alles eigentlich zugegangen war. Die Räuber waren mit einem Male dagewesen, und ihre Schüsse trafen nur zu gut. Alle drei Dragoner waren vom Pferd gefallen, und wer nicht tot war, dem wurde vom Roten noch mit einem Messer der Garaus gemacht. Gottfried schauderte beim Erzählen, er deutete auf das Elbufer weiter unten. Dorthin hatten die Räuber die Pferde getrieben und die Toten geschleppt. Wahrscheinlich wollten sie sie noch der Uniformen berauben.
Herr Hanekamp hörte schon gar nicht mehr zu, er wollte gleich an den Pepermolenbeck, um auf Hamburger Gebiet zu kommen, aber eben vor Altona trafen die zwei Wanderer auf eine dänische Schildwache, die sie anhielt und sie auf den Markt führte. Hier stand der Obrist von Pechlin im Kreise seiner Offiziere und hörte den Bericht von zwei Herren, die verprügelt und verwundet zu sein schienen. Beide hatten verbundene Köpfe und während dem einen die Uniform zerrissen war, lief der andere auf bloßen Füßen.
Der Obrist machte ein böses Gesicht und seine Stimme schallte weit über die Straße. Eben hatte er einen kurzen Befehl gerufen, worauf sich ein Soldat in ein düsteres auf dem Markt stehendes Gebäude begab, als seine Augen auf Herrn Hanekamp und auf Gottfried fielen, die die Schildwache dicht an den Kreis brachte.
»Was sind dies nun wieder für Vögel?« erkundigte er sich, und Herr Jobst richtete sich würdevoll auf, so weit ihm dies möglich war.
»Herr Obrist, ich bin der Hamburger Kaufmann Jobst Hanekamp, und dicht vor Altona haben mir die Räuber übel mitgespielt.«
Er berichtete, wie alles gewesen war, und Gottfried stand daneben, und wenn Jobst nicht weiter wußte, half er aus.
Der Obrist ließ die zerzausten Herren Offiziere stehen und hörte aufmerksam zu, fragte hin und her und riß an seinem Schnurrbart. Herr Hanekamp war immer ruhiger geworden und erzählte ohne Umschweife, wie die dänischen Reiter auf dem Hofe gehaust hätten, wie sie nicht allein fast alles Eßbare nahmen, sondern auch den ältesten Sohn. Und dabei waren es die Soldaten, die das Land verteidigen sollten gegen die Feinde.
Als er soweit gekommen war, zuckte der Obrist mißmutig die Achseln.
»Herr Hanekamp, Ihr müßt bedenken, daß wir im Kriege leben; da geht mancherlei drunter und drüber!«
»Man sollte diese Ungerechtigkeit nicht dulden!« erwiderte der Kaufherr ernsthaft. »Was soll aus dem Holstenlande werden, wenn die eignen Soldaten es ausplündern? Ich muß gestehen, daß ich mich recht freute, wie diese Dragoner das Leben lassen mußten, obgleich ich ein ehrlicher Mann und nicht für Räuber bin.« Er wollte noch etwas hinzusetzen, als sein Auge auf den Hund fiel, der neben dem Obristen stand. Er hielt mit Sprechen inne, und seine Augen wurden groß vor Staunen.
»Was habt Ihr?« fragte der Obrist, und der Hamburger deutete auf den Hund.
»Vor wenigen Tagen habe ich einen ähnlichen Hund mit einem Mädchen gesehen. Beide retteten mir damals wenn nicht das Leben, so doch meine ganze Habe, und ich möchte wohl wissen, ob besagtes Mädchen auch hier ist. Denn ich möchte ihr eine Schuld abbitten!«
Herr von Pechlin zeigte auf Burga, die gerade von einem Soldaten hergeführt wurde. »Hier ist das Mädchen! Was wollt Ihr von ihr?«
»Vielleicht darf sie mich nach Hamburg begleiten!« sagte Herr Hanekamp feierlich. »Zum ersten wird es für sie gut sein, da sie doch ein Lagerkind ist und nicht weiß, wie man sich in der Welt zu benehmen hat, und zum zweiten, weil ich gegen sie nicht so dankbar gewesen bin, wie sie wohl verlangen konnte. Aber ich bin ein langsamer Mann und muß mir alles erst überlegen. Ich glaube ja auch, daß sie nicht die Wahrheit spricht, wenn sie sich eine Rantzau nennt, aber ein junges Blut hat leicht die Zunge vorweg, und man muß ihr die Worte nicht zu hoch anrechnen. Ich werde ihr eine gute Erziehung geben lassen und dafür sorgen, daß sie einen ehrsamen Mann erhalte!«
Er sprach ernsthaft, und der Obrist hörte höflich zu. Denn er wußte, daß sein König große Stücke auf die Hamburger hielt, die ihm schon manchen Dukaten fürs Kriegführen geliehen hatten. Doch Burga lachte hell und trotzig auf.
»Vielen Dank, Herr Hanekamp, aber ich gehe nicht mit Euch! Ich bleibe lieber auf dem Lande und habe meine Freiheit, als daß ich in eine Stadt gehe, und wenn sie auch Hamburg hieße!«
»Du wirst nicht gefragt!« versetzte Herr Hanekamp.
