Sumatra. — Ankunft in Padang. — Reise in das Innere. — Fort de Kock. — Kotto-Godong. — Seltsame Gesetze. — Muara-Sipongie. — Widerrathen der Reise. — Die Battaker. — Ihre Gebräuche und Gesetze. — Abschied von den letzten Europäern.
Schon seit einiger Zeit war der Wunsch in mir rege geworden, eine Reise nach Sumatra (560 M.) zu machen; allein die Kosten des Dampfschiffes (fünfhundert Rupien für die Hin- und Rückfahrt) waren zu groß. Herr van Rees machte mir jedoch Hoffnung auf eine billige Ueberfahrt. Einige Stunden nach unserer Rückkunft von Tangerang fuhr er nach der Stadt, und sandte mir wirklich ein Briefchen, in welchem eine Karte eingeschlossen lag, lautend auf die Reise nach Sumatra und zurück. Wie groß meine Freude war, kann man sich leicht vorstellen.
Herr van Rees hatte darüber mit den in Batavia etablirten deutschen Kaufleuten gesprochen; sie waren sogleich bereit, eine Karte für mich zu besorgen. Ich sage diesen Herrn meinen innigsten Dank, und kann sie versichern, daß diese Reise die interessanteste von allen war, die ich gemacht habe.
Schon den folgenden Tag sollte der Dampfer Makassar, 120 Pferdekraft, Kapitän Bergner, absegeln. Meine Vorbereitungen waren schnell gemacht, und am 8. Juli 1852, Morgens um sechs Uhr ging ich an Bord, begleitet von meinem unermüdlich gefälligen Freunde, Herrn van Rees.
Denselben Tag noch bekamen wir die Küste von Sumatra zu Gesicht, ohne jene von Java zu verlieren. Beide Inseln sind sehr gebirgig, Java’s Berge aber höher und in Form und Gestalt abwechselnder.
10. Juli. Erst diesen Morgen verloren wir die Küste von Java aus dem Auge. Auf Sumatra zeigten sich zwei- bis dreifache Gebirgsketten. Ein schöner, ebener Landgürtel zog sich von der See bis an das Gebirge. Ebene und Gebirge waren üppig bewaldet.
11. Juli. Wir sollten zu Benkula, dem Hauptorte der Residentschaft gleichen Namens anlegen; allein der Ankerplatz ist selbst für Dampfschiffe nur bei ruhigem Wetter zu benützen; da uns dieses nicht begünstigte, mußten wir in die zwölf Meilen entfernte Pulu-Bay einlaufen. Der Kapitän ging zu Lande nach Benkula und kam erst den folgenden Nachmittag zurück. Gegen Abend ging die Reise weiter.
13. Juli. Morgens kamen wir zu Padang an, dem Hauptorte der Holländischen Besitzungen auf Sumatra. Die Lage dieser Stadt ist außerordentlich reizend. Auf der Westseite sind liebliche Hügel und niedere Berge, darunter der Gunang Batu der höchste (950 Fuß), der schroff aufsteigende 350 Fuß hohe Affenberg der auffallendste. Dieser letztere ist in die See hinaus geschoben und mit dem Lande nur durch eine schmale Erdzunge verbunden. Gegen Norden erhebt sich in der Entfernung von vier bis fünf Paal ein schöner Gebirgszug; zwischen diesem und der Stadt breitet sich eine sehr fruchtbare Ebene aus.
Padang ist die größte Stadt auf Sumatra: sie hat eine Bevölkerung von 27,000 Seelen und ist der Sitz des Gouverneurs, der vier Paal von der Stadt entfernt, nahe dem Gebirge zu „Wellkom“ ein schönes Haus bewohnt. Die Stadt ist nicht hübsch; die besten Gebäude sind die Magazine und Comptoir’s der Europäischen Kaufleute. Die Wohnhäuser der Europäer liegen nahe der Stadt in kleinen Gärten unter schattigen Kokospalmen, an welchen die ganze Gegend sehr reich ist.
Ich stieg zu Padang bei Herrn Major Kreling ab; allein kaum hatte der Gouverneur, Herr van Switen, meine Ankunft erfahren, als er selbst kam, mich nach seinem Hause einzuladen, wohin ich noch denselben Tag fuhr.
Meine Absicht war, in Padang selbst nur kurze Zeit zu verweilen; ich wollte das sogenannte Oberland, Benjol, Mandelling, Ankolla, Groß-Toba u. s. w. besuchen, und bis zu den freien, wilden Battakern unter die Kannibalen gehen. Auch hier wie zu Sarawak suchte man mich zu bereden, diesen Plan aufzugeben; man sagte mir, daß, seit im Jahre 1835 zwei Missionäre, die Herren Layman und Mansor, von den Battakern getödtet und auch gefressen worden seien, sich kein Europäer ohne Militärbegleitung unter sie wage. Man rieth mir, mich mit den Holländischen Besitzungen zu benügen, und mich nicht der beinah unvermeidlichen Gefahr auszusetzen, auf so gräßliche Art mein Leben zu verlieren. Allein gerade der Wunsch, unter die Battaker zu gehen, diese von den Europäern so wenig gekannten Völker zu besuchen, war es, was mich zu dieser Reise anspornte. Anderseits dachte ich, daß vielleicht die Schwäche meines Geschlechtes mein Schutz sein könnte. Ich gab den Warnungen kein Gehör, und trat am
19. Juli unter trübem, wolkenbedecktem Himmel die Reise zu Pferde an. Auch hier, wie zu Sarawak, stellte sich gleich am ersten Tage meiner Reise ein Hinderniß entgegen, das mich zur Rückkehr zwang. Als ich nämlich in die Nähe des Flusses Udjong-Karang kam, fand ich die Gegend in Folge mehrtägigen ununterbrochenen Regens weit und breit überschwemmt — das Wasser reichte den Pferden bis über die Brust. Ueber den Fluß selbst führte keine Brücke; sie war in der Nacht weggespült worden, und die Ueberfahrt auf einem Floße noch nicht geordnet. Ich mußte nach Padang zurück.
20. Juli. Mit wässerigem Sonnenschein zog ich aus; bald hatte ich beständigen Regen. Ich ging bis Lubulong, 20 Paal oder zwei Etappen. Auf Sumatra sind die Entfernungen in Etappen eingetheilt, d. h. in Militär-Stationen oder Märschen von je acht bis dreizehn Paal. Auf den Etappen findet man entweder einen Beamten oder ein kleines Fort, oder irgend ein der Regierung gehöriges Häuschen, in welchem man die Nacht zubringen kann. Auf manchen findet man auch Schreiber oder Aufseher, welche die Fremden gegen Bezahlung aufnehmen.
Die Gegend fing, sechs bis acht Paal von Padang entfernt, an ein etwas wildes Aussehen zu haben: wenige Reispflanzungen, dagegen viel Waldung, Gestrüppe und Alang-Alang. Die Bevölkerung schien mir, im Verhältniß zur geringen Kultur, bedeutend: ich kam häufig an Kampon’s vorüber. Da ein großer Theil der Bevölkerung Sumatras aus Malaien besteht, so sind auch hier die Hütten überall auf Pfähle gebaut.
In Sumatra wird, wie in Java, ebenfalls alles, Kaffee ausgenommen, von Menschen getragen, und zwar auf dem Kopfe. Der Kaffee wird durch Pferde und Büffel fortgeschafft. An der Straße liegen viele Hütten (Pasangruhan), an welchen fünf Fuß hohe Gestelle angebracht sind, auf die der Kulli die Last bequem vom Kopfe abschieben kann. Diese Hütten dienen ihnen zugleich als Schenke; sie finden da Thee, Kaffee (letzterer ein Abguß von den Blättern des Kaffeebaumes), gekochten Reis und Qué-qué (eine Art Kuchen oder Backwerk). Sie können daselbst auch die Nacht zubringen.
