Vierzehntes Kapitel.

Crescent-City. — Ausflug zu den Rogue-river-Indianern.— Ein Nachtlager im Wig-wam. — Gefährliche Lage meines Reisegefährten. — Rachsucht der Indianer. — San José. — Acapulco. — Panama.

Mein zweiter Ausflug galt, wie bereits gesagt, dem neu angelegten Städtchen Crescent-City, nördlich, nahe an der Grenze von Oregon, und den Rogue-river-Indianern.

Die Entfernung nach Crescent-City beträgt nur 300 Meilen; der Preis der Ueberfahrt 50 Thaler. Die Amerikaner sind aber mit freien Ueberfahrten nicht so karg wie die Engländer. Ich hatte oft nur nöthig, meinen Namen zu nennen, und man gab mir freie Fahrten, so auch hier zur Hin- und Rückreise für Crescent-City.

Am 3. November begab ich mich an Bord des Dampfers „Thomas Hunt.“

Wir liefen stets nahe der Küste, die meistens aus spitzen, steil abfallenden Hügeln besteht, welche lange Ketten bilden und wenig geeignete Plätze zu Ansiedelungen bieten. Es sah auch alles unbewohnt aus. Die Berge und Hügel sind stellenweise mit dünnen Nadelwaldungen bedeckt; doch ist die Sandregion noch vorherrschend. Wir kamen durch die Humboldts-Bay.

Am 5. November früh Morgens lenkten wir in die Bucht oder den Hafen von Trinidad. Diese Bucht ist ausnehmend klein und niedlich; ich glaube kaum, daß sie eine Viertelmeile im Durchmesser hat. Sie ist von fünfzig bis sechzig Fuß hohen, steilen Felshügeln umfaßt, die Oeffnung gerade hinlänglich, daß ein Schiff einlaufen kann. In der Mitte erhebt sich ein hoher, schwarzer Fels, der den kärglichen Raum noch mehr beengt. Man könnte die ganze Bildung dieses Beckens für einen ausgebrannten Krater halten. Von dem Städtchen sieht man einige Dutzend hölzerne Häuser an den Säumen der Hügel. Ein schöner Nadelwald im Hintergrunde schließt das Miniaturgemälde.

Das Städtchen Trinidad entstand vor zwei Jahren, geht aber jetzt schon dem Untergange zu. Der Handel nimmt keinen Aufschwung, wie man bei der Errichtung geglaubt hatte, und Ackerbau wird noch nicht betrieben. Viele der Ansiedler sind wieder hinweg gegangen.

Von Trinidad an werden die Hügelreihen an der Küste niedriger, weniger steil und dichter mit Nadelwaldungen bedeckt.

Unter heftigem Regen, stark bewegter See langten wir Nachmittags vor Crescent-City an. Eine schwere Aufgabe war es, an das Land zu kommen, da die Rhede sehr unsicher und jedem Winde oder Sturme ausgesetzt ist. Von April bis November bietet sie zwar einigen Schutz gegen die vorherrschenden Nordwinde; aber in den Wintermonaten ist sie den Winden ganz Preis gegeben.

Die Lage des Städtchens ist überaus idyllisch. Die hölzernen Häuschen stehen zum Theil in einer Reihe an dem Saume des Meergestades; andere liegen zwischen Bäumen zerstreut umher. Das Ganze wird von hohen Nadelwaldungen überschattet. Gegen Südwesten steigen reichbewaldete Berge auf, auch an schönen Ebenen fehlt es nicht, und in der See liegen viele reizende Gruppen kleiner Eilande und Felsparthieen, von welchen manche nackt, andere bewaldet sind.

Crescent-City wurde erst in diesem Jahre, im Monat Februar, angelegt. Der Wald mußte gelichtet und ein Blockhaus errichtet werden, denn rund umher gab es noch viele Indianer-Stämme. Im Monat August standen bereits neunzig Häuser, zwanzig Magazine waren eröffnet, mehrere Hotels errichtet. Der Handel nach den Minen, die an dem Smith’s-Flusse liegen, war schon in vollem Gange. Täglich sah ich viele Maulthiere mit Lebensmitteln und andern Gütern von hier beladen dahin abgehen. Wenn es sich bewährt, daß von diesem Punkte aus der sicherste und beste Verkehr nach dem Innern geht, so wird sich dieser Ort wunderschnell erheben. Aber auch zu Trinidad siedelten sich die Leute in dieser Hoffnung an, die sich dann nicht bewährte. Die Theuerung ist hier noch weit größer als in San Francisco, von woher alles zugeführt wird.

Herr Grubler, ein Schweizer von Geburt, war so gefällig, mich in seinem Hause aufzunehmen. Dieser Mann gehörte unter die ersten Ansiedler und erbaute das Blockhaus. Er ist auch Präsident und hauptsächlicher Gründer eines sehr nützlichen und lobenswerthen Vereins zur Bildung angehender Redner. Die Mitglieder versammeln sich alle Wochen einen Abend in dem Schulsaale; es werden politische Fragen gegeben, erdichtete Prozesse, so wie auch Novellen und Gedichte vorgetragen, und in dieser Weise bieten diese Abende der ganzen Gesellschaft eine lehrreiche Unterhaltung.

Ich war über die guten, fließenden Vorträge um so mehr erstaunt, als die meisten der Sprecher wie Matrosen oder Minenarbeiter aussahen. Sie hatten Jacken, rothe Wollhemden und dergleichen an. Auch das schöne Geschlecht erschien in ganz einfachen kattunenen Hauskleidern. Der Schulsaal sah ebenfalls nicht sehr elegant aus und ließ leider den rauhen Wind von allen Seiten dergestalt ein, daß man die Unschlittkerzen kaum vor dem Erlöschen bewahren konnte. Wie bald wird dieß alles vielleicht umgeschaffen sein und Pracht und Luxus die ländliche Einfachheit verdrängen! Werden sich die Leute dann wohl besser unterhalten?

Obgleich Crescent-City nur vier Grad nördlicher liegt als San Francisco, äußert sich in Witterung und Temperatur ein viel mächtigerer Unterschied als man vermuthen sollte. Dicke Nebelwolken verhüllten die ganze Gegend, es regnete häufig und schwer, und eine sehr empfindliche Kälte machte sich fühlbar.

Der Hauptzweck meiner Reise hierher war, die Indianer zu besuchen, welche in diesem Theile Kaliforniens noch in ziemlicher Anzahl zu finden sind. Seit sich die Weißen hier niederließen, haben sie sich jedoch etwas mehr in das Innere des Landes zurückgezogen, und man muß, will man größere Wig-wams sehen, wenigstens zehn bis zwanzig Meilen weit gehen.

Ein halbes Dutzend Indianische Familien waren noch in der Nähe des Städtchens angesiedelt. Ich fand sie wie jene bei Mary’s Ville. Nichts erschien mir komischer, als die sonderbaren Anzüge, denn auch hier lasen sie alle von den Weißen weggeworfenen Kleidungsstücke auf. So sah ich einen Indianer, welcher ein Beinkleid, eine sehr schadhafte Mantille und einen zerknitterten Frauenhut trug. Ein anderer hatte weiter nichts als einen Frack an, den er nach eigenem Geschmacke auf der Rückseite ganz mit Glasperlen benäht hatte. Ein dritter trug wieder nur eine Weste, dazu einen alten Männerhut, in welchen er oben ein Loch geschnitten und viele Vogelfedern aufgesteckt hatte. Eben so geschmackvoll waren die Weiber gekleidet.

Um weiter in das Land bis zu den Rogue-River-Indianern am Smith-Flusse vorzudringen, muß man, wie mir die Leute hier versicherten, in bewaffneter Gesellschaft gehen, da diese Indianer sehr wild und hinterlistig sind. Man versprach mir, acht oder zehn Herren zusammen zu bringen, die mich dahin begleiten sollten; allein es fanden sich nicht so viele, und eine geringere Anzahl wollte den Gang nicht wagen.

Glücklicher Weise hörte ein Deutscher Matrose, Karl Braun, der sich vor einigen Monaten hier niedergelassen hatte, von meinem Wunsche. Er war so gut, zu mir zu kommen, um mir zu sagen, daß er Willens sei, zu jenen Indianern zu gehen. Er sei viel mit Indianern in Verbindung, von welchen er Fische gegen Glasperlen eintauschte, und verstehe ihre Sprache. Wenn ich es wagen wolle, könne ich ihn begleiten. Ich war über diesen unerwarteten Zufall sehr erfreut; die Reise ward beschlossen und, sobald der Regen aufgehört hatte, auch angetreten.

