Fünfzehntes Kapitel.

Reise nach Lima. — Die Englischen Dampfer. — Guayaquil. — Callao. — Die Deutschen Auswanderer. — Lima. — Kirchen und öffentliche Gebäude. — Die Peruanischen Damen. — Erdbeben. — Unsicherheit. — Der Badeort Chorillos. — Die Ruinen des Sonnentempels Pachacamac. — Die Hazienda St. Pedro.

Am 7. Januar 1854[9] ging ich von Panama mit dem Dampfer „Bolivia,“ 750 Tonnen, Kapitän Straham, nach Lima.

Eine Englische Gesellschaft hat bisher noch immer den Vortheil, die Linie von Panama nach Valparaiso allein, ohne Amerikanische Konkurrenz, zu befahren. Dieß ist Ursache, daß die Preise sehr hoch, die Versorgung der Reisenden sehr schlecht ist. Obwohl der Engländer stets von Philanthropie mit Begeisterung spricht, zeigt er auf seinen Dampfern doch ganz das Gegentheil. Recht von Herzen würde es mich freuen, eine Amerikanische Gesellschaft erstehen zu sehen. Man wirft den Amerikanern vor, daß sie nur Dollar-Menschen seien — auf ihren Schiffen ziehe ich sie den Engländern bei weitem vor.

Ich will hier nur wieder eine kleine Skizze von der Einrichtung dieses Dampfers geben.

Die Schlafkabinen auf dem ersten Platze sind so beschränkt, besonders jene der Frauen, daß sich diese nur eine nach der andern aus- und ankleiden können. Sind die Kabinen besetzt, so müssen die Nachkommenden in dem Speisesaale schlafen, denn aufgenommen werden so viele Reisende als kommen. Ist auch der Speisesaal schon voll, so stopft man die Leute auf dem Vorderdeck in eine Kajüte, die zwar rein und hübsch, aber nicht in Kabinen getheilt ist; einfache Vorhänge bergen jede Schlafstelle. Beide Geschlechter werden dahin gewiesen, obgleich der Engländer in seinem eigenen Lande so empfindlich ist, daß z. B. auf manchen Eisenbahnen in die Wartezimmer der Frauen kein Herr gehen darf. Aber wo es Geld zu verdienen gibt, schweigen alle andern Rücksichten.

Die Kost war sehr gut, der Kapitän äußerst gefällig und aufmerksam.

Der zweite Platz ist gar unter aller Kritik; er besteht aus einem Loche, in welches nicht einmal eine Treppe, sondern nur eine Leiter führt. Die Leute haben weder Schlafstellen noch Polster oder Teppiche, sie können sich auf den nackten, schmutzigen Boden hinstrecken. Die ganze Einrichtung ist ein langer Tisch und eine lange Bank, die Kost besteht aus den Resten der Speisen, die von der Tafel des ersten Platzes abgenommen werden. Tischzeug, Gläser und ähnliche Dinge mangeln gänzlich; dieß würde Ueberfluß sein. Die Aufwärter bilden die Gesellschaft der Reisenden.

Der dritte Platz ist das offene Deck, über welches sich kein Linnendach spannte, die armen Reisenden gegen Regen oder die Tropensonne zu schützen. Wahrlich, eine echt philanthropische Behandlung! Welcher Gegensatz zu dem Amerikanischen Dampfer „Golden Gate,“ wo selbst der Deckreisende eine geräumige Kajüte, ein gutes Bett und eine treffliche Kost findet, und dafür nicht mehr zu bezahlen hat, als auf dem Englischen Dampfer!

Bis 11. Januar fuhren wir stets auf hoher See. Am 10. Mittags passirten wir den Aequator, ohne von der Hitze im geringsten zu leiden. Der Kapitän, der schon seit mehreren Jahren die Reise von Panama nach Valparaiso macht, versicherte mir, daß er die Temperatur längs der Küste nie heiß gefunden habe; der Himmel sei meistens bedeckt, die Kraft der Sonne dadurch gelähmt.

Am 11. Januar traten wir in den Golf von Guayaquil und bekamen Land von der Republik Ecuador zu sehen. Im Vordergrunde liegt ein abgeplatteter Felshügel, an welchen sich das Festland in unübersehbaren, öden Flächen schließt. Später kamen wir an einem langen Fels vorüber, der seiner merkwürdigen Gestaltung wegen der „todte Mann“ genannt wird.

12. Januar. Früh Morgens in dem Städtchen Guayaquil angekommen, welches an dem schönen Flusse Guaya, 50 Meilen stromaufwärts, liegt.

Guayaquil, mit 12,000 Einwohnern, ist der erste Hafenplatz und die zweite Stadt des Landes; die Hauptstadt Quito liegt jenseits des Chimborasso in einer Höhe von 10,000 Fuß.

Die Lage von Guayaquil ist recht artig: der Strom breitet sich gewiß über eine halbe Meile aus, die Umgebung ist sehr fruchtbar; den Hintergrund bildet eine schön bewachsene Hügelkette. In weiter Ferne steigen die mächtigen Cordilleren auf. Bei ganz heiterem Wetter soll man den 21,000 Fuß hohen Chimborasso sehen.

Die Bauart der Häuser fand ich sehr zweckmäßig: sie sind beinahe durchgehend einstöckig, gegen die Straße zu mit breiten Galerien versehen, die auf Säulen oder Bogen ruhen, unter welchen man geht und auf diese Weise jederzeit vor der Sonne geschützt ist. Die Wohnungen sind geräumig und ebenfalls gegen den Hof zu mit breiten Galerien umgeben, die Zimmer hoch und luftig. Hier ist die Hitze sehr bedeutend.

Mein erster Gang in den Städten ist gewöhnlich nach den Bazaren und Märkten: man hat da den besten Ueberblick des Volkes und der Landesprodukte. Ich benutzte die kurze Zeit unseres Aufenthaltes hier zum Besuche dieser Orte. Der Markt von Guayaquil liegt an dem Flusse. Ich war überrascht von der Mannigfaltigkeit und dem großen Ueberflusse der Lebensmittel. Es gab ganze Boote voll mit Ananas[10] oder andern Früchten, Getreide aller Art, Reis, Mais, Gemüse, Jamswurzeln, Fleisch, Fische, Geflügel, Eier, Chocolade u. s. w. Alles ist hier ungleich billiger als in Panama, dessen ungeachtet gibt es hier wie dort keine Kupfermünzen. Die kleinste Silbermünze ist ein Quarto medio (2½ Cents), deren man aber so wenige sieht, daß man sagen könnte, sie seien gar nicht im Kurse.

13. Januar. Gegen Abend kamen wir nach Payta (Peru), einem elenden Orte mit der traurigsten Umgebung. So weit das Auge reicht, sieht es weder einen Grashalm, noch viel weniger einen Busch oder Baum. Die einigen Dutzend Häuser oder Hütten sind von Rohr, mit Lehm überklebt, flach gedeckt; man unterscheidet sie kaum von dem sandigen, staubigen Grund und Boden. Das Land ist hügelig und durchaus sandig.

Wir hielten hier, wie in Guayaquil, einige Stunden an; der gute Kapitän Straham nahm mich überall mit an’s Land. Ich hatte nichts eiliger zu thun, als einige der Hügelchen (dreißig bis vierzig Fuß hoch) zu besteigen, weil ich hoffte, vielleicht doch im Hintergrunde einiges Grün zu erspähen; allein vergebens, stets neu aufsteigende Hügelchen bildeten eine Fortsetzung dieser todten, grauenvollen Wüste. Das Trinkwasser wird auf Eseln 14 Meilen weit hergebracht, eben so weit wird die Wäsche zum Waschen gesandt. Um nur einige Vegetation zu sehen, muß man 21 Meilen weit nach einem Flusse wandern. — Und an einem solchen Orte lassen sich Menschen nieder!

