ERSTES KAPITEL
 
Vom Wörtervorrat

Die bisher angegebenen stilistischen Regeln[1] sind zwar für die Theorie unentbehrlich, tragen aber zur wirklichen Beredsamkeit wenig bei, wenn nicht jene sichere Gewandtheit hinzukommt, welche bei den Griechen ἕξιϛ heißt; ob wir diese nun in höherem Grade durch Schreiben, durch Lektüre oder durch Übung im Reden erreichen, ist, wie ich weiß, noch eine offene Frage, mit welcher wir uns eingehender zu beschäftigen hätten, wenn wir uns mit einem von diesen drei Dingen begnügen könnten. Allein sie sind alle so unzertrennlich miteinander verwachsen, daß man sich vergeblich in einem bemüht, wenn man die anderen unberücksichtigt läßt. Denn die Beredsamkeit wird weder Festigkeit noch Kraft besitzen, wenn sie nicht durch Übung im Schreiben erstarkt ist, und ohne das Vorbild der Lektüre wird wiederum jene Arbeit der rechten Ausbildung entbehren [2]. Wer aber Stoff und Form der Beredsamkeit beherrscht, die Worte jedoch nicht für alle Fälle in Bereitschaft hat, macht sich zum Wächter toter Schätze[3]. Nun wird jedoch manches – trotz seiner Notwendigkeit – für den Redner nicht gleich von vornherein große Bedeutung haben. Denn da des Redners[4] Beschäftigung im Sprechen besteht, so ist Gewandtheit hierin offenbar durchaus erforderlich und hiermit zu beginnen, darauf folgt dann die Nachahmung und endlich fleißige Beschäftigung mit Schreiben. Wie man aber einerseits die höchste Vollendung nur durch Anfangen von unten erreichen kann, so erscheint andererseits dem schon weiter Fortgeschrittenen der Anfang bereits recht unbedeutend. Wir aber führen hier nicht aus, wie der künftige Redner zu bilden ist – worüber wir schon hinlänglich oder doch so gut, wie es uns möglich war, geschrieben haben[5] –, wir haben es vielmehr mit der Frage zu tun, wie der Athlet, welcher von dem Lehrer schon durch alle Stufen hindurchgeführt ist, zum Kampfe vorbereitet werden muß. Wir wollen also einen Schüler unterrichten, welcher mit der Auffindung und Disposition des Stoffes bereits vertraut ist und sich mit der Wahl des Ausdrucks, sowie mit der Wortstellung hinreichend beschäftigt hat; dieser soll jetzt erfahren, wie das von ihm Gelernte auf die leichteste Art anzuwenden ist.

Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß sich der Schüler gleichsam Schätze sammeln muß, die er nach Belieben verwenden kann; diese bestehen aber in dem gehörigen Vorrat von Worten und Gedanken. Die Gedanken sind aber in jedem einzelnen Falle verschieden oder doch nur in wenigen Fällen gleich, die Worte muß er für alle in Bereitschaft haben. Wenn nun nur ganz bestimmte Worte zur Bezeichnung der einzelnen Gegenstände verwendet würden, so würde hierdurch die Arbeit sehr vereinfacht, denn die Worte würden sich dann zugleich mit den Gegenständen aufdrängen. Da aber bei verschiedener Gruppierung des Inhalts bald diese, bald jene Ausdrücke treffender oder glänzender oder wirkungsvoller oder wohlklingender erscheinen, so müssen dieselben nicht allein in vollem Umfang bekannt, sondern auch stets in Bereitschaft sein und dem Redner gleichsam vor Augen stehen, so daß er sie urteilend mustern und ihrem Werte entsprechend auswählen kann. Ich kenne Leute, welche alle gleichbedeutenden Redewendungen auswendig zu lernen pflegten, damit ihnen sofort von der ganzen Fülle eine zur Hand sei, und welche dann, sobald sie eine davon angewendet hatten, um die Wiederholung zu vermeiden, eine andere gleichbedeutende Wendung wählten, wenn kurz darauf ein ähnlicher Ausdruck notwendig war. Das ist knabenhaft und erfordert unfruchtbaren Kraftaufwand, ja es ist nicht einmal von Nutzen: man häuft so eine Menge auf, von der man dann ohne Urteil das erste beste wählt. Wir aber müssen uns einen Vorrat mit Urteil anschaffen, indem wir künftige rednerische Tüchtigkeit, nicht marktschreierische Gewandtheit im Auge haben. Dies werden wir dadurch erreichen, daß wir die besten Schriftsteller lesen und hören. Durch ein derartiges Studium lernen wir nicht nur, die Gegenstände zu bezeichnen, wir erfahren auch, welche Bezeichnung in jedem einzelnen Falle die beste ist. Denn fast alle Worte – einige wenige, welche das Schamgefühl verletzen, ausgenommen – lassen sich in der Rede anwenden. Denn wenn die Jambendichter[6] und die Dichter der alten Komödie [7] auch bei Anwendung solcher Ausdrücke sich Ruhm erworben haben, so genügt es uns, uns auf unser Fach zu beschränken. Alle Worte, mit Ausnahme der genannten, sind irgendwo ganz besonders gut verwendbar. Denn oft muß man auch gewöhnliche und volkstümliche gebrauchen; was nämlich an glänzenden Stellen durch seinen unreinen Klang verletzen würde, erscheint, wo es am Platze ist, als treffend. Um darüber ein Urteil zu gewinnen und nicht allein die Bedeutung der Worte kennenzulernen, sondern auch ihre Flexionen und Quantität der Silben, so daß wir sie überall nur an passenden Stellen anwenden, dazu müssen wir viel lesen und viel hören, wie wir ja durch das Hören von Anfang an die Sprache gelernt haben. Daher haben auch Kinder, welche auf Befehl irgendeines Königs von stummen Ammen in der Einsamkeit erzogen wurden[8], zwar einzelne Laute ausgestoßen, zusammenhängend aber nicht gesprochen.

Es gibt aber auch andersgeartete Ausdrücke, welche trotz der Verschiedenheit der Laute ein und dasselbe bezeichnen, ohne daß im Gebrauch ein Unterschied der Bedeutung fühlbar wäre, wie die beiden Ausdrücke für Schwert (ensis und gladius), andere wieder bezeichnen im eigentlichen Sinne allerdings etwas Verschiedenes, übertragen haben sie jedoch die gleiche Bedeutung, so die beiden Ausdrücke ferrum und mucro (Eisen und Spitze). Nennen wir doch mißbräuchlicherweise „Erdolcher” (sicarii) auch alle diejenigen, welche mit einer beliebigen andern Waffe einen Mord vollbracht haben. Andere Bezeichnungen gewinnen wir durch Umschreibung mit mehreren Worten. Hierher gehört pressi copia lactis, eine „Menge gepreßter Milch” (für „Butter”)[9]. Eine große Mannigfaltigkeit des Ausdrucks erhalten wir jedoch hauptsächlich durch Umgestaltungen wie scio „ich weiß”, non ignoro „ich weiß wohl”, non me fugit oder non me practerit „es entgeht mir nicht”, quis nescit? „wer weiß nicht?”, nemini dubium est „es ist keinem zweifelhaft”. Aber auch von dem Nächstliegenden kann man entlehnen. Denn intellego, sentio, video („ich verstehe, erkenne, sehe ein”) sagen oft dasselbe wie scio („ich weiß”). Reiche Fülle an solchen Ausdrücken wird uns die Lektüre geben, so daß wir dieselben nicht, wie sie uns einfallen, sondern wie es der Sinn erfordert, anwenden. Denn nicht immer haben diese Wendungen dieselbe Bedeutung, und wie ich von einer Wahrnehmung des Geistes nicht richtig sage: video „ich sehe”, so von einer sinnlichen Wahrnehmung nicht richtig: intellego „ich sehe ein”, und wie einerseits mucro „die Spitze” zu dem Begriffe gladius „das Schwert” gehört, so nicht auch andererseits „Schwert” zu dem Begriffe „Spitze”. —

Aber macht man sich auch auf diese Weise eine Menge von Ausdrücken zu eigen, so muß man doch nicht nur, um seine Wortkenntnis zu erweitern, lesen oder Zuhörer sein. Denn in allen Fächern, welche wir lehren, sind Beispiele weit wirksamer als die aufgestellten Kunstregeln, sobald der Schüler so weit gekommen ist, daß er die Beispiele ohne ein Fingerzeichen auffassen und aus eigenen Kräften befolgen kann: denn worauf der Lehrer der Beredsamkeit nur hinweisen kann, das offenbart der Redner.