Wir gingen am ersten Tage, 7. November, ungefähr sechzehn Meilen, meistens an dem Seegestade, in tiefem Sande oder über Steine. Durch die Waldungen waren die Wege gut. Gegen Nachmittag wandten wir uns dem Innern zu und gelangten sehr bald an den Smith-Fluß, dessen Ufer ebenfalls aus Sand bestanden; doch kaum eine halbe Meile in das Land hinein fingen schon herrliche Nadelwaldungen an. Die Bäume waren sehr hoch und schlank, sie liefern das vorzüglichste Bauholz. Von Schlinggewächsen sah ich wenig, dagegen gab es dichtes Untergebüsch, unter welchem die Brombeer- und Heidelbeer-Staude und andere Waldbeeren. Die Heidelbeer-Staude wächst hier viel höher als bei uns in Europa; sie erreicht eine Höhe von vier Fuß.

Wir kamen an mehreren Wig-wams vorüber, hielten aber nur kurz an, um wo möglich vor einbrechendem Regen, der in unfreundlichen Wolken über uns schwebte, das Nachtlager zu erreichen. Die Wig-wams waren klein, sie bestanden höchstens aus sechs bis acht Hütten oder Höhlen, jenen bei Mary’s Ville gleich, nur daß das hölzerne Dachgerippe statt mit Erde hier mit Blättern und Aesten überdeckt war.

Den Smith-Fluß übersetzten wir in einem ausgehöhlten Baumstamme, statt der Ruder bedienten sich die Leute ganz schmaler Brettchen.

Je weiter wir uns von den Niederlassungen der Weißen entfernten, desto weniger fanden wir die Leute bekleidet, endlich ganz im Naturzustande. Nur die Weiber trugen um die Hüften eine kurze bauschige Schürze, die aus Grasfasern oder aus Elenthierfell verfertigt war. Das Fell wird in sehr feine Streifen geschnitten und nur oben in einer Breite von drei Zoll ganz gelassen. Sie schlagen es zwei Mal um die Mitte, es sieht aus wie ein recht zottiger Pelz. Dergleichen Schürzen sah ich schon an den kleinsten Mädchen, wenn sie noch kaum gehen konnten. Von den Häuptlingen trug hie und da einer ein Thierfell um die Achsel geworfen.

Gegen Abend erreichten wir ein großes Wig-wam, dessen Bewohner sich „Hüna-Indianer“ nannten. Mein Begleiter war bisher auf seinen Wanderungen nicht so weit gekommen; er kannte aber dennoch einen jungen Mann unter ihnen, mit dem er in andern Wig-wams zusammen getroffen war und Fische gegen Glasperlen umgetauscht hatte. Wir beschlossen, hier die Nacht zuzubringen. Es fing wieder an zu regnen, die Kälte wurde unleidlich, und ich mußte daher noch froh sein, ein Plätzchen in solch einem Erdloche mitten unter den ekelhaften, nackten Eingebornen zu finden. Wir lagerten uns an das Feuer, welches in der Mitte der Hütte lustig loderte und um das bereits ein halbes Dutzend Indianer hockten. Bald füllte sich die Hütte so mit Neugierigen, daß die Hitze, die Ausdünstung zum Ersticken wurde. Ging ich halb verzweifelnd in’s Freie, so hatte ich noch mehr zu leiden, nicht nur von der Kälte und dem Regen, sondern von den Bewohnern des ganzen Wig-wams, die sich so um mich drängten, daß ich wie in einem festen Kreise eingeschlossen war und mich kaum bewegen konnte. Sie zogen mich hin und her, sie befühlten jedes meiner Kleidungsstücke vom Hute bis zum Schuhe. Ja ein Mal schleppten sie mich sogar ein Stück weit in den Wald hinein zu entfernten Hütten; nur mit Mühe kam ich wieder unter das Dach meines Wirthes.

Mein Reisegefährte hatte Zucker, Kaffee und Brod bei sich, ich führte ein Stückchen Käse und Brod mit. Der Matrose kochte einen ganzen kleinen Kessel (er trug einen solchen von Weißblech mit sich) voll Kaffee, aber so schwach, daß das Wasser blos einen leichten Anflug von brauner Farbe bekam; nichtsdestoweniger fanden die Indianer dieses heiße, bräunliche Wasser so köstlich, daß der Kessel bald geleert war und eine zweite Auflage erfolgte, denn sie sahen, daß der Matrose noch ein solches braunes Pulver hatte, und jeder wollte davon haben. Sie griffen darnach, um es zu essen, und eher war keine Ruhe, bis alles verzehrt war. Mein Führer konnte nichts von seinen Lebensmitteln für den folgenden Morgen retten. Den Zucker warfen sie nicht in den Kaffee; sie aßen ihn mit größter Begierde, eben so das Brod. Nach diesem Mahle begannen sie ihre Kocherei. Sie brachten große, schöne Lachse herbei, an welchen die Flüsse Kaliforniens überreich sind. Die Köpfe und Schwänze wurden abgehauen, die Körper aufgeschlitzt mit Hölzchen ausgespannt, an größere Hölzer gesteckt und am Feuer gebraten. Aus den Köpfen und Schwänzen bereiteten sie eine Art Suppe. Sie füllten ein Körbchen mit Wasser und warfen glühende Steine hinein, die sie fortwährend durch frische ersetzten; als das Wasser hoch aufbrodelte, warfen sie die Köpfe und Schwänze hinein und ließen sie einige Zeit kochen. Dieses Verfahren erforderte sehr wenig Zeit, weniger als das an unsern Sparheerden. Die Suppe sah gräulich und dick aus, denn mit den Steinen kam mitunter auch eine Portion Asche in das Körbchen; das nahmen die Leute aber nicht so genau. Sie langten die Suppe mit Muscheln heraus und tranken sie. Die gebratenen Fische rissen sie mit den Händen in Stücke und legten sie auf flache Körbchen, die ihnen als Teller dienten. Hierauf rösteten sie Eicheln in der heißen Asche. Diese, nebst dünnen, langen Graswurzeln, dienten als Dessert. Die Wurzeln wurden nicht nur roh, sondern ungewaschen, mit der daran klebenden Erde genossen. Sie schmeckten ungemein zart und fein; man konnte sie mit der Zunge zerdrücken. Dieses Mahl wäre hinlänglich reich und auch schmackhaft gewesen, hätten ihm nicht zwei Hauptwürzen gefehlt: Reinlichkeit und Salz — beide sind diesen Menschen unbekannt.

Nach dem Essen bemalten sich die Männer und Jünglinge das Gesicht ganz abscheulich mit brauner, rother, blauer oder schwarzer Farbe. Sie bestrichen sich das Gesicht zuerst mit Fischfett, dann rieben sie mit den Händen die Farbe ein, und um verschiedene Zeichnungen hervor zu bringen, fuhren sie hie und da mit dem Finger über die bemalte Stelle, wodurch die Farbe verschwand. Daß dadurch ihre angeborne Häßlichkeit noch um vieles widerlicher wurde, bedarf wohl keiner Erwähnung. Nach dieser Operation fingen sie zu singen an. Ihre Gesänge fand ich melodischer und besser vorgetragen, als ich es bei einem so rohen Volke vermuthet hätte. Die Unterhaltung währte bis tief in die Nacht. Man war dann doch so galant, mir eine der Höhlen insofern zu überlassen, als sich die Männer entfernten und nur die Weiber bei mir blieben. Eine derselben legte sich so knapp an meine Seite, daß ich mich kaum umwenden konnte. Auf der andere Seite standen große Körbe voll geräucherter Fische, über unsern Köpfen hingen die zu räuchernden, man kann sich daher das angenehme Nachtlager auf dem kalten Boden ohne Polster und Decke vorstellen.

Ich hatte an dem Mahle wenig Theil genommen, da ich beabsichtigte, mich Nachts, wenn alles schliefe, mit einem Stückchen Käse und Brod schadlos zu halten. So lange die Leute wach waren, wagte ich es nicht, diese Kleinodien aus der Tasche zu ziehen; jeder hätte davon kosten wollen, und am Ende wäre für mich selbst nichts übrig geblieben. Als ich die Weiber schlafen, d. h. schnarchen hörte, richtete ich mich ein wenig auf und zog meinen Schatz behutsam hervor; allein der Schlaf meiner Nachbarin war entweder sehr leise oder Verstellung: sie erwachte sogleich, frug mich, was ich thue und bedeutete mir, daß ich mich niederlegen und nicht rühren solle. Sie schürte das Feuer an, bis ich mich wieder auf die Erde hingestreckt und schlafend gestellt hatte, und legte sich dann abermals an meine Seite. Vermuthlich hatte man Mißtrauen gegen mich.

