Ich gehe zu der Nachbesserung über, dem bei weitem nützlichsten Teil des Studiums; hat man doch nicht ohne Grund behauptet, der Griffel sei in nicht geringerem Grade tätig, wenn er Geschriebenes wieder vernichtet. Zu dieser Tätigkeit gehört aber Hinzufügen, Hinwegnehmen und Ändern. Nun ist ein Urteilen leichter und einfacher, wenn es sich darum handelt, zu ergänzen oder wegzulassen; das Schwülstige aber zu vereinfachen, das Matte zu beleben, das Üppige zu beschränken, das Ungeordnete zu ordnen, das Unzusammenhängende dem Zusammenhang einzureihen, das zu stark Hervorgehobene zurückzudrängen: dies alles erfordert doppelte Mühe; denn auf der einen Seite muß man das, dem man bereits seinen Beifall geschenkt hatte, verurteilen, und auf der andern Seite das, was einem fern gelegen hatte, neu hinzu erfinden. Es unterliegt nun keinem Zweifel, daß es sich empfiehlt, erst dann zu dem Geschriebenen wie zu einer neuen oder fremden Arbeit zurückzukehren, wenn man es eine Zeitlang beiseitegelegt hat, damit uns das von uns Verfaßte nicht wie kleine Kinder sich einschmeicheln und gefallen. Aber auch dies kann zumal dem Redner nicht immer zuteil werden, da er häufig für das Bedürfnis des Augenblicks schreiben muß, man muß auch im Verbessern ein Ende finden können. Es gibt nämlich Leute, welche zu dem Geschriebenen jedesmal in der Voraussetzung, es sei fehlerhaft, zurückkehren, und die jede beliebige Änderung vorziehen, als ob das zuerst Geschriebene nicht das Recht habe, das Bessere zu sein; diese sind den Ärzten vergleichbar, welche auch am gesunden Fleisch schneiden. Die Folge davon ist, daß überall Narben sind, daß es an eigentlichem Gehalt fehlt, und daß Verbesserungen zu Verschlechterungen werden. Man gelange also endlich zu einer Freude an dem Geschaffenen oder doch zur Zufriedenheit mit demselben, damit die Feile glätte, aber nicht zerreibe. Auch in dem Zeitaufwand muß man Maß halten; denn wenn es heißt, Cinna[1] habe die Smyrna in einem Zeitraum von neun Jahren geschrieben, Isokrates aber an dem Panegyricus mindestens zehn Jahre gearbeitet, so geht das den Redner nichts an, da sein Beistand wertlos ist, wenn er so langsam erfolgt.