FÜNFTES KAPITEL
 
Über den Gegenstand der schriftlichen Übungen

Zunächst müssen wir uns darüber verbreiten, was hauptsächlich diejenigen, welche sich Fertigkeit erwerben wollen, schreiben müssen. Nun gehört eine Auseinandersetzung über die Stoffe, welche an erster, zweiter oder darauffolgender Stelle zu behandeln sind, nicht hierher (denn das ist schon im ersten Buch, wo wir einen Studienplan für die Knaben, und im zweiten Buch, wo wir einen solchen für die älteren Schüler entworfen haben, geschehen), sondern es ist die auf unser gegenwärtiges Thema bezügliche Frage zu beantworten, wodurch Fülle und Leichtigkeit hauptsächlich erreicht werden.

Griechisch in das Lateinische zu übersetzen, hielten unsere Redner der alten Schule für das beste. Dies behauptet Crassus in Ciceros Schrift „Über den Redner” häufig getan zu haben[1]; dies schreibt Cicero seinerseits oft vor[2], ja er gab sogar die Bücher Platos und Xenophons [3], welche er dementsprechend übersetzt hatte, heraus; dies fand auch den Beifall des Messalla, und viele seiner Reden sind auf diese Weise entstanden, so daß er mit der äußerst schmucklosen und für Römer sehr schwierigen Rede des Hyperides für Phryne[4] in die Schranken treten konnte. Die Berechtigung einer solchen Übung liegt auch auf der Hand. Denn an Fülle des Inhalts sind die griechischen Schriftsteller sehr reich und sie zeigen in der Beredsamkeit die größte Kunst; bei der Übertragung dieser kann nun der Übersetzer so verfahren, daß er stets den treffendsten Ausdruck wählt; denn wir gebrauchen ausschließlich die Worte der eigenen Sprache. Viele von den Redewendungen, welche zum Schmuck dienen, in abweichender Weise zu bilden, ist schon deshalb notwendig, weil die römische und die griechische Ausdrucksweise meist voneinander verschieden sind.

Aber auch die Übertragung aus dem Lateinischen dürfte wohl gleichfalls sehr förderlich sein. Was die Gedichte anbetrifft, wird dagegen niemand Widerspruch erheben, ist es doch eine Art der Übung, welche Sulpicius ausschließlich betrieben haben soll. Denn der erhabene Geist der Dichtung kann der Rede einen höheren Schwung geben, und die Ausdrücke, welche der poetischen Freiheit entsprechend kühner sind, haben nicht in gleicher Weise das Treffende des Ausdrucks zur Voraussetzung. Dagegen ist es uns erlaubt, den Gedanken selbst rednerische Kraft zu verleihen, Fehlendes zu ergänzen, Breites zu kürzen. Auch möchte ich die Forderung aussprechen, daß eine Umschreibung nicht erklärende Erweiterung sei, sondern ein Wettkampf und Streit bei Darlegung des gleichen Gedankens. Deshalb weiche ich auch von denen ab, welche die Übertragung lateinischer Reden mißbilligen, weil jede Veränderung notwendig eine Verschlechterung im Gefolge haben müsse, falls wir die besten Reden hierzu verwendeten. Denn wir haben gar nicht immer Grund, daran zu verzweifeln, dies oder jenes besser auszudrücken, als es bereits geschehen ist; auch ist die römische Beredsamkeit nicht so nüchtern und arm, daß man über einen Gegenstand nur auf eine Weise gut reden kann. Oder kann etwa der Schauspieler durch seine Bewegungen bei den gleichen Worten Abwechslung schaffen, während die Rede zurückstehen muß, indem ein Gegenstand rednerisch so behandelt werden kann, daß über den gleichen Stoff jedes weitere Wort überflüssig wäre? Aber gesetzt auch, daß das von uns Gefundene weder besser noch gleichwertig sei, so kann es doch dem Vorbild sehr nahe kommen. Oder kommt es etwa nicht vor, daß wir selbst über denselben Gegenstand zweimal und häufiger reden und manchmal in zusammenhängender Auseinandersetzung? Sollten wir etwa nur mit uns selbst in Wettstreit treten können, mit anderen hingegen nicht? Denn vorausgesetzt, daß nur auf eine Art ein Gegenstand rednerisch gut behandelt werden könnte, müßten wir zu der Meinung kommen, daß uns von unseren Vorgängern ein weiteres Vorgehen abgeschnitten sei: in der Tat aber sind die Möglichkeiten ungezählte, und gar viele Wege führen zu demselben Ziele. Ihren eigenen Reiz hat die Kürze, ihren eigenen wiederum die Fülle, nach anderen Gesetzen muß das Übersetzte, nach anderen das Ursprüngliche beurteilt werden, das eine läßt sich in schlichter, einfacher Redeweise, das andere in künstlich figürlicher Rede besser ausdrücken. Kurz, das eigentlich Bildende bei dieser Übung ist die ihr innewohnende Schwierigkeit. Dazu kommt noch das gewichtige Moment, daß die besten Schriftsteller auf diese Weise mit großer Sorgfalt studiert werden. Denn wir durcheilen ihre Schriften nicht in sorgloser Lektüre, sondern wir behandeln alles einzelne und dringen notwendigerweise in die Tiefe ein und lernen ihre Vorzüge dadurch schätzen, daß wir sie nicht nachahmen können.

