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Nun war wirklich Friede, obgleich viele Leute sich noch nicht an diesen Gedanken gewöhnen konnten. Denn die meisten von ihnen kannten nur Plünderung, Mord und Totschlag. Daß man das Feld in Frieden bestellen konnte, daß wieder Kühe auf der Weide gingen, die ihrem Eigentümer Milch gaben und nicht jeden Augenblick geraubt werden konnten, war für viele ein Wunder, an das sie sich erst allmählich gewöhnen konnten. Und manchen Strauchritter gab es, der die Kriegs- und Mordzeiten lieber gehabt hatte und sich nun langweilte, weil er das Arbeiten verlernt hatte und nicht mehr stehlen und plündern durfte. Ihm aber gings jetzt schlecht, denn die Fürsten der ausgeraubten Länder paßten scharf auf, daß jedes Verbrechen bestraft wurde, und die Gefängnisse waren voll und die Galgen selten ohne Gehängte.

In dem Dorf Altona hatte der Dänenkönig noch immer ein Fähnlein Dragoner stehen, das in der Umgegend auf Ordnung halten mußte. Der alte Wachtmeister Balthasar war nicht mehr unter ihnen. Er gehörte zu denen, die das Rauben und Plündern nicht lassen konnten, und er hatte sich eines Tages versehen, indem er auf Hamburger Gebiet einen Bauernhof plünderte und einen Knecht, der ihm entgegentrat, erschoß. Dafür wurde ihm in Hamburg der Prozeß gemacht, und der Magister Timotheus Lange, der in der Stadt der Prädikant für die Gefangenen geworden war, mußte seinen alten Bekannten auf den Tod am Galgen vorbereiten. Er tat es nicht gern, denn er war mehr für die Gnade als für die Strafe; aber die Hamburger Ratsherren waren nicht so mitleidig wie er, wozu sie auch allen Grund hatten.

Denn die Obrigkeit ist dazu da, das Recht zu wahren und das Unrecht zu strafen, und so wanderte eines Tages der Wachtmeister im Armsünderhemd zum Galgen, und Timotheus Lange ging neben ihm und betete für ihn. Er stand auch neben ihm, als ihm der Strick um den Hals gelegt wurde, und sagte nachher zu Frau Jutta, daß das letzte Wort des armen Sünders ein gutes und christliches gewesen wäre. Wozu Frau Hanekamp zufrieden nickte. Denn sie hatte nichts mit den dänischen Dragonern im Sinn, die ihr den Hof ausgeraubt und ihren Gottfried mitgenommen hatten. Zwar war ihr Sohn wohl aus freien Stücken ein Kriegsmann geworden und stand jetzt als Fahnenjunker in Kopenhagen; aber wer weiß, wie's gegangen wäre, wenn damals die Dragoner nicht gekommen wären. Diesen ersten waren nämlich täglich andre gefolgt, und es war ein Glück, daß Ohm Hanekamp sein Haus in Hamburg als Zufluchtsstätte anbot. Auf dem Hofe hätte die Frau mit ihrem zweiten Sohne nicht bleiben können, ohne selbst in arge Gefahr zu geraten. Denn grade in den letzten Kriegsjahren steckte das ganze Elbufer voll von räuberischen Soldaten, die sich nach dem Friedensschluß nur langsam entfernten.

Mit schwerem Herzen war Frau Jutta damals nach Hamburg gezogen und fand sich mühsam in das Leben einer engen Straße, grade wie ihr Konrad, der zuerst nur weinte und wieder davonlaufen wollte. Bis er sich allmählich daran gewöhnte, städtische Kleidung zu tragen; und jetzt war er ein Kaufmannslehrling, der auf die Bauern draußen im Lande etwas spöttisch herabsah. Ganz anders wie Burga, die äußerlich eine frische Jungfrau geworden war, die nähen, spinnen, kochen konnte und beim Magister Timotheus sogar Latein lernte. Wer sie eifrig im Hause hantieren oder über die Straße, gefolgt von ihrem großen Hund, gehen sah, der würde nicht auf den Gedanken gekommen sein, daß sie oft oben auf dem Boden des hohen spitzen Hauses in der Domstraße stand und gen Westen blickte. Dorthin, wo das weite Land lag, die Dörfer Altona und Ottensen, wo der Tannenwald stand und wo einst die Wölfe hausten. Denn sie hatte noch immer nicht vergessen, daß sie einst ein Lagerkind war, und sehnte sich nach weiten Feldern und der Freiheit.

