DRITTES KAPITEL
 
Art und Weise der schriftlichen Übungen

Das sind nun die Hilfsmittel, welche uns von außen geboten werden; unter denen aber, welche wir uns selbst verschaffen müssen, ist das mühevollste, aber auch das wirksamste der Griffel [1]. Ihn nennt nicht mit Unrecht M. Tullius[2] den besten Bildner und Lehrmeister der Rede, ein Ausspruch, welchem er dadurch besonderen Nachdruck verleiht, daß er ihn dem Lucius Crassus[3] in seinem Buche „Über den Redner” in den Mund legt, und so sein eigenes Urteil mit dem Ansehen dieses Redners verbindet. Man muß demnach so eifrig und soviel wie möglich schreiben. Denn wie der tief aufgegrabene Boden für Erzeugung und Ernährung der Saat geeigneter wird, so wird ein Wachstum, welches nicht nur auf oberflächlicher Bemühung beruht, die Früchte der Studien zu reicherer Entfaltung und zu festerem Bestehen bringen. Ohne daß wir hiervon fest überzeugt sind, wird jene für den Augenblick erworbene Beredsamkeit nur eine nutzlose Geschwätzigkeit verleihen und Worte, welche die Lippen sprechen.

Hier sind die Wurzeln, hier die Grundlagen, hier die Schätze, welche gleichsam in geheimer Schatzkammer[4] verborgen sind, um daraus hervorgeholt zu werden, wenn es bei plötzlich eintretendem Bedürfnis die Verhältnisse fordern. Kräfte sollen wir uns hauptsächlich erwerben, welche für einen mühevollen Kampf ausreichen und durch den Gebrauch nicht erschöpft werden. Denn die Natur selbst wollte nicht, daß irgend etwas Großes schnell zustande komme, und stellte gerade dem schönsten Gelingen schweres Mühen voran[5], wie sie auch für die natürliche Geburt das Gesetz gab, daß die größeren Tiere länger in dem Mutterleib verbleiben sollen.

