Nun, haben wir nicht soeben von Fetten und Ölen gesprochen? Ist etwa Schmieröl kein Öl, ist Vaseline kein Fett? — So könnte man beim Lesen der Überschrift dieses Abschnittes erstaunt fragen. Nach dem Sprachgebrauch besteht allerdings kein Gattungsunterschied zwischen den soeben behandelten „mineralischen“ Ölen und den Fetten und Ölen des Pflanzen- und Tierreichs, von welchen wir jetzt reden wollen. Aber die chemische Zusammensetzung und die Eigenschaften beider Gruppen sind doch recht verschieden.
Die aus der Erde stammenden „Mineral“öle zeichnen sich, wie wir gesehen haben, durch eine außerordentliche Widerstandskraft gegen chemische Mittel, namentlich gegen Schwefelsäure (sogar rauchende!), Natronlauge und Soda aus. Deshalb nennt der Chemiker die sämtlichen Bestandteile des Rohpetroleums „Paraffine“, was auf deutsch soviel heißt wie „Stoffe mit geringer Neigung zu chemischer Umsetzung“. Die pflanzlichen und tierischen — sagen wir kurz: die organischen — Fette und Öle werden dagegen durch Säuren, durch Laugen, durch überhitzten Wasserdampf, durch gärungsartige Vorgänge usw. recht leicht in zwei Hauptbestandteile gespalten: in Glyzerin einerseits und in eine sogenannte Fettsäure andrerseits. Das Glyzerin ist der nie fehlende und durch nichts anderes vertretbare eine Bestandteil aller organischen Fette und Öle, so verschieden sie auch sonst voneinander sein mögen (denken wir nur an Olivenöl und Rindertalg). Dieses Glyzerin, eine dicke, süßschmeckende, ölige Flüssigkeit, ist seiner chemischen Natur nach eine ganz schwache Lauge. Die Fette sind also als salzartige Stoffe, als Verbindungen einer Lauge mit einer Säure, aufzufassen. Ihr zweiter Bestandteil, die Fettsäure, kommt in der Natur in verschiedenen Arten vor: in der Butter findet sich die Buttersäure; die meisten übrigen Fette und Öle enthalten drei verschiedene, aber einander ziemlich ähnliche Fettsäuren in wechselnden Mengenverhältnissen: die Palmitinsäure, die Stearinsäure und die Ölsäure. Die Ölsäure ist bei Zimmertemperatur flüssig, Palmitin- und Stearinsäure sind fest. Die Stearinsäure ist wohl jedem bekannt, denn aus ihr sind die bekannten weißen Stearinkerzen gemacht. Je mehr ein Fett von der flüssigen Ölsäure enthält, um so weicher, ja flüssiger ist es: Schweinefett z. B. enthält mehr als die Hälfte, Rindertalg etwa ein Viertel Ölsäure.
Die Fette und Öle werden beim Kochen mit verdünnten Säuren, oder wenn man sie mit überhitztem Wasserdampf unter Druck behandelt, in ihre beiden Bestandteile gespalten. Diesen Vorgang nennt man die Verseifung der Fette, obwohl sich dabei keine Seife bildet. Die Verseifbarkeit ist der wichtigste Unterschied zwischen den echten, organischen Fetten und den Mineralölen. Mineralöle sind nicht verseifbar. Auf der Verseifbarkeit beruhen fast alle Anwendungen der organischen Fette und Öle. Die Verseifung tritt unter Mitwirkung von Bakterien von selbst ein, wenn die Fette, namentlich in der Wärme, mit Luft und Licht in Berührung kommen: dann sagt man, sie werden ranzig. Sie strömen dann einen üblen Geruch aus und sind auch wegen ihres schlechten Geschmacks ungenießbar. Geruch und Geschmack verraten, daß das Ranzigwerden nicht bloß in einer Spaltung der Fette besteht, sondern daß die beiden Spaltungsprodukte durch den Sauerstoff der Luft noch weiter verändert werden. Ranzige Butter riecht allerdings vorwiegend nach Buttersäure. Durch Einsalzen kann man das Ranzigwerden der Fette bekanntlich ebenso verzögern, wie das Faulen des Fleisches. Diese Wirkung des Salzes beruht darauf, daß es die Bakterien, welche die Zersetzung erregen, lähmt und hemmt.