Man bezahlt den Kullis hier, wie auf Java 2½ Deut per Paal, und vertraut ihnen unbedingt alles an. Man erzählte mir einen einzigen Fall, in welchem sie zwar nichts entwendeten, aber dennoch dem Eigentümer einen großen Schaden zugefügt hatten. Ein Mineralog sandte mehrere Kisten mit Mineralien nach Padang. Die Kisten waren nicht verschlossen, und als die Kulli sahen, daß sie nichts als Steine enthielten, kamen sie überein, die Steine wegzuwerfen und die Kisten vor Padang mit anderen Steinen anzufüllen — sie meinten Steine wären Steine. Der Eigentümer blieb leider längere Zeit auf Reisen; als er zurück kam und den Verlust seiner Schätze entdeckte, war es zu spät, sie wieder aufzufinden.
In den größeren Ortschaften fielen mir offene Hallen auf, die von Holz gebaut, mit einem zierlich geschnitzten Dache bedeckt und mit hellen Farben bemalt waren. In diesen Hallen halten die Rajah’s ihre Beratungen, in ihnen werden alle Klagen vorgebracht und an den Tagen des Bazar’s alle größeren Handelsgeschäfte abgeschlossen. Desgleichen findet man auch eine Art Trommel, Tabu genannt, aufgestellt, auf welche geschlagen wird, so bald sich die Gemeinde bei irgend einer Gelegenheit versammeln soll. Die Trommeln sind acht bis fünfzehn Fuß lang, und haben oben eine viel größere Oeffnung (oft drei Fuß im Durchmesser) als unten; die obere Oeffnung ist mit einem Felle überzogen.
Der Hahnenkampf ist auf Sumatra erlaubt und scheint, je mehr man sich dem Innern nähert, immer beliebter zu werden. Ich begegnete nun schon vielen Männern und jungen Leuten, die ihre Streithähne stets unter dem Arme trugen.
21. Juli. Heute ging ich nicht weit, nur 10 Paal bis Kaju-Tanam. Schön und freundlich war es diesen Morgen; die Sonne schien so bescheiden, daß ich der Nähe des Aequators ganz vergaß. Einige Vögel sangen, zwar nicht mit so gewandter Kehle wie in Europa, allein für ein Tropenland artig genug; Affen schrien, lärmten und sprangen von Ast zu Ast. Auch die Gegend war schöner, die Gebirge großartiger und wechselnder in den Formen; die höchsten Berge, der Singallang und Merapi, sind 9 bis 10,000 Fuß hoch.
Ich hatte für diese Reise keine Pferde gekauft, da man mir zu Padang sagte, daß mich die Herren, bei welchen ich jeden Tag einzusprechen hätte, stets mit Pferden und mit einem Führer versehen würden. Und so war es auch. Nur mußte ich oft an einem Tage zweimal Pferd und Führer wechseln. Kaum war ich mit den Launen eines Pferdes vertraut geworden, so hatte ich wieder ein anderes zu versuchen. Oft erhielt ich Thiere, die so lebhaft waren, daß sie nach allen Seiten ausschlugen und nicht aufsitzen lassen wollten. Man mußte ihnen einen Vorderfuß aufheben und sie an der Nase festhalten. Saß ich oben, dann ging es in gestrecktem Galopp über Stock und Stein. Ich ließ ihnen stets willig die Zügel, wohl wissend, daß nach dem ersten Paal das Feuer von selbst erlosch.
Die Reise richtete ich folgendermaßen ein: Morgens zeitlich brach ich auf, durchritt meine Station, sie mochte kurz oder lang sein, ohne Unterbrechung und war gewöhnlich schon um zehn bis zwölf Uhr an Ort und Stelle. Nach einer halbstündigen Rast ging ich dann in die Umgebung auf die Insekten- und Schmetterling-Jagd.
Zu Kuju-Tanam fand ich in dem Kontrolor, Herrn Barthelemy, der mich sehr freundlich aufnahm, einen emsigen Vogel-Sammler; er begleitete mich auf meiner Jagd und versprach mir, Insekten und Reptilien zu suchen und für meine Rückkehr bereit zu halten.
22. Juli. 20 Paal nach Fort de Kock, auch Buckiet-tingi genannt.
Die erste Hälfte des Weges ist sehr romantisch; eine herrliche Straße windet sich durch eine Schlucht (bei den Holländern „Kluft“ genannt), die bewaldete Hügel und Berge einengen; ein Waldbach stürmt tobend und schäumend über Felsen und Steingerölle, während ein anderer knapp am Wege von einer sechzig bis siebzig Fuß hohen Wand herabstürzt. Am Ende der Schlucht steigt die Straße spiralförmig zu einer Höhe von 3000 Fuß empor und führt auf einer Hochebene fort.
Ich begegnete langen und vielen Zügen von Pferden und Büffeln (letztere vor Karren gespannt) mit Kaffee-Transporten, die nach Priaman an die Seeküste geschafft wurden, von wo man sie nach Padang verschifft. Die Pferde sind etwas größer als auf Java, die Büffel sehr groß und schwerfällig; die einen wie die andern besitzen jedoch wenig Kraft und Ausdauer. Man ladet den Pferden, die hier nicht vor Karren gespannt werden, nur einen Pikul auf. Ein Paar Büffel ziehen höchstens acht Pikul, und dieß nur, wenn es auf guten Wegen geht. Pferde wie Büffel machen per Tag nicht mehr als sechs Paal und ruhen jeden fünften Tag. Trotz dieser wenig anstrengenden Arbeit leben die Thiere nicht lange. Man füttert sie mit Gras und mit dem Marke der Sagopalme. Ein gewöhnliches Pferd kostet fünfzehn bis zwanzig Rupien, ein Büffel bis dreißig. Pferde, die aus dem Battaker-Lande kommen, etwas größer und weit stärker sind, werden bis zu zwei- und dreihundert Rupien bezahlt.
Fort de Kock liegt auf einer schönen Hochebene von beinahe 3000 Fuß Höhe und hat eine reizende Aussicht über weite Thäler und auf hohe majestätische Berge. Das Klima ist hier sehr gemäßigt mit kühlen Abenden und Nächten. Auf dieser Hochebene gedeiht die Weinrebe.
In Fort de Kock stieg ich bei dem Residenten des Agamer-Gebietes, Herrn Oberst van der Hardt, ab, einem ausgezeichneten Offiziere, der alle Kriege auf Sumatra vom Jahre 1830 bis 1849 mitgemacht hat und zuerst mit seinen Truppen in dem Battaker-Lande bis an den Eingang des Thales Silidong (Groß-Toba) vorgedrungen ist. Ich hatte Herrn van der Hardt[1] schon in Batavia, wohin er auf Urlaub gegangen war, kennen gelernt und in seiner Gesellschaft die Reise von Batavia nach Padang gemacht. Er überhäufte mich mit Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten jeder Art, und veranstaltete sogleich eine Partie, um mir die interessanteste Sehenswürdigkeit der Umgegend zu zeigen, den schönen und reichen Kampon Kotto-Godong (drei Paal). Dieser Kampon ist wirklich der geschmackvollste und reichste von allen, die ich nicht nur auf Sumatra, sondern auch auf Java und den übrigen Holländischen Besitzungen sah. Am meisten fiel mir die Bauart der Häuser auf: viel länger als breit, mit schmal zulaufenden Endseiten, die das Mittelgebäude überragen, gleichen sie eher Schiffen als Häusern. Die Dächer sind zwei- bis dreimal ausgeschweift und jede Ausschweifung mit zwei Spitzen versehen, was ihnen das Ansehen Türkischer Sättel gibt. Die Häuser sind von Holz und mit hellen Oelfarben angestrichen, die Vorder- und Seitenwände mit kunstvoll ausgeschnittenen Arabesken oft ganz bedeckt. Sie stehen auf Pfählen, von welchen man aber nichts sieht, da sie von Bambus- und Bretterwänden umkleidet sind. Man kann sich wirklich nichts geschmackvolleres, nichts originelleres vorstellen.