14. und 15. Januar. Häufig Land gesehen, denselben traurigen, einförmigen Charakter tragend, theils niedrige Küsten, theils Hügel und Berge, alles öde und wüstenartig.

16. Januar. Casma, ein Landungsplatz an der See mit ein paar erbärmlichen Laubhütten, den Reisenden Schutz verleihend, die auf den Dampfer warten; die Stadt selbst liegt 6 Meilen landeinwärts. Hier beginnen wieder höhere Gebirge, doch sind sie gleichfalls öde.

Wir hielten nur eine Stunde an, um Reisende und Fracht einzunehmen. Je näher wir Lima kamen, desto mehr glich das Deck einem Bivouak. Die Zahl der Reisenden stieg außerordentlich; man errichtete Nothzelte; Kisten, Koffer und Körbe beengten den Raum so sehr, daß für die Leute selbst wenig Platz blieb. Auch die Kabinen wurden voll bis zum Erdrücken. Das Uebelste dabei war, daß die Leute trotz der vollkommen ruhigen See mehr seekrank wurden, als ich dieß irgend wo in der Welt bemerkt hatte.

Die Frauen und Mädchen kamen in großem Putze an Bord; allenthalben rauschten seidne Kleider, schöne Chinesische Umschlagetücher; Edelsteine und Perlen fehlten auch nicht. Gestickte Schuhe, seidene Strümpfe sah man sogar an Dienerinnen. Viele der so reich geschmückten Frauen trugen das kleine, runde Männer-Strohhütchen, das ganz abscheulich stand. Alle die Pracht und Herrlichkeit machte jedoch wenig Effekt: es fehlte an geschmackvoller Zusammenstellung, und die Farben waren meistens sehr grell und unpassend gewählt. Die Peruanischen Frauen haben sehr kleine und wohlgeformte Füße. Sie wechseln auch, wie man mir sagte, zweimal in der Woche die Schuhe und ziehen dieselben so mühsam an, wie unsere Modewelt die Handschuhe. Sie stülpen den halben Schuh rückwärts um und zwängen ihn dann mit der größten Anstrengung über die Ferse.

17. Januar. Der hohen, öden Gebirge blieben wir stets ansichtig; sie nahmen an Höhe zu, je näher wir Callao kamen.

Bei Huacho, einer kleinen befestigten Stadt, gleich Payta von einer Wüste umgeben, wurde ebenfalls kurzer Halt gemacht. Der Kapitän beeilte sich, Callao zu erreichen, wo wir schon Tags zuvor hätten eintreffen sollen; allein der Dampfer fuhr sehr langsam, wir machten durchschnittlich per Stunde nicht mehr als sechs Meilen. Da, wie gesagt, keine Konkurrenz existirt, werden natürlich alte, schlechte Dampfer benützt, — der Reisende muß sich alles gefallen lassen.

Callao ist der bedeutendste Hafen von Peru. Die Rhede ist schön durch die Masse der sie umgebenden Gebirge; doch fehlt es auch hier an Wald und Vegetation.

Das Städtchen Callao, mit 7000 Einwohnern, erinnerte mich beim ersten Anblick durch seine Bauart einigermaßen an den Orient. Die Häuser haben nur ein Erdgeschoß oder höchstens einen Stock mit unregelmäßig angebrachten Fenstern, oft nur mit hölzernen, dicht vergitterten Balkons, die wie Verschläge an den Wänden hängen, und mit platten Dächern (Terrassen). Sie sind theils aus ungebrannten Ziegeln erbaut, theils aus Rohrwänden und mit Lehm beworfen. Die Zimmer sind etwas düster, da sie ihr Licht gewöhnlich nur von einem Fenster erhalten, mitunter nur von einem Verschlage, der auf die Terrasse mündet. Diese Verschläge sind statt der Glasscheiben mit hölzernen Gittern und Läden versehen, welch letztere man mittelst einer Schnur, die tief in das Zimmer hinab hängt, öffnen und schließen kann.

Die Festung, die seit der Unabhängigkeits-Erklärung von Peru den Namen Independenzia führt, gehört zu den bedeutenderen. Sie bildet ein regelmäßiges Achteck, ist umfangreich, gut erhalten, und von einem breiten, tiefen Graben umgeben, der mittelst einer Verbindung mit der See unter Wasser gesetzt werden kann.

Ich verweilte nur einen Tag in Callao. Vor allem besuchte ich auch hier den Wochenmarkt, der mich durch die reiche und mannigfaltige Zusammenstellung von Lebensprodukten beider Hemisphären noch mehr in Erstaunen setzte, als jener von Guayaquil. Die Abstufungen der Cordilleren (denen man hier sehr nahe ist) bieten so zu sagen alle Klimate der Welt, und so kommt es, daß man hier neben der saftigen Traube die hochgelbe Granadilla, neben dem Pfirsich die Mango, neben der Aprikose oder dem Apfel die Platane oder Chirimoya u. s. w. sieht. Letztere Frucht (von den Engländern Custod-apple genannt) wird von mehreren Reisenden für die Königin aller Früchte erklärt. Ich würde der Mangostan den Preis ertheilen, die auf Java vorkommt; sie schmeckt ungleich feiner und ist dabei leicht und gesund. Die Granadilla ist die Frucht einer Passions-Blume, an Geschmack unserer Stachelbeere ganz ähnlich. Pfirsiche, Aepfel, Aprikosen stehen den Europäischen bei weitem nach: man kann sie kaum anders als gekocht genießen. Die Ursache mag wohl an der vernachlässigten Kultur liegen, da der Eingeborne zur Arbeit zu träge ist und es wenige, beinahe keine Europäischen Pflanzer gibt.

Von den Getreidegattungen wird Gerste und Mais am meisten gebaut; sie bilden auch den Hauptnahrungszweig des gemeinen Volkes. Auffallend waren mir Kolben ganz schwarzen Maises, die ich unter den Haufen der gelben, weißlichen, braunen und andern liegen sah. Dieser schwarze Mais kommt nur in ganz kleinen Kolben und zwar selten vor; er wird nur zu Backwerken verwendet.

Nachmittags wanderte ich nach dem Platze (unweit der Festung), wo einst Alt-Callao stand, das im Jahre 1746 durch ein schreckliches Erdbeben zu Grunde ging. Ein Theil sank in die See, der andere in Trümmer; 3000 Menschen sollen dabei das Leben verloren haben. Von den Resten der Stadt ist nichts mehr zu sehen, als hie und da kleine Bruchstücke einer Wand oder Schichten von Ziegeln. Manche Reisende wollen behaupten, daß man den in die See gesunkenen Theil der Stadt noch sähe — eine der gewöhnlichen romantischen Uebertreibungen.

Freundlicher war ein Gang nach den Gärten und andern Pflanzungen, die in der Nähe von Callao am Saume eines Bächleins liegen. So sandig, wüst und öde die Gegend rings umher ist, so schnell erscheint Leben und Vegetation an Orten, die nur einigermaßen bewässert werden können. Ein Dutzend Deutscher Ansiedler hat sich da niedergelassen und erzielt sehr ergiebige Ernten. Sie bauen besonders viele Weinreben, die sich auf dem Gestein fortranken, es wie ein Netz überziehen und sich kaum einen Fuß hoch über die Erde erheben.