Die Verseifung tierischen Talgs durch hochgespannten und überhitzten Wasserdampf bildet eine der großartigsten Industrien der Erde. Sie blüht in den Präriedistrikten Südamerikas und der Union, wo das Fleisch der Herdentiere auf Büchsenkonserven, Fleischextrakt und Kraftfuttermittel, ihr Fett auf Glyzerin und Fettsäuren verarbeitet wird. Das Glyzerin geht in den Handel über zur weiteren Verwendung in der Sprengstoffindustrie; die Gemische von Palmitin- und Stearinsäure wandern teils in die Kerzenfabriken, teils in die Seifenfabriken. Die weicheren oder flüssigen, ölsäurereichen Mischungen von Fettsäuren werden neuerdings in einem großartigen chemischen Prozeß in harte Fettsäuren umgewandelt, weil man die flüssigen Fettsäuren nicht brauchen kann, während die festen sowohl für die Kerzen- als für die Seifenfabrikation von größtem Wert sind.
Seitdem man die Fette durch überhitzten Dampf in Glyzerin und Fettsäuren spaltet, ist die Seifensiederei ein einfacher Prozeß geworden. Man braucht nämlich die Fettsäure nur mit Natronlauge zu erhitzen, um sofort die schönste, härteste Kernseife ohne jeden Abfall zu erhalten. Die Seifen sind nämlich nichts anderes als die Metallsalze der Fettsäuren. Früher, als die Seifensiederei noch ein Kleingewerbe war, stellte man die Seife durch Kochen von Fett mit Lauge dar. Dabei verband sich die Fettsäure des Fettes mit der Lauge zu Seife, und das Glyzerin schied sich als Flüssigkeit ab. Die Seife schwamm, da sie sich in Wasser nur in geringer Menge löst, oben auf, während sich das Glyzerin in der darunterliegenden, braunen Brühe (der sogenannten Unterlauge) vorfand. Als Lauge benutzten die Seifensieder in der ältesten Zeit ein selbstbereitetes Präparat, das aus Holzasche durch Kochen mit gelöschtem Kalk gewonnen wurde. Die Holzasche enthält kohlensaures Kalium, welches sich mit der Kalkbase zu kohlensaurem Kalk und Kalilauge umsetzt. Der wirksame Bestandteil in der alten Seifensiederlauge war also die Kalilauge. Da sie zugleich die stärkste aller Laugen ist, so verseift sie die Fette verhältnismäßig schnell und vollständig. Aber die Kaliseifen haben samt und sonders die Eigenart, nicht hart zu werden, sondern schmierig zu bleiben. Man nennt sie daher auch Schmierseifen. Dagegen sind die Natronseifen fest. Alle festen Seifen des Handels sind Natronseifen. Zu ihrer Herstellung hat man zwei Wege: entweder, man verseift das entsprechende Fett unmittelbar mit starker Natronlauge, oder man stellt zuerst eine Kaliseife her und kocht diese dann mit starkem Salzwasser. Diesen Vorgang nennt man das Aussalzen der Seife. Dabei tauschen das Kochsalz (Chlornatrium) und die Kaliseife ihre Metalle gegeneinander aus. Außerdem erhöht das Aussalzen auch die Ausbeute, weil die Seife in Salzwasser fast ganz unlöslich ist, während in einer salzfreien Unterlauge noch immer ziemlich viel Seife gelöst bleibt. Durch das Aussalzen erhält man aber niemals reine Natronseife, weil ein erheblicher Teil des fettsauren Kalis nach dem Satz vom chemischen Gleichgewicht (vgl. das 6. Kapitel) sich immer wieder aus Chlorkalium und fettsaurem Natrium rückbildet. Aber dies ist kein Nachteil, sondern ein Vorteil für die praktische Verwendung, weil reine Natronseife sehr hart und bröckelig ist. Durch einen Gehalt an weicher Kaliseife wird das Fabrikat geschmeidiger, es verliert seine Brüchigkeit. Für den Weichheitsgrad ist auch das verwendete Fett von Bedeutung: harte Fette geben harte Seifen, während die Öle sehr weiche, schmierige Seifen (Marseiller Seifen) bilden.
