Heinrich Sohnrey:
Lorenheinrich.
Heinrich Sohnrey ist am 19. Juni 1859 in Jühnde, einem Dorfe im südlichen Hannover, geboren. Ein Sonntagskind war er; aber sein Leben ließ sich nicht an wie ein Sonnentag. Mit dem ärmlichen Können, das ihm die Dorfschule mitgegeben, hatte er in der Präparandenanstalt einen harten Stand. Das namenlose Heimweh sänftigte allein die Hoffnung, der Mutter bald eine Stütze sein zu können. In Hannover auf dem Lehrerseminar litt der einsame Träumer Not am Körper und an der Seele. Er begann Geschichten und Sagen zu sammeln; der Schriftsteller, der Dichter in ihm wagten die ersten unsicheren Schritte. Sechs Dorfschullehrerjahre in Nienhagen am Solling, in der Nähe von Northeim, nicht gar weit von seinem Heimatorte, brachten zwar nicht die ersehnte Befriedigung; aber sie wiesen den Weg zu ihr. In gründlicher Erforschung des Volkstums, wie es in Sage und Lied, in Spruch und Redensart, in Sitte und Brauch aus dem Urquell hervorbricht, in unermüdlichem Sammeln, Sichten und Gestalten aller Überlieferungen aus dem Volksmunde fühlte er sich immer reicher zu seinem rechten Lebensberuf heranreifen: dem Landvolke die Urkraft seiner Eigenart wieder ins Bewußtsein zu rufen, ihm neues Vertrauen zu seiner derben Urwüchsigkeit einzuflößen und es so von der verderblichen Krankheit der Landflucht zu heilen.
Gleich in seiner ersten großen Dorfgeschichte, »Hütte und Schloß«, die mit keckem Ungestüm diese Gedanken predigt, trat neben den Dichter unvermerkt der Sozialpolitiker, der Nationalökonom; der Schulmeister mußte weichen. Zwar zwang ihn nach zweijährigem Studium auf der Universität Göttingen die Not des Lebens noch einmal ins Lehramt zurück — er wollte sich eine Familie gründen; dann aber wagte er's mit dem Beruf des Schriftstellers. Nach Fehlschlägen, die ihn und die Seinen in die äußerste Not brachten, ging auch seinem Leben endlich die Sonne auf: seine Schriften hatten Erfolg, seine volkswirtschaftlichen Bestrebungen erregten die Aufmerksamkeit des preußischen Landwirtschafts-Ministeriums, und seit 1895 ist Sohnrey Geschäftsführer des »Ausschusses für Wohlfahrtspflege auf dem Lande« und wohnt jetzt in Berlin.
»Friedesinchens Lebenslauf« und »Hütte und Schloß«, zusammengefaßt unter dem Titel »Die Leute aus der Lindenhütte«, sind sein Hauptwerk. Daneben erschienen mehrere Sammlungen kleiner Skizzen und Erzählungen aus dem Dorfleben seiner Heimat: »Verschworen — verloren«, »Die hinter den Bergen«, »Rosmarin und Häckerling«. Der letzten Sammlung, »Im grünen Klee — im weißen Schnee«, ist die wundersam schlichte Erzählung vom »Lorenheinrich« entnommen. Sie ist jener heimlichen Schönheiten voll, die wir erst sehen, wenn ein Sonntagskind uns seine Augen leiht.
W. Lottig.