1. Was das Röschen zu verschenken hatte.

Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines Häuschen. Es sah ein bißchen wackelig aus, es lehnte nur so an einer Mauer, auf der Gras und allerlei Unkraut wuchs. Dem Röschen machte das aber keinen Kummer, das lebte ganz vergnügt und zufrieden in den Tag hinein und besann sich gar nicht, ob es am Ende Kinder gebe, die besseres Essen und schönere Kleider haben und ein schöneres Haus, um darin zu wohnen. Das Röschen war das einzige Kind im Hause. Der Vater saß den ganzen Tag auf seinem Stühlchen und flickte Schuhe und Stiefel, wenn er welche hatte, und die Mutter kochte und wusch und besorgte die Geiß und das Äckerlein. Und alle beide, der Vater und die Mutter, jammerten oft, daß sie so arm seien und das Häuschen so schlecht, und wenn das Röschen sang und sprang und immer lustig war, schüttelten beide den Kopf und sagten: »Das wird's schon noch anders lernen!«

Eines Morgens war das Röschen früh aufgestanden und hatte sich schnell fertig gemacht. Das war allerdings bald geschehen gewesen, denn es hatte nur ein einziges Röcklein anzuziehen und die Füßchen blieben bloß. Jetzt im Sommer, wo es warm war, gingen viele Kinder barfuß.

Jetzt stand das Röschen unter der Haustür und besann sich, ob es lieber zuerst in den Stall wolle und nach der Geiß sehen oder lieber gleich auf ein Schemelchen steigen und der Mutter ein wenig am Waschzuber helfen. Das war beides sehr vergnüglich. Dann entschloß es sich, ganz zuerst sein Stück Brot zu essen, das es in der Hand hielt, denn es hatte seine Milch nur leer ausgetrunken.

Da schlürfte ein alter Mann an das Häuschen heran, der steckte in einem ganz zerrissenen Kittel und zu den Schuhen guckten die Zehen heraus. »Guten Morgen, Kind,« sagte er, »ist die Mutter daheim? So geh und frag sie einmal, ob sie einem armen Mann ein bißchen was zu essen habe. Ich komme schon weit her heute und habe noch nichts gehabt.«

»Hab' nichts zu verschenken, hab' gar nichts zu verschenken,« rief die Mutter aus dem Häuschen. »Ich wär' selber froh, wenn mir einer etwas schenkte. Jawohl, die Mauer will einfallen und der Gartenzaun ist kaput und alle Hemden haben Löcher und nirgends ist ein Geld zu neuen. Gibt reiche Leut' genug, geht zu denen; wir sind selber arm.« Der alte Mann wollte traurig weitergehen, da legte ihm Röschen schnell sein Brot in die Hand und sprang ins Häuschen zurück, eh' er sich noch bedanken konnte.

Die Mutter hatte es aber gerade noch gemerkt und zankte nun auch mit dem Röschen.

»Du darfst kein Brot verschenken,« sagte sie, »ich hab' kein Geld zu so viel Brot! Sei froh, wenn du selber hast.«

Das Röschen war ein wenig rot geworden. »Ich habe keinen so argen Hunger,« sagte es, »es ist gleich, wenn ich jetzt kein Brot bekomme.«

»Ja, dann bist du am Mittagessen um so ausgehungerter,« sagte nun auch der Vater. »Also du merkst dir's, du hast dein Brot nicht zum Verschenken, sondern zum Selberessen!«

Zuerst war das Kind ein wenig betrübt, denn es hatte nicht unartig sein wollen, der arme Mann hatte ihm so leid getan, und es mochte überhaupt so gern etwas verschenken. So gern!

Aber dann vergaß es seinen Kummer wieder. Draußen auf der Straße wackelte der kleine dicke Philipp daher, Röschens ganz guter Kamerad und Schützling, das Büblein des reichen Schafbauern. Der Philipp lachte über sein ganzes rundes Gesicht, als er sein Röschen sah. Er strebte, wo er nur konnte, zu ihm hin, denn das Röschen konnte so nett mit ihm spielen und sogar Geschichten erzählen. »Vom Wolf und den sieben Geißlein« und »vom Hänsel und Gretel« und noch anderes.

Die Mutter zankte zwar manchmal. »Sollen sich selber eine Kindsmagd halten, so reiche Leut,« sagte sie, wenn der Philipp angewackelt kam: »Rösle, 'schicht zählen!«

Aber dann freute sie sich allemal doch auch wieder, wenn die Kinder so einträchtig zusammenhausten und das Röschen so recht wie ein Mütterlein für den Kleinen sorgte. Heute kam der Philipp in einem besondern Aufzug. An einem Fuß hatte er einen flammroten Strumpf und sonst nichts, der andere steckte in einem mächtig großen Pantoffel, der offenbar seiner Mutter gehörte. Den zweiten Strumpf trug er in der Hand und dann noch etwas Glitzerndes. Als Röschen näher hinsah, war es eine silberne Taschenuhr, die der kleine Schelm jedenfalls heimlich mitgeschleppt hatte. »Tiktak machen,« sagte er ganz fröhlich. Daß der Philipp von daheim durchgegangen sei, sah Röschen wohl, und daß man ihn sogleich wieder heimbefördern mußte, wußte sie auch. Aber der kleine Ausreißer war nicht gesonnen, sich heimführen zu lassen. Und die Uhr, die das verständige Röschen gerne tragen wollte, mochte er auch nicht aus den Händen lassen. Und doch mußte es sein!