Die Seifen haben die Eigenschaft, gewisse Stoffe in sich aufzunehmen, so daß man sie mit diesen Stoffen „füllen“ kann. Solche Verdünnungs- oder Füllmittel sind: Wasserglas, Kaliumsulfat und namentlich Ton. Wasserglas und Ton lassen sich einer guten Seife fast in beliebigen Mengen zusetzen, ohne daß sich die Seife bei der Abkühlung wieder vom Füllmittel trennt. So darf den deutschen Seifen während der Kriegszeit nicht mehr als 20 %, das ist ein Fünftel ihres Gewichts, an Fett zugrunde gelegt werden. Nahezu vier Fünftel werden also von den Füllmitteln, namentlich von Ton, gebildet. Das Fett, welches für Seifensiedereizwecke zugelassen ist, ist Abschöpf- und Abfallfett der übelsten Sorte, ranzig und angefault und von pestilenzartigem Geruch. Aber durch Umschmelzen mit oxydierenden Mitteln läßt es sich soweit reinigen, daß man den fertigen Seifen nicht mehr viel anmerkt von den übelduftenden Bestandteilen. Ich habe gesehen, wie in Seifensiedereien Abfallfette von einer Metzgerei abgeliefert wurden, welche von Springmaden geradezu wimmelten und einen entsetzlichen Geruch verbreiteten. Diese Fette lieferten nach ihrer Reinigung eine ausgezeichnete Kernseife.
Der Geruch einer Seife ist, auch wenn reines Fett dazu verwendet wurde, nicht angenehm; ranzige Fette verstärken seine unangenehme Eigenart. Deshalb ist es üblich, die Seifen zu parfümieren, wenigstens diejenigen für den persönlichen Gebrauch. Das Parfümieren billiger, gewöhnlicher Seifen geschieht in der Wärme, indem man der geschmolzenen Seife die Duftlösung zusetzt. Dieses Verfahren ist für feinere Ware nicht anwendbar, weil gerade die feinen Duftstoffe durch die Wärme verflüchtigt oder so verändert werden, daß ihr Wert dadurch herabgemindert wird. Deshalb werden solche Seifen durch ein sehr merkwürdiges Verfahren kalt parfümiert. Man zerreibt die kalte Seife zunächst zu einem feinen Pulver, vermengt es mit dem Parfüm und preßt es dann mit großen Pressen unter gewaltigem Druck wieder zu festen Handstücken zusammen. Dieses Verfahren nennt man „Pilieren“. Es ist nur auf reine, ungefüllte Seifen anwendbar, weil sich gefüllte nicht pulverisieren lassen, sondern dabei schmieren.
Die Seifensiederei ist ein Gewerbe, das in seinen meisten Gepflogenheiten auf uralte Erfahrungen, die wenigstens bis ins gotische Mittelalter zurückreichen, aufgebaut ist. Zu diesen ältesten Erfahrungen gehört namentlich das Grundprinzip der alten Seifensiederei, die Verseifung der Fette durch Kochen mit Laugen. Dagegen bedeutete die Einführung der Fettspaltung einen geradezu ungeheuren Fortschritt, der im Seifensiedergewerbe einen völligen Umschwung hervorrief: er bewirkte, daß die kleinen, zünftig geleiteten Betriebe samt und sonders vor etwa 25 Jahren durch die großen Seifenfabriken aufgeschluckt wurden, weil die Fettspaltung wegen der teuren Anlagen nur im Großbetrieb möglich ist. Da aber die Fettspaltung das Glyzerin besser und vollständiger zu gewinnen gestattet, so erzeugen die Großbetriebe schon aus diesem Grunde die Seifen billiger als die zünftigen Seifensiedereien aus Großvaters Zeiten. Das Wesen der Fettspaltung haben wir schon kennengelernt: es besteht darin, daß die Fette durch überhitzten und hochgespannten Wasserdampf in Glyzerin und Fettsäure zerlegt werden. Diese Vorbehandlung der Fette ermöglicht nicht nur die vollständige Gewinnung des Glyzerins, sondern sie erleichtert auch die eigentliche Herstellung der Seife bedeutend. Denn die freie Fettsäure verbindet sich mit der Lauge viel leichter als die an Glyzerin gebundene. Ja, zur Verseifung der freien Fettsäure braucht man nicht einmal die teure, konzentrierte Natronlauge zu nehmen, sondern man kann billigere, verdünnte Laugen und sogar Soda (kohlensaures Natrium) dazu benutzen, welches noch viel billiger ist. Denn beim Kochen von Soda mit freien Fettsäuren wird die Kohlensäure der Soda durch die Fettsäure verdrängt, indem sich gleichzeitig Seife bildet.