Das Innere besteht aus einem großen Gemache, das die ganze Länge und wenigstens drei Viertheile der Breite des Hauses einnimmt, und auf dessen äußerstem Ende ein kleines erhöhtes Plätzchen angebracht ist, welches dem Hause wie angehängt scheint und, mit Polstern, Matten und Teppichen reichlich belegt, der vornehmsten Frau zum Ehrenplatze dient. Der hintere Theil des Hauses ist in winzig kleine Kämmerchen abgetheilt, welche die Feuer- und Schlafstellen enthalten und stockfinster sind, da die Hinterwände keine Fenster haben. Jedem Hause gegenüber steht eine kleine, in derselben Art geschnitzte und angestrichene Hütte, welche zur Aufbewahrung des Reises dient.
In den Häusern wohnt nicht, wie bei den Dayakern, ein ganzer Stamm, sondern nur was zu einer Familie gehört.
Da der Rajah des Kampons[2] von unserm Kommen unterrichtet war, so fanden wir seine Familie in den kostbarsten Kleidern, die Wohngemächer mit Teppichen, Matten und Polstern belegt, alle Pracht, allen Reichthum entfaltet. Die Sarongs der Frauen waren von schwerer Seide und höchst geschmackvoll und reich mit Gold durchwirkt. Man zeigte uns Sarongs, die bis zu fünfhundert Rupien kosteten. Die Padjus waren von blauem, rothem oder grünem Seidensammt, mit Goldborden besetzt, die Kopftücher von Seide und so schwer an Gold, daß sie nicht um den Kopf gebunden, sondern mehr darauf gelegt wurden. Es gab deren bis zu dem Werthe von sechzig Rupien. Die Frauen weben die Sarongs und Kopftücher selbst, den Sammt kaufen sie. An den Handgelenken tragen sie kunstvoll gearbeitete goldene Armbänder und an dem kleinen Finger der linken Hand einige Ringe. Manche hatten diesen Finger auch mit einem zwei Zoll langen goldenen Nagel geschmückt, der gleich einem Ringe angesteckt wird und das Kennzeichen des Reichthums und Nichtsthuns ist.
Der Malaische Oberpriester machte uns seine Aufwartung im vollen Staate. Eine lächerlichere Kleidung war mir noch nicht vorgekommen. Er trug ein langes rosenfarbenes Unterkleid, darüber ein Oberkleid von weißem Gaze, mit drei Reihen breiter Spitzenfalten besetzt; die Aermel, ebenfalls mit Spitzen garnirt, reichten bis an das Handgelenke. Den komischsten Kontrast zu diesem Anzuge, den jede Europäische Dame als Ballkleidung hätte gebrauchen können, bildeten eine weiße Männerweste, ein kostbarer Gürtel mit prächtigen Waffen und ein weißer Turban mit einem großen Spitzenschleier, der bis über den halben Körper herabfiel. Als uns diese Erscheinung ansprach und den Schleier zurückschlug, erblickten wir ein junges, bartloses Gesicht. Wären wir nicht versichert gewesen, daß der Oberpriester vor uns stehe, so hätten wir sie eben so gut für ein Mädchen als für einen Mann gehalten.
Außer dem Hause des Rajah besuchten wir einige andere Hütten, in welchen wir die Frauen und Mädchen mit kunstvollen Goldwebereien beschäftiget fanden. Auch bei einem Goldarbeiter traten wir ein, der wahre Kunstwerke verfertigte, und zwar zu unserem größten Erstaunen blos mit Hilfe eines kleinen Amboses, einiger Hämmer, Nägel und anderer Kleinigkeiten. Alle seine Werkzeuge faßte ein kleines Kästchen, das er unter den Arm nehmen konnte, um seine Werkstätte nöthigen Falles überall aufzuschlagen.
Die gewöhnliche Tracht der Malaien auf Sumatra besteht ebenfalls aus einem Sarong nebst einer Kabai oder Padju; der einzige Unterschied ist, daß sie hier die Stoffe sehr dunkelblau, beinahe schwarz färben, während dieselben auf Java mehr buntfärbig getragen werden.
An Schönheit, oder besser gesagt Häßlichkeit, wetteifern sie mit ihren Stammgenossen auf Java und Borneo. Dieselbe breite Gesichtsbildung, dieselben weit hervorragenden Zahnkiefer, dieselben abgefeilten, schwarz gefärbten Zähne. Viele junge Leute haben schon Zahnlücken; die Reichen lassen sich goldene Zähne machen; aber nicht so sehr um die verlornen zu ersetzen, als um damit zu prunken; sie setzen sie blos bei besonderen Feierlichkeiten ein. Das weibliche Geschlecht hat hier die Ohrläppchen nur einmal durchstochen; dagegen wird aber alle Kunst angewandt, die Löcher so groß als möglich zu machen. Um dieß zu Stande zu bringen, stecken sie in die durchstochenen Ohrläppchen ein zusammengerolltes Blatt oder ein Stückchen Holz, das stets an Umfang zunimmt, bis die Oeffnung einen Zoll weit geworden ist. Diese Löcher sind in ihren Augen ein so vollkommener Schmuck, daß sie nicht nöthig finden, ihn durch Ohrgehänge zu verschönern; nur wenige hängen Gold-, Silber- oder Messingplatten daran, oder stecken ein rund geschnitztes Stück Holz durch.
Eine besondere Merkwürdigkeit des Agamer-Distriktes ist, daß hier die Weiber viele Rechte der Männer besitzen; letztere sind ihnen sogar in mancher Hinsicht unterworfen. In jedem Lande der Welt gewiß höchst originell, wird diese Erscheinung um so wunderbarer bei Mohamedanern, die uns armen Geschöpfen sogar die Seele absprechen wollen.
Wenn z. B. ein Mädchen heiratsfähig ist, so sucht die Mutter nach dem Bräutigam und bespricht sich mit der Mutter desselben, worauf die beiden Frauen die Sache abmachen, ohne den Vätern Stimme zu geben. Am Tage der Hochzeit holt die Mutter der Braut den Bräutigam ab; derselbe folgt der Braut in das elterliche Haus und geht ganz in ihre Familie über. Dieß hindert ihn jedoch nicht, mehrere Ehen zu schließen, nur nicht in demselben Kampon, so daß ein Mann, der mehrere Frauen besitzt, keinen festen Wohnplatz hat und bald in diesem, bald in einem andern Kampon wohnt.
Ein Mann weigert sich nie, die ihm gebotene Braut zu nehmen; mißfällt sie ihm, so kann er sie am Tage nach der Hochzeit verlassen. Die Braut hat nicht dasselbe Recht: sie kann ihrem Bräutigam, sollte die Wahl sie gereuen, nur vor der Hochzeit den Abschied geben und muß sich in diesem Falle mit einem Theile ihrer beweglichen Güter, wie Hornvieh, Geflügel, Hausgeräthe, mitunter auch mit Geld loskaufen.
Der Mann kann auch in der Folge seine Frau ohne die geringste Ursache verlassen; die Frau darf hier nur die Initiative ergreifen, wenn sie erlittene Mißhandlungen zu beweisen vermag. Bereuen die Eheleute die Trennung innerhalb vierzig Tagen, so können sie sich ohne Ceremonien wieder vereinigen. Sind aber die vierzig Tage vorüber, so müssen sie neuerdings durch den Priester getraut werden. Die geschiedene Frau kann sich nach drei Monaten und zehn Tagen wieder mit einem andern Manne verbinden[3].