Vor ungefähr zwei Jahren erging von der Regierung Peru’s eine Aufforderung nach Deutschland, Ansiedler hierher zu senden; man machte ihnen gute, vortheilhafte Bedingungen, und diesem zu Folge schifften sich alsbald über zweitausend Auswanderer nach dem fernen Lande ein. Schon auf der Reise starb beinahe die Hälfte. Die Schiffe waren überfüllt, die Lebensvorräthe, das Wasser schlecht und verdorben, und die Leute wurden nicht besser behandelt als die Sklaven, die man von Afrika bringt. In Peru angekommen, fanden die Ueberlebenden, daß man sie von allen Seiten betrogen und belogen hatte. Statt sie in ein ihnen angemessenes Klima zu weisen, gab man ihnen Ländereien bei Callao und Lima, wo die große Hitze Europäischen Arbeitern tödtlich ist. Die ihnen gebotenen Geldunterstützungen standen in keinem Verhältnisse zu der Theuerung des Landes; nur zu bald versanken die Armen in Elend und Krankheit. Der Hamburger Konsul in Lima, Herr Rodewald, nahm sich ihrer mit aller Macht an, verwendete sich für sie bei der Regierung, schrieb um Hülfe nach Deutschland, veranstaltete Sammlungen und unterstützte sie kräftig aus seinen eigenen Mitteln. Dessen ungeachtet starben die meisten, trostlose Witwen und Kinder hinterlassend, welche das Klima natürlich besser vertrugen, da sie mit Feldarbeiten wenig oder nichts zu thun hatten. Unverzeihlich ist es von der Regierung eines Landes, durch Lüge und Betrug Leute, Familien zur Auswanderung zu bewegen und sie dann so gewissenlos ihrem Schicksale zu überlassen. Könnte ich doch allen Auswanderern zurufen, sich, bevor sie solch einen wichtigen Schritt unternehmen, Kenntnisse von dem Lande, dem Klima, den Kosten und den Hülfsmitteln, die ihnen daselbst zu Gebote stehen, zu verschaffen, und nicht unbedingt den Vorspiegelungen zu glauben, die ihnen von gewissenlosen, gewinnsüchtigen Agenten gemacht werden. Ist der arme Mann einmal von seiner Heimath weg, so hat er nicht leicht mehr die Mittel zur Heimkehr und muß bleiben, wo ihn sein Schicksal hingeworfen hat.

Freilich ist die Schuld auch häufig an den Ansiedlern. Viele haben die falsche Meinung, daß, wenn sie in einen fremden Welttheil gehen, ihnen gleich, wie das Sprüchwort sagt, die gebratenen Tauben in den Mund fliegen müssen; ist dieß dann nicht der Fall, so ergreift sie Unzufriedenheit und Mißmuth. Gerade der Ansiedler muß sich, wenigstens in den ersten Jahren, auf mehr Mühen, Arbeiten und Beschwerden gefaßt machen, als in seiner Heimath. Aber so sind die Menschen, nie genügsam und bescheiden in ihren Wünschen und Anforderungen. Sah ich doch selbst bei manchen Auswanderern, die sich erst seit kurzer Zeit angesiedelt hatten, den Tisch mit schönem Fleische, Gemüse, gutem Brot u. s. w. besetzt, den Kaffee- und Theetopf zweimal des Tages auf dem Feuer stehen, und dennoch waren die Leute nicht zufrieden. Warum? — Weil sie hier wie in der Heimath arbeiten mußten. Daheim mochte es ihnen an der Arbeit wohl noch weniger gefehlt haben, wohl aber an den trefflichen Lebensmitteln; wie oft mögen sie ihren Hunger kaum nothdürftig mit Kartoffeln oder schlechtem Brote gestillt haben!

Bevor ich Lima, die Hauptstadt von Peru, betrete, will ich dieses Reiches mit wenigen Worten erwähnen.

Peru faßt auf 2300 Quadratmeilen eine Bevölkerung von 2,150,000 Seelen und ist in elf Departements, diese in 63 Provinzen getheilt. Die Staatseinkünfte werden auf 10 Millionen Dollars gerechnet, eben so hoch die Ausgaben. Die Staatsschuld beträgt gegen 60 Millionen Dollars. Auf die Tilgung dieser Schuld wird nur ein ganz kleiner Theil der Einnahmen verwendet.

Die legislative Gewalt besitzt der Kongreß, welcher sich alle zwei Jahre in Lima versammelt und aus zwei Kammern besteht, der Kammer der Senatoren (21) und jener der Deputirten (81).

Die executive Gewalt und das Recht, die Minister zu ernennen, liegt in den Händen des Präsidenten, welcher alle vier Jahre neu erwählt wird. Der jetzige Präsident heißt José Rufino Echenique.

Diese Regierungsform besteht seit dem Jahre 1824, in welchem sich das Land von der Spanischen Regentschaft lossagte. Die einzige Festung Callao hielt sich unter General Bodin bis Februar 1826 und ergab sich unter sehr ehrenvollen Bedingungen. Obgleich dieser General große Tapferkeit bewies, hinterließ er doch einen sehr schlechten Ruf. Man schreibt die lange Vertheidigung mehr seinem Eigennutze als der Treue und Anhänglichkeit an seinen Monarchen zu. Er soll nämlich große Vorräthe von Lebensmitteln aufgespeichert und sie zur Zeit der Noth den Reichen, die in die Festung geflohen waren, zu den unverschämtesten Preisen überlassen haben. Die Leute mußten die Lebensmittel, wie man erzählt, beinahe mit Gold aufwiegen. Mit ungeheueren Reichthümern beladen ist der General nach der Uebergabe der Festung nach Spanien, seinem Vaterlande, gegangen.

Seit der Unabhängigkeits-Erklärung fanden in Peru so viele Revolutionen statt, daß eine Ruhe von ein paar Jahren unter die Seltenheiten gehört, und daß man der politischen Bewegungen am Ende schon nicht mehr viel achtet. Alle Revolutionen gingen bisher vom Militär aus. Hochgestellte Offiziere, lüstern nach der Präsidenten-Würde, suchten das Militär zu gewinnen, und die Unruhen begannen. Auch jetzt, als ich nach Peru kam, war das Land im Aufstande, und diese Revolution war die erste, die vom Civil ausging. Sie hatte ihren Anfang im September vorigen Jahres genommen. Ursache der Revolution war die schlechte Verwaltung der Staatseinkünfte, die sich seit der Auffindung des Guano (Vogeldünger) auf den Chincha- und andern Eilanden[11] sehr vermehrt hatten und doch weder für das allgemeine Wohl noch zur Tilgung der Staatsschulden verwendet wurden. Man wirft dem gegenwärtigen Präsidenten vor, einen großen Theil der Reichthümer des Landes in seine und seiner Anhänger Hände zu leiten. Um dieß leichter zu bewirken, hat er die Leute aufgefordert, unberichtigte Rechnungen aus den Zeiten vergangener Revolutionen für gelieferte Lebensmittel, Schadenersätze u. dgl. vorzubringen. Die Gläubiger, die solche Schulden einzufordern hatten, dachten daran schon lange nicht mehr, viele hatten die Papiere verloren oder zerrissen, andere waren gestorben und den Erben fehlte es an Beweisen. Es wurde jedoch den Leuten unter der Hand gesagt, daß man ihre Forderungen leicht anerkennen würde; nur möchten sie höhere Summen angeben, damit man, einer scheinbaren Gerechtigkeit wegen, einiges streichen könne.