Am Morgen fing das Leben und Treiben schon vor Tagesanbruch an. Es wurde reichlich gekocht und tapfer gespeist. Die Zeit während des Kochens benutzte ich, mit einem Indianer auf den Fischfang zu gehen. Er nahm eine zwanzig Fuß lange Stange mit, an welcher ein Speer aus Knochen mittelst einer langen Schnur befestigt war. Sobald er den Speer geworfen hatte, ließ er die Stange, je nach der Kraft und Größe des Fisches, entweder in das Wasser fallen oder er behielt sie in der Hand. Er warf den Speer, ohne je zu fehlen. Die Schnur war von den Gedärmen des Elenthieres ausnehmend schön gearbeitet und glich einer starken Musiksaite.

8. November. Nach dem Frühstücke setzten wir unsere Reise fort. Wir gingen auch heute sechzehn bis achtzehn Meilen stets durch herrliche Waldungen. Schon nach einigen Meilen betraten wir das Oregon-Gebiet und stießen bald auf Stämme der Rogue-River-Indianer. Wir kehrten in mehreren ihrer Wig-wams ein; mein Begleiter suchte Fische einzutauschen; er hatte bisher noch keine bekommen.

Ich kroch heute wie gestern in viele der Höhlen, um der Leute Thun und Treiben zu beobachten.

Die Indianer im Norden Kaliforniens und besonders in dieser Gegend stehen auf der tiefsten Stufe der Bildung; sie sollen gar keine Begriffe einer Religion, keine Ahnung eines künftigen Lebens haben. In manchen Wig-wams findet man eine Art Zauber- oder Wundermann, der die Krankheiten heilen, bei Diebstählen die Diebe ausfindig machen und die Orte angeben soll, wo die gestohlenen Sachen verborgen liegen.

Die Indianer von Kalifornien und Oregon skalpiren nicht und machen keine Gefangenen; sie tödten die Männer, doch nie die Weiber. Kommt zufällig während ihrer Kämpfe ein Weib, ein Kind in die Schußweite der Pfeile, so schreien sie ihnen zu, sich zu entfernen, da sie nur gegen Männer und nicht gegen Wehrlose kämpfen wollen.

Ich fand die Leute hier ein weniges größer und stärker als im südlichen Kalifornien, doch nicht hübscher. Unter den Weibern, die nicht nur am Kinn, sondern auch an den Händen und Armen etwas tätowirt waren, gab es sehr fette, überaus plumpe Gestalten. Die Haare trugen Männer, Weiber wie Mädchen in langen Wülsten. Da sie Kämme nicht kennen, fahren sie sich mit den Händen durch die Haare, streichen sie glatt, drehen sie auf jeder Seite des Kopfes zusammen und umwickeln sie mit einem Streifen Thierfell oder sonst einem Lappen. Die Mädchen tragen dieselben Haarwülste, nur haben sie die Haare vorn etwas abgeschnitten; die Männer tragen nur eine Haarwulst im Nacken. Durch die Ohrläppchen stecken sie runde Holz- oder Messingscheiben, die Männer und Knaben hängen auch verschiedene Zierathen von Perlen an den unteren Nasenknorpel. Beide Geschlechter schmücken sich leidenschaftlich gern mit Glasperlen und Vogelfedern. An Waffen besitzen sie blos Bogen und Pfeile, seit sich die Weißen überall niederlassen, auch Messer. Die Elenthiere fangen sie in Schlingen.

Sie sind überaus unrein, suchen sich gegenseitig das Ungeziefer vom Kopfe und geben jeden Fund gewissenhaft dem Eigenthümer, der ihn gierig verspeist. Die Männer gehen zwar häufig Morgens in den Fluß; aber sie tauchen nur ein Mal und kommen, gleich den Malaien, eben so schmutzig von dem Bade zurück, als sie hingegangen sind. Dennoch sah ich unter diesem Volke bei weitem nicht so viele Hautkrankheiten wie bei den Malaien oder Dayakern. Dieß ist meiner Meinung nach den Schwitzbädern zuzuschreiben, die sie häufig gebrauchen und deren jeder Wig-wam wenigstens eins besitzt. Diese Schwitzbäder bestehen in Erdhöhlen, ähnlich ihren Wohnplätzen, aber kleiner. Sie schließen den Zugang, machen ein tüchtiges Feuer an und bleiben so lange darin hocken, bis sie recht in Schweiß gerathen.

Auch bei allen diesen Stämmen, die ich sah, gab es auffallend wenig Kinder, obwohl die Leute gesund und kräftig aussahen. Die kleinen Kinder werden in schmale, längliche Körbchen, die mit einem Deckel versehen sind, gebunden und so von den Müttern auf dem Rücken getragen. Diese Last hindert die Frauen nicht, alle Arbeit zu verrichten, die ihnen, wie bei den meisten rohen Völkern, größtentheils zufällt, aber sehr gering ist. Sie haben zu kochen, Körbe zu flechten und Eicheln zu sammeln. Letzteres Geschäft ist das beschwerlichste; sie müssen oft viele Meilen danach gehen und große Lasten heimschleppen, denn wenn der Mann auch mitgeht, trägt er doch gar keine, oder höchstens eine kleine Last.

In vielen Hütten traf ich die Männer spielend. Sie saßen im Kreise um ein kleines Feuer und hielten feine, kleine Stäbchen in den Händen, von welchen die meisten weiß, einige wenige schwarz waren. Jeder warf seine Stäbchen derart vor sich hin, daß die schwarzen alle weit aus dem Kreise der weißen flogen. Er faßte sie hierauf wieder zusammen, gab sie hinter dem Rücken von der linken in die rechte Hand und begann das Werfen von neuem. Es gab viele Zuschauer und auch zwei Musikanten, welche getrocknete Krebsscheeren auf ein Stöckchen gefaßt hatten und damit an ein Brettchen schlugen. Ein anderes Spiel ist eine Art Errathen mittelst Lehmkügelchen. Sie spielen um Muschelgeld, das einzige, welches sie kennen und das Werth bei ihnen hat. Mit diesem kaufen sie auch ihre Weiber. Wenn sie spielen, geschieht dieß gewöhnlich in der Häuptlings-Hütte. Die Weiber sind für die Dauer des Spieles aus der Hütte gebannt. Ihre Leidenschaft für das Spiel ist so stark, daß sie es Tage und Nächte fortsetzen. Diese unglückselige Beschäftigung war Ursache, daß mein armer Gefährte auch hier keine Fische bekommen konnte.

In einem der Wig-wams blieben wir über Nacht. Ich schlief wieder in einer Hütte mit mehreren Weibern. Meinem Gefährten wäre es aber diese Nacht beinahe sehr schlecht ergangen: er war nahe daran, ermordet zu werden. Eine Ahnung, wie er mir am folgenden Morgen sagte, flüsterte ihm zu, vorsichtig zu sein, er traute den Leuten nicht und hatte sich eine Hütte ausgebeten, um allein zu schlafen. Das Gefühl der Unsicherheit ließ ihn nur leicht schlummern, und das war sein Glück, denn gegen die Mitte der Nacht hörte er in den Zweigen, mit welchen er den Eingang der Höhle vermacht hatte, ein leises Knistern und Rauschen, und als er hin blickte, war schon ein Indianer auf Händen und Füßen in die Hütte gekrochen, eben im Begriffe sich aufzurichten und ein Messer zu zücken. Der Matrose sprang sogleich auf, hielt ihm eine Pistole entgegen und drohte ihn niederzuschießen; der Indianer zog sich zurück, vorgebend, daß er nur gekommen sei, nachzusehen, ob der Fremde genug Holz zum Unterhalte des Feuers hätte.