Röschen wußte aber einen Rat. Entschlossen griff sie in ihre Tasche und holte da ein Bildchen heraus, schön farbig, mit Schäfchen auf der Weide und Kindern mit Blumenkränzen auf dem Kopf dabei. »Da, Philipple, komm, gib mir das Tiktak, so kriegst du das Bildchen dafür. Aber dann mußt du ganz brav mit heimgehen.«

Das wirkte Wunder. Das widerspenstige Geschrei hörte auf, und die beiden trotteten Hand in Hand des Schafbauern Haus zu.

Es hatte dem Röschen zuerst ein wenig leid getan, das Bildchen in die Hand des kleinen Buben zu stecken. Es war in einem Zichorienpäckchen gewesen und Röschen hatte es eigentlich morgen der Mutter schenken wollen. Denn da war der Geburtstag der Mutter, und diese hatte erst noch neulich, als man im Pfarrhaus den Geburtstag der Frau Pfarrerin gefeiert hatte, gesagt: »Jetzt so ein Lebtag, wie das ist in dem Haus! Jawohl, mein Geburtstag ist auch bald und mir schenkt niemand nichts!« Seither hatte Röschen das Bildchen als Schatz gehütet und oft gedacht: »Ja, ja, du wirst dann schon sehen, daß dir auch jemand was schenkt, Mutter!«

Aber das Röschen konnte nichts dafür! Wenn es etwas zu verschenken hatte, so kribbelte ihm das so lange in der Tasche und in den Händen, bis es richtig draußen war. Dann war es wieder so vergnügt wie der Hans im Glück. Und jetzt hatte sie doch das Büblein beruhigen müssen.

Die Schafbäuerin stand schon unter der Haustür und schaute nach ihrem Kleinen aus, als die zwei ankamen.

Sie hatte schon das ganze Haus nach dem Philipp ausgesucht und war jetzt nur froh, daß er wieder da war. Eben kam auch der Bauer unter die Tür. »Wo kann nur auch meine Uhr sein?« fragte er. »Ich suche sie schon allenthalben.« Da streckte das Röschen die Uhr hin, die sie sorglich im Schürzchen getragen hatte, und erzählte den Hergang. »Du bist brav, Rösle,« lobte der Bauer, »so ist's recht. Komm aber, komm, du mußt auch ein paar schöne Äpfel haben, weil du so gut aufgepaßt hast.« Und das Röschen ließ sich vergnügt sein Schürzchen füllen mit so schönen rot und gelben Äpfeln, wie es noch gar nie gehabt hatte. Dann zog es schnell wieder ab, denn es war ein neuer Gedanke in ihm aufgestiegen.

Die Äpfel konnte man heute gut verstecken und am Morgen der Mutter auf einen Teller legen. Das war noch ganz anders als ein Bildchen! Und dann sollte sie noch einmal sagen: »Mir schenkt niemand nichts!«

Aber unterwegs begegneten dem Röschen zwei kleine Geschwister; die weinten so herzbrechend, daß es das Röschen ganz erbarmte. »Drum ist der Jaköble hingefallen und hat sich die Hosen so zerrissen, daß man sie vielleicht nicht mehr flicken kann,« sagte das Schwesterlein, »und jetzt kriegen wir vielleicht alle beide Schläge.« Und dann weinten sie wieder zur Gesellschaft alle zwei weiter. Das war schlimm, das sah das Röschen auch ein. Aber dann fiel ihm auf einmal ein, daß es eine schöne Stecknadel mit einem blauen Glasknopf an seinem Tuch stecken hatte. Die hatte es gestern gefunden. Sie war zwar ein bißchen rostig, aber man konnte doch gut den allergrößten Lappen damit hinaufstecken, man sah es gar nicht mehr so arg. So lang hatte das kleine Mädchen das Schürzchen halten müssen, daß die Äpfel nicht herausfielen; jetzt sah das Röschen wohl, wie verlangend alle zwei nach den schönen Äpfeln sahen. »Da, so habt ihr jedes einen,« sagte es schnell, damit es sich nicht noch anders besinne, und gab zwei der schönen Äpfel hin. »Es sind immer noch viel,« tröstete es sich. »Am Ende hätten nicht einmal alle auf einem Teller Platz gehabt.«