Wenn die Frau stirbt, erbt der Mann nur die Hälfte der ihr gehörigen beweglichen Güter, außerdem nur, was sie ihm besonders vermacht. Die eigentlichen Erben sind die Kinder; hat sie deren keine, so geht das Vermögen auf die Kinder ihrer Schwester oder sonstigen weiblichen Verwandten über. Der Mann kann nur von seinem Stamme, seiner Mutter, oder seinen weiblichen Verwandten erben. Das Vermögen des Mannes erben dem zu Folge auch nicht seine Kinder, sondern die seiner Schwester oder weiblichen Verwandten.
Zu diesen sonderbaren Erbschafts-Gesetzen soll der Sage nach folgendes Ereigniß Anlaß gegeben haben:
Ein großer Fürst, dessen Wohnsitz weit von der See entfernt lag, träumte durch mehrere Nächte, daß er, um sein Glück zu befestigen, ein großes Prauh bauen lassen müsse. Der Traum verkündete ihm zu gleicher Zeit, sein nächster Blutsverwandter würde dieses Prauh mit leichter Mühe in die See schaffen. Der Fürst that, wie das Traumgesicht gebot. Als das Prauh fertig war, lud er alle seine Verwandten, so wie viele Rajah’s aus der Umgegend ein, da die Fortschaffung des Prauh’s unter großen Feierlichkeiten statt finden sollte. Er rief hierauf seinen ältesten Sohn herbei, und befahl ihm, das Prauh nach der See zu bringen. Der Arme wandte alle Kräfte an, doch vergebens: er vermochte es nicht von der Stelle zu bewegen. In dieser Weise rief der Fürst einen Sohn nach dem andern herbei; aber keinem gelang es. Zornentbrannt forderte er den Sohn seiner Schwester auf, und siehe — mit leichter Mühe schob es dieser an den Ort seiner Bestimmung!
In den Holländischen Besitzungen auf Sumatra herrscht eine eigenthümliche Art Sklaverei: sie darf nicht länger als zehn Jahre dauern. Die Sklaven kommen alle von der nahen Insel Nias, sind entweder Kriegsgefangene oder Schuldner und Verbrecher oder auch freie Leute und werden von dem Sultane dieser Insel verkauft. Sklave wie Sklavin kosten den festgesetzten Preis von 100 Rupien. Der Käufer muß sie ordentlich kleiden und nähren, darf sie mit Arbeit nicht überladen und muß jedem pr. Monat zwei Gulden Kupfer für Siri geben. Nach zehn Jahren sind sie frei, kehren aber selten in ihre Heimat zurück, da sie fürchten, von ihrem Sultane neuerdings verkauft zu werden.
Die Holländische Regierung sieht sehr darauf, daß die Sklaven nicht mißhandelt werden. Kurz vor meiner Ankunft wurde zu Padang eine Frau, die einen ihrer Sklaven arg mißhandelt hatte, wohlverdienter Weise auf fünf Jahre in das Strafhaus gesperrt und des Rechtes für immer verlustig erklärt, Sklaven zu halten. Den Sklaven, die sie hatte, wurde die Freiheit gegeben.
Wollte Gott, daß es in allen Sklavenstaaten so wäre!
Beinahe in jedem Hause sieht man Niaser; ich fand sie minder häßlich als die Malaien; nur sind die Weiber etwas gar zu klein.
In dem Distrikte von Agam wird schon sehr viel Kaffee gebaut. In den hiezu geeigneten Gegenden muß, wie zu Java, jedes Familienhaupt 300 Bäume pflanzen und pflegen. Der Kaffee wird in gereinigtem Zustande an die Magazine geliefert, die von den Pflanzungen oft zehn bis zwölf Paal entfernt liegen. Der Pflanzer erhält per Pikul sieben Kupfergulden. Für den Transport von den Magazinen an die Seeküste bezahlt man per Pikul und per Meile drei Deut. Dieses Geschäft ist gewöhnlich verpachtet.
Im Jahre 1851 wurden auf Sumatra schon 120,000 Pikul Kaffee gewonnen, was für die kurze Zeit, seit der man mit dem Kaffeebaue anfing, sehr bedeutend war. Die Regierung verkauft den Kaffee zu Padang im Versteigerungswege, gewöhnlich zu 20½ Rupien per Pikul. Der Ausfuhrszoll beträgt per Pikul für Holland zwölf, für das Ausland sechs Rupien.
Da Sumatra viel weniger bekannt ist als Java, und es manche meiner Leser vielleicht interessiren dürfte, zu wissen, welche Produkte hauptsächlich von dieser Insel ausgeführt und zu welchen Preisen sie angenommen werden, so füge ich hier eine kurze Uebersicht bei.
Im Jahre 1851 wurden ausgeführt:
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Kaffee
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der
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Pikul
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à
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20½
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Rupien
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120000
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Pikul,
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Reis
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„
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„
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„
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2½
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„
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50000
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„
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Benzoe,
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1. Sorte
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der
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Pikul
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à
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250 Rupien,
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250
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„
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Benzoe,
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2. Sorte
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„
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„
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„
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75–100 R.,
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4000
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„
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Drachenblut
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„
|
„
|
„
|
75
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Rupien,
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Cassia
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„
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„
|
„
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10
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„
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Schwarzer Pfeffer
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„
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„
|
„
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14
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„
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Weißer „
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„
|
„
|
„
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22
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„
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Gutta-Percha
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„
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„
|
„
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30
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„
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Gummi-Elastique
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„
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„
|
„
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25
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„
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Gambir
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„
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„
|
„
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18
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„
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Muskatnüsse (hier frei) der Pikul
à 90 Rupien.
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Von Kampfer (auf Sumatra am besten und theuersten) kommen im Handel jährlich höchstens zwei bis drei Pikul vor, die bis zu dem Preise von 7 bis 10,000 Rupien bezahlt werden. Ich komme hierauf später zurück.
Am 24. Juli setzte ich meine Reise wieder fort.
Herr van der Hardt war so gefällig, mir eine Reiseroute vorzuzeichnen, mich mit Empfehlungsbriefen für die Beamten und Offiziere zu versehen und mir Pferde nebst einen Führer bis Palembajang (20 Paal) zu geben.
Ganz nahe bei Fort de Kock führt der Weg durch ein kleines Thal, welches weit und breit durch seine eigentümliche Einfassung bekannt ist. Ungefähr 200 Fuß hohe, senkrechte, wie mit dem Meißel behauene Sandwände umgeben es; durch eine Spalte der Wände windet sich ein steiler Weg. Unten angekommen, durchreitet man üppige Reispflanzungen, von einem niedlichen Flusse bewässert, und ersteigt nach einer Meile auf eben so steilen Wegen wieder die Hochebene. Man nennt dieß kleine Thal Karbauwengat.
Von hier an bis Palembajang war das Land so hügelig, daß man es einer stürmisch wogenden See hätte vergleichen können. Hie und da an den Hügeln waren künstliche Terrassen angelegt, um das Wasser von einer Reispflanzung zur andern zu leiten. Der Weg führte häufig die Höhen hinauf und gewährte schöne Uebersichten der unzähligen Hügel und Terrassen, die zum Theile in dem saftigen Grün der jungen, noch kaum einen halben Fuß hohen Reispflanze prangten.
25. Juli. Bonjol, dreizehn Paal. Die ersten sechs bis sieben Paal ging es durch ein so enges Thal, daß man es eine Schlucht nennen konnte. Selten sah man eine Hütte, ein Reisfeld; das Gemurmel des Flusses Massang, das Geschrei der Affen waren die einzigen Töne, die mein Ohr trafen. Vor dem Ausgange der Schlucht führt eine Brücke über den Massang, dessen Ufer aus hoch aufgetürmten, von frischen, ewig grünen Schlingpflanzen überdeckten Felsen bestehen. Tief unten schäumt der Fluß durch das enge Felsbett.