Aber nicht allein Fremdes zu übertragen, sondern auch unser Eigenes auf verschiedene Arten zu behandeln, wird von Nutzen sein, in der Weise, meine ich, daß wir einzelne Gedanken auswählen und diesen so häufig wie möglich eine andere Wendung geben, sowie dasselbe Wachs immer wieder in andere Formen gegossen zu werden pflegt. Am meisten Fertigkeit, glaube ich, aber werden wir uns gerade bei Behandlung der einfachsten Gegenstände erwerben. Denn der Mangel an Können bleibt gar leicht verborgen, wenn man es mit einer vielgestaltigen Menge von Personen, Streitfällen, Ort– und Zeitverhältnissen, Warten und Taten zu tun hat, da sich dann von allen Seiten eine Fülle von Stoff darbietet, aus welcher man etwas auswählen kann. Erst das ist ein Prüfstein eines tüchtigen Könnens, wenn man das, was von Natur knapp ist, ausführlich zu behandeln versteht, wenn man das Unbedeutende steigert, dem Ähnlichen Abwechslung, dem Gewöhnlichen Reiz verleiht und über eine kleine Anzahl von Gegenständen ausführlich geistreich redet.

Hierzu werden am besten beitragen die Untersuchungen über zweifelhafte Fragen, welche, wie wir bemerkten[5], „Thesen” genannt werden; pflegte sich doch Cicero mit diesen zu üben, als er schon einen hohen Rang im Staate einnahm[6]. Dieser Übung ist die Widerlegung und das Beweisen einzelner Sätze verwandt. Denn da ein solcher Satz entweder ein Urteil oder eine Vorschrift enthält, so kann auf der einen Seite die Sache selbst, auf der andern Seite das Urteil über dieselbe untersucht werden. Dazu kommen die sogenannten Gemeinplätze, welche bekanntlich auch von Rednern[7] bearbeitet worden sind. Denn wer diese nur, indem er bei der Stange bleibt, ohne auf Abwege zu geraten, erschöpfend behandelt hat, der wird gewiß in dem, was mehrfache Abschweifungen zuläßt, um so reicher und für alle Fälle gerüstet sein. Laufen doch alle auf allgemeine Fragen hinaus. Denn es ist wohl kein Unterschied, ob wir sagen: der Volkstribun Cornelius [8] soll in Anklagezustand versetzt werden, weil er einen Antrag verlesen hat, oder ob wir fragen: wird die Amtsgewalt verletzt, wenn ein Beamter seinen Antrag dem Volke selbst vorliest, ob wir vor Gericht die Streitfrage aufstellen, ob Milo[9] den Clodius mit Recht getötet habe, oder ob wir sie formulieren: darf man einen Feind und staatsgefährlichen Bürger töten für den Fall, daß er sich in ebendem Augenblick nicht feindlich zeigt? Ferner: Hat Cato die Marcia dem Hortensius[10] unbeschadet seiner Ehre übergeben? oder: Ziemt so etwas einem rechtschaffenen Manne? Über eine Person wird das Urteil gesprochen, um den Wert einer Handlung wird der Streit geführt. Was aber die Deklamationen, wie sie in den Rhetorenschulen geübt werden, betrifft, so sind diese, falls sie nur der Wirklichkeit entsprechend und richtigen Reden verwandt sind, nicht allein, solange das Fortschreiten noch ein langsames ist, von großem Nutzen, da sie das Erfinden und Disponieren in gleicher Weise üben, sondern auch, wenn es schon zu einem gewissen Abschluß gelangt ist, und der junge Redner schon Lorbeeren auf dem Forum geerntet hat. Denn die Beredsamkeit erhält Befruchtung und Glanz gleichsam durch eine angenehmere Speise und erholt sich, nachdem sie in dem beständigen harten Kampf der Prozesse müde geworden war. Deshalb muß man in manchen zur Übung geschriebenen Aufsätzen die Breite der Geschichtschreibung anwenden und sich an der Ungezwungenheit der Dialoge mit Vergnügen üben; selbst mit Dichtern sich spielend zu beschäftigen wird nicht ohne Wert sein, sowie die Athleten sich an Muße und ausgesuchterer Kost erfreuen, nachdem sie auf einige Zeit dem Zwang in Speise und regelmäßiger Übung entsagt haben. Deshalb scheint mir auch Cicero der Beredsamkeit so große Förderung gebracht zu haben, weil er sich auch zu diesen nicht abseits gelegenen Studien gewendet hat. Denn wenn uns die Prozesse allein Stoff liefern, dann wird notwendig der Glanz schwinden, die feineren Organe werden an Geschmeidigkeit verlieren, und die Schärfe des Geistes wird im täglichen Kampfe stumpf werden.