Man schildert die Indianer als falsch, hinterlistig, rachsüchtig und feig, und sagt, daß sie die Weißen nur dann zu tödten suchen, wenn sie selbe einzeln finden. Wie können sich aber diese armen Menschen gegen die wohlbewaffneten Weißen, gegen diese übermüthige Raçe, von der sie so viel Unbill erleiden, anders rächen? Rache liegt nun einmal in der Natur des Menschen. Was würde wohl der Weiße thun, wenn man so mit ihm verführe, wie er mit dem armen Wilden? Auf dieser kleinen Strecke Landes, die ich durchwanderte, sah ich mehrere zerstörte, abgebrannte Wig-wams, aus welchen die Indianer von den weißen Ansiedlern mit Gewalt vertrieben worden waren, weil sie nicht freiwillig von ihrem heimatlichen Boden wichen. Die Weißen verführen ihre Weiber und Töchter, und wo ihnen dieß nicht gelingt, nehmen sie dieselben ihnen mit Gewalt weg. Während ich in Crescent-City war, ereignete sich ein ähnlicher Fall. Drei Meilen von der Stadt hatten sich einige Amerikaner als Farmer (Landbebauer) angesiedelt. Ein Eingeborner kam mit seinem Weibe vorüber auf seinem Wege nach der Stadt. Die Männer sprangen aus ihrer Hütte, rissen das Weib von seiner Seite, schleppten es in ihre Wohnung und schlossen die Thüre. Der arme Wilde schrie und heulte, schlug an die Thür und forderte sein Weib; statt dessen kamen die Männer heraus, prügelten ihn derb durch und jagten ihn fort. Mit zerschlagenem Körper kam er nach der Stadt und klagte. Und was geschah den feigen, weißen Missethätern? Sie wurden verurtheilt, sich mit dem Wilden abzufinden, d. h. ihm einige Glasperlen und andern werthlosen Kram zu geben. Derlei Grausamkeiten werden natürlich von Stamm zu Stamm erzählt, und so geschieht es öfter, daß wenn einzelne Weiße unter sie kommen, die Uebermacht auf der Indianer Seite ist, diese gleiches mit gleichem vergelten und den Unschuldigen für den Schuldigen büßen lassen. Viele unpartheiische Männer gestanden mir, daß die Eingeborenen überall, wo man ihnen mit Liebe und Güte entgegenkam, harmlos gefunden wurden.

9. November. Morgens verließen wir den gefährlichen Wig-wam. Wir waren auf die Rückreise bedacht, mein Begleiter wagte sich nicht weiter. Wir schlugen eine andere Richtung ein und kamen Nachmittags an eine kleine Niederlassung von einem Dutzend Weißen. Auch hier war das erste, was ich sah, ein großer in Asche gelegter Wig-wam. Die Farmer lebten, der Weiber wegen, in stetem Streite mit den Indianern. Letztere rächten sich, wo sie konnten, und erschlugen zu Ende einen der Weißen, worauf diese an den Wig-wam Feuer legten und die Eingebornen fortjagten. Seitdem gehen sie nie ohne scharfgeladene Gewehre an die Arbeit, um so mehr, da seit einiger Zeit von andern nachbarlichen Ansiedlern vier Männer vermißt wurden. Von zweien wurden die Körper kürzlich an verschiedenen Plätzen im Walde unter Laub und Aesten verborgen gefunden, ein dritter Körper eine weite Strecke von der Farmer Wohnplatz in dem Flüßchen, aus welchem sie ihren Wasserbedarf nehmen. Die Ansiedler sagten uns, daß sie, als sie den halbverwesten Körper da zufällig fanden, vor Ekel alle erkrankten. Den vierten Leichnam hatten sie noch nicht aufgefunden.

Wir kehrten bei den Farmern ein; sie wohnten in zwei kleinen Hütten, Blockhäusern ähnlich, hatten aber schon den Bau einiger Häuser begonnen. Die Leute lebten sehr gut. Sie hatten die schönsten Wildgänse, die sie selbst schossen, herrliche Fische, die sie für Kleinigkeiten von den Indianern eintauschten, Kartoffeln, Brod, Thee und Kaffee, kurz wir hielten Abends ein köstliches Mahl, ein gleiches Morgens.

Die Kälte war sehr empfindlich; Nachts stieg sie beinahe auf einen Grad unter Null (Réaumur). Morgens war alles weiß vom Reife. Dennoch ist das Land immer grün. Schnee fällt sehr selten, und wenn er fällt, berührt er kaum den Boden, er schmilzt schon während des Fallens. Die Farmer versicherten mir, daß der Grund eine reiche Ernte zu geben verspreche. Sie waren erst sehr kurze Zeit angesiedelt und hatten kürzlich einen Strich Landes angebaut. In der Umgebung von Crescent-City sah ich in dieser vorgerückten Jahreszeit noch alle möglichen Gemüse im Freien gedeihen, darunter so große und schöne, wie in Herrn Warren’s Prachtausstellung zu San Francisco.

Ich glaube, daß der größte Theil Kaliforniens, besonders der nördliche, für Europäische Ansiedler sehr vortheilhaft wäre. Das Klima ist gesund, der Boden sehr ergiebig, selbst wo er sandig und trocken aussieht. Die üppigen Waldungen zeugen von seiner Fruchtbarkeit. Er ist Urboden und benöthigt daher weder Bewässerung noch Düngung; bis es zur letzteren käme, könnten die Ansiedler bereits einen schönen Viehstand haben.

Nahe dem Oregon-Gebiete wird der Acker von der Regierung um einen Dollar verkauft, in dem Oregon-Gebiete noch umsonst gegeben, da sie auf alle Weise Ansiedler dahin zu bekommen sucht. Möchten die Leute doch mehr in der Absicht des Ackerbaues als des Goldsuchens nach diesen Ländern kommen! Farmer können sich mit einiger Ausdauer und Umsicht in kurzer Zeit einen ausreichenden Wohlstand, ein angenehmes häusliches Leben verschaffen; von den Goldsuchern sind im Verhältniß zu der großen Zahl nur gar wenige reich heimgekehrt, bei den meisten kann man sagen: „Wie gewonnen, so zerronnen!“

Am vierten Tage, 10. November, kam ich von meinem Ausfluge wieder nach Crescent-City zurück, das Loos des armen, ausgestoßenen Indianers tief bedauernd. Man muß zwar gestehen, daß sich die Regierung um die Indianer bekümmert; allein ihre Hauptsorge geht dahin, sie nach entfernteren Plätzen zu schaffen, ihnen für das abgenommene Land einige Entschädigungen zu geben und an die Ansiedler Befehle zu erlassen, sie gut zu behandeln. Jedes Jahr werden Beamte nach ihren neuen Wohnplätzen gesendet, um ihnen einige Geschenke zu bringen und nachzusehen, ob sie nicht Hungers sterben. Aber ein bedeutender Fehler der Regierung ist die allzugroße Nachsicht mit den Ansiedlern, da letztere, meistens roher und weniger gutartig als die Wilden, diese Nachsicht nicht vertragen, ohne sich zu übernehmen. So lange es der Gerichte noch so wenige im Lande gibt, daß der Eingeborne nicht leicht zu ihnen gelangen kann, und so lange dieselben den Ansiedlern gegenüber nicht größere Strenge bezeugen, wird der arme Indianer immer der Spielball des übermüthigen Weißen sein.

Das Land fand ich, wie gesagt, nicht nur sehr fruchtbar, sondern auch romantisch. Die schöne Gebirgskette Siskïyon, die sich im Osten von Mary’s Ville zeigt, erstreckt sich bis hieher, steigt in mehrfachen Ketten auf, und fruchtbare Thäler und Ebenen breiten sich überall dazwischen aus. Die höheren Spitzen waren in dieser Jahreszeit mit Schnee bedeckt, dem ersten, den ich sah, seit ich mein Vaterland verlassen hatte.

Als ich nach Crescent-City zurück kam, fand ich den Dampfer, mit welchem ich die Reise von San Francisco machte, bereit, Abends die Anker zu lichten. Das Wetter, das schon den ganzen Tag stürmte, wurde so schlecht, daß wir erst am 11. November mit Mühe an Bord gelangen konnten. Auf der Reise begleiteten uns Stürme und Nebel, so daß wir zu Trinidad gar nicht einlaufen konnten. Als kleine Entschädigung dieses bösen Wetters sah ich einen schönen Nebelregenbogen.

Den dritten kleineren Ausflug nach St. José (60 Meilen) verdanke ich der gefälligen Einladung des Oesterreichischen Konsuls, Herrn Vischer. Es war dieß eine sehr große Aufmerksamkeit von seiner Seite, wenn man bedenkt, wie hoch hier die Zeit geschätzt wird und wie theuer jede Unterhaltung ist.

22. November. Die Reise ging zu Lande. Wir setzten uns auf die Außenseite des Omnibus, um die Schönheiten der Gegend, die als ganz bezaubernd geschildert wird, recht genießen zu können.