Bald fühlen wir uns beim Lesen, bald beim Hören mehr angeregt. Der Redner wirkt auf unser Gemüt schon durch den lebendigen Hauch[10], durch seinen Geist, er reißt uns hin, nicht durch das Bild von einem Gegenstand, sondern durch den Gegenstand selbst. Alles hat Leben und Bewegung; das gleichsam erst Entstehende hören wir mit wachsender Teilnahme. Nicht nur der Ausgang eines Prozesses, auch die Person des Redners flößt uns Interesse ein. Dazu kommt die Aussprache, die angemessenen Bewegungen, ein den Anforderungen jeder Stelle entsprechender Vortrag – wohl das Wichtigste, alles dies ist zum Lehren in gleicher Weise geeignet.

Hingegen ist beim Lesen das Urteil weit sicherer, da es beim Hören öfter von der persönlichen Zuneigung und dem Geschrei der Menge beeinflußt wird. Eine geheime Scheu warnt uns vor zu großem Selbstvertrauen, wenn gleichzeitig selbst Fehlerhaftes der großen Menge gefällt, und die Zuhörer auch das, was ihnen mißfällt, loben. Freilich kann auch das Gegenteil eintreten, daß nämlich ein verkehrtes Urteil auch den besten Reden nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt. Von solchen Einflüssen ist das Lesen frei und nicht, wie die Gerichtsrede, rasch vorüberrauschend, im Gegenteil läßt dasselbe eine häufigere Wiederholung zu, sei es, daß man über den Inhalt eines Werkes noch zweifelhaft ist, oder es dem Gedächtnis fester einprägen will. Ich gebe aber den Rat, das Gelesene immer und immer wieder gründlich zu behandeln; denn wie wir Speisen erst kauen und mit Speichel anfeuchten, bevor wir sie hinunterschlucken, damit sie besser verdaut werden, so soll das Gelesene nicht im rohen Zustande, sondern erst, nachdem es durch häufiges Wiederholen seine Sprödigkeit vollständig verloren hat, dem Gedächtnis zur Nachahmung eingeprägt werden.

Lange Zeit nun dürfen nur die besten Schriftsteller, welche das ihnen geschenkte Vertrauen am wenigsten täuschen, gelesen werden, und zwar muß dies mit Genauigkeit und einer sich bis auf den Buchstaben erstreckenden Sorgfalt geschehen: mit einem Durchstöbern einzelner Teile ist nichts getan, sondern das von uns gelesene Buch ist wieder ganz von vorn anzufangen, besonders wenn es sich um eine Rede handelt, deren Vorzüge häufig mit Absicht verborgen gelassen werden. Denn oft bereitet der Redner vor, verbirgt seine Ansicht, lauert auf und, was erst in der Mitte seine Wirkung tun soll, bringt er im ersten Teile vor. So gefällt es uns an seinem Platze nicht sonderlich, solange wir noch nicht wissen, warum es gesagt ist. Wir müssen es daher wiederholen, nachdem wir von allem Kenntnis genommen haben. Es ist aber von größtem Nutzen, die Prozesse zu kennen, wenn wir die zugehörigen Reden in der Hand haben, und womöglich die Gerichtsreden von beiden Parteien zu lesen: so die gegnerischen Reden von Demosthenes und Äschines[11], so die Reden des Servius Sulpicius und des Messalla[12], von denen der eine für die Aufidia, der andere gegen sie gesprochen hat, so die des Pollio und des Cassius bei Gelegenheit der Anklage des Asprenas[13] und sonst viele. Ja, wenn beide auch keineswegs von gleichem Werte sind, so wird man doch von ihnen Kenntnis nehmen müssen, um den Prozeß kennenzulernen: so ist gegen Ciceros Reden[14] die des Tubero gegen Ligarius und die des Hortensius für Verres zu halten. Auch wird man mit Nutzen untersuchen, wie verschiedene Leute den gleichen Prozeß geführt haben. So hat über das Haus Ciceros Calidius[15] gesprochen, und Brutus für Milo eine Rede zur Übung verfaßt, wenn auch Cornelius Celsus[16] irrigerweise annimmt, er habe sie auch gehalten. Pollio und Messalla haben dieselben Personen verteidigt, und in meiner Jugend waren glänzende Reden von Domitius Afer[17], Crispus Passienus[18] und Decimus Lälius[19] für Volusenus Catulus[20] im Umlauf.

Auch soll man beim Lesen nicht von vornherein der Überzeugung sein, daß alles, was die hervorragendsten Schriftsteller gesagt haben, unter allen Umständen vollkommen sei. Auch sie straucheln ab und zu, sie erliegen der Last, sie zeigen sich nachgiebig gegen die Willkür ihres Genies, auch sie sind nicht immer in voller Anspannung und werden müde; scheint doch dem Cicero[21] ein Demosthenes und dem Horaz selbst sogar Homer manchmal zu schlafen. Denn, wie hoch sie auch stehen, sie sind doch Menschen, und denjenigen, welche in jedem ihrer Worte das Gesetz der Beredsamkeit ausgedrückt finden, passiert es gar oft, daß sie die schwächeren Partien nachahmen (das ist nämlich leichter) und die höchste Stufe der Ähnlichkeit erreicht zu haben glauben, wenn sie den Großen ihre Fehler abgesehen haben. Gleichwohl muß man ein Urteil über so große Männer in bescheidener und besonnener Weise aussprechen, um nicht – was so häufig geschieht – das zu tadeln, was man nicht versteht. Und wenn man einmal nach einer Seite hin irren muß, dann möchte ich noch lieber, daß ihren Lesern alles gefalle, als daß ihnen vieles mißfalle.

Von höchstem Nutzen für den Redner, behauptet Theophrast[22], sei das Lesen der Dichter, ein Urteil, dem sich viele anschließen. Und das mit Recht. Denn bei ihnen kann man den hohen Gedankenflug, Erhabenheit im Ausdruck, mannigfache Bewegung im Affekte und angemessene Behandlung der Charaktere erwerben. Besonders sind es die durch tägliche Anwaltstätigkeit auf dem Forum abgenutzten Talente, welche durch die Süßigkeit der Poesie ihre Frische wiederfinden, und das ist der Grund, weshalb Cicero meint[23], man müsse in dem Lesen der Dichter Erholung suchen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, daß der Redner nicht in allen Stücken dem Dichter folgen darf, nicht in der freien Wahl der Worte und der Ungebundenheit der Konstruktionen. Die Poesie ist der Darstellung des schönen Scheins gewidmet, und sie hat – abgesehen davon, daß sie nur dem Genusse dient und diesem Ziele zustrebt, indem sie Nichtwirkliches, ja sogar Nichtglaubliches darstellt – auch darin einen besonderen Schutz, daß sie, gebunden an die Gesetze der Metrik, nicht immer den treffendsten Ausdruck benutzen kann, sondern gezwungen ist, von dem geraden Wege abweichend auf gewisse Auswege im Ausdruck zu verfallen, wobei nicht allein einzelne Worte mit anderen vertauscht werden müssen, sondern auch Verlängerungen, Verkürzungen, Umstellungen und Teilungen einzutreten haben. Doch wir (Redner) müssen kampfgerüstet im Felde stehen, über die wichtigsten Dinge entscheiden und nach dem Siege streben. Dann dürfen freilich die Waffen durch langes Liegen und Rosten nicht leiden, sondern sie müssen einen schreckenverbreitenden Glanz haben, wie es der des blinkenden Stahles ist, welcher Sinn und Auge blendet, nicht wie es der des Goldes und Silbers ist, welcher – unkriegerisch, wie er ist – dem Besitzer eher Schaden als Nutzen bringt.