Bald verläßt man den Massang, und kommt an den etwas bedeutenderen Alahan-Bajang, der eine kurze Strecke vor seiner Mündung in die See für Prauh’s schiffbar wird. Die wenigsten Flüsse auf der Westküste Sumatra’s sind selbst für kleine Boote befahrbar; sie haben einen zu kurzen Lauf um bedeutend zu werden, und einen sehr starken, von Gestein und Felsmassen unterbrochenen Fall.
Die Gebirgszüge, die Sumatra von Süden nach Norden durchziehen, verliert man nie aus dem Gesichte; bald ist man ihnen näher, bald ferner. Sie wechseln an Form und Höhe; mitunter erheben sie sich zu 5-7000 Fuß. Der Ophir auf der Westküste mißt sogar 9500 Fuß.
Bonjol liegt in einem weiten, zum Theil noch unkultivirten Thalkessel. Es steht hier ein kleines Fort. An vielen Weibern in dieser Gegend fiel mir die sonderbare Kopfbedeckung auf. Sie falten ein großes Tuch mehrfach zusammen und legen es gleich einer Last ganz lose auf den Kopf.
26. Juli. Lubuskoping, 10 Paal. Der Kontrolor, bei dem ich abgestiegen war, so wie einige Offiziere, begleiteten mich eine Strecke Weges. Als wir an den Fluß Alahan-Bajang kamen (zwei Paal), fanden wir ihn so angeschwollen, daß an keine Ueberfahrt zu denken war; wir mußten zurück nach Bonjol.
Innerhalb der Grenzen von vier bis fünf Grad nördlich und südlich des Aequators tritt die Regenzeit nicht so regelmäßig ein, und es regnet da viel häufiger als in den weiter von dem Aequator entfernten Gegenden. Ich hatte auf Borneo nichts als Regen, auf Java vergingen wenige Abende ohne Regen, und eben so war es hier auf Sumatra. Für Reisende kann es nichts Unangenehmeres geben, besonders wenn die Wege schlecht sind und man über Flüsse ohne Brücken oder durch Waldungen muß. Selten verging ein Tag, ohne daß ich vollkommen durchnäßt wurde.
Nachmittags kam die Nachricht, daß der Fluß gefallen sei, und daß man ihn übersetzen könne. Ich eilte fort und wurde glücklich in einem kleinen Boote hinüber gefahren; die Pferde mußten schwimmen.
Ich passirte heute den Aequator zu Pferde.
Gestern wie heute waren die Wege theilweise sehr schlecht. Der Regen hatte den lehmigen Boden so schlüpfrig gemacht, daß es schwer und gefährlich wurde, mit den unbeschlagenen Pferden über die oft sehr steilen Hügel zu kommen. Auch fand ich die Pferde nirgends in der Welt so ungeschickt wie hier: sie stolperten über jeden Stein, fielen in jedes Gräbchen und fanden auf den Brücken gewiß die morscheste Stelle, um den Fuß darauf zu setzen. Dabei erschracken sie über alles, oft über ein großes Blatt, das am Wege lag. Ich kann den Pferden Sumatras mit gutem Rechte dieses schlechte Zeugniß geben, ich habe sie erprobt, wie wenig Männer, da ich sehr viel ritt und alle Paar Stunden ein anderes Pferd bekam.
Lubuskoping liegt in einem schönen großen Thale. Man sieht hier den Ophir besser als von jeder andern Seite, da die Vorgebirge sich zertheilen und hierdurch einen vollkommenen Anblick dieses Berges vom Fuße bis zur Spitze gestatten.
In dieser Gegend tragen die Leute sehr große Hüte von zwei bis drei Fuß im Durchmesser. Sie sind aus Palmenblättern gemacht, ganz flach und haben in der Mitte eine nur sechs Zoll hohe Spitze, die mit Blumen oder andern Kleinigkeiten geziert ist.
27. Juli. Panty, 18 Paal. Die Hälfte des Weges führte durch schöne Waldthäler, und meistens durch Alang-Alang. Ueberall gab es häufige Spuren von Elephanten-Tritten und Tigerklauen. Sumatra ist an Tigern sehr reich. Die Leute, welche die Briefe durch das Land tragen, gehen Abends nie ohne Feuerbrände. Sonderbarer Weise veranstalten weder die Europäer noch die Eingebornen Tigerjagden wie in Brittisch-Indien.
Die Regierung zahlt für jeden erlegten Tiger zehn Rupien. Die Eingebornen fangen sie in Fallen.
Panty liegt mitten in den herrlichsten Waldungen; dessen ungeachtet sind die Hütten der Eingebornen überaus klein und elend: die Leute sind zu träge, das zum Baue nöthige Holz zu fällen. Sie leben hier überhaupt in der größten Armuth, besitzen kaum ein Paar irdene Töpfe und einige Matten, gehen halb nackt oder in Lumpen gekleidet und sehen sehr schmutzig aus. An alledem ist ihre Trägheit schuld. Sie haben zwar der Regierung viele Händearbeit zu leisten, aber sonst keine Abgaben. Die Männer ergeben sich größtentheils dem Spiele und dem Müssiggange, unterhalten sich mit Hahnenkämpfen, werfen, wie bei uns die Kinder, Kupfermünzen oder Steinchen in kleine Löcher, lassen Drachen steigen, schlagen die Zeit mit einer Art Bretterspiel mit kleinen Steinchen todt, schlafen viel und sitzen mitunter auch Tage lang beisammen, ohne etwas anders zu thun als Siri zu kauen oder zu schwatzen. Hätte unser herrlicher Schiller in diesem Lande das Licht der Welt erblickt, er würde die Männer „das leer geschwätzige Geschlecht“ genannt haben, und nicht uns Frauen.
Die Weiber arbeiten viel mehr als die Männer. Bei den Straßen-Ausbesserungen zählte ich durchschnittlich drei Weiber auf einen Mann; in den Kaffeegärten haben sie die meisten Verrichtungen, auf dem Felde schneiden sie den Reis, treten und stampfen ihn aus den Aehren und tragen alle Lasten nach Hause. Ich sah manches Weib mit einer schweren Last auf dem Kopfe, einer zweiten unter dem Arme und einem auf den Rücken gebundenen Kinde mühsam einherschreiten, während der Mann leer daneben ging.
Ich will damit nicht sagen, daß die Männer gar nichts thun; aber sie arbeiten gewiß nicht halb so viel als die Weiber. Erstere pflügen mit Büffeln das Feld und pflanzen den Reis, — allerdings eine beschwerliche Arbeit, da sie dabei bis über die Schenkel im Wasser stehen müssen.
An den Bauten der Straßen und Brücken, der Kaffeemagazine und der Wohnhäuser der Beamten darf auf Befehl der Regierung kein Weib Theil nehmen. Dieser menschenfreundliche Befehl wurde in der Absicht gegeben, das schwache Geschlecht doch einigermaßen zu schützen.
Auf Sumatra schneidet man den Reis nicht Halm für Halm, wie auf Java, sondern man nimmt mit einem sichelförmigen Messer so viel Halme auf einmal ab, als mit der Hand gefaßt werden können. Die Aehren werden auf dem Felde selbst ausgetreten; zu diesem Zwecke sind kleine Gestelle von Bambus errichtet, die neun Fuß hoch und fünf Fuß breit sein mögen. Zwei Fuß von der Erde ist an dem Gestelle ein hölzerner Boden angebracht, mit kleinen Löchern, durch welche die Reiskörner durchfallen können. Auf diesem Boden werden die Aehren mit den Füßen ausgestampft. Ein Blätterdach an der Spitze des Gestelles schützt die Arbeiter vor der Sonne.