Da die vorliegende Frage aber eine zweifache ist, wie man nämlich und was man schreiben muß, so will ich auch bei der Behandlung diese Reihenfolge innehalten. Anfangs geschehe das Schreiben langsam, aber natürlich nicht träge; man suche den besten Ausdruck und begnüge sich nicht mit dem ersten Einfall; glaubt man etwas gefunden zu haben, so prüfe man es; hat man es geprüft, so disponiere man; denn Inhalt und Worte bedürfen der Auswahl, und alles ist einzeln auf seinen Wert hin zu untersuchen. Dann erst richte man sein Auge auf die Wortstellung und suche auf alle Weise Wohlklang zu erzielen; nicht aber erhalte jedes Wort die Stellung, welche der Zufall anbietet. Um dies mit aller Sorgfalt auszuführen, müssen wir häufiger das zuletzt Geschriebene wieder durchlesen. Denn abgesehen davon, daß wir so das Folgende besser mit dem Vorhergehenden verbinden, gewinnt auch die Wärme des Gedankens, welche durch langes Schreiben abgekühlt ist, von neuem an Kräften und nimmt gleichsam einen Anlauf, als ob die Strecke frisch zurückgelegt würde; wie wir es bei einem Wettspringen wohl sehen, daß die Beteiligten weiter ausholen und bis zu dem Hindernis, um welches es sich im Wettstreit handelt, eine Strecke Anlauf nehmen, und wie wir beim Werfen den Arm nach rückwärts führen und im Begriff, Wurfgeschosse zu schleudern, die Bogensehne rückwärts spannen. Immerhin soll man die Segel dem Winde überlassen, solange er weht, vorausgesetzt, daß nur dieses Sichgehenlassen nicht zur Täuschung verführt: denn alles gefällt uns, während es geschrieben wird, sonst würden wir es nicht schreiben. Wir wollen aber dann uns zu einer Prüfung zurückwenden und das mit bedenkenerregender Leichtigkeit Geschriebene von neuem behandeln. So soll Sallust geschrieben haben; und in der Tat verrät auch sein Werk selbst die Arbeit. Daß auch Vergil nur sehr wenige Verse an einem Tage verfaßt habe, bezeugt uns Varius. Nun ist die Lage eines Redners allerdings eine andere. Daher empfehle ich diese Langsamkeit und Sorgfalt für den Anfang. Denn zunächst muß man das erreichen und festhalten, daß man so gut wie möglich schreibt; Schnelligkeit wird schon die Übung verleihen. Allmählich werden die Gedanken sich leichter einstellen, die entsprechenden Ausdrücke werden sich finden, die Verteilung des Stoffes wird sich anschließen, kurz, alles wird wie bei einer wohlorganisierten Dienerschaft am angewiesenen Platze tätig sein. Alles in allem gilt dies: Durch Schnellschreiben erreichen wir nicht, daß wir gut schreiben, wohl aber durch Gutschreiben, daß wir schnell schreiben lernen. Aber gerade dann, wenn wir jene Fähigkeit erlangt haben, müssen wir dagegen arbeiten und gleichsam die durchgehenden Pferde mit Zügeln festhalten, was uns nicht sowohl aufhalten, als uns neuen Antrieb verleihen wird. Ich glaube nämlich nicht, daß man die, welche im Schreiben eine gewisse Übung erlangt haben, zu der unglückseligen Strafe, sich mit beständiger Selbstkritik zu quälen, zwingen soll. Denn wie sollten die ihren Berufsgeschäften als Sachwalter nachkommen, die über dem Studium einzelner Teile eines Prozesses alt werden? Es gibt aber Leute, denen nichts genügt, die alles ändern und alles anders ausdrücken wollen, wie es ihnen der Augenblick eingibt, solche Zweifler und Selbstquäler, welche es für Fleiß halten, wenn sie sich das Schreiben möglichst schwer machen. Ich kann nicht einmal sagen, welche wohl den größten Fehler begehen, ob die, denen alles von ihrer Hand Herrührende gefällt, oder diejenigen, welchen nichts davon gefällt. Denn es passiert auch talentvollen Jünglingen häufig, daß sie in Bemühung völlig aufgehen und in beständigem Stillschweigen verharren nur aus dem allzu heftigen Wunsch, gut zu reden. Ich erinnere mich recht wohl, daß mir in bezug hierauf Julius Secundus, mein Altersgenosse und, wie bekannt, mein lieber Freund, ein Mann von außerordentlicher Beredsamkeit, aber von sehr großer Bedenklichkeit, eine Bemerkung seines Oheims erzählt hat. Dieser war nämlich Julius Florus[6], der hervorragendste Redner in Gallien [7] – denn dort befaßte er sich erst mit Beredsamkeit – und auch sonst wie wenige beredt und eines solchen Verwandten würdig. Als dieser den Secundus, welcher zu jener Zeit noch die Rednerschule besuchte, traurig sah, fragte er nach der Ursache seines kummervollen Gesichtes. Da gestand ihm der Jüngling, es sei schon der dritte Tag, daß er trotz aller Anstrengung keinen Anfang für ein ihm zur schriftlichen Ausarbeitung gestelltes Thema finden könne, was ihm nicht nur für den Augenblick Kummer bereite, sondern auch für alle Zukunft verzweifeln lasse. Da antwortete ihm Florus lächelnd: „Hast du denn vor, besser zu reden, wie du kannst?” So ist es in der Tat: wir müssen uns Mühe geben, so gut wie möglich zu reden, jedoch entsprechend unseren Fähigkeiten; denn zum Vorwärtskommen hilft uns der Eifer, nicht der Unmut. Die Fähigkeit aber, auch eine größere Arbeit mit einer gewissen Schnelligkeit schreiben zu können, wird uns nicht allein die Übung verleihen, welche zweifelsohne viel dazu beiträgt, sondern auch das vernünftige Nachdenken. Wenn wir nicht auf dem Rücken liegend die Decke ansehen, einen Gedanken hinmurmeln und abwarten, was uns einfalle, sondern wenn wir uns klarmachen, was der Gegenstand erfordert, was der Person entspricht, welcher Art die Zeitumstände und die Gemütsart des Richters ist, und so auf menschenwürdige Weise ans Schreiben gehen, dann gibt uns die Natur selbst Anfang und Fortführung des Themas an die Hand. Denn das meiste ist greifbar und springt in die Augen, wenn wir sie nicht schließen; deshalb suchen auch die Ungebildeten und Bauern nicht lange nach einem Anfang, und wir müssen uns um so mehr schämen, wenn die Bildung uns Schwierigkeit bereitet. Wir dürfen daher nicht immer das Entlegenste für das Vortrefflichste halten und dann verstummen, wenn sich uns nicht etwas bietet, nachdem wir erst haben suchen müssen. In den entgegengesetzten Fehler verfallen diejenigen, welche das Thema zunächst mit eilendem Griffel durchlaufen und der Begeisterung und dem Schwung des Augenblickes folgend aus dem Stegreif niederschreiben; dafür haben sie den Namen silva (Wald, hier „ungeordnete Masse, unverarbeiteter Stoff”) erfunden; sie gehen dann wieder durch und verbessern, was sie nur so hingeworfen haben, aber Worte und Rhythmus lassen sich verbessern, in dem hastig zusammengeschriebenen Inhalt bleibt die alte Oberflächlichkeit. Es wird also richtiger sein, von vornherein Sorgfalt anzuwenden und den Gegenstand gleich so zu behandeln, daß unser rednerisches Kunstwerk nur noch ziseliert, nicht aber völlig neu gearbeitet werden muß. Bisweilen jedoch sollen wir uns den Affekten überlassen, in welchen der Schwung mehr wie die Sorgfalt wirksam wird.