Auch die Geschichtswerke, wie sie in breitem, erfreulichem Strom dahinfließen, können dem Redner Nahrung zuführen; allein auch sie muß man mit dem Bewußtsein lesen, daß die meisten ihrer Vorzüge für den Redner Fehler bedeuten. Denn die Geschichte steht der Poesie[24] sehr nahe, und was sie bietet, ist gewissermaßen ein Gedicht in ungebundener Sprache, ihr Zweck ist Erzählung, nicht aber Beweise zu geben, und ihr ganzes Ziel richtet sich nicht auf gerichtliche Tätigkeit oder auf eine Kampfbereitschaft für den Augenblick, sondern ihre Werke werden verfaßt der Nachwelt zum Gedächtnis, dem Verfasser zum Ruhm. Deshalb muß sie durch seltenere Ausdrücke und freiere Konstruktionen Abwechslung in die Darstellung zu bringen suchen. Daher müssen wir (die Redner) dem Richter gegenüber, der von vielerlei Gedanken eingenommen und häufig auch ungebildet ist, nicht, wie gesagt[25], nach der Kürze des Sallust greifen, die dem Ohre des unbeschäftigten und gebildeten Zuhörers in so hohem Grade vollkommen erscheint, ebensowenig wird der Richter, dem es nicht sowohl auf den Glanz der Darstellung als auf die Zuverlässigkeit des Gesagten ankommt, bei einem Redner von der reinen, gesunden Fülle des Livius hinreichend Aufklärung finden. Deshalb hält M. Tullius[26] nicht einmal Thukydides oder Xenophon zur Ausbildung des Redners für nützlich, obwohl er von dem einen sagt, daß er „die Kriegstrompete blase”, von dem andern, daß „die Musen durch seinen Mund gesprochen hätten”. Gleichwohl dürfen wir bei Abschweifungen auch diesen der Geschichtschreibung eigenen Glanz anwenden, nur müssen wir wohl im Gedächtnis haben, daß wir für unsere Gerichtsreden nicht Athletenmuskeln, sondern Soldatenarme brauchen, und wir dürfen nicht meinen, daß das bunte Gewand, dessen Demetrius aus Phaleron sich, wie man sagt, bediente, in dem Staub des Forums wohl angebracht sei. Noch in anderer Beziehung kann man Nutzen, der gar nicht unbedeutend ist, aus der Lektüre der Historiker ziehen – das gehört allerdings nicht hierher –, nämlich indem man Kenntnis der Tatsachen und Beispiele erhält, mit denen der Redner hauptsächlich ausgestattet sein muß, damit er in seinen Zeugnissen nicht auf den Prozeßführenden angewiesen ist, sondern die Hauptmenge derselben mit sorgfältiger Auswahl dem Altertum entnehmen kann; diese eignen sich um so besser dazu, als sie von dem Vorwurf der Parteilichkeit frei sind.

Wenn aber die Redner von der Lektüre der Philosophen vielfach abhängig waren, so geschah das zu ihrem Schaden, da sie jenen doch selbst in den besten Teilen ihrer Reden nachstanden. Denn über das Rechte, Gute und Nützliche und die entgegengesetzten Begriffe reden sie hauptsächlich, auch sind ihre Beweisführungen scharf, und in Rede und Gegenrede können die Sokratiker[27] den künftigen Redner vorzüglich bilden; aber auch für sie gilt das gleiche Urteil. Wir müssen uns nämlich darüber klar sein, daß selbst, wenn wir über die gleichen Gegenstände sprechen, ein großer Unterschied zwischen Gerichtsrede und wissenschaftlicher Untersuchung, zwischen Forum und Hörsaal, Prozeß und gelehrter Vorschrift besteht.

Da wir nun der Meinung sind, daß ein so großer Nutzen in der Lektüre liege, so werden, glaube ich, die meisten fordern, daß wir auch das in unser Werk aufnehmen, welche Schriftsteller gelesen werden sollen, und worin der besondere Vorzug der einzelnen Autoren besteht. Aber jeden für sich zu behandeln, würde eine Arbeit von endloser Ausdehnung sein. Wenn nämlich M. Tullius im Brutus in so viel tausend Zeilen nur über die römischen Redner spricht und dennoch über alle seiner Zeit angehörige, mit denen zusammen er lebte, mit Ausnahme des Cäsar und Marcellus[28] Stillschweigen beobachtet, wo wird da ein Ende zu finden sein, wenn ich jene und die, welche später gelebt haben, und sämtliche Griechen durchgehe? Daher war jene kurze Anweisung, welche sich in dem Briefe des Livius an seinen Sohn findet[29], die kürzeste und sicherste: nämlich man solle Demosthenes und Cicero lesen und die anderen, je nachdem sie Demosthenes oder Cicero ähnlich wären. Das ist zweifellos die Quintessenz auch unseres Urteils. Denn nur wenige oder vielmehr kaum einer von denen, welche aus dem Altertum zu uns herübergerettet sind, wird sich finden, der mit richtigem Urteil gelesen nicht einigen Nutzen bringen wird; wie denn auch Cicero bekennt, von jenen Schriftstellern des Altertums, die bei all ihrem Geist der Kunst entbehren, sehr viel gelernt zu haben. Und nicht viel anders urteile ich über die neueren. Denn wer hofft nicht, wenn auch nur für den kleinsten Teil seines Werkes, ein Gedenken der Nachwelt? Sollte es wirklich einen solchen geben, so werden wir ihn gleich bei der Lektüre der ersten Zeilen erkennen und ihn dann so rasch aus der Hand legen, daß uns das Experiment keinen großen Zeitverlust kostet. Aber nicht das, was für einen beliebigen Teil unserer Wissenschaft Bedeutung hat, ist in gleicher Weise auch zur Bildung des rednerischen Ausdrucks, wovon wir hier sprechen, geeignet.

Bevor wir uns jedoch auf das einzelne einlassen, müssen wir erst einiges Allgemeine über die verschiedenen Ansichten vorausschicken. Einige nämlich meinen, daß man nur die Alten lesen müsse, und urteilen, daß in allen anderen nicht die natürliche Beredsamkeit und männliche Kraft sei; andere entzückt das Pikante und Üppige des Modernen und die Kunst, mit der sie die Lust der unerfahrenen Menge zu erregen wissen. Auch von denen, welche den rechten Weg zur Beredsamkeit verfolgen wollen, halten die einen nur das Knappe und Dürftige und der Verkehrssprache Nahestehende für das Gesunde und in Wahrheit Attische, während andere für einen höheren Geistesflug und für eine erregtere, geistvollere Schreibweise eingenommen sind; auch gibt es nicht wenige Liebhaber des milden, glänzenden und blühenden Stils. Über diesen Unterschied will ich ausführlicher reden, wenn ich die Schreibweise untersuchen werde; unterdessen will ich in großen Zügen andeuten, welche Lektüre diejenigen wählen müssen, welche sich eine sichere Fähigkeit in der Redekunst erwerben wollen; einige nämlich – und gerade die hervorragendsten – will ich herausgreifen. Es ist dann für die aufmerksamen Leser leicht zu beurteilen, welche den von mir genannten am nächsten stehen; es möge sich daher keiner beklagen, daß ich vielleicht einige übergangen habe, die seinen besonderen Beifall finden; denn das gebe ich zu, daß eine größere Anzahl gelesen werden muß, wie ich nennen werde. Jetzt will ich aber die verschiedenen Arten der Lektüre durchgehen, die ich für die, welche sich dem Rednerberuf widmen wollen, für nützlich halte.