Die Agenten des Präsidenten und dessen Anhang kauften diese Papiere insgeheim um geringe Summen, und durch diese Umtriebe, so wie mit der Manipulation der Staatspapiere und dem Guano-Handel soll sich der Präsident allein schon einige Millionen Dollars erworben haben.

Die jetzige Revolution war noch nicht bis Lima gedrungen. Der Präsident hatte das Militär noch auf seiner Seite; auch besoldete er theils aus der Staats-, theils aus eigener Kasse eine Legion Spione, die sogleich jede Person, auf die der leiseste Verdacht fiel, ergriffen und der Regierung überlieferten. Viele schmachten in den Gefängnissen, andere wurden des Landes verwiesen[12].

Schon seit vielen Jahren hat Peru das Unglück, von habsüchtigen, eigennützigen Beamten regiert zu werden, die auf nichts anderes bedacht sind, als ihre Taschen zu füllen.

Am 19. Januar fuhr ich nach Lima, wo der Hamburger Konsul, Herr Rodewald, so gütig war, mich in sein Haus einzuladen, eine Gefälligkeit, die für mich von um so größerem Werthe war, als man in diesem Lande ausschließlich die Spanische Sprache spricht, mit welcher ich mich noch nicht vertraut gemacht hatte.

Von Callao nach Lima (zwei Leguas, sechs Englische Meilen) führt seit dem Jahre 1851 eine Eisenbahn, deren Steigung so bedeutend ist (450 Fuß), daß man auf der Fahrt von Lima nach Callao gar nicht des Dampfes bedarf. Was mir bei dieser Eisenbahn am meisten auffiel, ist, daß sie durch einen großen Theil der Vorstädte Lima’s geht, ohne durch Geländer abgesperrt zu sein. Die Dampfwagen fahren hier durch die Straßen wie in andern Städten die mit Pferden bespannten Kutschen. Kinder spielen an den Hausthüren, Reiter lenken die Thiere eilig zur Seite, Leute laufen über die Schienen, und lärmend braust die Lokomotive mitten hindurch. Ungeachtet dieser augenscheinlichen Gefahr ereignete sich erst ein Unglück. Ein Esel wurde überfahren und die Maschine kam dadurch aus dem Geleise, bei welcher Gelegenheit mehrere Menschen verwundet wurden und einer das Leben verlor.

Die Stadt Lima, mit 96,300 Einwohnern, wurde am 6. Januar des Jahres 1534 von Pizarro gegründet; am 18. Januar desselben Jahres legte er den Grundstein zu der Kathedrale. Die Stadt ist in regelmäßige Quadrate eingeteilt; der Fluß Rimac, über welchen eine einzige, aber schöne, auf fünf Bogen ruhende Steinbrücke führt, theilt sie in zwei ungleiche Theile. Die Straßen sind lang, ziemlich breit und gerade.

Der Hauptplatz ist ein schönes Viereck. Auf zwei Seiten laufen an den Häusern Bogengänge hin, unter welchen es einige reiche, geschmackvolle Waarenlager gibt; auf der dritten Seite steht die Kathedrale nebst dem bischöflichen Palaste, auf der vierten Seite der Palast des Präsidenten und das Haus der Senatoren. Diese Paläste gleichen von außen so erbärmlichen Gebäuden, daß ich wirklich nicht weiß, wie man ihnen den hochtrabenden Titel „Palast“ beilegen konnte. Im Hofraume sehen sie etwas besser aus. Der Palast des Präsidenten ist überdieß noch durch viele kleine Verkaufsbuden verunziert, die wie Kleckse daran hängen. In der Mitte des Platzes prangt ein leidlicher Springbrunnen, der zu jeder Zeit des Tages von Eseln und deren Treibern umgeben ist, denn kein Haus in Lima hat einen eigenen Brunnen: alles Wasser wird mittelst Esel in die Häuser gebracht. Manche Familie gibt für den Wasserbedarf allein im Monat vier bis sechs Dollars aus.

An der Südseite dieses Platzes, wo jetzt Wohnhäuser stehen, stand der Palast Pizarro’s. In demselben wurde Pizarro am 26. Juni 1546 ermordet. Er saß mit einigen Freunden an der Tafel, als die Verschwornen den Palast umringten und der Ruf: „Nieder mit dem Tyrannen!“ erscholl. Er fiel mit dem Schwerte in der Hand. Die Stelle, wo er fiel, ist nicht genau bezeichnet, eben so wenig der Ort, wo er begraben liegt. Einige behaupten, in der Kathedrale, andere in der Franziskaner-Kirche. Ich suchte und fragte in beiden Kirchen vergebens nach seiner Grabesstätte.

Kirchen und Klöster hat Lima in großer Menge aufzuweisen. Die Geistlichkeit ist im Besitze unzähliger Gebäude und ausgedehnter Ländereien; ein Fünftheil der Stadt soll ihr Eigenthum sein. Manche Klöster schätzt man auf achtzig- bis hunderttausend Dollars Einkünfte.

Unter den Kirchen gefielen mir die Kathedrale, die Franziskaner- und die St. Petri-Kirche am besten. Die der Augustiner und die der Dominikaner gehören ebenfalls zu den vorzüglichen, so wie viele andere in allen Gegenden der Stadt sehenswerth sind. Ihre Bauart ist imposant, ihre Kuppeln sind hohe, herrliche Wölbungen, und im Innern findet man vieles und schönes Schnitzwerk in Holz, alles Basrelief und sehr reich vergoldet. Der innere Reichthum an Silber, Gold und Edelsteinen ist nicht mehr so groß, als er gewesen sein soll. Die silbernen Tabernakel, so wie die silbernen Säulen an den Altären in der Kathedrale sind so schmutzig, daß man sie, wenn man auf ihre Kostbarkeit nicht aufmerksam gemacht wird, gewiß ganz übersehen würde. Bei großen Festen sollen die Kirchen prachtvoll mit Sammt, Blumen u. s. w. geschmückt, feenartig erleuchtet sein, die Heiligen in großem Pomp mit Gold und Edelsteinen prangen und die Priester in überreichen, goldgestickten Meßkleidern erscheinen. Leider gab es während meiner Anwesenheit kein Fest, ich mußte mich mit den schlecht geschnitzten hölzernen Heiligen in ihrem Alltagsputze begnügen. Dessen ungeachtet machten die Kirchen einen imposanten Eindruck. Die majestätischen Wölbungen, die langgezogenen, hohen Schiffe, die Seitenaltäre und Nischen mit den sie stützenden Pfeilern und Säulen, die mit Gemälden und Statuen gezierten Wände (besonders wo dieß nicht übertrieben ist und nicht Bilder in grotesken Anzügen mehr an das Heidenthum, als an das Christenthum erinnern), das Halbdunkel, durch welches hie und da ein Lämpchen gleich einem Sterne schimmert, die tiefe Stille oder der am Altar fungirende Priester im würdigen Ornate erheben das Gemüth unstreitig mehr, als Tempel mit ganz einfachen, weißen Wänden in prosaischer Nacktheit.

Die äußere Religiosität des Volkes ist noch ziemlich groß. Viele nehmen die Hüte ab, wenn sie an einer Kirche vorüber gehen, aber gewiß thun es alle, wenn Morgens oder Abends die Glocke zum Gebete ruft. Der Fußgänger bleibt stehen, der Eseltreiber steigt von seinem Thiere ab, das Gespräch erstirbt, alles fleht zum unsichtbaren Wesen. Ist aber dieser Augenblick vorüber, so kehrt das gewöhnliche Getreibe wieder, der Eseltreiber mißhandelt sein Thier wie zuvor, der Verkäufer betrügt den Käufer, böse Nachrede tritt an die Stelle des Gebetes.