Versucht man, eine Seife mit einer anderen Base als Kali- oder Natronlauge zu machen, so gelingt dies zwar, aber alle anderen Seifen sind in Wasser unlöslich oder so schwer löslich, daß sie nicht schäumen können. Dies gilt also von der Kalkseife, Magnesiaseife, Kupferseife, Eisenseife usw. Sie sind alle in Wasser unlöslich. Dies ist wichtig zu wissen, wenn man gewisse Vorgänge verstehen will, die man beim Waschen beobachten kann. Da ist es nämlich eine alte Erfahrung, daß man nur mit weichem Wasser gut waschen kann, während mit hartem Wasser die Seife durchaus nicht schäumen will. Weiches Wasser ist reines Wasser. Hartes enthält kleine Mengen von Salzen des Kalziums, Magnesiums oder Eisens aufgelöst. Diese Salze gehen mit der Seife eine Wechselumsetzung ein, derart, daß z. B. aus schwefelsaurem Kalzium und Natronseife sich schwefelsaures Natrium und Kalziumseife bildet. Die Kalkseife ist aber in Wasser unlöslich. Infolgedessen überzieht sich jedes Seifenstück und jeder eingeseifte Gegenstand in hartem Wasser mit einer unlöslichen Kruste von Kalkseife. Erst wenn auf diese Weise die letzte Spur von Kalk-, Magnesia- und Eisensalzen in Form von unlöslicher Seife aus dem harten Wasser ausgeschieden ist, erst dann löst sich die Alkaliseife und schäumt. Die Quellen und Flüsse der Kalkgebirge führen stets hartes Wasser. Mit solchem dauert es zuweilen sehr lange, bis Schäumen eintritt, und sehr viel Seife wird zur Erreichung dieses Zieles vergeudet. Weich, d. h. nahezu chemisch rein, sind die Quellen im Sandstein- und im Granitgebirge. Ist man auf hartes Wasser angewiesen, so empfiehlt sich folgendes Verfahren beim Waschen, das auch bei weichem Wasser Seife sparen hilft: man macht den schmutzigen Gegenstand (z. B. die Hand) tüchtig naß und reibt ihn dann an der Seife, ohne weiter Wasser hinzufließen zu lassen. Denn bei so sparsamer Wasseranwendung tritt auch mit hartem Wasser rasch das Schäumen ein, weil die Schwermetallsalze in einer kleinen Wassermenge nicht viel Seife zu ihrer Bindung brauchen. Taucht man aber während des Waschens die Hand immer wieder in die Wasserschüssel, so hilft alles Reiben an der Seife nichts, und es kann nicht schäumen, weil mit dem neuen Wasser auch neue Mengen von Kalk- oder Magnesiasalzen gebunden werden müssen.