Man rechnet in Sumatra die Reisernte durchschnittlich auf sechzig bis achtzig Prozent, während sie in Java hundert bis zweihundert gibt.
28. Juli. Rau, 13. Paal. Ein ziemlich ausgedehnter Kampon mit einigen angestrichenen, mit Schnitzwerk versehenen Bretterhäusern und einem kleinen Fort. Die Lage dieses Ortes ist sehr ungesund; es herrschen böse, hartnäckige Wechselfieber, die bei den Europäern häufig in Auszehrung oder Wassersucht übergehen.
Hier beginnt die Provinz Mandelling, mit dem Distrikte Ulu (von den Eingebornen „Lubu“ genannt). Die Uluaner oder Lubuaner werden von manchen für ein Stammvolk gehalten, von andern für verwilderte Malaien. In diesem Distrikte fangen auch schon die Battaker an.
29. Juli. Muara-Sipongie, 10 Paal. Langweiliger Ritt durch wellenförmige, schmale, mit kurzen Alang-Alang bewachsene Thäler. Man sah keine menschliche Wohnung, man hörte keinen Laut — alles war todtenstille wie in den Sandwüsten Afrika’s.
Ich befand mich nun schon mitten unter den Battakern; jedoch könnte man diese die „gezähmten“ nennen, da sie unter der Holländischen Regierung stehen (seit zehn Jahren) und daher natürlich ihrer Begierde nach Menschenfleisch entsagen müssen.
Zu Muara-Sipongie empfing mich Herr Kontrolor Schoggers auf die zuvorkommendste Weise: er kam mir mehrere Paale entgegen geritten. Da ich früh eintraf, und gerade großer Bazar gehalten wurde, ging ich mit ihm dahin. Man sieht bei solchen Gelegenheiten viel Volk; auch sagte mir Herr Schoggers, daß in den kleinen Flüssen dieses Distriktes viel Gold gefunden und zum Verkaufe nach dem Bazar gebracht werde. Wir fragten nach dieser Waare. Die glücklichen Besitzer waren so lumpig gekleidet, daß ich keine Kupfermünzen, viel weniger Gold bei ihnen gesucht hätte. Sie brachten Päckchen zum Vorscheine, so groß, daß man einige Pfund Goldes hätte vermuthen können; allein da gab es der Umwicklungen so viele, daß am Ende ein winziges Säckchen mit etwas Goldstaub, oder ein erbsengroßes Goldklümpchen zum Vorschein kam. Für das größte Stück, das ich sah, verlangte man siebzehn spanische Thaler. Jederman hat das Recht, Gold zu suchen; nur muß er von dem Funde die Hälfte an seinen Rajah abgeben.
Neben dem Bazar (einer offenen Halle mit einem Blätter-Dache) war ein kleiner umzäunter Raum, wo die Hahnenkämpfe stattfanden. Eine Menge Menschen standen gedrängt umher; es gab sehr viele Kämpfe und Wetten, und zwar wetteten die Leute keine Kupfermünzen, sondern Spanische Thaler. Dieses Reichthums ungeachtet waren sie alle so armselig gekleidet, daß man sie für Bettler hätte halten mögen.
Die Vorbereitungen zum Kampfe, die Aufreizung der Thiere u. s. w. gingen in derselben Art vor sich, wie auf Java; nur machten hier die Hahnenbesitzer hinter ihren Hähnen schreckliche Grimassen mit Gesicht, Händen und Füßen. Einer unter ihnen blies während des Gefechtes auf seinen Hahn; die Wettenden wie die Zuseher nahmen dies sehr übel, und es entstand ein allgemeines Gemurmel. Nach kaum einer Minute verließ der eine Hahn das Schlachtfeld; der andere wurde als Sieger erklärt, obwohl er, zu Tode verwundet, bald zusammenstürzte und früher den Geist aufgab als der Besiegte. Andere Hähne ersetzten sogleich die Stelle der geopferten. Halbe Tage lang unterhalten sich die Menschen mit diesem grausamen Spiele und verlieren Summen, mit welchen sie ihrem häuslichen Elende vollkommen aufhelfen könnten. Unter den Battakern ist der Hahnenkampf viel weniger beliebt als unter den Malaien. Hier gibt es noch viele Malaien, daher auch viele Hahnenkämpfe.
Herr Schoggers hatte die Güte, Nachmittags mehrere Battakische Rajah’s von den umliegenden Dörfern zusammen zu berufen, um mit ihnen über meine Reise zu sprechen. Er selbst hielt die Reise in das unabhängige Battaker-Land für höchst gefährlich und führte das gräßliche Schicksal der beiden Missionare an; doch fügte er hinzu, daß dieser Mord zum Theile aus Mißverständniß geschehen sei. Einige Zeit vor den Missionären hatten nämlich mahomedanische Priester mit Kriegsgefolge einen Einfall in das Battaker-Land gemacht und die Leute auf die grausamste Weise mit Feuer und Schwert (gleich unsern edlen Vorfahren in Mexiko und Peru) zur Annahme ihrer Religion gezwungen. Als hierauf die Amerikanischen Missionäre als Religionslehrer in ihr Land kamen, geriethen die Battaker in große Wuth, sahen in ihnen neue Religionsquäler, mordeten sie und fraßen sie auf.
Des Abends saßen wir in Gesellschaft mehrerer Rajahs, umgeben von vielem Volke, denn weit und breit hatte man schon gehört, eine Frau sei hier, die sich in das verrufene Land wagen wolle. Die Rajah’s, so wie viele aus dem Volke, riethen mir die Reise ab. Da ich jedoch fest dazu entschlossen war, fragte ich nur, ob es wahr sei (wie manche Reisebeschreibungen behaupten), daß die Battaker die Leute nicht gleich tödteten, sondern lebend an Pfähle bänden, ihnen das Fleisch stückweise vom Körper schnitten und es warm mit Tabak und Salz verzehrten. Dieses langsame Hinmorden hätte mich doch ein wenig abgeschreckt. Aber man betheuerte mir einstimmig, daß dies nur mit jenen geschähe, die schwerer Verbrechen wegen zum Tode verurtheilt seien. Die Kriegsgefangenen werden an einen Baum gebunden und enthauptet; dann fängt man ihr Blut sorgfältig auf und trinkt es warm oder verzehrt es mit gekochtem Reise gemischt. Hierauf geht es an die Theilung. Die Ohren, die Nase, die Leber und die Fußsohlen sind ein ausschließendes Vorrecht des Rajah’s, der außerdem noch seinen Antheil an dem Körper erhält. Die schmackhaftesten Theile sind die Fußsohlen, das Innere der Hand, das Fleisch am Kopfe, das Herz und die Leber. Gewöhnlich rösten sie das Fleisch und verzehren es mit Salz. Den Weibern ist es nicht erlaubt, an diesem Festessen Theil zu nehmen.
Die Rajah’s versicherten mir mit höchst begehrlichen Mienen, daß Menschenfleisch sehr gut schmecke und daß sie es gerne essen würden.
Aus dem Baumstamme, an welchen die Unglücklichen ihr Leben enden, werden gewöhnlich vier bis sechs Fuß hohe Stöcke geschnitten, mit einer Figur oder einigen Arabesken verziert und mit Menschenhaaren oder Federn geschmückt. Ein solcher Stock heißt „Tungal-Panaluan,“ d. i. Zauberstock. Sie legen ihm wunderbare Kräfte bei und besuchen keine Kranken, geben keine Arzneien, ohne ihn zur Hand zu nehmen.