Wie also Aratus[30] mit Jupiter anfangen zu müssen glaubt, so werden wir geziemend mit Homer beginnen. Denn wie dieser selbst sagt, daß dem Ozean aller Flüsse und Quellen Lauf entspringe [31], so ist er Muster und Ursprung für alle Arten der Beredsamkeit. Ihn dürfte niemand in Behandlung eines bedeutenden Stoffes durch Erhabenheit, der Schilderung alltäglicher Vorgänge durch Schlichtheit des Ausdrucks übertreffen. Er ist zugleich blühend und kurz, lieblich und ernst, bald durch seine Fülle, bald durch seine Kürze bewundernswert und nicht nur als Dichter, sondern auch als Redner hervorragend. Denn um hier über diejenigen seiner Reden, welche Worte des Lobes, der Ermahnung, des Trostes enthalten, zu schweigen: entwickelt nicht das neunte Buch, welches die Gesandtschaft an Achilles enthält, oder der in dem ersten Buche erzählte Streit der Führer oder die im Rate gehaltenen Reden des zweiten Buches alle Kunstregeln, die in Prozessen und Ratsversammlungen angewendet werden? Daß dieser Dichter milde und erregte Leidenschaften in seiner Hand gehabt habe, wird auch der Ungebildetste nicht leugnen. Weiter, hat er nicht in dem Eingang seiner beiden Werke in wenigen Versen das für Anfänge gültige Gesetz, ich sage nicht beobachtet, sondern auch aufgestellt? Denn er macht sich den Hörer geneigt durch die Anrufung der Göttinnen, welche, wie man glaubt, die Beschützerinnen der Sänger sind, er erweckt die Aufmerksamkeit desselben, indem er die Größe des Gegenstandes vor Augen stellt, und er führt ihn in das Verständnis ein, indem er die Hauptsachen kurz zusammenfaßt. Wer aber könnte kürzer erzählen, als der Bote, welcher den Tod des Patroklus meldet[32], wer anschaulicher als der, welcher die Schlacht zwischen den Kureten und Ätolern berichtet[33]? Auch die Gleichnisse, Steigerungen, Beispiele, Abschweifungen, Bezeichnungen der Gegenstände und Beweise, sowie die übrigen Arten von Beweisführung und Widerlegung sind so mannigfaltig, daß auch die, welche über die „Künste” geschrieben haben, die meisten Beispiele diesem Dichter entnehmen. Endlich welcher Epilog ließe sich wohl vergleichen mit den Bitten des den Achill anflehenden Priamus[34]? Geht Homer nicht überhaupt in Worten, Sentenzen, Figuren und in der Anlage des ganzen Werkes über das dem menschlichen Geiste gesteckte Maß hinaus? So ist es schon etwas Großes, nicht: seine Vorzüge nachzuahmen – denn das ist unmöglich, aber sie mit Verständnis zu erfassen. Er aber läßt zweifellos alle in jeder Art der Beredsamkeit weit hinter sich, besonders die Epiker, eben weil eine Vergleichung in einem ähnlichen Gegenstand am deutlichsten wird. Ganz selten reicht an ihn heran Hesiod[35], dessen Gedicht zum großen Teil mit Namen angefüllt ist. Gleichwohl sind seine Sentenzen wegen der in ihnen enthaltenen Vorschriften von Wert. Ebenso verdient die Leichtigkeit der Wortfügung und Komposition Billigung, und ihm muß der Preis in der mittleren Stilgattung[36] zuerkannt werden. Bei Antimachus[37] dagegen wirbt die Kraft und Würde und das über das Gewöhnliche Erhabene des Ausdrucks um Beifall. Aber obwohl ihm die Gelehrten fast übereinstimmend den zweiten Rang zuerkennen, so fehlt es ihm doch so sehr an Schwung, Lieblichkeit, guter Anordnung und überhaupt an Kunst, daß es ein deutliches Beispiel dafür ist, daß „an zweiter Stelle stehen” und „ebenbürtig” sein etwas sehr Verschiedenes ist. Panyasis[38], der von beiden etwas hat, erreicht, wie man meint, in der Rede die Vorzüge beider nicht, den einen übertrifft er jedoch in der Wahl des Stoffes, den andern in der Anordnung. Apollonius[39] ist in den von den Grammatikern aufgestellten Kanon nicht gekommen, weil Aristophanes und Aristarch[40] keinen ihrer Zeitgenossen darin aufgenommen haben, er hat jedoch ein nicht zu verachtendes Werk verfaßt von einem gewissen gleichmäßigen Fluß. Dem Stoff des Aratus[41] fehlt das bewegende Moment, da keine Abwechslung, keine Leidenschaft, keine Person, keine Rede von irgend jemand darin vorkommt. Seine Kräfte reichen jedoch für das Werk aus, dem er sich gewachsen gefühlt hat. Bewundernswert ist in seiner Art Theokrit [42]; aber jene ländliche Hirtenmuse meidet nicht nur scheu das Forum, sondern selbst auch die Stadt. Doch ich glaube von allen Seiten mir Namen verschiedener Dichter zurufen zu hören. Wie? Hat Pisander[43] nicht die Taten des Herakles schön besungen? Und sind dem Nikander [44], Macer[45] und Vergil[46] umsonst gefolgt? Wie? Sollen wir den Euphorion[47] übergehen? Hätte derselbe nicht den Beifall des Vergil gefunden, so würde dieser es gewiß nicht in den Eklogen des mit chalkidischem Verse geschmückten Gedichtes gedacht haben[48]. Wie? Stellt Horaz[49] ohne Grund den Tyrtäus[50] dem Homer an die Seite? Und doch steht gewiß keiner der Kenntnis dieser Dichter so fern, daß er nicht leicht ein Verzeichnis derselben aus einer Bibliothek entlehnen und seiner Bibliothek einverleiben könnte. Ich weiß daher recht wohl, welche ich übergehe, und verwerfe sie keineswegs, da ich gesagt habe, sie wären alle von Nutzen. Aber zu jenen werden wir erst zurückkehren, wenn die Kraft schon ausgebildet und gefestigt ist, sowie wir uns bei großen Gastmählern oft der Abwechslung wegen zu den geringen Speisen wenden, nachdem wir uns an den besten gesättigt haben. Dann werden wir auch Zeit finden, die Elegie zur Hand zu nehmen, für deren bedeutendsten Vertreter Kallimachus[51] gilt. Den zweiten Platz nimmt auf diesem Gebiete nach der Meinung der meisten Philetas[52] ein. Aber bis wir diese mit Leichtigkeit verbundene Festigkeit, von der ich gesprochen habe, erreicht haben, müssen wir uns an die besten Schriftsteller gewöhnen und den Geist mehr durch vieles Lesen als durch das Lesen vieler bilden und Kolorit gewinnen lassen. So wird von den drei[53] durch das Urteil des Aristarch aufgenommenen Jambendichtern zur Erlangung der ἕξις (Fertigkeit des Stils) hauptsächlich Archilochus nur beitragen. Dieser besitzt die größte Kraft des Ausdrucks, kurze, kräftige und blitzende Gedanken, viel Blut und Nerven, so daß einige meinen, wenn er manchmal weniger bedeutend erscheine, so sei das eine Folge des Stoffes, nicht seines Talentes. Von den neun lyrischen Dichtern[54] ist bei weitem der hervorragendste Pindar durch den prachtvollen Schwung seines Geistes, seine Sentenzen und Figuren und durch einen äußerst glücklichen Reichtum an Gedanken und Figuren, den man mit der Fülle eines Stromes vergleichen könnte; daher glaubt Horaz[55] mit Recht, es könne ihn keiner nachahmen. Wie geistesgewaltig Stesichorus[56] ist, zeigen schon seine Stoffe, wenn er große Kriege und berühmte Führer besingt und die Last epischer Stoffe mit der Lyra bewegt. Er verleiht nämlich den Personen im Handeln und Reden die nötige Würde, und würde, wenn er nur Maß gehalten hätte, am nächsten an Homer heranreichen, aber er leidet an übertriebener Breite und fließt über, was zwar zu tadeln ist, jedoch als ein Fehler, der aus innerem Reichtum entsprungen ist. Alcäus[57] wird für einen Teil seines Werkes[58] nicht mit Recht mit dem goldenen Plektron beschenkt, da nämlich, wo er bei Verfolgung der Tyrannen[59] auch zur Stärkung des sittlichen Gefühls beiträgt, und wo er in der Rede kurz, großartig und an Gewalt der Worte hauptsächlich einem Redner ähnlich ist; aber er versteht auch zu scherzen und sich zu Liebesgetändel herbeizulassen; für erhabenere Stoffe ist er jedoch geeigneter. Der sonst schlichte und einfache Simonides[60] kann doch wegen des Treffenden seines Ausdrucks und einer gewissen Anmut empfohlen werden; besonders besteht sein Vorzug in Erregung des Mitleids, so daß einige in dieser Beziehung ihn allen Schriftstellern, welche derartige Gegenstände behandelt haben, vorziehen.

Die alte Komödie bewahrt die echte Grazie der attischen Sprache fast allein, besonders aber besitzt sie auch eine redselige Freimütigkeit und ist in Verfolgung des Lasters von vorzüglicher Schärfe; jedoch auch in den anderen Beziehungen besitzt sie sehr viel Kraft. Denn sie ist erhaben, gewählt und anmutig, und es steht vielleicht kein poetisches Erzeugnis – abgesehen von Homer, den man wie Achill immer ausnehmen muß – der Redekunst näher oder ist mehr geeignet, Redner heranzubilden. Es gibt eine größere Anzahl von Dichtern dieser Gattung; Aristophanes jedoch, Eupolis und Kratinus sind die bedeutendsten[61].