Die merkwürdige Reinigungskraft der Seife beruht weniger auf chemischen als auf physikalischen Vorgängen. Als chemische Wirkung muß es gelten, daß Seifenlösung, besonders warme, ein gewisses Lösungsvermögen für Fette besitzt. Doch ist dieses chemische Lösungsvermögen (von dem man beim Kochen der Wäsche Gebrauch macht) verhältnismäßig gering gegenüber der physikalischen Auflösungskraft des Seifenschaums. Diese beruht auf der Oberflächenspannung zwischen Seifenlösung und Luft. Diese merkwürdige Kraft, welche auch die Ursache davon ist, daß man eine Nähnadel oder ein Stück Weißblech auf Wasser schwimmen lassen kann, obwohl diese Stoffe acht- bis neunmal schwerer als Wasser sind — diese Kraft zieht den Schmutz an und hält ihn in den millionenfachen, zarten Häutchen fest, aus welchen sich der Seifenschaum zusammensetzt. Gleichzeitig löst die Seife das Fett, welches den Schmutz am Körper und in der Wäsche festhält. Wendet man zum Waschen warmes Wasser an, so schmilzt dadurch dieses Fett und wird infolgedessen noch leichter von der Seife entfernt. Auch aus einem anderen Grunde ist es besser, mit warmem Wasser zu waschen: in kaltem Wasser löst sich nur ölsaures Natrium; palmitin- und stearinsaures Natrium lösen sich nur in warmem Wasser auf. Die Seifen bestehen nun, da sie meistens aus Talg hergestellt werden, aus solchen Gemischen dieser drei Stoffe, welche nur etwa ein Viertel an ölsaurem Natrium enthalten. Verwäscht man also gute Kernseife mit kaltem Wasser, so löst sich und wirkt nur ein Viertel der Seife, die übrigen drei Viertel scheiden sich ungelöst in Flocken ab und helfen nichts zur Schaumbildung und Fettauflösung. Wendet man aber heißes Wasser an, so beteiligt sich die ganze Seife am Reinigungsprozeß, weil sich alles auflöst.
Den Seifen sehr nahe verwandt sind die Pflaster. Das meistgebrauchte und bekannteste von ihnen, das Bleipflaster, wird hergestellt, indem man Bleioxyd (oder auch Bleiweiß) mit Schweineschmalz kocht. Das anfangs dünnflüssige Schmalz wird rasch dick, zäh und dunkelbraun. Das Fett wird dabei zerlegt in Glyzerin und seine Fettsäuren; diese verbinden sich mit dem Bleioxyd zu fettsaurem Blei, also zu Bleiseife, und das gleichzeitig freiwerdende Glyzerin macht diese Seife bis zu einem gewissen Grade geschmeidig. In diesem Sinne wirkt auch der stets vorhandene Fettüberschuß. Demnach sind also die Pflaster nichts anderes als unreine Schwermetallseifen. Die Pflaster dienen als Wundheilmittel, ihr wesentlicher Bestandteil ist das Schwermetall. Damit dieses seine heilende Wirkung ausüben kann, muß es in einer Verbindung enthalten sein, welche in die Gewebe des Körpers einzudringen vermag. Eine solche Verbindung ist die Seife, aus der das Pflaster besteht. Sie ist, als organische Verbindung, den organischen Stoffen des Körpers näher verwandt als die einfacher zusammengesetzten anorganischen Salze der Schwermetalle.
In diesem Zusammenhange wollen wir auch der Kitte gedenken. Sie werden aus Leinöl und einem Metalloxyd oder Metallkarbonat bereitet. Der gewöhnliche Glaserkitt besteht z. B. aus Leinöl und Kreide, die zu einem dicken Brei verknetet sind. Diese Kitte haben die wertvolle Eigenschaft, nach einiger Zeit allmählich ganz fest und steinhart zu werden, ohne dabei zu schwinden. Diese Eigenschaft erklärt sich genau so, wie die Entstehung der Pflaster: das Leinöl wird in Glyzerin und seine Fettsäure zerlegt; diese Fettsäure verbindet sich mit der Schwermetallbase — in diesem Falle dem Kalziumoxyd — zu fettsaurem Kalk, während die Kohlensäure aus der Kreide in die Luft entweicht. Der fettsaure Kalk ist der erhärtete Kitt. Wer diesen Vorgang einmal verstanden hat, begreift ohne weiteres, wie sinnlos es wäre, einen Kitt aus Kreide und Mineralöl herstellen zu wollen. Denn das Mineralöl kann nicht ranzig werden, es enthält überhaupt keine Fettsäure, kann also auch niemals mit der Kreide zu fettsaurem Kalk erhärten. Trotzdem werden solche „Kitte“ als grobe Fälschungen von betrügerischen Händlern verkauft. Sie „erhärten“ auch bis zu einem gewissen — natürlich sehr geringen — Grad, weil die Mineralöle durch Eintrocknen und geringe Sauerstoffaufnahme verharzen. Aber diese Verhärtung ist viel zu gering, als daß sie praktisch überhaupt in Betracht gezogen werden könnte. — Selbstverständlich ist aus dem gleichen Grunde auch jede Beimengung von Mineralölen zum Leinöl unstatthaft.