»Ich will aber gefragt werden!« rief Burga. »Ihr seid kein guter Mann! Ihr habt schlecht von mir gesprochen bei Frau Jutta, obgleich ich Euch nur Gutes erwies, und Ihr habt Euch garnicht um den armen Fischer gekümmert, der Euch nach draußen brachte und den ein Räuber beinahe tot schlug! Ich hab ihn mit dem kleinen Klas nach Finkenwärder gebracht, und Hans Peter von Neumühlen ist dabei gewesen und hat mir geholfen!«
Sie wollte weiter sprechen, aber der Obrist hob die Hand.
»Du hast ja ein schreckliches Mundwerk, und ich würde mich freuen, wenn du in Hamburg bei dem ehrenwerten Herrn gute Manier und feines Benehmen lerntest; aber über alle Dinge habe ich nicht zu sagen, und wenn du ein Lagerkind bleiben willst, so will ich dich nicht daran hindern! Du magst gehen, wohin es dir gefällt!« —
Burga wollte davonlaufen, da aber hielt Timotheus Lange sie zurück. Er war gleichfalls aus dem Gefängnis geführt worden.
»Werter Herr Obrist!« sagte er. »Sind wir bei den Heiden oder bei den Christen? Vorgestern habt Ihr Walburga einstecken lassen, weil Ihr sie für eine Hexe und vielleicht für eine Mörderin hieltet. Die Herren Offiziere sind aber heute wieder zurückgekehrt, und wenn sie Prügel von den Fischern bekommen haben, so wird das ihre eigene Schuld gewesen sein.«
»Das Mädchen ist frei!« unterbrach der Obrist den Magister.
»Ganz recht, Ihr gebt sie frei; ihren Hund aber habt Ihr genommen, und sie selbst erhält keinen Ersatz für die ausgestandene Angst, ebenso, wie ich ohne Schuld eingesperrt wurde und nun laufen kann, ohne daß man sich bei mir entschuldigt!«
Timotheus Lange sprach laut, und der Rittmeister Brockdorf, der immer ein wenig vorwitzig war, griff nach dem Degen. Denn wenn er sich ärgerte, wollte er immer gleich losschlagen. Aber der Obrist erhob die Hand.
»Rittmeister, ärgert Euch nicht; ich tu's auch nicht. So ein Prädikant muß seine Zunge in Übung halten, und ich hab's im Grunde nicht ungern, wenn ich auch einmal ausgescholten werde. Denn das erinnert einen an die eigene Kindheit, wo man noch lustig war und keine Sorgen hatte.«
Er wandte sich an den Magister und zog zwei Goldgulden aus der Tasche. »Nehmt hier ein kleines Schmerzensgeld, Prädikant, und auch den Hund bekommt das Mädchen wieder. Das Tier ist mir wohl gefolgt, hat aber doch Heimweh gehabt, und dafür bin ich mir doch zu gut — meine Leute und Tiere sollen sich bei mir wohl fühlen!«
»Ist's wahr?«
Burga lief zu Wolf, der halb ängstlich neben dem Obristen stand. Sie legte ihm die Arme um den Hals, flüsterte mit ihm und führte ihn zu Herrn von Pechlin.
»Sag ihm Lebwohl!« befahl sie, und der Hund legte eine seiner Tatzen auf den Arm des Obristen. Dann stieß er ein Freudengeheul aus und drängte sich an Burga.
»Sie ist doch eine Zauberin!« sagte der Rittmeister Brockdorf, aber der Magister rief laut: »Wer die Seele der unvernünftigen Kreatur erkannt hat, ist darum noch kein Zauberer!«
Herr Hanekamp hatte diesem allem schweigend zugesehen. Nun ging er auf Burga zu.
»Ich würde an deiner Stelle doch mit nach Hamburg kommen. Wahrlich, du sollst es bei mir nicht schlecht haben, und ich denke, daß ich Frau Jutta und ihren Konrad auch zu mir nehmen werde. Im Holstenland ist es wirklich gefährlich, und bei uns in Hamburg ist Friede.«
Er sprach ruhig, und Timotheus Lange redete Burga zu.
»Geh mit dem Herrn, es wird besser für dich sein; du kannst lernen und eine ansehnliche Jungfrau werden!«
»Ich werde mich nach dem Fischer umsehen lassen!« versprach Herr Hanekamp, und Burga legte die Hand an Wolfs Halsband. »Den aber muß ich mit haben! Und du, Gottfried, kommst auch?«
Der Junge schüttelte den Kopf.
»Ich will ein Obrist werden wie dieser hier!« flüsterte er und sah Herrn von Pechlin so bewundernd an, daß dieser ihn auf die Schulter schlug. »Natürlich, Junge, du bleibst bei meinen Soldaten! Wirst sehen, wie schön das Kriegshandwerk ist! Dem kommt nichts gleich!«
»Es ist auch gut, ein Lagerkind zu sein!« sagte Burga halblaut für sich, denn es tat ihr schon leid, mit Herrn Hanekamp gehen zu sollen. Aber Timotheus Lange sprach ernsthaft auf sie ein.