Tragödien hat zuerst geschaffen Äschylus[62], der erhaben und ernst und gewichtig, häufig bis zur Fehlerhaftigkeit, aber meist auch ungeschliffen und ungeordnet ist. Daher haben die Athener den späteren Dichtern erlaubt, seine Dramen in verbesserter Gestalt[63] in den Wettkampf zu bringen, und auf diese Weise sind viele mit dem Preis gekrönt worden. Aber viel glänzender sind die Leistungen des Sophokles und Euripides[64] auf diesem Gebiete: wer von diesen beiden – bei dem eigentümlichen Wege, den ein jeder von ihnen eingeschlagen hat – der bessere Dichter sei, ist eine vielbesprochene Streitfrage. Ich nun beantworte diese Frage, welche mit dem gegenwärtig behandelten Stoffe nichts zu tun hat, nicht. Das jedoch muß jeder zugeben, daß für die, welche sich auf eine rednerische Tätigkeit vorbereiten, Euripides von viel größerem Nutzen sein wird. Denn er nähert sich in seiner Ausdrucksweise (welche natürlich von den Leuten getadelt wird, denen der Ernst, die Erfahrenheit und der Klang der Sophokleischen Verse erhabener erscheint) mehr der Manier des Redners, reich an Sentenzen, wie er ist, und den Weisen verwandt in den Aussprüchen, welche von jenen überliefert sind, und in Rede und Gegenrede jedem von denen vergleichbar, welche auf dem Forum für beredt gegolten haben, bewundernswert aber besonders in der Darstellung aller Affekte, und wohl unübertroffen in der Zeichnung der Mitleid erregenden. Ihn hat nach seinem eigenen Zeugnis in hohem Grade bewundert und – allerdings auf einem andern Gebiete – nachgeahmt Menander[65], welcher schon allein, meiner Ansicht nach wenigstens, fleißig gelesen, zur Ausbildung alles dessen, was wir vorschreiben, hinreichen würde; eine so glückliche Erfindungsgabe und Redegewalt besitzt er, so beherrscht er alle Verhältnisse, Personen, Affekte. Etwas Richtiges haben daher gewiß die gesehen, welche glauben, daß die dem Charisius[66] zugeschriebenen Reden von Menander verfaßt seien. Aber mir scheint Menander als Redner weit mehr Billigung als in seinen dichterischen Werken zu verdienen, was mir jeder zugeben wird, wenn er nicht etwa die Gerichtsreden, welche „Epitrepontes”, „Epikleros” oder „Locroe” enthalten, für schlecht erklären, oder behaupten will, die außergerichtlichen Reden in „Psophodee”, „Nomothetes”, „Hypobolimäus” seien nicht in jeder Beziehung vollendete rednerische Meisterwerke. Ich glaube jedoch, daß er von um so größerem Vorteil für die Kunstredner sein wird, weil diese jeder Lage der Streitfrage entsprechend mehrere Rollen übernehmen müssen, von Vätern und Söhnen, von Soldaten und Bauern, von Reichen und Armen, von Zornigen und Abbittenden, von Sanftmütigen und Rauhherzigen. In allen diesen Rollen wird von unserem Dichter ein bewundernswerter Takt beobachtet. Er hat allen Dichtern dieser Gattung den Ruhm vorweggenommen und sie alle durch den Glanz seiner Berühmtheit verdunkelt. Gleichwohl bieten auch andere Komiker, wenn sie mit Nachsicht gelesen werden, manches Nachahmenswerte, besonders Philemon[67], welcher zwar verkehrterweise in dem Urteil seiner Zeitgenossen oft dem Menander vorgezogen wurde, immerhin aber dem allgemeinen Urteil zufolge für den zweiten zu gelten verdient.

Geschichte haben viele vortrefflich geschrieben; zwei jedoch scheinen zweifellos vor allen übrigen durchaus den Vorrang zu verdienen, deren Vorzüge trotz ihrer Verschiedenheit fast in gleicher Weise Lob geerntet haben. Gedrängt, kurz und sich selber in Zucht haltend ist Thukydides[68]; angenehm, durchsichtig und von einer gewissen Breite Herodot[69], jener ist in Darstellung von heftigen Affekten, dieser in der Schilderung milder Regungen vorzüglicher, jener ist für die öffentliche Rede, dieser für das Privatgespräch vorbildlich, Thukydides wegen seiner Gewalt, Herodot wegen seiner Liebenswürdigkeit bewundernswert. Theopomp[70] steht diesen am nächsten, in der Geschichtschreibung zwar weniger bedeutend, wie die genannten, einem Redner aber näher verwandt, da er lange Redner war, bevor er zu diesem Werk sich entschloß. Auch Philistus[71] verdient nach diesen der Schar der guten Schriftsteller beigezählt zu werden als Nachahmer des Thukydides, der zwar bedeutend weniger kraftvoll, aber auch viel klarer als sein Vorbild ist. Ephorus[72] bedarf nach Ansicht des Isokrates der Sporen. Bei Clitarch[73] lobt man das Talent, zieht aber seine Glaubwürdigkeit in Frage. Der lange Zeit nachher lebende Timagenes[74] verdient schon deshalb Beachtung, weil er die unterbrochene Tätigkeit auf dem Gebiete der Geschichtschreibung mit neuem Ruhme wieder aufgenommen hat. Xenophon habe ich nicht zu erwähnen vergessen; er muß aber unter den Philosophen aufgeführt werden[75].

Es folgt nun die große Schar der Redner, da ja bekanntlich zu Athen in einem Zeitalter zehn gelebt haben[76]. Unter diesen war bei weitem der hervorragendste und beinahe der Maßstab für jede rednerische Tätigkeit Demosthenes[77]: eine solche Gewalt besitzt er, so gedrängt ist bei ihm alles, so gleichsam mit Muskeln umkleidet und frei von überflüssigen Zutaten und so maßvoll, daß man kein fehlendes und kein überflüssiges Wort bei ihm entdecken kann. Von größerer Fülle und Breite und erhabenerer Ausdrucksweise ist Äschines[78] in demselben Maße, wie er Demosthenes nachsteht an Kraft und Knappheit; er hat mehr Fleisch und weniger Muskeln. Besonders anmutig und geistreich ist Hyperides[79], aber er ist einem weniger bedeutenden Vorwurf mehr gewachsen, um nicht zu sagen, für einen solchen mehr begabt. Der Zeit nach geht ihm Lysias[80] voraus, welcher scharfsinnig und geschmackvoll ist und überaus vortrefflich, wenn es für einen Redner genug ist, zu belehren; denn bei ihm ist nichts Phrase, nichts Gesuchtes – doch ist er einer reinen Quelle ähnlicher wie einem mächtigen Strome. Isokrates[81], der in den verschiedenen Gattungen der Rede glänzend und geschmückt und der für die Ringschule besser als für den Kampf geeignet ist, erstrebt jeden nur möglichen Reiz des Ausdrucks, und das mit Recht. Für Hörsäle ist er gerüstet, nicht aber für Gerichtsverhandlungen. In der Erfindung voll Leichtigkeit, voll Eifer für das Wohlanständige, in dem Ausbau so sorgfältig, daß seine Sorgfalt Tadler gefunden hat. Ich glaube nun nicht, daß die von mir besprochenen Redner nur gerade diese Vorzüge besessen haben, wohl aber, daß diese ihre hervorragendsten gewesen sind; ferner bestreite ich nicht, daß auch andere bedeutend gewesen sind. Ja, ich gebe zu, daß Demetrius von Phaleron[82], obwohl er zuerst die Beredsamkeit heruntergebracht hat, viel Talent und Redegewandtheit besessen hat, wie er auch deswegen der Erwähnung wert ist, weil er von den Attikern ungefähr der letzte ist, welcher den Namen eines Redners verdient, und da ihn Cicero in der mittleren Art der Beredsamkeit allen anderen vorzieht.

Ich komme zu den Philosophen, aus welchen M. Tullius für die Beredsamkeit sehr viel gewonnen zu haben behauptet; wer zweifelt, daß unter ihnen besonders Plato[83] durch die Schärfe seiner Schlußfolgerungen sowie durch eine Art göttlicher und homerischer Beredsamkeit den Vorrang verdient? Denn vieles geht hinaus über die Prosa, welche die Griechen als eine „Rede zu Fuße” bezeichnen, so daß er mir nicht von einem menschlichen Geiste beseelt, sondern gleichsam durch das Delphische Orakel beseelt erscheint.

Was soll ich die Anmut des Xenophon [84] erwähnen, die frei ist von jeder Affektation und durch keine solche zu erreichen? Scheinen doch die Grazien selbst seine Sprache gebildet zu haben, und man könnte auf ihn mit Recht das übertragen, was die alte Komödie über Perikles bezeugt: „Auf seinen Lippen habe die Göttin der Überredung gethront.” Wozu soll ich an die Eleganz der übrigen Sokratiker erinnern, wozu an Aristoteles[85]? Muß man doch bei ihm zweifeln, ob er sich durch seine wissenschaftlichen Kenntnisse oder durch die Menge seiner Schriften oder durch die Kraft und Milde seiner Beredsamkeit oder durch den Scharfsinn seiner Neuerungen oder durch die Mannigfaltigkeit seiner Werke einen größeren Ruhm erworben hat.

Theophrast[86] aber besitzt in so hohem Grade jenen göttlichen Glanz der Rede, daß er davon auch seinen Namen erhalten haben soll. Weniger Wert auf die Beredsamkeit legten die alten Stoiker; aber auf der einen Seite sind ihre Vorschriften von sittlichem Gehalt, und auf der andern Seite sind sie in Sammlung von Beispielen und Beweismitteln für ihre Vorschriften besonders stark, jedoch mehr scharfsinnig in Verwendung der Tatsachen, wie glänzend in der Darstellung – ein Vorzug übrigens, nach welchem sie nicht strebten.