Leinöl und andere Pflanzensamenöle haben noch eine zweite, viel wichtigere Anwendung: zur Herstellung der Ölfarben und Lacke. Eine Ölfarbe erhält man durch Zusammenreiben eines Farbpulvers mit Leinöl. Diese Farben, mit rohem Leinöl hergestellt, sind zwar außerordentlich schön (weil das rohe Leinöl heller und klarer ist als das gekochte), aber sie haben die fatale Eigenschaft, nur sehr langsam zu trocknen. Das Trocknen der Ölfarben hat nämlich eine ganz andere Ursache als das Erhärten der Kitte. Bei der Ölfarbe wünscht man durchaus nicht, daß das Öl ranzig wird, und daß sich die Ölsäure mit dem Farbpulver chemisch verbindet: denn dies würde den Farbton des Farbpulvers zweifellos unerwünscht verändern. Das Trocknen der Ölfarbe kann also nicht denselben Grund haben wie das Hartwerden der Kitte. Das Trocknen der Ölfarbe kann aber auch nicht darauf beruhen, daß das Öl verdunstet, wie das Wasser beim Trocknen der Aquarellfarbe. Denn dagegen spricht der Umstand, daß die getrocknete Ölfarbe ganz dick und schön glänzend und fest aufliegt und keineswegs bloß aus dem rückständigen Farbpulver besteht. Vielmehr sieht man an der getrockneten Ölfarbe deutlich, daß das Leinöl selbst sich in eine harte, glänzende, durchsichtige Masse verwandelt hat. Diese Umwandlung erfolgt unter Aufnahme von Sauerstoff aus der Luft. Es ist ein Oxydationsvorgang, den man (obgleich er ganz anders verläuft) mit demselben Ausdruck bezeichnet, der für das Dickwerden der Mineralöle gilt: als Verharzung. Man hat nun die Beobachtung gemacht, daß das Leinöl viel schneller verharzt, wenn man es vorher längere Zeit gekocht hat. Leider wird es dabei aber bedeutend dunkler braun, so daß es den Farbton der meisten Farben unerwünscht verändert. Ganz unbrauchbar ist solches dunkle Öl zum Anmachen weißer Ölfarbe, weil es sie schmutzig gelb färbt. Man hat also von jeher darauf gesonnen, nicht bloß das Leinöl so hell als möglich zu machen, sondern auch seine Verharzung durch andere Mittel als das Kochen zu beschleunigen. Was nun das Hellmachen anbelangt, so gelingt dieses gar nicht schwer durch Ausbleichen. Man bleicht das gelbe Leinöl, wie man Wäsche bleicht: an der Sonne, indem man es in flachen Kästen mit hellem Boden dem direkten Sonnenlicht aussetzt. Schwieriger ist es, das Leinöl ohne wesentliche Beeinträchtigung seiner hellen Farbe schnell trocknend zu machen, oder, wie man sagt, in Firnis zu verwandeln. Dies geschieht durch Erwärmen mit kleinen Mengen von Braunstein oder Zinkoxyd oder Bleiglätte. Dadurch wird das Leinölmolekül gleichsam angenagt und ist nun der Oxydation durch die Luft viel zugänglicher als vorher. Je stärker das Öl dabei erwärmt wird, um so besser trocknet es nachher, aber um so dunkler wird es auch. Der bleihaltige Firnis trocknet am schnellsten, weil er bei der Darstellung am stärksten erhitzt werden muß, ist aber aus der gleichen Ursache auch am dunkelsten. Man läßt deshalb gewöhnlich nicht das Leinöl, sondern erst den fertigen Firnis bleichen. Indessen hat sich gezeigt, daß das schnelle Trocknen eines Firnisses seiner Dauerhaftigkeit Nachteil bringt: am dauerhaftesten ist der Firnis, der nur aus gekochtem Leinöl besteht. Hat man aber Schwermetalloxyde hineingekocht, so soll es von Blei nicht mehr als ½ %, von Mangan nicht mehr als ⅒ % sein. In der Regel setzt man eine stärkere Auflösung dieser Metalloxyde in gekochtem Leinöl, den sogenannten Sikkativ, zum reinen Leinölfirnis hinzu. Die zuweilen angepriesene Verwendung trockener Sikkative in Pulverform ist zwecklos, weil ein Sikkativ die Trocknung des Leinöls nur dann beschleunigt, wenn er darin klar (ohne Bodensatz) gelöst ist. Solche Lösung erfolgt aber beim einfachen Vermischen trockener Sikkativpulver mit dem kalten Leinöl niemals.