»Kind, verwirke nicht dein Glück! Siehst du nicht an mir, wie schlimm es ist, in die Hände böser Menschen zu fallen, und wer weiß, auch dir könnte beim Umherziehen Übles begegnen!«
Er wies auf seinen Armstumpf, und seine Stimme klang besonders rauh und belegt.
Herr Hanekamp hörte ihm nachdenklich zu.
»Ihr scheint mir ein verständiger Mann zu sein, Magister, und man merkt es, daß Euch arg mitgespielt ist. Ich weiß jetzt, wie es tut, in die Hände der Bösen zu fallen, und auch Ihr solltet mit mir nach Hamburg kommen! Wir haben immer Männer nötig, die eine scharfe Predigt halten können und kein Blatt vor den Mund nehmen. In meinem Hause ist Platz für Euch, und ich werde Euch schon eine Anstellung besorgen!«
Der Magister zögerte mit der Antwort, und der Kaufherr wandte sich ab.
»Besinnt Euch auf meinen Vorschlag und kommt zu mir, wann Ihr Lust habt. Jetzt aber möchte ich an den Pepermolenbeck gehen und die Schildwache anrufen, daß sie die Zugbrücke herunterläßt. Zuerst wird mich in meiner Vaterstadt niemand kennen, da mich noch niemand in einem so trübseligen Aufzug wie heute gesehen hat. Aber meine Mitbürger mögen daraus sehen, wie verkehrt es ist, sich aus den Mauern unsrer guten Stadt ins offne Land zu wagen!«
Er winkte Burga, die nur unwillig hinter ihm herging. Noch immer besann sie sich, ob sie dem Kaufherrn folgen sollte, als der Junker Rantzau sie ansprach.
Er trug noch immer ein Tuch um den Kopf, aber seine Augen blickten hell, und die Geister des schweren Weines waren von ihm gewichen.
»He Dirne,« rief er mit seiner hellen Stimme. »Ich höre, du willst eine Rantzau sein? Wie kommst du darauf? Bist du einstmals von einer brennenden Burg geraubt?«
Aber Burga war übler Laune.
»Was geht's Euch an?« erwiderte sie.
»Was es mich angeht? Nun, unser Geschlecht ist ein altes und vornehmes, und wer sich so nennt, ohne es zu dürfen, der kann ins Gefängnis kommen!«
Burga warf den Kopf in den Nacken.
»Hierzulande scheint es mehr Strafen zu geben als andre Dinge!«
Der Junker Rantzau sah sie aufmerksam an.
»Du bist schlecht aufgelegt, und ich kann's dir nicht verdenken. Aber wenn du dich ein Lagerkind nennst, dann weißt du auch, daß die Zeiten hart sind und daß niemand mit Sammethandschuhen angefaßt wird. Sag, weißt du vielleicht noch etwas von der Burg, von der man dich raubte?«
Burga schüttelte den Kopf.
»Was soll ich wissen? Ich bin ein Lagerkind und will nichts andres sein!«
Der Junker wollte noch weiter fragen, aber Burga lief dem Magister nach, der Herrn Jobst Hanekamp an den Pepermolenbeck brachte. Hier standen die Hamburger Söldner und ließen die Zugbrücke nieder. Sie hatten schon von Herrn Hanekamps Mißgeschick gehört und begrüßten ihn feierlich. Und über dieselbe Zugbrücke wanderten hinter ihm der Magister und Burga, die ihren Hund am Halsband gefaßt hielt. Ihr kam es vor, als ginge sie in ein Gefängnis, und ihr Herz war schwer. Dem Junker aber, der noch hinter ihr hersah, wollte sie nicht antworten. Er war so hochmütig und würde ihr nicht glauben, wenn sie sagte, was sie von ehemals wußte. Und eigentlich war es nur das kleine Verslein:
Über so ein Verslein würde der stolze Junker doch nur gelacht haben! Also ging sie nach Hamburg und sah nicht, wie der Junker Rantzau nachdenklich hinter ihr herblickte. Er dachte an seine Mutter, die in der Stadt Schleswig wohnte und oft von ihrem Töchterlein sprach, das sie bei der Zerstörung ihres Edelhofes verloren hatte. Sie suchte es noch immer, denn irgend jemand hatte es bei dem Brande mit einem Knecht davonreiten sehen; aber ihre Spur war lange, lange verloren, und jedermann in der Familie sagte, es sei tot und begraben.
Der Junker hatte lange nicht an das Schwesterchen gedacht; jetzt war er in Grübeln versunken. Dann schüttelte er den Kopf und strich sich über die Stirn, als wollte er einige Gedanken wegwischen. Es war besser, der Frau Mutter nichts zu sagen, und er selbst wollte auch nicht mehr an das trotzige Mädchen denken, das ihn mit ganz bekannten Augen ansah. Denn heutzutage war die Welt voll Lug und Trug; seine kleine Schwester lebte sicherlich nicht mehr, und diese Dirn war eine dreiste Betrügerin.
Er ging wieder seines Weges und vergaß Burga.