Die gleiche Anordnung, wie bei der Durchmusterung der griechischen Schriftsteller, werden wir auch bei der Behandlung der römischen innehalten.

Wie also bei jenen Homer, so wird bei uns Vergil[87] die beste Bürgschaft für einen glückverheißenden Anfang bieten, er, der von allen Dichtern dieser Gattung, von griechischen sowohl wie von unseren, ihm unstreitig am nächsten steht. Ich möchte in bezug auf ihn dieselben Worte gebrauchen, die ich als junger Mann von Domitius Afer[88] gehört habe, der mir auf meine Frage, wer seiner Meinung nach dem Homer am nächsten käme, antwortete: „An zweiter Stelle steht Vergil, so jedoch, daß er dem ersten Platze näher als dem dritten steht.” Und in der Tat, mag er auch – und mit ihm unsere Nation – dem himmlischen und unsterblichen Genie jenes nachstehen, so besitzt er doch um so mehr Sorgfalt und Fleiß schon deshalb, weil er sich mehr abmühen mußte; wieweit wir daher auch an hervorragender Kraft den Griechen nachstehen mögen, so gleichen wir doch diesen Mangel vielleicht durch Gleichmäßigkeit wieder aus. Alle übrigen folgen erst weit später. Denn Macer[89] und Lucretius[90] soll man zwar lesen, aber nicht um seinen Stil zu bilden, d. h. einen festen Grund für die Beredsamkeit zu legen, da sie zwar beide auf ihrem Gebiete elegant sind, der eine aber gewöhnlich, der andere schwierig im Ausdruck. Der Ataciner Varro[91] ist in dem Werke, durch welches er einen berühmten Namen erlangt hat, Übersetzer, zwar schätzenswert als solcher, aber zur Bildung der Beredsamkeit nicht reich genug. Den Ennius [92] wollen wir verehren wie einen durch sein Alter ehrwürdigen Hain, in dem gewaltige und uralte Eichen weniger ästhetisches Wohlgefallen wachrufen als heilige Scheu. Andere stehen uns näher und sind für den in Rede stehenden Zweck wichtiger. Voll Schelmerei ist zwar auch in seinen epischen Gedichten Ovid[93] und voll Bewunderung für das eigene Genie, aber in einzelnen Partien verdient er doch Lob. Wenn aber für Cornelius Severus[94] auch gilt, daß er mehr ein geschickter Verskünstler[95] als ein guter Dichter ist, so würde er doch mit Recht den zweiten Platz in Anspruch nehmen, wenn er nach dem Muster des ersten Buches den Sizilischen Krieg zu Ende geschrieben hätte. Den Serranus[96] ließ ein frühzeitiger Tod nicht zur vollen Entwicklung kommen; die Werke aus seiner frühesten Jugendzeit verraten jedoch sowohl eine außerordentliche Begabung als auch ein für dieses Alter bewundernswertes Streben nach richtiger Schreibart. Einen großen Verlust hatten wir kürzlich durch den Tod des Valerius Flaccus[97]. Voll jugendlicher Heftigkeit war auch die poetische Anlage des Saleius Bassus[98], welche auch in seinem Greisenalter nicht zur Reife gelangt ist. Auch Rabirius und Pedo[99] verdienen gelesen zu werden, wenn Zeit dazu vorhanden ist. Lucanus[100] ist feurig, schwungvoll und reich an wertvollen Gedanken, aber er verdient, um mich frei auszusprechen, mehr von den Rednern als von den Dichtern nachgeahmt zu werden. Soviel epische Dichter haben wir aufgezählt; den Germanicus Augustus[101] haben wir übergangen, weil ihn von den begonnenen dichterischen Bemühungen die Sorge für Länder und Völker abrief, und es den Göttern nicht gefallen hat, ihn zu dem größten Dichter zu machen. Was jedoch übertrifft die Werke, in denen der Jüngling Erholung von Regierungssorgen suchte, an Erhabenheit, feiner Bildung und Vorzügen jeder Art? Wer hätte auch Kriege besser besingen können, als ein Feldherr, der sie so geführt hat? Wem hätten die Kunst beschützenden Göttinnen ein willigeres Ohr leihen sollen? Wem hätte die befreundete Gottheit der Minerva lieber ihre Kunst offenbaren sollen? Es werden dies künftige Jahrhunderte mit größerer Fülle preisen, jetzt wird sein Ruhm auf diesem Gebiete durch den Glanz seiner übrigen Tugenden verdunkelt. Uns jedoch, die wir das Heiligtum der Poesie verehren, wirst du, Cäsar, verzeihen, wenn wir darüber kein Stillschweigen beobachten, sondern mit den Worten Vergils bekennen:

„Daß unter siegendem Lorbeer hindurch sich dir schlinge der Efeu[102].”

Auch in der Elegie nehmen wir es mit den Griechen auf, für deren reinsten und elegantesten Vertreter ich den Tibull[103] halte; manche ziehen den Properz[104] vor. Ausgelassener als beide ist Ovid, strenger Gallus[105].

Die Satire freilich gehört uns vollständig an. — In ihr hat sich zuerst Lucilius[106] hohen Ruhm erworben, er, der bis auf den heutigen Tag so ergebene Bewunderer hat, daß sie kein Bedenken tragen, ihn nicht allein den auf dem gleichen Gebiete tätigen Schriftstellern vorzuziehen, sondern allen Dichtern überhaupt. Ich bin von der Meinung dieser ebenso weit entfernt, wie von der des Horaz, welcher die Rede des Lucilius einem schlammigen Bache vergleicht und behauptet, sie enthalte überflüssige Zutaten. Denn er besitzt eine wunderbare Bildung und hohen Freimut und Schärfe und reichen Witz. Viel geglätteter und reiner ist Horaz[107] und, wenn ich nicht durch zu große Vorliebe für ihn bestochen werde, von hoher Vollendung. Vielen berechtigten Ruhm hat sich auch allerdings durch ein einziges Buch Persius[108] verdient. Auch in der Gegenwart gibt es bedeutende Schriftsteller auf diesem Gebiete, die sicher einen Namen haben werden. Eine andere Art von Satire, die ihr buntes Aussehen nicht durch die Anzahl verschiedener Rhythmen erhält, hat Terentius Varro[109] geschaffen, der gelehrteste von allen Römern. Er hat eine große Anzahl sehr gelehrter Werke verfaßt und sich als ein Meister der lateinischen Sprache und ein Kenner der Altertümer jeder Gattung und der griechischen Geschichte sowohl als der unsrigen gezeigt, jedoch ist er von höherem Werte für die Wissenschaft als für die Beredsamkeit. Der Jambus als besondere Gattung ist von den Römern nicht sehr kultiviert worden, sondern von wenigen in Sammlungen anderer Gedichte eingereiht worden; seine Schärfe wird man finden bei Catull[110], Bibaculus[111], Horaz, obwohl bei jenem der epodische (ein kürzerer) Vers eingelegt ist. Von den lyrischen Dichtern ist aber Horaz fast der einzige, welcher gelesen zu werden verdient [112]; denn zuweilen steigt er an bis zum Erhabenen und ist voll Anmut und Grazie und voll Abwechslung in den Wendungen und im Ausdruck mit dem glücklichsten Erfolge kühn. Will man noch einen hinzunehmen, so wird es der kürzlich gestorbene Cäsius Bassus[113] sein, aber ihn übertreffen bei weitem an Genie die Lebenden.