Laien pflegen keinen großen Unterschied zu machen zwischen Ölfarbe und Lack. Aber in Wirklichkeit ist dieser Unterschied recht bedeutend, nicht bloß in Zusammensetzung und Herstellung, sondern besonders in den Eigenschaften. Die wichtigsten Eigenschaften beider sind Glanz und Haltbarkeit. Die Ölfarbe besitzt auch nach dreimaligem Aufstrich nur einen sehr mäßigen, matten Glanz, der Lack dagegen einen sehr hohen, der (bei den Kutschenlacken) bis zum vollendeten Spiegelglanz gesteigert sein kann. Würde die Haltbarkeit der Lacke auch nur im entferntesten ihrem Glanz entsprechen, so würde kein Mensch mehr Ölfarbe zum Anstreichen verwenden. Aber darin liegt der zweite Unterschied: die Lacke sind nur im geschlossenen Raum, und selbst da nur für beschränkte Zeit, haltbar; dem Wetter ausgesetzt, verlieren sie in kurzer Zeit ihren Glanz und bekommen zahlreiche Sprünge. Die Ölfarbe dagegen hält sich, wenn sie mit reinem Leinölfirnis hergestellt war, auch im Wetter beträchtlich lang und bildet einen vorzüglichen Schutz gegen Rost und Fäulnis. Lack und Ölfarbe ergänzen also einander in bezug auf Haltbarkeit und Glanz.
Für die Herstellung der Lacke ist maßgebend, daß sie stets ein Harz oder eine harzartige Substanz enthalten: Bernstein, Kopal, Fichtenharz, Dammar, Schellack, Asphalt usw. In den billigsten (und schlechtesten) Lacken ist dieser Stoff einfach in Terpentinöl, Benzin oder Spiritus aufgelöst, wozu oft nicht einmal erwärmt werden muß. Beim Trocknen verdunstet das Lösungsmittel ganz, der Lacküberzug besteht also nur aus der harzigen Substanz. Er ist oft wunderschön glänzend, aber meistens von sehr geringer Haltbarkeit; er ist brüchig und springt ab, oder er erblindet beim Zusammentreffen mit Wasser. Diesen „mageren“ Lacken sind gegenüberzustellen die sogenannten fetten Lacke, welche stets mit Leinölfirnis gekocht sind. Einen fetten Lack erhält man also z. B. durch Auflösen von Fichtenharz in heißem Leinölfirnis. Diese fetten Lacke sind viel haltbarer als die vorher beschriebenen. Die wertvollsten Sorten werden mit Kopal (selten mit Bernstein) hergestellt, welches ein in Indien gewonnenes Harz ist. Es löst sich nicht, wie das gewöhnliche Fichtenharz, einfach beim Erwärmen im Leinöl auf, sondern erst, wenn man aus dem Kopal durch andauerndes Erhitzen eine gewisse Menge flüchtiger Stoffe abdestilliert hat. Der Rückstand (70 bis 88 % vom ursprünglichen Kopal) ist dann in heißem Leinöl löslich. Die Kunst der Lacksieder besteht nun darin, beim Erhitzen des Kopals und Bernsteins das richtige Maß zu finden. Jetzt wird dies häufig so gemacht, daß man die herausdampfenden Stoffe in einer gekühlten Vorlage auffängt und wägt. Wenn diejenige Menge herausdestilliert ist, welche man durch die Erfahrung für die betreffende Kopalsorte als richtig kennt, so ist der Rückstand zum Auflösen im fetten Öl geeignet. — Man sieht also, der Lackhandel ist bis zu einem gewissen Grade eine Vertrauenssache, weil man ohne genaueste Fachkenntnis nicht feststellen kann, ob bei der Herstellung des Lacks mit der genügenden Sorgfalt verfahren worden ist.