Aber dazumal ging man noch immer nicht weit von der sicheren Stadt, und es war ein großes Ereignis, als der alte Ohm Hanekamp an einem schönen Sommertage mit dem Leiterwagen des Fuhrmanns Heesch über Altona und Ottensen nach dem Hanekamphof fuhr. Denn der Hof gehörte noch immer Frau Jutta, und sie mußte sich einmal um ihn bekümmern.

Es war wunderlich, einmal wieder die Straße zu fahren, die niemand von ihnen wieder gewandert war, seitdem die Dragoner mit Herrn Hanekamp und Gottfried nach Altona reiten wollten und dabei ihr Leben lassen mußten. Nun sah es hier anders aus. Das Dorf Altona, durch das die Reisenden zuerst fuhren, machte schon einen städtischen Eindruck: eine Kirche wurde gebaut, und Herr Hanekamp hatte gehört, daß der dänische König dem Ort die Stadtgerechtigkeit verleihen wollte. Einige stattliche Häuser waren in den letzten Jahren errichtet worden, und auf dem Marktplatz stand ein großes Haus mit einer Schildwache davor. Hier wohnte der Rittmeister von Rantzau, der die Schwadron Dragoner kommandierte. Fuhrmann Heesch, der aus Altona war, berichtete es, während er gemächlich durch die Gassen fuhr und vorsichtig allen Düngerhaufen auswich, die vor den Häusern lagen und auf denen heute lustig die Hühner scharrten.

Burga betrachtete aufmerksam das Gebäude, aber als Frau Jutta sie ansah, wandte sie errötend den Kopf. Sie sprach niemals mehr von dem Namen, der auf ihrem Arm eingeschrieben war. In Hamburg nannte man sie Walburga Hanekamp, und mit diesem Namen gab sie sich zufrieden.

Fuhrmann Heesch mußte vorm Torhaus in Altona einige Zeit warten, da er verschiedene Waren hinaus nach Wedel nehmen sollte, das heute sein Endziel war. Da berichtete er denn noch einmal von dem Rittmeister Rantzau. Bei ihm wohnte seine Mutter, die gestrenge Frau von Rantzau, und der Fuhrmann war im vorigen Jahr nach der Stadt Schleswig gefahren, um ihren Hausrat zu holen. Die Edelfrau hatte nicht viel Hab und Gut: ihr Schloß war ehemals von den Kaiserlichen niedergebrannt worden, und alle guten Sachen waren geraubt oder verbrannt. Aber die gestrenge Frau sollte niemals geklagt, sondern sich in Gottes Ratschlag gefügt haben. Nur, sie konnte nicht gut kleine Mädchen sehen, ohne zu weinen. Ihr sollte nämlich ein Töchterlein geraubt sein, und sie wußte heute noch nicht, ob es lebte oder lange im Grabe ruhte.

So schwatzte der Fuhrmann, dann wurde ihm ein Ballen mit Waren auf den Wagen gelegt, und er fuhr weiter. Bei seinen Reden war Herr Jobst eingeschlafen, wie er immer tat, wenn er fuhr, und Konrad flüsterte mit seiner Mutter, weil er sich ein neues Samtwams wünschte. Nächstens gab es ein großes Schützenfest, und er wollte einen eben so schönen Rock haben wie seine Genossen.

So also hatte Burga wohl ganz allein dem Fuhrmann zugehört und saß nachher lange schweigend, während die andern allmählich die Gegend erkannten und sich lebhaft unterhielten. Herr Hanekamp, der aufgewacht war, wollte den Hof am liebsten verkauft sehen, während Frau Jutta sich nicht dazu entschließen konnte. Wie sie aber nun an einer Wegbiegung ausstiegen und nach etlichen Schritten vor einigen verbrannten Grundmauern standen, aus denen bei ihrer Annäherung ein Fuchs lief, da standen sie schweigend. Der Hanekamphof mochte noch gutes Land haben, aber seine Gebäude waren verschwunden. Dort, wo die Kuh ihren Stall hatte, wuchs ein großer Dornbusch, und wo einst die Hühner glucksten und Eier legten, hatten wilde Kaninchen ihre Gänge gegraben.