Wie aber den im Gerichtskampf geübten und gleichsam im militärischen Dienstverhältnis befindlichen Rednern diese süße Speise Erfrischung und Stärkung bietet, so dürfen die Jünglinge nicht zu lange bei diesem bloßen Abbilde wahrer Verhältnisse verweilen und sich nicht an inhaltslose Fiktion gewöhnen, damit sie nicht aus jenem Wirken in der Dämmerung des geschlossenen Raumes, mit welchem sie durch langjährige Gewöhnung vertraut geworden sind, wie von dem Glanze der Sonne aufgeschreckt werden, sobald sie es mit einem wirklichen Prozesse zu tun haben. So ging es, wie man sagt, selbst einem Porcius Latro[11], welcher ein berühmter Lehrer der Beredsamkeit war. Als er, der sich einen großen Ruf durch seine Lehrtätigkeit erworben hatte, eine Rede auf dem Forum zu halten hatte, sah er sich zu der dringenden Bitte gezwungen, man möge die Sitzung in das Gerichtslokal verlegen. So ungewohnt war ihm der freie Himmel, daß man hätte glauben können, alle seine Beredsamkeit sei von Wand und Decke abhängig.

Deshalb möge ein Jüngling, welcher Stoff und Form in der rechten Weise zu gestalten von seinen Lehrern mit Fleiß gelernt hat (was keine grenzenlose Aufgabe ist, wenn die Lehrer ihre Sache verstehen und guten Willen haben), und der auch einige Übung erlangt hat, sich, wie es auch bei unseren Vorfahren geschah, einen Redner zur Nachfolge und Nacheiferung erwählen; bei Gerichtsverhandlungen sei er so häufig wie möglich anwesend und ein fleißiger Zuschauer bei dem Gerichtsverfahren, bei welchem er später selbst eine Rolle spielen wird. Dann soll er entweder die gleichen Verteidigungsreden, welchen er beigewohnt hat, schriftlich ausarbeiten, oder auch andere, aber solche, welche der Wirklichkeit entnommen sind, und er soll sich jetzt mit scharfen Waffen üben, wie wir es bei Gladiatorenspielen sehen, nach dem Beispiel des Brutus, welcher für Milo schrieb. Das ist besser, als Entgegnung auf die Reden der Alten schreiben, wie es Cestius[12] mit der Rede Ciceros für Cestius tat, obwohl er aus der Verteidigungsrede die Sache der andern Partei nicht hinreichend kennen konnte.

Noch schneller aber wird der Jüngling zum Ziele gelangen, wenn ihn sein Lehrer nötigt, bei seinen Deklamationen so sehr wie möglich der Wahrheit treu zu bleiben und die Stoffe vollständig zu bearbeiten, während er sich bisher die leichtesten und dankbarsten aussuchte. Freilich steht dem in zweiter Linie namhaft gemachten Punkt die allzu große Menge der Schüler und der Brauch, die Klassen an bestimmten Tagen deklamieren zu lassen, hindernd im Wege, einigermaßen auch die Urteilslosigkeit der Väter, welche die Deklamationen zählen und nicht nach ihrem Werte beurteilen. Aber ein vernünftiger Lehrer (wie ich im ersten Buche ausgeführt habe) [13] wird sich nicht mit einer größeren Anzahl von Schülern, als er vertragen kann, belasten; er wird zu große Weitschweifigkeit beschneiden, so daß er nur alles das, was die Streitfrage betrifft, vorbringen läßt, nicht wie es in der Methode einiger liegt, auch das, was in irgendwelchem Zusammenhang mit dem Stoff steht; auch wird er die Zeit, in welcher die aufgegebenen Vorträge gehalten werden müssen, lieber um mehrere Tage ausdehnen oder die Stoffe zu teilen erlauben. Das fleißig Ausgearbeitete wird von höherem Nutzen sein als eine größere Anzahl von nur begonnenen Versuchen, welche der Schüler gleichsam nur gekostet hat. In diesem Fall nämlich pflegt es so zu gehen, daß das einzelne nicht den rechten Platz erhält, und daß die Eingänge der Reden nicht innerhalb der gehörigen Grenzen bleiben, indem die Jünglinge blühende Redewendungen überall zusammensuchen und auf diesen Teil zusammenhäufen. Daher kommt es, daß sie in der Besorgnis, für den Vortrag der späteren Partien keine Zeit zu haben, die vorhergehenden durch Redeschmuck aller Art unklar gestalten.