Die Battaker beobachten gleich den Dayakern keine religiösen Gebräuche; sie beten nicht und haben weder Priester noch Tempel. Sie glauben an gute und böse Geister. Von ersteren nehmen sie eine sehr kleine, von letzteren eine sehr große Zahl an. Wird ein Mensch krank, so behaupten sie, der böse Geist sitze in ihm; jedes Unglück wird einem solchen Dämon zugeschrieben. Manchmal fährt, ihrer Meinung nach, der böse Geist auch in einen Menschen, ohne ihn krank zu machen; dieser wird dann hoch verehrt, da man fürchtet, in dem Menschen den Geist zu beleidigen. Alles, was ein solcher Besessener spricht, wird als Orakelspruch angenommen und getreu erfüllt. Gewöhnlich hat der Rajah die Ehre vom Bösen besucht zu werden. Er zeigt dabei viele Grimassen und Zuckungen, geberdet sich besonders bei den Tänzen wilder als alle übrigen und benützt in diesem Zustande die Leichtgläubigkeit des Volkes, seine Wünsche in Orakelsprüchen kund zu geben. Man zeigte mir unter den Anwesenden mit vieler Hochachtung einen Knaben, der „der Sohn des Bösen“ genannt wurde, da sein Vater von diesem Unholde besessen war.
Bei Taufen, Vermählungen, Sterbefällen gibt es keine Ceremonien. Nur wenn ein bedeutender Rajah stirbt, werden die Rajah’s der Umgegend zur Beerdigung eingeladen. Jeder kommt in Begleitung mehrerer Lanzenknechte und bringt ein Büffelkalb mit. Die Kälber schlachtet man, vertheilt das Fleisch unter die ganze Gemeinde, und durch mehrere Tage, oft Wochen hindurch wird nichts als gegessen, Suri getrunken[4] und getanzt.
Ihre Regierungsform ist konstitutionell-monarchisch; der Rajah ist das Oberhaupt; doch geht jedermann, selbst der Sklave, mit ihm wie mit seines gleichen um; auch seinen Befehlen wird nicht immer strenger Gehorsam geleistet, obwohl seine Person hoch geachtet ist. Bei wichtigen Angelegenheiten kommen viele Rajah’s zusammen, um Rath zu halten. Der älteste Sohn ist Haupterbe; er erbt alle Weiber seines Vaters, die er zu den seinigen machen kann.
Die Männer müssen ihre Frauen kaufen. Die Tochter eines Rajah wird nicht selten mit 40 Piaster in Gold und einigen Büffeln bezahlt. Die Männer kaufen ihre künftigen Frauen oft schon im zartesten Alter; sie nehmen sie in ihr Haus und behandeln sie wie ihre Kinder. Ist ein Mann zu arm, um sich eine Frau zu kaufen, so zieht er zu der Familie seiner Frau und arbeitet da wie ein Sklave. Selten nimmt ein Mann mehr als eine Frau, weil ihm die Mittel zum Ankaufe gewöhnlich fehlen.
Die Battaker sind in vielen Dingen andern wilden Völkern voraus: sie lesen und schreiben, ihre Gesetze sollen im allgemeinen sehr gut und zweckmäßig sein, — bei alle dem aber sind sie Menschenfresser.
Herr Schogger fügte diesen Berichten noch bei, daß die der Holländischen Regierung unterworfenen Battaker jede Verpflichtung genau und willig erfüllen, daß man den Kulli’s Gut und Geld sicher anvertrauen könne, und daß Diebstähle, Morde und überhaupt Verbrechen höchst selten vorkommen. Für einen Diebstahl ist die ganze Gemeinde, in welcher er vorfällt, verantwortlich; letztere muß das Gestohlene ersetzen, oder den Thäter überliefern. Morde finden nur aus Eifersucht statt. Ein Verbrecher wird nicht eingesperrt, sondern bis einige Tage vor Vollziehung der Strafe seiner Familie übergeben, die für ihn bürgt. Gerichtet werden die Battaker, auch unter der Holländischen Regierung, noch nach ihren Gesetzen, die leider für den Reichen sehr vortheilhaft sind, da er sich sogar von der Todesstrafe loskaufen kann. Der größte Theil der Summe kommt in diesem Falle dem Beleidigten oder seiner Familie zu. Die zum Tode Verurtheilten werden auf dem Bazar enthauptet. Sie gehen dem Tode nicht nur mit Muth, sondern sogar mit Fröhlichkeit entgegen. Sie schmücken sich auf’s beste, bekränzen sich mit Blumen und kommen singend und tanzend in Begleitung ihrer Verwandten und Freunde auf den Richtplatz.
Diese Gleichgültigkeit für den Tod ist auch den Malaien und überhaupt den meisten rohen Völkern eigen. Viele schreiben sie ihrem Stumpfsinne zu.
30. Juli. Kotto-Nopau, 11 Paal. Das Land fortwährend hügelig und größtentheils mit Alang-Alang bedeckt. An Kampons war kein Mangel, die Hütten aber elend, kaum fünfzehn Fuß im Gevierte. Da kauert alles auf einer schmutzigen, zerrissenen Matte, in einer Ecke glimmt ein Feuer, an dem höchstens ein irdener Topf steht, der den ganzen Hausrath ausmacht. Die Bewohner sind sehr ärmlich in zerrissenes, dunkelblaues Zeug gekleidet. Die Kinder gehen ganz nackt, die Mädchen und Weiber häufig bis an den Gürtel. Zwei Hütten, wenig größer als Taubenschläge, sah ich sogar auf hohen Bäumen zwischen den Aesten — sie dienten ebenfalls zu Wohnungen.
Ich kam an vielen kleinen Bächen mit gelbem, trüben Wasser vorüber; in diesen suchen und finden die Leute das Gold. Gerade hier, wo die Leute an der Quelle des Goldes saßen, war die Armuth am größten. Führt doch dieses Metall statt Segen, überall nur Fluch mit sich.
Vier oder fünf Meilen von Muara-Sipongie besah ich abseits der Straße in einem Kaffeegarten einige Battakische Grabmäler. Sie bestanden aus viereckigen Stein- oder Erdhügeln von drei bis vier Fuß Höhe, auf welchen ein einfacher, hölzerner Sarg stand. Die Ecken waren mit vier Fuß hohen, aus Holz geschnitzten Menschenfiguren geschmückt, die den jämmerlichsten Fratzen glichen. Jede Grabesstätte war mit einem Dache bedeckt und von einem hölzernen Geländer umgeben. Die Leiche liegt nicht in dem Sarge, sondern unter der Erde.
31. Juli. Fort Elout (Panjabungan), achtzehn Paal. Waldparthien, Gesträuche, junge Kaffeepflanzungen verdrängten an vielen Stellen das traurige, einförmige Alang-Alang. Fort Elout liegt in einem großen, hügeligen, von schönen Gebirgen umgebenen Thale und ist der Sitz eines Assistent-Residenten.
Noch in keinem Distrikte fand ich so nette, reinliche Kampons als in diesem. Man schreibt dies der Aufsicht und den Bemühungen des gegenwärtigen Assistent-Residenten Herrn Godoon zu. Die Hütten sind zwar klein, aber sehr rein gehalten, und stehen in langen, regelmäßigen Reihen, eine von der andern etwas getrennt. Der Unrath darf nicht unter die Hütte oder vor dieselbe geworfen werden, und das Hornvieh hat seinen Aufenthalt außerhalb des Kampons. Früher war diese Gegend sehr ungesund; seit aber die Menschen einiger Maßen an Reinlichkeit gewöhnt sind, herrschen viel weniger Krankheiten.
Auch die Brücken und Straßen zeigen von der Sorgfalt des Residenten. Die Brücken sind alle gemauert, die Straßen sehr gut unterhalten. Letztere haben eine Breite von wenigstens zwanzig Fuß, was mir überflüssig erschien, in einem Lande, wo noch kein Fuhrwerk im Gebrauche ist. Die Holländische Regierung läßt aber alle Straßen so bauen, für den Fall, daß Militär-Züge hindurch zu gehen haben.