Frau Jutta wischte sich die Tränen aus den Augen, und sogar Konrad vergaß sein neues Wams und seufzte. Dann redete Herr Hanekamp darüber, wer wohl das Grundstück kaufen möchte, und Burga ging unterdessen durch eine halbzerstörte Tannenschonung der Elbe zu.

Einen Augenblick blieb sie stehen und sah dem Fuhrmann zu, der hier seine Pferde ruhen ließ, ehe er weiter nach Wedel fuhr, um dann gegen Abend die Hamburger wieder abzuholen. Aus einer Quelle in der Nähe holte er Wasser, das er den Tieren vorsetzte, und brockte grobes Brot hinein. Behaglich stand er, biß in ein Stück Speck, das er sich mitgebracht hatte, und setzte sich einen Augenblick auf den weichen Waldboden um auszuruhen. Er sah Burga nicht, und sie hatte keine Lust, mit ihm wieder ein Gespräch zu beginnen, als sie die Zweige des Unterholzes sich biegen sah und ein alter Mann vorsichtig herankroch. Er hatte wilde graue Haare und war mit schmutzigen Lumpen bedeckt. Eben richtete er sich auf, um dann zum Wagen zu gehen und einen Ballen Ware herabzulangen, als Burga eine unwillkürliche Bewegung machte. Der Strauchdieb mußte gute Ohren haben: er sah sich um, bemerkte das junge Mädchen und war gleich wieder im Busch verschwunden.

Burga weckte den Fuhrmann, der sich grade zum Schlafen legen wollte und nun brummend aufstand, seine Waren zählte und einige Flüche ausstieß, daß ein ordentlicher Mann nicht einmal jetzt, wo doch Friede war, im Freien schlafen könnte. Er bedankte sich auch nicht und setzte sich auf den Wagen, um weiter zu fahren.

Langsam rasselte der Wagen davon, und Burga ging weiter an die Elbe. Es fiel ihr nicht ein, daß sie besser täte, wieder nach dem Hof zu gehen, wo Frau Jutta den Korb mit den Lebensmitteln auspackte und man sich zum Essen sammeln sollte: sie stand oben auf einer der Dünen und blickte auf den großen Fluß, den sie jetzt so gut kannte. Breit und majestätisch floß der Strom dahin, an dem gegenüberliegenden Ufer schaukelten einige Fischerewer, und in der Mitte des Stromes ging ein Hamburger Schiff hinaus. Es hatte glänzend weiße Segel, und einige Kanonen blitzten in der Sonne. Draußen in der Nordsee gabs noch immer Seeräuber, und manchmal kamen sie in die Elbe, um die Fischerdörfer auszuplündern. Da war es gut, daß die Hamburger für Ordnung sorgten.

»Guten Tag, Burga!« sagte eine Stimme hinter ihr, und der Strauchdieb von vorhin schob sich neben sie.

»Wer bist du?« fragte das junge Mädchen erstaunt, und der Alte schnitt ein klägliches Gesicht.

»Wie, du kennst den roten Michel nicht mehr? Sind wir denn nicht zusammen beim Troß gewesen, und hab ich nicht manchmal für dich gesorgt? Weißt du noch, wie die Dänen mich gefangen nahmen und meine Freunde kamen und sie tot schossen?«

»Ich war nicht dabei!« entgegnete Burga, die den Roten erkannte, obgleich er nicht mehr rot, sondern grau war, und obgleich er schlimmer aussah als jemals.

»Du warst nicht dabei?« Michel besann sich einen Augenblick. »Nun ja, dann wirst du aber davon gehört haben. Die Dänen sind nachher höllisch aufgeregt gewesen, und ein paar von meinen Freunden haben auch ins Gras beißen müssen!«

»Das glaube ich wohl. Ihr seid schreckliche Menschen gewesen!«

»Schreckliche Menschen?«

Michel sah sie vorwurfsvoll an.