Außer den Kirchen ist gar kein öffentliches Gebäude hübsch zu nennen. Im ganzen macht Lima auf den Ankömmling keinen sehr vortheilhaften Eindruck. Die Vorstädte zeigen gleich den Orientalischen Städten nichts als lange Mauerwände mit Eingangsthüren und sehr wenigen Fenstern. Erst mehr gegen das Innere der Stadt wird der Anblick etwas freundlicher. Die Häuser sind da meistens stockhoch, haben große, hochgewölbte Eingangspforten und zahlreichere Fenster. Die angehängten, eng vergitterten hölzernen Balkons findet man überall. Die Dächer sind platt, wie in Callao; die meisten Zimmer erhalten hier wie dort das Licht durch Verschläge, die auf das Dach münden.

Auch hier, wie im Orient, geht die eigentliche Façade der Häuser auf den Hofraum. Die Empfangsgemächer (durchgehend im Erdgeschosse) liegen dem großen Hausthore gegenüber; die Hallen unter dem Thore, die Mauerwände in dem Hofe sind hie und da mit hübschen Fresken bemalt, die Höfe nett gepflastert und mit Blumentöpfen geziert. Der Salon, in welchen man von der Hausthüre gerade hinein sieht, ist niedlich ausgestattet, die Fenster und Glasthüren werden mit Draperien versehen, durch die Saalthüren hindurch erblickt man im Hintergrunde ein kleines Gärtchen; mit wahrem Vergnügen bleibt man bei jedem Hausthore stehen, um diesen lieblichen Anblick länger zu genießen. Abends ist ein Gang durch die Straßen noch anziehender: die Gemächer sind erleuchtet, Thüren und Fenster geöffnet, und die graziösen Gestalten der Peruanischen Damen beleben die freundlichen Bilder.

Das schönste Haus ist jenes der Alt-Spanischen Familie Torre-Tagle; es zeichnet sich durch seine schöne Façade und architektonischen Verzierungen gegen die Straße zu aus. Jetzt ist das Haus auf einen Seitenzweig der Familie übergegangen.

Von den öffentlichen Anstalten sah ich das Museum, die Akademie der bildenden Künste und die Bibliothek. Das Hospital besuchte ich nicht, es herrschte das gelbe Fieber und viele daran Erkrankte lagen in demselben.

Das Museum als solches ist eins der erbärmlichsten von allen, die ich bisher gesehen hatte. Jede Gattung aus dem Naturreiche ist mit einigen schlechten, ganz verwahrlosten Exemplaren angedeutet. Aus dem Insekten- und Crustaceen-Reiche fehlen sogar diese. Statt der Peruanischen Insekten sieht man ein halbes Dutzend Kästchen mit den gewöhnlichsten Chinesischen Käfern; von Seeprodukten ist gar nichts vorhanden. Das Werthvollste sind vier sehr gut erhaltene Mumien in hockender Stellung, wie sie in den Inkas-Gräbern aufgefunden wurden, desgleichen eine ziemliche Anzahl Alt-Peruanischer Trink- und anderer Gefäße. Aus acht Oelgemälden von einst regierenden Inkas ersieht man, daß dieselben schöne, wohlgebildete Leute mit edlen Gesichtszügen waren. Auch die lebensgroßen Bildnisse aller Spanischen Vicekönige sind hier aufgestellt; aber gerade jenes von Pizarro steht im ungünstigsten Lichte und ist vom Alter so geschwärzt, daß man kaum mehr als die Umrisse unterscheiden kann.

Die „Akademie der bildenden Künste“ ist nichts weiter als eine erbärmliche Zeichenschule für die ersten Anfänger. Aus welchem Grunde sie den Namen „Akademie“ führt, konnte ich nicht ermitteln, denn sie besitzt weder eine Büste oder Statue, noch ein Gemälde, noch eine größere Zeichnung. Alles, was ich sah, waren einige angehende Künstler, die sich mit dem Zeichnen von Nasen, Augen und Ohren beschäftigten.

Die Bibliothek enthält in zwei schönen Sälen 30,000 Bände. Es sollen darunter werthvolle Handschriften sein.

An öffentlichen Spaziergängen besitzt Lima die Alameda und die Brücke. Die Alameda besteht aus Baum-Alleen längs des Rimac-Flusses. An einer Seite steht die Arena für die Stiergefechte. An dem Ende der Alameda befindet sich eine Anstalt für kalte Bäder. Die Gebirgswelt sieht man nicht nur von hier aus, sondern beinahe von jeder Straße, vorzüglich den 1275 Fuß hohen „Cerro de San Cristoval,“ auf dessen Spitze ein Kreuz errichtet ist, zu welchem jedes Jahr eine große Wallfahrt stattfindet.

Sehr schön ist der außerhalb der Stadt gelegene Friedhof oder das „Pantheon.“ Es wurde im Jahre 1807 gegründet. Die Kapelle so wie das Haus des Aufsehers sind sehr niedlich, die Gärten in verschiedene Abtheilungen gesondert, von schönen Baum-Alleen durchschnitten und mit hohen Mauern eingefaßt. Sie enthalten mehr als tausend Nischen zur Aufnahme von Verstorbenen, nebst vielen andern Grabesplätzen. Unter den Nischen gibt es solche, die für immerwährend angekauft werden können; in den anderen bleiben die Leichen nur so lange, bis man den Platz für die Nachfolgenden benöthigt. Die Gebeine werden dann in gemauerte Gewölbe oder große Gräber geschafft. Die Leichen der Kinder werden in einem hölzernen Thurm aufgeschichtet. Ich hob die Thüröffnung auf und sah eine große Anzahl solcher kleiner Geschöpfe, in Tücher geschlagen, aufgehäuft. Die Armen werden in große Gruben begraben.

Vor Erbauung des Pantheons wurden viele Verstorbene in den Kirchen beigesetzt.

Außer dieser äußerst zweckmäßigen Einrichtung, daß die Todten nicht mehr innerhalb der Stadt beerdigt werden, erfreut sich Lima zweier Vortheile, die sehr zur Gesundheit beitragen. Der eine besteht in vielen künstlich gezogenen Wassergräben, die, von dem Rimac gefüllt, die Straßen von Osten nach Westen durchschneiden; der zweite in einer Gattung ganz schwarzer Vögel von der Größe eines Huhnes, deshalb auch Gallinazo genannt, welche Thiere, gleich den Hunden in Konstantinopel, die Straßen von allem aasartigen Unrathe säubern. Schon in Callao fielen mir diese zahmen Raubvögel auf, die dort wie hier sich mitten in den Straßen unter den Leuten bewegen.

Den Wochenmarkt besuchte ich mehrere Male. Eine große, gemauerte, schöne Halle dient vorzüglich zum Fleisch-, geschlachtetem Geflügel- und Gemüse-Verkauf. Die Verschiedenartigkeit der Lebensmittel ist noch größer und natürlich die Menge bedeutender, als in Callao. Den vielen Fleischbuden nach zu urtheilen, muß das Volk hier ziemlich häufig Fleisch genießen. Sonderbar kam es mir vor, in den Fleischbuden statt der Männer Weiber zu sehen, welche die schwersten Ochsenkeulen handhabten und den Käufern pfundweise den Bedarf zutheilten. Das Geflügel wird wie in Italien nicht nur in ganzen, sondern auch in halben und Viertel-Stücken verkauft.