Vorhin wurde erwähnt, daß der Lacküberzug im Laufe der Zeit Sprünge und Risse bekommt. Dies gilt, wenn auch in viel geringerem Grade, auch für die Ölfarben und hat bei Ölfarbenanstrichen und Ölfarbenbildern eine ganz besondere Nebenwirkung: sie dunkeln im Laufe der Zeit. Über den wahren Grund des Dunkelwerdens alter Ölbilder war man sich lange Zeit nicht im klaren. Man vermutete eine chemische Veränderung des Firnisses, eine Art von Verharzung unter Aufnahme von Sauerstoff aus der Luft, und man behandelte deshalb gedruckte Ölbilder mit chemischen Mitteln, z. B. mit Wasserstoffsuperoxyd. Viele wertvolle Gemälde alter Meister sind dadurch für alle Zeiten verdorben worden. Eine Wendung vollzog sich, als der berühmte Münchener Hygieniker und Chemiker Pettenkofer beauftragt wurde zu untersuchen, warum so viele Gemälde der Schleißheimer Galerie dem Verfall entgegengingen. Er fand als den wahren Grund des Dunkelwerdens einen physikalischen: die getrocknete Ölfarbe bekommt Risse, und die Firnisteilchen lösen sich dabei von den Farbpartikelchen los, so daß zwischen beiden ein haarfeiner Spalt entsteht, der mit Luft gefüllt ist. An diesem dünnen Lufthäutchen, welches jedes Farbteilchen eines gealterten Ölgemäldes umgibt, erfährt das Tageslicht eine totale Reflexion: ein Teil des Lichtes wird zurückgeworfen, bevor es überhaupt die Farbteilchen erreicht. Dieser Umstand bewirkt den Eindruck, daß die Farbpartikelchen dunkler aussehen, als sie in Wahrheit sind.
Nachdem Pettenkofer einmal diese Ursache des Dunkelwerdens entdeckt hatte, fand er auch im unmittelbaren Anschluß daran die Abhilfe. Sie besteht in einem höchst einfachen Verfahren: das gedunkelte Ölbild wird, mit der Bildseite nach unten, als Deckel auf eine Schüssel gelegt, in welcher sich eine kleine Menge Brennspiritus befindet. Die Spiritusdämpfe dringen bei gewöhnlicher Temperatur in die Haarrisse des Ölbildes ein, bringen die Firnisteilchen zum Quellen und bewirken, daß sich die Außenflächen der Firnisteilchen untereinander und mit den Farbteilchen wieder fest verbinden. Diese Verbindung bleibt auch nach dem Abdunsten des Alkohols dauerhaft. Der Erfolg ist ganz überraschend: das Ölbild sieht nun wieder fast ebenso frisch aus, wie unmittelbar nach seiner Entstehung. Außerdem ist diese Art der Auffrischung unabhängig vom künstlerischen Können des Restaurators, sie ist objektiv im wahrsten Sinne des Wortes; Fälschungen, Entstellungen des Kunstwerks sind dabei ganz ausgeschlossen. Pettenkofers Methode hat daher gewaltiges Aufsehen in der Sammlerwelt erregt und einen beispiellosen Siegeslauf durch die Welt gehalten. Die allergröbsten Risse und Sprünge im Ölbild schließen sich freilich auch durch die Behandlung mit Spiritusdämpfen nicht. Um sie zu beseitigen, tränkt man nach Pettenkofer die betreffenden Stellen wiederholt mit Kopaivabalsam.