Und vergnügt kam es an seinem Häuschen an, ging aber nicht vornen zur Haustür hinein, sondern schlüpfte durch ein Loch in dem Zaun, um die Äpfel hinten an der Mauer zu verstecken. Auf einmal hörte es ein Geräusch hinter sich. Da stand ein fremder Herr mit einer Brille und einem Rucksack, der hatte ganz merkwürdige Blumen in der Hand. »Keine schönen,« dachte das Röschen, »und überall sind noch die Wurzeln dran und noch Erde.« Der Herr sagte ganz freundlich »guten Tag« zu Röschen und fragte dann gleich: »Hör, Kleine, da droben auf der Mauer wächst eine Pflanze, sieh die mit den haarigen Blättern und der kleinen gelben Blüte! Die muß ich haben, die fehlt mir in meiner Sammlung, kann ich mir sie holen?« Das Röschen war ganz erstaunt, daß der Herr die Blume wollte, die doch gar nicht schön aussah, und es sagte ganz bereitwillig: »Du kannst auch eine schönere haben, vornen am Haus sind auch Astern, blaue und rote.«

»Astern brauche ich nicht,« sagte der Herr, »gerade die möchte ich haben, willst du mir sie geben?«

»Ja freilich,« lachte Röschen; »Blumen darf ich schon herschenken, da zankt die Mutter nicht, nur Brot nicht und nichts, was man um Geld kaufen muß, weil man keins hat.« Und damit stieg sie auch schon an der verwitterten Mauer in die Höhe; man konnte das gut, es stand da und dort ein Stein weit hervor. »Nicht abreißen, hörst du?« rief ihr der Herr nach. »Mit der Wurzel ausziehen, ganz sachte, so!« Triumphierend brachte das Röschen die ganze Pflanze in der Hand daher, ihr Gesicht strahlte. »Was freut dich denn so, Kleine?« sagte der Herr wohlgefällig; es gefiel ihm, daß das Röschen so bereitwillig war. »Alles freut mich,« erklärte Röschen. »Daß ich morgen der Mutter die Äpfel geben kann und daß es doch noch einen für das Jaköble und seine Schwester gelangt hat, und daß dem Philipp mein schönes Bildle so gefallen hat und dir die Blume — und alles!« Röschen mußte einen tiefen Atemzug tun, denn es hatte sehr viel auf einmal gesagt und das war es nicht gewohnt. In dem Gesicht des fremden Herrn hatte es ein paarmal gezuckt, so, als ob er das Lachen verbeißen müßte. Aber dann wurde er wieder ganz ernsthaft, denn es fiel ihm ein, daß daheim seine Buben und Mädchen viel schönere und bessere Sachen hatten als das Röschen, und daß es ihnen nicht einfiel, sich zu besinnen, wem sie eine Freude damit machen könnten.

So legte er jetzt ganz väterlich seine Hand auf den Kopf des kleinen Mädchens und sagte: »So ist's recht, Röschen, so ist's recht! Aber weißt du, mich freut's auch, wenn ich etwas herschenken kann. Sieh, das nagelneue Fünfzigpfennigstück, das schenke ich dir, da kannst du dir selber etwas drum kaufen, das dir Freude macht!«

Das Röschen war ganz rot geworden vor Freude. »Was ich nur will und muß niemand fragen?« sagte es und streckte die Hand aus nach dem Schatz. »Ja,« sagte der Herr, »aber lieber keine Bonbons, das gibt schwarze Zähne.«

Das Röschen war aber noch keinen Augenblick gesonnen gewesen, sich Bonbons zu kaufen. Es sah ganz verwundert auf, daß man an so etwas denken konnte. Dann konnte es aber nicht mehr länger stehen bleiben, denn es hatte einen Gedanken auszuführen, den das Geldstück in ihm hervorgerufen hatte. So sagte es nur noch: »Vergelt's Gott und Ade!« zu dem Herrn und lief dann davon, schnell, schnell die Dorfgasse hinauf.

Das war am andern Morgen ein Verwundern in dem Häuschen! Die Mutter war aufgestanden und zuerst in den Stall gegangen wie gewöhnlich. Aber als sie wieder in die Stube kam, lag auf dem Tisch eine riesige Brezel, von einem Kranz von Äpfeln umgeben. Und von der Hängeampel herunter baumelte, an einem roten Schnürchen angebunden, eine Wurst! Und das Röschen stand daneben und lachte wie ein Kobold. »Das ist dein Geburtstag, Mutter,« rief es und klatschte in die Hände. »Jetzt hast du's auch wie die Frau Pfarrer, jetzt ist auch ein Lebtag bei uns.« Die Mutter mußte sich setzen, so sehr hatte sie die Bescherung angegriffen. Und der Vater kam mit der Schuhbürste in der Hand heran und hätte gern die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn er sie frei gehabt hätte. »Ja, woher denn und wieso das alles?« wollten aber beide Eltern jetzt wissen. »Uns schenkt doch niemand nichts!«

Aber das Röschen wußte es besser. Und wir wissen's auch. Denn wer etwas zu verschenken hat, bekommt allemal wieder etwas und wenn's nur ein fröhliches Herz ist.