Der Ausarbeitung größerer schriftlicher Arbeiten am nächsten verwandt ist die Anfertigung von Entwürfen im Kopf, welche ebenfalls von jener Übung ihre Kräfte empfängt und zwischen dem mühevollen Verfassen von Aufsätzen und dem Glückswurf der Improvisation in der Mitte steht und vielleicht am häufigsten zur Anwendung kommt. Denn längere Aufsätze anzufertigen, dazu sind wir nicht überall und nicht immer imstande, für Anfertigung von nicht aufgeschriebenen Entwürfen ist Zeit und Ort meist reichlich vorhanden. Ein solcher Entwurf umfaßt in wenigen Stunden selbst große Prozesse; er wird, sogar in der Dunkelheit der Nacht, wenn der Schlaf unterbrochen ist, gefördert; für ihn findet sich mitten in der Tätigkeit etwas freie Zeit, und für ihn läßt man keinen Augenblick unbenutzt. Auch gibt er nicht nur, wie es wohl genug wäre, eine Anordnung des Stoffes, sondern er verbindet auch die Worte und webt die ganze Rede so zusammen, daß ihm zur vollen Fertigstellung nur die schreibende Hand fehlt; übrigens haftet im Gedächtnis das meist weit treuer, was nicht durch die Mühe des Schreibens weniger fest aufgefaßt ist.
Aber auch zu dieser Fähigkeit des Entwerfens in Gedanken kann man nicht plötzlich oder schnell gelangen. Denn erstlich müssen wir durch vieles Schreiben eine Sicherheit in der Form erlangt haben, welche uns bei dem Entwerfen in Gedanken begleitet; dann ist allmählich die Erfahrung zu gewinnen in der Weise, daß wir uns nur an kleinen Aufgaben versuchen, deren treue Wiedergabe nicht schwierig ist; dann müssen wir unsere Fertigkeit vermehren, indem wir so wenig Neues hinzunehmen, daß wir eine Mehrbelastung nicht spüren, und endlich durch beständige Übung, welche hauptsächlich in einer Schulung des Gedächtnisses beruht, größere Stoffmassen umfassen; deshalb muß ich auch verschiedenes an jenem Orte, wo vom Gedächtnis die Rede sein wird, behandeln. Es kommt mit der Zeit dahin, daß der, bei welchem der Geist sich willig zeigt, durch eifriges Studium erreicht, daß bei ihm das, was er nur in Gedanken entworfen hat, ihm bei der Rede ebenso gegenwärtig ist, wie das, was er geschrieben und auswendig gelernt hat.
Cicero wenigstens ist Gewährsmann dafür, daß Metrodor [1] aus Skepsis und Empylus[2] aus Rhodos und von unseren Rednern Hortensius das in Gedanken Entworfene in ihren Gerichtsreden wörtlich wiedergaben.
Wenn aber vielleicht einmal während des Sprechens die Rede die Färbung der Improvisation erhält, so soll man nicht ängstlich bei dem vorher Ausgedachten haften bleiben. Hat doch auch dieses nicht eine so sorgfältige Ausarbeitung erfahren, als daß man nicht auch einem glücklichen Zufall Raum gönnen könnte, da doch häufig auch in das Geschriebene plötzliche Einfälle einfließen.
Deshalb ist bei dieser ganzen Art der Übung so zu verfahren, daß wir leicht den Entwurf verlassen und ihn wiederfinden können. Denn wie es das erste ist, von Hause eine stets in Bereitschaft gehaltene und sichere Fülle des Wortschatzes mitzubringen, so wäre es andererseits die größte Torheit, die Gaben des Augenblicks zurückzuweisen. Daher soll der in Gedanken ausgearbeitete Entwurf in der Weise beschaffen sein, daß uns der Zufall nicht außer Fassung bringen, wohl aber zustatten kommen kann. Durch ein starkes Gedächtnis aber wird erreicht, daß das von uns im Geiste Zusammengefaßte mühelos unseren Lippen entströmt, und daß uns die Sorge, das Zurückschauen und Anklammern an das Gelernte den Blick auf das Folgende nicht trübt, sonst würde ich selbst eine übermütige Improvisation einer übel zusammenhängenden Vorbereitung vorziehen. Denn es ist schlimm, wenn man nach rückwärts suchen muß, weil wir, während wir so suchen, von anderem uns abwenden müssen und die Gedanken aus dem Gedächtnis schöpfen, anstatt aus dem Stoff. Wenn man aber beides suchen muß, so ist dessen mehr, was noch gefunden werden kann, als dessen, was schon gefunden worden ist.