Die Ebene, in welcher St. José liegt, erstreckt sich bis San Francisco auf der einen, bis Monterey auf der andern Seite, ist bei 120 Meilen lang, zehn bis fünfzehn breit, und wird ihrer großen Fruchtbarkeit wegen schon jetzt die Kornkammer des nördlichen Kaliforniens genannt.

Das erste Drittheil der Reise kann ich nicht für schön erklären. Das wellenförmige Land ist ohne Vegetation, hie und da sieht man verkrüppelte Bäumchen, deren Kronen ganz nach einer Seite stehen. Diese seltsame Erscheinung verursachen die anhaltend starken Nord-Ost-Winde, die das Klima von San Francisco so unangenehm machen. Der Boden ist noch wenig bebaut und größtentheils eine magere Viehweide, auf welcher die armen Thiere nur während des Frühlings genügende Nahrung finden. Man behauptet jedoch, daß das Erdreich vortrefflich sei und daß es ihm blos an Kultur fehle.

Drei Meilen von San Francisco liegt die Missionsstation Dolores, in die ich schon früher durch Madame Morton eingeführt wurde. Das Kloster, die Kirche und einige Häuser der noch da wohnenden Spanier[7] sind von ungebrannten Ziegeln erbaut, die Thüren und Fenster alle so niedrig, die Häuser selbst so erbärmlich, daß ich sie, das Kloster nicht ausgenommen, eher für Scheunen als für menschliche Wohnungen gehalten hätte. Die Kirche enthält ein schönes Seitenaltar-Bild, welches ich der Altspanischen Schule zuschreiben möchte.

In dem Gebiete San Mateo (22 Meilen) fängt die Landschaft an, hübscher zu werden. Der Berg Diabolo, 3600 Fuß, überragt die ihn umgebenden Gebirge. Große, umfangreiche Bäume, meistens Eichen, bilden parkähnliche Parthieen; Landsitze, Gasthäuser, kleine Farmer-Wohnungen beleben die Gegend. Der Boden bestand zwar aus Sand und Staub, in welchem die Pferde oft fußtief einsanken; doch konnte ich mir vorstellen, daß nach der Regenzeit, im Frühlinge, wann die Felder grünen, die Blumen blühen, das Gras sich überall hervor drängt, die Bäume mit frischem Laube prangen, diese Landschaft recht lieblich und freundlich sein und dem durch den Anblick von Naturschönheiten wenig verwöhnten Städter bezaubernd erscheinen mag.

St. Clara, durch das der Weg führte, ist ein nettes Oertchen mit einer hübschen Kirche und einem Jesuiten-Collegium für Knaben. Schon das Wörtchen „San“ vor den Namen der Städtchen und Dörfer zeigt, daß Kalifornien einst zu dem katholischen Mexiko gehörte. In den meisten größeren Orten findet man hübsche Kirchen und Schulgebäude.

Eine vier Meilen lange Baum-Allee, von der Geistlichkeit gepflanzt, führt von St. Clara nach St. José. Letzteres Städtchen ist etwas bedeutender als ersteres, besitzt einige hundert Häuschen, die zum größeren Theile neu und von den kürzlich eingewanderten Ansiedlern bewohnt sind.

Wir fuhren noch vier Meilen weiter nach der großen Farm des Herrn Vischer. Diese Farm von 750 Akres würde bei uns gewiß schon zu den großen gehören; hier wird sie zwar auch nicht zu den ganz kleinen gezählt; doch gibt es noch aus den Zeiten der Mexikanischen Regierung, wo Grund und Boden so viel wie keinen Werth hatte, Landbesitzer, deren Gründe sich sieben bis zehn Leguas (eine Legua = drei Meilen Englisch) in die Länge, vier bis sechs in die Breite erstrecken. Der Werth dieser Besitzungen steigt mit jedem Tage bedeutend; Leute, deren Ländereien vor der Goldentdeckung kaum 50,000 Dollars werth waren, gehören heut zu Tage zu den Millionären. Was die Besitzungen sehr vertheuert, sind die Umzäunungen. Jeder Eigenthümer muß sein Land aus zwei Gründen umzäunen lassen. Erstlich wird alles Hornvieh, so wie auch die Pferde, Maulthiere, Schafe, Schweine, auf freie Plätze zur Weide getrieben, zweitens lassen sich auf offenen Plätzen die neuen Ankömmlinge nieder, bauen sich Zelte und Hütten, pflanzen u. s. w., ohne um Erlaubniß anzufragen. Der Eigenthümer hat nach Amerikanischen Gesetzen kein Recht, die Eindringlinge von uneingefaßten Räumen zu vertreiben, und selbst wenn er diese später einzäunen läßt, geht die Vertreibung sehr schwer, oft nur mit kostspieliger Proceßführung oder gar mit Gewalt ab. An manchen Orten schlug und schoß man sich, wie im Kriege. Ueberhaupt kann man sich von den Eigenmächtigkeiten und Gewaltthätigkeiten der Ansiedler gar keine Vorstellung machen. Manche treiben die Freiheit so weit, sogar leer stehende Hütten und Häuser in Besitz zu nehmen.

Diese Umzäunungen, hier Pfänzen genannt, kosten in einem Lande, wo die Arbeit so theuer ist, ein schweres Geld. Herr Vischer z. B. benöthigte für die Umzäunung seines Landes 30,000 acht Fuß hohe Pflöcke. Der Preis per 1000 Stück im Walde war 50 Dollars, das Zuführen und Zuspitzen kam auf 30, das Einschlagen in die Erde auf 20 zu stehen, so daß die Umzäunung 3000 Dollars kostete.

Zwölf Meilen von San José liegt ein sehr großes, bedeutendes Quecksilber-Bergwerk. Wir sollten es besuchen, der Wagen stand schon vor der Thüre; allein unausgesetzter, heftiger Regen machte die Parthie im wahren Sinne des Wortes zu Wasser, die Wege waren unfahrbar geworden, und ich mußte mich mit der Beschreibung begnügen, die mir Herr Vischer davon machte.

In dieses Bergwerk fährt man auf einem 1500 Fuß hohen Berge in die Stollen ein und kommt 800 Fuß tiefer wieder an das Tageslicht. Die Zinnobererze enthalten fünfunddreißig bis fünfundvierzig Prozent. Das Bergwerk gehört einer Gesellschaft in Mexiko, deren Betriebskapital auf eine Million Thaler geschätzt wird. Das Gewerk ist so reich, daß es den Bedarf der ganzen Welt decken könnte. Seit es bearbeitet wird (seit ungefähr zehn oder zwölf Jahren), ist der Preis des Quecksilbers in Peru von achtzig auf fünfzig Dollars gefallen.

Das Wetter klärte sich auch den folgenden Tag nicht auf, es blieb uns daher nichts anderes übrig, als das Merkwürdigste der Reise, den Besuch der Minen, aufzugeben, und im wohlverschlossenen Omnibus nach der Stadt zurück zu kehren.

Wenige Tage, bevor ich San Francisco verließ, brachten die Zeitungen ganz wunderbare Berichte aus Unterkalifornien, das noch zu Mexiko gehört.

Einige fünfzig Amerikaner hatten San Francisco auf einer Schaluppe verlassen, bei Félipe in dem Distrikte Sonora gelandet, daselbst eine Standarte aufgepflanzt und das Land förmlich in Besitz genommen. Das friedliche Völkchen, eines solchen Piraten-Einfalls nicht gewärtig, war nicht einmal mit Waffen versehen; es setzte sich bei Guaymas kaum zur Wehre, um so mehr, als die Piraten vorgaben, der Vortrab einer bedeutenden Macht zu sein. Die fünfzig Amerikaner blieben Sieger und erklärten einen Länderstrich mit einer Bevölkerung von 10,000 Seelen für unabhängig von Mexiko.

Die Veranlassung dieses widerrechtlichen Zuges war der Durst nach Gold, denn es ging die Sage, daß es da Gold und Silber in großer Menge gäbe.

Und was sagte man in San Francisco zu diesem Raubanfalle? Die Einen nahmen die Parthie der Räuber, die Anderen sahen darin einen Geniestreich! —

Gerade den Tag vor meiner Abreise, am 15. December, ging, ungehindert von der Regierung, ein zweiter Trupp solchen Gesindels, 256 an der Zahl, nach Sonora ab, um den Vorgängern zu helfen. Wie ich später hörte, ist der Raubzug verunglückt. Die Mexikanische Regierung sandte Truppen gegen diese Leute aus, mit dem Befehle, sie gleich Räubern überall niederzuschießen, wo sie ihrer ansichtig würden. Die meisten der Flibustier sind auch zu Grunde gegangen.