Das Leben in Lima ist theuer; man kann annehmen, daß ein Haushalt, der in Deutschland 1500 Thaler kostet, hier gewiß auf 4000 zu stehen kommt. In jedem wohlhabenden Hause wird ein Mayordomo gehalten, welcher das Silberzeug, die Wäsche, so wie die Dienerschaft unter seiner Aufsicht hat und die Einkäufe der Lebensmittel besorgt.

Außerordentlich ist der Verbrauch des Eises; man braucht per Tag für etwa 1000 Dollars. Es wird von Nordamerika gebracht und kommt auf diesem Wege billiger, als von den nahen Cordilleren, von wo es durch Maulthiere getragen werden müßte. Man genießt es nicht blos mit Wasser oder Wein, man bereitet auch Eis aus Milch und Früchten. Schon am frühesten Morgen sind die zahlreichen Eisbuden belebt. Die Milch-, Obst- und Fleischhändlerin, den Koch, den Mayordomo kann man da in gemüthlicher Ruhe beisammen sitzend finden. Das Eis ist durchschnittlich schlecht bereitet, grob, wenig consistent und fade.

Das Volk besteht hier wie zu Acapulco, Callao und gewiß allen Spanisch-Südamerikanischen Staaten, aus einem solchen Gemische, einer solchen Verzweigung Indianischen, Europäischen und Afrikanischen Blutes, wie man es in keinem anderen Theile der Welt finden kann. Unter der reichen Klasse, den Kreolen und Alt-Spaniern[13] gibt es sehr schöne Mädchen und Frauen. Die Damenwelt von Lima hat den Ruf, ihre Reize durch eine sehr geschmackvolle und kostbare Toilette zu erhöhen; ihr Gang, ihr Benehmen wird als graziös geschildert. Daß sie ganz besonders kleine, wohlgeformte Hände und Füße haben, nur seidene Strümpfe und die engsten Schuhe tragen, habe ich bereits erwähnt. Auch mit geistigen Fähigkeiten, mit natürlichem Verstande und Witz, desgleichen mit Talenten, besonders für Musik, soll sie die Natur reichlich ausgestattet haben. Leider sollen sie wenig Ausdauer besitzen, dieselben auszubilden.

Ich selbst kann darüber kein Urtheil fällen, ich war zu kurze Zeit in Lima, um in mehrere echt Alt-Spanische Häuser eingeführt werden zu können; auch ist für Fremde der Zutritt nicht sehr leicht zu erhalten. Ich sah nur in den Logen im Theater, wo ich die berühmte Sängerin Fr. Hayes, den nicht minder geschätzten Tenoristen Herrn Mengis und den ausgezeichneten Violinkünstler Herrn Hauser hörte, einen Theil der eleganten Gesellschaft und fand an Schönheit und Grazie alles bestätigt, was mir die Herren von der Frauenwelt gesagt hatten.

Vor noch wenig Jahren bedienten sich die Frauen, wenn sie auf der Straße oder nach der Kirche gingen, einer eigenthümlichen Tracht, die aus einem langen, schwarzseidenen Oberkleide (Saya) und dem Manto bestand, der den Körper von den Hüften bis über den Kopf verhüllte und nur einem Auge Raum zum Sehen gestattete. In diesem Anzuge soll die Frau dem Manne unkenntlich geblieben sein, selbst wenn sie neben ihm stand. Jetzt ist diese Tracht wie verschwunden, man sieht sie kaum zuweilen in der Kirche oder bei Prozessionen. Man sagt, sie habe gar zu leicht Anlaß zu unbescheidenen Zusammenkünften gegeben; die Herren suchten die Saya bei Gemahlinnen und Töchtern abzuschaffen. Jetzt ersetzen die Frauen den Manto durch ein großes Umschlagetuch, das sie über Kopf und Kleid schlagen. Diese großen, aber nicht sehr reizend stehenden Tücher tragen sie nicht nur in der Kirche und auf den Straßen, sondern sogar im Parterre des Theaters.

Die Weiber aus dem Volke sah ich nirgends so reich und verschwenderisch gekleidet wie hier. Milch- und Obst-Verkäuferinnen saßen in Barège- oder Seidenkleidern, Chinesischen Tüchern, seidenen Strümpfen, gestickten Schuhen auf den Eseln, mit dem Verkaufskram an der Seite. Alles hing jedoch nachlässig, auch zerrissen am Körper, die Farben waren höchst grell oder verschossen, alles stand schlecht zu der dunklen oder gelben Gesichtsfarbe. Ich gedachte jedesmal der etwas derben, aber passenden Worte Sancho Panso’s, welcher, als er Hoffnung hatte, zum König einer noch unentdeckten Insel gemacht zu werden, von seiner Frau sagte: „Sie wird sich als Königin ausnehmen, wie ein Schwein mit einem goldenen Halsbande.“

Die Männer, Europäer wie Eingeborne, reich oder arm, tragen über ihrem Anzug auf Reisen oder auch nur bei gewöhnlichen Reitparthieen den Poncho wie in Chili. Selbst Frauen bedienen sich dieses Kleidungsstückes, wenn sie einen Ausflug zu Pferde machen.

Die reichen und vornehmen Frauen gehen nur zur Kirche zu Fuß, sonst fahren sie in Calezas, zweiräderigen, von Maulthieren gezogenen Gläserwagen. Die Maulthiere sind weit vor die Kutsche gespannt, und der Kutscher sitzt auf einem der Thiere.

Die Herren, die viel außer Hause zu thun haben, wie z. B. Aerzte, reiten auf Maulthieren oder Pferden.

Die Kleinverkäufer, Wassermänner u. s. w. bedienen sich der Esel, die hier sehr mißhandelt werden. Oft hängt auf einem solchen armen Thiere die ganze Familie, Mann, Weib und Kind, nebst den größten Lasten als Zugabe. Ein Peruanisches Sprichwort sagt: „Lima ist die Hölle der Esel, das Fegefeuer der Ehemänner, der Himmel der Frauen.“ Wenn es eine Seelenwanderung gäbe, müßte der Gedanke, in einen Peruanischen Esel oder in ein Javanesisches Postpferd verwandelt werden zu können, zur Verzweiflung bringen.

Ungleich besser geht der Eingeborne mit dem Llama um: er gebraucht es zwar auch als Lastthier; allein er behandelt es mit Liebe und Zärtlichkeit, man möchte beinahe sagen, er habe Hochachtung für dieses Thier. Das Llama ist von dem Fuße bis zum Scheitel fünf Schuh hoch und gehört zu dem Geschlechte der Kameele. Die Llamas werden als Lastthiere gebraucht, sie sind für die schlechten Wege in den Cordilleren ungleich brauchbarer, als Esel und Maulthiere, und bringen gewöhnlich die Erze in die Niederungen. Ein Llama geht per Tag drei bis vier Leguas und trägt hundert Pfund; ladet man ihm mehr auf, so legt es sich nieder und steht nicht eher auf, als bis ihm die Ueberfracht abgenommen ist[14].

Selten bekommt man diese schönen, sanften Thiere in Lima zu sehen, denn das warme Klima vertragen sie nicht. Zufällig kam doch während meiner Anwesenheit eine kleine Heerde von vierzig bis fünfzig Stück nach der Stadt, um Salz nach den Gebirgen zu bringen.

Wenn diese Thiere gereizt werden, spucken sie um sich. Der Speichel soll so scharf und ätzend sein, daß er auf der Haut einen brennenden Schmerz verursacht.