Das Bauen der Straßen ist für die Eingebornen eine harte Aufgabe, da ihre einfachen Werkzeuge zu derlei Arbeiten gar nicht geschaffen sind. Zum Brechen der Felsen haben sie eiserne Stangen, zum Graben in der Erde handbreite, unten scharf zugehauene Hölzer. Die Erde schaffen sie mit den Händen aus den Gruben. Das Alang-Alang, das die wenig benützten Wege fortwährend überwuchert, schneiden sie mit kleinen Messern ab. So mühsam wie die Straßen bauen sie auch die Wohnhäuser der Beamten und die Kaffeemagazine. Ich sah oft sechs bis acht Menschen an einem Balken oder einigen Brettern schleppen.
Wenn ich Bemerkungen über die Mangelhaftigkeit der Werkzeuge, über die Art des Arbeitens machte, gab man mir zur Antwort: „Die Leute sind es so gewöhnt.“ Warum sucht man sie denn in andern Sachen von ihren Gewohnheiten abzubringen? An das Bauen der Straßen und Gebäude, an das Anlegen der Kaffeegärten, Zucker- und Gewürz-Pflanzungen waren sie, bevor die Europäer kamen, gewiß noch nicht gewöhnt. Aber leider wird in vielen Ländern auf die Gewohnheiten und Nicht-Gewohnheiten der Völker nur in so ferne Rücksicht genommen, als sie der Regierung Nutzen oder Schaden bringen. Das Wohl der Unterthanen selbst kümmert sie nicht viel. So ist es auch hier; die Straßen, die Brücken, die Gebäude müssen unentgeldlich hergestellt werden; ob fünfzig oder hundert Menschen, und auf welche Art sie daran arbeiten, ist der Regierung gleichgültig.
Ein anderer Druck für die Eingebornen, in deren Nähe Beamten wohnen, ist, daß sie diesen viele häusliche Dienste, Gartenarbeiten, Botengänge u. dgl., überall unentgeldlich, verrichten müssen. Die Zahl solcher Leute, auf welche der Beamte ein Recht hat, ist nicht bestimmt; es mißbrauchen daher gar manche ihre Macht und nehmen viel mehr Leute, als sie eigentlich sollten.
Der jetzige Gouverneur-General, Herr Deimar van Twist, soll eifrig bemüht sein, alle diese Mißbräuche und Bedrückungen so viel wie möglich abzustellen. Er hat den Taglohn, so wie den Preis der von den Eingebornen gelieferten Materialien erhöht und will es dahin bringen, daß niemand ohne Lohn zu arbeiten habe.
1. August. Surumentingi, 20 Paal. Obwohl sich der Charakter des Landes ziemlich gleich blieb, gab es doch einige hübsche Ansichten. Ich kam durch große, äußerst rein gehaltene Kampons, durch viele Reispflanzungen und durch ein Wäldchen, das bloß aus Bambus, und zwar von außerordentlicher Größe und Höhe (70 bis 80 Fuß), bestand. Die Rohre sollen viel Wasser enthalten.
Zu Surumentingi fand ich nur ein einfaches Bambushäuschen mit der nothdürftigsten Einrichtung, das den durchreisenden Beamten und Offizieren als Unterkunft dient. Da ich nicht, gleich den verwöhnten Europäern, meinen ganzen Haushalt mit mir führte, sondern nur so wenig Gepäck, daß ich es im Nothfalle selbst fortschaffen konnte, hätte ich mich heute mit einem höchst einfachen Mahle und einer harten Schlafstelle begnügen müssen, wenn nicht Herr Godoon so gefällig und aufmerksam gewesen wäre, mir alle Bedürfnisse nebst einigen Dienern voraus zu senden. Ich fand ein treffliches Mahl, Thee und Kaffee und konnte mich in einem weichen Bette ausruhen.
2. August. Padang-Sidimpuang, 20 Paal. Fortgesetztes Hügelland, jedoch von größeren Flächen unterbrochen. Die Gebirgskette nimmt stets an Höhe ab.
Padang-Sidimpuang liegt bereits in Ankola und besitzt ebenfalls ein kleines Fort. Ich traf hier die letzten Europäer; einige Offiziere und einen Kontrolor, Herrn Hammers, bei welchem ich abstieg.
Die letzten drei Tage hatte ich Pferde bekommen, die entsetzlich stießen; ich kam ganz erschöpft an und hatte nicht die geringste Eßlust. Bei Tische konnte ich mich kaum aufrecht halten; mein Stolz gab aber nicht zu, diese Schwäche zu gestehen. Ich warf den Katzen, die den Tisch umschwärmten, heimlich einen Bissen nach dem andern zu. Glücklicher Weise war es auch hier, wie auf ganz Java, Sitte, nach dem Mittagsmahle eine kleine Siesta zu halten. Nie segnete ich diese Gewohnheit so sehr als heute — ich fiel auf mein Lager. Zwei Stunden Ruhe stärkten mich so, daß ich gänzlich erholt zur Theestunde erschien und Abends mit den Herren sogar eine Parthie Whist spielte.
Ich sah hier ein neues Beispiel der Gefühllosigkeit einer Javanesin. An dem Tage, an welchem ich ankam, begrub man den Kapitän der Garnison. Er hinterließ eine sogenannte Wirthschafterin mit vier Kindern. Durch zehn Jahre hatte diese Person an seiner Seite das bequemste Leben geführt — heute, da man den Vater ihrer Kinder in’s Grab senkte, da sie nicht wußte, wie ihre und ihrer Kinder Zukunft sich gestalten würde, sah sie so fröhlich und heiter aus, lachte und scherzte so ungenirt, als ob in ihrem Schicksale nicht das geringste vorgefallen wäre.
Ich blieb drei Tage zu Padang-Sidimpuang. Auch hier kamen, als mein Vorsatz, das Battaker-Land zu betreten, bekannt wurde, viele Eingeborne mich zu sehen. Sie warnten mich ebenfalls vor dieser Reise, um so mehr als erst noch im vergangenen Jahre einige Uneinigkeiten zwischen den Battakern und Holländern vorgefallen waren. Die Battaker hatten einen Einfall in das Holländische Gebiet gemacht, einen Kampon zerstört und 27 Menschen mit sich fortgeführt. Die Holländer sandten zwar einige Truppen, die Schuldigen aufzusuchen; sie fanden aber die Kampons leer, die Bewohner waren, wie dieß bei solchen Gelegenheiten bei ihnen üblich ist, in die unzugänglichsten Schluchten und Wälder entflohen. Die einzige Rache, welche die Verfolger nehmen konnten, bestand im Niederbrennen einiger Kampons. Herr Hammers erzählte mir, daß vor kaum zwei Jahren vier Menschen sogar von den Battakern, die unter der Holländischen Regierung stehen, getödtet und verzehrt worden seien.
Nichts desto weniger blieb ich bei meinem Entschlusse stehen. Ich wollte durch das große Thal Silindong bis an den Land-See Eier-Tau (großes Wasser) vordringen, welchen noch kein Europäer gesehen hat, und von dessen Vorhandensein man bloß durch die Erzählungen der Eingebornen unterrichtet ist. Von seiner Lage, Größe, von den an seinen Ufern wohnenden Stämmen hat man nur ganz unvollständige Begriffe. Ich konnte dem zu Folge keinen Plan dieser Reise machen und mußte alles dem Schicksale und meinem bisher stets treuen Glücke überlassen. Herr Hammers war so gütig, mich mit Briefen für einige Rajah’s, die mit den Holländern in Verkehr standen, so wie mit einem Führer zu versehen. Ich ordnete einige Papiere, die ich im Falle des Nichtwiederkehrens für meine Familie zurückließ, und nahm recht herzlichen Abschied von den Europäern. Sie konnten vielleicht die letzten sein, die mir auf dieser Welt zu Gesicht kamen.