Die Gesellschaft der Linie, deren Dampfer nach Panama gehen, gab mir auf einfaches Ansuchen des Herrn Mathes, eines dabei Angestellten, freie Ueberfahrt von San Francisco nach Panama.

Am 16. December ging ich Nachmittags, in Begleitung der mir so überaus theuer gewordenen Familie Morton, an Bord des Prachtdampfers „Golden Gate,“ Kapitän Isham. Um 4 Uhr wurden die Anker gelichtet.

In meinem Leben habe ich kein schöneres Schiff gesehen. Es hatte 800 Pferdekraft oder 2500 Tonnen Gehalt, und faßte mit Bequemlichkeit 800, im Nothfalle auch tausend Reisende. Der Verbrauch an Kohlen war per Tag fünfzig Tonnen, die Schnelligkeit zwölf Meilen per Stunde. Seine Länge betrug 300, die größte Breite 75 Fuß. Der Hauptsaal war 130 Fuß lang. Man konnte diesen Dampfer wahrhaftig einem großen Palaste vergleichen — er hatte vier Stockwerke, von welchen zwei sich über dem Wasser befanden. Es liefen breite Galerien längs dem Borde, auf die sich geräumige Thüren und Fenster öffneten. Die Einrichtung des ersten Platzes war in jeder Beziehung prachtvoll, nicht minder die des zweiten; selbst der dritte war in seiner Art vollkommen. Die Tafel, für die erste und zweite Klasse dieselbe, war verschwenderisch besetzt, die Gerichte köstlich bereitet, zwei Mal des Tages frisches Brod. Und wie das Schiff durch seine Pracht und Bequemlichkeit, zeichneten sich Kapitän und Schiffsoffiziere durch ihr zuvorkommendes, aufmerksames Benehmen gegen die Reisenden aus. Mit Freuden sprachen wir bei der Ankunft in Panama diesen Herren unseren Dank in einer öffentlichen Adresse aus.

17. December. Wir segelten an den Eilanden St. Catarina, St. Clemens, St. Barbara und St. Anacapa vorüber. Am letzteren ging vor vierzehn Tagen der prachtvolle Dampfer „Winfield Scott“ (2500 Tonnen) zu Grunde. Die Nacht war ungemein finster und neblig, und der Kapitän hatte die große Unvorsichtigkeit, bei diesem Wetter nicht außerhalb der Inseln, sondern zwischen denselben und dem Festlande zu fahren. Glücklicher Weise ging dabei kein Menschenleben verloren. Doch sank das Schiff so schnell, daß gar kein Gepäck und kaum die Goldbarren und die Hälfte der Postpackete gerettet werden konnten.

Auch wir fuhren durch die enge Straße; allein der freundliche Mond leuchtete uns aus allen Kräften, und die See war so ruhig, als schliefe sie und träume höchstens von dem Unheil, das sie zeitweise anrichtet.

18. December. Diesen Morgen hielten wir eine halbe Stunde vor St. Diego an, einige Reisende abzusetzen. Wir waren aber so weit von der Küste entfernt, daß ich von dem neu angelegten Städtchen der Amerikaner wenig, von dem älteren der Mexikaner, welches vier Meilen höher liegt, gar nichts sah.

In der Nähe von St. Diego steigt eine sehr hohe Gebirgskette auf, deren Spitzen die Schneeregion erreichen. Die ganze Küste, die wir bisher nie aus dem Auge verloren, so wie die Gebirge sind wenig mit Vegetation und Wald bedeckt.

19. December. Fern dem Festlande, dagegen nah dem bedeutenden Eilande Cerroo und dem kleinen Bonnitos. Ersteres hat sechsundzwanzig Meilen Länge, sieht schön und fruchtbar aus, ist aber dennoch unbewohnt, da es ihm an Wasser fehlen soll. Bonnitos ist ein in vielen Zacken aufsteigender Fels, ohne Baum und Busch mit spärlichem Grün.

20. December. Meistens auf hoher See, das Kap Lazaro passirt und in die Magdalenen-Bay gelenkt.

21. und 22. December. Fortwährend auf hoher See.

Schon seit einigen Tagen fing die rauhe Witterung Kaliforniens der Wärme zu weichen an. Mit jedem Schwunge des Rades fühlte man die Annäherung der Tropen; ein warmes Kleidungsstück nach dem andern wurde verbannt. Abends bildete das Deck einen schönen Vereinigungsplatz, man drängte sich durch einander, man spazierte auf und nieder, größere und kleinere Gruppen bildeten sich, Kinder sprangen und spielten umher, die ganze Scene war reich beleuchtet von dem vollen Monde und von Tausenden von Sternen. Wahrlich, der Reise auf diesem Wasserpalaste werde ich stets mit großer Freude gedenken!

Die Gesellschaft bestand fast ausschließend aus Amerikanern, und wiederholt muß ich sagen, daß die Herren durchgehend gegen mein Geschlecht überaus artig und gefällig waren. In keinem Lande kam mir Aehnliches vor. Die gemeinsten Amerikaner, Jungen von zehn Jahren, standen hierin dem gebildetsten Europäer nicht nach. Auch in allem übrigen ging es höchst anständig zu. Kein Mensch kam je mit einer brennenden Cigarre in den Salon, niemand kaute da Tabak oder spuckte zu Boden, nie wurde eine Ursache zur leisesten Rüge gegeben. Dieß Benehmen setzte mich um so mehr in Erstaunen, als man wohl nirgends eine gemischtere Gesellschaft finden mag, als auf Reisen von und nach Kalifornien. Bei Tafel gab es die beste Gelegenheit, dieses Gemisch zu beobachten. Der reich gewordene Minenarbeiter, Handwerker oder Krämer saß neben dem großen Kaufmanne oder Spekulanten. Mit aufgestützten Ellbogen saßen die Leute am Nachtische; mit Händen, welchen man es hundert Schritte weit ansehen konnte, daß sie nur den Spaten, die Schaufel zu führen gewohnt waren, langten sie nach den Schüsseln. Ich gestehe aufrichtig, daß ich mich unter dieser natürlichen, aber dennoch anständigen Gesellschaft weit fröhlicher und heimischer fühlte, als auf einem der Englischen Dampfer, welche von Europa nach Indien gehen. Dort herrschte auf dem ersten Platze durchgehends ein Putz (noch ärger als bei den Frauen auf den kleinen Reisen von San Francisco nach Sacramento und Mary’s Ville), als ginge es täglich nach einem Balle. Hier waren die Frauen anständig, aber einfach gekleidet. Auch nimmt es der Amerikaner ziemlich gleich auf, ob man mit dem Messer oder mit der Gabel nach dem Munde fährt, ob man anders sitzt, geht und steht wie er. Er hat noch nicht die kleinliche Schwäche des Britten, welcher jeden, der nicht gerade alles so thut wie er, für roh und ungebildet hält.

23. December. In die niedliche Bucht von Acapulco eingelaufen. Die Berge umher sind zwar nicht hoch, auch nicht so üppig bekleidet, wie im Indischen Archipel, doch herrlich im Vergleiche zu den öden Sandhügeln Kaliforniens. Die hoch gefiederte Cocos-Palme, die umfangreiche Mango, die zarte Banane und andere Bäume und Gebüsche umgürten theilweise die See und steigen die Hügel hinan.

Hier setzte ich den Fuß zum ersten und wahrscheinlich auch zum letzten Male auf Mexikanischen Grund und Boden.

Das Städtchen Acapulco liegt auf hügeligem Grunde in einem Winkel der Bucht, so verborgen, daß man es von Bord aus kaum gewahrt. Dagegen thront das Fort recht stattlich auf dem äußersten Ende eines weit in die See vorgeschobenen Hügels. Das Städtchen, mit 1500 Einwohnern, hat ein höchst armseliges Ansehen. Die Häuser sind von Holz, Lehm oder ungebrannten Ziegeln erbaut und haben nur ein Erdgeschoß, das mit stark vergitterten Fenstern versehen ist. Das Innere sieht etwas freundlicher aus; die Zimmer sind hoch, luftig und gegen den Hofraum mit Veranden umgeben, in welchen die Leute speisen und den größten Theil des Tages verbringen.

Auf dem Platze, welcher als Markt dient, und durch viele kleine Buden sehr verunstaltet ist, prangt eine ziemlich hübsche katholische Kirche von ungebrannten Ziegeln. Dieß Material scheint bei den Spaniern sehr beliebt zu sein; alle ihre Bauten in Kalifornien waren damit aufgeführt.