Außer der Seltenheit, Llamas in Lima zu sehen, erlebte ich auch noch eine andere Merkwürdigkeit, nämlich einen ziemlich starken Regen, der fünf bis sechs Stunden anhielt — eine Erscheinung, deren sich die ältesten Leute nicht zu entsinnen wußten. Es regnet hier im Sommer nie, im sogenannten Winter höchst selten, und da fällt meistens mehr feuchter Nebel als Regen, der kaum die Steine befeuchtet. Donnerwetter gibt es diesseits der Cordilleren nie.

Die Temperatur ist, obwohl Lima nur zwölf Grad südlich vom Aequator liegt, nie drückend heiß. Ich war in der Mitte des Sommers hier[15], und fand den Thermometer im Zimmer nie über 20 Grad Réaumur. Man schreibt diese gemäßigte Temperatur den Luftströmungen von den nur achtundzwanzig Leguas von der Stadt entfernten, mit ewigem Schnee bedeckten Cordilleren zu. Dagegen gibt es häufig Erdbeben. Ich erlebte in den fünf Wochen meines Aufenthaltes drei. Das erste war sehr bedeutend, richtete aber doch keinen Schaden an; bei dem zweiten ließ sich ein starkes, donnerähnliches, unterirdisches Geräusch vernehmen, welches gegen vierzig Sekunden anhielt; das dritte bestand aus ein paar ganz leichten Stößen. Bei jedem Erdbeben stürzt das Volk auf die Straßen, wirft sich auf die Knie und schreit, während es sich beständig an die Brust schlägt: „Misericordia!“ Die Glocken läutet man in allen Kirchen.

Eine große Unannehmlichkeit Lima’s ist die Unsicherheit (das Räuberunwesen). Gegen 6 Uhr Nachmittags, wo es kaum dunkelt, darf man sich weder vor ein Stadtthor, noch auf die Alameda oder sonst einen einsamen Ort allein wagen; sogar zu Pferde wird man angefallen und beraubt. Bei Hausberaubungen, die jedoch seltener vorfallen, brechen die Diebe nicht immer durch Fenster und Thüren ein, sondern sie ersteigen die Terrassen (meistens aus einer leichten Rohrdecke bestehend), machen eine kleine Oeffnung und lassen sich in das Zimmer hinab.

Vor noch wenig Jahren ging das Raubsystem viel großartiger vor sich. Berittene oder unberittene Banden von dreißig bis vierzig Mann kamen Abends zu irgend einem Hause (gerade nicht in den belebtesten Straßen); die Hälfte der Leute stellte sich vor demselben auf, die übrigen gingen hinein, schlossen schnell die Thüre und ersuchten die erschrockenen Bewohner ganz höflich, sich nicht stören zu lassen, ihnen nur alle Schlüssel zu geben, da sie schon selbst finden würden, was sie benöthigten. Bis die Nachbarn oder Vorübergehenden, durch die aufgestellte Wache aufmerksam gemacht, bewaffnete Hülfe bringen konnten, waren die Vögel mit ihrer Beute schon längst davon geflogen.

Auf dem sehr besuchten Wege von Lima nach Chorillos (zwei Leguas) sind beständig berittene Patrouillen im Gange; dessen ungeachtet ist es für einen einzelnen Reiter gefährlich, sich nach 6 Uhr auf der Straße blicken zu lassen.

Die Peruanische Kavallerie, größtentheils aus Negern bestehend, soll von geringem Werthe sein. Besser als diese ist, wie man mir sagte, die Infanterie, zu welcher meistens Gebirgs-Indianer genommen werden. Man schildert sie als tapfer und ausharrend, Hunger und Beschwerden lange und leicht ertragend, und zählt sie zu den besten Truppen der Welt. Im gewöhnlichen Dienste sehen die Truppen nicht sehr glänzend und kriegerisch aus; hätten sie nicht ein Schwert umgegürtet, so würde man sie kaum von den Tagelöhnern unterscheiden. Bei Paraden dagegen nimmt sich das Militär, besonders die Kavallerie, recht gut aus: es ist mit weißem Linnenzeug uniformirt, die Pferde sind hübsch und gut gezäumt.

Herr Konsul Rodewald war außerdem, daß er mir den angenehmsten Aufenthalt in seinem Hause bot, auch noch so gefällig, einen kleinen Ausflug zu veranstalten, um mir den Badeort Chorillos und die Ruinen eines Peruanischen Sonnentempels zu zeigen, welche vier Leguas von Chorillos bei dem Oertchen Lurin stehen und unter die interessantesten gezählt werden, von jenen, die noch längs der Küste vorhanden sind.

Nach Chorillos (zwei Leguas) geht täglich ein Omnibus. Ich fuhr in demselben, die Herren waren zu Pferde. Der Weg zieht sich durch eine sandige Ebene, auf welcher man nur hie und da kleine grüne Fleckchen gleich Oasen gewahrt. Auch die über einander geschichteten Gebirgsmassen zur Seite sind ohne alle Vegetation. Der Badeort selbst macht einen ungefälligen, traurigen Eindruck: erbärmliche Lehmhäuschen stehen in schmutzigen, staubigen Straßen zusammen gedrängt. Ich würde Chorillos eher für einen Verbannungs- als Belustigungs-Ort gehalten haben. Man sollte glauben, daß wohl nur wirklich Kranke, welchen die Seebäder verordnet sind, hierher kommen. Dem ist aber nicht so: das zarte Geschlecht sucht, ohne krank zu sein, Vergnügen in diesem traurigen Badeorte, Erholung in dem Luftwechsel, und die Herren zieht nicht nur die Damenwelt, sondern auch der grüne Tisch an, auf dem sie oft bedeutende Summen zurücklassen. So sucht der Mensch Wechsel in das Leben zu bringen und vertauscht oft das Bessere gegen das Schlechtere. Aber Licht und Schatten schaffen ein schönes Bild; eines wie das andere allein ist eintönig und wird mit der Zeit unerträglich.

Am folgenden Morgen ging es zu Pferde nach Lurin. Wir wählten den Weg über die Pampas, das heißt: „Sandsteppen,“ in welchen nichtsdestoweniger einige hübsche Zuckerrohr-Pflanzungen (Haziendas) liegen.

Eine Legua hinter Chorillos zeigt noch eine kleine Reihe gemauerter Bogengänge, daß hier einst eine Wasserleitung existirte.

Kurz vor dem Oertchen Lurin lenkten wir unsere Rosse etwas rechts nach dem 555 Fuß hohen Hügel Pachacamac, auf welchem die Ruinen des umfangreichen Sonnentempels stehen.

Pachacamac (Schöpfer der Erde) war der mächtigste Gott der Yunkas. Als die Yunkas von den Inkas überwunden wurden, warfen diese die Götzenbilder aus dem Tempel, weihten ihn der Sonne und bestimmten königliche Jungfrauen (Sonnen-Jungfrauen) ein ewiges Feuer darin zu unterhalten. So wie die Inkas die Yunkas vertrieben, ihre Götzenbilder zerstört, sie gezwungen hatten, die Sonne anzubeten, eben so erging es den Inkas später durch die Christen, als Pizarro das Land eroberte. Die christlichen Horden verfuhren jedoch mit dem Volke noch grausamer, als die Inkas mit den Yunkas. Die Sonnen-Jungfrauen wurden den rohen Kriegern übergeben und das Volk durch Feuer und Schwert zur Annahme einer neuen Religion gezwungen, die es hassen und verabscheuen mußte, da es die Anhänger derselben die schändlichsten Gräuelthaten verüben sah! —

Von dem Tempel, den wir von allen Seiten untersuchten, bestehen nur mehr einfache Mauerreste, die gleichwohl von seiner ehemaligen Größe zeugen. Die wenigen erkennbaren Kämmerchen gleichen kleinen Zellen ohne Fenster und erhielten das Licht wahrscheinlich von oben. Auch zwei kleine Feuerstellen waren noch zu erkennen. Die Mauern, Wände und Wälle sind aus ungebrannten Ziegeln aufgeführt: hie und da besteht die unterste Lage aus behauenen Steinen. An einer einzigen Wand fanden wir noch ein kleines Stückchen sehr feines und hartes Plaster von ziegelrother Farbe, ganz ähnlich wie ich es in den ausgegrabenen Häusern zu Pompeji bei Neapel gesehen hatte.