»Wir waren oft viel besser als die Soldaten und haben treu zu einander gehalten, obgleich ich natürlich die andern lieber hängen sah als mich! Ich merke schon, du bist eine vornehme Krämerstochter geworden, was sich nicht für dich schickt. Und Haare hast du so lang bekommen, wie es sich nicht für ein Lagerkind paßt, und eine Haut wie Milch und Blut. Auch das ist ungesund, Burga, und daß du mich störst, wo ich dem Fuhrmann ein paar Waren nehmen will, die ihm doch nicht gehören, ist gradezu unrecht. Seitdem der dumme Friede da ist, hat man wirklich keine Freude mehr vom Leben. In jeder Stadt stehen Galgen, und die Soldaten tun, als dürfte man garnichts mehr nehmen. Es ist eine böse Zeit, Burga, und wenn du noch einmal merkst, daß ich mir ein wenig nehmen will, dann sieh weg und mache nicht so große Augen wie vorhin!«

»Du solltest ehrlich werden, Michel!« sagte Burga. Ihr Gesicht war mitleidig geworden, und halbwegs freute sie sich, den alten Genossen wieder zu sehen.

Michel mußte ihre Gedanken merken, denn er stöhnte tief.

»Ja, Burga, du hast gut reden. Wenn ich ehrlich werden will, dann soll ich natürlich gleich arbeiten, und daran bin ich wirklich nicht mehr gewöhnt, und ich kann es auch nicht vertragen. Ich muß meine Freiheit haben und ein wenig Abwechslung. Hier einmal einbrechen, und dort ein paar Hühner oder Gänse nehmen, ist viel lustiger, als immer ehrlich sein!«

»Du siehst aber nicht sehr lustig aus!« meinte Burga, und Michel betrachtete seine Lumpen, seine nackten, schmutzigen Füße und kratzte seinen wilden grauen Kopf.

»Ich bin nicht für Feinheit wie die Krämer, und Wasser an den Körper ist grade so ungesund, als wenn man es sich in den Leib gießt. Im Augenblick sind die Zeiten grade sehr schlecht, und daher sehe ich nicht ganz ordentlich aus. Aber wenn du mir sagen kannst, wo ich vielleicht einen reichen Krämer treffe, dem ich seine Kleider nehmen kann, dann will ich dir dankbar sein. Damals hast du mir mit deinem wütenden Hund einen üblen Streich gespielt, und den mußt du nun wieder gut machen!«

»Burga, Burga!« Konrads Stimme hallte durch den Wald, und der einstmals rote Michel fuhr zusammen.

»Kann man denn nicht einmal ordentlich mit dir sprechen?« murrte er. »Ich wollte dir noch etwas erzählen!« Aber als die Rufe näher kamen, verschwand er im Unterholz, und als Konrad neben Burga trat, stand sie allein und sah auf die Elbe. Der junge Mann schalt, daß er sie so lange hätte suchen müssen und daß es hier doch wohl nicht ganz geheuer wäre. Er dachte jedoch kaum mehr an die Wölfe, die einstmals hier gehaust hatten; er sah den großen Schiffen nach und erklärte, daß auch er in die weite Welt reisen wollte. Jetzt aber müßte Burga nach der alten Hofstelle kommen und ihr Essen einnehmen.

So also saß Burga nachher bei den Hanekamps, versuchte zu essen und konnte es nicht. Die andern beachteten sie nicht. Herr Hanekamp sprach wieder davon, daß es wohl besser wäre, die Ländereien zu verkaufen, und Konrad erklärte, daß ihm alles einerlei wäre, da er doch niemals wieder hier draußen in der Wildnis wohnen würde. Nach einigen Stunden kam dann der Fuhrmann wieder, und alle fuhren nach Hamburg. Der Wagen rasselte, die Pferde schnoben, und jedermann hing seinen eignen Gedanken nach. Herr Jobst dachte an sein Geschäft, Konrad sah sich schon auf einem großen Schiffe, Frau Jutta gedachte der Zeit, da sie auf dem Hanekamphof wohnen und ihre zwei Jungen haben durfte, und Burga hatte die Augen geschlossen und sah wie im Traume eine brennende Burg, hörte das Klappern der Hufe und wilde Schreie. Und dann wieder war alles vorüber: eine weiche Hand strich ihr übers Haar, und eine milde Stimme sprach: »Von Erd bin ich gekommen, zur Erde werd ich kommen. Herr Christe tu mir weisen den Weg zum Paradeisen!« Und sie sehnte sich, und wußte nicht, wonach.


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