Der ganze Ort sah sehr ruinenhaft aus: ein heftiges Erdbeben hatte am 4. December vergangenen Jahres die meisten Gebäude mehr oder minder beschädigt, manche der Ziegelhäuser sogar theilweise eingestürzt. Zum Glück fand das Erdbeben Abends 9 Uhr statt, während noch alles wach war und augenblicklich fliehen konnte. In Folge dessen kam niemand dabei um. Auch die Festung, die ich bestieg, um den Ueberblick über die Bucht und Gegend zu haben, hatte stark gelitten; ihre festen Steinwälle und Mauern waren zum Theil geborsten und eingestürzt.

Acapulco ist berühmt durch die Perlen, welche auf verschiedenen, zwanzig bis dreißig Meilen entfernt gelegenen Eilanden gefischt werden. Die Perlenfischerei geht auf sehr einfache Weise vor sich. Die Fischer sind mit Messer und Körbchen versehen, tauchen in die Tiefe, oft fünfzig bis achtzig Fuß, lösen die Schaalthiere, die zu dem Austergeschlechte gehören und gegessen werden, los, und kommen nach ein bis zwei Minuten mit oder ohne Beute wieder an die Oberfläche des Wassers. Die einzige Gefahr, die sie zu bekämpfen haben, sind die die Küste umschwärmenden Haifische, welchen sie jedoch auf geschickte Weise zu entgehen wissen. Sie führen, wie sie mir sagten, beständig ein langes, abgerundetes Stück Holz mit sich und stecken es, können sie dem Unthiere nicht durch Tauchen oder Schwimmen entkommen, in seinen aufgesperrten Rachen; bis sich das Thier dieser Maulsperre entledigt, hat der Taucher genügend Zeit, aus seiner gefährlichen Nähe zu kommen.

Das Schaalthier wird geöffnet, die Perle in dem Thiere und nicht, wie viele fälschlich glauben, in der Schaale gesucht — letztere enthält nur die sogenannte „Perlmutter“. In vielen Schaalen gibt es Auswüchse, welche ungeformten Perlen gleichen. Diese Auswüchse rühren von andern Thieren her, gleich den Auswüchsen an Blättern oder Pflanzen. Obwohl jede Auster Perlenstoff und manche sogar acht bis neun Perlen enthält, bedarf es doch gar vieler Thiere, bis der Fischer so glücklich ist, eine schön geformte, reine Perle zu finden. Je mehr Stücke eine Auster enthält, desto sicherer, daß sie unbrauchbar sind. Man glaubt, daß die Perle durch eine Krankheit des Thieres erzeugt wird; wenn daher ein Thier viele Stücke enthält, genießen es die Leute nicht, sie halten es für der Gesundheit schädlich.

Die Perlen an den Küsten Mexiko’s und Granada’s zeichnen sich durch ihr besonders reines Wasser aus. Sie sind selbst am Platze sehr theuer.

Ich sah in Acapulco auch sehr schöne, aus ganz kleinen Muscheln verfertigte Blumen, so wie auch graziöse, höchst richtig geformte Wachsfigürchen, die Mexikaner in ihren Trachten und Handthierungen vorstellend. Die Wachsfigürchen kommen aus der Stadt Mexiko.

Die Einwohner von Acapulco kann man gar keiner Race zuzählen; sie haben sich aus der Verzweigung der Stammbewohner, der Neger und der Spanier, welche vor etwas mehr als dreihundert Jahren das Land eroberten, gebildet. Je nach der näheren oder ferneren Vermischung mit der einen oder andern Nation ist ihre Hautfarbe braun, schwarz oder weiß, eben so verhält es sich mit den Gesichtsbildungen.

Nach sechsstündigem Aufenthalte am Lande gingen wir wieder an Bord, wo wir uns viel mit den jugendlichen Tauchern unterhielten, die das Schiff von allen Seiten umschwärmten und uns Reisenden zuriefen, Geld in die See zu werfen, in dessen Auffangen sie große Geschicklichkeit bewiesen. Die Jungen machen sich schon frühzeitig mit dem Meere vertraut, um für die Perlenfischerei tüchtig zu werden.

Von Acapulco an hielten wir uns stets auf hoher See und wurden des Landes erst kurz vor Panama wieder ansichtig.

Den heiligen Abend brachten wir ruhig wie jeden andern zu; am Christtage gab es bei Tische viele Hurrah’s mit Champagner und andern Weinen.

28. December. Heute erschien wieder Land; es zeigte sich anfänglich in hohen Gebirgen, welche später großen Ebenen wichen. Auch hier gehörte die Vegetation nicht zu den üppigsten; die Flächen sahen sogar mitunter etwas nackt aus. Abends 9 Uhr lagen wir vor Panama. Wir hatten die 3300 Meilen von San Francisco hierher (den Aufenthalt abgerechnet) in elf Tagen und neunzehn Stunden zurückgelegt.

29. December. Schon um 4 Uhr Morgens begann das rege Leben auf unserm Wasserpalaste. Alles wollte eilig an’s Land, um die besten Maulthiere zu dem Uebergange über den Isthmus zu bekommen. Auch ich that dieß frühzeitig, obwohl ich nicht im Sinne hatte, den Isthmus zu passiren; aber Land bleibt Land: man zieht festen Grund und Boden dem besten Schiffe vor.

Ich war so glücklich, bei Dr. Autenrieth eine herzliche Aufnahme zu finden.

Mein erster Gang war nach dem Platze, wo ich die ganze Schiffsgesellschaft versammelt fand, sich zur Reise anschickend. Da ging es munter her, alles drängte durch einander, der Platz war voll von Menschen, Maulthieren, Pferden, Trägern und Gepäck. Die Bemittelten ritten, die kleinen Kinder wurden getragen, die Armen folgten zu Fuße nach, das Gepäck ward auf Maulthiere geladen.

Die Breite des Isthmus beträgt etwas über hundert Meilen, von welchen man 23 zu Maulthier, einige vierzig in Booten und den Rest auf der erst kürzlich begonnenen Eisenbahn zurücklegt. Diese kleine Reise, so wie alles in dieser Gegend, kommt sehr hoch zu stehen, da des starken Zudrangs wegen alles sehr theuer ist. So kostete z. B. die kleine Fahrt von dem Dampfer an das Land (drei Meilen) per Kopf zwei Dollars; für das Tragen durch das Wasser von dem Boote, welches bei Ebbezeit nicht ganz an das Ufer gelangen kann, hatte man einen halben Dollar zu bezahlen, eben so viel für das an’s Land Schaffen des Koffers. Noch ärger ist es, wenn jemand an Bord eines Schiffes zu gehen hat, da begehren die Leute oft das Zwei- und Dreifache. Es ist ein großer Fehler, daß die Gesellschaft der Dampfschiffe nicht Anstalt trifft, die Reisenden vor diesen Plünderungen zu bewahren.

Die Miethe eines Maulthieres für die dreiundzwanzig Meilen betrug, weil es nicht sehr viele Reisende gab, achtzehn Thaler; sind der Reisenden viele, dann steigt sie auf zwanzig und mehr. Ein Platz in dem Boot auf dem Flusse kostet fünf, die Eisenbahn acht Thaler, das Gepäck zwanzig Cents per Pfund, so daß diese kleine Reise ohne Kost und Nachtlager auf nicht viel weniger als vierzig Thaler kommt.

Die Lage Panama’s[8] ist schön, das Land rings umher blühend. Kleine Eilande und Felsen, darunter Taboga, Taboguilla, steigen von allen Seiten aus dem Meere; eine Hügelkette, deren höchster Punkt der Aneon (500 Fuß), zieht sich bis nahe an das Seegestade. Die Gebirgskette von Mexiko und Neu-Granada ist hier schon sehr abgeflacht; man sieht sie in der Ferne.

Die Stadt zählt mit den Vorstädten und der nächsten Umgebung gegen 10,000 Seelen. Sie hat bedeutende Festungswerke, welche auf der Seeseite mit einem halben Dutzend Kanonen und einigen Bombenkesseln versehen sind. Von den drei Plätzen zeichnet sich der Hauptplatz durch Größe, Reinlichkeit und die Kathedrale mit einer hübschen Façade aus. Einen angenehmen Eindruck machte es auf mich, die Straßen gesäubert zu sehen von alten Kleidungsstücken, Wäsche, Schuhwerk, todten Hunden, Katzen und Ratten und anderem Plunder, über welchen man in San Francisco bei jedem Schritte zu klettern hatte. Auch über die Wohnungen war ich entzückt, obwohl sie weder mit schönen Einrichtungen noch mit Teppichen u. dgl. prangten; die Zimmer waren hoch und groß, man konnte doch wieder frei athmen und sich bewegen.