Von tragischen Dichtern aus der alten Zeit wirken Attius und Pacuvius[114] durch das Gewicht ihrer Gedanken und durch die Wucht ihres Ausdrucks, sowie durch das würdige Auftreten ihrer Personen erhaben. Wenn ihnen aber der Glanz und in dem Ausbau ihrer Werke die letzte feilende Hand fehlt, so scheint das mehr ein Fehler ihrer Zeit als ihres Talentes gewesen zu sein. Eine größere dichterische Kraft schreibt man dem Attius zu, während die, welche Anspruch auf Gelehrsamkeit machen, den Pacuvius für den gelehrteren erklären. Der Thyestes des Varius[115] aber kann jedem griechischen Trauerspiel an die Seite gestellt werden. Ovids Medea scheint mir zu zeigen, wieviel dieser Mann hätte leisten können, wenn er sein Genie gezügelt und nicht statt dessen verwöhnt hätte. Von meinen Zeitgenossen ist bei weitem der hervorragendste Pomponius Secundus[116], welchen die älteren Leute allerdings für zu wenig tragisch hielten, dem sie jedoch Bildung und Schönheit des Ausdrucks in hohem Grade zugestehen mußten. In der Komödie bleiben wir am weitesten zurück. Wenn auch Varro der Meinung des Älius Stilo[117] folgend sagt, die Musen würden in der Sprache des Plautus[118] geredet haben, wenn sie lateinisch hätten reden wollen, wenn auch die Alten den Cäcilius[119] mit hohem Lobe feiern, wenn auch die Komödien des Terenz[120] auf Scipio Africanus zurückgeführt werden (welche auf diesem Gebiete die geschmackvollsten sind und bis heute noch mehr in Gunst stehen würden, wenn sie sich in den Schranken des Trimeters gehalten hätten), so erreichen wir doch kaum einen leichten Schatten der griechischen Vorbilder, so daß ich zu der Überzeugung gekommen bin, daß die römische Sprache nicht fähig sei, jene Anmut in sich aufzunehmen, welche allein den Attikern vorbehalten war, wie auch die Griechen sie in anderen Dialekten ihrer Sprache nicht erreicht haben. In der Togata (der nationalen römischen Komödie) zeichnet sich Afranius[121] aus: hätte er nur nicht – die eigenen Sitten verratend – durch Darstellung widriger Knabenliebe häßliche Stoffe verwertet.

Unsere Geschichtschreibung dagegen steht der griechischen nicht nach. So würde ich mich nicht scheuen, dem Thukydides Sallust[122] gegenüberzustellen, auch wird es Herodot nicht übelnehmen, wenn ich ihm T. Livius[123] gleichstelle, welcher in der Erzählung wunderbar anmutig und äußerst klar ist, besonders aber in den Reden mehr, als sich ausdrücken läßt, beredt, so sehr ist alles, was ausgesprochen wird, den Ereignissen und besonders auch den Personen angepaßt; und die Regungen des menschlichen Herzens, zumal die sanfteren, hat, um hier nur wenig hervorzuheben, gewiß kein Historiker passender ausgedrückt. So hat er jene göttliche Lebhaftigkeit Sallusts durch eine Reihe verschiedener Vorzüge erreicht. „Sie seien einander mehr ebenbürtig als ähnlich” – scheint mir daher auch äußerst treffend Servilius Nonianus[124] gesagt zu haben, unter dessen Zuhörern auch ich mich befunden habe. Er war ein Mann von gutem Kopfe und reich an geistreichen Gedanken, aber weniger knapp, wie es die Würde der Geschichtschreibung fordert. Diese wußte vorzüglich zu wahren der ihm der Zeit nach etwas vorausgehende Bassus Aufidius[125], wenigstens in den Büchern über den Germanischen Krieg, er, der durch seine Darstellungsweise vollen Beifall verdient, in einigen Werken jedoch hinter seinen Kräften zurückbleibt. Es lebt noch und krönt den Ruhm unseres Zeitalters ein Mann[126], welcher der Erinnerung späterer Jahrhunderte würdig ist; einst wird sein Name genannt werden, jetzt dürfen wir ihn nur andeuten. Liebhaber findet auch nicht mit Unrecht der Freimut des Cremutius[127], obwohl jetzt das beseitigt ist, was jenem einst geschadet hatte; aber einem hohen Gedankenflug und kühnen Wendungen wird man auch in dem begegnen, was übriggeblieben ist. Auch sonst würden noch treffliche Schriftsteller zu nennen sein; aber wir geben eine Übersicht über die Gattungen und durchmustern nicht ganze Bibliotheken.

Was nun unsere Redner anbetrifft, so haben sie es dahin gebracht, daß sich die lateinische Beredsamkeit auf einer Höhe befindet, auf welcher sie sich mit der griechischen messen kann; denn den Cicero [128] würde ich jedem ihrer Redner kühnlich an die Seite stellen. Ich weiß auch recht wohl, wie viele Widersacher ich mir dadurch wachrufe, zumal da ich es mir nicht vorgenommen habe, jetzt eine Vergleichung zwischen ihm und Demosthenes anzustellen, denn diese gehört nicht hierher, da ich glaube, daß Demosthenes vor allen gelesen oder besser auswendig gelernt werden muß. Die Vorzüge dieser beiden Redner scheinen mir meist die gleichen zu sein, so Anlage, Anordnung, Einteilungsmethode und die Art der Vorbereitung und Beweisführung, alles endlich, was zur Erfindung gehört. In der Wahl des Ausdrucks besteht jedoch eine nicht unbedeutende Verschiedenheit. Jener ist gedrängter, dieser wortreicher, jener in seinen Schlußfolgerungen knapper, dieser breiter, jener kämpft immer mit scharfsinnigen Worten, dieser häufig auch mit gewichtigen; auf der Seite jenes läßt sich nichts hinwegnehmen, auf der Seite dieses nichts hinzusetzen, jener besitzt mehr Sorgfalt, dieser mehr natürliche Begabung. An Witz und Rührung, jenen beiden so überaus wirksamen Affekten, übertreffen wir auf jeden Fall die Griechen. Und zugegeben, daß jenem die Sitte des Staates, Epiloge zu halten [129] unmöglich machte, so hat doch auch uns die Verschiedenheit der lateinischen Sprache (von der griechischen) vielerlei, was die Attiker bewundern, nicht erlaubt. In betreff der Briefe[130] freilich, welche von beiden existieren, und der Dialoge[131], in welchen der Grieche nichts geleistet hat, gibt es keinen Wettstreit. In dem Punkte müssen wir jedoch nachstehen, daß jener früher lebte und größtenteils Cicero zu seiner Größe herangebildet hat, denn mir scheint M. Tullius, indem er sich ganz der Nachahmung der Griechen hingab, die Kraft des Demosthenes, die Fülle des Plato und die Anmut des Isokrates nachgebildet zu haben. Jedoch eignet er sich nicht allein das, was an jedem das Beste ist, durch Studium an, sondern die meisten oder vielmehr alle glänzenden Vorzüge gewann er aus dem glücklichen Reichtum seines unsterblichen Genies. Denn er sammelt nicht, wie Pindar [132] sagt, Regenwasser, sondern in lebendigem Strahle strömt er Fluten aus; er, der uns durch ein Geschenk der Vorsehung geboren wurde, damit die Beredsamkeit in ihm alle ihre Kräfte erprobe. Denn wer kann sorgfältiger belehren, wer stärker bewegen? Wer hat je eine so große Anmut besessen? So erscheint es, als ob er das, was er erzwingt, durch Vorstellungen erreichte, und als ob der Richter, wenn er durch die Gewalt seiner Rede mit fortgerissen wird, nicht von ihm gewaltsam ergriffen würde, sondern ihm folgte. Dann ist in allem, was er sagt, eine so gewichtige Bestimmtheit, daß man sich schämt, anderer Meinung zu sein, und daß er die Glaubwürdigkeit nicht eines Anwalts, sondern eines Zeugen oder Richters besitzt, indem ihm zugleich alles dies, wovon kaum jemand das eine oder das andere bei angestrengtester Arbeit erreichen könnte, ohne Mühe von der Hand geht, wobei sein Stil, an dessen Schönheit nichts heranreicht, gleichwohl die glücklichste Leichtigkeit an den Tag legt. Deshalb sagten seine Zeitgenossen nicht mit Unrecht, er sei ein König in den Gerichten, und deshalb wird der Name Cicero bei der Nachwelt schon nicht mehr für den Namen eines Menschen, sondern für den Namen der Beredsamkeit selbst gehalten. Auf ihn wollen wir daher blicken, er sei unser Vorbild; und wem Cicero ausnehmend gefällt, der kann sich sagen, daß er in der Beredsamkeit Fortschritte gemacht habe. Einen großen Reichtum an Erfindung besitzt Asinius Pollio[133], auch eine große Sorgfalt, so daß er darin manchen sogar zu weit zu gehen scheint, endlich Klugheit und Lebendigkeit genug: von der Schönheit und der Anmut des Cicero ist er jedoch so weit entfernt, daß er um ein Jahrhundert früher gelebt zu haben scheinen könnte. Messalla [134] hingegen ist glänzend und durchsichtig und in seiner Rede gewissermaßen ein Bild seiner Vornehmheit (vornehmen Gesinnung), an Kräften jedoch schwächer. Wenn C. Cäsar[135] aber sich ausschließlich dem Forum gewidmet hätte, so würde kein anderer von den unsrigen gegen Cicero in Betracht kommen. Eine so bedeutende Kraft besitzt er, so viel Scharfsinn, so viel Feuer, daß man deutlich sieht, er habe mit dem Geiste Reden gehalten, der ihm seine Siege gewinnen ließ; er schmückt dies jedoch alles mit einer wunderbaren Eleganz der Diktion, in welcher er ganz besonders Meister war. Viel Geist und besonders in der Anklage ein feiner, weltmännischer Sinn war dem Cälius [136] eigen, einem Manne, der verdient hätte, eine bessere Gesinnung und ein längeres Leben zu haben. Ich habe Leute gefunden, welche den Calvus[137] allen vorzogen, ich habe aber auch solche gefunden, die dem Cicero glaubten, wenn er sagt, jener habe durch fortgesetztes Schmähen auf ihn das Blut der Wahrheitsliebe verloren, aber seine Redeweise ist feierlich und würdevoll, streng und häufig auch leidenschaftlich. Er war ein Nachahmer der Attiker, und sein frühzeitiger Tod hat Unrecht an ihm verübt, da er im Begriff war, noch etwas Höheres zu leisten. Auch Servius Sulpicius [138] hat nicht mit Unrecht sich einen hohen Ruhm durch drei Reden erworben. Viel Nachahmenswertes bietet, wenn man ihn mit Urteil liest, Cassius Severus [139]. Wenn dieser seinen übrigen Vorzügen Abwechslung und Würde des Ausdrucks hinzugefügt hätte, würde er unter die Vorzüglichsten zu zählen sein. Denn er besitzt sehr viel Talent, außerordentliche Schärfe, weltmännische Bildung und große Glut, aber er folgt mehr seiner Laune als einem wohlüberlegten Plane. Wie übrigens bittere Witze, so ist häufig die Bitterkeit schon allein imstande, Lachen zu erregen. Die große Menge der anderen bedeutenden Redner aufzuzählen würde zu weit führen: von meinen Zeitgenossen sind Domitius Afer und Julius Africanus [140] bei weitem die bedeutendsten. Was die Kunst der Diktion und die ganze Ausdrucksweise betrifft, so ist jener vorzuziehen und unbedenklich in die Reihen der Alten zu stellen. Dieser dagegen ist affektvoller, er geht aber in der Anwendung von Wortspielen zu weit, ist in der Komposition häufig zu breit und mit übertragenen Ausdrücken nicht sparsam genug. Auch noch in jüngster Zeit gab es (auf diesem Gebiete) bedeutende Geister. So war Trachalus [141] meist erhaben und ziemlich leicht verständlich und erfüllt von dem besten Streben; wenn man ihn hörte, erschien er jedoch noch bedeutender. Denn er besaß ein so glückliches Organ, wie ich es bei keinem andern Redner gefunden habe, und eine Aussprache und Haltung, wie sie auch für die Bühne ausgereicht haben würde, kurz alles Äußerliche war in reichem Maße bei ihm vorhanden. Auch Vibius Crispus[142] ist ein klarer, angenehmer und dem geistigen Genuß dienender Redner, geeigneter jedoch für Privat– als für Kriminalprozesse. Julius Secundus [143] würde sich, wenn er länger gelebt hätte, einen wahrhaft berühmten Namen bei der Nachwelt erworben haben; zu seinen übrigen Vorzügen hätte er nämlich, wie er schon im Begriff stand, das, was er vermissen läßt, hinzugefügt: die größere Kampfbereitschaft und eine Sorgfalt, die sich nicht allein auf den Ausdruck, sondern auch auf den Inhalt erstreckt. Obgleich er aber durch den Tod daran verhindert wurde, behauptet er doch einen bedeutenden Platz: so groß ist seine Redegabe, so bestechend seine Anmut bei der Behandlung jedes beliebigen Stoffes, so durchsichtig, maßvoll und glänzend seine Art sich auszudrücken, so treffend die Wahl seiner Worte, auch wenn sie entlehnt sind, so anschaulich sind einzelne seiner gewagten Redewendungen.