Daraus, daß ich diese Nachlässigkeit beim Schreiben verurteile, wird zur Genüge klar, wie ich über die bekannte Liebhaberei des Diktierens denke. Denn bei dem noch so schnellen Schreiben bewirkt die Hand, welche der Schnelligkeit des Gedankens nicht folgen kann, eine gewisse Verzögerung; der hingegen, dem wir diktieren, drängt uns, und wir schämen uns wohl auch zu zögern oder stehenzubleiben oder zu ändern, indem wir gleichsam den Mitwisser unserer Schwäche fürchten. So kommt es, daß uns nicht nur Undurchgearbeitetes und Zufälliges, sondern indem wir nur den Zusammenhang mehren wollen, zuweilen auch Unpassendes entschlüpft, was weder beim Schreiben noch beim Freisprechen passiert.

Wenn aber der Schreiber langsam im Schreiben oder unsicher im Lesen, kurz, ein Stümper ist, wird der Lauf gehemmt, und das bereits im Innern bestehende Bild geht durch die Verzögerung bisweilen auch bei einem heftigen Auftritt verloren. Dann wird auch, da wir nicht allein sind, das lächerlich, was eine stärkere Gemütsbewegung zu begleiten pflegt und was wiederum zur Erregung unseres Inneren beiträgt, wie die Hände stark bewegen, die Mienen lebhaft spielen lassen, Schenkel und Seite schlagen, was Persius[8] meint, wenn er von gewissen Rednern behauptet: „Und er schlägt nicht auf die Brüstung und beißt sich die Nägel nicht ab.” Kurz, um mit einem Wort zu sagen, was für den Redner das förderlichste ist: es ist die Einsamkeit, welche im Diktieren aufgegeben wird, obwohl doch niemand bezweifelt, daß ein menschenleerer Ort und die tiefste Stille für den Schriftsteller am geeignetsten sei. Man darf jedoch nicht gleich auf die hören, welche glauben, daß am geeignetsten hierzu Haine und Wälder seien, weil da ein freier Himmel und eine schöne Gegend den Geist für das Erhabene empfänglich und schöpferisch mache. Mir scheint ein derartiger Aufenthalt auf jeden Fall mehr genußreich, als zum Studium anregend zu sein. Denn das, was an sich selbst der Ergötzung dient, muß uns notwendig von der eifrigen Beschäftigung mit der Arbeit ablenken, welche wir uns vorgenommen haben. Denn man kann nicht mit gutem Gewissen seine Aufmerksamkeit auf viele Dinge zugleich richten, jeder Blick aber auf einen andern Gegenstand läßt uns die vorgenommene Arbeit aus dem Auge verlieren. Die Schönheit des Waldes, ein vorüberfließender Fluß, das Rauschen der Baumwipfel, der Gesang der Vögel, der freie Blick in die Weite beansprucht unsere Aufmerksamkeit in dem Grade, daß ein solcher Genuß mehr zu einem Sichgehenlassen als zu angestrengter Gedankenarbeit einladet. Besser machte es Demosthenes[9], der sich an einem Orte verbarg, wo man keinen Laut hören konnte und keine Aussicht genoß, damit die Augen den arbeitenden Geist nicht ablenkten. Wenn wir bei Nacht arbeiten, so richten wir es am besten so ein, daß die Stille der Nacht, das verschlossene Zimmer und nur ein einziges Licht uns gleichsam birgt und so vor Störung sichert. Aber wie zu jeder gelehrten Beschäftigung, so braucht man hauptsächlich zu einer solchen eine gute Gesundheit und eine mäßige Lebensweise, welche eine solche hauptsächlich verleiht, da wir die von der Natur selbst zur Ruhe und Erholung bestimmte Zeit zur eifrigsten Arbeit benutzen. Wer jedoch nur so viel Zeit der Nacht verwendet, wie er sich vom Schlafe absparen kann, wird nicht fehlgehen. Denn ein fleißiges Arbeiten wird die Ermüdung schon von selbst verhindern, und die Tageszeit genügt vollauf, falls wir sie hierfür frei behalten, zu einer Beschäftigung bei Nacht zwingt die Not. Immerhin ist aber das Arbeiten bei Licht, falls wir es mit frischen Kräften und nach vorhergegangener Erholung beginnen, am freisten von Störung.