An Kirchen und Kapellen ist die Stadt überreich; man zählt mehr als ein Dutzend, die im Gebrauche sind, und eine ganze Menge, die in Ruinen liegen. Wenn Kirchen allein die Menschen gut machten, so müßte dieß hier der Fall sein.

Die größte Kirche ist die Kathedrale, die am meisten ausgeschmückte die sogenannte „Negerkirche.“ An dieser ist sehr viel Silber angebracht, aber geschmacklos und ohne Wirkung. Die hölzernen Statuen der Heiligen sind gräßlich geschnitzt und bemalt, mit Menschenhaaren verziert und in Seide, Sammet, Spitzen u. dgl. so barock gekleidet, daß man mit Erstaunen nach ihnen sieht.

Am Sonntage wurde bei der großen Messe viel musicirt und gesungen, aber so ohrenzerreißend, daß nach dieser musikalischen Ausführung mir die Malaische Musik sicher gefallen hätte und ich mein über letztere gefälltes strenges Urtheil zurücknehmen muß. Die Melodien während der Wandlung klangen so munter, daß ich mich im Theater und nicht in einer Kirche zu befinden wähnte.

Schon auf meinen früheren Reisen in Chili und Brasilien habe ich bemerkt, daß viele der dortigen Priester so tief an Bildung und nur zu häufig auch an Charakter stehen, daß man ihnen eher alles, als den Gottesdienst und den Volksunterricht anvertrauen sollte. Nicht einmal bei den Eingebornen, weder dort noch hier, stehen sie in Achtung oder Ansehen. Da gehe man nach Batavia oder Padang, dort gibt es Männer, die ihr Amt auf wahrhaft würdige Weise vertreten, dagegen auch bei Hohen und Niederen in unbestrittener Achtung stehen. — Wäre in den Spanisch- oder Portugiesisch-Amerikanischen Ländern die Zahl der wackeren Priester nicht gar so gering, so würde es mit der Volks-Erziehung und Modalität nicht so schlecht stehen, wie es leider der Fall ist.

Unter den Ruinen sind die schönsten: das ehemalige Kollegium sammt Kirche und die St. Domingo-Kirche. Beide würden herrliche Skizzen zu Bildern geben. Sie sind noch nicht so sehr zerstört, daß man nicht theilweise ihre schönen Formen, kühne Kuppel-Wölbungen, hohe Portici sehen könnte. Zierliche Schlingpflanzen ranken sich an halb eingestürzten Wänden auf, Bananen, Strauchwerk, Blüthen und Blumen decken den Boden und blicken aus den verfallenen Thüren und Fenstern. In der Ruine der St. Domingo-Kirche zeichnet sich einer der gewölbten Bogen durch seine besondere Bauart aus und zieht die Aufmerksamkeit aller Sachverständigen in hohem Grade an. Seine Wölbung ist so gering, daß sie auf dreißig Fuß Länge kaum drei Fuß Höhe beträgt.

Das Volk in Panama besteht aus demselben Gemische von Alt-Spaniern, Indianern, Negern u. s. w., wie in Acapulco. Unter den Mischlingen gibt es viele hübsche Leute mit schönen Augen, Haaren und Zähnen. Man rühmt auch ihre kleinen Hände und Füße. Dieselben sind wohl klein, aber selten schön; man sieht, wie bei den Malaien, zu viel Knochen, die runde Form fehlt, auch sind die Finger etwas zu lang.

Seit solche Massen von Reisenden den Isthmus hier durchziehen, gibt es so viel Verdienst, daß das Volk nicht den geringsten Mangel zu leiden hätte, wenn es arbeiten wollte; aber es ist träge, wie in allen heißen Ländern. Es zieht die Armuth, die Unreinlichkeit der Arbeit vor. Seine Hauptnahrung besteht aus Reis und Früchten. Sehr gern essen die Leute frisches Schweine- und getrocknetes Ochsenfleisch. Letzteres wird meistens von Buenos-Aires eingeführt. Es ist in lange, schmale Stücke geschnitten und wird nach der Elle verkauft.

Die Tracht des Volkes ist Europäisch. Der Mann hat das Europäische Beinkleid, die Jacke an, das Weib ein die Straße fegendes, langes Kleid, welches sehr weit ausgeschnitten und mit einer oder zwei so breiten Falben versehen ist, daß solche bis tief unter die Brust fallen. Wäre dieser Anzug rein und nett gehalten, so stände er ziemlich gut; allein das Kleid hängt so lose, daß es von der einen Schulter gewöhnlich hinab gleitet und Brust und Schulter entblößt, während es auf der andern beinahe bis an den Hals reicht. Sie wischen mit den breiten Falben den Schweiß vom Gesichte, bedienen sich derselben statt der Taschentücher und putzen den Staub u. dgl. überall damit ab. Beide Geschlechter tragen runde, kleine Strohhüte, die sie sehr schön zu flechten verstehen. Dem weiblichen Geschlechte passen sie nicht gut, da sie zu klein sind und kaum auf dem dickgeflochtenen Haare sitzen. Weiber und Mädchen tragen sehr gern Blumen im Haar; in Ermangelung frischer ersetzen sie selbe durch künstliche. Das Rauchen von Cigarren ist eine Hauptleidenschaft beider Geschlechter: man sieht schon zehnjährige Kinder mit der Cigarre im Munde. Eigenthümlich ist es, daß die Leute, vorzüglich wenn sie mit Arbeiten beschäftigt sind, den brennenden Theil der Cigarre in den Mund stecken, wodurch sie länger währt. Ich würde diese Sonderbarkeit wohl nicht beobachtet haben, hätte Dr. Autenrieth mich nicht darauf aufmerksam gemacht.

Die beliebteste Unterhaltung des Volkes sollen Hahnenkämpfe sein; doch scheint die Leidenschaft dafür nicht gar so groß zu sein, da ich weder Streithähne noch Gefechte sah.

Von den öffentlichen Anstalten Panama’s besuchte ich nur die Spitäler, deren es zwei gibt, das eine für das Volk, das andere für Fremdlinge. Ersteres ist von der Regierung, letzteres von den Europäern gegründet. Das Volkshospital ist unter aller Kritik. Es besteht eigentlich bloß aus einem langen, breiten, auf einer Seite ganz offenen Gange, in welchem der von ansteckender Krankheit Befallene neben dem leicht Erkrankten liegt. Unreinlichkeit und Armseligkeit sind die Haupteigenschaften dieses Ortes, der mehr einem Gefängnisse als einer Heilanstalt gleicht. Jeden andern als den im tiefsten Schmutze und Elend aufgewachsenen Eingebornen müßte schon sein Anblick tödten. Ich sah da ein Dutzend Menschen, meistens mit bösen Augen, abscheulichen Geschwüren und Hautkrankheiten behaftet, in den ekelhaftesten, schmutzigsten Verbänden auf dem ungedielten Boden kauern.

Einen ganz andern Anblick gewährt das Fremden-Hospital. Man hat zwar nur ein abgetakeltes Schiff dazu verwendet; aber alles ist schön, rein und wohlgeordnet, und der Kranke sehr gut gepflegt.

Unter den nahen Ausflügen Panama’s fand ich einen Spaziergang nach dem Berge Aneon höchst lohnend. Man kann mit größter Bequemlichkeit in einer Stunde auf seine Spitze gelangen und genießt eine der reizendsten Aussichten: stundenlang möchte man da sitzen und schauen. Man überblickt die ganze Stadt, von welcher ein Theil weit in die See vordringt, in deren Hintergrunde sich ein großes, höchst fruchtbares, üppiges Thal anschließt, von einem Flusse durchschnitten. Leider deckt noch Wald und Gebüsch den größten Theil des Grundes. Der weite Ocean mit vielen Inseln und Eilanden auf der einen Seite, Reihen von Hügeln und Bergketten auf der andern rahmen das liebliche und zugleich großartige Bild ein. Kein ähnlicher Naturgenuß ward mir in Kalifornien zu Theil, obwohl ich durch bedeutende Strecken jenes Landes reiste.

Schade, daß Panama so ungesund und das Klima so heiß ist. Der Fremde wird leicht und schnell von dem hartnäckigen, bösartigen Panama-Fieber befallen, und häufig bringt dieß ihm sogar den Tod. Die Ursache soll in der geringen Kultur des Bodens liegen, und das große, schöne Thal ist zum großen Theil sumpfiger Grund.