Die, welche nach uns über die Redner schreiben werden, haben eine reiche Gelegenheit, die jetzt Lebenden mit vollem Rechte zu loben; gibt es doch auch heute noch ausgezeichnete Talente, welche des Forums Glanz verherrlichen[144]. Denn die schon älteren Redner vor Gericht streben den altbewährten nach, und in deren Fußtapfen tritt wiederum der betriebsame Fleiß der jüngeren, welche das Beste erstreben.

Noch sind die übrig, welche über Philosophie geschrieben haben, ein Fach, in welchem die römische Literatur bis auf den heutigen Tag nur sehr wenig formgewandte Schriftsteller aufzuweisen hat. In gleicher Weise, wie sonst überall, ist in diesem Fache M. Tullius als ein Nebenbuhler Platos aufgetreten. Ganz vorzüglich und weit mehr, wie in seinen Reden, hat Brutus dem gewichtigen Inhalt die rechte Form verliehen; man merkt, daß er glaubt, was er sagt. Eine Reihe Schriften hat auch Cornelius Celsus verfaßt als Nachfolger der Sextier[145], nicht ohne Geschick und Anmut. Plautus[146] ist in der stoischen Philosophie für die Kenntnis des Systems brauchbar, für die epikureische Philosophie ist ein zwar nicht bedeutender, aber äußerst lesbarer Gewährsmann Catius [147]. Absichtlich habe ich Seneca[148] bei Besprechung der einzelnen Arten der Beredsamkeit bisher übergangen wegen der fälschlich über mich verbreiteten Meinung, daß ich ihn verurteile und ihm feindlich entgegentrete. Dieser Vorwurf traf mich, während ich bemüht war, die verfallene Beredsamkeit, welche durch Unarten aller Art entstellt war, zu strengeren Regeln zurückzuführen; damals befand sich aber fast nur dieser Schriftsteller in den Händen der jungen Leute. Ihn wollte ich nun nicht vollständig verbannt wissen, aber ich wollte auch nicht dulden, daß er besseren Schriftstellern vorgezogen würde, welche jener unaufhörlich angriff, da er sich bewußt war, daß er Beifall ernten könne, wenn er von jenen in der Redeweise abwich, daß er aber auf denselben verzichten müsse, wenn er in den gleichen Stücken wie jene gefallen wolle. Sie liebten ihn aber mehr, als daß sie ihn nachahmten, und blieben in demselben Grade hinter ihm zurück, wie jener sich von den Alten entfernte. Denn es wäre nur zu wünschen, daß sie jenem Manne ebenbürtig oder wenigstens ähnlich geworden wären, aber er gefiel ihnen nur durch seine Fehler, von welchen ein jeder diejenigen, welche er gerade kannte, nachzubilden bemüht war; und wenn sich dann einer rühmte, er schreibe denselben Stil, so brachte er den Seneca in schlechten Ruf. Seneca hat auch im ganzen betrachtet viele bedeutende Vorzüge: Reichtum des Geistes und Leichtigkeit der Produktion, einen unermüdlichen Fleiß und viele Kenntnisse, wobei es ihm jedoch häufiger widerfuhr, daß er von denen, welchen er Einzeluntersuchungen übertragen hatte, getäuscht wurde. Er hat übrigens fast jedes Gebiet des Wissens in seine Behandlung gezogen; denn man hat von ihm Reden, Gedichte, Briefe und Dialoge. In der Philosophie ist er zwar nicht sorgfältig genug, durch seinen Kampf gegen die Unsittlichkeit jedoch von hervorragender Bedeutung. In seinen Werken finden sich viele herrliche Aussprüche und vieles, was seines sittlichen Gehaltes wegen lesenswert ist; aber in seinem Stile ist viel Verschrobenes, was deshalb so äußerst verderblich wirkt, weil es voll von anziehenden Fehlern ist. Man möchte wünschen, daß er mit seinem Geiste, aber mit dem Urteile eines andern geschrieben habe; denn wenn er manches als geringwertig erkannt hätte, wenn er das Auffallende nicht bevorzugt hätte, wenn er nicht alles ihm Entsprungene gut befunden hätte, und wenn er den gewichtigen Inhalt nicht durch die Fülle kleinlicher Details verdeckt hätte, dann würde er mit der allgemeinen Beistimmung der Gebildeten und nicht mit der Vergötterung von Knaben belohnt werden. Gleichwohl ist er auch so den schon Sicheren und durch strengere Lektüre Gefestigten zum Lesen zu empfehlen, schon deshalb, weil er immerhin das Urteil zu üben vermag. Denn vieles ist an ihm billigens–, vieles auch bewundernswert. Nur treffe man die richtige Auswahl, was er selbst hätte tun sollen; denn seine natürliche Anlage berechtigt uns zu dem Wunsch, daß ihm ein edleres Ideal vorgeschwebt hätte; was ihm als künstlerisches Ideal erschien, hat er auf jeden Fall zum Ausdruck gebracht.