Die schönen Monumente der Peruanischen Bauart stehen bei Cusco im Innern des Landes, zweihundert Leguas von Lima. Die Hauptkunst der Peruanischen Baumeister bestand darin, die größten Steine ohne Mörtel so ineinander zu fügen, daß sie eine Festigkeit bekamen, als wäre das Ganze aus einem Stücke gehauen. Noch heut zu Tage liegen die Steine so fest auf einander, daß man mit keiner Messerklinge dazwischen dringen kann.

Erheiternd ist der Blick von den Ruinen über das zu Füßen liegende Thal. Die Umgebung von Lurin ist lieblich; blühende Felder, zartes Gebüsch bedecken den ursprünglich sandigen Boden. Als die Spanier Peru eroberten, war das Thal von Pachacamac das fruchtbarste an der Küste und reich bevölkert. Die Wasserleitung in der Nähe von Chorillos spricht noch von jenen schönen Zeiten.

Von den interessanten Denkmälern einer zerstörten Vergangenheit hinweg begaben wir uns nach der prosaischen Hazienda St. Pedro, die zu dem Kloster St. Pedro gehört, große Zuckerpflanzungen und viele Sklaven besitzt.

Dergleichen Haziendas werden auf eine bedeutende Anzahl von Jahren verpachtet. Jede Verbesserung, die der Pächter anbringt, erhält er zu gut gerechnet. Oft belaufen sich zu Ende des Pachtes die Forderungen so hoch, daß der Besitzer froh ist, wenn der Pächter um einen geringen Preis den Pacht fortbehält. In dieser Hazienda hat der Pächter eine Dampfmaschine zum Zuckerpressen (die erste im Lande) errichtet.

Es war Sonntag, und als wir ankamen, endete so eben der Gottesdienst. Der ganze Haufen der Sklaven wurde von der Kirche in eine Abtheilung des Hofes getrieben und diese geschlossen. Sie gingen singend, lachend und lärmend nach ihrem Gefängnisse, aber gerade dadurch kamen sie mir wie eine Heerde Vieh vor. Nie ergriff mich eine Scene so sehr, wie diese, denn an keinem Orte sah ich die Menschheit so erniedrigt, so ganz dem Thiere gleich gestellt. Jede Freude war nun für mich dahin: ich konnte dieß Bild nicht aus dem Gedächtnisse streichen.

Die Armen sandten nach Branntwein, den ihnen ihr Herr verkauft; sie wollten den Tag mit Trunk, Tanz und Gesang verbringen.

Ich war in Brasilien und in andern Ländern auf vielen Plantagen, die mit Sklaven bearbeitet wurden; allein überall sah ich diese besser gekleidet, als hier, und nirgends wurden sie eingesperrt.

Die Sklaverei ist in Peru bei der Unabhängigkeits-Erklärung nicht aufgehoben, sondern dahin bestimmt worden, daß die von Sklaven erzeugten Kinder nach fünfundzwanzig Jahren frei sein sollen. Später wurden jedoch statt der fünfundzwanzig Jahre fünfzig festgesetzt. Eingeführt darf kein Sklave mehr werden. Betritt ein Sklave Peruanischen Boden, so ist er frei; dieß gilt auch von jenem, der z. B. von seinem Herrn in ein fremdes Land oder über See mitgenommen und wieder zurückgebracht wird. Im allgemeinen sollen die Sklaven gut behandelt werden, besonders die Haussklaven, und von den Gesetzen sehr in Schutz genommen sein. Der Sklave kann sich, wenn er hart behandelt wird, selbst an einen andern Herrn verkaufen; auch läßt man ihnen Zeit und Gelegenheit, sich Geld zu verdienen, damit sie sich selbst loskaufen können. Die meisten aber ziehen es vor, das Verdiente in Branntwein zu vertrinken und den Brodherrn für ihre Bedürfnisse sorgen zu lassen.

Herr Rodewald hatte einen Sklaven, dem er die Freiheit schenken wollte; dieser wies das Geschenk zurück, mit der Bemerkung, daß er sorgenloser lebe, wenn ihn sein Herr behalte.

Den Rückweg nach Chorillos nahmen wir durch die Playas, d. h. an der Meeresküste.

Die Nacht blieb ich in dem Badeorte und am folgenden Morgen fuhr ich nach Miraflores, einem Dörfchen, auf halbem Wege zwischen Chorillos und Lima gelegen. Auch hieher ziehen viele Familien aus der Stadt, um in den Sommermonaten eine bessere, frischere Luft zu genießen. Niedliche Ranchos (Sommerhäuschen) mit Gärten und ein hübscher Platz zieren das freundliche Oertchen; im Vergleich zu Chorillos könnte man Miraflores ein kleines Eden nennen.

Ich verlebte hier zwei sehr angenehme Tage in Gesellschaft der beiden geistreichen, höchst gebildeten Frauen Smiths und Dardnell. Erstere Dame ist eine ausgezeichnete Malerin, Madame Dardnell mit einer schönen Stimme begabt, und beide sind höchst achtungswerthe, liebenswürdige Hausfrauen.

Nach Lima zurückgekehrt, dachte ich an die Fortsetzung meiner Wanderungen.

Ich war mit der Absicht nach Lima gekommen, von hier aus die Cordilleren zu überschreiten, nach Loretto an den Amazonenstrom, und von dort mit den Brasilianischen Dampfern nach Para (an der Ostküste Amerika’s) zu reisen. Allein die Revolution hinderte die Ausführung dieses Planes. Sie hatte sich gerade nach den Gegenden gezogen, durch die ich sollte. Ich hätte weder Führer noch Maulthiere bekommen, denn bei Revolutionen oder Kriegen nimmt hier Freund wie Feind Leute und Thiere in Beschlag; erstere werden den Soldaten eingereiht, letztere für die Kavallerie oder Artillerie benützt.

Vergebens wartete ich bis gegen Ende Februar, die Lage der Dinge änderte sich nicht, man rieth mir daher, mein Glück über Quito zu versuchen. Ich war dazu um so mehr geneigt, als mir Herr Muncajo, Chargé d’affaires der Republik Ecuador, sehr viel von Seite seines Gouvernements versprach. Er sagte mir, daß der Präsident sein besonderer Freund sei, daß er mir Briefe an ihn, wie auch an andere hochgestellte, wichtige Personen geben, daß sich der Präsident sicher selbst sehr für meine Reise interessiren und sie auf alle Art unterstützen werde.

Im Vertrauen auf diese Versicherungen und wohl ausgerüstet mit einem Dutzend, wie ich meinte, sehr gewichtiger Briefe, begab ich mich fröhlichen Muthes auf die Reise, und ging auf dem Dampfer Santiago, Kapitän Joy, wieder zurück nach Guayaquil.