Aber Stille und Abgeschiedenheit und ein ganz sorgenfreies Herz sind zwar sehr wünschenswert, können aber nicht immer uns zuteil werden; deshalb soll man nicht gleich, wenn etwas störend dazwischenkommt, das Buch wegwerfen und den verlorenen Tag beklagen, sondern der Störung entgegentreten und durch Gewöhnung so weit kommen, daß die Stärke des Willens alle Hindernisse überwindet; wenn dieser mit aller Anstrengung auf die Arbeit gerichtet ist, wird von dem, was Auge und Ohr berührt, nichts bis zum Geist dringen. Oder fügt es der Zufall nicht häufig so, daß wir in Gedanken versunken uns Begegnende nicht sehen und vom Wege abirren? Man muß gegen die Ursachen zur Trägheit nicht nachgiebig sein. Denn wenn wir glauben, nur nach genossener Erholung, nur heiteren Gemütes, nur frei von jeder andern Sorge geistig tätig sein zu können, werden wir stets einen Grund haben, nachsichtig mit uns zu sein. Deshalb soll in der wogenden Menge, auf der Reise, beim Gastmahl der denkende Geist sich selbst eine Einsamkeit schaffen.

Was soll auch sonst werden, wenn wir einmal mitten auf dem Markt, umgeben von so vielen Richtern unter Wortwechsel und Geschrei, sofort eine zusammenhängende Rede halten sollen, wenn wir die paar Worte, welche wir auf dem Wachs aufzeichnen wollen, nur in der Einsamkeit wiederfinden können? Daher ersann Demosthenes, obwohl ein großer Verehrer der Einsamkeit, seine Reden am Ufer, wo die Wogen mit heftigem Gebrause brandeten, und gewöhnte sich so, dem Stimmengewirr einer Volksversammlung furchtlos gegenüberzutreten.

Auch etwas weniger Wichtiges – obwohl bei den Studien nichts geringfügig ist – will ich nicht übergehen, nämlich daß man am besten auf Wachs schreibt, wo man das Geschriebene leicht wieder ausstreichen kann, falls nicht schwache Augen die Benutzung von Pergament fordern, das zwar größere Deutlichkeit bietet, jedoch durch das häufige Hinundherbewegen der Hand zum Eintauchen des Schreibrohres ermüdet und den Zug der Gedanken hemmt. In beiden Fällen jedoch lasse man auf der entgegengesetzten Seite einen Raum frei, auf welchem für Zusätze freier Platz ist. Denn manchmal verleitet der zu enge Raum zur Faulheit im Verbessern und läßt das neu dazwischen Geschriebene mit dem alten zusammenfließen. Dann möchte ich, daß die Wachstafeln nicht übermäßig breit wären, da ich es selbst erlebt habe, wie ein junger Mann, welcher sonst eifrig war, übermäßig lange Reden hielt, weil er sie nach der Anzahl der Linien maß; und wie dieser Fehler, dem sich durch fortgesetzte Ermahnung nicht abhelfen ließ, durch eine Änderung der Schreibtafeln beseitigt wurde. Es muß auch ein Platz frei bleiben, auf welchem von den Schreibenden das kurz aufgezeichnet wird, was ihnen außerhalb des engeren Zusammenhanges, d. h. aus Teilen der Rede, mit deren Ausarbeitung sie augenblicklich nicht beschäftigt sind, einfällt. Denn häufig kommen uns sehr gute Gedanken in den Sinn, die wir weder einreihen noch aufsparen dürfen, weil sei dann entweder vergessen werden oder die mit ihnen Beschäftigten in dem weiteren Gedankengang stören, und die deshalb am besten niedergeschrieben werden.